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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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3

Rasumoff, so sich selbst überlassen, schlug die Richtung nach dem Tor ein. Bald aber überzeugte er sich, daß dieser Tag der vielen Gespräche nicht zu Ende gehen sollte, ohne daß er ein weiteres zu führen haben würde.

Hinter dem Pförtnerhäuschen hervor kamen die erwarteten Besucher von Peter Iwanowitsch in Sicht: eine kleine Gruppe, bestehend aus zwei Männern und einer Frau. Sie bemerkten ihn ebenfalls und blieben kurz stehen, wie um sich zu beraten. Im Augenblick aber trat die Frau beiseite und winkte den beiden Männern mit dem Arm. Daraufhin verließen diese den Fahrweg und gingen quer über den großen vernachlässigten Rasenplatz oder vielmehr die Wiese, gerade auf das Haus zu. Die Frau blieb auf dem Fahrweg stehen und erwartete Rasumoffs Näherkommen. Sie hatte ihn erkannt. Auch er hatte sie auf den ersten Blick erkannt. Er hatte sie in Zürich kennengelernt, wo er seine Reise von Dresden her unterbrochen hatte. Während der zwei Tage seines Aufenthaltes waren sie viel zusammengewesen.

Sie trug genau dasselbe Kostüm, in dem er sie zuerst gesehen hatte. Eine Bluse von roter Seide machte sie auf große Entfernung kenntlich. Dazu trug sie einen kurzen, braunen Rock und einen Ledergürtel. Ihre Hautfarbe war die von Milchkaffee, doch sehr klar; ihre Augen schwarz und flackernd, ihre Gestalt aufrecht. Ein dichter Schopf fast weißen Haares war lose unter einem staubigen und ziemlich ramponierten Tirolerhut aus braunem Loden aufgenommen. Der Ausdruck ihres Gesichtes war ernst und gespannt; so ernst, daß sich Rasumoff, nachdem er nahe zu ihr gekommen war, zu einem Lächeln verpflichtet fühlte. Sie begrüßte ihn mit einem kollegialen Händedruck.

»Was, Sie gehen?« rief sie aus. »Wie ist das, Rasumoff?«

»Ich gehe weg, weil mich niemand aufgefordert hat, zu bleiben«, antwortete Rasumoff und gab ihren Händedruck, doch weit schwächer, zurück. Sie neigte den Kopf wie jemand, der versteht. Inzwischen hatte Rasumoff den beiden Männern nachgesehen. Sie gingen quer über die Wiese. Der Kleinere von den beiden trug einen engen Überrock aus irgendeinem grauen Stoff, der ihm fast bis zu den Fersen niederhing. Sein Begleiter, der weit größer und massiger war, trug eine kurze, enganliegende Jacke und enge Hosen, in schäbige Röhrenstiefel gesteckt. Die Frau, die die beiden augenscheinlich Rasumoff aus dem Weg gehalten hatte, begann in sachlichem Ton:

»Ich mußte eiligst von Zürich hierherkommen, um die beiden da am Zug abzuholen und sie zu Peter Iwanowitsch zu führen. Das habe ich eben getan.«

»Oh, wirklich«, sagte Rasumoff kurz und sehr verdrießlich darüber, daß sie ihn anscheinend in ein Gespräch zu verwickeln gedachte. »Von Zürich – ja natürlich. Und diese beiden kommen von ... «

Sie unterbrach ihn mit gewollter Harmlosigkeit: »aus einer ganz anderen Richtung. Ziemlich weit her. Sehr weit sogar.« Rasumoff zuckte die Schultern. Die beiden Männer von weit her waren nun bei der Terrasse angekommen und verschwanden plötzlich, als hätte sie die Erde verschluckt.

»Ach, nun – sie kommen einfach aus Amerika.« Die Frau in der roten Bluse zuckte ebenfalls leicht die Schultern, bevor sie diese Erklärung abgab. »Die Zeit ist nahe«, fuhr sie fort, wie für sich selbst. »Ich sagte Ihnen nicht, wer Sie sind. Jakowlitsch hätte Sie gewiß gern umarmt.«

»Ist das der mit dem dünnen Knebelbart und dem langen Rock?«

»Sie haben recht geraten, das ist Jakowlitsch.«

»Und sie hätten den Weg vom Bahnhof hierher nicht allein finden können, ohne daß Sie von Zürich gekommen wären, um sie zu führen? Wirklich wahr, ohne Frauen können wir nichts tun. So steht es geschrieben, und so ist es offenbar auch.«

Er fühlte unter seinem erzwungenen Sarkasmus eine unendliche Müdigkeit und konnte leicht feststellen, daß auch sie sie mit ihren festen, glänzendschwarzen Augen entdeckt hatte.

»Was ist mit Ihnen?«

»Ich weiß nicht. Nichts. Ich habe einen verteufelten Tag gehabt.«

Sie wartete und hielt die schwarzen Augen auf sein Gesicht geheftet. Dann sagte sie:

»Was ist damit? Ihr Männer seid so empfindlich und egozentrisch. Ein Tag ist wie der andere, hart, hart – und damit Schluß, bis der eine große Tag kommt. Ich kam aus einem sehr triftigen Grund heute hierher. Sie haben geschrieben, um Peter Iwanowitsch von ihrem Kommen zu verständigen. Doch woher? Nur aus Cherbourg, auf dem Briefpapier des Schiffes. Jeder hätte das tun können. Jakowlitsch hat lange Jahre in Amerika gelebt. Ich bin hier in der Nähe die einzige, die ihn in den alten Tagen gut gekannt hat. Ich habe ihn wirklich gut gekannt. So telegraphierte mir Peter Iwanowitsch, ich sollte herkommen. Das ist doch ganz natürlich, nicht?«

»Sie kamen, um ihn zu identifizieren?« forschte Rasumoff. »Ja, etwas der Art. Fünfzehn Jahre eines Lebens, wie er es geführt hat, ändern einen Mann; einsam wie eine Krähe in einem fernen Land. Wenn ich an Jakowlitsch denke, bevor er nach Amerika ging –«

Der weiche Klang der letzten Worte veranlaßte Rasumoff, sie von der Seite anzusehen. Sie seufzte. Ihre schwarzen Augen waren abgewendet. Sie hatte die Finger ihrer rechten Hand tief in den Wust ihres weißen Haares vergraben und wühlte zerstreut darin. Als sie die Hand zurückzog, blieb der kleine Tirolerhut leicht verschoben im Genick sitzen und machte einen unternehmenden Eindruck, der seltsam genug von ihren leicht sentimentalen Worten abstach.

»Wir waren auch da nicht mehr in unserer ersten Jugend; aber ein Mann ist immer ein Kind.«

Rasumoff dachte plötzlich: »Sie haben zusammen gelebt«, und sagte dann laut:

»Warum sind Sie ihm nicht nach Amerika gefolgt?«

Sie sah ihn verwirrt an.

