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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 12
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pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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4

Rasumoff fühlte sich verwirrt, weil er des Grundes nicht sicher war, auf dem er stand. Er wandte rasch den Kopf und sah auf der entgegengesetzten Straßenseite zwei Männer. Da diese sich von Sofia Antonowna bemerkt sahen, kamen sie sofort herüber und gingen hintereinander durch die kleine Tür neben dem leeren Pförtnerhaus. Sie sahen den Fremden scharf, doch ohne Mißtrauen an, da die rote Bluse eine hinlängliche Legitimation war. Der erste, mit großem haarlosem Gesicht und Doppelkinn, einem vorspringenden Bauch, den er bedächtig in einem straff gespannten Überrock vor sich herzutragen schien, nickte nur kurz und wandte rasch die Augen weg; sein Begleiter – mager, gerötete Backenknochen, ein militärisch gestutzter roter Schnurrbart unter einer scharf vorspringenden Nase – trat ohne weiteres auf Sofia Antonowna zu und begrüßte sie herzlich. Seine Stimme war sehr stark, doch undeutlich. Sie klang wie ein tiefes Summen. Die Frau zeigte eine ruhige Freundlichkeit... »Dies ist Rasumoff«, sagte sie mit klarer Stimme.

Der magere Ankömmling fuhr hastig herum.

»Er wird mich umarmen wollen«, dachte unser junger Mann mit einem tiefen Zurückbeben seines ganzen Wesens, während seine Glieder zu schwer schienen, um sich rühren zu können. Aber der Schreck war unnötig. Er hatte es nun mit einer Generation von Verschwörern zu tun, die einander nicht auf beide Wangen küßt. Er hob einen Arm, der wie von Blei schien, und ließ seine Hand in eine weit ausgestreckte Pranke fallen, fleischlos und heiß, wie vom Fieber ausgedörrt, die ihm in einem knochigen Druck zu sagen schien: »Zwischen uns braucht es keine Worte.«

Der Mann hatte große, weit offene Augen. Rasumoff glaubte hinter ihrer Trauer ein Lächeln zu entdecken.

»Dies ist Rasumoff«, wiederholte Sofia Antonowna laut, um auch von dem fetten Mann gehört zu werden, der aus einiger Entfernung die Wucht seines Bauches wirken ließ.

Niemand rührte sich. Alle die Worte, die Stellungen, die Bewegungen und die Reglosigkeit schienen Phasen eins Experiments, dessen Ergebnis darin gipfelte, daß eine dünne Stimme mit komischer Verdrießlichkeit hauchte:

»O ja, Rasumoff. Wir haben monatelang von nichts als von Herrn Rasumoff gehört. Ich für mein Teil gestehe, daß ich lieber Haldin auf diesem Fleck gesehen hätte als Herrn Rasumoff.«

Der kreischende Nachruck, den er auf den Namen Rasumoff – Herrn Rasumoff – legte, fuhr schrill ins Ohr wie das Falsett irgendeines Zirkusclowns, der einen Trick beginnt. Rasumoffs erste Antwort war Staunen, das plötzlich in Entrüstung überging.

»Was soll das?« fragte er in hartem Ton.

»Zut! Dummheiten! Er ist immer so.« Sofia Antonowna ärgerte sich offenbar. Dabei ließ sie aber zur Erklärung das Wort »Necator« fallen, eben laut genug, um von Rasumoff verstanden zu werden. Das abgerissene Kreischen des dicken Mannes schien aus der Art Ballon herzukommen, den er unter seinem Überrock trug. Das Massige seiner Erscheinung, die großen Füße, die leblos herabhängenden Hände, die ungeheuren, blutleeren Wangen, die dünnen Haarsträhnen, die über dem fetten Nacken lagen, dies alles brachte Rasumoff auf die Kippe zwischen Grauen und Lachen.

Nikita mit dem Beinamen »Necator«. Rasumoff hatte von ihm gehört. Er hatte, seitdem er die Grenze gekreuzt hatte, so viel von diesen Größen unter den revolutionären Streitern gehört. Die Legenden, Geschichten und authentischen Berichte, die dann und wann bruchstückweise einer halb ungläubigen Welt vor Augen kommen. Rasumoff hatte von ihm gehört. Man sagte von ihm, er habe mehr Gendarmen und Polizeiagenten getötet als irgendein anderer lebender Revolutionär. Er war mit Hinrichtungen betraut worden.

Ein Zettel mit den Buchstaben N. N. war sein Handwerkszeichen. Dies wahrhafte Pseudonym des Mordes hatte man an die durchbohrte Brust eines gewissen bekannten Spitzels angeheftet gefunden; das pittoreske Detail »Im Auftrag des Komitees - N. N.« Ein Zipfel des Vorhanges war gelüpft, um die Einbildungskraft der gaffenden Welt zu verblüffen. Man erzählte sich, daß er ungezählte Male in Rußland ein- und ausgegangen sei, der Necator von Bürokraten, von Provinzgouverneuren, von unbekannten Spitzeln. Zwischendurch lebte er, wie Rasumoff gehört hatte, an den Ufern des Comersees mit einer entzückenden jungen Frau, die der Sache ergeben war, und zwei kleinen Kindern. Aber wie konnte nur dieses Geschöpf, das so grotesk war, daß Stadthunde bei seinem bloßen Anblick zu kläffen anfangen mußten, auf diesen todbringenden Irrfahrten herumziehen und den Fangnetzen der Polizei entgehen?

»Was nun, was nun?« krähte die Stimme. »Ich bin nur aufrichtig. Es wird nicht bestritten, daß der andere der führende Geist war. Nun gut, es wäre besser gewesen, wenn er uns erhalten geblieben wäre. Nützlicher. Ich bin kein Sentimentalist. Sag', was ich denke ... nur natürlich.«

Bei all diesem Krähen, Quieken, Kreischen keine Geste, keine Regung – das schauerlich burleske Schauspiel beruflicher Eifersucht. Der Mann mit dem düster anlautenden Spitznamen, dieser Vollstrecker revolutionärer Urteile, der furchtbare N. N., regte sich wie ein fashionabler Tenor über die Aufmerksamkeit auf, die ein unbekannter Amateur mit seiner Leistung erweckte. Sofia Antonowna zuckte die Schultern. Der Kamerad mit dem kriegerischen roten Schnurrbart eilte auf Rasumoff zu, und aus seiner tief summenden Stimme klangen die versöhnlichsten Absichten.

»Hol ihn der Teufel! Und hier noch dazu, auf der Straße sozusagen. Aber Sie sehen selbst, wie es ist. Eine seiner phantastischen Schrullen, ganz ohne jede Bedeutung.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht«, rief Rasumoff und schlug eine endlose Lache auf. »Reden wir nicht davon.« Dem anderen flammte die hektische Röte wie ein Brandmal auf den Wangen; er stand einen Augenblick starr und begann dann ebenfalls zu lachen. Rasumoffs Heiterkeit erstarb mit einemmal, und er trat einen Schritt vor.

»Genug davon«, begann er mit klarer schneidender Stimme, obwohl er kaum das Zittern seiner Knie meistem konnte. »Ich will nichts weiter davon hören. Ich werde niemand erlauben ... Ich sehe sehr gut, wo Sie mit diesen Anspielungen hinauswollen. Verhören Sie mich, stellen Sie mich auf die Probe! Darauf lasse ich es ankommen, aber ich lasse nicht mit mir spielen.«

Er hatte schon früher solche Worte gesprochen. Er war gezwungen worden, sie anderen Verdächtigungen entgegenzuschreien. Es war ein höllischer Kreislauf, der diesen Protest immer wieder wie eine leidige Notwendigkeit seiner Existenz herbeiführte. Aber es hatte keinen Wert. Man würde immer mit ihm spielen. Glücklicherweise dauerte das Leben nicht ewig.

