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Mirasol

Ina Jens: Mirasol - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMirasol
authorIna Jens
year1935
firstpub1935
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart
titleMirasol
pages164
created20170505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lassiert

Obwohl Heinrich und ich während der beiden Ferienmonate die größte Freiheit genossen, haben wir sie doch nie mißbraucht, das heißt, wir haben nie etwas unternommen, das etwa gegen den Willen unserer Eltern gewesen wäre. Im großen und ganzen waren wir auch selber immer ziemlich besonnen und vorsichtig, denn wir kannten die Gefahren der Wildnis.

Trotzdem haben wir uns einmal in der Einsamkeit der Berge und im Schweigen des Urwaldes einen Scherz erlaubt, der uns sogar leicht vor Gericht hätte bringen können, obwohl er in Wirklichkeit nicht mehr als ein harmloser Knabenstreich war. Das kleine Ereignis hat sich ungefähr folgendermaßen zugetragen.

Nach dem mißlungenen Unternehmen im Glockenturm der Stadt, war uns die Lust, nach vergrabenen Schätzen zu suchen, ganz vergangen, und es kamen Tage, an denen wir uns richtig langweilten. Die Umgebung des Gutes hatten wir bereits nach allen Himmelsrichtungen durchstreift. Wir kannten alle Leute, alle Fundos, alle Tiere, waren hundertmal im Boote stromauf gefahren, hatten Fische gefangen, Vögel geschossen, Hütten gebaut, kurz, es schien uns plötzlich, als gebe es auf dieser Insel kein Vergnügen mehr, das wir nicht schon bis auf den Grund kannten. 129

In einer solchen Stimmung der Übersättigung schlenderten wir eines Morgens gähnend und mißmutig hinunter zum Fluß, setzten uns auf den warmen Sandboden und begannen, Kieselsteine über die Wasserfläche zu werfen. Damit scheuchten wir zwar Scharen von Möwen und wilden Enten aus ihrer beschaulichen Ruhe auf, aber interessant war das keineswegs.

Auf einmal aber sahen wir am jenseitigen Ufer etwas, das uns im Nu wach und lebendig machte. Aus dem Walde heraus jagte mit wehender Mähne ein Pferd und gleich darauf hinter ihm her 130 ein Reiter. Eine kleine Strecke weit rasten die Tiere in gestrecktem Galopp am Wasser hin. Dann warf der Mann den Lasso aus und zwar so geschickt, daß das Pferd fast im Augenblicke stand und nun vom Strande wieder zurück in den Wald geführt wurde.

»Der kann lassieren,« sagte ich bewundernd.

»Eigentlich ist das gar kein Kunststück,« meinte Heinrich nach einer Weile.

»Nein,« pflichtete ich ihm bei, »es verlangt nur Übung.«

Wir sahen uns an und dachten dasselbe. In Maltes Scheune hingen unberührt zwei nagelneue Lassos.

»Holen wir die Lassos?«

»Ja . . . Ja . . . holen wir sie!«

Wie neu belebt rannten wir über die Wiese zurück, langten uns die Riemen herunter und begannen, mit großem Eifer zu üben, sahen aber bald ein, daß, obwohl wir zwei Arme zum Werfen und zwei Augen zum Sehen hatten, das Treffen doch nicht so einfach war, wie es aussah.

Zuerst lassierten wir uns gegenseitig, warfen uns zehnmal den Riemen ins Gesicht statt über den Kopf, und vergnügten uns dabei köstlich. Dann versuchten wir unsere Kunst an den Gänsen, deren langer Hals ein verlockendes Ziel dafür bot. Schnell genug aber wurde uns diese Freude vom Küchenfenster aus verboten. Da lassierten wir die Pfähle des Zaunes, die Deichsel eines Karrens, kurz, alles, was irgendwie hervorsprang. Nach stundenlangem, 131 unermüdlichem Üben gewannen wir merkliche Sicherheit, und beim Mittagessen glaubten wir, uns schon ein wenig groß damit tun zu dürfen.

Am Nachmittag ging das Lassieren weiter. Schafe und Ziegen, Kühe und Pferde wurden eingefangen. Andauernd spähten wir nach Dingen umher, die der Mühe wert waren, daß man sich an ihnen versuchte.