»Erinnern Sie sich nicht mehr, was vor fünfzehn Jahren im Gange war? Es war eine Zeit der Tätigkeit. Die Revolution hatte zu jener Zeit ihre Geschichte. Sie sind mit darin und scheinen doch nichts davon zu wissen. Jakowlitsch ging damals einer Mission nach. Ich kehrte nach Rußland zurück. Es mußte sein. Späterhin gab es nichts für ihn, wohin er hätte zurückkommen können.«

»Was, wirklich?« murmelte Rasumoff mit gespielter Überraschung. »Nichts!«

»Worauf wollen Sie anspielen?« rief sie hastig aus. »Gut, und was weiter, wenn er ein wenig entmutigt gewesen wäre ... «

»Er sieht wie ein Yankee aus mit seinem Knebelbart. Ein richtiger Uncle Sam«, brummte Rasumoff. »Nun, und Sie? Sie, die nach Rußland zurückkehrte? Sie wurden nicht entmutigt?«

»Das macht nichts. Jakowlitsch ist ein Mann, an dem man nicht zweifeln darf. Er ist einmal sicher vom rechten Schlag.«

Ihr schwarzer durchdringender Blick blieb unter dem Sprechen auf Rasumoff gerichtet und noch eine kurze Zeit nachher. »Verzeihen Sie«, fragte Rasumoff kalt zurück, »aber wollen Sie damit sagen, daß zum Beispiel Sie nicht glauben, daß ich vom rechten Schlag bin?«

Sie widersprach nicht und ließ sich nicht merken, daß sie die Frage gehört habe; sie fuhr fort, ihn anzusehen, in einer Weise, die er nicht für unbedingt unfreundlich hielt. Auf der Durchreise in Zürich hatte sie ihn unter ihre Fittiche genommen, sozusagen, und war während der zwei Tage seines Aufenthaltes vom Morgen bis zum Abend mit ihm zusammengewesen. Sie hatte ihn verschiedenen Leuten vorgeführt. Zunächst hatte sie viel und ziemlich rückhaltlos mit ihm gesprochen, dabei aber jeden Bezug auf sich selbst vermieden; gegen die Mitte des zweiten Tages wurde sie schweigsam, erwies ihm aber alle Aufmerksamkeiten wie zuvor, begleitete ihn sogar zum Bahnhof, wo sie ihm durch das herabgelassene Coupéfenster kräftig die Hand drückte, dann ohne ein Wort zurücktrat und wartete, bis der Zug aus der Halle war. Er hatte bemerkt, daß man ihr mit stummer Hochachtung begegnete. Er wußte nichts von ihrer Verwandtschaft, nichts von ihrer privaten Geschichte oder ihrem politischen Vorleben. Er beurteilte sie nur von seinem eigensten Gesichtspunkt aus, und zwar als eine böse Gefahr auf seinem Wege. »Beurteilte« ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es war mehr gefühlsmäßig, das Endergebnis verschiedener geringfügiger Eindrücke, die noch durch die Erkenntnis gestützt wurden, daß er sie nicht verachten konnte, wie er alle anderen verachtete. Er hatte nicht erwartet, sie so bald wiederzusehen.

Nein, ihr Ausdruck war ganz entschieden nicht unfreundlich, und doch merkte er, wie sein Herz schneller schlug. Das Gespräch konnte nicht auf diesem Punkt abgebrochen werden. Er fuhr mit anscheinend eifrigem Interesse fort zu fragen: »Ist es vielleicht, weil ich nicht blindlings jede neue Entwicklung der allgemeinen Lehre hinnehme – so zum Beispiel den Feminismus unseres großen Peter Iwanowitsch? Wenn es das ist, was mich verdächtigt, dann kann ich nur sagen, daß ich es nie ertragen würde, der Sklave selbst einer Idee zu sein.«

Sie hatte ihn die ganze Zeit über angesehen. Nicht wie eine Zuhörerin, sondern als ob die Worte, die er wählte, nur in zweiter Linie in Betracht kämen. Als er geendet hatte, schob sie ihm mit einer kurzen und entschlossenen Bewegung die Hand unter den Arm und drückte ihn leicht dem Parktor zu. Er fühlte ihre Festigkeit und gehorchte dem Druck ohne weiteres, ganz ebenso wie die beiden anderen Männer einen Augenblick zuvor widerspruchslos ihrem Handwink gefolgt waren.

So gingen sie ein paar Schritte.

»Nein, Rasumoff, Ihre Ideen sind wahrscheinlich ganz richtig«, sagte sie. »Sie mögen wertvoll sein – sehr wertvoll. Was bei Ihnen auffällt, ist, daß Sie uns nicht mögen.«

Dabei ließ sie ihn los. Er zeigte ein frostiges Lächeln.

»Erwartet man von mir, daß ich Liebe in gleichem Maße habe wie Überzeugung?«

»Sie wissen sehr wohl, was ich meine. Es hat Leute gegeben, die der Ansicht waren, Sie seien nicht mit dem Herzen dabei. Ich habe dieses Urteil von mehreren Seiten gehört, doch habe ich Sie am Ende des ersten Tages verstanden ... «

Rasumoff unterbrach sie in ruhigem Ton:

»Ich versichere Ihnen, daß Ihr Scharfblick sich hier irrt.«

»Was für Phrasen er macht!« rief sie dazwischen. »Oh, Kyrill Sidorowitsch, Sie sind wie andere Männer, heikel und übertrieben selbstgefällig. Überdies haben Sie keine Schulung. Was Ihnen fehlt, das ist, daß Sie irgendeine Frau in die Hand bekommt. Es tut mir leid, daß ich nicht ein paar Tage bleiben kann. Ich gehe morgen nach Zürich zurück und werde Jakowlitsch höchstwahrscheinlich mit mir nehmen.«

Diese Nachricht beruhigte Rasumoff. »Mir tut es auch leid«, sagte er, »trotzdem glaube ich nicht, daß Sie mich verstehen.«

Er atmete freier; sie widersprach nicht, fragte aber: »Und wie sind Sie mit Peter Iwanowitsch ausgekommen? Sie haben einander ziemlich viel gesehen. Wie steht es zwischen Ihnen?«

Da er nicht wußte, was er antworten sollte, neigte der junge Mann langsam den Kopf. Sie hatte erwartungsvoll die Lippen geöffnet, preßte sie jetzt zusammen und schien zu überlegen.

»Also gut.«

Das klang nach Schluß, doch verließ sie ihn nicht. Es war unmöglich, zu erraten, woran sie dachte. Rasumoff murmelte: »Nicht mir hätten Sie diese Frage vorlegen sollen. Im nächsten Augenblick werden Sie Peter Iwanowitsch selbst sehen, und das Thema wird natürlich zur Sprache kommen. Er wird wissen wollen, was Sie so lange im Garten aufgehalten hat.«

»Zweifellos wird mir Peter Iwanowitsch etwas zu sagen haben. Verschiedenes sogar. Vielleicht wird er sogar von Ihnen sprechen – mich ausfragen. Peter Iwanowitsch neigt dazu, mir im allgemeinen zu vertrauen.«

»Sie ausfragen? Das ist wahrscheinlich.«

Sie lächelte halb ernst.

»Nun gut – und was soll ich ihm sagen?«

»Ich weiß nicht. Sie können ihm von Ihrer Entdeckung erzählen.«

»Was ist das?«

»Nun, mein Mangel an Liebe für –«

»Was, das bleibt zwischen uns«, unterbrach sie, man wußte nicht recht, ob im Scherz oder im Ernst.

»Ich sehe, daß Sie Peter Iwanowitsch irgend etwas zu meinen Gunsten zu sagen wünschten«, sagte Rasumoff in grimmigem Scherz. »Nun, dann können Sie ihm sagen, daß es mir mit meiner Mission verdammt ernst ist. Ich bin fest entschlossen, sie erfolgreich durchzuhalten.«

»Man hat Ihnen eine Mission gegeben?« rief sie hastig aus.

»Es kommt darauf hinaus. Ich bin beauftragt, ein gewisses Ereignis herbeizuführen.«

Sie sah ihn forschend an.

