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Mirasol

Ina Jens: Mirasol - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMirasol
authorIna Jens
year1935
firstpub1935
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart
titleMirasol
pages164
created20170505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Narciso

In der Avenida de los Aromos hatte der Lenz unbekümmert um kommende Regengüsse und Stürme mit seiner ganzen sieghaften Schönheit Einzug gehalten. Die Bäume blühten. Die Zweige mit den gelben Blumenflocken neigten sich wie goldene Wellen übereinander und verwoben sich mit dem leuchtenden Himmelsblau im Hintergrunde zu einem lieblichen Bilde. Frühlingsweben und Frühlingszauber lockten hinaus. Da sagte meine Mutter, wir wollten zu Fuß nach Miraflores, denn die Luft sei so mild und das Land so schön, daß man die Herrlichkeit nur im Wandern richtig genießen könne.

Der Weg war still und einsam und rötlich überleuchtet vom Schein der untergehenden Sonne. Die Blüten dufteten, und ein paar beschwingte Sänger schmetterten die Seligkeit ihres kleinen Herzens mit lustigen Tönen in den Frühling hinein.

So wie wir ins Städtchen kamen, änderte sich jedoch sofort das Bild. Gleich an der ersten Straßenecke sahen wir vor dem Schaufenster eines Kramladens eine Menge Menschen stehen, und wir hörten schon von weitem das jämmerliche Weinen eines Kindes. 14 Wo aber ein Kind weinte, war die Mutter immer mit Trost und Hilfe bei der Hand. Darum ging sie auch jetzt auf die Leute zu und fragte die Nächststehenden, was geschehen sei.

Man sah sie ein wenig verwundert an. Was kümmerte sich eine Señora um Dinge, die auf der Straße passierten! Einer zuckte die Achseln und erklärte unfreundlich: »Der Kleine sagt, man habe ihn bestohlen.« Da drängte sich die Mutter kurzerhand durch die Menschen, und nun standen wir dicht vor dem Gegenstand des allgemeinen Interesses.

Es war ein Roto, ein chilenischer Straßenjunge. Er mochte zehn oder zwölf Jahre alt sein. Man kann diese zerlumpten Kinder nie richtig einschätzen. Meist sind sie älter als sie aussehen. Der Kleine bot einen so drolligen Anblick dar, daß er auch ohne sein jammervolles Weinen die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregt hätte.

Er trug nichts weiter als eine verschlissene, grüne Mädchenjacke, die vorn mit Schnüren zugebunden war und ihm fast bis auf die nackten Füße reichte. Vom Gesicht sahen wir wenig, denn er wischte sich andauernd mit den beiden Handrücken über die Augen und weinte und schrie abwechselnd, daß es einem in der Seele leid tat. Neben ihm auf dem Boden lag ein leerer Henkelkorb. Der war so groß, daß der Kleine bequem darin Platz gehabt hätte.

Die Mutter ging auf den Jungen zu und fragte teilnehmend: »Warum weinst du denn, mein Kind?« Er sah mit einem Auge 16 durch die gespreizten Finger auf die Mutter und jammerte nun ganz entsetzlich: »Ich habe den Korb voll Gemüse verkauft . . . und . . . ein großer Junge . . . hat mir das ganze Geld gestohlen . . . und jetzt . . . wird man . . . mich schlagen . . . o–o–o–o–h.«

Er weinte so laut und herzzerreißend, daß alles ringsum verstummte. Die meisten blickten auf meine Mutter, neugierig, was die Señora wohl beginnen werde.

Das erste, was die Mutter tat, war, daß sie mir mein reines Taschentuch aus der Bluse zog, es dem Knaben hinhielt und sagte: »Wisch dir die Tränen ab und weine nicht mehr!«

Er nahm das Taschentuch, fuhr sich damit ein paarmal über die Augen, ließ es dann in den Korb fallen und fing gleich wieder mit dem früheren Geheul an.

Da fragte die Mutter teilnehmend: »Wo wohnst du denn, mein Junge?«

Er nickte mit dem Kopfe nach einer unbestimmten Richtung hin und schluchzte: »Por allá . . .«

Diese Rotos wohnen nämlich alle »por allá«. Por allá ist etwas ganz Ungewisses, por allá ist überall und nirgends, etwas, das oft nicht einmal die Polizei imstande ist, ausfindig zu machen, denn es kann ebensogut einen Rancho, einen ausgetrockneten Abzugskanal, ein Mauerloch, als auch ein leeres Faß oder ein Versteck hinter einer Brücke bedeuten.

