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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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»Vielleicht ist gerade dies das Leben«, überlegte Rasumoff, während er unter den Bäumen der kleinen Insel, allein mit der Bronzestatue von Rousseau, auf und ab ging. »Ein Traum und eine Angst.« Die Dämmerung wurde tiefer. Die Seiten, die er beschrieben und aus seinem Notizbuch gerissen hatte, waren die erste Frucht seiner »Mission«. Kein Traum das. Sie enthielten die Versicherung, daß er vor weittragenden Entdeckungen stand. »Ich glaube, daß meiner restlosen Annahme nichts weiter entgegensteht.«

Er hatte in diesen Seiten seine Eindrücke zusammengefaßt und einige der Gespräche festgehalten. Er ging sogar so weit, zu schreiben: »Nebenbei bemerkt, habe ich die Persönlichkeit jenes furchtbaren N. N. festgestellt. Ein widerliches schmerbäuchiges Vieh. Wenn ich irgend etwas von seinen nächsten Plänen erfahre, so werde ich eine Warnung schicken.« Die Nutzlosigkeit von alledem kam ihm niederdrückend zum Bewußtsein. Selbst jetzt konnte er noch nicht an die Wirklichkeit seiner Mission glauben. Er blickte verzweifelt um sich, als suche er einen Weg, um sein Leben aus diesem unfaßbaren Gefühl zu retten. Er knüllte die Seiten des Notizbuches ärgerlich in der Hand zusammen. »Das muß zur Post«, dachte er.

Er ging zur Brücke und zurück zum Nordufer, weil er sich erinnerte, in einer der engen Nebengassen einen kleinen, obskuren Laden gesehen zu haben, mit billigen Holzschnitzereien und den unglaublich schmierigen Pappbänden einer kleinen Leihbibliothek vollgepfropft. Sie verkauften dort auch Schreibwaren. Ein mürrischer, schäbiger alter Mann döste hinter dem Ladentisch. Eine magere schwarzgekleidete Frau mit kränklichem Gesicht reichte ihm das verlangte Kuvert, ohne ihn anzusehen. Rasumoff dachte, daß man unbesorgt sich auf diese Leute verlassen konnte, weil sie sich um nichts in der Welt mehr kümmerten. Er schrieb noch im Laden auf den Umschlag den deutschen Namen einer gewissen Persönlichkeit, die in Wien lebte. Doch er wußte, daß diese seine erste Mitteilung an Rat Mikulin den Weg zur Wiener Botschaft finden, dort von irgendeiner verläßlichen Persönlichkeit in Chiffreschrift übersetzt und mit dem diplomatischen Kurier an die richtige Adresse befördert werden würde. Diese Einrichtungen hatte man getroffen, um den Spionagedienst vor allen unberufenen Augen geheimzuhalten und vor allen Indiskretionen, unglücklichen Zufällen und Verrätereien zu schützen. Man wollte ihn sicherstellen, absolut sicher.

Er verließ den elenden Laden und ging der Post zu. Dabei sah ich ihn zum zweiten Male an jenem Tag. Er kreuzte die Rue Montblanc ganz in der Haltung eines ziellosen Bummlers. Er erkannte mich nicht. Mir aber fiel er schon aus einiger Entfernung auf. Er sah wirklich gut aus, dachte ich, dieser bemerkenswerte Freund von Fräulein Haldins Bruder. Ich beobachtete ihn, wie er zum Briefkasten ging und dann denselben Weg zurückkam. Wieder ging er ganz knapp an mir vorbei, doch bin ich ganz gewiß, daß er mich auch diesmal nicht sah. Er trug den Kopf hoch, machte aber den Eindruck eines Schlafwandlers, der sich gegen den Traum wehrt, der ihn an gefährliche Plätze führt. Meine Gedanken eilten zu Natalie Haldin und ihrer Mutter. Dieser Mensch da verkörperte alles, was ihnen von ihrem Bruder und ihrem Sohn geblieben war.

Der Westeuropäer in mir war verwirrt. In dem Ausdruck dieses Gesichtes lag irgend etwas Abstoßendes. Wäre ich selbst ein Verschwörer, ein russischer politischer Flüchtling gewesen, so hätte ich vielleicht aus dieser zufälligen Beobachtung irgendwelche wichtigen Schlüsse ziehen können. So aber fühlte ich mich, wie gesagt, nur verwirrt und dabei merkwürdigerweise wegen Natalie Haldin beunruhigt. Dies scheint unerklärlich, und ich erwähne es nur, weil diese Stimmung mich zu dem Entschluß brachte, nach meinem einsamen Abendessen den Damen noch einen Besuch zu machen. Es war richtig, daß ich Natalie Haldin nur wenige Stunden zuvor getroffen hatte. Frau Haldin aber hatte ich ziemlich lange Zeit nicht gesehen. Um die Wahrheit zu sagen, hatte es mir in der letzten Zeit widerstrebt, sie aufzusuchen.