So kamen wir auch in den Garten. Dort trafen wir Heinrichs Tante. Sie ging mit einem Körbchen am Arme zwischen den Beeten dahin und pflückte Himbeeren. Auf einmal stieß sie einen geradezu durchdringenden Schrei aus. Heinrich hatte sie lassiert. Obwohl er sofort hinzusprang und sie wieder befreite, war sie doch furchtbar ärgerlich. Sie sagte, das sei eine »heilvolle Respektlosigkeit« und ging sehr böse an uns vorbei ins Haus hinein.

Da verzogen wir uns schleunigst wieder auf den hinteren Hof. In diesem Augenblick kam mein Onkel aus der Scheune und ging quer über den freien Platz . . . Wupp! . . . hatte er den Lasso von mir um die Brust. Er sah sich um, lachte gutmütig und sagte: »Ihr müßt das Lassieren im Reiten versuchen. So wie ihr es macht, ist es kein Kunststück.«

Gewiß, das wollten wir später auch tun.

Nun schlenderten wir weiter auf einen kleinen Hügel hinauf. Da sahen wir Heinrichs Vater zu Pferd von den Bergen herunterkommen. Heinrich versteckte sich hinter einem Busch, ließ ihn ruhig 132 vorbeiziehen und warf ihm dann den Lasso von hinten über den Kopf, aber so ungeschickt, daß der Hut auf den Boden flog. Malte, der wahrscheinlich einen Überfall vermutete, wandte sich blitzschnell mit dem Pferde zurück. Da sah er seinen Sohn, stieg ab und befahl mit merkwürdig ernster Stimme:

»Komm sofort hieher und binde mich los!«

Heinrich ging langsam und unsicher auf den Vater zu, streifte ihm den Lasso ab und wollte gerade etwas sagen, erhielt aber eine so schallende Ohrfeige, daß er augenblicklich verstummte, während ich ob dieser unerwarteten Wirkung unseres Scherzes laut aufschrie, worauf Malte denn auch mich durchbohrend ansah und sagte: »Man lassiert Tiere, aber nicht Menschen. Merkt euch das ein für alle Male!« Damit ließ er uns stehn und ritt davon.

Heinrich hob seinen Lasso auf und begann, ihn mit großer Umständlichkeit einzurollen, während ich stumm und zitternd daneben stand. Endlich war er fertig und sah mich an, und dann verfielen wir beide wie auf Kommando in ein ganz dummes Lachen, es war beiderseits ein richtiges Verlegenheitslachen. Ich merkte bald, daß es Heinrich gar nicht so lustig zumute war, wie er tat, denn als wir uns ein wenig gefaßt hatten, sagte er: »Reiten wir nach der ›Poza azul‹? Dort stören wir niemand.« Ich war sogleich einverstanden, denn auch mir schien es geratener, für den Rest des Nachmittags die Bewohner des Hauses zu meiden. 133

Mit einer seltenen Hast sattelten wir unsere Pferde und ritten den Bergen zu, und erst als die Stille des Waldes um uns war, fühlten wir uns wieder frei und wohl.

Das Ziel unseres Spazierganges war bald erreicht. Die kleine Poza lag mitten in der grünen Wildnis. Silberhelles Wasser stürzte über niedriges Felsgestein, zog weiße Kreise, die sich weiterhin in einem ruhigen, leuchtend blauen Spiegel verloren, der dem kleinen Teich den Namen »Poza azul« eingetragen hatte.

Hinter der Poza öffnete sich der Wald und ging in eine weite, schöne Wiese über. Vor der Poza aber standen zu beiden Seiten des Weges Felsen, die üppiges Strauchwerk umwucherte.

Wir stiegen ab, banden die Lassos von den Sattelriemen los und jagten die Pferde auf die Weide.

Hier oben war es einsam und still, ringsum der dunkle Wald und stundenweit keine menschliche Behausung. Nur weiterhin in den Bergen wußten wir eine armselige Hütte, in der ein paar Bettler wohnten, und drüben auf dem Fundo von Don Joaquin stand in gleicher Höhe mit der Poza das Haus eines Wächters. Er hieß Mateo Gómez und war bekannt als ausgezeichneter Schütze und unübertrefflicher Pferdebändiger.

Wir kletterten auf einen Felsen und sahen eine Weile in das grüne Durcheinander des Urwaldes. Da erblickten wir plötzlich dicht unter uns eine Frau, die bergwärts stieg.

