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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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Vierter Teil

1

Wenn ich zum Beginn dieses Rückblickes noch einmal erwähne, daß Rasumoff in seiner Jugend niemand in der Welt hatte, so ganz und gar niemand, wie es nur von irgendeinem menschlichen Wesen behauptet werden kann, so ist das nur die Feststellung einer Tatsache von seiten eines Mannes, der an die psychologische Bedeutung von Tatsachen glaubt. Vielleicht sprach auch der Wunsch mit, peinlich gerecht zu sein. Da ich mich mit keiner der Personen dieser Erzählung identifiziere, deren Begriffe von Ehre und Scham von unseren westlichen so weit abweichen, da ich mich vielmehr einfach auf den allgemein menschlichen Standpunkt stelle, so fühle ich aus ebendiesem Grunde einen merkwürdigen Widerwillen davor, mit kalten Worten das eine herauszusagen, was jeder Leser zweifellos selbst schon entdeckt hat. Dieser Widerwille möchte töricht erscheinen, wäre hier nicht der Gedanke maßgebend, daß infolge der Unzulänglichkeit der Sprache die Darlegung der nackten Wahrheit immer etwas wenig Anmutendes und vielleicht sogar Peinliches hat. Doch ist der Zeitpunkt gekommen, wo der Staatsrat Mikulin nicht länger ignoriert werden darf. Seine einfache Frage »Wohin«, mit der wir Herrn Rasumoff in St. Petersburg verlassen haben, wirft ein Schlaglicht auf das allgemein Menschliche dieses Einzelfalles...

»Wohin?« war die in Form einer höflichen Frage gegebene Antwort auf das, was man Herrn Rasumoffs Unabhängigkeitserklärung nennen könnte. Die Frage war nicht im geringsten drohend und klang eigentlich viel mehr nach harmloser Neugier. Wäre sie rein örtlich gemeint gewesen, so hätte die darauf einzig mögliche Antwort allein schon Rasumoff in einige Bestürzung versetzen müssen. Wohin? Zurück in seine Wohnung, wo die Revolution ihn aufgesucht hatte, um seine schlafenden Instinkte, seine halbbewußten Gedanken und fast ganz unbewußten Ambitionen urplötzlich auf eine harte Probe zu stellen durch die unerwartete Berührung mit einer fanatischen und dogmenreichen Religion, die Selbstaufopferung in sich schloß, welche Resignation, Träume und Hoffnungen und damit die Seele ihrer Gläubigen abwechselnd zum Himmel hob und in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung stürzte. Rasumoff hatte den Türgriff losgelassen und war in die Mitte des Raumes zurückgekommen, mit der ärgerlichen Frage an Rat Mikulin: »Was meinen Sie damit?« Soviel ich weiß, hatte Rat Mikulin darauf nicht geantwortet. Er zog Herrn Rasumoff in ein vertrauliches Gespräch. Es ist eine Eigenheit russischer Naturen, daß sie für den Reiz abstrakter Ideen auch dann empfänglich bleiben, wenn sie noch so stark in hochdramatische Aktionen verwickelt sind. Diese Unterredung (und manche andere nachher) braucht nicht erwähnt zu werden. Es mag genügen, festzustellen, daß Herr Rasumoff in der Folge dazu gebracht wurde, einen neuen Glauben zu bekennen. Das Gespräch war durchaus inoffiziell, und Herr Rasumoff fand Gelegenheit, seine gesonderte Stellung zu verteidigen. Herr Rat Mikulin wollte aber keines seiner Argumente gelten lassen. »Für einen Mann wie Sie«, waren seine letzten gewichtigen Worte, »ist eine derartige Stellung unmöglich. Vergessen Sie nicht, daß ich jenes interessante Blatt Papier gesehen habe. Ich verstehe Ihren Liberalismus. Meine eigenen Gedanken bewegen sich in ganz ähnlichen Bahnen. Reform ist für mich nur eine Frage der Methode. Das Prinzip der Revolution aber bedeutet eine Vergiftung, eine Art von Hysterie, die man von der Masse unbedingt fernhalten muß. Dem stimmen Sie doch ohne Rückhalt bei, nicht? Denn sehen Sie, Kyrill Sidorowitsch, in gewissen Situationen kommen Rückhalt oder Reserve einem politischen Verbrechen recht nahe. Die alten Griechen haben das sehr wohl verstanden.«

Rasumoff hörte mit einem schwachen Lächeln zu und fragte Rat Mikulin geradeheraus, ob er damit sagen wolle, daß er ihn überwachen lassen würde.

Der hohe Beamte nahm an der zynischen Frage keinen Anstoß.

»Nein, Kyrill Sidorowitsch«, antwortete er ernst, »ich denke nicht daran, Sie überwachen zu lassen.«

Rasumoff witterte eine Lüge, bemühte sich aber doch, während des kurzen Restes der Unterhaltung eine möglichst große Unbefangenheit zu zeigen. Der ältere Mann drückte sich durchwegs in vertraulicher Weise mit einer Art gesuchter Einfachheit aus. Rasumoff kam zu dem Schluß, daß es ein unmögliches Beginnen wäre, diesem Menschen auf den Grund kommen zu wollen. Eine große Unruhe ließ sein Herz schneller schlagen. Der hohe Beamte trat hinter seinem Tisch hervor und schickte sich an, ihm zum Abschied die Hand zu schütteln.

»Leben Sie wohl, Herr Rasumoff. Es gewährt immer eine gewisse Befriedigung, wenn sich zwei intelligente Leute verstehen, nicht wahr? Und natürlich haben doch die Herren von der Revolution die Intelligenz nicht gepachtet.«

»Ich nehme an, daß ich nicht weiter gebraucht werde?« Rasumoff brachte diese Frage heraus, während der andere noch seine Hand umschlossen hielt. Nun ließ sie Rat Mikulin langsam los.

»Das, Herr Rasumoff«, sagte er mit tiefem Ernst, »ist heute schwer zu sagen. Gott allein kennt die Zukunft. Doch Sie können versichert sein, daß ich nie daran gedacht habe, Sie überwachen zu lassen. Sie sind ein junger Mann von großer Unabhängigkeit, jawohl. Sie gehen von hier weg, frei wie der Vogel in der Luft. Schließlich werden Sie aber doch zu uns zurückfinden.«

»Ich! Ich!« rief Rasumoff halblaut in verwunderter Abwehr. »Warum denn?« fügte er schwach hinzu.

»Jawohl, Sie selbst, Kyrill Sidorowitsch«, wiederholte der hohe Polizeibeamte leise und im Ton ernster Überzeugung. »Sie werden zu uns zurückkommen. Einige unserer größten Geister waren schließlich zu dem gleichen Schritt gezwungen.«

»Unsere größten Geister«, wiederholte Rasumoff mit tonloser Stimme.

