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Mirasol

Ina Jens: Mirasol - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMirasol
authorIna Jens
year1935
firstpub1935
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart
titleMirasol
pages164
created20170505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Glockenturm

Wenn Heinrich und ich an den schönen Sommerabenden drüben bei unseren Nachbarn saßen, war es immer sehr gemütlich und unterhaltend. Don Joaquin erzählte dann gern von den blutigen Kämpfen, die vor ungefähr hundert Jahren an den Ufern des Pudetos stattgefunden hatten. Er begeisterte sich jedesmal für die heldenmütige Verteidigung der Patrioten gegen die fremden Eindringlinge, die Spanier, und es schien, als gewähre ihm die 107 Vorstellung, daß der Ort, wo sein Besitztum lag, einst der Schauplatz grausiger Schlachten gewesen war, eine große Genugtuung. Er war fest überzeugt, daß sowohl auf seinem als auch auf Maltes Fundo viele vergrabene Schätze an Waffen und Gold lagen, und er meinte, es sei bedauerlich, daß man weder Zeit, noch Geduld habe, um danach zu suchen, denn es würde sich bestimmt lohnen.

Solche Worte fielen in unsere Herzen wie Samenkörner in fruchtbares Erdreich, und in unserer Phantasie bildeten sich so wunderliche Vorstellungen von unermeßlichen Reichtümern, daß wir in der Folge beschlossen, auf die Suche nach dem vergrabenen Golde zu gehen und keine Mühe zu scheuen, um die unterirdischen Schätze zu heben. Wir ritten also nun nicht mehr planlos durch die Wälder wie bisher, sondern suchten nur noch die Gegenden auf, wo es Höhlen und merkwürdige Erdwälle gab, unter denen man etwa aufgestapelte Dinge vermuten konnte. Stundenlang wälzten wir Steine von ihrer Stelle, gruben in der Erde und deckten Hügel ab. Unser Eifer war grenzenlos, doch ohne den geringsten Erfolg. Außer einem verrosteten Nagel, einer halben Pflugschar und einem alten Hufeisen fanden wir nichts. Darum gaben wir nach Tagen nutzlosen Suchens unsere Forschungsarbeiten entmutigt wieder auf. Trotzdem grübelten wir noch oft über die verborgenen Schätze nach, und eines Abends erzählten wir Maltes ältestem Diener, dem José, von Don Joaquins Vermutungen und unseren vergeblichen Bemühungen. Unversehens waren wir 108 mit unserem Anliegen vor die richtige Tür geraten. José wußte nämlich in bezug auf die Hebung dieser Schätze ein Geheimnis. Er hatte es von seinem Vater und dieser wieder von seinem Großvater gehört und ließ an Abenteuerlichkeit nichts zu wünschen übrig.

»Ihr wißt doch,« begann er, »daß in der Stadt ein Bischof wohnt, und kennt auch gewiß die alte Kirche mit den zwei stattlichen Türmen neben dessen Haus. In dem Turme, der nach Osten liegt, hängt eine Glocke, die schon seit zwanzig Jahren nicht mehr geläutet worden ist, weil ihr dumpfer Ton nicht zu dem hellen Klang der übrigen Glocken paßt. In den Mauern um diese Glocke herum wohnen zahllose, höchst merkwürdige Fledermäuse, die außergewöhnlich rasch fliegen können. Wer ein solches Tier erhascht, ihm das Blut abzapft und damit auf die Schwelle seiner Schlafstube ein Kreuz malt, findet ganz von selbst, ob er blind oder sehend ist, die Orte, wo unterirdische Schätze liegen.«

Wir saßen hingerissen da und nahmen das Geheimnis wie eine Offenbarung ohne jeden Vorbehalt in uns auf. Noch zweimal ließen wir es uns erzählen, dann hatten wir es in allen seinen Einzelheiten erfaßt. Obwohl wir nicht im geringsten an der Wahrheit des Gehörten zweifelten, fragte Heinrich doch ein wenig nachdenklich: »Warum hast du, wenn du das alles so lange schon wußtest, nicht auch versucht, das Gold zu heben?« Worauf José gestand, daß für ihn persönlich die Sache mit Schwierigkeiten verbunden sei, die er sich in seinem Alter nicht mehr zu überwinden getraue. 110 Die Treppe in dem Turme höre nämlich in halber Höhe auf und gehe in eine endlos lange Leiter über, die nur an einem Seile in der Luft hänge und deren Besteigung für einen schweren Menschen lebensgefährlich sei. Buben aber wie wir nähmen dieses Hindernis spielend. Außerdem sei er katholisch und müßte nachher die Heimlichkeit doch beichten, wir aber seien frei davon.