»Ich will es nicht haben«, brüllte er und schlug mit der Faust in die hohle Hand.

»Kyrill Sidorowitsch, was kommt über Sie?« mischte sich die Revolutionärin mit Autorität ein. Alle sahen auf Rasumoff. Der Gendarmentöter hatte sich umgewendet und präsentierte seinen ungeheuren Bauch en face, wie einen Schild.

»Schreien Sie nicht, es gehen Leute vorüber.« Sofia Antonowna fürchtete einen neuen Ausbruch. Ein Dampfboot von Monrepos hatte an dem Landungssteg gegenüber dem Tore angelegt, ohne daß sein Pfeifen und das Klatschen der Schaufeln bemerkt worden wäre; es setzte eine kleine Schar von Passagieren an Land, die nun ihre verschiedenen Wege gingen. Nur ein Typ in Kniehosen, der wie ein verfrühter Tourist aussah und von weitem durch ein quietschneues ledernes Feldstecherfutteral auffiel, zögerte einen Augenblick. Er schien in den vier Leuten, die da hinter dem rostigen Eisentor in dem scheinbar verwilderten Privatgarten standen, etwas Ungewöhnliches zu wittern. Oh, hätte er nur gewußt, was ihm der gemeine Reisezufall da in den Weg geführt hatte! Aber er war ein gut erzogener Mensch; er wandte den Blick ab, ging mit kurzen Schritten die Avenue hinunter und schien nach einer Straßenbahn auszuspähen.

Auf eine Handbewegung Sofia Antonownas – »überlaßt ihn mir« – waren die beiden Männer verschwunden; das Summen der undeutlichen Stimme wurde schwächer und schwächer, und das hell gekrähte »Oh, nun? was ist dabei?« klang in der Entfernung wie das Quietschen eines Spielzeugs. Sie hatten ihn der Frau überlassen. Es gab so viele Dinge, die man beruhigt der Erfahrung Sofia Antonownas überlassen konnte. Auf einmal wandten sich ihre schwarzen Augen Rasumoff zu, und ihr Verstand versuchte, jenem Ausbruch auf den Grund zu kommen. Er hatte etwas zu bedeuten. Niemand kommt als aktiver Revolutionär zur Welt. Der Umschwung vollzieht sich stürmisch mit der Gewalt einer plötzlichen Berufung, bringt hinsterbende Zweifel mit sich, bejahende Gewaltakte, eine Erschütterung des gesamten seelischen Gleichgewichtes, bis der Bekehrte endlich in der starren Festigkeit der Überzeugung zur Ruhe kommt. Sie hatte gesehen – oft nur erraten –, wie Scharen dieser jungen Männer und Frauen seelische Krisen durchmachten. Dieser junge Mann sah aus wie ein verdrossener Egotist. Und überdies war das hier ein besonderer, ein einzig dastehender Fall. Nie war ihr eine Individualität vorgekommen, die sie so stark interessiert und überrascht hätte.

»Nehmen Sie sich in acht, Herr Rasumoff, mein lieber Freund. Wenn Sie so fortmachen, werden Sie verrückt. Sie sind wütend auf jedermann und verbittert gegen sich selbst und ewig auf der Suche nach etwas, womit Sie sich quälen können.«

»Es ist unerträglich!« Rasumoff konnte nur keuchend sprechen. »Sie müssen zugeben, daß mir keine Illusionen über die Einstellung bleiben, die ... es ist nicht klar ... oder vielmehr ... nur zu klar ... «

Er machte eine Geste der Verzweiflung. Nicht der Mut fehlte ihm. Die erstickenden Dämpfe der Lüge würgten ihn in der Kehle – der Gedanke, dazu verdammt zu sein, fort und fort in dieser vergifteten Atmosphäre weiterzuleben, ohne die Hoffnung, jemals seine Kräfte durch einen Atemzug frischer Luft erneuern zu können.

»Sie brauchen ein Glas kaltes Wasser.« Sofia Antonowna sah über den Park nach dem Hause hin, schüttelte den Kopf und sah dann zum Tor hinaus auf den friedlich erstrahlenden See. Mit einem halb komischen Achselzucken verzichtete sie angesichts dieses Überschusses auf das Gegenmittel.

»Sie sind es, liebe Seele, der sich immer gegen etwas wirft, das nicht existiert. Was ist es? Selbstvorwurf oder was? Es ist töricht. Sie hätten nicht hingehen und sich selbst anzeigen können, weil Ihr Kamerad gefangen wurde.«

Sie versuchte es längere Zeit hindurch mit vernünftigen Vorstellungen. Über seinen Empfang habe er sich nicht zu beklagen. Über jeden Neuangekommenen wurde mehr oder weniger diskutiert. Jeder einzelne mußte erst völlig erkannt sein, bevor er zugelassen wurde. Niemandem, so weit sie denken konnte, war vom ersten Augenblick an so viel Vertrauen entgegengebracht worden. Bald, sehr bald, eher vielleicht, als er erwartete, würde man ihm die Möglichkeit geben, seine Ergebenheit für die heilige Aufgabe, die Schande auszulöschen, in Taten zu beweisen.

Rasumoff hörte schweigend zu und dachte: »Vielleicht versucht sie, meine Gedanken einzuschläfern. Andererseits liegt es ja wieder auf der Hand, daß die Mehrzahl von ihnen Narren sind.«

Er trat ein paar Schritte zurück, kreuzte die Arme über der Brust und lehnte sich gegen den Steinpfeiler des Tores.

»Was bei dem Schicksal dieses armen Haldin unaufgeklärt bleibt« ... Sofia Antonowna verfiel in eine derartig langsame Sprechweise, daß Rasumoff sie wie das tropfenweise Fallen geschmolzenen Bleies empfand –, »was das anlangt – obwohl niemals auch nur angedeutet wurde, daß Ihr Benehmen aus Angst oder Nachlässigkeit nicht ganz so gewesen sei, wie es zu wünschen gewesen wäre –, da habe ich eine Ahnung ... «

Rasumoff konnte sich nicht enthalten, den Kopf zu heben, und Sofia Antonowna nickte leicht.

»Die habe ich. Erinnern Sie sich an den Brief aus St. Petersburg, den ich Ihnen kurz vorher erwähnte?«

»Den Brief? Gewiß. Irgendein Wichtigkeitskrämer hat Ihnen mein Benehmen an einem gewissen Tage geschildert. Das ist recht widerwärtig. Ich stelle mir vor, daß unsere Polizei höchlich erbaut ist, wenn sie diese interessanten und – und – überflüssigen Briefe öffnet.«

»Lieber Gott, nein. Die Polizei bekommt unsere Briefe nicht so leicht in die Hände, wie Sie glauben. Der Brief, von dem wir sprachen, kam nicht aus St. Petersburg vor dem Eisgang. Er ging mit dem ersten englischen Dampfer, der in diesem Frühjahr aus der Newa auslief. Der hatte einen Heizer an Bord – einen der Unseren. Der Brief ist mir von Hull aus zugekommen ... « Sie unterbrach sich, wie überrascht von Rasumoffs finsterem, starrem Blick, fuhr aber gleich fort und viel rascher:

»Wir haben da ein paar unserer Leute, die ... aber das tut nichts zur Sache. Der Briefschreiber erwähnte einen Vorfall, der seiner Ansicht nach vielleicht mit Haldins Verhaftung in Bezug stehen könnte. Ich wollte Ihnen eben davon erzählen, als die beiden Leute ankamen.«

»Das war auch ein Vorfall«, murmelte Rasumoff, »der angenehmsten Art – für mich.«

»Lassen Sie das«, rief Sofia Antonowna aus. »Niemand kümmert sich um Nikitas Kläffen. Er ist nicht bösartig. Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe. Vielleicht können Sie mir etwas aufklären. Es gab in St. Petersburg eine Art Stadtbauern - einen Mann, der Pferde besaß. Er kam vor Jahren in die Stadt, um bei irgendeinem Verwandten als Kutscher zu dienen, und brachte es schließlich zu einem oder zwei Gespannen.«

Sie hätte sich die leichte Anstrengung der Geste »Warten Sie« gern ersparen können. Rasumoff dachte nicht daran, zu sprechen. Er hätte sie jetzt nicht unterbrechen können. Nicht ums Leben. Die Zusammenziehung seiner Gesichtsmuskeln war unwillkürlich gewesen, rein oberflächlich, und ließ seine gespannte Aufmerksamkeit unberührt.

