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Mirasol

Ina Jens: Mirasol - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMirasol
authorIna Jens
year1935
firstpub1935
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart
titleMirasol
pages164
created20170505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der »Cojo«

Kurz nach Weihnachten fuhr ich mit meiner Mutter und meinem Onkel auf die Insel Chiloé, die südlich von Chile im Stillen Ozean liegt. Die zwei Ferienmonate, die ich dort im Urwalde auf dem Gute unserer Freunde verbrachte, waren für mich eine 85 ununterbrochene Kette angenehmer und interessanter Erlebnisse. Trotzdem fiel in diese Zeit auch ein Ereignis, das wie eine dunkle Wolke über den blauen Himmel jener Sommertage zog und meine junge Seele zum ersten Male vor der Schlechtigkeit eines Menschen erzittern ließ.

Der Fundo, auf dem wir wohnten, zog sich tief in die Wildnis hinein. Er umfaßte Wälder, Wiesen und Felder im Tal und auf den Höhen, Hügel, Meeresstrand und einen breiten Fluß, der fünfzig Meter vom Wohnhause entfernt seine stillen Wasser dem nahen Meere zutrug. Das ganze Land war kurz vor unserer Ankunft mit Stacheldraht neu umzäunt worden. An dieses Gut grenzte das Besitztum eines Chilenen, der mit Maltes ehrliche Freundschaft hielt. Er hieß Joaquin Castro und war schon seit zwanzig Jahren in der Gegend ansässig. Er bewirtschaftete sein Land mit Hilfe seiner vier erwachsenen Söhne und war zu ansehnlichem Wohlstande gelangt. Sein Hauptreichtum bestand in großen Schafherden, die je nach dem Futterstande bald im Tale, bald auf den Höhen weideten. Außerdem besaß er eine schöne Sägemühle, die ein wenig abseits dem Walde zu am Pudeto lag.

Don Joaquin war ein dienstfertiger und friedliebender Nachbar. Trotzdem konnten Heinrich und ich ihm gegenüber ein geheimes Schauergefühl nicht unterdrücken, hatten wir doch gehört, daß er Diebe, die sich etwa nächtlicherweile auf seinen Fundo schlichen, niemals dem Gerichte auslieferte, sondern sie stets mit eigener Hand 86 strafte. Malte meinte einmal, als man davon sprach, im Prinzip sei er gegen ein solches Verfahren, aber man könne Don Joaquin bei den Schwierigkeiten, die eine Klage immer mit sich bringe, wohl begreifen.

Don Joaquins nächster Nachbar war ein gewisser Pedro Ruis, der, weil er hinkte, allgemein der »Cojo«, der Hinkende, genannt wurde. Das war ein abgründiger Mensch, dem man jede Schlechtigkeit zutraute, von dem aber niemand laut etwas Nachteiliges zu sagen wagte, weil man ihn fürchtete. Er war wegen verschiedener Freveltaten schon vor Gericht gewesen, aber immer wieder freigelassen worden, weil stets im letzten Augenblick die notwendigen Zeugen fehlten. Der Betreffende aber, der es gewagt hatte, gegen ihn vorzugehen, konnte sicher sein, daß ihm früher oder später irgendein Schaden zugefügt wurde.

Das Grundstück des Cojos war ein kleiner Fundo mit wenigen Tieren. Trotzdem mehrten sich die Ersparnisse des Mannes an barem Gelde von Jahr zu Jahr, und jeder wußte, wie das geschah, aber keiner sprach darüber. So wie sich der Cojo innerlich durch gefährliche Eigenschaften auszeichnete, war er auch äußerlich schon von weitem erkennbar. Er trug stets einen rot und weiß gestreiften Poncho (Schultertuch) und ritt einen Schimmel, dem an Größe und Schnelligkeit weit und breit kein Pferd gleichkam.