»Ja, tatsächlich unsere größten Geister ... Leben Sie wohl!«

Rasumoff verließ den Raum. Bevor er aber noch am Ende des Korridors angekommen war, hörte er schwere Schritte hinter sich und eine Stimme, die ihm zurief, stehenzubleiben. Er wendete den Kopf und sah zu seiner größten Überraschung, daß Rat Mikulin in Person ihm nachkam. Der hohe Beamte kam eilig an, ganz und gar nicht förmlich und leicht außer Atem.

»Einen Augenblick. Was das betrifft, worüber wir eben gesprochen haben, so mag es werden, wie Gott will. Ich könnte aber in die Lage kommen, Sie noch einmal zu brauchen. Sie scheinen überrascht, Kyrill Sidorowitsch. Ja, noch einmal ... um irgendwelche weiteren Aufklärungen zu erlangen, die sich nötig erweisen könnten.«

»Ich weiß aber doch gar nichts«, stammelte Rasumoff. »Ich könnte wirklich nichts wissen.«

»Wer kann das sagen? Diese Ordnung der Dinge ist ganz wunderbar. Wer kann sagen, was sich Ihnen erschließen kann, bevor dieser Tag zu Ende ist? Einmal schon waren Sie das Werkzeug der Vorsehung. Sie lächeln, Kyrill Sidorowitsch; Sie sind ein esprit-fort.« (Rasumoff war sich nicht bewußt, gelächelt zu haben.) »Aber ich glaube fest an die Vorsehung. Ein solches Bekenntnis von seiten eines alten hartgesottenen Beamten mag Ihnen vielleicht komisch vorkommen, und doch werden auch Sie selbst eines Tages noch darauf kommen ... oder aber alles, was Ihnen geschehen ist, hat weiter gar keine Bedeutung mehr. Ja, ganz sicher werde ich Sie noch einmal sehen, aber nicht hier. Das wäre nicht ganz – hm... Man wird Ihnen irgendeinen passenden Ort bekanntgeben, und sogar schriftliche Mitteilungen zwischen uns, die sich darum drehen, gingen vielleicht besser durch die Vermittlung unseres – wenn ich so sagen darf gemeinsamen Freundes, des Fürsten K. Nun bitte ich Sie, Kyrill Sidorowitsch, lassen Sie das. Ich weiß gewiß, daß er zuzustimmen wird. Sie müssen so viel Vertrauen zu mir haben, daß ich weiß, was ich sage. Sie haben keinen besseren Freund als den Fürsten K., und was mich selbst betrifft, so ist es nun schon eine lange Zeit her, daß er geruht hat ... « Er sah auf seinen Bart hinunter.

»Ich will Sie nicht länger zurückhalten. Wir leben in schweren Zeiten. In Zeiten, wo ungeheuerliche Hirngespinste, böse Träume und verbrecherische Narrheiten an der Tagesordnung sind. Wir werden uns sicher noch einmal treffen. Allerdings mag einige Zeit bis dahin vergehen. Mag der Himmel Ihnen fruchtbringende Erwägungen senden!«

Auf der Straße angekommen, stürzte Rasumoff hastig davon, ohne sich um die Richtung zu kümmern. Zunächst dachte er an gar nichts; nach einer kurzen Weile aber wurde ihm das Widerwärtige, Gefährliche und Absurde seiner Situation quälend bewußt, zugleich mit der Schwierigkeit, sich je von diesen scheinbar unlöslichen Komplikationen freizumachen, so daß ihm der Gedanke kam, zurückzugehen und, wie er sich ausdrückte, dem Rat Mikulin zu beichten.

Zurückgehen! Wozu? Beichten! Warum? »Ich habe mit der größten Offenheit zu ihm gesprochen«, sagte er sich selbst, durchaus der Wahrheit gemäß. »Was könnte ich ihm sonst noch sagen? Daß ich es unternommen habe, eine Botschaft zu diesem Vieh von Siemianitsch zu tragen? Den falschen Anschein einer Mitwisserschaft erwecken und für nichts und wieder nichts jeden letzten Rest von Sicherheit vernichten, die ich gewonnen haben könnte – welcher Irrsinn!« Und doch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, daß Rat Mikulin vielleicht der einzige Mann in der Welt war, der sein Benehmen richtig verstehen konnte. Es hatte einen unglaublichen Reiz für ihn, verstanden zu werden.

Auf dem Nachhauseweg mußte er verschiedene Male stehenbleiben; aus seinen Gliedern schien alle Kraft gewichen; mitten in dem geschäftigen Getriebe der Straßen fühlte er sich verlassen wie in einer Wüste und blieb wiederholt für eine Minute oder so stehen, bevor er seinen Weg fortsetzen konnte. Endlich kam er in seiner Wohnung an.

Dann kam eine Krankheit, ein leichtes Fieber, das ihm mit einem Schlage eine große Distanz gab zu der letzten verblüffenden Gegenwart und sogar zu seiner eigenen Wohnung. Er verlor nie das Bewußtsein; es schien ihm nur, daß er in süßer Mattigkeit irgendwo weit über allem stehe, was ihm je widerfahren war. Er überwand diesen Zustand langsam, oder besser mit großer Trägheit, denn die Zahl der Tage war nicht allzu groß. Und als er wieder mitten in die Dinge zurückgekehrt war, da war alles verändert, unmerklich und aufreizend verändert: die leblosen Dinge, die Gesichter der Menschen, seine Wirtin, das ländliche Dienstmädchen, das Stiegenhaus, die Straßen und sogar die Luft. Er trat diesen neuen Verhältnissen mit düsterem Ernst entgegen. Er ging an der Universität ein und aus, stieg Treppen, ging durch die Korridore, hörte Vorlesungen, machte Notizen, durchquerte die Höfe, alles in einer ärgerlichen Distanzierung und die Zähne so fest zusammengebissen, daß seine Backen schmerzten.

Er bemerkte es sehr wohl, daß der tolle Kostja ihn wie ein junger Jagdhund aus der Ferne anstierte. Daß der ausgehungerte Student mit der roten tropfenden Nase sich sorgfältig fernhielt, wie er es gewünscht hatte. Ebenso wie vielleicht zwanzig andere, die er flüchtig kannte. Alle schienen neugierig und gespannt, als erwarteten sie irgendein Vorkommnis. »Das kann nicht länger so fortgehen«, dachte Rasumoff öfter als einmal. An manchen Tagen fürchtete er, daß irgend jemand ihn plötzlich anreden und dazu bringen könnte, eine Flut schmutziger Schimpfworte hinauszubrüllen. Oft ließ er sich, nach Hause zurückgekehrt, in Mantel und Mütze in einen Stuhl fallen und verhielt sich Stunde um Stunde regungslos, irgendein Buch in der Hand, das er aus der Bibliothek mitgenommen hatte; oder er nahm sein kleines Federmesser, setzte sich hin, putzte sich endlos die Nägel und fühlte dabei eine Wut in sich, einfach Wut. »Das ist unmöglich«, murmelte er dann plötzlich in das leere Zimmer hinein.

