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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 10
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pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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2

Die Egeria des »russischen Mazzini« machte auf den ersten Blick einen starken Eindruck durch die todesähnliche Unbeweglichkeit ihres aufdringlich bemalten Gesichtes. Die Augen schienen übernatürlich glänzend. Die Gestalt, in einem eng anliegenden Kleid, das wundervoll gemacht, aber durchaus nicht neu war, gefiel sich in eleganter Haltung. Die rauhe Stimme, die ihn zum Sitzen aufforderte, die Starrheit der aufrechten Stellung, einen Arm über die Rückenlehne des Sofas gestreckt; der weiße Schimmer der großen Augäpfel, aus deren vergrößerten Pupillen schwarz und unergründlich der Blick brach; dies alles machte auf Rasumoff einen tieferen Eindruck als irgend etwas, das er seit seiner hastigen und heimlichen Abreise von St. Petersburg gesehen hatte. »Eine Hexe in Pariser Kleidern dachte er. »Ein böses Omen.« Er zögerte weiterzugehen und verstand zunächst nicht einmal, was die krächzende Stimme zu ihm sagte.

»Setzen Sie sich, rücken Sie den Stuhl näher zu mir. Da –«

Er setzte sich. Aus der Nähe gesehen, erweckten die bemalten Backenknochen, die Runzeln, die feinen Linien zu beiden Seiten der gefärbten Lippen ein Gefühl der Bestürzung in ihm. Man gab sich Mühe, ihn liebenswürdig zu empfangen, mit einem Lächeln, das in ihm die Vorstellung eines grinsenden Totenschädels erweckte.

»Wir haben schon seit einiger Zeit von Ihnen gehört.«

Er wußte nicht, was er sagen sollte, und murmelte ein paar zusammenhanglose Worte. Darüber verging die Vorstellung des grinsenden Totenschädels.

»Und wissen Sie, daß die allgemeine Klage dahin ging, daß Sie sich überall so verschlossen gezeigt haben?«

Rasumoff schwieg eine Zeit und überdachte seine Antwort.

»Ich, sehen Sie wohl, bin ein Mann der Tat«, sagte er unbeholfen mit einem Aufblick.

Peter Iwanowitsch stand in ehrfurchtgebietendem, erwartungsvollem Schweigen neben seinem Stuhl. Rasumoff überkam ein leichtes Gefühl der Übelkeit. »Welches konnten die Beziehungen dieser beiden Leute zueinander sein? Sie wie ein galvanisierter Leichnam aus einer Hoffmannschen Erzählung, er der Prediger des Evangeliums des Weibes für die ganze Welt und außerdem ein Überrevolutionär. Diese greise, bemalte Mumie mit unergründlichen Augen und dieser stämmige, stiernackige Ergebene ... Was war das? Zauberei, Berückung ... Ihr Geld ist der Grund«, dachte er. »Sie hat Millionen.«

Die Wände und der Fußboden des Zimmers waren kahl wie in einer Scheune. Die wenigen Einrichtungsstücke waren auf dem Speicher entdeckt und in Gebrauch genommen worden, ohne daß man sie abgestaubt hatte. Es war der Ausschuß, den die Witwe des Bankiers zurückgelassen hatte. Die Fenster ohne Vorhänge hatten ein dürftiges und schlafloses Aussehen. Bei zweien davon waren die schmutzigen gelblich-weißen Rolladen heruntergelassen. Dies alles zeugte nicht von Armut, sondern von schmutzigem Geiz.

Die rauhe Stimme auf dem Sofa stieß ärgerlich hervor:

»Sie sehen um sich, Kyrill Sidorowitsch. Ich bin schamlos beraubt, gänzlich ruiniert worden.«

Ein rasselndes Lachen, das sie nicht zurückhalten zu können schien, unterbrach sie für einen Augenblick.

»Eine Sklavenseele würde vielleicht Trost ziehen aus der Tatsache, daß der Haupträuber eine hochstehende und fast sakrosankte Person war – ein Großfürst nämlich, verstehen Sie, Herr Rasumoff? ein Großfürst –. Nein! Sie haben keine Idee, was für Diebe diese Leute sind. Schlankweg Diebe.«

Ihr Busen wallte, aber ihr linker Arm blieb leichenstarr über die Rücklehne des Lagers hingestreckt.

»Sie werden sich nur aufregen«, hauchte eine tiefe Stimme, die Rasumoffs erstauntem Blick eher unter der starren Brille von Peter Iwanowitsch hervorzukommen schien als von seinen Lippen, welche sich kaum bewegt hatten.

»Und wenn schon! Ich sage Diebe. Voleurs! Voleurs!«

Rasumoff war ganz verwirrt über dieses unerwartete Gekreisch, das lebhaft an krächzendes Wehgeschrei erinnerte und noch lebhafter an Hysterie.

»Voleurs! Voleurs! Vol ... «

»Keine Macht der Erde kann Ihnen Ihren Genius rauben«, brüllte Peter Iwanowitsch mit einem alles übertönenden Baß, doch ohne sich zu rühren, ohne die geringste Bewegung. Ein tiefes Schweigen folgte.

Rasumoff blieb äußerlich unbewegt. »Was soll nur diese Komödie?« fragte er sich. Da hörte er draußen irgendwo hinter sich eine Tür zuschlagen, und gleich darauf kam die Gesellschaftsdame in einem abgetragenen schwarzen Rock und fadenscheiniger Bluse eilig herein; sie ging auf den Absätzen und trug in beiden Händen einen. großen russischen Samowar, der ihr offensichtlich viel zu schwer war. Rasumoff machte eine instinktive Bewegung, um ihr zu helfen, und erschreckte sie dadurch so sehr, daß sie fast ihre brodelnde Last fallen gelassen hätte. Sie brachte es aber doch noch fertig, damit auf dem Tisch zu landen, und sah so verstört aus, daß Rasumoff sich schleunigst wieder hinsetzte. Dann schaffte sie aus einem Nebenraum vier große Gläser, eine Teekanne und eine Zuckerdose auf einem schwarzen Blechtablett herein.