Der Kleine wohnte also por allá. Die Unterredung ging weiter. 17

»Hast du noch Eltern oder Großeltern?«

»Nein, Señora . . . ich habe niemand mehr.«

»Für wen hast du denn das Gemüse verkauft?«

Er schluchzte: »Für die Catalina

»Wer ist die Catalina?«

»Die Gemüsefrau.«

»Und wieviel Geld hat man dir gestohlen?«

»Oh . . . oh!« brüllte er auf, » . . . fünf Pesos, Señora, fünf Pesos . . .«

Da öffnete die Mutter ihr Handtasche, entnahm ihr einen blauen Schein und gab ihn dem Jungen.

»Hier,« sagte sie, »hast du die fünf Pesos wieder, und nun wird dich niemand schlagen. Lauf nach Hause und paß auf, daß man dir das Geld nicht wieder stiehlt!«

Der Junge war sofort still. Er nahm das Geld und murmelte: »Vielen Dank, Señora,« ergriff hastig den Korb und drängte sich mit Blitzesschnelle durch die Menschen hindurch. Dann lief er mit erstaunlicher Geschwindigkeit längs der Häuser dahin.

Die Leute sahen ihm nach und brachen in ein schallendes Gelächter aus. Einer schrie: »Lauf! Lauf! Die Polizei kommt!« Aber der Knabe sah sich nicht um, warf seine Beine hoch und verschwand an der nächsten Ecke. Als die Mutter und ich uns zum Gehen wandten, trafen uns von allen Seiten verwunderte Blicke, und ich hörte deutlich, wie einer hinter uns leise, aber mit grenzenloser 18 Anerkennung sagte: »Diese Spitzbuben! Die haben den Teufel im Leib. Das muß man sehen, wie sie es verstehen, die Fremden zu prellen.«

Als wir am Abend bei Tisch saßen, erzählten wir den Vorfall dem Onkel. Erst hörte er teilnehmend zu, als er aber vernahm, daß die Mutter dem Knaben fünf Pesos gegeben hatte, lachte er genau, wie die Leute in Miraflores es getan hatten, und sagte: »Aber nein, daß es immer wieder Menschen gibt, die auf solche Gaukeleien 'reinfallen!« Die Mutter blieb ganz ruhig und erwiderte gleichmütig: »Du irrst dich, das war echtes, tiefes Kinderleid, und was ich getan habe, reut mich nicht.«

Etwa vier Monate später fuhr uns der Carmelo einmal nach Miraflores. Der Weg war staubig, und die Sonne schien heiß auf das Land hernieder, das sein grünes Kleid unter den sengenden Strahlen bereits mit einem rotbraunen vertauscht hatte. Bei der Plaza im Städtchen stiegen wir aus. Der Carmelo blieb mit dem Gefährt im Schatten der Bäume zurück, während wir uns auf eine Bank setzten, um ein Weilchen die wohltuende Kühle unter den dunklen Eukalypten zu genießen.

Da sahen wir plötzlich durch das flimmernde Geriesel von Licht und Schatten eine wunderliche Gestalt daherkommen. Es schien einer jener Straßenjungen zu sein, die um diese Zeit mit Betteln ihre besten Geschäfte machen.

Der Kleine trug eine zerfetzte, kurze Hose, ein schmutziges Hemd, 19 dem ein Ärmel fehlte, und auf dem schwarzen Wuschelkopf eine graue, schief aufgesetzte Schildmütze. Mit kleinen Schritten kam er lautlos und flink wie ein Waldgeist durch die Mittagsstille daher, blieb in demütiger Haltung zwei Schritte vor uns stehen und bettelte mit niedergeschlagenen Augen: »Ein Fünferchen, Señora, um Brot zu kaufen.«

Die Mutter und ich blickten überrascht auf. Das war ja niemand anderes als der arme Junge von neulich. Die Mutter fragte denn auch: »Kennst du mich nicht mehr? Wie ist es dir denn damals mit den fünf Pesos ergangen?«

Zwei große, schwarze Augen sahen eine Sekunde lang wie forschend der Mutter ins Gesicht. Dann senkten sich die Lider wieder, und eine leise Stimme flüsterte: »Ich gab sie dem Großmütterchen.«

Die Mutter staunte: »Ich denke, die gehörten der Catalina, der Gemüsefrau?«

Dieselbe halblaute Stimme antwortete: »Die Catalina ist gestorben.« Das klang glaubwürdig und traurig.