Arme Frau Haldin! Ich gestehe, daß sie mich ein wenig erschreckte. Sie war eine jener glücklicherweise ziemlich seltenen Naturen, zu denen man sich unweigerlich hingezogen fühlt, weil sie in gleicher Weise Furcht und Mitleid erwecken. Für sich selbst fürchtet man ihre Berührung und noch mehr für die, die einem nahestehen, so offensichtlich ist es, daß sie geboren werden, um zu leiden und auch andere leiden zu machen. Es fällt einem schwer, sich vorzustellen, daß, ich will nicht sagen, die Freiheit, sondern nur ein bloß äußerlicher Liberalismus, der sich für uns in Worten und politischen Ambitionen erschöpft (und wenn überhaupt welche, so doch höchstens Gefühle erweckt, die unser Innerstes unberührt lassen), daß dieser Liberalismus für andere Wesen, die uns selbst ganz ähnlich sind und unter demselben Himmel leben, eine Lebensfrage von einschneidender Bedeutung bilden soll, die mit Tränen, Ängsten und Blut einhergeht. Frau Haldin hatte die Nöte ihrer Zeit gefühlt. Man erinnere sich an ihren enthusiastischen Bruder, den Offizier, der unter Nikolaus erschossen worden war. Eine ironisch gefärbte Resignation ist kein sicherer Panzer für ein leicht verwundbares Herz. Da Frau Haldin in ihren Kindern getroffen worden war, so mußte sie von neuem die Vergangenheit durchleiden und den ungewissen Druck der Zukunft fühlen. Sie war eines der Wesen, die sich selbst nicht zu heilen wissen, die sich zu viel mit ihrem Herzen beschäftigen und, ohne feig oder selbstsüchtig zu sein, immer wieder leidenschaftlich in ihren Wunden rühren.

Diese Gedanken beschäftigten mich während meiner bescheidenen einsamen Junggesellenmahlzeit. Sollte irgend jemand bemerken wollen, daß dies für mich lediglich ein Vorwand war, an Natalie Haldin zu denken, so kann ich darauf nur erwidern, daß sie wohl einige Beachtung verdiente. Sie hatte ihr ganzes Leben vor sich. Ich gebe gerne zu, daß ich an dieses ihr Leben mit Gefühlen dachte, die denen ihrer Mutter ganz ähnlich waren, und diese Gefühle sind ja bei einem alten Mann, der noch nicht zu alt für jegliches Mitleid ist, wohl erlaubt. Fast ihre ganze Jugend lag noch vor ihr. Eine Jugend, die mit einem Schlage ihrer natürlichen Unbefangenheit und Freude beraubt und von einem uneuropäischen Despotismus überschattet war; eine furchtbar düstere Jugend, allen Zufällen eines wütenden Kampfes zwischen zwei gleich grausamen, diametral entgegengesetzten Ideen ausgeliefert.

Ich hing meinen Gedanken mehr nach, als ich es hätte tun dürfen. Ich fühlte mich so hilflos und, was schlimmer war, so merkwürdig außenstehend. Im letzten Augenblick zögerte ich noch, ob ich überhaupt hingehen sollte. Wozu sollte es gut sein?

Der Abend war schon vorgeschritten, als ich in den Boulevard des Philosophes einbog und das Eckfenster erleuchtet sah. Die Vorhänge waren zugezogen, doch ich konnte mir leicht vorstellen, wie dahinter Frau Haldin in ihrem Armstuhl saß, in ihrer gewöhnlichen Stellung, und nach irgend jemand ausspähte, auf den sich seit kurzem ihre Erwartung konzentrierte.

Ich glaubte mich durch den Lichtschein genügend ermächtigt, an die Türe zu klopfen. Die Damen hatten sich noch nicht zurückgezogen. Ich hoffte nur, daß sie keinen Besucher ihrer eigenen Nationalität haben würden. Manchmal war ein heruntergekommener pensionierter russischer Beamter zur Abendzeit bei ihnen anzutreffen. Er war unglaublich zerfahren und ermüdete durch seine bloße betrübliche Gegenwart. Ich glaube, daß die Damen seine häufigen Besuche nur mit Rücksicht auf eine frühere Freundschaft mit Herrn Haldin, dem Vater, oder aus einem ähnlichen Grunde duldeten. Ich nahm mir fest vor, nur wenige Minuten zu bleiben, wenn ich ihn oben vorfinden sollte.

Es überraschte mich, daß die Tür aufflog, bevor ich noch geläutet hatte.

Fräulein Haldin stand mir gegenüber, in Hut und Jacke, augenscheinlich im Begriff, auszugehen. Um diese Stunde! Vielleicht zum Arzt?

Ihre Begrüßung beruhigte mich. Es klang, als sei eben ich der Mann, den sie zu sehen gewünscht hatte. Meine Neugier war erweckt. Sie zog mich hinein, und die treue Anna, die ältliche deutsche Dienstmagd, schloß die Tür, ging aber nicht weg. Sie blieb nahebei stehen, als wollte sie zur Hand sein, um mich gleich wieder hinauszulassen. Es ergab sich, daß Fräulein Haldin im Begriff gewesen war, auszugehen und mich zu suchen.

Sie sprach mit einer Hast, die ich an ihr nicht gewöhnt war. Sie wäre geradenwegs hingegangen und hätte an Frau Zieglers Tür geläutet, trotz der späten Stunde, denn, Frau Zieglers Gewohnheiten ...

Frau Ziegler, die Witwe eines hervorragenden Professors, der mein vertrauter Freund gewesen war, hat mir drei Zimmer von ihrer großen und schönen Wohnung abgetreten, die sie nach dem Tode ihres Gatten nicht hatte aufgeben wollen. Ich habe aber von der Treppe aus meinen eigenen Eingang. Dieses Abkommen bestand schon durch mindestens zehn Jahre. Ich sagte, daß es mich sehr freute, selbst auf den Gedanken gekommen zu sein ...

Fräulein Haldin schickte sich durchaus nicht an, ihre Überkleider abzulegen. Mir fielen ihre lebhaften Farben auf und eine merkwürdige Entschlossenheit im Tone. Ob ich Herrn Rasumoffs Adresse kennte?