»Er war kein gewöhnlicher Mann seiner Klasse, scheint es«, fuhr sie fort. »Die Leute aus dem Hause – mein Berichterstatter hat mit vielen von ihnen gesprochen –, Sie wissen ja, eines jener ungeheuren Häuser voll Schande und Elend ... «

Sofia Antonowna hätte sich über den Charakter des Hauses nicht weiter zu verbreiten brauchen. Rasumoff sah deutlich, wie sich hinter ihr ein dunkles Bauwerk auftürmte, in Schneeflocken gehüllt, mit der langen Fensterreihe des Speisehauses, die nahe am Boden durch das Dunkel glänzte. Die Bilder jener Nacht verfolgten ihn. Er hielt ihnen wütend und doch müde stand.

»Hat der arme Haldin zufällig jemals mit Ihnen von jenem Haus gesprochen?« wollte Sofia Antonowna wissen.

»Ja.« Während Rasumoff diese Antwort gab, fragte er sich, ob er damit wohl in die Falle geraten sei. Es war so erniedrigend, diese Leute anzulügen, daß er wahrscheinlich nicht die Kraft gehabt hätte, nein zu sagen. »Er erwähnte mir einmal«, fuhr er fort, als dächte er angestrengt nach, »ein Haus dieser Art. Er pflegte ein paar Arbeiter dort zu besuchen.«

Sofia Antonowna triumphierte. Ihr Korrespondent hatte diese Tatsache ganz zufällig aus dem Gespräch der Hausleute erfahren, nachdem er sich mit dem Arbeiter angefreundet hatte, der dort wohnte. Sie beschrieben Haldin vollständig richtig. Er habe tröstende hoffnungsvolle Worte in ihr Elend gebracht. Er sei unregelmäßig gekommen, aber sehr oft, und wie ihr Korrespondent schrieb, habe er mitunter eine Nacht in dem Hause zugebracht und in einem Stall geschlafen, der auf den Innenhof ging. »Beachten Sie das, Rasumoff! In einem Stall!«

Rasumoff hatte mit einer Art grausamen Vergnügens zugehört.

»Ja, in der Streu. Das war wahrscheinlich der reinlichste Fleck im ganzen Hause.«

»Ohne Zweifel«, stimmte die Frau zu, mit dem starken Stirnrunzeln, das ihre schwarzen Augen noch näher zusammenzuziehen schien. Kein vierfüßiges Tier könnte den Schmutz und das Elend ertragen, zu denen so viele Leute in Rußland verdammt sind. Das wichtige an dieser Entdeckung war der Beweis, daß Haldin mit jenem demokratischen Fuhrmann bekannt gewesen war – einem rücksichtslosen, unabhängig frei lebenden Burschen, den die anderen Anwohner nicht sonderlich liebten. Man glaubte von ihm, daß er das Mitglied einer Einbrecherbande gewesen sei. Einige davon waren verhaftet worden. Nicht gerade während er sie fuhr, doch immerhin bestand ein Verdacht gegen den Burschen, daß er der Polizei einen Wink gegeben habe und ...

Die Frau brach plötzlich ab.

»Und Sie? Haben Sie Ihren Freund niemals einen gewissen Siemianitsch erwähnen hören?«

Rasumoff war auf den Namen gefaßt. Er hatte die Frage erwartet. »Wenn sie kommt, werde ich alles gestehen«, hatte er sich gesagt; dennoch hielt er sich zurück.

»Sicher«, begann er langsam, »Siemianitsch. Ein Bauer mit einem Pferdegespann. Ja. Bei einer Gelegenheit. Siemianitsch. Gewiß! Siemianitsch mit den Pferden ... Wie konnte mir das nur so gänzlich entfallen? Eines der letzten Gespräche, das wir zusammen hatten.«

»Heißt das« – Sofia Antonowna sah sehr ernst aus –, »heißt das, Rasumoff, daß es kurz zuvor war ...?«

»Vor was?« brüllte Rasumoff und ging auf die Frau los, die überrascht schien, aber nicht zurückwich. »Bevor ... o natürlich. Es war zuvor. Wie hätte es nachher sein können? Nur wenige Stunden zuvor.«

»Und sprach er günstig von ihm?«

»Mit Enthusiasmus! Die Pferde von Siemianitsch! Die freie Seele von Siemianitsch!«

Rasumoff fand eine wilde Freude darin, den Namen laut auszusprechen, der nie zuvor hörbar über seine Lippen gekommen war. Er richtete seine flammenden Augen au die Frau, bis endlich ihr maßlos erstaunter Ausdruck ihn zu sich selbst zurückrief.

»Der arme Haldin«, sagte er mit niedergeschlagenen Augen und dem krampfhaften Versuch, sich zu beherrschen. »Der arme Haldin neigte dazu, eine plötzliche Vorliebe für Leute zu fassen, aus – aus – wie soll ich sagen – unzureichenden Gründen.«

»Da!« Sofia Antonowna schlug die Hände zusammen. »Damit ist es für mich erledigt. Mein Korrespondent hatte schon einen Verdacht ... «

»Aha, Ihr Korrespondent«, sagte Rasumoff mit fast unverhohlenem Spott. »Was für einen Verdacht? Wie kam er dazu? Durch Siemianitsch? Wahrscheinlich irgendwo ein betrunkenes Geschwätz ... «

»Sie sprechen, als hätten Sie ihn gekannt.«

Rasumoff sah auf. »Nein, aber ich kannte Haldin.«

Sofia Antonowna nickte ernst.

»Ich verstehe. Jedes Ihrer Worte bestärkt mich in dem Verdacht, der mir in jenem überaus interessanten Briefe mitgeteilt wurde. Dieser Siemianitsch wurde eines Morgens an einem Haken in seinem Stall erhängt aufgefunden. Tot.«

Rasumoff fühlte sich tief verwirrt. Er mußte es auch gezeigt haben, da Sofia Antonowna lebhaft bemerkte:

»Aha! Sie beginnen zu verstehen.«

Er sah es klar genug –: im Lichte einer Laterne, die Schattenflecke in dem kellerähnlichen Stall tanzen ließ, hing der Körper in einem Schafpelz und langen Stiefeln an der Wand. Eine spitze Kapuze mit umgeschlagenen Ecken verhüllte das Gesicht. »Aber das geht mich nichts an«, überlegte er. »Es berührt meine Stellung in keiner Weise. Er hat nie erfahren, wer ihn geprügelt hat. Er konnte es nicht wissen.« Rasumoff fühlte eine tiefe Trauer für den alten Verehrer der Flasche und der Frauen.

»Ja, einige unter ihnen enden so«, murmelte er. »Was denken Sie, Sofia Antonowna?«

Eigentlich war es die Idee ihres Korrespondenten, doch Sofia Antonowna hatte sie sich gänzlich zu eigen gemacht. Sie drückte sie in einem Wort aus – »Reue«. Rasumoff riß dabei die Augen weit auf. Sofia Antonownas Berichterstatter hatte die Gespräche im Hause belauscht, dies und jenes zusammengefügt und war dabei den wahren Beziehungen zwischen Haldin und Siemianitsch ziemlich auf die Spur gekommen.