Bei Maltes hatte der Name »Cojo« übrigens keinen schlechten Klang, verband sich doch mit ihm auf dem Fundo etwas äußerst 87 Liebreizendes. Es war ein kleiner Hund, ein dunkelbrauner Spitz mit kugelrunden, glänzend schwarzen Augen, den man einst dem Cojo abgekauft hatte und der der erkorene Liebling aller Hausbewohner war. Man konnte sich auch wirklich kaum ein niedlicheres Tierchen als den kleinen »Payo« vorstellen, und so war es gekommen, daß man seinem früheren Besitzer keine unfreundlichen Gefühle entgegenbrachte. 88

Ungefähr vierzehn Tage nach unserer Ankunft auf Chiloé war Malte plötzlich auffallend verändert. Wortkarg und bedrückt ging er umher und war fast immer außerhalb des Hauses. Da fragte ihn mein Onkel eines Abends, ob er Unannehmlichkeiten gehabt habe, worauf er mißmutig erwiderte: »Ja, und sogar sehr große.« Und er erzählte, daß man ihm Hunderte von Metern des neuen Stacheldrahtes entwendet habe und daß, obwohl überall Wächter stünden, Nacht für Nacht weiter gestohlen würde. Er habe aber nun seine beiden zuverlässigsten Leute, Felipe und Rafael, ausgeschickt, damit sie auf der dem Meere zugewandten Seite aufpaßten. Wenn das jedoch auch nichts nütze, so wisse er sich wirklich nicht mehr zu helfen. Felipe war ein alter und bewährter Arbeiter, der schon dem früheren Besitzer des Fundos treu gedient hatte. Rafael dagegen war ein junger Mann und erst seit wenigen Monaten angestellt, aber er hatte sich in der kurzen Zeit Maltes ganzes Vertrauen gewonnen. Die beiden ritten also bereits zwei Nächte lang die Grenzen des Fundos ab, jedoch ohne den geringsten Erfolg. Irgendwo fehlte stets am Morgen wieder streckenweit Stacheldraht.

Zu jener Zeit war gerade Vollmond und die Luft am Abend mild und klar. Wir saßen meist nach dem Abendbrot noch vor dem Hause und genossen die unvergleichliche Schönheit und Ruhe dieser hellen Nächte. Es herrschte dann eine solche Stille ringsum, daß man das geringste Geräusch vernahm, war es nun das Schnellen eines Fisches im nahen Wasser, der Flug eines 89 Nachtvogels über dem Garten oder das ferne Bellen der Füchse in den Wäldern.

An einem solchen Abend hörten wir plötzlich von den Bergen her das regelmäßige Aufschlagen von Pferdehufen. Malte erhob sich und sagte: »Das sind Felipe und Rafael. Sicher ist etwas geschehen.« Und wirklich, es waren die beiden, die von ihren Wachtposten auf den Höhen zurückkehrten und nun einen aufregenden Bericht von dem, was sich dort oben zugetragen hatte, erstatteten. Atemlos horchten wir ihren Worten, und es war uns nicht anders, als ob wir alles persönlich erlebten, was wir da zu hören bekamen.

Um nicht gesehen zu werden, hatten sie ihre Pferde hinter einem Felsen an die Bäume gebunden, dann waren sie hinter dichtes Gebüsch auf die Lauer geschlichen, Felipe mit einem geladenen Revolver im Gürtel und Rafael mit dem Lasso in der Hand. Nach langem vergeblichem Warten waren sie gerade im Begriffe gewesen, weiterzugehen, als sich plötzlich jenseits des Zaunes in der Helle des Mondes ein Schatten daherbewegte. Es war ein Mann, der ohne jede Hast Draht aufrollte und geradewegs auf sie zuschritt. Rafael warf sofort den Lasso aus. Der Mann stürzte, und Felipe sprang über den Zaun, um ihn zu binden, aber in dem Augenblick, als er dort ankam, wo er den andern am Boden glaubte, war der Bursche wie vom Erdboden verschwunden. Felipe schoß mehrere Male aufs Geratewohl in die Büsche hinein, aber nichts rührte sich. Rafael fluchte mächtig, denn sein Lasso war um ein gutes Stück kürzer 90 geworden. Mit irgendeinem Werkzeug hatte der Mann den Riemen zerschnitten und dann mit Blitzesschnelle die Flucht ergriffen. Die beiden waren noch stundenlang auf den Bergen umhergestreift, aber ohne die geringste Spur des Flüchtlings zu finden. Als Felipe schwieg, fragte Malte kurz: »Nun . . . und wer war der Mann?«

Eine schier unheimliche Stille trat ein. Dann antwortete der Gefragte mit grenzenlosem Hohn in der Stimme: »Bah . . . wer der Mann war! Konnte es vielleicht ein anderer als der Cojo sein?«

Wir erschraken. Malte aber trat dicht an die Männer heran und fragte: »Seid ihr eurer Sache so sicher, daß ihr eure Aussage vor Gericht wiederholen würdet?«

»Si, Señor,« antworteten sie mit größter Bestimmtheit und wie aus einem Munde.