Die krächzende Stimme fragte barsch vom Sofa her:

»Les gâteaux! Haben Sie daran gedacht, die Keks zu bringen?«

Peter Iwanowitsch ging ohne ein Wort in den Vorraum hinaus und kam gleich darauf mit einem in weißes Glanzpapier gewickelten Paket zurück, das er aus dem Inneren seines Hutes gezogen haben mußte. Mit unerschütterlicher Würde löste er die Umschnürung, öffnete die Umhüllung und strich sie auf dem Tisch glatt, in Reichweite von Madame de S.s Hand. Die Gesellschaftsdame schenkte den Tee ein und zog sich dann in einen ganz abgelegenen Winkel zurück. Von Zeit zu Zeit streckte Madame de S. eine klauenartige Hand, die von kostbaren Ringen glitzerte, nach dem Papier mit Kuchen aus, nahm einen auf und verschlang ihn unter vampirhafter Entfaltung ihres riesigen falschen Gebisses. Zwischendurch sprach sie in rauhem Ton von der politischen Situation auf dem Balkan. Sie schwelgte in den kühnsten Hoffnungen darauf, daß irgendeine Verwicklung auf der Halbinsel in Rußland einen Entrüstungssturm hervorrufen würde gegen »diese Diebe, Diebe – Diebe«.

»Sie werden sich nur aufregen«, unterbrach Peter Iwanowitsch und hob seinen gläsernen Blick. Er trank Tee und rauchte Zigaretten, schweigsam und unaufhörlich. Wenn er ein Glas ausgetrunken hatte, schwenkte er seine Hand über der Schulter. Auf dieses Zeichen stürzte dann die Gesellschaftsdame, die mit runden Augen wie ein wachsames Tier in ihrer Ecke hockte, zum Tisch vor und goß ihm frisch ein. Rasumoff sah sie ein oder zweimal an. Sie zitterte vor Aufregung, obwohl weder Madame de S. noch Peter Iwanowitsch ihr die geringste Aufmerksamkeit schenkten. »Was haben die beiden wohl mit dem unglücklichen Geschöpf angefangen?« fragte sich Rasumoff. »Haben sie sie bis zum Wahnwitz mit Geistern erschreckt, oder haben sie sie nur einfach geprügelt?« Als sie ihm das zweite Glas eingoß, bemerkte er, daß ihre Lippen zitterten wie die einer Person, die eben ihrem Schrecken in Worten Luft machen will. Natürlich aber sagte sie nichts, verschwand wieder in ihre Ecke und schien wie ein kostbares Gut das Lächeln des Dankes mit sich zu nehmen, das er ihr gegeben hatte.

»Sie würde es vielleicht verdienen, daß man sich mit ihr beschäftigte«, dachte Rasumoff plötzlich.

Er wurde ruhiger und fühlte, wie er in den Verhältnissen, in die er geschleudert worden war, festen Fuß faßte – zum ersten Male vielleicht, seit Viktor Haldin in sein Zimmer gekommen ... und wieder hinausgegangen war. Er fühlte genau, daß sich die gespenstische Liebenswürdigkeit der berüchtigten Madame de S. auf ihn konzentrierte.

Madame de S. bemerkte mit Vergnügen, daß dieser junge Mann gänzlich verschieden war von anderen Mitgliedern des revolutionären Komitees, geheimen Sendboten, ordinären und manierlosen flüchtigen Professoren, ungehobelten Studenten, gewesenen Schustern mit Apostelgesichtern, schwindsüchtigen und zerlumpten Enthusiasten, Judenjungen und wüsten Burschen aller Art, die bei Peter Iwanowitsch aus und ein zu gehen pflegten – alle durch die Bank Fanatiker, Pedanten und Proleten. Es war ihr ganz interessant, zu diesem jungen Mann von hervorragend nettem Äußeren zu sprechen – denn Madame de S. war durchaus nicht immer mystisch gestimmt. Rasumoffs Schweigsamkeit reizte sie nur zu noch schnellerer, sprudelnderer Beredsamkeit, die sich immer noch um den Balkan drehte. Sie kannte alle Staatsmänner jener Länder, Türken, Bulgaren, Montenegriner, Rumänen, Griechen, Armenier und Unklassifizierte, Junge und Alte, die Lebenden und die Toten. Mit ein wenig Geld konnte man eine Intrige einleiten, die die Halbinsel in Flammen setzen und die russische Volksseele zum Kochen bringen würde. Man konnte den Weheschrei verlassener Brüder erwecken, und dann, wenn die ganze Nation auf dem Gipfelpunkt der Entrüstung war, mußten ein paar Regimenter oder so genügen, um in St. Petersburg eine Militärrevolte anzufangen und mit diesen Dieben aufzuräumen ...

»Augenscheinlich habe ich nur still dazusitzen und zuzuhören«, dachte der schweigsame Rasumoff. »Dieses haarige und lasterhafte Vieh« (in solchen Ausdrücken dachte Rasumoff von dem volkstümlichen Vertreter einer Staatsidee auf feministischer Grundlage) »wird bei aller seiner List doch auch eines Tages Farbe bekennen müssen.«

Rasumoff hörte einen Augenblick lang auf zu denken. Dann formte sich in ihm eine finstere, bitter-ironische Erwägung: »Ich habe die Gabe, Vertrauen einzuflößen.« Er hörte sich selbst laut auflachen. Das war wie ein Peitschenschlag für die angemalte, glanzäugige Hexe auf dem Sofa.

»Sie haben gut lachen«, krächzte sie. »Was sonst kann einer tun! Ausgemachte Schwindler – und wie gemeine Schwindler noch dazu! Elender deutscher Adel – Holstein-Gottorps. Obwohl es ja kaum noch anständig ist, zu sagen, wie und was sie sind; eine Familie, die ein Wesen wie Katharina die Große unter ihre Ahnen zählt – Sie verstehen!«

»Sie regen sich nur auf«, sagte Peter Iwanowitsch, geduldig, aber fest. Diese Mahnung hatte die übliche Wirkung auf die Egeria. Sie senkte ihre dicken farblosen Augenlider und änderte ihre Stellung auf dem Sofa. Alle ihre eckigen und leblosen Bewegungen schienen nun, wo ihre Augen geschlossen waren, völlig automatisch. Gleich darauf schlug sie die Augen wieder auf. Peter Iwanowitsch trank emsig und ohne Übereilung Tee.