»Sagtest du nicht,« fragte die Mutter weiter, »daß du keine Angehörigen habest?«

Ohne aufzublicken antwortete er: »Ich habe aber ein Großmütterchen.«

Die Mutter schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie die unbewegte Gestalt: »Und wie heißest du?« 20

»Narciso

Die Mutter lächelte. Der Name stand so wenig im Einklang mit dem kleinen Dreckspatz. Dann aber, als ob ihm dieses Rede- und Antwortstehen nicht behagte, bettelte er wieder mit halblauter Stimme: »Ein Fünferchen, Señora, um Brot zu kaufen.«

Die Mutter gab ihm einen Zwanzger. »Vielen Dank, Señora,« hauchte er und trippelte mit seinen braunen Füßen, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, an uns vorbei und längs der Beete dahin.

Wir sahen ihm nach, und die Mutter meinte bedauernd: »Armer Kerl, hat sicher noch nichts Warmes im Leib! Zu traurig, wie diese Kinder aufwachsen, ohne Heim, ohne Liebe, ohne Pflege.«

Bald danach ging die Mutter ins Städtchen, um Besorgungen zu machen. Wegen der großen Hitze ließ sie mich, wie schon oft, auf der Plaza zurück. Ich setzte mich auf die niedrige Mauer, die den Teich einfaßte, und sah den Weg entlang. Da wurde mein Blick auf einmal starr und alles in mir gespannte Aufmerksamkeit und Staunen.

Wieder kam der Narciso daher, aber nicht etwa gedrückt und scheu wie vorhin, sondern äußerst vergnügt und selbstbewußt. Ich traute meinen Augen nicht. Den Daumen der linken Hand hatte er in ein Loch des Hemdes gehakt, als ob dieses eine Weste wäre, die rechte Hand steckte in der Hosentasche, die Mütze saß umgedreht weit hinten auf dem Kopf mit dem Schild im Nacken, und im 21 Munde hatte er eine Zigarette, wahrhaftig, eine brennende Zigarette. Er rauchte.

Es war der Narciso und doch wieder nicht. So sorglos, so fröhlich sah der Junge aus, den ich nur fürchterlich heulend und ängstlich bettelnd kannte.

Unbekümmert um meine Gegenwart setzte er sich nicht weit von mir rittlings auf das Mäuerchen und sah eine Weile den 22 Schwänen zu. Dann nahm er die Zigarette aus dem Munde, strich die Asche am Mauerrande ab und warf den Stummel ins Wasser. Sofort schwamm ein Schwan daher und schnappte danach.

Narciso lachte hell auf, sah mich an und sagte kopfschüttelnd: »Wie dumm sind diese Vögel!«

Da fand ich ein Wort der Anknüpfung. »Darfst du rauchen?« fragte ich mit unverhohlenem Staunen. Er sah mich merkwürdig groß an und antwortete geringschätzig: »Ich rauche schon seit vielen Jahren.« Er spuckte haarscharf an mir vorbei auf den Rasen.

Dann sprang er vom Mäuerchen herunter und sammelte Kieselsteine. Davon legte er ein paar vor mich hin und fragte: »Wollen wir ›Patitos‹ (Entchen) spielen?«

Das ist ein altes Kindervergnügen am Wasser und besteht darin, daß man Steinchen über das Wasser flitzen läßt und zählt, wie oft sie die Fläche berühren und wieder hochspringen.

So begannen wir abwechselnd die Kiesel zu werfen, und er gewann jedesmal. Seine Steinchen hüpften wie lebendige Wesen vier-, fünfmal von der Wasserfläche in die Höhe, die meinigen höchstens dreimal.

Nachdem wir uns so eine Zeitlang unterhalten hatten, sagte er: »Spielen wir lieber ›á la chapita‹.«

Mein Staunen wuchs. A la chapita spielt nur, wer Geld hat. Da setzt jeder ein oder zwei gleichwertige Münzen und sagt »Cara« 23 oder »Sello«, das heißt »Kopf« oder »Wappen«. Dann werden die Münzen in die Luft geworfen, und jeder erhält die Geldstücke, die die Seite zeigen, auf die er gesetzt hat.