Herrn Rasumoffs Adresse? Rasumoff? Um diese Stunde - so dringend? Ich warf in völliger Verblüffung die Arme hoch. Hätte ich drei Stunden früher ihre Frage auch nur geahnt, so hätte ich ihn auf der Straße vor dem neuen Postgebäude danach gefragt, und er hätte sie mir vielleicht gesagt, oder aber, was genau so gut möglich war, mir grob zurückgegeben, ich sollte mich um meine eigenen Sachen kümmern. Vielleicht auch, dachte ich in der Erinnerung an sein merkwürdig halluzinatives, verängstigtes und geistesabwesendes Aussehen, wäre er aus Schreck über die Anrede ohnmächtig umgefallen. Ich sagte Fräulein. Haldin nichts von dem allen und erwähnte nicht einmal, daß ich den jungen Mann vor kurzem flüchtig gesehen hatte. Mein Eindruck war so ungemein peinlich gewesen, daß ich froh gewesen wäre, ihn selbst vergessen zu können.

»Ich weiß wirklich nicht, wo ich mich erkundigen sollte«, murmelte ich hilflos. Ich hätte mich gerne irgendwie nützlich gemacht und wäre mit Freuden fortgegangen, um irgendeinen Mann, jung oder alt, herbeizuholen, denn ich hatte blindes Vertrauen in ihre Besonnenheit.

»Was brachte Sie darauf, mit dieser Frage gerade zu mir zu kommen?« fragte ich.

»Es war nicht nur deswegen«, sagte sie leise. Sie sah aus wie jemand, der eine peinliche Aufgabe vor sich hat.

»Soll ich das so verstehen, daß Sie mit Herrn Rasumoff heute abend noch sprechen müssen?«

Natalie Haldin bewegte zustimmend den Kopf, sagte, nach einem Blick auf die Tür zum Wohnzimmer französisch: »C'est maman«, und blieb eine Weile reglos stehen.

Da ich wußte, daß sie immer ernst zu nehmen und durch keine noch so großen Schwierigkeiten aus der Fassung zu bringen war, so stieg meine Neugier aufs höchste. Was hatte Herr Rasumoff mit ihrer Mutter zu tun? Frau Haldin wußte nichts davon, daß der Freund ihres Sohnes in Genf angekommen war.

»Darf ich hoffen, Ihre Mutter heute abend zu sehen?« fragte ich.

Fräulein Haldin streckte den Arm aus, als wollte sie mir den Weg versperren.

»Sie ist in der furchtbarsten Aufregung. Oh, Sie würden es vielleicht gar nicht merken ... Es ist ganz innerlich, aber ich, die ich Mutter kenne, bin bestürzt. Ich habe nicht den Mut, es länger mit anzusehen. Alles ist meine Schuld; ich kann wohl keine Rolle spielen; ich habe nie zuvor etwas vor Mutter verborgen. Es war auch nie ein Anlaß dazu da. Aber Sie kennen ja selbst den Grund, weswegen ich mich zurückhielt, ihr gleich von Herrn Rasumoffs Ankunft hier zu erzählen. Sie verstehen doch, nicht wahr? Wegen ihres schlimmen Zustandes. Und jetzt – ich bin keine Schauspielerin. Da meine eigenen Gefühle so stark im Spiel sind, so habe ich irgendwie ... ich weiß nicht. Ihr ist etwas in meinem Benehmen aufgefallen. Sie meinte, ich verheimlichte ihr etwas. Sie bemerkte meine häufigere Abwesenheit, und da ich ja Herrn Rasumoff täglich getroffen habe, so bin ich tatsächlich, wenn ich ausging, länger weggeblieben als früher. Gott weiß, was für Vermutungen sie aufstellt! Sie wissen ja, daß sie die ganze Zeit seither nicht mehr sie selbst war ... Heute abend also begann sie auf einmal – nach dem furchtbaren Schweigen der letzten Wochen – zu sprechen. Sie sagte, daß sie mir keinen Vorwurf zu machen wünschte; daß ich meinen Charakter habe so gut wie sie den ihren; daß sie in meine Angelegenheiten oder gar in meine Gedanken nicht einzudringen wünschte; sie ihrerseits habe nie etwas vor ihren Kindern zu verheimlichen gehabt ... Gräßlich, das alles anzuhören. Und alles in ihrer ruhigen Stimme, mit dem armen zerstörten Gesicht, kalt wie ein Stein. Es war unerträglich.«

Fräulein Haldin sprach halblaut und rascher, als ich es irgendwann zuvor von ihr gehört hatte. Das allein schon beunruhigte mich. Da der Vorraum hell erleuchtet war, so konnte ich unter dem Schleier die Röte in ihrem Gesicht erkennen. Sie stand aufrecht, ihre linke Hand ruhte leicht auf einem kleinen Tisch. Die andere hing reglos zur Seite herab. Dann und wann atmete sie tiefer auf.

»Es war zu überraschend. Denken Sie doch bloß! Sie dachte, ich treffe Vorbereitungen, sie zu verlassen, ohne ihr ein Wort zu sagen. Ich kniete zur Seite ihres Armstuhls nieder und bat sie, doch zu bedenken, was sie sagte! Sie legte mir die Hand auf den Kopf, blieb aber doch bei ihrer irrigen Vermutung. Sie habe immer gedacht, daß sie das Vertrauen ihrer Kinder verdiene, doch augenscheinlich sei dem nicht so. Ihr Sohn habe sich weder auf ihre Liebe noch auf ihr Verstehen verlassen wollen – und nun dächte ich daran, sie in derselben grausamen Weise zu verlassen, und so weiter. – Nichts, was ich sagte ... Es ist krankhafter Eigensinn ... Sie sagte, sie fühle, daß irgend etwas in mir sei, irgendeine Veränderung ... Wenn meine Überzeugungen mich wegriefen, warum dann diese Geheimtuerei, als wäre sie feige oder schwach und man könnte ihr nicht trauen! ›Als ob mein Herz an meinen Kindern zum Verräter werden könnte‹, sagte sie ... Ich konnte es kaum aushalten. Dabei streichelte sie unaufhörlich meinen Kopf ... Es war ganz überflüssig, ihr zu widersprechen. Sie ist krank. Ihre Seele ist im Innersten ... «

Ich wagte nicht, das Schweigen zu brechen, das zwischen uns entstand. Ich sah in ihre Augen, die durch den Schleier glänzten.