»Gut,« erwiderte Malte, »dann will ich den Cojo verklagen, und ihr werdet meine Zeugen sein. Ihr wißt ja, es bedarf deren immer zwei.«

»Si, Señor,« antworteten die Männer noch einmal, und es klang ernst und feierlich durch die Dunkelheit.

An diesem Abend lagen wir lange wach. Allerlei Möglichkeiten wurden erwogen, und manche Frage wurde laut. Ob der Cojo wohl der Aufforderung des Gerichtes Folge leisten würde, oder ob die Carabineros ihn mit Gewalt holen mußten? Ob man ihn nun endlich einmal wirklich bestrafen würde, und wie lange man ihn wohl 92 einsperrte? Ob man ihm im Gefängnis wie üblich zuerst noch eine ordentliche Tracht Prügel verabfolgte, und ob er sich nachher auch wieder rächen würde, wie er es immer in ähnlichen Fällen getan hatte? Es war schauerlich, sich das alles so auszudenken, und Aufregung und Erwartung der Dinge, die sich möglicherweise zutragen konnten, erfüllten uns bis tief in die Nacht hinein.

Am folgenden Tage ritten wir in die Stadt, wo Malte von dem Vorfall Anzeige erstattete und den Cojo verklagte. Eine Woche später wurde Malte mit seinen beiden Zeugen vor Gericht geladen. Kurz vorher aber war etwas höchst Unerwartetes geschehen, nämlich der Rafael, von dem Malte so viel gehalten hatte, war samt seinen Habseligkeiten spurlos vom Fundo verschwunden. Einen ganzen Tag lang suchte und forschte man nach ihm, aber niemand hatte den Mann gesehen, und Felipe war der festen Überzeugung, daß ihn der Cojo mit Geld bestochen hatte. Trotzdem gingen Malte und Felipe an dem festgesetzten Tage zum Gericht, obwohl sie wußten, daß sie nichts ausrichten würden. Verstimmt kehrten sie denn auch am Abend wieder zurück. Der Richter hatte sie mit ein paar höflichen Worten abgefertigt und den Cojo ohne die geringste Vermahnung entlassen. Dieser mißglückte Ausgang einer berechtigten Klage warf seinen Schatten über eine Reihe von Tagen, schließlich aber begann man sich doch langsam mit der Sache abzufinden und zu beruhigen, ohne zu ahnen, daß das Ereignis noch ein böses Nachspiel haben würde. 93

Es war eine mondhelle Nacht und schon sehr spät. Außer Heinrich und mir schlief alles im Hause, und draußen herrschte wie immer die lautlose Stille der Nacht. Wir hatten uns allerlei unheimliche Geschichten erzählt, die wir so vom Hörensagen kannten, und bedauerten, nicht selbst schon Ähnliches erlebt zu haben.

Plötzlich zog Heinrich die Gardine des Fensters, das neben seinem Bette war, zurück, löschte das Licht, sah durch die Scheiben in die Helle des Mondes hinaus und sagte: »Du, das ist so eine Nacht, in der man unten auf dem Flusse die schauerlichsten Gestalten sehen kann. Ich glaube, ich habe dir noch nie davon erzählt?«

Da richtete auch ich mich auf und flüsterte: »Nein, was sieht man denn?«

Er erzählte leise: »So um die Mitternachtsstunde herum erscheinen auf dem Flusse vor unserem Hause lauter weiße Gerippe. Die steigen auf und ab, immer auf und ab, drehen sich im Kreise und sind dann plötzlich wieder verschwunden. Ich habe sie schon viele Male gesehen.«

Ich starrte auf die dunklen Wälder, die sich draußen düster breiteten, und fragte erregt: »Ob man sie heute wohl sehen kann?«