»Eine Mission«, wiederholte sie sehr ernst und mit plötzlichem Interesse. »Welche Art von Mission?«

»Etwas in der Art von Propaganda.«

»Oh! Weit weg von hier?«

»Nein, nicht sehr weit«, sagte Rasumoff und unterdrückte mühsam eine plötzliche Lachlust, obwohl er sich nicht im geringsten heiter fühlte.

»So«, sagte sie nachdenklich. »Nun, ich will nicht weiter fragen. Es genügt, wenn nur Peter Iwanowitsch weiß, was jeder von uns tut. Schließlich muß ja doch alles gut enden.«

»Denken Sie das?«

»Ich denke es nicht, junger Mann, ich glaube es einfach!«

»Und verdanken Sie diesen Glauben Peter Iwanowitsch?«

Sie beantwortete die Frage nicht, und sie standen einander schweigend gegenüber, als könnten sie sich nicht entschließen, sich zu trennen.

»Das ist rechte Männerart«, murmelte sie endlich. »Als ob es möglich wäre, zu sagen, wie man zu einem Glauben kommt.«

Ihre dünnen, mephistophelischen Augenbrauen zuckten leicht. »Gewiß gibt es Millionen von Leuten in Rußland, die den Hunden hier ihr Leben neiden würden. Es ist ein Grauen und eine Schmach, dies zuzugeben, sogar zwischen uns beiden. Man muß glauben, aus blankem Mitleid. Dies kann nicht weiterdauern. Nein. Es kann nicht dauern. Zwanzig Jahre lang bin ich gekommen, gegangen, habe nicht rechts und links gesehen ... Warum lachen Sie vor sich hin? Sie sind erst am Anfang. Sie haben gut angefangen. Aber warten Sie, bis Sie jedes einzelne Fetzchen Ihrer selbst unter die Füße getreten haben, bei Ihrem Kommen und Gehen. Denn das ist es, wozu es kommt. Sie müssen jedes Fetzchen Ihrer eigenen Gefühle unter die Füße treten. Denn haltmachen können Sie nicht, dürfen Sie nicht. Auch ich bin jung gewesen, aber vielleicht denken Sie, daß ich mich beklage – he?«

»Ich denke nichts der Art«, wehrte Rasumoff gleichgültig ab.

»Das glaube ich wohl, Sie lieber, blasierter Mensch. Es kümmert Sie nicht.«

Sie wühlte mit den Fingern in dem Haarschopf an der linken Seite, und diese brüske Bewegung brachte den Tiroler Hut wieder gerade zu sitzen. Sie blickte ohne Feindseligkeit, mit der Miene eines Untersuchungsrichters darunter hervor. Rasumoff kehrte nachlässig das Gesicht ab.

»Ihr Männer seid alle gleich. Ihr nehmt Glück für Verdienst. Noch dazu in gutem Glauben! Ich möchte nicht zu hart mit euch sein. Er ist die männliche Natur. Ihr Männer seid so lächerlich erbarmungswürdig mit eurem Geschick, kindliche Illusionen bis zum Grabe hin mit euch zu schleppen. Eine ganze Reihe unter uns waren fünfzehn Jahre an der Arbeit. Ich meine ununterbrochen – haben einen Weg um den anderen versucht, unter und über der Erde, haben nicht rechts und links gesehen! Ich kann dabei mitreden. Ich bin eine von denen gewesen, die nie rasten ... Da! Was soll das Reden ... Sehen Sie auf meine grauen Haare! Und da kommen jetzt zwei Babys daher, ich meine Sie und Haldin. Ihr kommt daher, und es gelingt euch beim ersten Ausholen, einen Streich zu führen.«

Als der Name Haldin kurz und hastig von den Lippen der Frau fiel, kam Rasumoff, wie gewöhnlich, mit einem Ruck das Unabänderliche zum Bewußtsein. In den vielen Monaten aber, die darüber weggegangen waren, hatte er sich dagegen abgehärtet. Das Bewußtsein war nicht mehr von dem peinigenden Schmerz und der blinden Wut der ersten Tage begleitet. Er hatte um sich eine geistige Atmosphäre von dumpfer Negation geschaffen. Ein trübes Medium, durch das das Ereignis wie ein verschwommener Schatten erschien, der kaum noch die Umrisse eines Mannes aufwies. Eine durchaus vertraute Erscheinung, doch gänzlich ausdruckslos, bis auf sein verstohlenes Lauern im Dunkeln. Es störte nicht weiter.

»Wie sah er aus, Er?« fragte die Revolutionärin unerwartet.

»Wie sah er aus, Er?« echote Rasumoff und hielt sich mit größter Mühe zurück, sie grob anzufahren. Er befreite sich aber durch ein kurzes Lachen, während er sie verstohlen aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie schien überrascht von der Art, in der ihre Frage aufgenommen wurde.

»Das ist rechte Frauenart«, fuhr er fort. »Was brauchen Sie sich über sein Aussehen den Kopf zu zerbrechen? Wie es auch gewesen sein mag, er ist nun jedem weiblichen Einfluß entrückt.«

In einem Stirnrunzeln, das drei scharfe Falten an der Nasenwurzel bildete, zeichnete sich der mephistophelische Schwung ihrer Augenbrauen deutlicher ab.

»Sie leiden, Rasumoff«, sagte sie mit ihrer leisen, innigen Stimme.

»Unsinn!« Rasumoff sah die Frau fest an. »Wenn ich es aber jetzt so überlege, dann finde ich, daß es wenigstens eine Frau gibt, aus deren Machtbereich er noch nicht ist; die eine da oben, Madame de S., Sie kennen sie ja. Früher einmal war den Toten Ruhe vergönnt. Doch nun scheint es, als müßten sie des Rufes irgendeiner verrückten alten Schachtel gewärtig sein. Wir Revolutionäre machen wunderbare Erfahrungen. Es ist wahr, daß sie nicht ganz uns gehören. Wir haben überhaupt nichts Eigenes. Könnte aber nicht die Freundin von Peter Iwanowitsch Ihre Neugierde befriedigen? Könnte sie ihn nicht für Sie erscheinen lassen?« fragte er in gequält scherzhaftem Ton.

Ihr scharfes Stirnrunzeln ließ nach, und sie sagte ein wenig verdrossen: »Hoffen wir, daß sie sich anstrengen und ein wenig Tee für uns erscheinen lassen wird. Das ist aber keineswegs gewiß. Ich bin müde, Rasumoff.«

»Sie müde! Was für ein Geständnis! Es hat Tee da oben gegeben. Ich habe welchen getrunken. Wenn Sie schleunigst Jakowlitsch nachlaufen, anstatt Ihre Zeit mit einer so unergötzlichen skeptischen Person, wie ich es bin, zu vergeuden, so können Sie vielleicht noch den Geist davon – den kalten Geist davon – im Tempel finden. Daß Sie aber müde sind, das kann ich kaum glauben. Wir sollen nicht müde sein, wir dürfen es nicht, wir können es nicht. Neulich einmal habe ich in irgendeiner Zeitung einen Artikel über die unermüdliche Tätigkeit der revolutionären Partei gelesen. Das macht Eindruck auf die Welt. Es ist unser Prestige.«

»Fortwährend wirft er mit diesen giftigen Bemerkungen herum«, sagte die Frau in der roten Bluse, als spräche sie zu einem Dritten; dabei verließen aber ihre schwarzen Augen Rasumoffs Gesicht nicht. »Und warum? Einfach weil er sich in einigen seiner konventionellen Anschauungen getroffen fühlt, in seiner männlichen Eitelkeit vielleicht auch zum Teil. Man möchte ihn leicht für einen dieser nervösen Weichlinge halten, die übel enden. Und doch«, fuhr sie nach einer kurzen, nachdenklichen Pause fort und wechselte die Anrede, »und doch habe ich eben etwas erfahren, was mich glauben läßt, daß Sie trotzdem ein Mann von Charakter sind, Kyrill Sidorowitsch. Ja, tatsächlich, das sind Sie.«