»Nun, ich muß sagen«, damit wandte sie sich an Rasumoff, »die Leute, die Sie auf Ihrem Weg hierher gesehen haben, sind im Recht: Sie sind unglaublich verschlossen. Sie haben keine zwanzig Worte gesagt, seitdem Sie im Zimmer sind. Nicht einmal auf Ihrem Gesicht drücken sich irgendwelche Ihrer Gedanken aus.«

»Ich habe zugehört, Madame«, sagte Rasumoff. Es war seine erste Bemerkung auf französisch, und sie kam etwas zögernd, weil er seines Akzentes nicht ganz sicher war. Doch schien sie einen ausgezeichneten Eindruck zu machen. Madame de S. sah bedeutsam in Peter Iwanowitschs Augengläser, als wollte sie die Vorzüge dieses jungen Menschen betont wissen. Sie nickte ihm sogar ganz leise zu, und Rasumoff hörte, wie sie halb für sich die Worte hauchte: »Später im diplomatischen Dienst«, die sich nur auf den günstigen Eindruck beziehen konnten, den er gemacht hatte. Der phantastische Widersinn, der darin lag, empörte ihn, denn es schien, als wollte man seine vernichteten Hoffnungen dadurch verhöhnen, daß man ihm die Fata Morgana einer Karriere vorgaukelte. Peter Iwanowitsch blieb so unbewegt, als wäre er taub, und trank weiter Tee. Rasumoff fühlte die Verpflichtung, irgend etwas zu sagen.

»Ja«, begann er bedächtig, als sei er im Begriff, eine wohlüberlegte Meinung zu äußern. »Ganz gewiß, selbst wenn man eine reine Militärrevolte vorbereitet, so sollte die Volksstimmung mit in Berechnung gezogen werden.«

»Sie haben mich vollkommen verstanden. Die Unzufriedenheit muß vergeistigt werden, das ist es, was die gewöhnlichen Führer der Revolutionskomitees nicht verstehen wollen. Sie sind nicht imstande dazu. So war zum Beispiel Mordatieff letzten Monat in Genf. Peter Iwanowitsch brachte ihn her. Kennen Sie Mordatieff? Ja doch, – Sie haben von ihm gehört. Sie nennen ihn einen Adler – einen Helden. Er hat nie auch nur halb so viel getan wie Sie, nie auch nur versucht – nicht halb ... «

Madame de S. bewegte sich rechtwinklig auf dem Sofa.

»Wir haben natürlich mit ihm gesprochen, und wissen Sie, was er mir gesagt hat? ›Was haben wir mit Balkaninteressen zu tun? Wir müssen die Schufte einfach ausrotten.‹ Ausrotten ist gut – aber was dann? Der Trottel! Ich schrie ihm zu: ›Aber Sie müssen die Unzufriedenheit vergeistigen, verstehen Sie nicht, vergeistigen ... ‹«

Sie fingerte nervös in ihrer Tasche nach einem Taschentuch und führte es an die Lippen.

»Vergeistigen?« sagte Rasumoff fragend und beobachtete ihren wogenden Busen. Die langen Enden eines alten schwarzen Spitzenschals, den sie über den Kopf trug, hingen ihr über die Schultern und umrahmten von beiden Seiten ihre gespenstisch roten Wangen. »Ein widerlicher Kauz«, brach sie wieder los. »Stellen Sie sich einen Menschen vor, der fünf Stück Zucker in den Tee nimmt ... Jawohl, ich sagte vergeistigen! Wie sonst können Sie die Unzufriedenheit wirksam verallgemeinern?«

»Merken Sie sich das, junger Mann«, ließ sich Peter Iwanowitsch feierlich vernehmen, »›wirksam verallgemeinern‹«.

Rasumoff sah ihn mißtrauisch an.

»Einige sagen, daß Hunger das tun würde«, bemerkte er.

»Ja, ich weiß. Unser Volk stirbt haufenweise. Aber Sie können die Hungersnot nicht allgemein machen. Und wir wollen ja auch keine Verzweiflung schaffen. Denn daraus ist kein moralischer Halt zu gewinnen. Es ist Entrüstung ... «

Madame de S. ließ ihre dünnen, ausgestreckten Arme auf ihre Knie sinken.

»Ich bin kein Mordatieff«, hob Rasumoff an.

»Bien sûr«, murmelte Madame de S.

»Obwohl auch ich bereit bin zu sagen: Ausrotten! Ausrotten! Gestatten Sie aber meiner Unkenntnis politischer Arbeit die Frage: Eine Balkan – – nun – Intrige, würde die nicht sehr lange Zeit brauchen?«

Peter Iwanowitsch stand auf, ging leise ein paar Schritte und stellte sich mit dem Gesicht zum Fenster. Rasumoff hörte eine Tür sich schließen; er wandte den Kopf und bemerkte, daß die Gesellschaftsdame aus dem Zimmer gehuscht war.

»In politischen Fragen glaube ich ans Übernatürliche«, brach Madame de S. das Schweigen.

Peter Iwanowitsch ging vom Fenster weg und berührte Rasumoff leicht an der Schulter. Das war das Zeichen zum Aufbruch, zugleich aber wandte er sich in besonders bittendem Ton an Madame de S.

»Eleanor!«

Was er auch damit meinte, sie schien ihn nicht zu hören. Sie lehnte sich in die Sofaecke zurück wie eine holzgeschnitzte Figur. Das unbewegliche, mürrische Gesicht, von den schäbigen, verschossenen Spitzen eingerahmt, zeigte einen Ausdruck von Grausamkeit.

»Was das Ausrotten angeht«, krächzte sie dem aufmerksamen Rasumoff zu, »so gibt es nur eine Klasse in Rußland, die ausgerottet werden muß, nur eine, und diese Klasse besteht aus nur einer Familie. Sie verstehen mich? Diese eine Familie muß ausgerottet werden.«

Ihre Starrheit war erschrecklich, wie die Starre eines Leichnams, dem durch die Kraft tödlichen Hasses Sprache und Blick erhalten geblieben sind. Der Anblick faszinierte Rasumoff – und doch fühlte er, daß er sich mehr in der Hand hatte als irgendwann zuvor, seit er dieses verwünschte kahle Zimmer betreten hatte. Sein Interesse war erwacht. Der große Feminist an seiner Seite aber ließ wieder seine Mahnung hören.

»Eleanor!«

Sie beachtete es nicht. Ihre karminroten Lippen arbeiteten mit fieberhafter Geschwindigkeit. »Der befreiende Geist würde den Arm ausstrecken, und dafür würden sich Flüsse teilen, wie der Jordan, und Wälle einstürzen, wie die von Jericho. Die Befreiung von der Knechtschaft würde durch Plagen und Zeichen, durch Wunder und durch Krieg bewirkt werden. Die Frauen ... «

»Eleanor!«

Sie brach ab. Endlich hatte sie ihn gehört. Sie preßte die Hände an die Stirn.