Eine Tatsache, die Erwähnung verdient: Es wäre begreiflich, wenn dies Zimmer ihm physisch widerwärtig, unerträglich und unbewohnbar erschienen wäre. Aber nein. Nichts der Art (und er selbst hatte es anfangs gefürchtet), nichts der Art geschah. Im Gegenteil, er liebte seine Wohnung mehr als irgendeine andere Unterkunft, die er je zuvor gemietet hatte. Er liebte seine Wohnung so sehr, daß er oft ebendeswegen Mühe hatte, sich zum Ausgehen zu entschließen. Sie hatte einen körperlichen Reiz für ihn, ähnlich dem, der einen Menschen an einem kalten Tage nur widerwillig die Nähe eines Feuers verlassen läßt.

Denn da er sich zu jener Zeit fast nur hinausrührte, um zur Universität zu gehen (was sonst gab es für ihn zu tun?), so ergab es sich, daß er sich bei jedem Ausgang aufs neue den Folgen seiner Tat gegenübersah. Dann fiel der dunkle Schatten von Haldins Geheimnis auf ihn, klebte an ihm wie ein vergiftetes Gewand, das er nicht abreißen konnte. Er litt unsagbar darunter, ebensosehr wie unter den banalen unvermeidlichen Gesprächen mit der anderen Art von Studenten. »Sie müssen sich über die Veränderung wundern, die mit mir vorgegangen ist«, überlegte er ernstlich. Er erinnerte sich, peinlich berührt, daran, daß er ein oder zwei harmlosen und recht netten Kameraden in der rüdesten Weise gesagt hatte, sie möchten sich zum Teufel scheren. Einmal sprach ihn ein verheirateter Professor, den er früher mitunter aufgesucht hatte, im Vorübergehen an. »Wie kommt es nur, daß wir Sie nie mehr an unseren Mittwochen sehen, Kyrill Sidorowitsch?« Rasumoff war sich bewußt, daß er dieses freundliche Entgegenkommen mit einem abstoßenden, verstockten Murmeln erwidert hatte. Der Professor war augenscheinlich zu verblüfft gewesen, sich beleidigt zu fühlen. Das alles war schlimm. Und das alles war Haldin, immer Haldin – nichts als Haldin, überall Haldin: ein moralisches Gespenst, das unendlich viel schrecklicher wirkte als irgendeine sichtbare Erscheinung des Toten. Nur das Zimmer, durch das jener Unglückliche auf seinem Weg vom Verbrechen zum Tode gegangen war, schien nun das Gespenst nicht heimsuchen zu können. Nicht, daß es jemals ganz gefehlt hätte; es hatte nur keinerlei Gewalt darin. Hier hatte Rasumoff die Oberhand, im vollen Bewußtsein seiner eigenen Überlegenheit. Ein körperloses Phantom – nichts weiter.

Wenn abends seine reparierte Uhr am Tisch neben der brennenden Lampe tickte, sah Rasumoff von seiner Arbeit auf und starrte mit erwartungsvoller, doch kühler Aufmerksamkeit nach dem Bette. Nichts war dort zu sehen. Er dachte auch nie im Ernst daran, daß dort je etwas zu sehen sein könnte. Nach einer Weile zuckte er dann immer die Schultern und machte sich wieder an die Arbeit. Denn er hatte zu arbeiten angefangen, und zunächst mit einigem Erfolg. Sein Widerwille, diesen einen Platz zu verlassen, wo er vor Haldin sicher war, wurde nach und nach so stark, daß er schließlich überhaupt nicht mehr ausging. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht schrieb er, schrieb fast eine Woche lang; er sah nie nach der Zeit und warf sich einfach auf das Bett, wenn er die Augen nicht länger offenhalten konnte. Dann warf er eines Nachmittags ganz zufällig einen Blick auf die Uhr und legte langsam die Feder nieder.

»Genau um diese Stunde«, dachte er, »hat sich der Kerl ungesehen in meine Wohnung gestohlen, während ich weg war; und hat dann still wie eine Maus dagesessen – vielleicht in ebendiesem Stuhl.«

Rasumoff stand auf und begann mit ruhigen Schritten das Zimmer zu durchmessen; dabei sah er von Zeit zu Zeit nach der Uhr. »Um diese Zeit kam ich zurück und fand ihn vor dem Ofen stehen«, sagte er sich. Als es dunkel wurde, zündete er die Lampe an. Später unterbrach er sein Herumwandern noch einmal, um ärgerlich dem Dienstmädchen abzuwinken, das das Zimmer betreten und Tee und etwas zu essen bringen wollte. Bald darauf stellte er an der Uhr die Stunde fest, wo er selbst sich aufgemacht hatte zu seiner schrecklichen Irrfahrt in das Schneetreiben hinaus.

»Mitwisserschaft!« flüsterte er, nahm seine Wanderung wieder auf und behielt die beiden Zeiger scharf im Auge, die langsam der Stunde seiner Rückkehr zukrochen.

»Und schließlich«, dachte er plötzlich, »kann ich doch das erwählte Werkzeug der Vorsehung gewesen sein. Das ist vielleicht nur eine Redensart, doch warum soll nicht in jeder Redensart ein Funke Wahrheit sein? Wie, wenn ebendiese hier im Grunde wahr wäre?«

Er dachte eine Weile nach, setzte sich dann nieder, mit starrem Auge, die Beine ausgestreckt, und ließ die Arme zu beiden Seiten des Stuhles hinunterhängen, wie ein Mann, der völlig von der Vorsehung verlassen und verzweifelt ist.

Er konstatierte die Zeit von Haldins Weggang und saß noch eine weitere halbe Stunde reglos. Dann murmelte er: »Und jetzt an die Arbeit«, zog den Tisch näher, faßte die Feder, legte sie aber sofort wieder hin unter dem Druck eines lebhaften beunruhigenden Gedankens: »Da sind nun drei Wochen vergangen, und kein Wort von Mikulin!«

Was bedeutete das? War er vergessen? Möglich. Wenn ja, warum sollte er dann nicht vergessen bleiben – irgendwo unterkriechen, sich verstecken. Aber wo? Wie? Bei wem? In welchem Loch? Und sollte das für immer sein, oder wie?