Weil ich nicht einmal einen Fünfer bei mir trug, sagte ich kleinlaut: »Ich habe aber kein Geld.« Da holte er vier Zwanzger aus der Tasche heraus, gab mir zwei und erklärte großartig: »Ich borge dir . . ., ich habe genug.«

Ich kam aus dem Wundern gar nicht heraus, um so weniger, als er nun auch noch zu pfeifen begann, daß man nur so staunen mußte. Richtig und schön flötete er einen Schlager nach dem andern, lauter Stücke, die ich so gern auf dem Klavier spielte, und die gelegentlich auch die Drehorgeln zum besten gaben. Der Narciso schien mir etwas ganz Besonderes zu sein. Trotz seiner Lumpen war er so gewandt, so frei und so sicher wie ein kleiner Graf, und ich hätte ihn mir wohl zum Spielgefährten gewünscht.

Als die Mutter uns bei ihrer Rückkehr beisammen traf, sah sie recht verwundert drein. Mir aber kam plötzlich ein Gedanke, und ich sagte zu ihr: »Mutter, mit dem kann man ganz wunderbar spielen. Willst du ihn nicht mit nach Hause nehmen? Er ist wirklich nicht so, wie du vielleicht denkst . . ., und wir können ihn jetzt auch gerade gut gebrauchen, weil der Carmelo so viel zu tun hat.«

Die Mutter überlegte ein Weilchen, dann wandte sie sich an den Jungen, der wieder sehr bescheiden und demütig in einiger Entfernung stand. 24

»Möchtest du wohl arbeiten, Narciso?«

»Si, Señora.«

»Verstehst du irgend eine Arbeit?«

»Si, Señora.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Schuhe putzen, fegen, Fenster waschen und noch vieles andere.«

»Gut,« sagte die Mutter lächelnd, »wenn du wirklich arbeiten und etwas verdienen willst, kannst du mit uns nach Perales kommen und bei uns wohnen.«

»Vielen Dank, Señora.«

»Willst du aber nicht zuerst deiner Großmutter Bescheid sagen?«

»Das Großmütterchen ist schon lange tot,« sagte er kurz und bestimmt.

»Aber . . .,« meinte die Mutter, »du sagtest doch vorhin, die Catalina sei tot.«

»Das Großmütterchen auch,« behauptete er und sah die Mutter ernst und treuherzig an.

Es war uns damals noch unbekannt, daß der chilenische Roto nach Belieben Tote auferstehen und Lebendige sterben, Kranke gesund und Gesunde krank werden läßt, wie es ihm gerade paßt, und daß in seinen Lügen, wenn er davon einen Vorteil erhofft, die kranke Mutter und die »Abuelita«, das Großmütterchen, eine stete und wichtige Rolle spielen, ob sie nun noch leben oder längst unter der Erde liegen. 25

Darum war Mutters Urteil getrübt, und sie sagte ergeben ohne weiter zu forschen: »Also gut . . ., dann komm mit uns!«

Als wir bei unserer Kutsche anlangten, saß der Carmelo bereits aus dem Bock. Mutter und ich stiegen ein, und der Narciso kletterte gewandt zum Carmelo hinauf. Dieser hatte die Zügel in der Hand und war eben im Begriffe loszufahren, als er den zerlumpten Knaben neben sich sah. Erschrocken ließ er die Peitsche sinken, wandte sich zu uns und fragte ungläubig: »Soll dieser Spitzbube etwa auch mitfahren?« Die Mutter bejahte es und meinte, hoffentlich sei es kein Spitzbube.

Der Carmelo aber warf einen ganz unbeschreiblichen Blick auf seinen kleinen Nebenmann, pfiff durch die Zähne und fuhr schließlich ziemlich scharf mit uns los, ohne auch nur ein einziges Wort mehr zu verlieren.

Dem Narciso schien seine neue Umgebung sehr zu gefallen. Er plapperte und zwitscherte wie ein Vogel mit dem Carmelo, obwohl dieser nicht mit der Wimper zuckte, geschweige denn Antwort gab.

»Oh,« lobte und bewunderte er, »wie schön sind die Pferde! Ganz weiß! Und wie sie laufen! Ohne Peitsche! Oh, und dieses Blätterdach über uns, und diese hohen Bäume und die Wiesen, so weit, so weit, und dort hinten die Campaña! Schon ist die Sonne untergegangen.«

In dieser Weise ging es immer weiter, bis wir schließlich durch das große Holztor auf den Hof unserer Quinta fuhren. Die 26 Mutter hatte eine Menge Pakete mitgebracht. Davon gab sie einige dem Narciso und hieß ihn, sie in die Küche tragen.