»Was ist? Ach ja, dieses Mädchen, die Schwester von ... «

Damit meinte sie Fräulein Haldin. Das junge Mädchen und seine Mutter hätten ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Sie kamen aus der Provinz – oder nicht? Die Mutter mußte sehr schön gewesen sein – Spuren davon waren noch da. Peter Iwanowitsch habe bei seinem ersten Besuch einen tiefen Eindruck davongetragen ... Es sei nur der kalte Empfang überraschend gewesen, den sie ihm bereitet hätten.

»Er ist eine unserer nationalen Berühmtheiten«, schrie Madame de S. mit plötzlicher Heftigkeit auf. »Die ganze Welt horcht auf, wenn er spricht.«

»Ich kenne diese Damen nicht«, sagte Rasumoff laut und erhob sich.

»Was sagen Sie da, Kyrill Sidorowitsch? Ich weiß doch, daß sie hier in diesem Garten neulich erst mit Ihnen sprach.«

»Jawohl, im Garten«, sagte Rasumoff finster und fügte mit einer Anstrengung hinzu: »Sie machte sich selbst mit mir bekannt.«

»Und rannte dann von uns allen weg«, fuhr Madame de S. mit unheimlicher Lebhaftigkeit fort, »nachdem sie bis vor die Tür gekommen war! Was für ein sonderbares Benehmen! Also, ich bin auch einmal ein schüchternes kleines Landmädchen gewesen. Ja, Rasumoff« (sie gebrauchte absichtlich diese vertraute Anrede, mit einer schauerlichen Grimasse, die liebenswürdig sein sollte. Rasumoff fuhr sichtlich zusammen). »Ja, das ist mein Ursprung. Eine einfache Provinzfamilie.«

»Sie sind ein Wunder«, sagte Peter Iwanowitsch mit seiner tiefsten Stimme.

Sie aber gab Rasumoff ihr Totenkopflächeln. Ihre Stimme klang förmlich befehlend.

»Sie müssen das wilde junge Ding herbringen. Wir wollen sie sehen. Ich rechne darauf, daß es Ihnen gelingt, vergessen Sie das nicht.«

»Sie ist kein wildes junges Ding«, murmelte Rasumoff mürrisch. »Nun gut, das ist ganz gleich. Vielleicht ist sie eine dieser jungen eingebildeten Demokratinnen. Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, sie ist Ihnen im Charakter sehr ähnlich. In Ihnen schwelt große Spottlust. Sie sind recht selbstgenügsam. Aber ich kann geradezu Ihre Seele sehen.«

Ihre glänzenden Augen bekamen einen trockenen, stieren Blick, der an Rasumoff vorbeiglitt und in ihm die lächerliche Vorstellung erweckte, daß sie irgend etwas ansah, was ihr hinter ihm sichtbar war. Er verfluchte sich selbst wegen dieser augenscheinlichen Empfänglichkeit für überspannte Ideen und fragte mit erzwungener Ruhe:

»Was sehen Sie da? Irgend etwas, das mir ähnlich ist?«

Sie bewegte ihr starres Gesicht verneinend von links nach rechts.

»Irgendeinen Geist in meiner Gestalt?« fuhr Rasumoff langsam fort. »Denn ich glaube, das ist die Form, in der eine Seele sichtbar wird. Ein Nichts. Es gibt Erscheinungen von Lebenden sowohl wie von Toten.«

Die Starrheit von Madame de S.s Blick hatte nachgelassen, und sie sah nun Rasumoff an, in einem Schweigen, das drückend wurde.

»Ich selbst habe da ein Erlebnis gehabt«, brachte er heraus, wie unter unwiderstehlichem Zwang. »Ich habe einmal einen Geist gesehen.«

Die unnatürlich roten Lippen öffneten sich, um eine Frage zu formen.

»Eines Toten?«

»Nein, eines Lebenden.«

»Ein Freund?«

»Nein.«

»Ein Feind?«

»Ich haßte ihn.«

»Ach, dann war es also keine Frau?«

»Eine Frau?« wiederholte Rasumoff und sah Madame de S. gerade in die Augen. »Warum hätte es eine Frau sein sollen? Und warum dieser Schluß? Warum hätte ich nicht fähig sein sollen, eine Frau zu hassen?«

Tatsächlich war ihm die Idee, eine Frau zu hassen, völlig neu. Im Augenblick haßte er Madame de S. Aber es war kein richtiger Haß. Es war ein Gefühl, das mehr dem Abscheu glich, den uns eine abstoßend häßliche Plastik aus Holz oder Gips einflößen mag. Sie rührte sich so wenig, als wäre sie eine solche Plastik. Sogar ihre Augen, deren starrer Blick sich in die seinen bohrte, wirkten trotz ihrem Glanze leblos, als wären sie künstlich wie ihre Zähne. Zum erstenmal bemerkte Rasumoff ein ganz schwaches Parfüm, doch so schwach es war, belästigte es ihn doch unsagbar. Wieder klopfte ihm Peter Iwanowitsch leicht auf die Schulter. Daraufhin verbeugte er sich und wollte sich eben zurückziehen, als ihm die unerwartete Gnade zuteil wurde, daß sich ihm eine knochige, leblose Hand entgegenstreckte, mit den zwei Worten in hartem Französisch:

»Au revoir.«

Er beugte sich über die Skeletthand und verließ das Zimmer, von dem großen Mann begleitet, der ihm den Vortritt ließ. Die Stimme vom Sofa krächzte hinter ihnen her:

»Sie bleiben hier, Pierre.«

»Gewiß, ma chere amie.«

Er verließ aber den Raum mit Rasumoff und schloß die Tür hinter sich. Der Vorraum setzte sich nach links und rechts in einen kleinen Korridor fort und bot den trostlosen Ausblick auf die Dekoration in Weiß und Gold, ohne einen Fetzen Teppich. Sogar das Licht, das ganz am Ende durch ein breites Fenster drang, schien staubig; und ein vereinzelter Farbfleck, der auf der Balustrade aus weißem Marmor erschien, der Zylinder des großen Feministen, stach aufreizend scharf umrissen von der grellen Weiße ab.