»Immer, wenn die Nacht so hell ist wie jetzt.« Er sprang aus dem Bett und öffnete das Fenster, das dem Flusse zu lag. »Komm,« rief er, »man sieht sie so deutlich wie nie.«

Mit einem Satze war ich neben ihm, ich sah das mondhelle Land, sah den silberschimmernden Fluß, sah, wie sich die Strahlen des 94 nächtlichen Lichtes in den in entgegengesetzter Richtung strömenden Wassern seltsam brachen und bewegten und wollte gerade laut auflachen und meinem Freunde in die Haare fahren, weil er mich aus dem Bette gelockt hatte, als wir beide mit einem Male atemlos in die Nacht hinaushorchten. Auf dem Wege vom Flusse her hörten wir nämlich ganz deutlich das zeitweilige dumpfe Geräusch eines galoppierenden Pferdes, einmal, zweimal, und noch einmal. Das war in dieser Einsamkeit und zu dieser Stunde etwas Außergewöhnliches. Keiner von uns sprach, aber unsere Sinne waren aufs äußerste gespannt. Da, die Hufschläge kamen näher, jetzt waren sie wieder verstummt, aber auf dem mondhellen Wege längs der Wiese tauchte ein Reiter auf einem großen, weißen Pferde auf. Mit entsetzten Augen sahen wir, wie er sich unserem Garten näherte.

»Der Cojo,« stieß ich mit bebender Stimme heraus.

»Der Cojo,« bestätigte Heinrich flüsternd. Wir rührten uns nicht, spähten aber wie Geier in die Nacht.

Jetzt war der Mann neben dem Gartentor, und ohne sich auch nur eine Sekunde aufzuhalten, ließ er, indem er den Poncho ein wenig hob, etwas Dunkles zwischen die Büsche fallen. Dann ritt er ruhig und fast unhörbar weiter, und am Ende des Gartens ließ er ein zweites Paket hinter den Zaun gleiten, gab dann seinem Pferde die Sporen und jagte so wild davon, daß der Poncho hoch aufflatterte. Im Nu war er unseren Augen entschwunden, und wir 95 hörten nur noch das Galoppieren des eilenden Pferdes auf der fernen Brücke.

Da schlossen wir das Fenster, zündeten das Licht an und setzten uns starr vor Schrecken auf unsere Betten.

»Der hat Bomben in den Garten geworfen, wir müssen deinen Vater wecken,« stieß ich zitternd vor Aufregung hervor.

Heinrich lachte und sagte: »Bist du verrückt? Bomben gibt's auf der ganzen Insel keine, vielleicht ein Paar zerrissene Schuhe oder abgelegte Hosen.«

Ich erwiderte darauf ein wenig verächtlich: »Ich möchte gern wissen, warum er alte Hosen und Schuhe von so weit hertragen und ausgerechnet in euern Garten werfen sollte. Das ist doch Unsinn.«

Heinrich lenkte ein: »Das habe ich doch nur so gesagt, weil du gleich von Bomben sprachst,« und nach einer Weile, »ich bin furchtbar neugierig, was der uns da hineingeworfen hat. Sicher nichts Schönes.« Schließlich beschlossen wir, ruhig bis zum andern Morgen zu warten, denn es war schon weit nach Mitternacht und zu spät, um jemand zu wecken, oder aus dem Hause zu gehen.

Nach diesem aufregenden Erlebnis schliefen wir so fest, daß wir erst aufwachten, als die Sonne schon hoch über den Hügeln stand. Hurtig zogen wir uns an und eilten hinunter in den Garten, aber da war nicht einmal die Spur von irgend etwas Verdächtigem zu erblicken. Befremdet sahen wir uns an. Hatten wir uns getäuscht? 96 War das alles am Ende nur eine Einbildung unserer Sinne gewesen? Merkwürdig ernüchtert gingen wir wieder ins Haus zurück.

In der Küche stand die Delfina, starrte ins kochende Wasser und seufzte jammervoll. Da blieben wir verwundert stehen und fragten, ob sie krank sei? Als sie uns sah, liefen ihr die dicken Tränen aus den Augen, und sie klagte schluchzend: »Mein Gott, was gibt es doch für schlechte Menschen! Man schämt sich, es nur zu erzählen! So etwas Gemeines!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht und konnte sich gar nicht fassen.