»Ich kann Ihnen etwas sagen, was Sie nicht genau wußten - nämlich, daß Ihr Freund die Absicht hatte, sich nachher zu retten oder jedenfalls aus St. Petersburg hinauszukommen. Vielleicht nur das und nicht mehr; für später vertraute er dem Glück. Und die Pferde jenes Burschen hat er mit in die Berechnung gezogen.«

»Nun hat sie doch die Wahrheit herausgebracht«, sagte sich Rasumoff erstaunt, während er nachdenklich mit dem Kopfe nickte. »Ja, das ist möglich, durchaus möglich.« Die Frau aber schien durchaus sicher, daß es so gewesen sei. Zunächst einmal war ein Gespräch zwischen Haldin und Siemianitsch, das sich um Pferde drehte, zum Teil belauscht worden. Dann sprachen dafür die Vermutungen, die unter den Leuten im Hause auftauchten, als ihr »junger Herr« (sie kannten Haldin nicht bei Namen) sich im Hause nicht mehr zeigte. Einige unter ihnen warfen Siemianitsch vor, daß er den Grund dieser Abwesenheit kennen müsse. Er verneinte es verzweifelt; Tatsache aber war, daß er seit Haldins Verschwinden nicht mehr er selbst war, mürrisch und mager wurde. Schließlich wurde Siemianitsch bei einem Streit mit einer Frau, der er den Hof machte und an dem augenscheinlich die Mehrzahl der Hausbewohner sich beteiligte, von seinem Hauptgegner, einem hünenhaften Hausierer, öffentlich »Spitzel« geschimpft und weiter beschuldigt, er habe »unsern jungen Herrn« nach Sibirien gebracht, ebenso wie er es schon vorher mit den jungen Burschen getan hatte, die in Häuser eingebrochen waren. Im Anschluß daran gab es eine Rauferei, und Siemianitsch wurde über eine Treppe hinab geworfen. Dann trank er und brütete eine Woche lang und erhängte sich schließlich.

Sofia Antonowna zog aus der Erzählung ihre Schlüsse. Sie vermutete, daß Siemianitsch entweder in der Trunkenheit von einer Fuhre geschwätzt habe, die er für einen bestimmten Tag vorhabe, und dabei von irgendeinem Spitzel in einer Schnapsschenke belauscht worden sei – vielleicht sogar in dem Kosthaus im Erdgeschoß des Hauses –, oder aber, daß er geradezu die Anzeige erstattet und sie später bereut habe. Ein Mann wie er sei zu allem imstande. Die Leute sagten, er sei ein leichtsinniger alter Bursche gewesen. Und hatte er je zuvor mit der Polizei zu tun gehabt – was ja so gut wie erwiesen war, trotzdem er es immer leugnete –, in Verbindung mit jenen Dieben, so war er sicher mit ein paar Polizeiagenten bekannt, die auf der Suche nach irgendwelchen Anzeigen waren. Vielleicht hatte man zunächst sein Geschwätz gar nicht ernst genommen bis zu dem Tag, wo der Schuft von P. seinen Lohn bekam. Dann allerdings würde man sich wohl an jede noch so geringfügige Angabe geklammert haben und mußte unglücklicherweise auf Haldin kommen.

Sofia Antonowna breitete die Arme aus. »Unglückseligerweise.«

Unglück – Glück! Rasumoff überdachte in schweigender Verwunderung die auffallende Wahrscheinlichkeit dieser Vermutungen. Sie waren offenbar von Vorteil für ihn.

»Es ist nun an der Zeit, dieses abschließende Urteil allgemein bekanntzumachen.«

Sofia Antonowna war wieder ganz ruhig und überlegte. Sie hatte den Brief vor drei Tagen bekommen, aber nicht gleich an Peter Iwanowitsch weitergegeben. Sie wußte damals schon, daß sie in kurzem Gelegenheit haben würde, mit mehreren führenden Männern in einer wichtigen Angelegenheit zusammenzukommen.

»Ich dachte, es würde besser wirken, wenn ich den Brief selbst offen herumzeigte. Ich habe ihn jetzt in der Tasche. Sie begreifen, wie sehr ich mich freute, Sie zu treffen.«

Rasumoff sagte sich: »Mir will sie den Brief nicht zeigen. Augenscheinlich nicht. Hat sie mir alles gesagt, was ihr Korrespondent herausgebracht hat?« Er fühlte den Wunsch, den Brief zu sehen, wagte aber nicht, darum zu bitten.

»Sagen Sie mir, bitte, ob die Nachforschungen in dieser Angelegenheit auf Befehl geschehen sind, sozusagen?«

»Nein, nein«, wehrte sie ab. »Da kommen Sie wieder mit Ihrer Empfindlichkeit. Die macht Sie ganz blind. Bedenken Sie doch, es gab hier keinen Ausgangspunkt für eine Nachforschung, selbst wenn jemand daran gedacht hätte. Absolutes Dunkel. Das hoben mir auch mehrere Leute hervor, als Grund dafür, daß man Sie mit Vorsicht aufnehmen solle. Alles ist reiner Zufall; mein Berichterstatter machte nämlich die Bekanntschaft eines intelligenten Kürschners, der in ebenjenem Massenquartier wohnte. Ein wunderbares Zusammentreffen.«

»Ein frommer Mensch«, bemerkte Rasumoff mit bleichem Lächeln, »würde sagen, daß Gottes Finger alles getan habe.«

»Mein armer Vater hätte so gesagt.« Sofia Antonowna lächelte nicht. Sie schlug die Augen nieder. »Nicht als ob sein Gott ihm je geholfen hätte. Es ist lange her, daß Gott irgend etwas für das Volk getan hat. Aber sei es wie immer, es ist geschehen.«

»Dies alles wäre von abschließender Bedeutung«, sagte Rasumoff mit dem vollen Anschein objektiver Überlegung, »wenn es irgendeine Gewißheit dafür gäbe, daß der »junge Herr« jener Leute Viktor Haldin war. Steht das einwandfrei fest?«

»Ja. Darüber gibt es keinen Zweifel. Mein Korrespondent war mit Haldins persönlicher Erscheinung ebensowohl vertraut wie mit der Ihrigen«, versicherte die Frau bestimmt.

»Es ist ganz ohne Zweifel der rotnasige Bursche«, sagte sich Rasumoff mit neu erwachter Verlegenheit. War sein eigener Besuch in jenem verfluchten Hause unbemerkt geblieben? An und für sich war das möglich, doch kaum wahrscheinlich. Denn dieser Besuch war doch das rechte Futter für ein Pöbelgeschwätz, wie es jener verhungerte Wichtigkeitskrämer aufgelesen hatte. Der Brief schien aber keinerlei Anspielung darauf zu enthalten. Außer sie hatte sie unterdrückt. Und wenn das, warum? Wenn die Tatsache der Spürnase dieses Windhundes von Demokraten mit seinem verdammten Genie, Leute nach bloßer Beschreibung wiederzuerkennen, entgangen war, so konnte es nur für eitle Zeit sein. Er würde jedenfalls bald dahinterkommen und sich beeilen, einen zweiten Brief zu schreiben – und dann!

Bei all der Rücksichtslosigkeit, zu der sich Rasumoff in Haß und Verachtung erzogen hatte, schauderte er doch bei diesem Gedanken zusammen. Er fühlte sich erhaben über gemeine Angst, doch nicht über den Ekel, der ihn bei der Möglichkeit erfaßte, diesen Leuten zu willkürlicher Behandlung preisgegeben zu sein. Es war seine Art abergläubischer Furcht. Nun, da seine Stellung durch ihre eigene Narrheit auf Kosten von Siemianitsch noch sicherer geworden war, fühlte er den dringenden Wunsch nach unbedingter Sicherheit. Er wollte nicht länger mehr zu direkten Lügen verpflichtet sein, wollte schweigsam lauschend, undurchdringlich wie das Schicksal unter ihnen herumgehen können. War es schon soweit? Oder noch nicht? Oder würde er nie so weit kommen?