»Ich! Verändert!« rief sie im selben halblauten Ton aus. »Meine Überzeugungen riefen mich weg! Es war grausam, das anzuhören, denn mein Konflikt ist es gerade, daß ich schwach bin und nicht weiß, was ich tun soll. Sie wissen das. Und schließlich tat ich etwas recht Selbstsüchtiges. Um ihren Verdacht von mir abzulenken, erzählte ich ihr von Herrn Rasumoff. Das war selbstsüchtig von mir. Sie wissen ja, daß wir in völliger Übereinstimmung beschlossen hatten, ihr seine Anwesenheit zu verheimlichen. Ganz mit Recht. Das sah ich klar ein, sobald ich ihr davon erzählt hatte, daß der Freund unseres armen Viktor hier sei. Man hätte sie vorbereiten müssen; in meiner Verzweiflung aber sprudelte ich es einfach heraus. Mutter wurde sofort furchtbar aufgeregt. Wie lange er schon hier sei? Was er wisse und warum er uns nicht sofort aufsuchte, dieser Freund ihres Viktor? Was hatte das zu bedeuten? War es schon so weit mit ihr, daß man ihr nicht einmal die Erinnerungen anvertrauen wollte, die von ihrem Sohn noch übrig waren? .. Stellen Sie sich vor, was ich empfand, als ich sie so sitzen sah, weiß wie ein Tuch, völlig regungslos, die dünnen Hände an die Seitenlehnen des Stuhles geklammert. Ich sagte, daß ich an allem schuld sei.«

Ich sah förmlich die reglose gebrochene Gestalt der Mutter vor mir, wie sie in ihrem Stuhl saß, da hinter der Tür, neben der ihre Tochter mit mir sprach. Das Schweigen da drinnen schien laut nach Rache zu schreien für eine historische Tatsache und die modernen Einrichtungen, durch die sie sich immer wieder bestätigte. Dieser Gedanke schoß mir durch den Kopf, dabei sah ich aber auch ganz klar ein, wie grausam Fräulein Haldin gelitten haben mußte. Ich verstand es vollkommen, als sie mir sagte, daß sie keine Nacht über diesem letzten Eindruck vergehen lassen wolle. Frau Haldin hatte sich in den schrecklichsten Vorstellungen, in den grausamsten und phantastischsten Vermutungen ergangen. Man mußte sie um jeden Preis und ohne eine Sekunde zu verlieren beruhigen. Es überraschte mich nicht weiter, zu erfahren, daß Fräulein Haldin ihr gesagt hatte: »Ich gehe sofort und hole ihn her.« Das klang weder töricht noch überspannt. Und ich stimmte ohne Zögern zu: »Ganz recht, aber wie?«

Es war ja recht, daß sie an mich gedacht hatte, aber was konnte ich tun, da ich Herrn Rasumoffs Adresse nicht kannte?

»Und denken müssen, daß er vielleicht ganz nahe wohnt! Einen Steinwurf weit weg!« rief sie aus.

Ich zweifelte daran; doch wäre ich mit Freuden fortgegangen, um ihn vom anderen Ende von Genf herzuholen.

Ich glaube, sie war meiner Dienstwilligkeit sicher, da es ihr erster Gedanke gewesen war, zu mir zu kommen. Der Dienst, den sie aber tatsächlich von mir verlangte, war, daß ich sie nach dem Château Borel begleiten sollte.

Ich sah mit einigem Unbehagen die dunkle Straße, den finstern Park vor mir und das trostlose verdächtige Aussehen jener Hochburg von Nekromantie, Intrige und Weibeskult. Ich warf ein, daß Madame de S. höchstwahrscheinlich nichts von dem wissen würde, was wir zu erfahren wünschten. Auch glaubte ich ganz und gar nicht daran, daß wir den jungen Mann dort finden würden. Ich erinnerte mich des flüchtigen Blickes auf sein Gesicht und kam irgendwie zur Überzeugung, daß ein Mensch, der ärger aussah, als habe er dem Tod ins Gesicht gesehen, den Wunsch haben mußte, sich irgendwo einzuschließen, wo er allein sein konnte. Ich fühlte die merkwürdige Gewißheit, daß Herr Rasumoff auf dem Heimweg gewesen war, als ich ihm gesehen hatte.

»Eigentlich hatte ich mehr an Peter Iwanowitsch gedacht«, bemerkte Fräulein Haldin ruhig.

Oh! Er natürlich mußte es wissen! Ich sah nach meiner Uhr. Es war erst zwanzig Minuten nach neun ...

»Ich würde es also in seinem Hotel versuchen«, schlug ich vor. »Er wohnt im Cosmopolitan irgendwo im letzten Stock.«

Ich erbot mich nicht, selbst hinzugehen, weil ich ganz einfach dem Empfang nicht traute, den man mir dort bereiten würde. Ich schlug aber vor, man sollte die treue Anna hinschicken, mit der brieflichen Anfrage um die gewünschte Adresse.

Anna wartete immer noch bei der Tür am anderen Ende des Zimmers, und wir beide berieten uns im Flüsterton. Fräulein Haldin war der Ansicht, daß sie selbst gehen müsse. Anna war schüchtern und langsam. Es würde Zeit verlorengehen, bis sie die Antwort zurückbrächte, und vielleicht war es dann schon zu spät, denn es war ja keineswegs gewiß, daß Herr Rasumoff in der Nähe wohnte.