Wir ahnten sofort irgendeinen Zusammenhang dieses Jammers mit dem Geschehen der Nacht und fragten: »Was ist denn los? Hat man vielleicht im Garten etwas gefunden?«

Sie nickte: »Jawohl, im Garten. Dort hinten bei der Scheune unter der Treppe liegt es.«

Wir eilten über den Hof an den bezeichneten Ort, und da stiegen auch uns beinah die Tränen in die Augen, und zwar vor wirklicher Empörung. Auf einem schmutzigen Tuch lag der abgeschälte Körper unseres kleinen »Payos« und daneben auf einem andern alten Fetzen sein blutbedecktes braunes Fell. Das waren die beiden Dinge gewesen, die der rachsüchtige Cojo in der Nacht in unseren Garten geworfen hatte.

Lange standen wir alle unter dem Eindruck dieser rohen Tat, und ich begriff Malte sehr gut, als er eines Tages sagte, obwohl mit dem Verluste des kleinen Hundes gar kein materieller Schaden 97 verbunden sei, komme er über ihn schwerer hinweg als über die Entwendung des Stacheldrahtes. Das eine sei zwar ein frecher Diebstahl gewesen, das andere aber ein teuflisch ersonnener Racheakt, den man einem Menschenherzen kaum zuzutrauen wage. Um nun nicht noch mehr Unannehmlichkeiten zu haben, verbot man uns streng, von unserer nächtlichen Beobachtung mit anderen Leuten zu sprechen, und in der Folge schien es auch, als ob der Cojo uns nicht weiter zu belästigen gedachte, wenigstens blieb fortan der Stacheldraht unversehrt. Trotzdem war unser Erleben mit dem Cojo nicht zu Ende. Noch zweimal war es uns vorbehalten, unfreiwillig Zeuge seiner verbrecherischen Taten sein zu müssen, und zwar kam das so.

Da bei Maltes im Sommer abends meist sehr spät gegessen wurde, und wir verhältnismäßig früh von unseren Spaziergängen zurück sein mußten, ritten wir oft, wenn es mondhell war, noch auf ein Stündchen zu unseren Nachbarn hinüber. Wir saßen dann mit Don Joaquin und seinen Söhnen unter der Ramada des Hauses und hörten interessiert ihren Gesprächen zu. Sie erlebten viel, mußten sie doch Tag und Nacht auf der Lauer sein, denn ihre schönen Schafherden lockten die Diebe in geradezu erschreckender Menge an.

Als wir nun eines Abends wieder zu Castros ritten, war Luis, der jüngste der vier Söhne, allein zu Hause. Er sagte, der Vater und die drei Brüder ritten Nacht für Nacht auf die Höhen, um 98 Diebe abzufassen, denn es seien ihnen in den letzten Wochen mehr als zwanzig Schafe gestohlen worden.

Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, hörten wir plötzlich das Nahen mehrerer Reiter, die vom Walde her kamen. Wir liefen bis an den Zaun des Hofes und spähten in die Nacht hinein.

Luis sagte mit vor Erregung bebender Stimme: »Das ist der Vater! Ich glaube bestimmt, er hat einen guten Fang getan.« Und eilends lief er den Ankommenden entgegen. Wir aber blieben wie angewurzelt stehen und warteten. Immer näher kamen sie, jetzt tauchten sie hinter den letzten Büschen auf. Nicht weit von uns bogen sie ab, deutlich sahen wir sie vorüberziehen, vorn und hinten einer zu Pferd, in der Mitte aber zwei, die zwischen sich einen Mann führten, der am Sattel des einen Reiters festgebunden war. Langsam ging der seltsame Zug vorüber. Kein Wort wurde gesprochen, und uns packte ein kalter Schauer von innen heraus.

Ein Scheunentor wurde aufgerissen, ein lauter Fluch hallte durch die Nacht, und dann noch einer. Dumpfe, merkwürdige Geräusche wurden hörbar, und dann war wieder Stille.

Plötzlich kam einer dahergelaufen, riß einen Lasso und eine Laterne, die über der Tür hingen, herunter und eilte wieder zurück. In der Scheune wurde aufgeregtes Sprechen laut, und wir ahnten, daß dort unheimliche Dinge geschahen. Nach einer Weile 99 kamen die Männer über den Hof. Sie gingen schweigend an uns vorbei ins Haus hinein.