»Nun gut, Sofia Antonowna.« Sein zögerndes Nachgeben war insofern echt, als es ihm wirklich schwer ankam, von ihr zu scheiden, ohne ihre Aufrichtigkeit auf die Probe gestellt zu haben, mit einer letzten Frage, die er aber, wie er genau fühlte, unterdrücken, mußte. »Nun, Sofia Antonowna, wenn das so ist, dann –«

»Der Kerl hat sich selbst gerichtet«, sagte die Frau.

»Was? O ja! Reue!« murmelte Rasumoff mit zweideutiger Verachtung.

»Sind Sie nicht gar zu hart, Kyrill Sidorowitsch, wenn Sie auch einen Freund verloren haben.« In ihrer Stimme klang keine Sanftheit, nur ihre schwarzen Augen schienen einen Moment lang abgewandt von Visionen der Rache. »Er war ein Mann aus dem Volk. Die einfache russische Seele ist nie ganz und gar unbußfertig. Es ist immer etwas, wenn man das weiß.«

»Tröstlich?« fragte Rasumoff.

»Lassen Sie den Spott!« fuhr sie ihn an. »Denken Sie daran, Rasumoff, daß Frauen, Kinder und Revolutionäre die Ironie hassen, weil sie alle rettenden Instinkte verneint. Jeden Glauben, jede Hingabe, jede Tat. Spotten Sie nicht! Lassen Sie das ... Ich weiß nicht, wie es kommt, aber es gibt Augenblicke, wo Sie mir widerwärtig sind ... «

Sie wandte das Gesicht ab. Eine Zeitlang herrschte ein leeres Schweigen, als hätte sich die ganze elektrische Spannung der Situation in diesem Aufflammen von Leidenschaft entladen. Rasumoff hatte sich nicht gerührt. Plötzlich legte sie die Fingerspitzen auf seinen Arm.

»Machen Sie sich nichts draus!«

»Ich mache mir nichts draus«, sagte er ganz ruhig. Er war stolz in dem Bewußtsein, daß sie nichts an seinem Gesicht ablesen konnte. Er fühlte sich tatsächlich besänftigt und, wenn auch nur für einen Augenblick, von einem dunklen Druck befreit. Und plötzlich fragte er sich: »Warum zum Teufel bin ich nur damals in jenes Haus gegangen? Es war eine unglaubliche Dummheit.«

Ein tiefer Ekel überkam ihn. Sofia Antonowna zögerte noch zu gehen und sprach ihm freundlich zu, in augenscheinlich versöhnlicher Absicht. Es handelte sich immer noch um den famosen Brief und um verschiedene unbedeutende Einzelheiten, die sie von ihrem Berichterstatter, der Siemianitsch nie gesehen, erfahren hatte. Das »Opfer der Reue« war mehrere Wochen, bevor ihr Korrespondent in dem Haus zu verkehren begann, beerdigt worden. Das Haus barg äußerst schätzenswertes revolutionäres Material. Der Geist des heldenhaften Haldin war durch diese schwarzen Elendshöhlen geschritten und hatte ihnen das Versprechen einer allgemeinen Erlösung von allem Jammer gebracht, der die Menschheit bedrückt. Rasumoff gab sich den Anschein, als hörte er zu, in Wahrheit aber nagte an ihm der neu entstandene Wunsch nach Sicherheit und nach der Unabhängigkeit von jenem schmählichen Zwang zur direkten Lüge, dem er sich oft schon nur mit Mühe hatte fügen können.

Nein. Der eine Punkt, über den er Näheres wissen wollte, konnte in dieser Unterhaltung nie berührt werden. Es gab keine Möglichkeit, ihn zur Sprache zu bringen. Er bedauerte es, daß er sich nicht eine vollständige Geschichte zum Gebrauch im Ausland zurechtgelegt hatte, in der er auch seine fatale Beziehung zu dem Hause hätte erwähnen können. Bei seiner Abreise aus Rußland hatte er aber nicht gewußt, daß Siemianitsch sich erhängt hatte, und wer hätte übrigens auch voraussehen können, daß der »Berichterstatter« dieser Frau gerade in jene besondere Spelunke geraten würde, unter den zahllosen anderen Spelunken, die ihrer Zerstörung durch die reinigenden Flammen der sozialen Revolution entgegensahen? Wer hätte das vorhersehen können? Niemand. »Es ist eine ganz verteufelte Überraschung«, dachte Rasumoff, wie immer mit ruhigem, unbewegtem Gesicht, und nickte dabei Sofia Antonownas Bemerkungen über die Psychologie »des Volkes« Beifall.

»O ja, gewiß«, meinte er kühl und fühlte ein nervöses Jucken in den Fingern, als hätte er ihr am liebsten ein Geständnis aus der Kehle gerissen.

Und dann, ganz zuletzt, während der Abschiedsworte, als die unklare Spannung in ihm bereits nachzulassen begann, hörte er Sofia Antonowna auf den Gegenstand seiner Verlegenheit anspielen. Er wußte nicht genau, wie es dazu gekommen war, da er eben an andere Dinge gedacht hatte; es mußte sich aber wohl im Anschluß an Sofia Antonownas Klagen über die unlogische Torheit des Volkes ergeben haben. So zum Beispiel sei jener Siemianitsch notorisch irreligiös gewesen, und doch habe er in den letzten Wochen seines Lebens unter der Vorstellung gelitten, vom Teufel geprügelt worden zu sein.

»Vom Teufel?« wiederholte er, als habe er nicht recht gehört.

»Vom leibhaften Teufel. Vom Teufel in Person. Sie können leicht erstaunt sein, Kyrill Sidorowitsch. In den frühen Abendstunden des Tages, an dem der arme Haldin gefaßt wurde, erschien ein ganz fremder Mensch und verabreichte Siemianitsch eine furchtbare Tracht Prügel, während er volltrunken im Stall lag. Der Körper des armen Kerls war über und über von blutigen Schwielen bedeckt. Er zeigt sie den Leuten vom Hause.«

»Aber Sie, Sofia Antonowna, Sie glauben doch nicht. an den leibhaften Teufel?«

»Tun Sie es?« gab die Frau kurz zurück. »Ich glaube nur das eine, daß es eine Menge Leute gibt, die schlimmer sind als Teufel und diese Welt zur Hölle machen.«

Rasumoff betrachtete sie, wie sie rüstig und weißhaarig dastand, mit der tiefen Falte zwischen ihren dünnen Augenbrauen, die schwarzen Augen abgewandt. Es lag auf der Hand, daß sie auf die letzte Geschichte nicht viel gab – oder aber es war der Gipfelpunkt der Verstellung. »Ein brünetter, junger Mann«, erklärte sie weiter, »nie zuvor dort gesehen, niemals nachher. Warum lächeln Sie, Rasumoff?«

»Weil der Teufel nach so viel Weltaltem noch jung sein soll«, antwortete er gefaßt. »Aber wer konnte ihn beschreiben, da doch das Opfer stockbetrunken war?«

»Oh, der Wirt des Speisehauses hat ihn beschrieben. Ein hochfahrender, dunkelbrauner, junger Mann in einem Studentenrock, der hereingestürzt kam, nach Siemianitsch fragte, ihn grauenhaft prügelte und dann ohne ein Wort wieder davonstürzte und den Wirt starr vor Staunen zurückließ.«

»Glaubt er auch, daß es der Teufel war?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich höre, daß er in diesem Punkt sehr zurückhaltend ist. Diese Schnapsverkäufer sind gemeinhin große Schurken. Ich möchte glauben, daß er mehr von der Sache weiß als irgend jemand sonst.«

»Nun, und Sie, Sofia Antonowna, zu welcher Ansicht haben Sie sich entschlossen?« fragte Rasumoff, scheinbar stark interessiert. »Sie und Ihr Berichterstatter, der ja an Ort und Stelle weilt?«