Ich blieb einen Augenblick beim Carmelo stehen und sah zu, wie er die Pferde losschirrte. Ganz unvermittelt sagte er da zu mir, man müsse sich vor den »Pillos« (Spitzbuben) der Straße sehr in acht nehmen. Ich wußte natürlich sofort, was er damit meinte und erwiderte, noch lange nicht alle Straßenjungens seien »Pillos«, er würde schon sehen. Der Carmelo warf mir einen geradezu mitleidigen Blick zu und ging schweigend mit den Pferden davon.

Da rief ich den Narciso. Die Mutter aber sagte, ich solle ihn jetzt in Ruhe lassen, die Delfina säubere ihn.

Kurz vor dem Abendbrot sah ich ihn wieder und freute mich über die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen war. Jetzt war er nämlich kein Roto mehr, sondern ein hübscher, sauberer Junge. Er war gebadet worden, hatte sein schwarzes Haar ordentlich gekämmt und trug einen weiß und blau gestreiften Waschanzug und Sandalen.

Er lachte, als er in diesem Aufzug vor uns erschien. Dabei blitzten seine weißen Zähne und seine dunklen Augen so, daß er wirklich gewinnend aussah.

Der Onkel kam gerade dazu, und die Mutter erklärte ihm alles. Er warf einen prüfenden Blick über den Knaben und meinte nicht allzu freundlich: »Wir wollen das Beste hoffen.« Aus diesen Worten erkannte ich deutlich, daß, wenn der Onkel den Narciso in seiner 27 früheren Verfassung gesehen hätte, er niemals in unserem Hause geblieben wäre.

Nach dem Abendbrot mußte der Narciso ein wenig in der Küche helfen und dann zu Bette gehen. Es dauerte aber nicht lange, so kam die Delfina mit verlegenem Lachen und bat die Mutter, doch einen Augenblick zu kommen und den Jungen anzusehen.

Wir gingen neugierig in die Küche und von da in seine kleine Stube. Da lag er und schlief . . . aber wie! Das kann man sich kaum vorstellen. Er hatte seinen zerlumpten Anzug wieder angezogen, die dreckige Mütze auf den Kopf gesetzt und sich, zusammengerollt wie ein kleiner Hund, am Fußende des Bettes auf die Decke hingekauert. Die Kissen waren unberührt. Der neue Anzug, die Sandalen und das Nachthemd lagen unter dem Bett.

Die Delfina schüttelte den Kopf und erklärte mitleidig: »Er kennt es nicht anders.« Und sie hatte recht. So wie jetzt hatte er wohl hundertmal in einer Kiste, hinter einem Bretterhaufen, unter einem Baume oder gar in einem Graben gelegen, jedenfalls schien er von einem richtigen Bette und dessen Gebrauch keine Ahnung zu haben.

Am andern Morgen gab ihm meine Mutter einen Besen in die Hand und sagte, er solle den kleinen Hof hinter der Einfahrt fegen. Sofort fing er mit großem Eifer an, in ganz kurzen Strichen zu kehren und mächtige Staubwolken aufzuwirbeln. Da zeigte ihm die Mutter, wie er es machen müsse, was er denn auch gleich begriff. 28

Kaum aber war die Mutter fort, so warf er den Besen hin und fragte mich, ob wir nicht lieber am Fluß unten spielen wollten.

In dem Augenblick ging der Onkel vorbei. Er sah sofort, daß der Junge gewillt war, seine Arbeit zu verlassen, und herrschte ihn an: »Mach, daß du an deine Arbeit kommst, Faulenzer, oder ich werde es dir beibringen.«

Der Narciso stürzte sich pfeilschnell auf seinen Besen und fegte wie besessen, bis der Onkel außer Sicht war. Dann hielt er inne, kniff ein Auge zu und meinte leise: »Der Herr scheint ein Barbar zu sein.« Ich mußte lachen, aber ich ließ ihn in dem Glauben.

Als der Hof endlich sauber war, kam die Mutter mit einem Brief und fragte ihn, ob er wisse, wo die Post in Miraflores sei. Er möchte diesen Brief schnell hinbringen und in den Schalter werfen. Wenn er sich beeile, sei er noch vor dem Mittagessen zurück.