Nur Luis gesellte sich zu uns und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wen glaubt ihr wohl, Jungens, daß sie gefangen haben?«

Gott, es gab in der Gegend so viele Schafdiebe.

»Wer kann das wissen!« meinte Heinrich achselzuckend.

Luis beugte sich zu uns nieder und flüsterte triumphierend: »Den Cojo.« »Den Cojo?« Wie aus einem Munde stießen wir fast ungläubig mit grenzenlosem Staunen den gefürchteten Namen heraus.

»Den Cojo,« bestätigte Luis und eine unbeschreibliche Genugtuung lag in seiner Stimme.

»Und wo habt ihr ihn denn gelassen? Und werdet ihr ihn nun vor Gericht bringen?«

Luis antwortete: »Glaubt ihr wirklich, mein Vater sei so einfältig, ihn zu verklagen? Nein, niemals! Der bestraft die Spitzbuben selbst. Der Cojo hängt auch schon wie ein Schinken im Rauchfang dort drüben in der Scheune.«

»Gott im Himmel!« schrie ich auf. »Ist er schon tot?«

Luis lachte: »Sei nicht so dumm! Mein Vater ist doch kein Henker. Der Cojo hängt nicht am Hals, sondern an den Beinen. Das schadet ihm weiter nicht.«

»Und wie lange bleibt er denn so hängen?« fragte ich beklommen. 100

»Genau so lange, wie er es aushält. Dann bekommt er noch ein paar Hiebe und wird wieder freigelassen.«

Wir waren still geworden und fanden es plötzlich an der Zeit heimzukehren. Als wir auf unseren Pferden saßen, sagte Luis: »Reitet doch einmal um die Scheune herum, dann könnt ihr den Cojo stöhnen hören.«

Nein. Wir dankten. Wir hatten gar kein Verlangen danach. Ein kurzer Gruß, und wir jagten über den mondhellen Hof auf die Straße und längs des Flusses in gestrecktem Galopp nach Hause, als ob uns Verfolger auf den Fersen säßen. Als wir eine halbe Stunde später in dem traulichen Eßzimmer bei Tische waren, hatten wir viel zu erzählen. Malte meinte ernst: »Dieser Cojo ist eine Gefahr für die ganze Gegend. Hoffentlich ist er nun für eine Zeit von seinen Räubereien geheilt.«

»Ich glaube es kaum,« sagte mein Onkel. »Jedenfalls wird Don Joaquin den heutigen Abend noch zu spüren bekommen.«

Drei Wochen später waren Heinrich und ich an einem Sonntag zum Mittagessen auf einen Fundo, der tief im Urwalde lag, eingeladen. Da wir um vier Uhr wieder zu Hause sein mußten, waren wir um drei Uhr bereits auf dem Rückwege und zwar auf den Höhen, von wo aus man das ganze weite Tal am Pudeto übersehen konnte. Wir hatten nur noch einen kurzen Abstieg zwischen Felsen und Wald vor uns und konnten in einer halben Stunde daheim sein. Deshalb beeilten wir uns nicht, sondern ritten ein wenig am Rande der 101 Höhen dahin und erfreuten uns eine Weile an dem herrlichen Ausblick. In der Ferne schimmerte wie Silber das Meer, und in der Tiefe zog sich gleich einem blauen Bande der Fluß zwischen grünen Ebenen dahin. Möwen und wilde Enten waren scharenweise an und über dem Wasser, das schon sichtbar zu steigen begann, weil die Flut vom Meere her eindrang. Unter uns lag in tiefster Einsamkeit das Sägewerk von Don Joaquin. Unzählige Stämme und große Mengen aufgestapelter Bretter bedeckten den Platz vor der Mühle und ließen deutlich erkennen, daß man hier alltags fleißig arbeitete. Jetzt aber war weit und breit keine Menschenseele, und der lange Holzbau lag wie ein Riesensarg in der Stille des Sonntags da.

Auf einmal aber bewegte sich etwas auf der dem Wasser zugewandten Seite der Mühle. Ein Mann kam aus dem Schuppen heraus, schlich gebückt zwischen den Holzhaufen dahin, verschwand hinter den Brettern, tauchte wieder auf und war dann in der Richtung nach den Höhen, auf denen wir standen, verschwunden.