»Wenn ich selbst hingehe«, erklärte Fräulein Haldin, »so kann ich ihn direkt vom Hotel aufsuchen, und ich müßte ja jedenfalls ausgehn, da ich Herrn Rasumoff persönlich verschiedenes auseinandersetzen und ihn sozusagen vorbereiten muß. Sie können sich von Mutters Zustand keine Vorstellung machen.«

Die Farbe auf ihrem Gesicht kam und ging. Sie dachte sogar, daß es für sie sowohl als auch für ihre Mutter besser wäre, wenn sie eine Zeitlang nicht zusammenwären. Anna, die ihre Mutter gern hatte, würde zur Hand sein.

»Sie könnte ihre Näharbeit mit ins Zimmer nehmen«, fuhr Fräulein Haldin fort und ging auf die Tür zu. Dann wendete sie sich auf deutsch. an die Magd, die uns öffnete: »Sie können meiner Mutter sagen, daß dieser Herr vorgesprochen hat und mit mir Herrn Rasumoff suchen gegangen ist. Sie soll sich nicht ängstigen, wenn ich einige Zeit fortbleibe.«

Wir traten rasch auf die Straße hinaus, und sie atmete in tiefen Zügen die kühle Nachtluft. »Ich habe Sie nicht einmal gebeten«, murmelte sie.

»Das war wohl auch überflüssig, denke ich«, gab ich mit einem Lachen zurück. Es war jetzt nicht die Zeit, daran zu denken, wie der große Feminist mich aufnehmen würde. Daß er sich nicht freuen würde, mich zu sehen, und mir höchstwahrscheinlich mit seiner gewohnten erhabenen Frechheit begegnen würde, daran zweifelte ich nicht, glaubte aber auch nicht, daß er den Mut aufbringen würde, mich glattweg hinauszuwerfen. Und das war das einzige, was ich fürchtete. »Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen?« fragte ich.

Das tat sie schweigend, und keines von uns sagte irgend etwas Bemerkenswertes, bis ich sie als erste in die große Halle des Hotels eintreten ließ. In dem glänzend erleuchteten Raum saßen eine Menge Leute herum.

»Ich könnte recht gut ohne Sie hinaufgehen«, schlug ich vor.

»Ich möchte nicht allein hier bleiben«, sagte sie leise, »ich komme mit Ihnen.«

Also führte ich sie geradenwegs zum Lift. Im obersten Stückwerk wies uns der Diener nach rechts: »Am Ende des Korridors.«

Die Wände waren weiß, der Teppich rot, elektrische Lampen waren in reicher Menge angebracht, und die Leere, das Schweigen, die ganz gleichen und numerierten geschlossenen Türen erinnerten mich an die peinliche Ordnung irgendeines streng nach dem Einzelhaftsystem erbauten Musterzuchthauses. Hier oben unter dem Dach dieses riesigen Bienenstockes erreichte uns kein Laut. Der dicke rote Bodenbelag verschlang den Schall unserer Schritte. Wir eilten vorwärts, ohne einander anzusehen, bis wir an der letzten Tür des langen Korridors angekommen waren. Da trafen sich unsere Augen, und wir blieben einen Augenblick stehen und lauschten auf den schwachen Stimmenlärm, der von innen klang.

»Ich glaube, hier ist es«, flüsterte ich unnötigerweise. Ich sah, wie Fräulein Haldin wortlos die Lippen bewegte, und auf mein scharfes Klopfen verstummte das Gespräch im Zimmer. Ein tiefes Schweigen herrschte für ein paar Augenblicke. Dann wurde die Tür heftig aufgerissen, von einer kleinen, schwarzäugigen Frau in roter Bluse, mit üppigem, fast weißem Haar, das nachlässig und unkleidsam aufgesteckt war. Ihre dünnen, tiefschwarzen Augenbrauen waren zusammengezogen. Ich erfuhr später, daß es die berühmte – oder berüchtigte – Sofia Antonowna war. Damals aber fiel mir nur der seltsame, mephistophelische Ausdruck in ihrem forschenden Blick auf, obwohl er andererseits wieder so gar nicht bösartig, so – ich möchte sagen – unteuflisch war. Er wurde noch milder, als er Fräulein Haldin traf, die mit ihrer vollen, ruhigen Stimme Peter Iwanowitsch einen Augenblick zu sehen verlangte.

»Ich bin Fräulein Haldin«, fügte sie hinzu.

Daraufhin glätteten sich die Brauen der Frau in der roten Bluse gänzlich; sie antwortete aber kein Wort, sondern schritt zu einem Sofa, setzte sich nieder und ließ die Tür weit offen.

Und vom Sofa aus sah sie mit den Händen im Schoß zu, wie wir eintraten.

Fräulein Haldin schritt bis in die Mitte des Zimmers. Ich, eingedenk meiner Rolle des bloßen Begleiters, blieb neben der Tür stehen, nachdem ich sie hinter mir geschlossen hatte. Das Zimmer war groß, doch niedrig, und spärlich eingerichtet. Über dem großen Tisch (auf dem eine Karte größten Maßstabes lag) hing eine elektrische Zuglampe mit Porzellanschirm, die tief heruntergezogen war und den übrigen Raum in trübem Zwielicht ließ. Peter Iwanowitsch war nicht zu sehen. Auch Herr Rasumoff war nicht da. Aber auf dem Sofa neben Sofia Antonowna saß ein Mann mit knochigem Gesicht und einem Geißbart, die Hände auf die Knie gestützt, und sah uns aufmerksam, doch freundlich an. In einem entfernten Winkel erkannte man ein breites, bleiches Gesicht und die Umrisse einer massigen Gestalt, scheinbar viel zu groß für den niedrigen Stuhl, auf dem sie ruhte. Der einzige, den ich kannte, war der kleine Julius Laspara, der scheinbar eben die Karte studiert hatte, die Füße um die Stuhlbeine geklammert. Er sprang hastig auf, verbeugte sich vor Fräulein Haldin und sah dabei ganz lächerlich einem Jungen ähnlich, der sich eine Hakennase und einen prächtigen neuen Bart aufgeklebt hat. Er trat vor und bot seinen Platz an, den Fräulein Haldin ablehnte. Sie sei nur für einen Augenblick gekommen, um Peter Iwanowitsch ein paar Worte zu sagen.