Er nickte dienstbereit, lief auf Mutters Befehl in seine Schlafstube, um sich die Sandalen anzuziehen, ließ sich von der Delfina eine Mütze aufsetzen und zog fröhlich pfeifend davon.

Der Mittag kam, aber der Narciso erschien nicht. Der Nachmittag kam. Es wurde Abend, noch immer war er nicht zurück. Die Delfina schimpfte, das sei von solchen Pillos nicht anders zu erwarten, der werde überhaupt nicht wieder kommen. Dankbarkeit kenne so einer nicht.

Aber sie hatte sich geirrt. Ganz spät, als schon alle Lichter 29 brannten, war er da. Wie ein verprügelter Hund schlich er an der Hausmauer entlang nach der Küche hin. Und wie sah er aus!

Schuhe, Mütze, Bluse, alles war weg. Er trug nur noch die Hose und das Hemd und war so schmutzig und zerzaust, als ob er sich den ganzen Tag herumgeschlagen hätte.

Die Mutter schlug bei seinem Anblick erschrocken die Hände zusammen und fragte, was denn geschehen sei und wo er seine übrigen Kleidungsstücke gelassen habe? Da lehnte er sich an die Mauer und weinte genau so schrecklich wie damals, als man ihm die fünf Pesos gestohlen hatte, und erzählte, eine Schar Knaben habe ihn vor Miraflores überfallen und weit hinter den Aconcagua geschleppt. Dort hätten sie ihn furchtbar geschlagen, ihm alles weggenommen und ihn dann liegen gelassen. Er habe den Rückweg nicht gut gekannt und sei darum so spät gekommen.

Kein Mensch konnte uns sagen, ob der Junge die Wahrheit sprach oder log. Auch schien er tatsächlich so mitgenommen worden zu sein, daß er einem leid tat, und die Mutter ihn schließlich noch tröstete und, ohne ein böses Wort zu sagen, in die Küche zum Essen schickte.

Am andern Morgen hatte er ungeheißen schon in aller Frühe den Hof gefegt. Wahrscheinlich wollte er den schlechten Eindruck des ersten Tages verwischen.

Als ich ihn suchte, fand ich ihn in der Küche. Er hockte auf dem Boden, vor sich Lappen, Bürste und Wichse und ringsherum Onkels 30 Schuhe, darunter auch die neuen Reitstiefel, die hundertfünfzig Pesos gekostet hatten, und auf die der Onkel so stolz war, weil sie ihm wie keine andern paßten, und weil sie auch wirklich schön waren.

Narciso putzte an den Schuhen so eifrig und sachkundig wie ein kleiner Meister. Es war kurzweilig, ihm zuzusehen, wie er die Wichse mit Zeige- und Mittelfinger über die Schuhe strich, dann mit den verschiedenen Bürsten hin und her arbeitete und ihnen schließlich mit wollenen Lappen den letzten Glanz ab.

Scheinbar machte ihm diese Arbeit großen Spaß, und ich fand, daß Onkels Schuhe noch nie so fein ausgesehen hatten wie jetzt. Als er endlich fertig war, trug er die Stiefel in Onkels Schlafstube, wusch sich die Hände und fragte mich, ob wir nicht unten am Flusse Drachen machen wollten. Ich war gleich damit einverstanden, aber ich hatte kein Geld.

»Bitte deine Mutter darum! Sie wird dir schon geben,« meinte er zuversichtlich.

Die Mutter gab mir denn auch wirklich ein Fläschchen Klebegummi und einen Peso. Wir liefen zusammen in den nächsten Kramladen, kauften buntes Seidenpapier, Stäbchen und Bindfaden.

Mit diesen Schätzen zogen wir frohgemut hinunter an den Fluß. Dort begann Narciso sofort mit der Arbeit, und ich staunte wieder, wie geschickt er sich anstellte. Er zerschnitt das Papier und ordnete 31 es zu hübschen Farbenwirkungen, in erster Linie natürlich etliche Male blauweißrot, dann aber auch grün und weiß, schwarz und gelb usw. Ich hatte eigentlich nichts weiter zu tun, als ihm kleine Handreichungen zu leisten. Dabei pfiff er oder erzählte Geschichten, die mir das Gruseln durch den ganzen Körper jagten und ihn in meinen Augen wie einen Helden dastehen ließen, so zum Beispiel das aufregende Ereignis mit dem berüchtigten chilenischen Raubmörder Manuel, allgemein bekannt unter dem Namen »El flaco Manuel«, der hagere Manuel.