Die geheimnisvolle Bestimmtheit dieser Behauptung erschreckte Rasumoff. Ihre Augen trafen sich. Er sah weg und durch die Stäbe des riesigen Gittertores hinaus auf die breite, reingefegte Straße, die im Schatten der dichtbelaubten Bäume lag. Eine Elektrische fuhr ganz leer und mit Eisengerassel die Straße hinauf. Er hatte das Gefühl, als könnte er alles darum geben, wenn er ganz allein darin sitzen könnte. Er war unsagbar müde, müde in jeder Fiber seines Körpers. Und doch hatte er Gründe dafür, nicht als erster die Unterhaltung abzubrechen. Jeden Augenblick konnte aus dem überspannten oder verbrecherischen Geschwätz der Revolutionären heraus irgendein hingeworfenes Wort sein Ohr treffen. Von ihren oder sonst jemandes Lippen. Solange er es fertigbrachte, den Kopf klar zu halten und seine Reizbarkeit zu bezwingen, hatte er nichts zu fürchten. Die einzige Bedingung für Erfolg und Sicherheit war unbändige Willenskraft, das hielt er sich immer wieder vor.

Er sehnte sich danach, auf der anderen Seite des Gitters zu sein, als wäre er gefangen in dem Park dieses Verschwörernestes, dieses Hauses, wo Irrsinn, Blindheit, Niedertracht und Verbrechen wohnten. Stillschweigend brachte er seine wunde Seele in einen Zustand unendlicher moralischer und geistiger Entrücktheit. Er lächelte nicht einmal, als er sie die Worte wiederholen hörte –:

»Jawohl, ein starker Charakter.«

Er fuhr fort, durch die Gitterstäbe zu starren, wie ein trauriger Gefangener, der nicht an Flucht denkt, sondern nur die verschwommenen Erinnerungen an die Freiheit zu erwecken sucht. »Wenn Sie nicht zusehen«, murmelte er, immer noch mit abgewandtem Blick, »so werden Sie wirklich nicht einmal mehr den Geist jenes Tees zu Gesicht bekommen.«

Sie war nicht in solcher Weise abzuschütteln. übrigens hatte er auch nicht erwartet, daß es ihm gelingen würde.

»Macht nichts, der Verlust wird nicht groß sein. Ich meine, wenn ich keinen Tee mehr bekomme. Sie sollen aber nicht vergessen, daß die Frau selbst ihre entschiedenen Vorzüge hat. Sehen Sie, so, Rasumoff.«

Bei diesem befehlenden Anruf wandte er den Kopf und sah, wie die Frau in der flachen Hand die Bewegung des Geldzählens machte. »Das ist es, sehen Sie.«

Rasumoff brachte ein zögerndes »Ich sehe« hervor und fuhr wieder fort, wie ein Sträfling auf die reine und schattige Straße hinauszustarren.

»Geldmittel müssen auf irgendeine Art aufgebracht werden, und so ist es leichter, als wenn man in Banken einbrechen müßte. Und auch sicherer. Da! Ich scherze ... Was murmelt er nur jetzt wieder in seinen Bart«, rief sie halblaut aus.

»Meine Bewunderung für Peter Iwanowitschs selbstlose Aufopferung, sonst nichts. Es ist genug, einen krank zu machen.«

»Oh, Sie zartbesaitetes männliches Wesen! Krank! Macht ihn krank! Und was wissen Sie denn von der wahren Lage? Es ist unmöglich, in Herzensgeheimnisse einzudringen. Peter Iwanowitsch hat sie vor Jahren gekannt, in seiner weltlichen Zeit, als er noch ein junger Gardeoffizier war. Nicht uns steht es an, über einen Erleuchteten zu richten. Da habt ihr Männer einen Vorteil. Ihr seid manchmal in Gedanken und in Taten erleuchtet. Ich habe immer zugegeben, daß, wenn einmal der Geist über euch kommt, wenn ihr es fertigbringt, eure männliche Feigheit und Ziererei abzutun, daß ihr dann von uns nicht mehr zu erreichen seid. Nur, nur, wie selten ... während man aus der dümmsten Frau immer noch irgendeinen Nutzen ziehen kann. Und warum? Weil wir Leidenschaft haben, unersättliche Leidenschaft ... Ich möchte nur wissen, worüber er jetzt wieder grinst.«

»Ich grinse nicht«, wehrte Rasumoff finster ab.

»Nun, wie soll man es nennen? Sie haben irgendein Gesicht geschnitten. Ja, ich weiß! Ihr Männer könnt hier lieben, dort hassen, das oder jenes ersehnen – und macht ein großes Aufheben davon und nennt es dann Leidenschaft! Jawohl! – Solange es dauert. Wir Frauen aber lieben die Liebe und den Haß, diese Gefühle an sich, sage ich Ihnen, und noch die Sehnsucht lieben wir. Darum sind wir um so viel unbestechlicher als ihr Männer. Sehen Sie, im Leben bleibt einem keine große Wahl. Man muß entweder verfaulen oder verbrennen, und unter uns ist keiner, sei er nun echt oder falsch, der nicht lieber verbrennen als verfaulen würde.«

Sie sprach energisch, doch sachlich. Rasumoffs Gedanken waren ihre eigenen Wege gegangen bis über die Gitterstäbe hinaus, doch nicht außer Hörweite. Er steckte die Hände in die Rocktaschen. »Verfaulen oder verbrennen! Schön gesagt. Echt oder falsch. Sehr stark. Echt oder ... Sagen Sie mir, sie ist wohl verteufelt eifersüchtig auf ihn, nicht?«

»Wer, was? Die Baronin? Eleanor Maximowna eifersüchtig auf Peter Iwanowitsch? Himmel! Das also sind die Fragen, für die sich dieser Mensch interessiert? Daran ist doch nicht zu denken.«

»Warum? Kann eine reiche alte Frau nicht eifersüchtig sein? Oder sind Sie alle zusammen nur reine Geister?«

»Aber wie kommt es Ihnen nur in den Kopf, solche Fragen zu stellen?« fragte sie.

»Ich weiß nicht. Ich habe einfach gefragt. Männliche Frivolität, wenn Sie wollen.«

»Ich liebe das nicht«, gab sie sofort zurück. »Es ist jetzt nicht die Zeit, frivol zu sein. Wogegen rennen Sie denn unaufhörlich an? Oder vielleicht spielen Sie nur eine Rolle?«

Rasumoff hatte den beobachtenden Blick der Frau wie eine körperliche Berührung auf sich gefühlt, wie eine Hand, die leicht auf seiner Schulter ruhte. In diesem Augenblick hatte er das merkwürdige Gefühl, daß sie sich entschlossen habe, fester zuzupacken. Er straffte sich innerlich, um aushalten zu können, ohne sich zu verraten.

»Eine Rolle spielen«, wiederholte er mit abgewandtem Gesicht. »Es muß wohl sehr schlecht geschehen, da Sie es gleich durchschauen.«

Sie beobachtete ihn weiter. Ihre Stirn war in kleine gerade Fältchen gezogen, die dünnen schwarzen Augenbrauen ragten auseinander wie die Fühler eines Insekts. Er fügte kaum hörbar hinzu:

»Sie irren sich. Ich tue es nicht mehr als ihr andern alle.«

» Wer tut es?« fuhr sie auf.