Abenteuerlustig und unerfahren wie wir damals waren, leuchteten uns diese Gründe vollkommen ein. Am Abend saßen wir dann bis tief in die Nacht hinein mit heißen Köpfen beisammen und schmiedeten Pläne. Es gab für uns vielerlei zu erwägen. Der größte Haken in der Ausführung unseres Vorhabens schien uns die Religion zu sein, denn wir glaubten, es sei uns als Protestanten nicht erlaubt, in eine katholische Kirche zu gehen, und doch mußten wir auf jeden Fall hinein, wenn wir den Weg in den Turm auskundschaften wollten. So ritten wir denn drei Tage hintereinander am Nachmittag in die Stadt. Dort banden wir unsere Pferde an einen der Bäume, die die Plaza umgaben und streiften möglichst harmlos tuend, aber scharf umherspähend um die Kirche herum.

Einmal wagten wir uns sogar mit andern Kirchgängern in das Gotteshaus hinein, setzten uns hinter eine Säule und äugten während der heiligen Handlung umher. Die Tür, die in den östlichen Turm führte, war leicht zu finden. Schmal, niedrig und gewölbt wie sie war, sah sie aus, als berge sie hinter sich tausend geheimnisvolle Dinge. 111

Nun hatten wir nur noch die geeignete Zeit festzustellen, um unser Vorhaben auszuführen. Es mußte eine Stunde sein, in der niemand die Kirche betrat, so daß wir ungesehen hineinschlüpfen konnten. Nach unseren Beobachtungen schien es uns, als ob die letzten Nachmittagsstunden besonders günstig wären, denn dann lag das Gotteshaus samt seiner Umgebung ganz vereinsamt da. So beschlossen wir denn, das Wagnis an einem Sonnabend zu unternehmen. Um drei Uhr verließen wir den Fundo und ritten in die Stadt. Es war ein schöner Sommertag, und überall sahen wir Menschen bei der Arbeit. Das Städtchen selbst war wie ausgestorben. Die Plaza lag still und einsam da. Wir stiegen von den Pferden, banden sie an und schlenderten wie von ungefähr auf die Kirche zu. Wie ein drohendes Ungeheuer erhob sich der graue Bau vor uns. Weit und breit war niemand zu sehen, und die Kirchentür stand halb offen. Noch einmal blickten wir uns um, dann traten wir ein. Unheimliches Dämmerlicht umfing uns. Wir eilten auf den Fußspitzen auf die kleine Tür zu und in den Turm hinein. In einer schier undurchdringlichen Finsternis tasteten wir uns bis zur Treppe hin, dann aber, als sich unser Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sahen wir, wie von oben her ein schwacher Lichtstrahl eindrang. Er ging schräg über die letzten Treppenstufen und verlor sich in einer der schwarzen Wände.

Langsam und leise stiegen wir empor. Unter uns schien eine grundlose Tiefe zu gähnen. Über uns sah es nicht tröstlicher aus. 112 Wie das schauerliche Holzgerüst eines Schafottes türmten sich die Stufen übereinander. Plötzlich war die Treppe zu Ende, und wir standen vor dem Hindernis, das wir bereits aus Josés Erzählung kannten. Ja, wir mußten zugeben, es war wirklich ein Hindernis. Auf der letzten Stufe befand sich eine Leiter, die sich nach oben für unser Auge in schier unermeßliche Höhen bis zu einer kleinen Bodenluke fortsetzte. Dort war sie an ein Seil gebunden, das in einer Spalte neben der Öffnung verschwand.

Lange sahen wir in die Höhe, dann blickten wir uns fragend an. Wer sollte zuerst da hinauf? Ein paar Worte gingen zwischen uns hin und her. Keiner wollte die Höflichkeit verletzen, jeder wollte dem andern den Vorrang lassen, den schwanken Steg zuerst zu betreten. Schließlich ging Heinrich voran, langsam, langsam, Stufe für Stufe. Die Leiter schlug von Zeit zu Zeit an die Mauer, um sich dann wieder schreckenerregend nach rückwärts zu biegen. Ich wagte nicht, in die Höhe zu blicken, sondern stemmte mich mit aller Gewalt gegen die Leiter, damit sie nicht rutschte.