»Weißt du,« erzählte er, »es war damals so. Es war eine schaurige Winternacht. Draußen regnete es, und der Wind sauste. Ich saß mit dem Großmütterchen am Brasero, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde, und der Manuel hereinstürzte. »Versteckt mich!« schrie er. »Die Carabineros sind hinter mir her. Wenn sie mich kriegen, hängen sie mich.« Die Großmutter sprang auf, drehte ihr Bett um, es war eine richtige Kiste, ließ ihn hineinkriechen, machte alles wieder zurecht und legte sich selber unter die Decke. Dann mußte auch ich mich hinlegen und tun, als ob ich schliefe. Eine Weile war draußen nichts als das Rauschen des Regens und das Heulen des Windes. Dann aber hörten wir vor dem Fenster Pferdegetrappel und laute Stimmen. Vier Carabineros traten mit schrecklichem Geschrei in die Stube herein. Wir aber schliefen ganz fest, und als sie uns aufrüttelten, taten wir so erschrocken und brüllten so fürchterlich, daß sie nur ein bißchen herumguckten und 32 fluchend wieder abzogen. Dann krochen wir lachend aus dem Bett, und der Manuel kam auch zum Vorschein. Er war halb erstickt und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Dann lief er fort und kam nach einer Weile mit Wein wieder zurück. Den haben wir getrunken und dazu geschmaust, bis der Manuel nach Mitternacht verschwand.«

Mir wurde ordentlich angst und bange ob dieser Geschichte, denn von dem Raubmörder Manuel hatte ich Schauriges genug gehört.

»Wo ist er denn jetzt?« fragte ich mit Herzklopfen. Da tat er höchst gleichmütig, zog die Stirn ein bißchen hoch und erwiderte: »Bah . . .! Längst totgeschossen!« Dann pfiff er fröhlich vor sich hin, und ich wagte nicht, weiter nach diesen grausigen Dingen zu fragen.

Nun besahen wir uns die Drachen. Es waren ihrer acht. »Warum machen wir nicht ein Dutzend?« meinte er.

»Wir haben doch kein Papier mehr,« antwortete ich, »und auch kein Geld.«

Eine Weile sagte er nichts, dann aber begann er tastend: »Auf dem Nachttisch deines Onkels liegt ein Zweipesostück. Warum nimmst du das nicht und kaufst für einen Peso Papier? Den andern Peso legst du wieder hin. Dein Onkel weiß doch sicher nicht, ob es ein Ein- oder Zweipesostück war.«

Mir sauste es im Kopfe, und es war mir plötzlich klar, daß ich da doch einen recht schlechten Spielgefährten neben mir habe, und 33 ich sagte ganz fest und ein klein wenig drohend: »Gestohlen habe ich in meinem ganzen Leben noch nie, und du kannst froh sein, wenn ich das, was du meinst, nicht dem Onkel erzähle.«

Da lachte er laut auf, so daß ich mir wieder ganz klein vorkam, und sagte beschwichtigend und fast ein wenig beleidigt: »Was denkst du nur von mir! Ich wollte ja nur hören, was du dazu sagen würdest.« »Por diós, um Gottes Willen, hast du aber Angst vor deinem Onkel!« fügte er staunend hinzu, holte ein paar Zwanziger aus der Tasche und sagte kurz: »Bleib hier und paß auf die Sachen auf! Ich laufe schnell, um das fehlende Papier zu kaufen.«

Er war denn auch bald wieder zurück, und als man uns zum Mittagessen rief, lagen die zwölf Drachen fast fertig da. Es fehlten ihnen nur noch die Fäden auf der Rückseite und die Schwänze. Die wollten wir ihnen am Nachmittag anmachen. Wir brachten die Drachen in unser Badehäuschen, legten sie unter eine Bank und beschwerten sie mit Steinen. Dann schlenderten wir langsam ins Haus zurück.

Beim Mittagessen erzählte ich, daß wir so hübsche Drachen angefertigt hätten, und gab auch ahnungslos die Geschichte von der Verfolgung des berüchtigten Raubmörders zum besten. Als ich damit zu Ende war, sah die Mutter sehr ernst vor sich hin. Der Onkel aber runzelte die Stirn, zog die Brauen zusammen und sagte eindringlich: »Sieh dich vor, Marta! Das ist kein Verkehr für deinen Jungen.« 34

Wegen der großen Mittagshitze verbot mir die Mutter, wieder an den Fluß zu gehen. Sie sagte, ich solle damit bis nach dem Tee warten. So ging ich in mein Zimmer und begann zu lesen.