»Ich stimme mit ihm überein. Irgendein verkleideter Polizeihund. Wer sonst könnte einen hilflosen Mann so unbarmherzig prügeln? Im übrigen ist es ja wahrscheinlich genug, daß sie an jenem Tag, wo sie hinter allen Fährten, alten und neuen, her waren, auch auf die Idee gekommen sein könnten, es wäre vorteilhaft, Siemianitsch bei der Hand zu haben, damit er Angaben machen oder jemand identifizieren könne oder sonst was. Irgendein verdammter Spitzel wurde ausgesandt, um ihn herbeizuholen, ärgerte sich, weil er ihn so betrunken vorfand, und zerdrosch an ihm einen Mistgabelstiel. Später, als sie das große Wild glücklich eingefangen hatten, zerbrachen sie sich über jenen Bauern nicht weiter den Kopf.«

Dies waren die letzten Worte der Revolutionärin in dieser Unterhaltung. Sie kam damit der Wahrheit so nahe und wich auch wieder so weit davon ab, in der bloßen Wahrscheinlichkeitsrechnung von Gedanken und Schlüssen, daß man daraus ein treffliches Bild des menschlichen Irrtums gewinnen und einen Blick in die tiefsten Tiefen der Selbsttäuschung tun konnte. Rasumoff schüttelte Sofia Antonowna die Hand, verließ den Park, schritt auf den kleinen Dampferpier hinaus und lehnte sich über das Geländer.

Seine Seele war heiter, so heiter, wie sie es viele Tage lang nicht mehr gewesen war, nicht mehr seit jener Nacht ... der Nacht. Die Unterredung mit der Revolutionärin hatte ihm die ganze Größe der Gefahr enthüllt im selben Augenblick, wo, merkwürdig genug, diese Gefahr schwand. »Ich hätte die Zweifel, die in diesen Leuten entstehen würden, voraussehen müssen«, dachte er. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von einem Stein von eigenartiger Form in Anspruch genommen, den er deutlich auf dem Seegrunde liegen sah, und er begann über die Tiefe des Wassers an dieser Stelle nachzudenken. Sehr rasch aber kehrte er mit einem erschreckten Auffahren über diese ganz außerordentliche und übel angebrachte Zerstreutheit zu seinem ursprünglichen Gedankengang zurück. »Ich hätte gleich von Anfang an sehr weitschweifige Lügen erzählen müssen«, sagte er sich und fühlte bei dem bloßen Gedanken eben tödlichen Ekel, der sein Denkvermögen für eine geraume Zeit unterband. »Zum Glück ist jetzt alles in Ordnung«, überlegte er weiter und sagte nach einer Weile mit einem abgerissenen Auflachen halblaut vor sich hin: »Dank dem Teufel!«

Dann blieben seine irrenden Gedanken wieder an Siemianitschs Ende haften. Die Auslegung, die er eben gehört hatte, machte ihm nicht geradezu Spaß, doch schien sie ihm einer gewissen Pikanterie nicht zu entbehren. Er mußte sich eingestehen, daß er, wenn ihm dieser Selbstmord vor seiner Abreise aus Rußland bekannt geworden wäre, keinen so ausgezeichneten Gebrauch davon für seine eigenen Zwecke hätte machen können. Er mußte tatsächlich dem Burschen mit der roten Nase für seine Geduld und Naivität unendlich dankbar sein. »Augenscheinlich ein wunderbar feiner Psychologe«, sagte er sich sarkastisch. »Wirklich, Reue!« Es war ein packendes Beispiel für die Verblendung der Verschwörer, für die dumme Tüftelei der Leute mit einer einzigen Idee. Dies war ein Liebes-, nicht ein Gewissensdrama, spottete Rasumoff stillschweigend weiter. Eine Frau, der der alte Bursche den Hof machte! Ein robuster Hausierer, offenbar ein Rivale, der ihn über eine Treppe hinunterwarf ... Das war keine Sache, über die ein lebenslanger Don Juan mit sechzig Jahren leicht hinwegkommen konnte. Der war ein Feminist von anderem Schlage als Peter Iwanowitsch. Es war sogar begreiflich, daß ihm nicht einmal die Flasche über diese letzte Krise weghelfen konnte. In solchem Alter konnte nur mehr der Strick dem Wüten einer unersättlichen Leidenschaft ein Ende setzen. Zu diesen einfachen und bitteren Schmerzen kam noch die wilde Verzweiflung über die falschen Gerüchte und die Verachtung der Hausbewohner und die völlige Unmöglichkeit, jene geheimnisvolle Züchtigung aufzuklären. »Teufel, was?« rief Rasumoff erregt aus, als hätte er eine interessante Entdeckung gemacht; »so ist Siemianitsch schließlich noch in Mystizismus verfallen. So viele unserer wahren russischen Seelen enden da. Sehr charakteristisch.« Er fühlte Mitleid für Siemianitsch, ein großes, neutrales Mitleid, wie man es für eine unbewußte Vielheit empfinden mag, für ein großes Volk, das man aus der Vogelperspektive sieht – wie eine krabbelnde Ameisengemeinde, die ihrem Schicksal zuarbeitet. Es war, als ob dieser Siemianitsch unmöglich anders hätte handeln können. Und auch Sofia Antonownas verächtliche und selbstsichere Bemerkung »irgendein Polizeihund« war typisch russisch. In alledem aber lag keine Tragik. Es war eine Komödie der Irrungen. Es war, als ob der Teufel selbst mit ihnen allen der Reihe nach sein Spiel spielte. Zuerst mit ihm, dann mit Siemianitsch, dann mit diesen Revolutionären. Ein Spiel des Teufels ... Er unterbrach ich in seinem ernsthaften Selbstgespräch mit dem ironischen Ausruf: »Hallo, ich verfalle scheint's auch in Mystizismus.«

Seine Seele war heiterer als je. Er wandte sich um und lehnte sich bequem mit dem Rücken gegen das Geländer. »Dies alles paßt wunderbar«, fuhr er fort zu denken, »Die Glorie meiner großen Taten ist nicht länger durch das Geschick meines angeblichen Genossen verdüstert. Dafür hat der mystische Siemianitsch gesorgt. Ein unglaublicher Glücksfall ist mir zu Hilfe gekommen. Nun sind keine Lügen mehr nötig. Ich brauche nur noch zu hören und aufzupassen, daß meine Verachtung nicht über meine Vorsicht die Überhand gewinnt.«

Er seufzte, kreuzte die Arme, ließ das Kinn auf die Brust sinken und verharrte lange in dieser Stellung, bis er sich endlich im Weggehen entschloß, aus dem dunklen Gefühl heraus, daß er für diesen Tag etwas besonders Wichtiges vorhabe. Was es war, daran konnte er sich augenblicklich nicht erinnern und strengte sein Gedächtnis auch nicht weiter an, denn er fühlte, daß es ihm ohnedies jeden Augenblick einfallen mußte.

Er war keine hundert Schritte gegen die Stadt zu gegangen, als er plötzlich stehenblieb, beim Anblick einer Gestalt, die ihm entgegenkam, in einen Mantel und einen weichen, breitrandigen Hut gekleidet, malerisch, aber so winzig, als sähe er sie durch das verkehrte Ende eines Opernglases. Es war unmöglich, dem kleinen Mann auszuweichen, da ihm jeder Rückzug abgeschnitten war.

»Wieder einer, der zu der geheimnisvollen Versammlung geht«, dachte Rasumoff. Er hatte mit seiner Vermutung recht. Nur war dieser eine im Gegensatz zu den anderen, die von weither kamen, ihm persönlich bekannt. Er hoffte noch mit einem stummen Gruß vorbeizukommen, doch war es unmöglich, die kleine magere Hand mit haarigen Gelenken und Knöcheln zu übersehen, die sich mit freundlichem Schwung aus den Falten des Mantels heraus ihm entgegenstreckte. Dieser Mantel wurde trotz des ziemlich warmen Tages nach spanischer Art getragen, ein Zipfel über die Schulter geworfen.