Endlich rief Heinrich meinen Namen. Er war oben angelangt und blickte ganz vergnügt aus der Luke herunter. Da stieg auch ich hinauf, und es war leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Als ich durch die Öffnung gekrochen war, sagte Heinrich: »Ich glaube, es ist besser, wir schließen die Luke, denn wenn wir herumgehen, kann jeder, der in den Turm kommt, unseren Schatten sehen.«

»Gut,« erwiderte ich, ergriff die kleine, schräg aufliegende 114 Falltür, dreht sie in den rostigen Angeln und ließ sie langsam hinuntergleiten. Leicht und glatt fügte sie sich in die Öffnung. Gottlob, nun waren wir allein, waren sicher vor jeder Störung und konnten mit Muße unsere neue Umgebung mustern. Rings um uns stiegen vier hohe, unverputzte Mauern empor. In der Höhe lagen kreuz und quer wie Gespensterarme riesige Balken, und in ihrer Mitte hing die alte Glocke, deren metallener Mund, wie wir wußten, nun schon seit zwanzig Jahren verstummt war. Von dieser Glocke senkte sich ein armdicker Strick zu uns herab, dessen Ende verstaubt und mehrfach geringelt wie eine graue Schlange auf dem Boden lag.

Unser Interesse galt allein den zahllosen Löchern in den Mauern, in denen wir die Fledermäuse vermuteten. Wir schlichen an den Wänden entlang und stießen allerlei dumpfe Laute aus, um die Tiere aufzuschrecken, aber nichts rührte sich. Da zogen wir unsere Röcke aus, schwenkten sie vor den Löchern hin und her, um Wind zu erzeugen, pusteten in die Mauerritzen hinein, trampelten und schlugen gegen die Steine, alles war vergebens. Schließlich stieg einer dem andern auf die Schultern und machte dieselben Versuche vor den oberen Löchern, aber wie sehr wir uns auch abmühten, es half nichts. Ob wir wollten oder nicht, wir mußten endlich einsehen, daß es in diesem Turme keine Fledermäuse gab, und trübselig beschlossen wir, wieder hinunterzusteigen.

Wir traten an die Falltüre heran, um sie zu öffnen, aber o Schrecken aller Schrecken, keine Spalte, kein Loch, kein Hebel, kein 115 Knopf, keine Klinke, kein Griff, nichts war da, um sie wieder zu heben. Glatt und fest lag sie in der Luke, als sei sie die Fortsetzung der Bodenbretter, und als hätte sie sich niemals in den großen, scheußlichen Angeln gedreht. Heinrich sah mit entsetzten Augen aus einem totenblassen Gesicht um sich, und auch ich fühlte, wie es mir eiskalt durch die Adern rann und wie meine Beine zu zittern begannen.

»Wir sind eingeschlossen,« kam es dumpf von meinen Lippen. Heinrich aber sprang auf die geschlossene Tür und fing an, wie verzweifelt auf ihr herumzutrampeln, um sie durch die Schwere seines Körpers irgendwie zu bewegen.

»Komm, weg!« schrie ich. »Wenn sie sich nach unten öffnet, stürzest du in die Tiefe.«

Er hörte gar nicht, was ich sagte, sondern sprang immer wilder auf dem quadratmetergroßen Fleck herum. Da stieß ich ihn gegen die Mauer.

»Hör auf!« schrie ich in grenzenloser Angst. »Verstehst du nicht, daß du auf diese Weise zu Tode stürzen kannst?«

Er sah mich böse an und sagte: »Du bist an allem schuld. Warum hast du die Tür geschlossen.«

Ich empfand die Ungerechtigkeit dieser Anklage und antwortete: »Du hast mir doch gesagt, ich solle sie schließen.«

»Du tatest sonst auch nicht immer, was ich dir sagte,« warf er mir vor. 116

»Weißt du, was das Dümmste war?« giftelte ich dagegen. Er sah mich lauernd und verständnislos an.

»Daß wir dem alten Schwätzer, dem José, geglaubt haben.«

»Das hättest du früher wissen sollen,« gab er zurück.