Heinrich und ich sahen uns entsetzt in die Augen. Der Mann, den wir da unten hatten auftauchen sehen, war niemand anderes als der Cojo. Wir waren keine Feiglinge, aber in diesem Augenblick kroch uns doch die Angst wie ein kalter Strom durch den ganzen Körper. Ein Ausweichen war unmöglich. Wir mußten dem Cojo begegnen und zwar voraussichtlich mitten in der Schlucht. Heinrich sagte mit einem merklichen Zittern in der Stimme: 102 »Wenn der Cojo da unten etwas Unrechtes getan hat und glaubt, daß wir ihn beobachtet haben, macht er uns kalt.«

Langsam, langsam wandten wir unsere Pferde und ritten vorsichtig in den Wald hinein. Der Weg ging ziemlich steil bergab. Wir spähten und horchten nach allen Richtungen hin. Die Schlucht war nicht mehr fern. Gott, wenn wir sie glücklich hinter uns hatten, war ja alles nicht mehr so gefährlich. Jetzt tauchten die ersten Felsen auf. Schweigend ritten wir nebeneinander in den Hohlweg hinein. Er war nicht lang, aber unheimlich einsam und dunkel von überragenden Bäumen und Büschen. Schon wollten wir erleichtert aufatmen, als alles in uns zu erstarren schien. Am Ausgang der Schlucht, aber immer noch mitten im Walde sahen wir einen großen Schimmel stehen und neben ihm den Cojo, der irgend etwas am Sattel des Pferdes zurechtmachte.

Meine Zähne schlugen wie im Fieber zusammen, und meine Hand klebte am Zügel, aber den Blick starr auf den gefürchteten Menschen gerichtet, ritt ich neben meinem Freunde langsam auf ihn zu, und nun an ihm vorbei. Der Cojo beachtete uns kaum. Nur einmal blickte er flüchtig auf und zog den Riemen am Sattel fest. In immer gleichem langsamem Tempo ritten wir weiter, aber es war uns nicht anders zumute, als dringe uns jeden Augenblick ein Messer in den Rücken. Endlich aber waren wir doch aus dem Walde hinaus, waren in der Ebene, und nun gab es kein Überlegen und kein Halten mehr. Als ob es ums Leben ginge, jagten wir 103 mitten durch das flutende Wasser, das den Weg überschwemmte, nach Hause. Ganz erschöpft, aber doch mit dem Gefühle tiefer Dankbarkeit, wie man es empfindet, wenn man einer großen Gefahr entronnen ist, langten wir daheim an. Zuerst versorgten wir die Pferde, dann wechselten wir unsere Kleider und wollten gerade ins Eßzimmer, wo Heinrichs Vater und Tante, meine Mutter und mein Onkel auf uns warteten. Da trafen wir im Flur den Felipe. Er sagte, weit hinter den Wiesen dem Walde zu steige eine verdächtige Rauchwolke in die Höhe. Es könnte sein, daß der Wald dort brenne. Nun, ein Waldbrand im Sommer ist in diesen Gegenden eine gefährliche Sache. Wir alarmierten denn auch sofort das ganze Haus, und bald waren wir alle auf einem Hügel, von wo aus man die ganze Ebene am Flusse überblicken konnte. Wie erschraken wir aber über das, was sich da oben unseren Augen bot. Die Sägemühle von Don Joaquin stand in hellen Flammen.

Unsere Bestürzung war so groß, daß wir im ersten Augenblick keine Worte fanden. Dann aber stieß Heinrich mit verbissenem Grimme hervor: »Das hat der Cojo getan.« Malte wandte sich jäh herum und fuhr ihn heftig an: »Hüte deine Zunge! Man beschuldigt niemals einen Menschen ohne Grund! Überhaupt, was fällt dir ein, einen so ungeheuerlichen Verdacht auszusprechen!«

Da war es mir, als ob ich Heinrich zu Hilfe kommen müßte, und ich bestätigte unerschrocken: »Es ist doch der Cojo, der das Feuer in 104 die Säge gelegt hat. Vor einer Stunde waren wir dort hinten auf den Höhen und haben ihn mit eigenen Augen aus der Mühle kommen sehen.«

