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Mirasol

Ina Jens: Mirasol - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMirasol
authorIna Jens
year1935
firstpub1935
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart
titleMirasol
pages164
created20170505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Esmeralda«

Das Städtchen, von dem ich in diesem Buche des öfteren sprechen werde, liegt irgendwo an der Bahnlinie zwischen Valparaiso und Santiago und heißt Miraflores. Natürlich hat es einen anderen Namen, aber wenn es nach mir gegangen wäre, so hätte ich ihm diesen gegeben, und zwar hätte ich das seiner lieblichen Gärten und seiner schönen Plaza wegen getan, denn der Name klingt irgendwie nach besonnten Blumen und leuchtendem Grün.

Von Miraflores führt eine bequeme Straße hinaus auf das Land, auf den Campo. Diese Straße beginnt mit einer Allee und heißt »Avenida de los Aromos«. Den Namen hat man ihr wegen der schönen Bäume gegeben, die rechts und links in regelmäßigen Zwischenräumen stehen und die Straße zur Blütezeit wie mit einem goldenen Bande schmücken.

Am Ende der »Avenida de los Aromos« befindet sich ein Dörfchen. Dieses Dörfchen heißt »Perales«, weil es da so viele Birnbäume gibt. Gleich am Eingange liegt ein Landhaus, die Quinta »Esmeralda«. Sie gehört meinem Onkel und ist der Ort, wo ich aufgewachsen bin.

Esmeralda heißt Smaragd. Ich wüßte aber im Äußeren des Hauses wirklich nichts anzuführen, was ihm die Berechtigung 6 gegeben hätte, diesen schönen Namen zu tragen. Das Haus liegt dicht an der Landstraße und weist in der Front nichts weiter auf als eine lange weiße Mauer mit acht fest vergitterten Fenstern und darüber ein etwas vorstehendes, graues Ziegeldach. Die eiserne Wehr vor den Fenstern ist natürlich als Schutz gegen Einbrecher gedacht, denn in Perales gibt es schrecklich viele Diebe, aber da sie meist nur Hühner stehlen, weiß ich nicht recht, warum unsere Fenster eiserne Gitter haben.

Neben dem Haus ist ein altes Holztor. Dahinter liegen zwei die ganze Längsseite des Hauses einnehmende Höfe, von denen der eine mit Weinlaub überdacht ist. Hier spielt sich während der drei warmen Jahreszeiten fast das ganze Leben der Hausbewohner ab.

Längs dieses Hofes zieht sich eine lange Glasgalerie hin, und an ihr liegen in schnurgerader Reihe hintereinander die zu den acht Fenstern der Vorderseite gehörigen Zimmer.

Da ist in erster Linie Mutters Salon. Das ist genau genommen nichts anderes als eine gemütliche Wohnstube, aber da eine solche in Chile immer Salon heißt, so nennen wir sie ebenso.

Die beiden letzten Zimmer unseres Hauses gehören meinem Onkel. Er ist der Bruder meiner Mutter und heißt Arthur Grewe. Von diesem Manne ist mir mein ganzes Leben lang wie von einem Vater nur Liebe und Güte zugeflossen. Die Mutter und ich verdanken ihm alles. Er kam als junger Mensch nach Chile, hat in 7 einem großen Geschäft ganz von unten angefangen zu arbeiten, ist im Laufe der Jahre aber ordentlich vorwärtsgekommen und hat sich ein schönes Vermögen erspart.

Auf seine Veranlassung hin ist mein Vater mit uns nach Chile ausgewandert, wo eine gute Stelle als Musiker seiner wartete. Da trat der Tod dazwischen, und wir waren ganz mittellos.

Eines Tages überraschte uns der Onkel mit der Nachricht, er habe eine Quinta in der Nähe von Miraflores gekauft. Eine 8 Quinta ist ein Landhaus mit einem großen Garten. Wir sollten dort wohnen, und die Mutter möchte alles ein wenig beaufsichtigen. Auf diesen Vorschlag ging sie mit Freuden ein, und so kamen wir hieher. Lange dauerte es nicht, so hat auch der Onkel seine Stelle aufgegeben und ist ganz zu uns gezogen.

Unser gemeinsames Leben ist einfach und ruhig. Der Onkel pflegt einige seiner Liebhabereien, wie Hühner- und Bienenzucht, und die Mutter sorgt für den Haushalt. Mit den einfachen Leuten in Perales und Miraflores versteht sich mein Onkel ausgezeichnet. Er versteht es vorzüglich, so zu plaudern, als gehöre er zu ihnen, und es gibt nicht wenige, die auch seine Freigebigkeit und Hilfsbereitschaft rühmen dürfen.

Den Abschluß unseres Hauses bildet eine große Küche. Von ihr ist nichts zu sagen, denn sie sieht nicht anders aus als irgendeine gute Küche in Europa. Bezeichnender und der Erwähnung wert sind die beiden Menschen, ohne die ich mir unsere Küche kaum vorstellen kann.

Da ist in erster Linie der Mozo Carmelo. Er ist ein alter Indianer und schon zehn Jahre lang bei uns im Dienst, obwohl er einen sehr unangenehmen Fehler hat. Er trinkt nämlich ganz entsetzlich, aber nicht immer, sondern nur etwa alle zwei oder drei Monate, aber dann gleich acht Tage lang hintereinander. Wenn diese Krankheit über ihn kommt, versteht er keine menschliche Sprache mehr, auch keine Zeichen. Er schläft oder torkelt so dahin 9 und wartet, bis die heilige Maria sein Versprechen erhört und ihn wieder auf den Pfad der Tugend führt.