»Wer? – Jeder einzelne«, sagte er ungeduldig. »Sie sind Materialistin, oder nicht?«

»Ah, mein Lieber, ich habe diesen ganzen Unsinn überlebt.«

»Erinnern Sie sich an die Definition von Cabanis: Der Mensch ist ein Verdauungsapparat. Ich stelle mir nun vor …«

»Ich pfeife auf ihn.«

»Was? Auf Cabanis? Ganz recht. Aber Sie können nicht die Wichtigkeit einer guten Verdauung leugnen. Die Lebensfreude – kennen Sie die Lebensfreude? – hängt von einem gesunden Magen ab, während eine schlechte Verdauung einen zum Skeptizismus drängt, zu schwarzen Stimmungen und Todesgedanken. Das sind Tatsachen, die von Physiologen bestätigt werden. Nun, ich versichere Ihnen, daß ich mich, seitdem ich Rußland verlassen habe, mit unverdaulichem ausländischem Fraß der schlimmsten Sorte vollgepfropft habe – püh!« '

»Sie scherzen«, murmelte sie ungläubig. Er stimmte zerstreut zu.

»Ja, es ist alles Scherz. Es lohnt kaum der Mühe, mit einem Menschen wie mir zu sprechen. Und doch weiß man von Leuten, die sich aus ebendiesem Grunde das Leben genommen haben.«

»Im Gegenteil, ich glaube, es ist der Mühe wert, mit Ihnen zu sprechen.«

Er belauerte sie aus dem Augenwinkel. Sie schien noch über eine weitere schlagende Entgegnung nachzudenken, zuckte aber dann nur leicht die Schultern.

»Leeres Geschwätz! Ich glaube, man muß Ihnen diese Schwäche verzeihen«, sagte sie mit merkwürdiger Betonung. Es lag etwas wie Angst in dem nachsichtigen Schlußsatz.

Rasumoff verfolgte die leisesten Nuancen dieser Unterhaltung, die er nicht erwartet hatte und für die er nicht vorbereitet gewesen war. Das war es. »Ich war nicht vorbereitet«, sagte er sich. »Ich wurde überrumpelt.« Es schien ihm, daß dieser Druck weichen würde, wenn man es ihm erlauben würde, eine Zeitlang wie ein Hund zu keuchen. »Ich werde nie vorbereitet sein«, dachte er verzweifelt. Dann lachte er kurz auf, sagte so leichthin, wie er konnte:

»Danke. Ich verlange keine Nachsicht«, und fügte mit gemachter Besorgnis hinzu: »Aber fürchten Sie nicht, daß Peter Iwanowitsch auf uns beide den Verdacht werfen könnte, wir machten hier beim Tor ein nicht autorisiertes Komplott aus?«

»Nein, das fürchte ich nicht. Sie sind ganz sicher vor jedem Verdacht, solange Sie bei mir sind, mein lieber junger Mann.« Der lustige Glanz in ihren schwarzen Augen erstarb. »Peter Iwanowitsch vertraut mir«, sagte sie mit großem Nachdruck. »Er nimmt meinen Rat an. Ich bin sozusagen seine rechte Hand in sehr wichtigen Fragen ... Das macht Ihnen Spaß, was? Glauben Sie, ich schneide auf?«

»Gott behüte, ich dachte nur eben, daß Peter Iwanowitsch die Frauenfrage ziemlich gründlich gelöst zu haben scheint.«

Noch während des Sprechens machte er sich wegen dieser Worte und wegen seines Tones Vorwürfe. Den ganzen Tag über hatte er verkehrte Sachen gesagt. Es war Wahnwitz, schlimmer als Wahnwitz. Es war Schwäche. Es war eine merkwürdige Perversität, die über seinen Willen die Oberhand gewann. War das die Art, eine Aussprache hinzunehmen, die möglicherweise die Grundlage für künftige vertrauliche Mitteilungen bilden konnte, von seiten einer Frau, die zweifellos um viele Geheimnisse wußte und großen Einfluß hatte?

»Warum sie mutwillig kopfscheu machen?« Und doch schien sie nicht feindselig. In ihrer Stimme lag kein Ärger. Sie klang nur nachdenklich.

»Man weiß nicht, was man denken soll, Rasumoff. Sie müssen in der Wiege einen bitteren Schnuller gehabt haben.«

Rasumoff sah sie von der Seite an.

»Hm, bitter, das wäre eine Erklärung«, murmelte er. »Nur war es viel später. Und glauben Sie nicht, Sofia Antonowna, daß Sie und ich aus derselben Wiege kommen?«

Die Frau, deren Namen er sich schließlich auszusprechen gezwungen hatte (er hatte einen merkwürdigen Widerwillen empfunden, ihn über die Lippen zu bringen), die Revolutionärin, sagte nach einer Weile leise:

»Sie meinen – Rußland?«

Er konnte sich nicht einmal zu einem Nicken entschließen. Sie schien besänftigt. Ihre schwarzen Augen waren ganz ruhig, als überdächte sie das Verwandte in ihren Gedanken bis in die zartesten Beziehungen. Doch plötzlich zog sie die Brauen wieder satanisch zusammen.

»Ja. Vielleicht ist es dann kein Wunder. Ja. Man lebt da mitten im Unkraut unter der Hut von Wesen, die schlimmer sind als Menschenfresser, Hexen und Vampire. Sie müssen vertrieben, gänzlich ausgerottet werden. Das ist eine Aufgabe, zu der es sonst nichts braucht, als daß Männer und Frauen entschlossen und treugläubig sind. Zu dieser Erkenntnis bin ich letzten Endes gekommen. Die große Aufgabe ist nicht die, daß wir uns untereinander über allen möglichen konventionellen Formenkram zerstreiten, denken Sie daran, Rasumoff!«

Rasumoff hörte nicht zu. In einer Art schwerer Ruhe war ihm sogar das Bewußtsein abhanden gekommen, daß er beobachtet wurde. Seine Verlegenheit, seine Verzweiflung, seine Verachtung hatten sich im Laufe aller dieser anstrengenden Stunden abgestumpft, wie ihm schien für immer. Ich bin ihnen allen gewachsen, dachte er. Doch war seine Überzeugung zu fest, als daß er darüber hätte jubeln können. Die Frau hatte aufgehört zu sprechen. Er sah sie nicht an. Auf der Straße war niemand zu sehen. Er vergaß beinahe, daß er nicht allein war. Wieder hörte er ihre Stimme, kurz und geschäftlich; und doch verriet sich ein Zögern darin, das der wahre Grund des Schweigens gewesen war.

»Sagen Sie, Rasumoff ... «

Rasumoff, der das Gesicht abgewandt hielt, machte eine Grimasse wie ein Mensch, der einen falschen Ton hört.

»Sagen Sie mir: Ist es wahr, daß Sie am Morgen der Tat wirklich die Vorlesungen in der Universität besuchten?«

Ein beträchtlicher Bruchteil einer Sekunde verging, bevor ihm die wahre Tragweite dieser Frage zum Bewußtsein kam, wie eine Kugel, die geraume Zeit nach dem Blitz des Schusses einschlägt. Glücklicherweise hatte er die Hand frei und konnte einen der Gitterstäbe umklammern. Er tat es mit furchtbarer Kraft, doch seine Geistesgegenwart war dahin. Er konnte nur einen gurgelnden knurrenden Laut hervorbringen.