Es war das allererste Mal, daß wir uns zankten. Das kam uns wohl beiden im Augenblick zum Bewußtsein, denn betroffen schwiegen wir plötzlich. Heinrich lehnte in der Ecke neben der Falltür und sah mit geradezu verglasten Augen vor sich hin. Ich stand an der gegenüberliegenden Wand und überdachte die Folgen unserer unfreiwilligen Gefangenschaft.

Zu Hause würde man bei einbrechender Nacht in tausend Ängsten auf uns warten, dann würden Malte und mein Onkel in die Stadt reiten, dort unsere Pferde finden, nach uns forschen, unser Verschwinden bei der Polizei melden, ja, und so nach und nach würde die ganze Stadt wegen uns auf den Beinen sein. Überall würde man uns suchen, nur hier oben in diesem schrecklichen Turme nicht. Herr des Himmels, es konnte überhaupt geschehen, daß wir wochenlang, monatelang, jahrelang hier eingeschlossen blieben, daß wir, oh, es war nicht auszudenken, den gräßlichen Hungertod sterben würden.

Heinrich war auf einmal in ein krampfhaftes Schluchzen verfallen. In mir jedoch löste sich keine Träne, so groß war das Grauen über unsere Lage und die Verzweiflung über die vollständige Unfähigkeit, irgend etwas für unsere Rettung tun zu können. 117 Wir mochten rufen, brüllen, stampfen, aus solcher Höhe drang nichts in die Tiefe hinunter. Wie verloren irrte mein Blick zu dem schauerlichen Gebälk empor, bohrte sich in die schwarze, gähnende Öffnung der Glocke, glitt langsam an dem Seil hinab auf den Boden, und da, wie ein Stern zwischen dunklem Gewölk sprang ein Gedanke in mir auf. Ich könnte ja die Glocke läuten! Die Glocke, deren fremder Ton die Menschen in der Stadt sicher aufhorchen und in den Turm kommen ließ. Hoffnungsfreudig rief ich: »Heinrich, ich werde läuten.«

Blitzschnell drehte er sich um und sagte: »Das tust du auf keinen Fall. Willst du, daß die ganze Stadt hier heraufkommt?«

»Was geschieht, ist mir ganz gleichgültig. Die Hauptsache ist, daß wir aus dem Turm hinauskommen.« Ich ging auf den Strick zu.

»Du läutest nicht!« schrie er.

»Ich läute doch,« erwiderte ich entschlossen, griff mit beiden Händen nach dem Strick und zog, was ich ziehen konnte. Da sprang Heinrich mit einem Satz auf meinen Rücken, um mein Vorhaben zu vereiteln, und so hingen wir plötzlich zu zweit an dem Strick, und ich fühlte mit wahrer Wonne, wie es über uns zu schwingen begann und nun mit furchtbarem Tone anschlug, einmal, zweimal, und nun noch einmal. Es klang dumpf wie Grabgeläute. Da ließ auch ich vor Schrecken über dem schauerlichen Brausen den Strick los, und wir fielen beide rücklings auf den Boden, wo wir wie 118 hingeschmettert liegen blieben und in namenloser Angst horchten, was nun geschehen werde. Es war wie ein Warten auf den Ruf zum Jüngsten Gericht.

Minuten vergingen, und dann, Gott sei gelobt und gepriesen, knarrte die Treppe im Turm. Schritte wurden hörbar. Jemand stieg wirklich zu uns empor. Der Knoten des Strickes, an dem die Leiter hing, bewegte sich, und jetzt, mir schlug das Herz bis zum Halse, hob sich die Falltür. Ein grauer Kopf wurde sichtbar, ein altes Gesicht wandte sich uns zu, und ohne eine Frage zu stellen, sprach eine befehlende Stimme: »Steigt herunter!«

Ich wüßte nicht, was ich lieber getan hätte, und der nachfolgende, nicht ungefährliche Abstieg war wie ein Aufstieg in den Himmel. Als ich den Boden der Kirche unter meinen Füßen fühlte, dankte ich Gott so innig, als ob er mich aus Todesnöten errettet hätte. Wir traten in die halbdunkle Kirche, in deren Hintergrund ein paar Kerzen brannten. Vor dem Altar kniete ein junger Priester, das Gesicht in die Hände vergraben und ganz in Andacht versunken. Wie im Fluge nahm ich das Bild in mir auf, dann aber starrte ich erschrocken geradeaus. Ein langer Schatten trat aus der gegenüberliegenden Tür hervor. Mir war es, als ob ich jetzt versinken müßte, denn der, der da so langsam und lautlos daherwandelte, war niemand anderes als der Bischof selbst. Wir waren stehen geblieben, wagten nicht aufzublicken und fühlten uns furchtbar schuldig. 120

Nun sprach eine tiefe Stimme über uns: »Was habt ihr im Turme gewollt?«

Heinrich antwortete leise, aber fest: »Nichts.«

Stillschweigen.