Seine hohe Stimme machte sich unangenehm hörbar.

»Ganz merkwürdig, eben heute nachmittag habe ich an Sie gedacht, Natalia Viktorowna. Ich habe Herrn Rasumoff getroffen. Ich bat ihn, mir einen Artikel zu schreiben, über was er wollte. Sie könnten ihn ins Englische übersetzen – mit einem solchen Lehrer.«

Dabei nickte er mir anerkennend zu. Als der Name Rasumoff genannt wurde, ertönte ein unbeschreiblicher Laut, eine Art leises Quietschen, wie von einem bösen kleinen Tier, aus der Ecke, in der der Mann saß, der für seinen Sessel viel zu groß schien. Ich hörte nicht, was Fräulein Haldin antwortete. Laspara sprach wieder.

»Es ist Zeit, etwas zu tun, Natalia Viktorowna. Doch denke ich, daß Sie Ihre eigenen Ideen haben. Warum schreiben Sie nicht selbst etwas? Wie wäre es, wenn Sie uns bald besuchten? Wir könnten es durchsprechen. Jeder Rat ... «

Wieder verstand ich Fräulein Haldins Worte nicht. Laspara hub nochmals an.

»Peter Iwanowitsch? Er ist für einen Augenblick im anderen Zimmer. Wir warten alle auf ihn.«

Der große Mann trat in diesem Augenblick ein und sah höher aus, schlanker und durchaus ehrfurchtgebietend in einem langen Schlafrock aus irgendeinem dunklen Stoff, der in gerader Linie bis zu seinen Füßen niederfiel. Er erinnerte an einen Mönch oder einen Propheten, an die rüstige Gestalt irgendeines Wüstenbewohners – stark asiatisch; und die dunklen Augengläser in Verbindung mit diesem Kostüm ließen ihn in dem unsicheren Licht geheimnisvoller als je erscheinen.

Der kleine Laspara ging zu seinem Stuhl zurück und begann wieder die Karte zu studieren, die der einzige hell beleuchtete Gegenstand im Zimmer war. Sogar von meinem entfernten Standpunkt bei der Tür aus konnte ich nach der Form des blauen Teils, der das Wasser vorstellte, erkennen, daß es eine Karrte der baltischen Provinzen war. Peter Iwanowitsch ließ einen leisen Ausruf hören, näherte sich Fräulein Haldin, blieb plötzlich, als er mich, zweifellos nur recht undeutlich, erblickte, stehen und starrte hinter seinen dunklen Gläsern hervor. Schließlich mußte er mich an meinem grauen Haar erkannt haben, denn mit einem eindeutigen Zucken seiner breiten Schultern wandte er sich in wohlwollender Nachsicht Fräulein Haldin zu. Er faßte ihre Hand in seine dick gepolsterte Pranke und legte die andere wie einen Deckel darüber.

Während die beiden, in der Mitte stehend, ein paar unhörbare Worte miteinander wechselten, rührte sich niemand sonst im Zimmer. Laspara kniete mit dem Rücken zu uns auf dem Sessel und stützte die Ellbogen auf die große Landkarte; das schattenhafte Ungeheuer im Winkel, der Mann auf dem Sofa mit dem Ziegenbart und dem offenen Blick, die Frau in der roten Bluse neben ihm – niemand von ihnen rührte sich. Ich nehme an, daß ihnen keine Zeit dazu blieb, denn Fräulein Haldin entzog Peter Iwanowitsch sofort ihre Hand und schritt, ehe ich mich's versah, der Tür zu. Ich unbeachteter Westeuropäer öffnete ihr eilig und folgte ihr hinaus. Ein letzter Blick zeigte mir, daß die ganze Versammlung regungslos in verschiedenen Stellungen verharrte. Peter Iwanowitsch stand allein aufrecht und sah mit seinen dunklen Gläsern wie ein riesenhafter blinder Prediger aus; hinter ihm breitete sich der grelle Lichtkreis über die farbige Karte, von der sich der kleine Laspara abhob.

Später, viel später, zur Zeit des Presserummels wegen einer vorzeitig entdeckten Militärverschwörung in Rußland (er nahm keine bestimmte Form an und erstarb bald), fiel mir das Bild dieser regungslosen Gruppe mit ihrer Hauptfigur ein. Einzelheiten sickerten nicht durch, aber es wurde doch bekannt, daß die revolutionären Parteien im Ausland ihre Unterstützung zugesagt, im voraus Sendboten geschickt hatten und daß sogar Geld aufgetrieben worden war, um einen Dampfer, mit Waffen und Verschwörern beladen, in den Baltischen Meerbusen zu schicken. Und während ich die mangelhaften Enthüllungen überflog (die übrigens kein weiteres Interesse weckten), dachte ich, daß dem alten behäbigen Europa in meiner Person, als ich damals das russische Mädchen begleitete, sozusagen ein Blick hinter die Kulissen gestattet worden war. Ein schneller Blick, im Dachgeschoß jenes großen internationalen Hotels: Da war der große Mann selbst, im Winkel die reglose Masse des Gendarmentöters, dann Jakowlitsch, der Veteran aus früheren terroristischen Feldzügen; die Frau mit den lebhaften schwarzen Augen und dem Haar, das weiß war wie das meine; alle in einem geheimnisvollen Zwielicht, mit der grell beleuchteten Karte von Rußland auf dem Tisch. Die Frau zu sehen hatte ich später noch einmal Gelegenheit. Während wir auf den Lift warteten, kam sie hastig den Korridor entlang, sah Fräulein Haldin starr ins Gesicht und zog sie beiseite, als hätte sie ihr eine vertrauliche Mitteilung zu machen. Es war nicht viel, nur ein paar Worte.