Aber ein Rückzug war von schattenhaften Gefahren umdroht. Das Auge der sozialen Revolution war auf ihm, und Rasumoff fühlte einen Augenblick lang eine namenlose und verzweifelte Furcht, mit einem entsetzlichen Gefühl von Erniedrigung gemischt. War es möglich, daß er nicht länger sich selbst gehörte? Das war unerträglich. Doch warum sollte er nicht ganz wie früher weitermachen? Lernen. Es vorwärtsbringen. Hart arbeiten, als ob nichts geschehen wäre (und vor allem die Silberne Medaille gewinnen), sich auszeichnen, ein großer reformbegeisterter Diener des größten aller Staaten werden. Ein Diener auch der mächtigsten gleichartigen Masse von Menschen mit einer Fähigkeit für logische, geschickt geleitete Entwicklung in der brüderlichen Solidarität von Stärke und Wunsch, wie sich es die Welt nie hatte träumen lassen ... die russische Nation!

Im Bewußtsein dieser großen Frage fühlte er sich ruhig, entschlossen und ausgeglichen und streckte eben die Hand nach der Feder aus, als er sich zufällig nochmals nach dem Bett umsah. Er stürzte darauf zu, wütend, mit dem innerlichen Aufschrei: »Du bist es, verdammter Kerl, der mir im Weg steht!« Er warf die Kissen heftig auf den Boden, riß die Decken weg ... nichts da. Und während er sich abwandte, erblickte er einen Augenblick lang in der Luft, wie ein lebhaftes Detail in dem verschwebenden Bilde zweier Köpfe, die Augen von General T. und des Staatsrates Mikulin, nahe nebeneinander und auf ihn gerichtet, ganz verschieden im Charakter und doch mit dem gleichen unbeirrbaren, müden und dabei zweckbewußten Ausdruck ... Diener der Nation!

Rasumoff schwankte, lebhaft über sich erschrocken, zum Waschtisch, trank etwas Wasser und benetzte die Stirn. »Dies alles wird vorübergehen und keine Spur hinterlassen«, dachte er vertrauensvoll. »Ich bin ganz in Ordnung.« Die Annahme allerdings, daß man ihn vergessen haben könnte, war barer Unsinn. Von diesem Standpunkt aus war er ein Gezeichneter. Das hatte aber nichts zu sagen. Das andere vielmehr, wofür jenes elende Phantom eingestanden war, das mußte aus dem Weg geschafft werden ... »Wenn man nur hingehen und es einem von ihnen ins Gesicht speien und dann die Folgen auf sich nehmen könnte!«

Er stellte sich vor, wie er plötzlich den rotnasigen Studenten anging und ihm die Faust ins Gesicht schüttelte. »Von dem einen allerdings«, überlegte er, »ist nichts zu erreichen, weil er keine eigene Überzeugung hat. Er lebt in einem roten, demokratischen Trance. Oh, du willst dir deinen Weg zu allgemeiner Glückseligkeit erkämpfen, mein Junge; ich will dir die allgemeine Glückseligkeit anstreichen, du dummer Teufel, du verhexter! Und was ist's mit meinem eigenen Glück, ha? Habe ich kein Recht darauf, nur weil ich zufällig selbst denken kann? …«

Und wieder, wie aus einer neuen Stimmung heraus, sagte sich Rasumoff: »Ich bin jung. Alles im Leben ist zu überwinden.« In diesem Augenblick wollte er eben langsam das Zimmer durchschreiten, um sich auf das Sofa zu setzen und seine Gedanken zu sammeln. Bevor er aber noch so weit gekommen war, fiel alles von ihm ab – Hoffnung, Mut, Selbstvertrauen, Glaube an die Menschheit. Sein Herz war sozusagen mit einem Schlage leer geworden. Es war nutzlos, weiterzukämpfen. Ruhe, Arbeit, Einsamkeit und freimütige Aussprache mit seinesgleichen, dies alles war für ihn unmöglich. Alles war dahin. Sein Leben war weit, kalt und weiß wie die ungeheure Ebene des großen Rußlands unter seiner ausgleichenden Schneedecke, die sich allmählich nach allen Seiten in Schatten und Nebel verlor.

Er setzte sich mit warmem Kopf hin, schloß die Augen und blieb so kerzengerade und ganz wach den Rest der Nacht hindurch sitzen, bis das Mädchen im Vorzimmer mit dem Samowar zu lärmen begann, mit der Faust an die Tür pochte und rief: »Kyrill Sidorowitsch; bitte, es ist Zeit, aufzustehen.«

Da schlug Rasumoff die Augen auf, bleich wie ein Leichnam, der der Posaune des Jüngsten Gerichts folgt, und erhob sich.

Ich vermute, daß niemand überrascht sein wird, wenn ich sage, daß Rasumoff, als er die Aufforderung dazu erhielt, Rat Mikulin wieder besuchte. Diese Aufforderung kam an ebenjenem Morgen, während er bleich und zitterig, als sei er gerade erst von einem schweren Krankenlager aufgestanden, sich zu rasieren versuchte. Der Umschlag zeigte die Handschrift des kleinen Sachwalters. Der erste Umschlag enthielt einen zweiten, der von des Fürsten K. Hand an Rasumoff adressiert war, mit der Anmerkung: »Bitte unverzüglich unter Kuvert weitersenden.« Der inliegende Brief war von Rat Mikulin geschrieben. Dieser stellte harmlos fest, daß zwar nichts geschehen sei, was einer Aufklärung bedürfe, daß er aber trotzdem ein Zusammentreffen mit Herrn Rasumoff vorschlagen möchte, und zwar an einer bestimmten Stadtadresse, die die eines Augenarztes schien.

Rasumoff las es, rasierte sich zu Ende, zog sich an, sah wieder auf den Brief und murmelte finster: »Augenarzt.« Er brütete eine Weile darüber, rieb ein Streichholz an und verbrannte die beiden Umschläge und die Einlage sorgfältig. Dann blieb er müßig und sogar ohne auf irgend etwas Besonderes zu sehen, sitzen, wartete, bis die bestimmte Stunde gekommen war, und ging weg.

Es ist schwer zu sagen, ob er es im Hinblick auf den inoffiziellen Charakter der Aufforderung hätte unterlassen können, ihr Folge zu leisten. Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls ging er hin. Und was mehr ist, er ging mit einer gewissen Freudigkeit, die vielleicht unglaublich erscheinen mag, bis man sich daran erinnert, daß Rat Mikulin der einzige Mensch auf Erden war, mit dem Rasumoff sprechen und das Haldinsche Abenteuer als abgeschlossen betrachten konnte; und betrachtete man Haldin als abgetan, so war er nicht länger mehr ein spukendes, unheilbrütendes Gespenst. Mochte er an allen anderen Orten eine noch so beängstigende Gewalt ausüben, Rasumoff wußte sehr gut, daß er an der Adresse dieses Augenarztes einfach der gehenkte Mörder von Herrn von P. sein würde und nichts weiter. Denn die Toten können nicht mehr aufbringen als die Intensität und den Anschein von Leben, der ihnen von den Lebenden zugestanden wird. So ging also Rasumoff in der Gewißheit, Erleichterung zu finden, zu dem Zusammentreffen mit Rat Mikulin mit aller Freudigkeit, mit der ein Verfolgter jeden angebotenen Unterschlupf aufsucht.