»Kommen Sie, Kyrill Sidorowitsch«, drängte sie ihn. »Ich weiß, Sie sind kein Prahler, das muß man Ihnen lassen. Sie sind ein schweigsamer Mensch. Zu schweigsam vielleicht. Sie nähren irgendeine Bitterkeit in sich. Sie sind kein Enthusiast. Vielleicht sind Sie darum nur um so stärker. Aber Sie könnten es mir sagen. Man möchte Sie gern ein bißchen besser verstehen; ich war so maßlos überrascht ... Haben Sie es wirklich getan?«

Er fand die Sprache wieder. Der Schuß hatte ihn verfehlt. Und doch war er aus nächster Nähe abgefeuert worden, fast wie ein Signal für den entscheidenden Angriff. Es war einfach ein Kampf um die Selbsterhaltung, und sie war eine gefährliche Gegnerin, doch war er bereit für den Kampf. Er war so ganz bereit, daß, als er sich ihr zuwandte, kein Muskel seines Gesichtes zitterte.

»Gewiß«, sagte er ohne Erregung, innerlich auf das höchste gespannt, doch seiner selbst vollkommen sicher. »Vorlesungen – gewiß. Aber warum fragen Sie?«

Nun war sie es, die erregt wurde.

»Ich erfuhr davon in einem Briefe, den mir ein junger Mann aus St. Petersburg schrieb. Einer der Unseren, versteht sich. Sie wurden gesehen – beobachtet mit Ihrem Notizbuch, wie Sie sich gleichmütig Anmerkungen machten ... «

Er umfaßte sie mit seinem starken Blick. »Und was weiter?«

»Ich nenne diese Kaltblütigkeit prächtig. Das ist alles. Es ist ein Zeichen von ungewöhnlicher Charakterstärke. Der junge Mann schrieb, daß niemand aus Ihrem Gesicht oder Ihrer Haltung die Rolle hätte entnehmen können, die Sie nur etwa zwei Stunden zuvor gespielt hatten – die erhabene, glorreiche Rolle ... «

»O nein, niemand hätte das entnehmen können«, stimmte Rasumoff ernst bei, »weil, müssen Sie wissen, zu jener Zeit niemand ... «

»Ja, ja. Aber trotz allem sind Sie doch ein Mann von außerordentlicher Stärke, wie es scheint. Sie sahen ganz wie immer aus. Man erinnerte sich später mit Staunen daran ... «

»Das kostete mich keine Anstrengung«, erklärte Rasumoff mit dem gleichen starrblickenden Ernst.

»Dann ist es fast noch wunderbarer«, rief sie aus und schwieg, während Rasumoff sich fragte, ob er da nicht etwas gänzlich Überflüssiges gesagt hatte.

»Hatten Sie die Absicht, in Rußland zu bleiben? Sie hatten vor ... «

»Nein«, unterbrach sie Rasumoff bedächtig. »Ich hatte durchaus keine Pläne gemacht.«

»Sie sind einfach weggegangen«, warf sie ein. Er neigte in zögernder Zustimmung den Kopf. »Einfach – ja.« Er hatte allmählich den Griff, mit dem er den Gitterstab umklammert hielt, gelockert, als wäre er zu der Überzeugung gekommen, daß ihn nun kein Nahschuß mehr umwerfen könne. Und plötzlich kam ihm wie vom Geist eingegeben der Gedanke, hinzuzufügen: »Der Schnee fiel sehr dicht, wissen Sie.«

Sie machte eine leicht zustimmende Kopfbewegung, als wäre sie in derartigen Unternehmungen wohl erfahren, stark interessiert und imstande, jeden einzelnen Punkt sachverständig zu werten. Rasumoff erinnerte sich an etwas, was er gehört hatte.

»Ich bog in eine enge Seitengasse ein, verstehen Sie«, fuhr er nachlässig fort und brach ab, als sei es nicht der Mühe wert, weiter darüber zu sprechen. Dann fiel ihm eine andere Einzelheit ein, und er warf sie ihr hin wie einen Brocken für ihre Neugierde.

»Ich fühlte mich versucht, mich hinzulegen und auf dem Fleck zu schlafen.«

Sie schnalzte mit der Zunge und schien auf das äußerste überrascht. Dann:

»Aber das Notizbuch! Dieses ganz verblüffende Notizbuch. Mensch! Sie werden doch nicht sagen wollen, daß Sie es vorher schon in die Tasche gesteckt hatten?« rief sie.

Rasumoff fuhr zusammen. Es konnte ein Zeichen von Ungeduld sein.

»Ich ging nach Hause, geradeswegs nach Hause in meine Wohnung«, sagte er deutlich.

»Die Kaltblütigkeit des Menschen! Sie wagten das?«

»Warum nicht. Ich versichere Ihnen, daß ich gänzlich ruhig war. Ha! Ruhiger vielleicht, als ich es jetzt bin.«

»Sie gefallen mir besser so, wie Sie jetzt sind, als wenn Sie Ihrer Bitterkeit nachgeben, Rasumoff. Und niemand im Hause sah Sie heimkommen – was? Das hätte auffallen können.«

»Niemand«, sagte Rasumoff. »Dvornik, Hausfrau, Mädchen, alle waren weg. Ich ging hinauf wie ein Schatten. Es war ein trüber Morgen. Das Stiegenhaus war finster. Ich glitt hinauf wie ein Gespenst. Schicksal? Glück? Was glauben Sie?«

»Ich sehe es förmlich.« Die Augen der Frau sprühten Funken. »Ja – und dann überlegten Sie ... «

Rasumoff hatte schon alles fertig im Kopf.

»Nein, ich sah nach meiner Uhr, wenn Sie es wissen wollen. Es war eben Zeit. Ich nahm das Notizbuch und lief auf den Zehenspitzen die Stiege hinunter. Haben Sie jemals dem Trampeln eines Mannes gelauscht, der immer im Kreise den Schacht eines tiefen Treppenhauses hinunterläuft? Ganz unten ist eine Gasflamme, die Tag und Nacht brennt. Ich glaube, sie brennt eben auch jetzt ... Der Schall erstirbt – die Flamme zuckt ... «

Er bemerkte, wie ein überraschtes Glitzern in die starke Neugier der schwarzen Augen kam, die auf ihn gerichtet waren, als wollte die Frau den Klang seiner Stimme mit den Pupillen statt mit den Ohren aufnehmen. Er unterbrach sich, strich sich mit der Hand über die Stirne und schien verwirrt wie ein Mann, der laut geträumt hat.

»Wo sollte ein Student am Morgen hingehen, wenn nicht in seine Vorlesungen? Bei Nacht ist es etwas anderes. Es hätte mir nichts ausgemacht, wenn das ganze Haus dagewesen wäre und mir zugesehen hätte. Aber ich glaube nicht, daß irgend jemand da war. Am besten ist es ja, man wird weder gesehen noch gehört! Ach ja! Die Leute, die weder gesehen noch gehört werden, sind die Glücklichsten – in Rußland. Bewundern Sie mein Glück nicht?«

»Erstaunlich«, sagte sie. »Wenn Sie so viel Glück haben wie Entschlußkraft, dann werden Sie wohl wirklich ein unschätzbarer Zuwachs für unser Werk sein.« Ihr Ton klang ernst, und Rasumoff hörte auch etwas wie Berechnung heraus, als wollte sie ihm im Geiste schon seinen Teil an der Arbeit zuschanzen. Ihre Augen waren niedergeschlagen. Er wartete zwar nicht sehr gespannt, aber doch mit einer Art von aufmerksamem Ernst, den der Druck der ständig drohenden Gefahren in ihm erzeugte. Wer hatte wohl über ihn diesen Brief aus St. Petersburg schreiben können? Ein Mitstudent, zweifellos – irgendein blödes Opfer der revolutionären Propaganda, ein willenloser Sklave ausländischer, verlogener Ideale. Vor seinem geistigen Auge tauchte eine lange, verknöcherte, rotnasige Gestalt auf. Das mußte der Bursche sein!