Während wir im Lift hinunterfuhren, brach Natalie Haldin das Schweigen nicht. Wir gingen aus dem Hotel hinaus, den Kai entlang, dessen Laternen frohe Farbflecke in die frische Dunkelheit um uns brachten und sich in den schwarzen Wassern des kleinen Hafens zu unserer Linken spiegelten. Zur Rechten ragten undeutlich die riesigen Hotels in den Himmel. Da erst sprach sie:

»Das war Sofia Antonowna. Kennen Sie die Frau? ... «

»Ja, ich weiß, die berühmte ... «

»Ganz richtig. Scheinbar hat Peter Iwanowitsch, nachdem wir gegangen, den Zweck meines Kommens gesagt. Deshalb kam sie uns nachgelaufen. Sie nannte ihren Namen und sagte dann: ›Sie sind die Schwester eines Braven, der nicht vergessen werden soll. Vielleicht sehen Sie noch bessere Zeiten.‹ Ich antwortete ihr, daß ich hoffte, die Zeit zu erleben, wo all dies vergessen sein würde, und sollte auch der Name meines Bruders mitvergessen sein. Irgend etwas trieb mich, das zu sagen, aber Sie verstehen?«

»Ja«, sagte ich. »Sie denken an die Ära von Eintracht und Gerechtigkeit«

»Ja. In dieser Arbeit hier steckt zuviel Haß und Rachsucht.

Sie muß aber getan sein. Es ist ein Opfer – mag es dadurch noch größer werden. Zerstörung ist das Werk der Wut. Mögen die Tyrannen und ihre Henker zugleich der Vergessenheit anheimfallen und nur die in Erinnerung bleiben, die wieder aufgebaut haben.«

»Und stimmt Sofia Antonowna mit Ihnen überein?« fragte ich skeptisch.

»Sie sagte nichts weiter als: ›Es ist gut für Sie, an Liebe zu glauben.‹ Ich denke, sie hat mich verstanden. Dann fragte sie mich, ob ich hoffte, Herrn Rasumoff gleich noch zu sehen. Ich antwortete ihr, daß ich es gern fertigbringen wollte, ihn noch diesen Abend zu meiner Mutter zu führen, da meine Mutter von seiner Anwesenheit erfahren habe und mit krankhafter Ungeduld darauf warte, ob er uns irgend etwas von Viktor zu sagen habe. Er war der einzige Freund meines Bruders, von dem wir wußten, und sein engster Vertrauter. Sie sagte: ›Oh, Ihr Bruder – ja, bitte, sagen Sie Herrn Rasumoff, daß ich die Geschichte weitergegeben habe, die mir von St. Petersburg aus mitgeteilt wurde. Sie bezieht sich auf die Verhaftung Ihres Bruders‹, fügte sie hinzu. ›Er wurde von einem Mann aus dem Volke verraten, der sich inzwischen erhängt hat. Herr Rasumoff wird Ihnen alles erklären. Ich habe ihm heute Nachmittag alle Einzelheiten mitgeteilt; und sagen Sie bitte Herrn Rasumoff, daß Sofia Antonowna ihn grüßen lasse. Ich gehe morgen früh weg – weit weg.‹«

Nach einem kurzen Schweigen setzte Fräulein Haldin hinzu: »Ich war so bewegt von dem, was ich da so unerwartet erfuhr, daß ich einfach nicht früher mit Ihnen sprechen konnte ... Ein Mann aus dem Volke! O unser armes Volk!«

Sie ging langsam, als sei sie plötzlich todmüde. Ihr Kopf sank nach vorn. Aus den Fenstern eines Gebäudes mit Terrassen und Balkonen klangen die banalen Klänge einer Hotelmusik. Vor dem geschmacklosen Hauptportal des Kasinos flammten im Schein der elektrischen Lampen zwei rote Anschlagzettel marktschreierisch auf. Die Leere der Kais, die verlassene Ruhe der Straßen erweckten den Eindruck heuchlerischer Ehrbarkeit und unsagbarer Öde.

Ich nahm als selbstverständlich an, daß sie die Adresse erfahren hatte, und ließ mich von ihr führen. Auf der Montblancbrücke, wo ein paar Gestalten wie verloren in der weiten, von wenigen Lichtern umgrenzten Perspektive auftauchten, sagte sie:

»Es ist nicht sehr weit von unserm Hause. Ich hatte merkwürdigerweise gleich gedacht, daß es so sein müsse. Die Adresse ist Rue de Carouge. Ich glaube, es muß eines der großen neuen Handwerkerhäuser sein.«

Sie nahm zutraulich und unbefangen meinen Arm und schritt schneller aus. In unserem ganzen Vorhaben lag eine gewisse Primitivität. Wir hatten die Fortschritte der Zivilisation ganz vergessen. Eine späte Straßenbahn überholte uns. Neben dem Gitter der Gärten stand eine Reihe von Droschken. Es kam uns gar nicht in den Sinn, eines dieser Verkehrsmittel in Anspruch zu nehmen. Sie war vielleicht zu sehr in Eile, und ich – nun, sie hatte zutraulich meinen Arm genommen. Während wir die leichte Steigung zur Corraterie hinangingen – alle Läden waren geschlossen und in keinem Fenster Licht, als sei die ganze Handelsbevölkerung mit Sonnenuntergang geflohen –, schlug sie mir vor:

»Ich könnte einen Augenblick hinauflaufen und nach Mutter sehen. Es wäre kein großer Umweg.«