»Und wie geht es, Herr Rasumoff?« fragte der andere deutsch und machte sich schon dadurch bei dem Gegenstand seiner höflichen Aufmerksamkeit noch unbeliebter. Aus der Nähe gesehen, erschien die kleine Persönlichkeit wie die Miniaturausgabe eines normalen Menschen mit hoher Stirn und einem großen pfeffer- und salzfarbenen Vollbart, der über die verhältnismäßig breite Brust herunterhing; eine feingeschnittene Nase sprang über den schmallippigen Mund vor, der unter dem dünnen Haar verborgen war. Die scharfen Züge, die gedrungenen Gliedmaßen sahen bei ihrer Kleinheit zart, aber durchaus nicht schwächlich aus. Nur die mandelförmigen braunen Augen waren zu groß und leicht blutunterlaufen, vom vielen Schreiben bei Lampenlicht. Die geheime Berühmtheit des kleinen Mannes war Rasumoff wohl bekannt. Ein Polyglott von unbekannter Herkunft und unbestimmter Nationalität, ein Anarchist von pedantischem und wildem Temperament, der die Macht hinreißendster Beredsamkeit in hohem Grade besaß und sich dabei immer im Hintergrund hielt, ein wütender Pamphletist –: das war Julius Laspara, der Herausgeber des »Lebenden Wortes«, der Vertraute von Verschwörern, der Urheber blutiger Drohungen und Manifeste, der im Verdacht stand, in jedes Komplott eingeweiht zu sein. Laspara lebte in der alten Stadt in einem finsteren, engen Haus, das ihm ein naiver Verehrer seiner menschenfreundlichen Beredsamkeit geschenkt hatte. Mit ihm lebten seine beiden Töchter, die ihn um mehr als Kopfeshöhe überragten, und ein blasser, schwächlicher Junge von sechs Jahren, der in den dunklen Räumen hinsiechte und vielleicht einer der beiden Töchter gehören mochte oder vielleicht auch nicht. Kein Fremder konnte das sagen. Julius Laspara wußte zweifellos, welches seiner Mädchen es war, die wie zufällig für ein paar Jahre verschwunden und ebenso zufällig einmal mit jenem Kinde zurückgekehrt war; doch hatte er sich mit bewundernswerter Pedanterie enthalten, sie nach irgend welchen Einzelheiten zu fragen – nicht einmal nach dem Namen des Vaters, da die Mutterschaft eine anarchische Funktion sein sollte. Rasumoff war zu wiederholten Malen in den paar kleinen dunklen Zimmern im Dachgeschoß gewesen: verstaubte Fensterscheiben, Abfälle und Papierschnitzel, in unglaublicher Menge verstreut herumliegend, halbvolle Teegläser auf jedem Tisch, dazu die Laspara-Töchter, die in rätselhaftem Schweigen herumlungerten, mit verschlafenen Augen, ohne Korsett, und dabei gewöhnlich mit ihrem vernachlässigten Äußern und in der unordentlichen Umgebung alten Puppen glichen; der große und doch unbekannte Julius Laspara hielt mit den Füßen seinen dreibeinigen Stuhl umschlungen und schien immer im Begriff, die Feder wegzuwerfen und mit einem kühnen Schwung des Dreisessels herumzufahren, um Besuche zu empfangen. Wenn er von seinem Sessel herunterkam, dann sah es aus, als sei er von den Höhen des Olymps herabgestiegen. Er wurde von seinen Töchtern, von den Möbelstücken, von jedem Besucher von Durchschnittsgröße überragt. Er stieg aber sehr selten herunter und wurde noch seltener bei hellem Tage auf der Straße gesehen.

Es mußte eine wirklich wichtige Angelegenheit sein, die ihn an jenem Nachmittag da hinausgeführt hatte. Augenblicklich bemühte er sich, dem jungen Mann mit besonderer Liebenswürdigkeit zu begegnen, dessen Ankunft in den Kreisen der politischen Flüchtlinge einiges Aufsehen erregt hatte. Er erkundigte sich auf russisch – das er sprach, so wie er vier oder fünf andere europäische Sprachen sprach und schrieb, ohne Unterschied und ohne Kraft –, ob Rasumoff schon an der Universität inskribiert habe, und als der junge Mann verneinend den Kopf schüttelte, fuhr er fort:

»Dazu bleibt Ihnen ja auch Zeit genug. Möchten Sie, bitte, inzwischen etwas für uns schreiben?«

Er konnte es nicht verstehen, wie irgend jemand es fertiggbrachte, nicht über irgend etwas zu schreiben, über soziale, ökonomische, historische oder irgendwelche anderen Themen. Jedes Thema konnte vom richtigen Standpunkt aus im Sinne der sozialen Revolution behandelt werden. Zufällig sei ein Freund von ihm in London zu einer fortschrittlichen Revue in Beziehung getreten. »Wir müssen erziehen, alle Welt erziehen - den großen Gedanken der unbedingten Freiheit und der revolutionären Gerechtigkeit entwickeln helfen.«

Rasumoff murmelte ziemlich mürrisch, daß er nicht einmal Englisch könne.

»Dann schreiben Sie russisch. Wir werden es übersetzen lassen. Das hat nichts auf sich. Was! Da wäre ja Fräulein Haldin, ohne erst weiter zu suchen! Meine Töchter gehen sie mitunter besuchen.« Er nickte bedeutsam. »Sie tut nichts, hat nie in ihrem Leben etwas getan. Sie wäre mit ein wenig Nachhilfe gerade die richtige. Schreiben Sie nur. Sie müssen einfach. Und jetzt leben Sie wohl!«

Er winkte mit dem Arm und ging. Rasumoff lehnte sich gegen die niedrige Mauer, sah ihm nach, spuckte heftig aus und ging dann seines Weges mit einem wütend hervorgestoßenen:

»Verfluchter Jude!«

Er wußte es nicht genau. Julius Laspara hätte ebensogut ein Transsylvanier sein können – ein Türke, ein Andalusier oder ein Bürger einer der Hansastädte. Aber diese Geschichte spielt nicht in Westeuropa, und der Ausruf muß angeführt werden mit dem Bemerk, daß er lediglich einen Ausdruck des Hasses und der Verachtung darstellte, von denen Rasumoff zu jener Zeit erfüllt war. Er kochte vor Wut, als hätte man ihn gröblich beschimpft. Er rannte wie blind dahin und folgte instinktiv dem Ufer des kleinen Hafens den Kai entlang durch einen geschmacklosen, kleinen Garten, wo ebenso geschmacklose Leute auf Stühlen unter den Bäumen saßen. Als seine Wut nachgelassen hatte, fand er sich auf der Mitte einer langen breiten Brücke wieder. Er hielt sofort an. Zu seiner Rechten sah er hinter den spielzeugartigen Hafendämmen die grünen Hänge, die den Petit Lac einfaßten, mit der entzückenden Kitschigkeit bunten Glanzpapieres, und dahinter die Wasserfläche, glatt und glänzend wie Zinnblech.

Er wandte den Kopf von dieser Touristenaussicht ab und ging langsam weiter, die Augen zu Boden geschlagen. Ein oder zwei Leute mußten ausweichen und wandten sich nachher nochmals um, da ihnen seine Geistesabwesenheit aufgefallen war. Die Beharrlichkeit des gefeierten anarchistischen Journalisten wirkte merkwürdig in ihm nach. Schreiben! Schreiben müssen! Er! Schreiben!

Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Eben an diesem Tag hatte er sich vorgenommen, zu schreiben. Er hatte sich unwiderruflich dazu entschlossen und hatte es dann wieder völlig vergessen. Diese unverbesserliche Sucht, sich den Notwendigkeiten der Situation zu entziehen, konnte ihn in ernstliche Gefahr bringen. Er verachtete sich deswegen. Was war es? Leichtsinn oder tiefsitzende Schwäche? Oder unbewußte Angst?