»Nichts?« wiederholte die fremde Stimme, und nach einer Weile, »warum habt ihr die Glocke geläutet?«

Stillschweigen.

»Wir haben nicht geläutet,« log ich endlich, ohne den Blick vom Boden zu erheben.

»Ihr habt nicht geläutet,« klang es ruhig und ernst wie eine Bestätigung über uns.

»Nein,« log Heinrich noch zum Überflusse dazu.

Langes Stillschweigen.

»Ihr habt eure jungen Herzen eben mit einer Lüge befleckt. Das ist schlimmer als das Läuten fremder Glocken. Geht nach Hause und bittet Gott um Verzeihung!« Das klang wie ein Fluch zu ewiger Verdammnis in unsere Seelen, und schuldbeladen und beschämt schlichen wir aus der Kirche hinaus. Draußen umfing uns die freundliche Helle des Tages, und wir empfanden sie wie eine wunderbare Erlösung nach dem unheimlichen Düster der Kirche. Wir eilten zu unseren Pferden, stiegen auf und jagten zur Stadt hinaus, über die Höhen weg, zum Flusse hinunter und nach Hause.

Merkwürdigerweise sprachen wir in den darauffolgenden Tagen 121 kaum mehr miteinander über das Erlebte. Schuld daran war eine innere Bedrücktheit, die wir geschickt voreinander verbargen. Klar darüber wurden wir uns erst eines Abends, als wir bereits im Bette lagen und einer den andern schlafend wähnte. Da lag es nämlich so beängstigend auf meinem Herzen, daß ich mich lange ruhelos herumwälzte und endlich leise den Namen meines Freundes rief.

»Ja?« antwortete er sofort von der jenseitigen Wand her.

»Weißt du,« begann ich, »es war doch eine bodenlose Gemeinheit und Feigheit von uns, daß wir da wegen des Läutens gelogen haben.«

»Das finde ich auch,« gab er gleich zu, »es wäre ja auch nur halb so schlimm, wenn es nicht gerade in der Kirche und dem Bischof gegenüber gewesen wäre.«

»Oh,« meinte ich nach einem Nachdenken, »das hätte nichts zu sagen. Eine Lüge ist immer eine Lüge, ob in der Kirche oder draußen.« In Wirklichkeit aber dachte ich genau wie Heinrich.

»Was könnten wir bloß tun, um den Fehler wieder gut zu machen?« fragte er ratlos. Diese Worte verrieten mir deutlich, daß auch ihn Gewissensbisse plagten. Ich rang eine Weile mit mir selbst, denn ich war nicht sicher, ob das, was ich mir ausgedacht hatte, überhaupt angebracht und ausführbar war und ob ich mich damit nicht lächerlich machte.

Schließlich gab ich doch meine Gedanken preis: »Was meinst 122 du, wenn wir dem Bischof einen Brief schrieben, ihm alles erzählten und ihn um Entschuldigung bäten?«

Heinrich war überlegener und besonnener als ich, und ich gab viel auf seine Meinung. Darum war es für mich eine kleine Genugtuung, als er endlich erwiderte: »Weil wir doch nicht wie die Katholiken beichten können, ist es vielleicht das beste.«

Da sprang ich rasch entschlossen aus dem Bett, zündete das Licht an, rückte einen Tisch an sein Bett und sagte: »Schreiben wir gleich! Dann sind wir dieses Übel los, und man kann wenigstens wieder ruhig schlafen.«

Er war sofort einverstanden, und so schrieben wir denn in später Nachtstunde ein reumütiges Geständnis nieder, das mit der innigen Bitte um Vergebung wegen des unerlaubten Eindringens in der Kirche, als auch um Verzeihung für die »schamlose« Lüge schloß. Als es Mitternacht schlug, lag der Brief an den hochwürdigen Herrn fertig und sauber adressiert zwischen uns auf dem Tisch, und fünf Minuten später schliefen wir so sanft und ruhig ein, als hätten wir schon im voraus vom lieben Gott Absolution empfangen.