Nach diesen Feststellungen ist es nicht nötig, noch irgend etwas über jene Aussprache und die verschiedenen Reden zu erzählen. Für die Moral der westeuropäischen Leser könnte eine Schilderung dieser Zusammenkünfte vielleicht die düstere Färbung alter Legenden tragen, in denen der böse Feind dargestellt wird, wie er mit irgendeiner versuchten Seele knifflige und verzwickte Gespräche führt. Mir steht es nicht zu, zu protestieren. Man erlaube mir nur die Feststellung, daß der Böse, dessen Leidenschaft für satanische Selbstbestätigung sein einziges Motiv ist, dennoch nach der etwas weitsichtigeren modernen Auffassung nicht ganz so schwarz ist, wie man ihn gerne malte. Mit um so größerer Nachsicht sollten wir also an die Einwertung eines bloßen Sterblichen herangehen, der zwischen vielen Leidenschaften, der steten Neigung zum Irrtum und ständig wechselnden Trieben herumgezerrt und ewig und immer von seiner kurzsichtigen Weisheit betrogen wird.

Rat Mikulin war einer jener einflußreichen Beamten, deren Stellung weder obskur noch geheimnisvoll, sondern einfach unauffällig ist und deren Wirkungskreis sich mehr auf die Methode als die Führung der Geschäfte erstreckt. Die Ergebenheit für Thron und Altar an sich ist kein verbrecherisches Gefühl. Es wäre verkehrt, daraus, daß jemand den Willen eines Einzelnen dem einer Vielheit vorzieht, auf ein schwarzes Herz oder angebornen Blödsinn schließen zu wollen. Rat Mikulin war nicht nur ein geschickter, sondern auch ein treuer Beamter. Im Privatleben war er Junggeselle mit Neigung zum Komfort; erlebte allein in einer Wohnung von fünf Zimmern, die luxuriös eingerichtet waren, und seine Vertrauten kannten ihn als begeisterten Förderer weiblicher Tanzkunst. Die breitere Öffentlichkeit hörte erst später von ihm, und zwar in der Stunde seines Sturzes, während eines jener Staatsstreiche, die den bürgerlichen Durchschnittsmenschen und Zeitungsleser verblüffen und aufstören, weil sie einen verstohlenen Einblick in ungeahnte Intrigen gewähren. Und im Wirbeltanz halbgeahnter Ungeheuerlichkeiten, diesem augenblicklichen, geheimnisvollen Aufruhr schmutziger Wasser, ging Rat Mikulin unter, während er mit würdiger Ruhe seine Unschuld beteuerte – nichts weiter. Er machte keinerlei Eröffnungen, die einer bedrängten Autokratie schaden konnten, ließ mit unwandelbarer Treue die kläglichen Arcana imperii in seiner Brust begraben sein und entfaltete so einen bürokratischen Stoizismus, der in der unauslöschlichen und fast erhabenen Verachtung eines russischen Beamten für die Wahrheit seinen Grund haben mochte; ein schweigender Stoizismus, der nur von ganz wenig Eingeweihten verstanden wurde und bei einem Sybariten einer gewissen zynischen Größe der Selbstaufopferung nicht entbehrte, denn das furchtbar harte Urteil bedeutete für Rat Mikulin einfach den bürgerlichen Tod, indem es ihn so ziemlich zum gemeinen Zwangssträfling machte.

Es scheint, als ob die blutdürstige Autokratie ebenso wie die göttliche Demokratie sich nicht nur von den Leibern ihrer Feinde nährte. Sie verschlingt ganz ebensogut ihre Freunde und Diener. Der Sturz Sr. Exzellenz Gregorjewitsch Mikulin (der erst einige Jahre später erfolgte) ist so ziemlich alles, was von dem Mann bekannt ist. Zur Zeit der Ermordung (oder Hinrichtung) des Herrn von P. jedoch erfreute sich Rat Mikulin unter dem bescheidenen Titel eines Abteilungschefs im Generalsekretariat des weitestgehenden Einflusses als Vertrauter und rechte Hand seines früheren Schulkameraden und lebenslangen Freundes, des Generals T. Man kann sich leicht vorstellen, wie die beiden den Fall des Herrn Rasumoff miteinander besprochen haben mögen, im vollen Bewußtsein ihrer unbeschränkten Macht über alles Leben in Rußland, mit tiefer Geringschätzung, wie zwei Olympier, die einem Wurm zusehen. Die Verbindung mit Fürst K. genügte, Rasumoff vor irgendeinem achtlos summarischen Verfahren zu schützen, und es ist auch ziemlich wahrscheinlich, daß man ihn nach der Unterredung im Sekretariat unbelästigt gelassen hätte. Rat Mikulin hätte ihn wohl nicht vergessen (er vergaß nie jemand, der ihm unter die Augen gekommen war), doch hätte er ihn einfach und für immer fallen lassen. Rat Mikulin war ein gutmütiger Mann und wünschte niemand zu quälen. Überdies hatte ihm, wohl auf Grund seiner eigenen Reformideen, der junge Student einen guten Eindruck gemacht, der der Sohn von Fürst K. und ganz offensichtlich durchaus kein Dummkopf war.

Wie aber das Schicksal spielt: Während Rasumoff zu dem Schluß kam, daß ihm kein Lebensweg offenblieb, wurden Rat Mikulins geheime Fähigkeiten mit der Berufung auf einen äußerst verantwortungsvollen Posten belohnt – und zwar auf den des Leiters des allgemeinen polizeilichen Überwachungsdienstes über Europa. Und als er die Vervollkommnung des Dienstes in die Hand nahm, der die revolutionäre Tätigkeit im Ausland zu überwachen hat, da erst erinnerte er sich wieder an Herrn Rasumoff. Er sah in diesem ungewöhnlichen jungen Mann mit seinem eigenartigen Temperament, seinem unfertigen Geist und dem erschütterten Gewissen, der in den Schlingen einer schiefen Situation zappelte und den er damit in gewisser Hinsicht in der Hand hatte, weitgehende Möglichkeiten für eine ganz besonders nützliche Verwendung... Es schien, als hätten die Revolutionäre selbst dieses Werkzeug in seine Hand gegeben, das so unendlich viel feiner war als die gewöhnlichen rohen Instrumente, so ganz dazu angetan (wenn man ihm nur den entsprechenden Kredit verschaffte), in Kreise einzudringen, die gewöhnlichen Spionen verschlossen waren. Die Vorsehung! Die Vorsehung! Und Fürst K., der in das Geheimnis eingeweiht wurde, zeigte sich durchaus bereit, sich dieser mystischen Anschauung anzuschließen. »Es wird aber dennoch nötig sein, ihm für später eine Karriere zu sichern«, hatte er ängstlich verlangt. – »Oh, gewiß, das soll unsere Sorge sein«, hatte Mikulin zugestimmt. Fürst K.s Mystizismus war von recht kunstloser Art, Rat Mikulin aber war schlau genug für zwei.