Jedes Jahr einmal haben diese Trinkereien auch die übelsten Folgen. So ist der Carmelo einmal im Rausche von einer ziemlich hohen Brücke in den Aconcagua hinuntergefallen, glücklicherweise nur auf eine Sandbank, aber ein Bein hat er sich doch dabei gebrochen.

Im übrigen ist unser Carmelo eine treue Seele, flink und fleißig und anstellig und versteht sich auf alle Haus- und Feldarbeit, 10 auch auf Garten- und Obstbau. Er ist willig wie eine geölte Maschine und im normalen Zustand auch zuverlässig, und darum hat mein Onkel so viel Geduld mit ihm, denn er sagt, trinken tue hier fast jeder, aber nicht jeder verbinde mit diesem Laster auch so gute Eigenschaften wie der Carmelo.

Das andere Faktotum unseres Hauses ist die Köchin Delfina, auch eine Indianerin, eine echte »Mapuche«. Die Delfina ist eine mordshäßliche Frau. Meine Mutter behauptet aber immer, es sei eine »schöne Häßlichkeit«, es sei Rasse.

Jedenfalls kann die Delfina sehr gut kochen, das heißt, wenn man sie ungestört und allein bei der Arbeit läßt. Will ihr nämlich jemand helfen, so wird sie ärgerlich, verliert den Kopf und zerbricht das Geschirr. Durch diese sonderliche Wesensart hat sie es im Laufe der Jahre dahin gebracht, daß meine Mutter ganz wie eine chilenische Señora nur sehr selten in die Küche geht.

Nun aber wollen wir aus dem Bereiche des Hauses hinaus und einen kurzen Blick in unsere Gärten werfen. Sie grenzen an die Höfe, sind aber von diesen durch jasminüberwachsene Zäune getrennt und durch einen langen, schnurgeraden Weg in zwei Hälften geteilt.

Dieser Weg ist malerisch lieblich, denn üppige, mannshohe, ewig blühende Geranienbüsche begrenzen auf beiden Seiten den Rand. Er endet an einem stillen, dunklen Wasser, das zwischen Pappeln und Weiden durch unsere Quinta fließt. 11

Auf der rechten Seite dieses Weges befindet sich ein großer Obstgarten, auf der linken aber liegt der Hühnerhof. Hinter dem Hühnerhofe liegt Mutters Garten. Er ist zwar nicht sehr kunstvoll angelegt, aber an Mannigfaltigkeit der Blumenarten ist er ein kleines Wunder.

Wir setzen uns einen Augenblick in die von blühenden Bougainvillien umrankte Laube. Wenn wir hier einen Augenblick still und unbeweglich warten, können wir noch etwas besonders Reizvolles beobachten. Es wird nicht lange dauern, dann zuckt und schwirrt es um die Blüten, bald hier, bald dort, kaum daß unser Blick ihm folgen kann. Dann aber sehen wir es plötzlich vor einer geöffneten Blume: Ein zartes Körperchen in senkrechter Haltung, ein Köpfchen in rotem Goldglanz schimmernd, ein langer, dünner Schnabel in waagrechter Richtung und ein so schnelles Bewegen der kleinen Flügel, daß es aussieht, als sei das Tierchen von einem Nebelwölkchen umhüllt. Das ist Chiles allerschönstes Vögelchen, der zierliche Picaflor, den man in Deutschland »Kolibri« nennt. Er sucht in den Blüten der duftlosen Bougainvillie nach Insekten, vielleicht auch nach einem Tröpfchen Honig und wird unbewußt zum nützlichen Blütenbestäuber.

Kaum hat man ihn gesehen, so ist er schon wieder anderswo. Und dann sind wir wieder allein mit den stillen Blumen, dem hohen Magnolienbaum vor der Laube und dem schönen Floripon an seiner Seite. 12

Aus diesem Garten führt uns eine kleine Holzbrücke in eine lange Eukalyptusallee. Links und rechts liegen unsere Äcker, die mit Kartoffeln und Mais bepflanzt sind. Weiterhin haben wir den Blick auf vier große Potreros, das sind große, eingezäunte Viehweiden. In einem dieser Potreros weiden unsere Kühe, in einem andern stehen dicht an dem einfachen Eingangstor, der Tranca, Onkels Reitpferde.

Der Weg und unser Stückchen Land enden am breiten Bette des Aconcaguas. Im Winter eilt dieser Fluß, der nach dem höchsten Berge der chilenischen Kordilleren seinen Namen trägt und durch Schluchten und Urwald in die Täler niederbraust, in reißenden und gefährlichen Fluten dem Meere zu. Im Sommer aber versickern seine Wasser größtenteils im Sande. Dann breitet sich sein Bett wie eine freundliche Ebene zwischen unseren Feldern und den jenseitigen Berghängen aus: Wohin man blickt . . . seichte, langsam fließende Wasserarme, Rinnsale, Tümpel zwischen niedrigem Buschwerk, sumpfiges Wiesenland, öde Sandstrecken und dazwischen überall aus dem niedergelegten, fruchtbaren Schlamm üppig emporwachsendes Grün.

Und wenn die Sonne hinter den Höhen der Kordilleren untergegangen ist, wenn nur noch der mattgoldene Schein der versunkenen Tagespracht über dem einsamen Flußbett liegt, wenn die Schatten des Abends aus den Schluchten kriechen und sich über das Tal hinbreiten, wenn die Wasser so leise zwischen den dunkelnden 13 Büschen rinnen, daß man ihr Dasein nur ahnt, dann fühlt man hier erschauernd die Stille, die Gottesnähe und die Einsamkeit urweltlicher Zeiten.

 

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