Heinrichs Vater sagte darauf nichts, sondern sah lange schweigend zu der brennenden Mühle hinüber. Als wir aber den Hügel wieder hinunterstiegen, sprach er sehr ernst mit uns. Eindringlich machte er uns auf die gefährlichen Folgen aufmerksam, die ein Wort von uns in dieser Angelegenheit haben könnte. Auch hielt er uns warnend vor, niemals Dinge zu behaupten, die wir nicht wirklich gesehen hatten, und er nahm uns fast feierlich das Versprechen ab, nichts über die Sache verlauten zu lassen.

Als wir eine halbe Stunde später ein wenig bedrückt und ziemlich schweigsam vor dem Hause saßen, jagten plötzlich drei Carabineros in fliegender Eile auf dem Wege längs des Flusses dahin. Heinrichs Vater sah ihnen nach und meinte kopfschüttelnd: »Ich möchte wohl wissen, was die da wollen. Bis sie hinkommen, ist doch alles wie ein Strohhaufen niedergebrannt.«

Meine Gedanken aber gingen auf eigenen Wegen. Ich war innerlich fest überzeugt, daß der Cojo das Feuer in die Mühle geworfen hatte, und ich verstand nicht, wie es möglich war, daß ein Mensch ungestraft so viele Verbrechen begehen konnte. Mir wäre es sehr natürlich erschienen, wenn die drei Carabineros nicht wegen des Feuers, sondern wegen einer ganz andern Sache da vorübergeritten wären, aber ich hütete mich wohl, darüber zu sprechen. 105 Doch schneller, als ich gedacht hatte, kam wie ein zweischneidiges Schwert die strafende Gerechtigkeit daher. Zwei Tage nach dem Brande trafen wir Don Joaquin auf dem Wege nach der Stadt. Heinrichs Vater und mein Onkel erkundigten sich teilnehmend nach dem Unglück. Doch Don Joaquin war durchaus nicht niedergeschlagen. Er war zwar in großer Eile, aber trotzdem erzählte er kurz, was sich zugetragen hatte, und wir hörten eine schier unglaubliche Geschichte.

An jenem Sonntag, als der Brand ausgebrochen war, hatten verschiedene Carabineros jenseits des Flusses das Gelände nach einem aus dem Gefängnis entlaufenen Sträfling abgesucht. Da sie scharf umherspähten, hatten sie über dem Wasser weg genau wie wir den Cojo aus der Mühle kommen sehen, hatten ihn wohl erkannt, aber keinen Argwohn geschöpft. Dann waren sie in die Wälder hineingeritten und durch den Feuerschein veranlaßt worden, wieder zurückzukehren. Als sie das Sägewerk in Brand gesehen hatten, war sofort ein bestimmter Verdacht in ihnen aufgestiegen. Sie waren dann in die Stadt hineingejagt, hatten Anzeige erstattet und sich noch in derselben Stunde aufgemacht, um den Cojo festzunehmen. Dieser soll durch die unerwartete Ankunft der Polizei so überrascht gewesen sein, daß er kaum versucht habe, sich zu wehren. »Und nun,« schloß Don Joaquin befriedigt, »sitzt die Maus in der Falle. Heute ist Gerichtssitzung, und ich hoffe, daß endlich diesem Übeltäter für lange Zeit das Handwerk gelegt wird.« Er 106 grüßte und sagte, er würde bald bei uns vorsprechen und alles Nähere erzählen.

In Staunen und Nachdenken versunken ritt ich neben meinem Freunde heimwärts. Wenn sich auch das Land in sommerlicher Schönheit und im träumerischen Frieden der Einsamkeit wie ein Garten Gottes ringsum breitete, so war es mir doch, als schliche überall der Schatten des Cojos wie ein böser Geist über die Wiesen und durch die Wälder dahin, und tagelang wurde ich das merkwürdige Gefühl einer heimlichen Angst nicht los.

Erst als ich hörte, daß der Cojo wirklich im Gefängnis saß, wurde ich wieder ruhig, denn nun war mir klar, daß doch kein Mensch dem andern ungestraft Böses antun durfte, sondern daß es noch allenthalben auf Erden Gerechtigkeit gab.

 

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