Dinge und Menschen haben immer einen gewissen Punkt, eine gewisse Seite, bei der man sie anpacken muß, wenn man einen festen Griff und unbedingte Herrschaft über sie zu haben wünscht. Das Genie des Rates Mikulin lag in der Geschicklichkeit, mit der er die Leute, die er brauchte, an dieser Seite zu fassen wußte. Für ihn tat es nichts zur Sache, was es war - Eitelkeit, Verzweiflung, Liebe, Haß, Habgier, intelligenter Stolz oder dumme Selbstgefälligkeit –, alles war ihm recht, wenn der Mann nur dienstbar gemacht werden konnte. Dem unbekannten, verbindungslosen jungen Studenten Rasumoff wurde in einem Augenblick großer moralischer Vereinsamung zu verstehen gegeben, daß eine Gruppe hochgestellter Persönlichkeiten sich für ihn interessierte. Fürst K wurde dazu überredet, persönlich zu vermitteln, und ließ bei einer bestimmten Gelegenheit einer männlichen Rührung freien Lauf, die Herrn Rasumoff um so mehr außer sich brachte, als er sie in keiner Weise erwartet hatte. Daß dieser Mann, in dem die Königstreue und verdrängte Vatergefühle arbeiteten, ihn plötzlich umarmte, das bedeutete für Rasumoff die Enthüllung neuer Gefühlszentren in seinem eigenen Innern.

»Das war es also«, sagte er sich. Eine Art geringschätziger Zärtlichkeit besänftigte die trübe Ansicht, die sich der junge Mann von seinem Leben gebildet hatte, während er nun jene bewegte Unterredung mit dem Fürsten K. überdachte. Dieser einfache, weltliche Exgardeoffizier und Senator, dessen weicher, grauer, konventioneller Backenbart seine Wange gestreift hatte, sein aristokratischer und überzeugter Vater – war er um einen Deut schätzenswerter oder törichter als jener halbverhungerte fanatische Revolutionär, der rotnasige Student?

Neben diesen Überredungskünsten gab es aber noch einen anderen Druck. Man ließ Herrn Rasumoff immer wieder fühlen, daß er sich kompromittiert hatte. Vor diesem Gefühl gab es kein Entrinnen, vor diesem sanften und nicht zu beantwortenden »Wohin?« des Rat Mikulin. Dabei schonte man seine Empfindlichkeit in jeder Weise. Man brauchte ihn für eine gefährliche Mission nach Genf, um in einem kritischen Moment unbedingt zuverlässige Informationen aus einem unzugänglichen revolutionären Zentrum zu erhalten. Es gab Anzeichen dafür, daß ein sehr weitgehender Anschlag vorbereitet wurde ... Die Ruhe, die für ein großes Land unerläßlich ist, stand auf dem Spiel ... Eine große Reihe von Reformen, die die Regierung in Vorbereitung hatte, war in Gefahr... Die höchsten Persönlichkeiten im Lande waren lebhaft besorgt, und so weiter. Kurz und gut, Rat Mikulin wußte, was er zu sagen hatte. Seine große Geschicklichkeit erhellt eindeutig genug aus der Beichte oder vielmehr der Selbstanalyse, die Herr Rasumoff in seinem Tagebuch hinterlassen hat – dieser erbarmungswürdigen Ausflucht eines jungen Menschen, der keinen vertrauten Freund, keine Zuneigung hatte, in die er sich hätte retten können.

Es ist überflüssig, zu erzählen, wie alle diese Vorarbeiten der Beobachtung entzogen wurden. Es genügt, an die Geschichte mit dem Augenarzt zu erinnern. Rat Mikulin war um Ausreden nicht verlegen, und die Aufgabe war nicht allzuschwer. Kein Student, auch nicht der mit der roten Nase, konnte irgend etwas darin finden, daß Herr Rasumoff in ein Miethaus ging, um einen Augenarzt zu konsultieren. Der schließliche Erfolg hing lediglich von der Selbsttäuschung ab, der sich die Revolutionäre hingaben, indem sie an eine geheimnisvolle Mitwisserschaft Rasumoffs in der Haldin-Affäre glaubten. In dieser Sache kompromittiert zu sein, war Kredit genug – und das war ihr eigenes Werk. Und gerade dieses Renommee ließ Rasumoff als ein Werkzeug der Vorsehung erscheinen, himmelweit verschieden von den landläufigen Agenten für »Europäischen Überwachungsdienst«.

Und das Sekretariat ließ es sich angelegen sein, dieses Renommee weiter zu vertiefen, durch eine Reihe berechneter und falscher Indiskretionen.

Es kam schließlich so weit, daß Herr Rasumoff eines Abends unerwartet den Besuch eines der »denkenden« Studenten erhielt, den er früher, vor der Haldin-Affäre, bei verschiedenen privaten Zusammenkünften zu treffen pflegte; ein großer Bursche mit ruhigem, unauffälligem Benehmen und einer angenehmen Stimme.

Als er die Stimme erkannte, die im Vorzimmer laut fragte: »Kann man hineinkommen?«, sprang Rasumoff, der müßig auf dem Sofa gelegen hatte, auf. »Vielleicht kommt er, um mich umzubringen«, dachte er spöttisch, setzte schnell einen grünen Schirm über sein linkes Auge und rief in strengem Tone: »Herein!«

Der andere war befangen und sprach die Hoffnung aus, daß er nicht störe.

»Sie waren einige Tage nicht zu sehen, und das wunderte mich.« Er hustete leicht. »Das Auge besser?«

»Beinahe gut.«

»Ist recht. Im bleibe nur einen Augenblick. Aber sehen Sie, im oder vielmehr wir – kurz und gut, ich habe die Aufgabe übernommen, Sie zu warnen, Kyrill Sidorowitsch, da Sie sich scheinbar in unangebrachter Sicherheit fühlen.«

Rasumoff saß still, stützte den Kopf in die Hand und verbarg so auch das Auge, über das er keinen Schirm trug.