Peter Iwanowitsch begleitete den Besucher, ohne den Mund aufzutun. Sogar als sie schon das Stiegenhaus erreicht hatten, brach Peter Iwanowitsch das Schweigen nicht. Rasumoffs Wunsch, in einem Saus die Treppe hinunter und zum Hause hinaus zu eilen, ohne sich auch nur mit einem Nicken zu verabschieden, verflog plötzlich. Er blieb auf der ersten Stufe stehen und lehnte sich an die Wand. Unter ihm dehnte sich die große Halle mit ihrem schwarz-weiß gescheckten Fußboden und schien in ihrer lächerlichen Größe irgendein öffentlicher Saal, dessen schlummernde Akustik darauf wartet, von Schritten und Stimmen erprobt zu werden. Als fürchtete er sich, das laute Echo des leeren Hauses zu wecken, dämpfte Rasumoff die Stimme:

»Ich habe wirklich nicht die Absicht, in Spiritismus zu machen.«

Peter Iwanowitsch schüttelte leise, doch mit tiefem Ernst das Haupt.

»Oder meine Zeit an seherische Verzückungen oder tiefgründige Betrachtungen über den Hochglanz der Weiblichkeit zu verschwenden«, fuhr Rasumoff fort. »Ich bin hierher gekommen, um mir meinen Anteil an der Arbeit zu suchen – an Taten, hochverehrter Peter Iwanowitsch! Es war nicht der große, europäische Schriftsteller, der mich anzog, hier in dieser widerwärtigen Stadt der Freiheit. Es war jemand viel größerer. Es war die Idee des Führers. Es gibt halbverhungerte junge Menschen in Rußland, die so fest an Sie glauben, daß dieser Glaube das einzige scheint, was sie in ihrem Elend aufrecht hält. Denken Sie daran! Nein, aber denken Sie doch bloß daran!«

Der große Mann ließ diesen Ausbruch völlig regungslos und schweigsam über sich ergehen und bot ein Bild geduldiger, gleichmütiger Ehrbarkeit.

»Natürlich rede ich nicht vom Volk. Das sind Tiere«, fügte Rasumoff mit dem gleichen scharfen Flüstern hinzu. Aus dem Bart des »heldenhaften Flüchtlings« drang ein gemurmelter Widerspruch, ein Murmeln der Autorität.

»Sagen Sie – Kinder.«

»Nein, Tiere«, beharrte Rasumoff eigensinnig.

»Aber sie sind gesund, sie sind unschuldig«, gab der große Mann flüsternd zu bedenken.

»Was das anbetrifft, so ist ein Vieh gesund genug.« Rasumoff erhob die Stimme. »Und Sie können nicht die natürliche Unschuld des Viehs leugnen. Aber was nützt es, sich über Namen zu streiten. Versuchen Sie es nur, und geben Sie diesen Kindern die Macht und die Gestalt von Männern, und passen Sie auf, was aus ihnen wird. Versuchen Sie nur, und warten Sie dann ... Aber einerlei. Ich sage Ihnen, Peter Iwanowitsch, daß heutzutage keine sechs jungen Leute in irgendeiner schäbigen Studentenbude zusammenkommen, ohne daß Ihr Name geflüstert wird. Nicht als der eines Lenkers der Gedanken, sondern als ein Zentrum revolutionärer Energie. Das Aktionszentrum. Was andres hat mich zu Ihnen geführt, glauben Sie? Sicher nicht das, was alle Welt von Ihnen weiß. Ich fühlte mich unwiderstehlich angezogen, oder sagen wir gedrängt, ja gedrängt – oder, noch besser, getrieben – getrieben«, wiederholte Rasumoff laut und brach ab, als habe ihn der hohle Widerhall des Wortes »getrieben« in den zwei kahlen Korridoren und der leeren großen Halle erschreckt.

Peter Iwanowitsch schien nicht im mindesten überrascht. Der junge Mann konnte ein trockenes, verlegenes Lächeln nicht unterdrücken. Der große Revolutionär blieb unbewegt, behielt unentwegt den Ausdruck banaler, gutmütiger Überlegenheit bei.

»Ein frecher Kerl«, sagte sich Rasumoff. »Er wartet hinter seiner Brille, daß ich mich aus der Hand verliere.« Dann laut, mit satanischer Freude an der plötzlichen Lust, mit der Größe des großen Mannes zu spielen:

»Oh, Peter Iwanowitsch, wenn Sie nur die Macht kennten, die mich zu Ihnen zog, nein, trieb

Nun fühlte er durchaus keine Lust zu lachen. Diesmal bewegte Peter Iwanowitsch leicht den Kopf, als wollte er sagen: kenne ich sie denn nicht? Diese ausdrucksvolle Bewegung war fast unmerklich. Rasumoff fuhr mit geheimer Schadenfreude fort:

»Alle diese Tage haben Sie versucht, in mir zu lesen, Peter Iwanowitsch. Das ist natürlich. Ich habe es bemerkt und war offen. Vielleicht haben Sie den Eindruck, daß ich nicht sehr mitteilsam war. Doch bei einem Mann wie Ihnen war das nicht nötig. Es hätte sogar wie Frechheit ausgesehen, und überdies neigen wir Russen ja gemeinhin dazu, zuviel zu reden. Das habe ich immer gefühlt. Und doch sind wir als Nation stumm. Ich versichere Ihnen, daß es nicht wieder vorkommen wird, daß ich zu Ihnen so viel rede.«

Rasumoff stand immer noch auf der unteren Stufe und näherte sich dem großen Mann ein wenig.

»Sie waren herablassend genug. Ich habe wohl verstanden, daß Sie es taten, um mich aus mir herauszulocken. Wenn Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, so müssen Sie zugeben, daß ich nicht versuchte, zu blenden. Ich wurde zu Ihnen gedrängt, gezogen oder gesandt. Sagen wir gesandt, für eine Tat, die niemand außer mir tun kann. Sie werden das eine harmlose Selbsttäuschung nennen, eine lächerliche Selbsttäuschung, die Ihnen nur ein Lächeln abringt. Es ist töricht von mir, so zu reden, und doch sollen Sie eines Tages an diese Worte denken, hoffe ich. Genug davon. Hier stehe ich vor Ihnen und habe gebeichtet! Doch eines muß ich dieser Beichte noch hinzufügen: nie werde ich mich dazu verstehen, ein blindes Werkzeug zu sein.«

Welche Art von Zustimmung Rasumoff auch erwartet haben mochte, darauf war er nicht gefaßt, daß der große Mann seine beiden Hände packen würde. Die Raschheit der Bewegung erschreckte ihn. Der stämmige Feminist hätte nicht flinker sein können, wenn er die Absicht gehabt hätte, Rasumoff hinterrücks auf den Treppenabsatz heraufzureißen und hinter einer der zahllosen verschlossenen Türen abzutun. Dieser Gedanke kam Rasumoff plötzlich. Als der andere seine Hände nach einem beredten Druck wieder freigab, lächelte er mit hochklopfendem Herzen gerade in den Bart und die Brille hinein, die den unergründlichen Mann verbargen. Er dachte dabei (so steht es von seiner eigenen Hand geschrieben): »Ich rühre mich nicht weg von hier, bis er entweder spricht oder sich wegwendet. Dies ist ein Duell.« Viele Sekunden vergingen, ohne ein Wort oder eine Bewegung.