»Fürchte ich mich denn? Das kann nicht sein! Es ist unmöglich! Jetzt zurückzuschrecken, wäre schlimmer als moralischer Selbstmord; es wäre eine moralische Verdammung«, dachte er. »Ist es möglich, daß ich ein konventionelles Gewissen habe?«

Er verwarf diese Vermutung geringschätzig, machte an der Ecke des Bürgersteiges halt und schickte sich an, den Fahrdamm zu überqueren, auf die breite Straße hinunterzugehen, die auf die Brücke führt; aus keinem andern Grund, als weil sie gerade vor ihm lag. Im selben Augenblick aber kamen ihm ein paar Wagen und ein langsam fahrender Karren in den Weg, und er bog scharf nach links ab und folgte wieder dem Kai, doch diesmal vom See weg.

»Vielleicht bin ich körperlich nicht wohl«, dachte er und gestattete sich dabei einen ungewohnten Zweifel an seiner Gesundheit. Denn mit Ausnahme von ein oder zwei geringfügigen Kinderübeln war er in seinem Leben nie krank gewesen. Doch auch das war eine Gefahr. Es schien, als bekümmere man sich um ihn besonders sorgfältig. »Wenn ich an eine tätige Vorsehung glaubte«, sagte sich Rasumoff mit grimmigem Spott, »so würde ich hierin das Walten eines ironischen Gottesfingers sehen. Daß mir ein Julius Laspara in den Weg laufen muß, als sollte er mich ausdrücklich an mein Vorhaben erinnern, das ist ... Schreiben, hat er gesagt. Ich muß schreiben – ich muß wirklich! Ich werde schreiben – keine Angst – gewiß. Dazu bin ich ja hier. Und in Hinkunft werde ich auch etwas zu schreiben haben.«

Er spornte sich in seinem Selbstgespräch weiter an. Der Gedanke an das Schreiben brachte ihn aber auf den andern, daß er dazu einen Platz haben müsse. Einen ungestörten Unterschlupf: dabei fiel ihm natürlich seine Wohnung ein, und er empfand einigen Verdruß bei dem Gedanken, dahinzugehen, und ein leichtes Mißtrauen, als erwarte ihn in jenen verhaßten vier Wänden irgendein feindlicher Einfluß.

»Gesetzt den Fall«, fragte er sich, »einer dieser Revolutionäre käme auf die Idee, bei mir vorzusprechen, während ich schreibe?« Bei der bloßen Vorstellung einer solchen Unterbrechung schauderte er zusammen. Man konnte seine Türe versperren oder den Tabakhändler im Erdgeschoß (der selbst eine Art Flüchtling war) anweisen, er sollte allen etwaigen Besuchern sagen, Herr Rasumoff sei nicht zu Hause. Doch dies alles waren keine sehr wirksamen Schutzmaßregeln. Er fühlte, daß er sein Leben von jedem leisesten Anhaltspunkt für Verdacht oder sogar für Staunen frei halten mußte bis hinab zu so geringfügigen Anlässen, wie es das verzögerte Öffnen einer versperrten Tür sein konnte.

»Ich wünschte, ich wäre mitten in irgendeiner Steppe, meilenweit von allem entfernt«, dachte er.

Er war unbewußt nochmals nach links abgebogen und fand sich nun wieder auf einer Brücke. Diese war viel enger als die erste und nicht gerade, sondern machte einen Bogen oder Winkel. Am Scheitelpunkt dieses Winkels führte ein kleiner Weg zu einem sechseckigen Inselchen, dessen Boden mit Kies bestreut und dessen Ufer mit behauenen Steinen eingefaßt waren. Ein paar schlanke Pappeln und andere Bäume ragten aus dem sauberen, dunklen Kies, zu ihren Füßen standen ein paar Gartenbänke und eine Bronzebüste von Jean-Jacques Rousseau auf einem Piedestal.

Rasumoff trat näher und bemerkte sofort, daß er auf dem Eiland bis auf die Frau in der Erfrischungsbude allein sein würde. Es lag eine naive und abstoßende, alberne Einfalt über der unbesuchten winzigen Erdscholle, die nach Jean-Jacques Rousseau genannt war. Auch etwas wie prätentiöse Dürftigkeit. Er verlangte ein Glas Milch, trank es stehend in einem Zug aus (seit dem Morgen hatte er nichts als Tee über die Lippen gebracht) und wollte eben mit müden schleppenden Schritten weitergehen, als ihn ein plötzlicher Gedanke innehalten ließ. Er hatte genau das gefunden, was er suchte. Wenn Einsamkeit im Freien mitten in einer Stadt überhaupt zu erreichen war, dann mußte er sie auf diesem lächerlichen Eiland finden können, zugleich mit der Möglichkeit, den einzigen Zugangsweg zu überblicken.

Er ging zu einer der Gartenbänke und ließ sich schwerfällig darauf nieder. Das war der rechte Ort, mit dem Schriftstück zu beginnen, das er vollenden mußte. Das Material dazu hatte er bei sich. »Ich werde immer hierher kommen«, sagte er sich und saß dann eine ganze Weile reglos, ohne zu denken, zu sehen, zu hören, fast ohne Leben. Die Sonne verschwand hinter den Dächern der Stadt in seinem Rücken und warf die Schatten der Häuser auf den Seespiegel vor der Insel, bevor er endlich eine Feder aus der Tasche zog, ein kleines Notizbuch auf dem Knie aufschlug und rasch zu schreiben begann; hin und wieder warf er einen spähenden Blick auf den Zugang von der Brücke her. Diese Blicke waren überflüssig; die Leute, die in der Ferne vorübergingen, schienen nicht einmal einen Blick auf die Insel zu werfen, wo das verbannte Standbild des Autors des »Contrat social« in düsterer, bronzener Unbeweglichkeit sich über Rasumoffs gesenktem Kopf erhob. Nachdem er seine Schreiberei beendet hatte, versorgte Rasumoff mit fiebriger Hast die Feder und stopfte das Notizbuch in seine Tasche, nicht ohne zuerst die beschriebenen Seiten mit einer fast konvulsivischen Bewegung herausgerissen zu haben. Die losen Blätter aber glättete er nachdenklich und säuberlich auf seinem Knie, lehnte sich dann zurück und verharrte regungslos mit den Papieren in der linken Hand. Die Dämmerung war tiefer geworden. Er stand auf und begann, langsam unter den Bäumen auf und ab zu gehen.

»Es gibt gar keinen Zweifel darüber, daß ich nun sicher bin.« Sein scharfes Ohr konnte das schwache Rauschen des Stroms vernehmen, der sich an der Spitze der Insel brach. Er hörte gespannt darauf hin und vergaß darüber sich selbst. Der Schall aber war so schwach, daß er sich selbst seinem feinen Gehörsinn schließlich entzog.

»Eine ganz außergewöhnliche Beschäftigung, der ich mich da hingebe«, murmelte er, und es fiel ihm ein, daß dies so ziemlich der einzige Laut war, dem er harmlos und zu seinem eigenen Vergnügen lauschen konnte. Jawohl, das Rauschen des Wassers, die Stimme des Windes ... die den menschlichen Leidenschaften so ganz fremd waren; alle anderen Geräusche dieser Erde beschmutzten die Einsamkeit einer Seele.

Dies waren Herrn Rasumoffs Gedanken; mit der Seele war seine eigene gemeint, wobei er das Wort aber nicht im theologischen Sinne gebrauchte, sondern vielmehr, soviel ich sehen kann, als Bezeichnung für jenen Teil seines Ichs, der nicht sein Körper war und den die Flammen dieser Welt besonders bedrohten. Es muß zugegeben werden, daß in Herrn Rasumoffs Fall die Bitterkeit der Einsamkeit, unter der er litt, nicht auf durchaus krankhafter Einbildung beruhte.

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