»Auch ich habe das Gefühl.«

»Dann ist alles in Ordnung. Vorderhand scheint alles ruhig, aber die Kerle bereiten irgendeinen neuen Anlauf zu allgemeiner Unterdrückung vor. Das wäre ja nicht weiter verwunderlich, und ich bin auch nicht gekommen, um Ihnen gerade das zu erzählen.« Er rückte seinen Stuhl näher und senkte die Stimme. »Sie werden in Kürze verhaftet werden, fürchten wir.«

Ein obskurer Schreiber im Sekretariat hatte ein paar Worte eines gewissen Gesprächs belauscht und einen Blick in einen gewissen Akt geworfen. Dieser Bericht durfte nicht zu leicht genommen werden.

Rasumoff lachte ein wenig, und sein Besucher schien lebhaft beunruhigt.

»Oh, Kyrill Sidorowitsch, dabei gibt es nichts zu lachen. Man hat Sie eine Weile ungeschoren gelassen, aber ...! Wirklich, Sie täten besser daran, das Land zu verlassen, Kyrill Sidorowitsch, solange es noch Zeit ist.«

Rasumoff sprang auf und begann ihm für den guten Rat mit spöttischer Redseligkeit zu danken, so daß der andere sich errötend empfahl und die Überzeugung mitnahm, daß dieser vertrackte Rasumoff nicht der Mensch war, der von untergeordneten Sterblichen gewarnt oder beraten werden konnte.

Als Rat Mikulin am nächsten Tag von dem Vorfall erfuhr, zeigte er sich lebhaft befriedigt: »Hm! Ha! Hm! Gerade, was wir wünschten ... « Und sah über seinen Bart hinunter.

»Ich schließe daraus«, sagte Rasumoff, »daß der Moment gekommen ist, wo ich meine Reise anzutreten habe.«

»Der psychologische Moment«, betonte Rat Mikulin sanft und sehr ernst, beinahe ehrfürchtig.

Es wurden alle Vorbereitungen getroffen, um den Anschein einer schwierigen Flucht möglichst getreu zu wahren. Rat Mikulin erwartete nicht, Herrn Rasumoff vor seiner Abreise noch zu sehen. Diese Zusammenkünfte waren gewagt, und es gab nichts weiter zu besprechen.

»Wir haben einander nun alles gesagt, Kyrill Sidorowitsch«, bemerkte der hohe Beamte gefühlvoll und drückte dabei Rasumoffs Hand mit der rückhaltlosen Herzlichkeit, die Russen so leicht in ihr Benehmen bringen können. »Es gibt nichts Unaufgeklärtes mehr zwischen uns, und ich will Ihnen eines sagen, ich betrachte es als ein Glück für mich, daß ich Ihre, hm ... «

Er sah über seinen Bart hinunter und händigte nach einem kurzen nachdenklichen Schweigen Rasumoff einen halben Bogen Aktenpapier ein – ein kurzer Überblick über die bereits besprochenen Fragen, ein paar Punkte, die aufzuklären waren, das Vorgehen, auf das man sich geeinigt hatte, ein paar Winke über Persönlichkeiten, und so weiter. Es war das einzige kompromittierende Dokument in diesem Fall, aber, wie Rat Mikulin bemerkte, es war leicht zu vernichten. Herr Rasumoff sollte jetzt lieber niemand mehr sehen – erst jenseits der Grenze, wo es ja natürlich angebracht war … hören, sehen und ...

Er sah über seinen Bart hinunter. Als aber Rasumoff erklärte, daß er die Absicht habe, wenigstens eine Person noch zu sehen, bevor er St. Petersburg verließ, da konnte Rat Mikulin eine leichte Unruhe nicht verbergen. Das arbeitsreiche, einsame und vorwurfsfreie Leben des jungen Menschen war ihm wohl bekannt. Es bildete mit eine Gewähr für seine Befähigung. Der Beamte verlegte sich aufs Bitten. Hatte sein lieber Kyrill Sidorowitsch wohl auch bedacht, ob es im Hinblick auf das gewaltige Unternehmen nicht wirklich besser wäre, jedes Gefühl zu opfern ...

Rasumoff schnitt diese Vorstellungen kurz ab. Es war keine junge Frau, es war ein junger Dummkopf, den er aus einem bestimmten Grunde zu sehen wünschte. Rat Mikulin fühlte sich erleichtert, aber überrascht.

»Ah! Und warum denn wohl?«

»Um die Wahrscheinlichkeit noch zu erhöhen«, sagte Rasumoff kurz, aus dem Wunsch heraus, seine Unabhängigkeit zu betonen. »Ich muß verlangen, daß man mir traut.«

Rat Mikulin gab taktvoll nach und murmelte: »O gewiß, Ihr Urteil ... «

Und mit einem neuerlichen Händedruck trennten sie sich.

Der Dummkopf, an den Rasumoff gedacht hatte, war der reiche und frohlaunige Student, der unter dem Namen »der tolle Kostja« bekannt war. Da er brauseköpfig, geschwätzig und leicht erregbar war, so konnte man sich beruhigt auf seine völlige Indiskretion verlassen. Als ihn aber Rasumoff an sein früheres Dienstangebot erinnerte, verfiel der heitere Bursche aus seiner gewöhnlichen sprudelnden Laune in die größte Betrübnis.

»Oh, Kyrill Sidorowitsch, mein liebster Freund, mein Gold, was soll ich tun. Ich habe gestern nacht alles, was ich von meinem Vater neulich bekommen hatte, bis auf den letzten Rubel hinausgeschmissen. Können Sie mir nicht bis Donnerstag Zeit lassen? Ich will alle Wucherer abklappern, die ich kenne ... Nein, natürlich, Sie können nicht. Sehen Sie mich nicht so an! Was soll ich tun? Es hat keinen Zweck, den Alten zu fragen. Ich sage Ihnen, er hat mir vor drei Tagen eine Handvoll großer Noten gegeben. Verdammter Esel, der ich bin!«

Er rang verzweifelt die Hände. Ganz unmöglich, an den Alten auch nur zu denken. »Sie« hatten ihm einen Orden gegeben. Erst im letzten Jahr. Ein Kreuz, um den Hals zu tragen, und seither verfluchte er die modernen Bestrebungen. Und würde lieber alle Intellektuellen in Rußland in einer Reihe gehenkt sehen, als sich von einem einzigen Rubel trennen.

»Kyrill Sidorowitsch, warten Sie einen Augenblick. Verachten Sie mich nicht. Ich hab's. Ich will – ja – ich will es tun `ich will seinen Schreibtisch erbrechen. Es bleibt kein anderer Weg. Ich kenne die Schublade, wo er seinen Plunder aufhebt, und ich kann auf dem Heimweg ein Brecheisen kaufen. Er wird ja natürlich ganz verzweifelt sein, aber Sie müssen wissen, der liebe, alte Kerl hat mich wirklich gern. Er wird es eben verwinden müssen – und ich auch. Kyrill, meine liebe Seele, wenn Sie nur ein paar Stunden warten können, bis heute abend, dann will ich den ganzen gesegneten Haufen stehlen, der mir unter die Hände kommt. Sie glauben mir nicht! Warum denn? Sie brauchen nur ein Wort zu sagen.«

»Stehlen Sie, unbedingt«, sagte Rasumoff und sah ihn starr an.