»Ja, ja«, sagte dann plötzlich der große Mann hastig und leise, als handelte es sich um eine verstohlene, atemlose Unterredung. »Gewiß. Kommen Sie uns in ein paar Tagen wieder hier besuchen, wir müssen das gründlich durchsprechen, Sie und ich. Bis auf den Grund, bis auf ... Und nebenbei: Sie müssen auch Natalie Viktorowna mitbringen. Sie wissen ja, das Haldin-Mädel ... «

»Habe ich das als meinen ersten Auftrag von Ihnen zu betrachten?« fragte Rasumoff förmlich.

Peter Iwanowitsch schien von dieser neuen Haltung verblüfft.

»Ah, hm, Sie sind allerdings der geeignete Mann – la personne indiquée. Wir brauchen jetzt jeden einzelnen. Jeden einzelnen.« Er beugte sich zu Rasumoff hinunter, der die Augen niederschlug. »Der Augenblick der Tat kommt«, murmelte er.

Rasumoff sah nicht auf. Er rührte sich nicht, bis er die Tür des Wohnzimmers hinter dem größten der Feministen zuschlagen hörte, der zu seiner bemalten Egeria zurückkehrte. Dann ging er langsam in die Halle hinunter. Die Tür stand offen, und der Schatten des Hauses lag über der Terrasse. Während er langsam hinaus schritt, lüftete er den Hut, trocknete seine feuchte Stirn und stieß mit Macht den Atem aus, als wollte er die letzten Reste der Luft von sich geben, die er drinnen im Hause geatmet hatte. Er sah auf seine Handflächen und rieb sie leise an seinem Rock.

Er hatte, so lächerlich es klingen mag, das Gefühl, als könnte ein zweites Ich, das sich unabhängig von ihm in seine Seele teilte, seine ganze Erscheinung mit größter Lebhaftigkeit beobachten. Dies ist merkwürdig, dachte er. Nach einiger Zeit faßte er seine Ansicht darüber in den innerlichen Aufruf zusammen: »Verflucht!« Dann machte dieser Verdruß einer ausgesprochenen Unruhe Platz. Das ist die Folge nervöser Erschöpfung, überlegte er. Wie soll ich Tag für Tag so weitermachen, wenn ich nicht mehr Widerstandskraft – moralische Widerstandskraft habe?

Er folgte dem Weg über die Terrasse hinunter. »Moralische Widerstandskraft, moralische Widerstandskraft«, wiederholte er sich unablässig. Moralische Ausdauer. Jawohl. Dies war das erste Erfordernis der Sachlage. Einen Augenblick lang verdrängte der ungeheure Wunsch, aus diesem Park hinaus, ans andere Ende der Stadt zu kommen, sich auf sein Bett zu werfen und stundenlang zu schlafen, jeden anderen Gedanken aus seinem Kopfe. »Ist es möglich, daß ich letzten Endes doch nur ein Schwächling bin?« fragte er sich selbst in plötzlichem Erschrecken. »Oho, was ist das?«

Er fuhr zusammen, als erwachte er aus einem Traum. Er taumelte sogar ein wenig, bevor er sich ganz gefaßt hatte.

»Oh, Sie haben sich von uns weggestohlen, um hier herumzulaufen«, sagte er.

Die Gesellschaftsdame stand vor ihm, wie sie aber dahin gekommen war, davon hatte er nicht die leiseste Idee. In den gefalteten Armen barg sie liebkosend die Katze.

»Ich war geistesabwesend beim Gehen, das ist also unbestreitbare Tatsache«, sagte sich Rasumoff verblüfft. Dann zog er mit betonter Höflichkeit den Hut.

Das bleiche Mädchen errötete läppisch. Sie hatte ihren gewöhnlichen verschreckten Ausdruck, als hätte ihr irgend jemand soeben erst die schauerlichsten Neuigkeiten mitgeteilt. Dabei machte sie aber, wie Rasumoff ausdrücklich bemerkte, nicht den Eindruck der Schüchternheit. Sie ist unglaublich schäbig, dachte er. Im Sonnenschein sah ihr schwarzes Kleid grünlich aus und zeigte da und dort ein paar durchgewetzte Stellen, wo der Stoff durch den Gebrauch samtig und wollig geworden schien. Sogar ihr Haar und ihre Augen waren schäbig. Rasumoff fragte sich, ob sie wohl sechzig Jahre alt sei. Ihre Gestalt schien zwar jung genug. Er bemerkte, daß sie nicht verhungert aussah, eher so, als hätte sie sich von unbekömmlichen Brocken und Tellerresten genährt. Rasumoff lächelte liebenswürdig und wich ihr aus. Sie drehte den Kopf, um ihren verschreckten Blick nicht von ihm zu wenden.

»Ich weiß, was man Ihnen da drin gesagt hat«, erklärte sie plötzlich ohne jede Einleitung. Ihre Sprechweise hatte im Gegensatz zu ihrer Haltung eine ganz unerwartete Sicherheit, die auch Rasumoff sofort seine Unbefangenheit wiedergab.

»Wissen Sie das? Sie müssen bei allen möglichen Gelegenheiten die verschiedensten Gespräche da drin gehört haben.«

Sie wiederholte ihren ersten Ausspruch, etwas verändert, doch mit der gleichen überraschenden Sicherheit.

»Ich weiß ganz gewiß, was man Ihnen aufgetragen hat, zu tun.«

»Wirklich?« Rasumoff zuckte leicht die Schultern. Er wollte eben mit einer kurzen Verbeugung weitergehen, da kam ihm plötzlich ein Gedanke. »Ja, gewiß! In Ihrer Vertrauensstellung müssen Sie in vieles eingeweiht sein«, murmelte er mit einem Blick auf die Katze.

