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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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Erster Teil

Zunächst möchte ich feststellen, daß ich in keiner Weise die starke Einbildungskraft und Ausdrucksfähigkeit besitze, die es mir ermöglicht hätte, dem Leser die Gestalt des Mannes anschaulich zu machen, der sich, der russischen Sitte gemäß, Kyrill Sohn des Isidor – Kyrill Sidorowitsch – Rasumoff nannte.

Hätte ich diese Gaben überhaupt jemals in irgendeiner Weise besessen, so wären sie doch schon längst in einem Wust von Worten untergegangen. Worte sind ja bekanntlich die geschworenen Feinde der Wirklichkeit. Ich war jahrelang Sprachlehrer. Diese Beschäftigung räumt auf die Dauer mit allem auf, was ein Durchschnittsmensch an Einbildungskraft, Beobachtungsgabe oder Einsicht besitzen könnte. Für einen Sprachlehrer kommt die Zeit, wo ihm die Welt nichts ist als die Heimat vieler Worte und der Mensch lediglich ein sprechendes Tier, nicht viel wunderbarer als ein Papagei.

Unter solchen Umständen wäre es mir unmöglich gewesen, der Geschichte Rasumoffs einen Schein von Lebendigkeit zu geben oder gar sie frei zu gestalten. Selbst die freie Erfindung der nackten Tatsachen seines Lebens hätte meine Kraft weit überstiegen. Doch ich glaube, daß auch ohne diese Erklärung die Leser dieser Geschichte darin die unverkennbaren Zeichen des tatsächlichen Geschehens entdecken werden; und wirklich liegt ihr ein Dokument zugrunde. Mein ganzer Anteil besteht in meinen Kenntnissen der russischen Sprache, die für meinen Zweck genügten. Das Dokument ist natürlich eine Art Tagebuch und doch wieder nicht das, was man gemeinhin darunter versteht. So wurde zum Beispiel der größere Teil der Eintragungen nicht von Tag zu Tag gemacht, wenn sie auch alle datiert sind. Manche dieser Eintragungen umfassen Monate und erstrecken sich über Dutzende von Seiten. Der ganze erste Teil ist ein Rückblick in erzählender Form und bezieht sich auf ein Ereignis, das sich ungefähr ein Jahr vorher zutrug.

Ich muß erwähnen, daß ich lange Zeit in Genf lebte. Ein ganzer Bezirk dieser Stadt wird mit Rücksicht auf .die vielen Russen, die darin wohnen, »La Petite Russie« genannt – das kleine Rußland. Zu jener Zeit hatte ich recht ausgedehnte Beziehungen zu diesem »kleinen Rußland«, doch gestehe ich, daß mir das Verständnis für den russischen Charakter fehlt. Die Unlogik ihres Gehabens, die Willkür ihrer Schlüsse, die vielen Ausnahmen sollten für jemand, der viele Grammatiken studiert hat, keine Schwierigkeiten bieten. Es muß aber noch etwas anderes vorliegen, ein besonderer menschlicher Zug, einer jener feinen Unterschiede, die sich dem Auge des bloßen Lehrers entziehen. Was einen Sprachlehrer immer packen muß, das ist die außerordentliche Vorliebe der Russen für Worte; sie häufen sie an, sie pflegen sie, behalten sie aber nicht für sich, sondern sind im Gegenteil Tag und Nacht bereit, sie in reichem Fluß von sich zu geben, und oft mit so treffender Schärfe, daß man sich, wie bei besonders hochstehenden Papageien, manchmal der Vermutung nicht erwehren kann, daß sie wirklich verstehen, was sie sagen. In allen ihren wortreichen Ausführungen liegt ein Feuer, das sie über bloße Geschwätzigkeit weit hinaushebt, und doch sind sie wieder nicht in sich geschlossen genug, um als Beredsamkeit gelten zu können. – Doch muß ich wegen dieser Abschweifungen um Entschuldigung bitten.