Ob unser Brief jemals seinen Bestimmungsort erreicht hat, haben wir nie erfahren. Innerlich waren wir zwar fest davon überzeugt, und damit hatte das kleine Abenteuer für uns seinen erlösenden Abschluß gefunden. Wie dieses an und für sich ganz belanglose Ereignis damals aber einem andern Menschen zur 123 tiefsten Bedeutung geworden ist, habe ich erst viel später erfahren, und zwar klingt das seltsame Nachspiel so wunderlich, daß ich einzig und allein deswegen dieses Erlebnis hier festgehalten habe.

 

Fünfzehn Jahre waren vergangen. Heinrich hatte längst die stille Insel verlassen und sich als Arzt im Norden Chiles niedergelassen. Da führte mich eine geschäftliche Angelegenheit wieder einmal nach Chiloé. Mein erster Besuch galt natürlich Malte, der alt und einsam geworden war, aber seinen Fundo immer noch in schönster Ordnung hielt. Seine Freude über mein Kommen war so groß, daß sich mein Aufenthalt bei ihm über mehrere Wochen hinzog. Leider war es nicht goldene Sommerzeit wie einst in meiner Kinderzeit, sondern wir standen mitten in einem kalten, unfreundlichen Winter. Es regnete Tag für Tag, und wir waren ganz auf das Haus angewiesen. Eines Abends aber brach ein solches Unwetter aus, daß man befürchten konnte, vom Erdboden weggefegt zu werden. Gewaltig rauschten die Wälder ringsum, hinter den Hügeln brauste das Meer, und wild heulte und sauste der Wind. Der Regen klatschte gegen die Fensterläden und prasselte auf das Dach nieder, daß es sich anhörte, als sprängen lauter Flutwellen gegen Giebel und Mauern. Wir saßen gerade beim Abendbrot. Da ging die Türe auf, und in ihrem Rahmen stand wie hergezaubert die hohe, schwarze Gestalt eines Geistlichen. Malte sprang freudig überrascht auf und begrüßte den Fremden mit großer Herzlichkeit. 124

»Padre Esteban,« stellte er vor und bat ihn in die Stube herein. Der aber wehrte sich lachend, er müsse erst seinen Überrock ablegen. Es war auch wirklich, als ob man ihn eben aus dem Wasser gezogen hätte. Malte stellte ihm trockene Kleidung zur Verfügung, und bald saß er mit uns am Tisch. Er trug Maltes braunen Schlafrock und sah gar nicht mehr wie ein Priester aus. Dem Namen nach war er mir ja längst bekannt, denn sein Ruf als Geistlicher war weit über die Insel hinausgedrungen. Es hieß, daß ihm an Menschenliebe, an Güte und Verständnis für die Not des Nächsten keiner gleich komme. Deshalb war es nicht verwunderlich, daß mich der fremde Gast außerordentlich interessierte und ich ihn genau betrachtete. Er hatte ausdrucksvolle Züge, große, dunkle Augen, eine hohe Stirn und reiches, schwarzes, gewelltes Haar und war von einer so natürlichen Liebenswürdigkeit, daß er sofort für sich einnahm.

Er hatte eine sechs Stunden entfernte Kolonie im Urwald aufgesucht, war dann in Sturm und Regen auf beschwerlichen Wegen zurückgeritten, bis zu der großen Pudetobrücke gekommen und hatte sofort eingesehen, daß es unmöglich war, sie zu überschreiten. Der Wind hatte bereits einen großen Teil des Geländers weggerissen und blies so heftig, daß ein Mensch ihm nicht hätte widerstehen können. So war er notgedrungen zurückgeritten und bei uns eingekehrt.

Nach dem Essen begaben wir uns in Maltes Wohnzimmer, wo 125 es sehr gemütlich war. Wir setzten uns an den Kamin, in dem ein helles Feuer brannte, und bald war ein angeregtes Gespräch im Gange. Padre Esteban war Geistlicher in der nahen Stadt, versah aber auch verschiedene Kirchen in der Wildnis und wußte viel von seinen abenteuerlichen Wegen dahin zu erzählen. Er meinte jedoch, einen Sturm wie an diesem Abend noch nie erlebt zu haben. Manche Orte, von denen er sprach, waren mir noch aus jener schönen Ferienzeit her erinnerlich, und so ganz in die Vergangenheit versunken, begann ich, von damals zu erzählen, unter anderm auch unser Abenteuer im Glockenturm der Stadt.