Ich riet ihr ab. Wenn Frau Haldin wirklich erwartete, diesen Abend noch Herrn Rasumoff zu sehen, so wäre es unklug, sich ohne ihn vor ihr zu zeigen. Wir mußten trachten, den jungen Mann so bald als möglich aufzufinden und ihn mitzubringen, damit er ihre Mutter beruhige. Sie stimmte meinen Gründen zu, und wir überquerten die Place de Theatre. Die großen Steinplatten der Pflasterung glänzten bläulich im Lichte der Bogenlampen, und in der Mitte stand ganz schwarz die einsame Reiterstatue. In der Rue de Carouge kamen wir in die ärmeren Viertel und näherten uns der Grenze der Stadt. An der Ecke einer Seitenstraße fiel grelles Licht aus einem frisch getünchten Laden durch eine weit offene Tür in die Nacht heraus, wie ein Fanal. Man konnte von weitem die Innenwände mit den dürftig bestellten Regalen erkennen und den braun gestrichenen Ladentisch. Das war das Haus. Während wir längs eines geteerten Plankenzauns darauf zuschritten, starrte uns schmal und bleich die scharfe Eckfront entgegen, fünf einzelne Fenster hoch, die alle dunkel und von dem tiefen Schatten des steilen vorspringenden Daches überkrönt waren.

»Wir müssen im Laden nachfragen«, sagte Fräulein Haldin zu mir.

Ein blasser Mann mit spärlichem Backenbart, schmutzigweißem Kragen und einer ausgefransten Krawatte legte bei unserem Eintritt eine Zeitung nieder, lümmelte sich vertraulich auf beiden Ellbogen weit über den Ladentisch und teilte uns mit, daß der bewußte Herr allerdings sein locataire vom dritten Stock, doch augenblicklich nicht zu Hause sei.

»Augenblicklich«, wiederholte ich mit einem Blick auf Fräulein Haldin. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie ihn bald zurückerwarten?«

Er war äußerst liebenswürdig, hatte einschmeichelnde Augen und sanfte Lippen. Er lächelte leise, als wüßte er alles und jedes. Herr Rasumoff sei den ganzen Tag weg gewesen und abends früh nach Hause gekommen. Darum habe es ihn sehr überrascht, ihn vor etwa einer halben Stunde nochmals herunterkommen zu sehen. Herr Rasumoff habe seine Schlüssel dagelassen und unter anderem bemerkt, daß er ausgehe, weil er Luft brauche.

Er lächelte uns hinter seinem Ladentisch hervor weiter an, den Kopf in beide Hände gestützt. Luft. Luft. Ob das aber eine lange oder kurze Abwesenheit bedeutete, das war schwer zu sagen. Gewiß sei die Nacht sehr schwül.

Nach einer Weile fügte er mit einem Blick auf die Tür hinzu: »Das Gewitter wird ihn nach Hause treiben.«

»Gibt es denn ein Gewitter?« fragte ich.

»Ja, natürlich doch!«

Wie zur Bestätigung seiner Worte hörten wir weit entfernt ein tiefes Grollen. Ich sandte einen fragenden Blick auf Fräulein Haldin, und da ich sah, daß sie gar nicht gesinnt schien, ihr Vorhaben aufzugeben, so bat ich den Ladeninhaber, Herrn Rasumoff, falls er innerhalb einer halben Stunde nach Haus kommen sollte, zu bitten, er möchte unten im Laden bleiben. Wir würden wieder vorkommen.

Als Antwort neigte er unmerklich den Kopf. Fräulein Haldin drückte ihre Zustimmung durch Schweigen aus. Wir gingen langsam die Straße hinunter, von der Stadt weg. über die niedrigen Gartenmauern der bescheidenen Villen, die der Zerstörung geweiht waren, ragten Baumkronen und Blättermassen, auf die von unten her der Schein der Gaslampen fiel. Von der Arve her, die mit heftigem und eintönigem Rauschen nahebei über ein niedriges Wehr strömte, wehte uns eine eisige Kühle zu; vor uns erstreckte sich über einen großen, offenen Platz, der noch ohne Häuser war, eine doppelte Reihe von Lichtern, die eine Straße andeuteten. Vom andern Ufer her aber, über dem grauenhaft schwarz das Gewitter brütete, schien uns ein einzelnes trübes Licht mit müdem Blick anzustarren. Als wir bis an die Brücke gekommen waren, sagte ich:

»Wir sollten lieber umkehren ... «

Im Laden studierte der kränkliche Mann noch immer seine Zeitung, die er nun auf den Ladentisch ausgebreitet hatte. Er hob den Kopf, als ich eintrat, schüttelte ihn verneinend und kräuselte die Lippen. Ich trat gleich wieder zu Fräulein Haldin hinaus, und wir gingen rasch weg. Sie sagte mir, sie wolle ganz früh am nächsten Morgen Anna mit einem Billett herüberschicken. Ich achtete ihr Schweigen, da mir dies der beste Weg schien, mein Mitgefühl auszudrücken.

Die halb ländliche Straße, die wir bei unserem Rückweg einschlugen, ging nach und nach in den gewöhnlichen städtischen Charakter über, wurde breit und einsam. Wir trafen keine vier Leute, und der Weg schien endlos, da sich die Unruhe meiner Begleiterin unwillkürlich auf mich übertrug. Endlich bogen wir in den Boulevard des Philosophes ein, der noch weiter, noch leerer, noch toter dalag, in der ganzen Öde schlummernder Ehrsamkeit. Beim Anblick der beiden erleuchteten Fenster, die von fern schon in die Augen fielen, mußte ich an Frau Haldin denken, die in ihrem Armstuhl eine furchtbar quälende Wache hielt, unter dem Bann eines eisernen Zwanges: ein Opfer der Tyrannei und der Revolution, ein Anblick, der zugleich grausam und töricht war.

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