»Zum Teufel mit den zehn Geboten«, schrie der andere in der höchsten Erregung. »Die neue Zukunft bricht an.«

Als er aber spät abends in Rasumoffs Zimmer trat, da zeigte er ein ungewöhnlich gesetztes, fast feierliches Benehmen.

»Es ist getan«, sagte er.

Rasumoff saß vornübergebeugt und ließ die gefalteten Hände zwischen die Knie hängen; bei dem vertrauten Klang dieser Worte schauderte er zusammen. Kostja legte im Lichtkreis der Lampe langsam ein Paket nieder, das in braunes Papier gewickelt und mit einem Stück Bindfaden umschnürt war.

»Wie ich gesagt habe – alles, was mir unter die Hände kam. Der alte Knabe wird glauben, daß das Ende der Welt gekommen ist.«

Rasumoff nickte vom Sofa her und beobachtete mit boshafter Freude den Ernst dieses Burschen mit seinem Spatzengehirn.

»Ich habe mein kleines Opfer gebracht«, seufzte der tolle Kostja, »und habe Ihnen zu danken, Kyrill Sidorowitsch, daß Sie mir die Gelegenheit dazu geboten haben.«

»Ist es Ihnen schwer gefallen?«

»O ja, gewiß. Sehen Sie, der liebe, alte Kerl hat mich wirklich gern, es wird ihm weh tun.«

»Und Sie glauben alles, was die andern Ihnen von der neuen Zukunft und dem heiligen Willen des Volkes erzählen?«

»Unbedingt. Ich wollte mein Leben lassen ... Nur sehen Sie, ich bin wie ein Schwein am Trog. Ich bin zu nichts gut. Das ist meine Natur.«

Rasumoff, in Gedanken verloren, hatte seine Anwesenheit vergessen, bis ihn die Stimme des Jungen, der ihn dringend bat, ohne jeden Zeitverlust zu fliehen, unliebsam aufschreckte.

»Ganz recht. Nun also – leben Sie wohl.«

»Ich will Sie nicht verlassen, bevor ich Sie nicht aus St. Petersburg herausgebracht habe«, erklärte Kostja plötzlich mit ruhiger Entschlossenheit. »Das können Sie mir nun nicht abschlagen. Um Gottes willen, Kyrill, meine Seele, die Polizei kann jeden Augenblick hier sein, und wenn Sie ihr in die Hände fallen, dann wird man Sie irgendwo für Jahrzehnte einmauern – bis Ihr Haar grau wird. Ich habe unten vorm Haus den besten Traber aus meines Vaters Stall vor einem leichten Schlitten stehen. Wir können dreißig Meilen fahren, bevor der Mond untergeht, und irgendeine kleine Station finden ... «

Rasumoff blickte erstaunt auf. Die Reise war beschlossen und unvermeidlich. Er hatte den Aufbruch zu seiner Mission für den nächsten Tag festgesetzt, und nun bemerkte er plötzlich, daß er nicht daran geglaubt hatte. Er war herumgegangen, hatte über seine simulierte Flucht gesprochen, nachgedacht, sich vorreden lassen, in der ständig wachsenden Überzeugung, daß dies alles widersinnig sei. Als ob irgend jemand solche Sachen täte! Es war wie ein Versteckspiel. Und nun war er verblüfft. Da war also jemand, der mit verzweifeltem Ernst daran glaubte. »Wenn ich nicht jetzt gehe, sofort«, dachte Rasumoff mit plötzlicher Angst, »dann werde ich nie gehen.«

Er erhob sich wortlos, und der besorgte Kostja setzte ihm die Mütze auf und half ihm in seinen Mantel, sonst hätte er wohl das Zimmer bloßköpfig, wie er war, verlassen. Er schritt schweigend hinaus, als ihn ein scharfer Ruf zum Stehen brachte.

»Kyrill!«

»Was?« Er wandte sich widerstrebend im Türrahmen um. Kostja stand kerzengerade mit verzerrtem, bleichem Gesicht da und wies mit ausgestrecktem Arm stumm und vielsagend auf das kleine, braune Paket, das vergessen in dem hellen Lichtkreis auf dem Tisch lag. Rasumoff zögerte und kam schließlich unter dem strengen Blick seines Begleiters, dem er zuzulächeln versuchte, zurück. Der knabenhafte tolle Junge machte aber ein finsteres Gesicht. »Es ist ein Traum«, dachte Rasumoff, während er das kleine Paket in die Tasche steckte und die Stiegen hinunterging. »Kein Mensch tut so etwas.« Der andere stützte ihn unter dem Arm, warnte ihn flüsternd vor Gefahr und gab ihm Verhaltungsmaßregeln für mögliche Situationen. »Widersinnig«, murmelte Rasumoff, als er im Schlitten verstaut wurde. Er begann nun die weitere Entwicklung des Traumes mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Alles verlief durchaus programmgemäß, mit unendlicher Logik – die lange Fahrt, die Wartezeit auf einer kleinen Station neben einem Ofen. Sie wechselten keine sechs Worte miteinander. Kostja, der selbst düster gestimmt war, versuchte nicht das Schweigen zu brechen. Zum Abschied umarmten sie sich zweimal – es mußte sein; und dann verschwand Kostja aus dem Traum.

Als der Tag anbrach, erwachte Rasumoff in einem heißen dunstigen Eisenbahnwagen, der seiner ganzen matt erleuchteten Länge nach mit Bettzeug und schlafenden Leuten angefüllt war, erhob sich ruhig, ließ das Fenster ein wenig herunter und warf ein kleines braunes Paket auf die große Schneefläche hinaus. Dann setzte er sich wieder nieder und verharrte reglos. Die große weiße Wüste hartgefrorener Erde glitt an seinen Augen vorüber, ohne irgendein Anzeichen menschlicher Behausung.

Das war ein kurzes Erwachen gewesen; und dann hatte ihn der Traum wieder: Preußen, Sachsen, Württemberg, Gesichter, Eindrücke, Worte – alles ein Traum, der mit ärgerlicher gereizter Aufmerksamkeit verfolgt wurde, Zürich, Genf – immer noch ein Traum, sorgfältig beobachtet, der einen zu rauhem Lachen, zur Wut reizen oder töten konnte. Und dabei die ewige Angst vor einem endlichen Erwachen ...

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