Es wäre müßig, nachforschen zu wollen, warum Rasumoff diese Erinnerungen hinterlassen hat. Es scheint schwer glaublich, daß es sein Wunsch gewesen sein könnte, sie möchten irgendeinem Menschen vor Augen kommen. Hier spielt, glaube ich, ein geheimnisvoller Trieb der menschlichen Natur herein. Abgesehen von Samuel Pepys, der sich auf diese Weise das Tor der Unsterblichkeit erschlossen hat, haben ungezählte andere – Verbrecher, Heilige, Philosophen, junge Mädchen, Staatsmänner und glatte Dummköpfe – offenherzige Tagebücher geführt, aus Eitelkeit zweifellos, doch gewiß auch aus anderen Gründen. Es muß eine wunderbar beruhigende Kraft in bloßen Worten liegen, da so viele Leute sie gebrauchen, wenn sie Einkehr in sich selbst halten wollen. Da ich selbst ein ruhiger Mensch bin, so nehme ich an, daß es irgendeine Art von Frieden ist oder vielleicht nur eine Formel dafür, was alle suchen. Jedenfalls ist der Ruf danach heutzutage laut genug. Inwiefern aber Kyrill Sidorowitsch Rasumoff erwarten konnte, in der Aufzeichnung seiner Erinnerungen Frieden zu finden, das übersteigt meine Fassungsgabe.

Jedenfalls bleibt die Tatsache bestehen, daß er sie aufgezeichnet hat.

Rasumoff war ein schlanker, wohlgebauter junger Mann, ganz ungewöhnlich dunkel für einen Russen aus den zentralen Provinzen. Seine Schönheit wäre unbestreitbar gewesen, ohne einen merkwürdigen Mangel von Feinheit in seinen Zügen. Es war, als hätte man ein kräftig in Wachs modelliertes Gesicht (von einer fast ans Klassische grenzenden Ebenmäßigkeit) nahe ans Feuer gehalten, bis mit der Erweichung des Materials alle Schärfe der Linienführung verlorengegangen wäre. Doch auch so sah er gut genug aus. Auch seine Manieren waren gut. In Diskussionen beugte er sich gern vor Argumenten und Autoritäten, jüngeren Landsleuten gegenüber nahm er die Pose des undurchdringlichen Zuhörers an, eines Menschen von der Art, die einen aufmerksam bis zu Ende anhören und dann – einfach das Thema wechseln.

Dieser Kniff, der in geistiger Unzulänglichkeit seine Ursache haben kann oder auch in einem mangelhaften Vertrauen in die eigene Überzeugung, brachte Rasumoff in den Ruf von Gedankentiefe. Unter einer Schar begeisterter Sprecher, deren Gewohnheit es ist, sich täglich in feurigen Diskussionen auszugeben, muß natürlich ein verhältnismäßig schweigsamer. Mensch den Anschein von Verschlossenheit erwecken. Seine Kameraden von der St. Petersburger Universität blickten auf Kyrill Sidorowitsch Rasumoff, der im sechsten philosophischen Semester stand, als auf einen starken Charakter – einen durchaus zuverlässigen Mann. In einem Lande, in dem eine Überzeugung ein Verbrechen sein kann, auf dem Tod steht oder manchmal ein schlimmeres Schicksal als bloßer Tod, hieß das, daß man ihm verbotene Überzeugungen zutrauen und anvertrauen konnte. Er war aber auch beliebt wegen seiner Liebenswürdigkeit und seiner ruhigen Art, jemand gefällig zu sein, selbst auf Kosten seiner persönlichen Bequemlichkeit.

Rasumoff galt als der Sohn eines Erzpriesters, und es hieß, daß er von einem Hocharistokraten – vielleicht aus seiner eigenen entfernten Provinz – protegiert werde. Seine äußere Erscheinung aber stimmte schlecht zu einer so einfachen Herkunft. Diese Abstammung schien nicht glaublich. Tatsächlich ging das Gerücht, daß Rasumoffs Mutter die hübsche Tochter eines Erzpriesters gewesen sei, was natürlich die ganze Frage in anderem Lichte erscheinen ließ. Diese Vermutung machte auch die Protektion des Aristokraten verständlich. Doch hatte man all dem niemals boshaft oder sonstwie nachgeforscht. Niemand wußte es oder kümmerte sich darum, wer der fragliche Aristokrat war. Rasumoff erhielt einen bescheidenen, doch durchaus ausreichenden Monatswechsel von einem ziemlich bekannten Sachwalter ausgezahlt, der in gewisser Beziehung als sein Vormund zu fungieren schien. Dann und wann erschien er bei Privatempfängen irgendeines Professors. Davon abgesehen, wußte niemand andere gesellschaftliche Beziehungen Rasumoffs in der Stadt anzugeben. Er besuchte die vorgeschriebenen Vorlesungen regelmäßig und galt an der Universität als vielversprechender Student. Er arbeitete zu Hause nach Art eines Menschen, der es vorwärtssbringen will, schloß sich deswegen aber nicht asketisch ab. Er war immer zugänglich, und sein Leben erschien weder geheimnisvoll noch zurückgezogen.

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