»Mensch,« sagte Heinrich und rieb sich vor Freude die Hände, 134 »da kommt die alte ›Caturra‹, die Zigeunerin. Das wäre ein Spaß, wenn wir die lassierten und sie ein bißchen erschreckten.«

Ich pflichtete ihm sofort bei, denn die Alte war bei uns schlecht angeschrieben. Sie war ein gefürchtetes Bettelweib, vor der nichts sicher war, und die immer schrecklich lästerte, wenn man ihr nichts gab. Den Heinrich hatte sie einmal sogar angespuckt, als er ihr ein Stück Brot statt des verlangten Geldes reichte. Auch stand sie arg im Verdacht, Maltes vier silberne Löffel entwendet zu haben, als man sie einst bei einem Unwetter ins Haus gerufen und ihr Kaffee gegeben hatte. Ja, sie hatte reichlich viel auf dem Kerbholz und wir glaubten, Grund genug zu haben, um ihr auch einmal einen Schabernack spielen zu dürfen.

Wir kletterten also von dem Felsen hinunter und stellten uns zu beiden Seiten des Weges hinter den Büschen auf. Den Lasso zum Schleudern bereit, standen wir wartend da. In drei, höchstens fünf Minuten mußte die »Caturra« erscheinen. Wir genossen schon im voraus die Freude dieses Spasses und horchten mit angehaltenem Atem nach dem Wege hin.

Endlich vernahmen wir das Geräusch von Schritten. Wir spähten durch die Zweige. Sie war es. Ein häßliches, altes Weib in unbeschreibliche Lumpen gehüllt. Um den Kopf hatte sie ein schwarzes Tuch geschlungen, unter dem die grauen Haare in langen Strähnen wirr heraushingen. Sie hatte einen Stock in der einen und einen großen Korb in der andern Hand und schritt rüstig voran. 135

Wir warfen uns einen Blick des Einverständnisses zu und hoben den Lasso. Schon war sie drei Schritte an uns vorbeigehuscht, da warfen wir ihr nacheinander die Schlingen um den Leib.

Fürchterliche Schreie gellten durch die Stille des Waldes, Schreie der Wut und der Angst. Uns aber rührte oder schreckte das nicht im geringsten. Wir zogen nur die Schlingen fester an, Heinrich von drüben und ich von der entgegengesetzten Seite, und nun hatten wir sie sicher in der Mitte. Sie gebärdete sich wie ein wildes Tier, gab nach rechts und nach links Fußtritte und versuchte sogar, die Riemen durchzubeißen.

»Laß den Korb fallen!« befahl Heinrich. Sie tat, als hörte sie nicht, und riß und zerrte nur noch heftiger an ihren Fesseln.

»Laß den Korb fallen,« schrie ich, »sonst schnüren wir dir die Kehle zusammen.«

Da ließ sie den Korb an sich hinuntergleiten. Wir aber zogen sie an einen Baum heran und begannen, sie und den Stamm mit den Lassos zu umwickeln. Dabei mußten wir aufpassen, daß wir ihr nicht zu nahe kamen, denn sie versuchte, zu kratzen und zu beißen. Doch schließlich hatten wir sie wie eine Fliege im Netz geknebelt. Wir banden die Riemen zusammen und häuften trockenes Holz um sie herum auf. Ich trat dicht an sie heran und sagte: »Nun, paß auf, jetzt holen wir unsere Gewehre und schießen dich an. Dann skalpieren wir dich, hier,« wir zeigten ihr unsere Messer, »und nachher wirst du verbrannt.« 136

Sie schloß die Augen und begann zu beten. Wir aber holten zwei gewaltige Prügel und zielten damit nach ihr. »Pum!« schrie Heinrich. »Pum!« brüllte ich.

Da, Gott im Himmel, knallte es wirklich hinter uns. Die Alte zuckte zusammen und schrie, als sei sie zu Tode getroffen.

Wir sahen uns zitternd vor Schrecken um. Jemand hatte geschossen, richtig mit einer Kugel geschossen und die »Caturra« getroffen. Das Blut rann ihr von der Seite des Kopfes auf den Hals und auf die Kleider, und wir sahen mit Entsetzen, daß ihr ein Stück des linken Ohres fehlte.

Du liebe Güte! So etwas hatten wir denn doch nicht beabsichtigt. Wer um alles in der Welt mochte der Täter sein? Uns wurde wirklich bange, denn an Verbrechern und sonstigem Gesindel fehlte es ja in diesen Wäldern nie.

Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit banden wir die Alte los. Heinrich reichte ihr sogar sein Taschentuch, und ich sagte, sie sollte doch mit mir an die Poza kommen und sich das Blut abwaschen lassen. Sie aber heulte fürchterlich und behauptete immerzu, wir hätten sie erschossen und sie würde jetzt sofort zum Gericht gehen und uns verklagen. Uns wurde fast übel vor Angst.

»Wir haben doch gar nicht geschossen! Wir haben ja gar keine Gewehre!« versicherten wir ihr immer wieder, aber sie hörte nicht auf uns, sondern ergriff den Korb und wollte umkehren und in die Stadt zurück. 138

In diesem Augenblick teilte sich das Gebüsch. Ein Mann stieg vom Pferd und trat hervor. Es war Mateo Gómez. Zentnerlasten fielen von unserer Seele. Die Hand am Riemen seines Gewehres ging er mit starrem Blick an uns vorbei und auf die Alte zu.

»Wo hast du meine Hühner?« schrie er sie an. »Elende Diebin! Her mit dem Korb!«

Sie aber drückte diesen nur fester an sich und schrie zurück: »Was gehn mich deine Hühner an! Laß mich vorbei! Ich will zum Gericht!«

Gómez packte sie am Arm und wetterte: »Ja, ja, gehen wir zum Gericht! Aber nicht du allein, ich will auch dabei sein. Vorher aber gib mir meine Hühner her!«

Damit entriß er ihr den Korb, kam auf uns zu und sagte: »Wetten wir, daß da zwei weiße Hennen verstaut sind?«

Und wirklich, es war, wie er sagte. Eingewickelt in ein altes Tuch und in Zeitungspapier kamen zwei schöne Hühner zum Vorschein. Die hielt er ihr dicht unter die Nase und höhnte: »Die haben dir wohl gefallen? He? Nun leugne noch mit einem einzigen Wort, dann schieße ich dir auch das andere Ohr vom Kopfe weg!«

Er wandte sich wieder zu uns und erzählte: »Die hat mir dieses Weib heute gestohlen. Ich habe sie ja schon lange im Verdacht, sind mir doch in den letzten Monaten mehr als ein Dutzend der schönsten Hühner weggekommen, und nie konnte ich mit Bestimmtheit sagen: Der oder die hat es getan. Heute aber hat mein Junge die Alte auf 139 frischer Tat ertappt. Sie kam gerade aus dem Hühnerstall geschlichen und wollte auf und davon. Da ist der Junge gelaufen, um mich zu holen. Leider war ich ziemlich weit weg. Nun schließlich habe ich sie doch noch gekriegt. Ich kam gerade dazu, als ihr sie an den Baum bandet.« Er lachte und fragte: »Was wolltet ihr eigentlich mit ihr?«

»Oh, weiter nichts als sie ein wenig erschrecken,« antwortete Heinrich.

»Nun,« sagte Gómez mit sichtlicher Befriedigung, »von mir hat sie wenigstens den verdienten Denkzettel bekommen.«

Er nahm die beiden Hühner unter den Arm, schwang sich auf sein Pferd und ritt freundlich grüßend davon.

Wir aber sahen uns nach der »Caturra« um und erblickten die graue Gestalt zwischen den Bäumen weit oben auf dem Wege nach ihrer Hütte. Anscheinend hatte ihr Gómez die Lust am Verklagen ausgetrieben.

Wir setzten uns dann noch eine Weile an die Poza und stellten allerlei Betrachtungen über das Ereignis an. Der Schrecken über den anfangs so rätselhaften Schuß und die Möglichkeit, vor Gericht zu kommen, saß uns noch immer in den Gliedern, und der dumme Scherz tat uns nachträglich leid, wenigstens meinten wir beide, wir hätten die Alte ruhig ihres Weges ziehen lassen sollen.

Als die Sonne unterging, ritten wir langsam heimwärts, und da erst fand ich Worte für das, was ich schon oben im Walde 140 gedacht hatte. »Dein Vater hat wirklich recht,« sagte ich, »man soll Tiere lassieren, aber nicht Menschen.«

Heinrich sah mich einen Augenblick an, dann erwiderte er nachdenklich: »Mein Vater hat immer recht.«

Als wir zu Hause ankamen, hingen wir die Riemen an den höchsten Nagel in der Scheune, denn das Vergnügen am Lassieren war uns durch das Ereignis im Walde für den Augenblick ganz und gar vergangen.

 

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