Das Tier empfing von der Gesellschaftsdame eine kurze, wie konvulsivische Liebkosung. »Ich bin seit langem in alles eingeweiht«, sagte sie.

»Alles«, wiederholte Rasumoff zerstreut.

»Peter Iwanowitsch ist ein abscheulicher Despot«, stieß sie hervor.

Rasumoff fuhr fort, die Streifen auf dem grauen Fell der Katze zu studieren.

»Ein eiserner Wille ist der Hauptbestandteil eines solchen Temperaments. Wie könnte er sonst ein Führer sein? Und ich glaube, Sie irren sich –«

»Da!« schrie sie. »Sie sagen, daß ich mich irre. Und ich wiederhole Ihnen trotzdem, daß er sich um niemand kümmert.« Sie warf den Kopf hoch. »Bringen Sie das Mädchen nicht hierher. Das hat man Ihnen aufgetragen – das Mädchen herzubringen. Hören Sie mich an: Sie täten besser, ihr einen Stein um den Hals zu binden und sie in den See zu stoßen.«

Rasumoff fühlte ein Frösteln und eine fliegende Hitze, als sei eine schwere Wolke vor die Sonne gezogen.

»Das Mädchen«, sagte er, »was habe ich mit dem Mädchen zu tun?«

»Man hat Ihnen aber gesagt, Natalie Haldin herzubringen. Habe ich nicht recht? Natürlich habe ich recht. Ich war nicht im Zimmer, aber ich weiß. Ich kenne Peter Iwanowitsch gut genug. Er ist ein großer Mann. Große Männer sind furchtbar. Machen Sie sich nichts mit ihr zu tun. Das ist doch das beste, was Sie tun können, wenn Sie nicht wollen, daß sie wird wie ich – enttäuscht! Enttäuscht!«

»Wie Sie?« wiederholte Rasumoff und starrte ihr ins Gesicht, das so ganz aller Anmut entbehrte wie der kümmerlichste Bettler des Geldes. Er lächelte und fühlte noch immer das Frösteln: eine ganz eigenartige Sensation, die ihn ärgerte. »Enttäuscht, von Peter Iwanowitsch! Ist das alles, was Sie verloren haben?«

Sie bemerkte, etwas ängstlich, doch mit ungeheurer Überzeugung: »Peter Iwanowitsch ist alles.« Dann fügte sie in verändertem Ton hinzu: »Halten Sie das Mädchen weg von diesem Haus.«

»Und Sie wollen mich um jeden Preis dazu bringen, Peter Iwanowitsch nicht zu gehorchen, nur weil Sie – weil Sie enttäuscht sind?«

Sie begann mit den Augen zu zwinkern.

»Sobald ich Sie zum erstenmal gesehen hatte, fühlte ich mich getröstet. Sie haben den Hut vor mir abgenommen. Sie sehen aus, als könnte man sich auf Sie verlassen. Oh!«

Sie schrak zurück vor Rasumoffs barsch hervorgestoßenem: »So etwas Ähnliches habe ich schon einmal gehört.«

Sie war so verwirrt, daß sie eine lange Zeit nichts konnte als weiter zwinkern.

»Es war Ihre menschenfreundliche Art«, erklärte sie wimmernd. »Ich habe gelechzt, ich will nicht sagen, nach Güte, sondern nur nach ein wenig Höflichkeit – ich weiß gar nicht wie lange. Und nun sind Sie ärgerlich ... «

»Aber nein, im Gegenteil«, widersprach er. »Ich freue mich sehr, daß Sie mir vertrauen. Es ist möglich, daß ich später einmal ... «

»Ja, wenn Sie einmal krank werden«, fiel sie lebhaft ein, »oder irgend etwas sehr Trauriges erleben, dann werden Sie sehen, daß ich keine unnütze Närrin bin. Sie brauchen es mich nur wissen zu lassen. Ich werde zu Ihnen kommen. Wirklich, ich will. Und bei Ihnen bleiben. Das Elend und ich sind alte Bekannte – aber dieses Leben hier ist schlimmer als Verhungern.« Sie schwieg ängstlich abwartend und fügte dann mit einer Stimme, die zum erstenmal wirklich schüchtern klang, hinzu:

»Oder wenn man Ihnen eine wirklich gefährliche Arbeit gäbe. Manchmal kann ein anspruchsloser Helfer – ich würde gar nichts wissen wollen. Ich würde Ihnen mit Freuden folgen. Ich könnte Aufträge ausführen. Ich habe den Mut.«

Rasumoff sah aufmerksam auf die verschreckten runden Augen, auf die runzligen, bleichen, runden Wangen; um die Mundwinkel spielte ein Zittern.

Sie will fort von hier, dachte er.

»Gesetzt den Fall, ich sagte Ihnen, daß ich in eine gefährliche Arbeit verwickelt bin?« sagte er langsam.

Sie preßte die Katze an ihren fadenscheinigen Busen mit dem atemlosen Ausruf: »Ah!« Dann, kaum geflüstert: »Unter Peter Iwanowitsch?«

»Nein, nicht unter Peter Iwanowitsch.«

Er sah Bewunderung in ihren Augen und strengte sich an, nicht zu lächeln.

»Dann also – allein?«

Er hielt die geschlossene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger hoch: »Wie dieser Finger«, sagte er.

Sie zitterte leicht. Da fiel es Rasumoff ein, daß sie vielleicht vom Hause her beobachtet werden konnten, und er fühlte den dringenden Wunsch, fortzukommen. Sie zwinkerte und wandte ihr zerstörtes Gesicht zu ihm, scheinbar mit der stummen Bitte, er möchte ihr noch etwas mehr sagen, ihrer hungernden, grotesken, pathetischen Ergebenheit noch ein Wort der Ermutigung schenken.

»Können wir vom Haus aus gesehen werden?« fragte Rasumoff vertraulich.

Sie antwortete, ohne die leiseste Überraschung über diese Frage zu verraten:

»Nein, das Eck des Stalles springt vor.« Dann fügte sie aber mit einer Verschmitztheit, die Rasumoff überraschte, hinzu: »Wenn aber jemand aus dem Fenster des Oberstockes heraussähe, dann würde er sofort merken, daß Sie noch nicht durch die Tore sind.«

»Wer sollte wohl bei dem Fenster spionieren?« fragte Rasumoff. »Peter Iwanowitsch?«

Sie nickte.