Er lächelte innerlich über die gänzliche Verkehrtheit der ganzen Geschichte. Die Selbsttäuschung eines verbrecherischen Idealisten, die wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel seine Existenz zerschmettert hatte und nun unter den Trümmern, im Irrwahn jener anderen Narren, einen Widerhall weckte. War es nicht grotesk, daß der verhungerte, erbärmliche Narr der Neugier der revolutionären Flüchtlinge diese ganz und gar phantastischen Details auftischte? Er schloß, daß es keinerlei Gefahr bedeutete. Im Gegenteil. Wie die Dinge lagen, war es für ihn eher ein Vorteil, ein glücklicher Zufall, der nur mit der gehörigen Vorsicht ausgenützt werden mußte.

»Und doch, Rasumoff«, hörte er wieder die nachdenkliche Stimme der Frau, »und doch haben Sie nicht das Gesicht eines glücklichen Menschen.« Sie hob mit wiedererwachtem Interesse den Blick. »So hat sich das also zugetragen. Nachdem Sie Ihre Tat getan hatten, gingen Sie einfach fort in Ihre Wohnung. Solche Sachen kommen mitunter vor. Ich denke mir, daß es vorher ausgemacht war, daß nachher jeder seinen eigenen Weg gehen sollte.«

Rasumoff behielt den ersten Gesichtsausdruck und die überlegte Sprechweise bei.

»War es nicht das beste so?« fragte er leidenschaftslos. »Und übrigens«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, »machten wir uns nicht viel Gedanken über das Nachher. Wir hatten uns eigentlich auf gar keine Verhaltungsmaßregeln geeinigt. Es war ein stillschweigendes Einverständnis, glaube ich.«

Sie stimmte seinen Worten mit kurzem Nicken zu.

»Sie wünschten natürlich, in Rußland zu bleiben?«

»In St. Petersburg selbst«, sagte Rasumoff mit Nachdruck. »Dort war ich am sichersten, und übrigens hätte ich nirgends anders hingehen können.«

»Ja, ja, ich weiß. Gewiß. Und der andere – dieser wundervolle Haldin, der nur aufgetaucht ist, um beklagt zu werden –, Sie wissen nicht, was er beabsichtigt hatte?«

Rasumoff hatte vorhergesehen, daß man ihm früher oder später vor diese Frage stellen würde. Er hob die Hand ein wenig und ließ sie hilflos wieder sinken. Nichts mehr.

Die weißhaarige Frau war die erste, die das Schweigen brach. »Sehr merkwürdig«, sagte sie langsam. »Und dachten Sie nicht, Kyrill Sidorowitsch, daß er vielleicht den Wunsch haben konnte, wieder mit ihnen in Fühlung zu kommen?«

Rasumoff bemerkte, daß er das Zittern seiner Lippen nicht unterdrücken konnte, doch glaubte er es sich schuldig zu sein, zu sprechen. Eine verneinende Handbewegung würde nicht wieder ausreichen, sprechen mußte er, und wäre es nur, um dem Inhalt jenes St. Petersburger Briefes auf den Grund zu kommen.

»Ich blieb den nächsten Tag zu Hause«, sagte er, beugte sich leicht vor und tauchte seinen Blick in die schwarzen Augen der Frau, damit sie das Zittern seiner Lippen nicht merken sollte. »Ja, ich blieb zu Hause. Da meine Handlungen bemerkt und aufgezeichnet wurden, so wissen Sie ja vielleicht auch schon, daß ich am nächsten Tage nicht in den Vorlesungen war, ha? Sie wissen es nicht? Nun gut, ich blieb zu Hause, den ganzen langen Tag.«

Wie gerührt von seinem aufgeregten Ton murmelte sie ein teilnehmendes: »Ich höre. Es muß hart genug gewesen sein.«

»Sie scheinen das zu verstehen«, sagte Rasumoff langsam. »Es war hart. Es war furchtbar. Es war ein grausamer Tag. Es war nicht der letzte.«

»Ja, ich verstehe. Nachher, als Sie hörten, daß man ihn ergriffen hatte. Weiß ich denn nicht, was man empfindet, wenn man einen Kameraden in dem guten Kampf verloren hat? Man schämt sich, übriggeblieben zu sein, und ich kann mich an so viele erinnern. Es macht nichts. Bald werden sie gerächt sein. Und was ist Tod? Keinesfalls eine so schändliche Sache wie manche Art von Leben.«

Rasumoff fühlte, wie sich in seiner Brust etwas regte, ein schwaches und lästiges Zittern.

»Manche Art von Leben«, wiederholte er und sah sie forschend an.

»Das sklavische unterwürfige Leben. Leben? Nein! Das Vegetieren auf dem Misthaufen der Ungerechtigkeit, der das Leben ist. Das Leben, Rasumoff, muß, um nicht schmählich zu sein, Revolte sein, ein erbarmungsloser Protest – ohne Aufhören.«

Sie wurde ruhig, der Schimmer unterdrückter Tränen in ihren Augen verdorrte im Augenblick unter der Glut ihrer Leidenschaft, und in ihrer klaren sachlichen Art fuhr sie fort:

»Sie verstehen mich, Rasumoff. Sie sind kein Enthusiast, aber in Ihnen liegt die Kraft zu unerhörter Auflehnung. Ich habe es vom ersten Augenblick an gefühlt, sofort, nachdem ich Sie zum ersten Male gesehen hatte, Sie erinnern sich, in Zürich. Oh! Sie sind voll bitterer Auflehnung. Das ist gut. Entrüstung läßt manchmal nach, Rachsucht mag in Müdigkeit umschlagen. Der unerbittliche Sinn für das Nötige und Gerechte aber, der Ihnen und Haldin die Waffen in die Hand drückte, um jenes reißende Tier niederzuschlagen ... denn das war es – nichts als das! Ich habe darüber nachgedacht. Es hätte nichts anderes sein können als das.«

Rasumoff machte eine leichte Verbeugung, deren Ironie sich hinter der fast düsteren Unbeweglichkeit seines Gesichtes verbarg.

»Ich vermag nicht für den Toten zu sprechen. Was mich selbst anlangt, so kann ich Ihnen versichern, daß meine Handlungsweise durch die Notwendigkeit bestimmt war, durch den Sinn für – nun, für ausgleichende Gerechtigkeit.«

»Das war gut«, sagte er sich selbst, während ihre Augen auf ihm ruhten, schwarz und unergründlich, wie zwei Höhlen, in denen der revolutionäre Gedanke hockte und über den gewaltsamen Mitteln brütete, um den geträumten Umschwung herbeizuführen. Als ob irgend etwas zu ändern gewesen wäre! In dieser Welt voll Menschen ist nichts zu ändern, weder Glück noch Elend. Sie können nur verschoben werden auf Kosten verderbter Gewissen und zerbrochener Leben – ein flüchtiges Spiel für arrogante Philosophen und blutdürstige Nichtstuer. Diese Gedanken schossen Rasumoff durch den Kopf, während er dastand und die alte revolutionäre Streiterin ansah, die geehrte, geachtete und einflußreiche Sofia Antonowna, deren Wort bei der aktiven Sektion in der Partei so schwer in die Waagschale fiel. Sie wirkte viel revolutionärer als der große Peter Iwanowitsch. Ohne jedes rhetorische, mystische und theoretische Beiwerk verkörperte sie den wahren Geist der zerstörenden Revolution. Und sie war der persönliche Gegner, mit dem er es zu tun hatte. Er empfand etwas wie jubelnden Triumph bei dem Gedanken, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen zu können. Das alte Sprichwort, daß uns die Sprache gegeben wurde, damit wir unsere Gedanken verbergen können, fiel ihm ein. Hier bot sich eine besonders feine Gelegenheit, jene zynische Theorie in die Tat umzusetzen, indem er in seinen eigenen Worten die innerste Idee der rücksichtslosen Revolution verhöhnte, der Revolution, wie sie in dieser Frau verkörpert schien, mit dem weißen Haar und den schwarzen Augenbrauen, die wie mit feiner chinesischer Tusche gezogen und durch die geraden Stirnfalten vereint waren.