Padre Esteban hörte sehr aufmerksam zu, und als ich zu Ende war, saß er sichtlich verändert da. Seine Züge waren wie verklärt. Seine Augen trugen den Ausdruck tiefer Versonnenheit, ja es schien, als sei er vollständig der Gegenwart entrückt. Er hatte die Hände gefaltet, und unbekümmert um unsere Anwesenheit begann er zu beten. Dann aber besann er sich, sah uns an, lächelte und begann unaufgefordert und ohne jede Einleitung zu erzählen.

»Durch meine Mutter, eine fromme und gottesfürchtige Frau, war ich schon von klein an zum Priester bestimmt, und ich selbst, durch ihren Willen so früh auf diesen Weg geführt, hatte auch gar keinen andern Wunsch, sondern wurde mit Freude und tiefer Gläubigkeit Zögling des Priesterseminars und kannte kein höheres und kein schöneres Ziel, als ein würdiger Diener Gottes zu werden. Dann kam die Zeit, da ich die letzte priesterliche Weihe empfangen 126 sollte, und da war ich auf einmal voller Zweifel. Ich blickte weiterhin als bisher, sah die Welt in einem andern, viel helleren Lichte, sah die Schattenseiten meines Berufes und stand plötzlich in einem nie gekannten und nie geahnten Kampfe. Mich lockte das Leben draußen, mich rief aber auch eine innere Stimme, meinem Ziele treu zu bleiben. So rang ich mit unsichtbaren Gewalten bis zur Erschöpfung. Und einmal in einer Stunde der tiefsten Not bat ich Gott, mir durch irgendein Zeichen die Gewißheit zu geben, daß ich mit dem Berufe als Geistlicher den richtigen Weg gewählt hatte. Blieb dieses Zeichen aber aus, so wollte ich mein Priestergewand ablegen und mich irgend etwas anderem zuwenden. Nun, und da, wie ich so mutterseelenallein in der totenstillen Kirche betete, tönte plötzlich vom Turme herab dreimal der dumpfe Ton der so lang verstummten Glocke.« Er schwieg in Nachdenken versunken.

Vor meiner Seele aber tauchte wie eine Vision ein Bild auf: Die hohen Kirchenhallen im mystischen Halbdunkel, im Hintergrunde Lichter, vor dem Altar auf den Knien ein junger Priester, das Gesicht in den Händen vergraben und über ihm der flackernde Kerzenschein. Ich ahnte wunderliche Zusammenhänge. Auch Padre Esteban war ganz von dem fernen Geschehen umfangen, vielleicht, daß er die Bedeutung jenes Augenblicks wieder empfand und in der Erinnerung noch einmal durchlebte. Wir störten ihn mit keiner Frage, und nach einer Weile fuhr er mit einem gütigen Lächeln fort: »Schnell genug habe ich damals zwar erfahren, wer die 127 Glocke geläutet hatte, trotzdem, für mich war es das im Gebet erflehte Himmelszeichen. Ich bin Priester geworden und habe es bis heute nie bereut.«

Er reichte mir die Hand und meinte freundlich: »Jedenfalls hat sich damals Gott Ihrer und Ihres Freundes bedient, um mich auf den richtigen Lebensweg zu führen.«

Beschämung, Rührung und Staunen stritten in mir in gleichem Maße um die Oberhand, und ich war im Augenblick unfähig, etwas zu sagen. Dumm und grenzenlos nichtssagend erschien mir unser Erlebnis im Glockenturm, seine Wirkung dagegen so wichtig und weittragend, daß mir die Begebenheit wie ein unfaßbares Wunder vorkam.

Ich starrte in die lodernden Flammen im Kamin, horchte auf das Toben des nächtlichen Sturmes draußen, dachte abwechselnd an meinen fernen Freund und an den Menschen, der da neben mir saß und der, wie ich wußte, ein so beliebter Geistlicher war, und plötzlich erkannte ich, daß jenes kleine Geschehen im Glockenturm mit seiner ungeahnten Auswirkung zum Merkwürdigsten gehörte, was ich je erlebt hatte. 128

 

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