»Warum sollte er sich damit abgeben?«

»Er erwartet heute nachmittag jemand.«

»Kennen Sie die Person?«

»Es ist mehr als eine.«

Sie hatte die Augen wieder gesenkt. Rasumoff sah sie neugierig an. »Natürlich, Sie hören ja alles, was sie sagen.«

Sie sagte, ohne alle Feindseligkeit:

»Das tun auch die Tische und Stühle.«

Er begriff, daß die Bitterkeit, die sich in dem Herzen dieses hilflosen Geschöpfes angesammelt hatte, ihr wie ein feines Gift in die Adern gedrungen war und ihre Treue für jenes hassenswerte Paar zersetzt hatte. Für ihn war das ein äußerst glücklicher Zufall, überlegte er; denn Frauen sind sehr selten käuflich wie Männer, die meist für materielle Vorteile zu haben sind. Sie würde eine gute Verbündete abgeben, obwohl es nicht wahrscheinlich war, daß sie so viel zu hören bekam wie die Stühle und Tische des Château Borel. Das war nicht zu erwarten. Aber doch ... und auf alle Fälle konnte man sie zum Sprechen bringen.

Als sie aufsah, bemerkte sie Rasumoffs Blick, der fest auf sie gerichtet war. Rasumoff begann zu sprechen.

»Nun gut, meine Liebe ... aber meiner Treu, ich habe noch nicht das Vergnügen, Ihren Namen zu kennen. Ist das nicht merkwürdig?«

Zum ersten Male machte sie eine Bewegung mit den Schultern. »Ist das merkwürdig? Niemandem wird mein Name genannt. Keiner kümmert sich darum. Niemand spricht mit mir, niemand schreibt mir. Meine Eltern wissen nicht einmal, ob ich lebe. Ich brauche keinen Namen und habe ihn fast schon selbst vergessen.«

Rasumoff murmelte ernst: »Ja, aber doch ... «

Sie fuhr langsamer und gleichgültig fort:

»Sie können mich also Thekla nennen. Mein armer Andrej nannte mich so. Ich war ihm zugetan. Er lebte in Kümmernis und Leiden und starb im Elend. Das ist das Los von uns Russen allen, uns namenlosen Russen. Nichts anderes gibt es für uns und keine Hoffnung irgendwo, wenn nicht ... «

» Wenn nicht, was?«

»Wenn nicht alle diese Leute mit Namen aus dem Weg geräumt werden«, schloß sie, zwinkerte und warf die Lippen auf.

»Es wird mir leichter fallen, Sie Thekla zu nennen, wie Sie es wünschen«, sagte Rasumoff, »wenn Sie einwilligen, mich Kyrill zu nennen – sobald wir uns wie jetzt sprechen, ungestört, nur Sie und ich..«

Und dabei dachte er: das Geschöpf da muß sich unglaublich vor der Welt fürchten, sonst wäre sie aus dieser Stellung schon längst davongelaufen. Dann überlegte er, daß die bloße Tatsache, daß sie den großen Mann plötzlich verließ, sie verdächtig machen mußte. Sie konnte von niemand Hilfe oder Rückhalt erwarten. Diese Revolutionärin war für eine unabhängige Existenz nicht geschaffen.

Sie ging ein paar Schritte neben ihm, zwinkerte und liebkoste die Katze, indem sie sie leicht in den Armen schaukelte.

»Jawohl, nur Sie und ich. So war ich auch mit meinem armen Andrej, nur lag er im Sterben. Diese Bestien von Beamten hatten ihn umgebracht – während Sie! Sie sind stark, Sie töten die Ungeheuer. Sie haben eine große Tat vollbracht. Peter Iwanowitsch selbst muß Sie schätzen. Nun gut – vergessen Sie mich nicht –, besonders wenn Sie jemals nach Rußland zur Arbeit zurückkehren. Ich könnte Ihnen folgen und alles, was irgendwie gebraucht würde, tragen. Ganz weit, wissen Sie, oder ich könnte für Sie gefährliche Dokumente schreiben, Listen von Namen oder Instruktionen, so daß Sie im Falle eines Unglückes die Handschrift nicht belasten könnte. Sie brauchten sich auch dann nicht zu fürchten, wenn ich gefangen würde. Ich wüßte wohl, stumm zu bleiben. Wir Frauen sind durch Schmerz nicht so leicht zu besiegen. Ich hörte Peter Iwanowitsch sagen, daß es an unseren stumpfen Nerven oder so etwas liege. Wir können es besser aushalten. Und es ist wahr; ich kann mir ganz gut vorstellen, daß ich mir die Zunge abbisse und sie den Kerlen hinspuckte. Was nützt mir die Sprache? Wer würde jemals wünschen, zu hören, was ich sage? Seitdem ich meinem armen Andrej die Augen geschlossen habe, habe ich keinen Mann getroffen, dem am Klang meiner Stimme etwas zu liegen schien. Auch zu Ihnen hätte ich nie gesprochen, wenn Sie nicht gleich, als Sie das erstemal hierherkamen, so liebenswürdig von mir Notiz genommen hätten. Ich konnte nicht anders, als zu Ihnen von dem entzückenden jungen Mädchen zu sprechen. Oh, das süße Geschöpf! Und stark! Das sieht man gleich. Wenn Sie ein Herz in der Brust haben, dann erlauben Sie nicht, daß sie den Fuß hierher setzt. Leben Sie wohl!«

Rasumoff faßte sie am Arm. In der ersten Bestürzung über die unerwartete Berührung versuchte sie sich freizumachen, blieb aber dann ruhig stehen, ohne ihn anzusehen.

»Können Sie mir aber sagen«, fragte er hart an ihrem Ohr, »warum sie – diese Leute hier im Haus – so darauf aus sind, sie in die Hand zu bekommen?«

Sie machte sich frei und wandte sich nach ihm um, als ärgerte sie sich über die Frage.

»Verstehen Sie nicht, daß Peter Iwanowitsch lenken, beeinflussen, dirigieren muß? Das gehört zu seinem Leben. Er kann nie zu viele Schüler haben. Er verträgt den Gedanken nicht, daß irgend jemand ihm entkommen könnte. Und eine Frau noch dazu! Ohne Frauen kann man nichts machen, sagt er. Er hat es auch geschrieben. Er –«

Der junge Mann hörte diesen Ausbruch überrascht an, als sie plötzlich verstummte und hinter den Stall lief.

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