»Das ist es. Ausgleichen! Kein Erbarmen!« Damit brach sie das Schweigen und fuhr in kurzen abgerissenen Sätzen hastig fort:

»Hören Sie meine Geschichte, Rasumoff ... « Ihr Vater war ein geschickter Handwerker, hatte aber kein Glück. Keine Freude hatte seine arbeitsreichen Tage erhellt. Er starb mit Fünfzig. Die ganzen Jahre seines Lebens hatte er unter der Gewalt von Meistern geseufzt, deren Habgier aus ihm den Preis des Wassers, des Salzes, der Luft sogar, die er atmete, herausgeschunden hatte, die ihm den letzten Schweißtropfen erpreßt und das Blut seiner Söhne von ihm verlangt hatten. Kein Schützer, kein Fürsprecher! Was war ihm die Gesellschaft? Sei unterwürfig und ehrlich. Wenn du dich auflehnst, werde ich dich töten. Wenn du stiehlst, werfe ich dich ins Gefängnis. Leidest du aber, dann habe ich nichts für dich – nichts als vielleicht eine hingeworfene Brotkruste –, aber keinen Trost für deinen Schmerz, keine Achtung vor deiner Menschlichkeit, kein Mitleid für den Kummer deines elenden Lebens.

Und so arbeitete er, litt und starb. Er starb im Spital. Als sie vor dem Armengrabe stand, da dachte sie an sein elendes Leben – sah es ganz vor sich. Sie überdachte die einfachen Freuden des Lebens, die Rechte, die den Niedrigsten angeboren werden und deren sein armes Herz beraubt worden war, durch das Verbrechen einer Gesellschaft, die nie freizusprechen ist.

»Ja, Rasumoff«, fuhr sie fort, mit eindrucksvoller leiser Stimme: »Mir war, als wäre Blutlicht rings um mich. Ich war fast noch ein Kind, und doch fluchte ich nicht der Arbeit, nicht dem Elend, die sein Los gewesen waren, sondern der großen sozialen Ungerechtigkeit des Systems, die auf unvergoltener Arbeit und

auf unberechtigten Leiden aufgebaut ist. Von dem Augenblick an war ich Revolutionärin.«

Rasumoff hatte sich bemüht, der gefährlichen Schwächen von Geringschätzung oder Mitleid Herr zu bleiben, und es war ihm auch gelungen, eine gleichmütige Haltung zu bewahren. Zum erstenmal, seitdem er mit der Frau zusammengekommen war, bemerkte er an ihr einen Anflug von tiefer Bitterkeit, als sie fortfuhr:

»Da ich nicht in die Kirche gehen konnte, wo rechtgläubige Priester so namenloses Gewürm, wie ich es war, zur Ergebung ermahnten, so ging ich in die geheimen Gesellschaften, sobald ich meinen Weg zu finden wußte. Ich war damals sechzehn Jahre alt – nicht mehr, Rasumoff! Und – sehen Sie mein weißes Haar.«

In diesen Worten klang weder Stolz noch Trauer mit. Auch die Bitterkeit war verflogen.

»Es ist eine ganze Menge. Ich hatte immer reiches Haar, schon als ganz kleines Mädchen. Nur pflegten wir es zu jener Zeit kurz zu scheren und glaubten, damit sei der erste Schritt getan, um die soziale Schande auszutilgen. Die Schande austilgen! Ein feines Schlagwort! Ich möchte es an die Wände von Gefängnissen und Plätzen hinschreiben, in harte Felsen graben, in Feuerbuchstaben in den leeren Himmel heben als ein Zeichen der Hoffnung und des Grauens – ein Anzeichen des Endes ... «

»Sie sind beredt, Sofia Antonowna«, fiel Rasumoff plötzlich ein, »nur scheint es mir, als hätten Sie es bisher ins Wasser geschrieben.«

Sie war überrascht, doch nicht beleidigt. »Wer weiß das? Sehr bald vielleicht wird es in Taten über unser ganzes großes Land hingeschrieben sein«, meinte sie bedeutungsvoll, »und dann hätte man lange genug gelebt. Dann wäre weißes Haar überflüssig.«

Rasumoff sah nach ihrem weißen Haar. Und dieses Merkmal so vieler sorgenvoller Jahre schien doch nur von neuem Zeugnis abzulegen für die unbesiegbare Kraft einer Nation. Es stand in erstaunlichem Gegensatz zu dem runzelfreien Gesicht, dem glänzenden schwarzen Blick, der aufrechten, gedrungenen Gestalt, der ganz schlichten, selbstbeherrschten Haltung der gereiften Persönlichkeit – als hätte sie auf ihren revolutionären Irrfahrten das Geheimnis nicht der ewigen Jugend, sondern ewiger Ausdauer entdeckt.

Wie so gar nicht russisch sie aussah, dachte Rasumoff. Ihre Mutter mochte eine Jüdin gewesen sein oder eine Armenierin oder weiß der Teufel was. Er überlegte, daß ein Revolutionär selten in den Rahmen eines Rassentypus zu zwängen ist. Jede Auflehnung ist der Ausdruck einer starken Individualität, dachte er verschwommen weiter. Man erkannte sie meilenweit aus jeder Gesellschaft und jeder Umgebung heraus. Es war verwunderlich, daß die Polizei ...

»Wir werden uns nicht so bald wiedersehen«, sagte sie eben. »Ich reise morgen ab.«

»Nach Zürich?« fragte Rasumoff und fühlte eine merkwürdige Erleichterung. Nicht aus einer bestimmten Überlegung heraus, sondern mehr aus dem Gefühl der Entspannung nach einem erbitterten Kampf.

»Jawohl, nach Zürich – und weiter. Vielleicht viel weiter. Noch eine Reise. Wenn ich an alle meine Reisen denke! Eines Tages muß die letzte kommen. Macht nichts, Rasumoff. Es war notwendig, daß wir uns richtig aussprachen. Ich hätte sicher versucht, mit Ihnen zusammenzukommen, wenn wir uns nicht getroffen hätten. Weiß Peter Iwanowitsch, wo Sie wohnen? Ja? Ich dachte ihn zu fragen, aber es ist besser so. Sie müssen wissen, daß wir noch zwei Leute erwarten, und ich wollte viel lieber hier unten im Gespräch mit Ihnen warten als da oben im Haus mit ... « Sie warf einen Blick nach dem Tor und unterbrach sich. »Hier sind sie«, sagte sie hastig. »Nun, Kyrill Sidorowitsch, dann müssen wir uns Lebewohl sagen.«

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