Es mochte vielleicht drei Uhr sein, als ich mit einem Male erschrocken in die Höhe fuhr. Der Onkel schimpfte draußen wie nie und rief abwechselnd nach der Mutter, der Delfina und dem Carmelo. Da lief auch ich hinaus. Alle standen in Onkels Schlafzimmer, und der Onkel war furchtbar aufgeregt.

»Hier lagen noch vor einer Stunde zwei Pesos auf dem Nachttisch, und dort hatte ich meine neuen Stiefel hingestellt, denn ich wollte ausreiten. Wo sind sie hingekommen?«

Niemand wußte es. »Wo ist der Narciso?« fuhr er mich an und tat einen Schritt auf mich zu. Ich erschrak, eigentlich ganz grundlos, und stammelte, nur um etwas zu sagen: »Vielleicht am Fluß bei den Drachen.«

»Dann lauf, was du kannst, und bring ihn her!« wetterte er.

Als ich an den Fluß kam, rief ich erst nach allen Himmelsrichtungen den Namen meines neuen Freundes, aber niemand antwortete, und als ich in das Badehäuschen trat, war auch nicht ein Schnipselchen von den Drachen mehr zu sehen.

Ein tiefer Schrecken fuhr mir ins Herz. Wenn der Narciso wirklich mit den Drachen, den teuren Stiefeln und den zwei Pesos ausgerückt wäre? Es war nicht auszudenken!

Wie betäubt kehrte ich zurück. »Na,« sagte der Onkel, »du siehst 35 ja wie das heulende Elend aus. Ist dein famoser Freund etwa auch nicht am Flusse?«

Ich schüttelte nur den Kopf, denn ich brachte erst kein Wort hervor. Schließlich aber stotterte ich: »Auch die Drachen sind weg.« Eine böse Stille folgte diesen Worten, denn nun war ja alles klar. Der Onkel gebrauchte erst ein ordentliches Kraftwort und sagte dann ärgerlich: »Das ist das erste- und letztemal, daß mir ein solcher Straßenbengel unbesehen ins Haus kommt.«

Die Mutter aber konnte es gar nicht fassen. »Da sieht man,« seufzte sie, »wohin die Verwahrlosung diese armen Kinder führt.«

Die Delfina schimpfte auf das diebische und verlogene Gesindel, während der Carmelo fast mit Befriedigung ein übers andere Mal vor sich hinmurmelte: »Seht ihr wohl?« »Habe ich es nicht gesagt?«

Ich aber hätte am liebsten geweint. Es war der bittere Schmerz der Enttäuschung, der mir so weh tat. Tagelang noch hoffte ich, daß er wiederkehren werde, und so oft ich nach Miraflores kam, sah ich mich spähend um, ob er nicht irgendwo an einer Straßenecke auftauchen möchte. Doch alles Hoffen und Suchen war vergebens. Monate später aber erzählte uns eine befreundete Dame eines Tages ganz ahnungslos, daß es der Polizei endlich gelungen sei, einen der gerissensten Rotos in Miraflores abzufassen. Er habe bald hier, bald dort durch jämmerliches Geschrei und die erlogene Behauptung, er sei um fünf Pesos für verkauftes Gemüse bestohlen worden, mitleidigen Menschen Geld aus der Tasche gelockt . . . 36

Mir klopfte das Herz einen Augenblick stärker als sonst . . . Die Mutter und ich sahen uns an. Wir dachten dasselbe.

Trotz allem wurde mir das Bild, das ich von diesem Jungen in meinem Herzen trug, nie ganz getrübt. Immer, wenn es in meiner Erinnerung auftauchte, war mein erster Gedanke, wie fein dieser Narciso doch »Patitos« spielen, Schuhe putzen, Drachen anfertigen, erzählen und pfeifen konnte, und heute noch, so oft das Bild dieses hübschen, dunklen Knabenkopfes mit den großen, schwarzen Augen vor mir aufsteigt, kann ich mich, wenn auch nur für Sekunden, einer heimlichen Traurigkeit nicht erwehren, denn, wer weiß, wie viel schöne Lebensmöglichkeiten vielleicht gerade in diesem Kind der Straße zugrunde gegangen sind!

 

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