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Johann Gottfried Seume: Miltiades - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleMiltiades
publisherBerlin. Gustav Hempel
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Lieber Leser!

Ich habe in dieser Arbeit versucht, ob wol etwas von dem bessern Geiste der Griechen in meine Seele übergegangen sei. Die Wahl des Gegenstandes, der ganz geschichtlich ist, rührt vielleicht von meiner Vorliebe für diese Periode und vorzüglich für die Katastrophe von Marathon her. Ich wage kein Urtheil, inwieweit mir die Unternehmung gelungen ist. Sie war mir seit einiger Zeit in meinen Mußestunden zum Bedürfniß geworden, und die Befriedigung desselben ist schon Belohnung genug. Wenn nun die Mittheilung Einigen einiges Vergnügen gewährt, so ist das meinige dadurch erhöhet. Ueber Anlage und Ausführung will ich mich weder rechtfertigen noch einlassen, da gewöhnlich Jeder seine eigenen Ansichten hat, die er nicht selten auch Andern aufzudringen sucht.

Denjenigen, denen die Geschichte dieser Zeit nicht sogleich gegenwärtig ist, bin ich zur Einleitung wol einige Bemerkungen schuldig. Es ist zu bedauern, daß der Tag von Marathon bei Diodor von Sicilien und bei Dionys von Halikarnaß verloren gegangen ist. Ein sonderbarer Zufall, wie bei Livius der Verlust der Geschichte der römischen Triumvirate, über den vielleicht psychologisch und politisch Manches vermuthet werden könnte. Die beste und fast einzige Quelle ist also Herodotus. Plutarch hat hier und da auch Manches, das gebraucht werden kann. Cornelius Nepos ist hier mehr als gewöhnlich ein sehr magerer, unordentlicher Compilator; ein Urtheil, das er sich, gegen den Patriarchen Herodotus gehalten, wol gefallen lassen muß.

In dem unglücklichen Zuge des Darius nach Thracien, wo alle ionischen kleinen Tyrannen und Republiken dem großen Könige Folge leisten mußten, war auch Miltiades, der damals in dem thracischen Chersones eine Art von Dynastie besaß, gezwungen, mit dem Strome zu gehen. Er wurde mit den übrigen kleinasiatischen Griechen zur Besetzung der Brücke über den Ister zurückgelassen und zeichnete sich schon damals durch seinen entschlossenen, republikanischen Muth aus, indem er den Vorschlag that, die Brücke zu zerstören und dadurch wahrscheinlich das ganze persische Heer zu vernichten. Die ionischen Dynasten, besonders Histiäus von Milet, verhinderten es, indem sie sehr offenherzig bemerkten, daß ihre kleinen Tyrannenschaften von der großen zu Susa abhingen und nur durch sie gesichert wären. Miltiades mußte nun vor den Persern flüchten und suchte mit seinen Landsleuten sein altes Vaterland Athen, wo seine Familie zu den ansehnlichen gehörte. Herodotus erzählt nach seiner Art weitläufig und nicht unangenehm, wie sie nach dem Chersones gekommen sei. Cornelius Nepos aber vermischt einigemal den ältern Miltiades mit unserm berühmteren. Auf seiner Fahrt nach Athen fiel ein Schiff seines Geschwaders, dessen Führer sein eigener Sohn Metiochus war, den Persern in die Hände, und Darius behandelte, theils aus natürlicher Güte, theils aus Staatsklugheit, den jungen Griechen mit ungewöhnlicher Freundlichkeit. Doch hatte Miltiades auch auf diesem Zuge das Glück, durch eine schnelle Kriegslist die Insel Lemnos für die Athener einzunehmen; ein Verdienst, das nachher seine Freunde bei dem Volke kräftig zu seiner Rettung benutzten.

Darius, der sich mit großem Verlust nach Asien zurückgezogen hatte, schickte das folgende Jahr einen der besten Feldherrn, Datis, mit einem ausgesuchten Heere gegen Griechenland, um Alles zu unterjochen, was ihm widerstehen würde. Gegen die Athener war er vorzüglich aufgebracht wegen ihres Zuges mit den Ioniern nach Sardes, wo theils durch Zufall, theils durch Unordnung und Rohheit der griechischen Soldaten der größte Theil der Stadt in Asche gelegt worden war. Die daher entstandene Anekdote: »Gedenke der Athener!« ist bekannt genug; Worte, die sich der König täglich von einem vornehmen Hausbeamten zur Erinnerung an Rache zurufen ließ. Datis landete bei Marathon, ungefähr drei Meilen von Athen, der besten Ebene der Gegend zur Unternehmung für ein so zahlreiches Heer, wie er führte. Die Bundesgenossen der Athener hatten nicht Zeit, ihnen zu Hilfe zu eilen; nur 1000 Mann der kleinen Republik Platäa, einer der bravsten und wackersten in der ganzen griechischen Geschichte, stießen zu den Athenern. Das griechische Heer machte ungefähr zehentausend Mann, die Perser werden gewöhnlich auf hundertundzwanzigtausend angegeben. Die Athener hatten nach ihrer Gewohnheit an ihrer Spitze zehen Anführer, deren einer Miltiades war. Hier entstanden nun, wie leicht zu errathen, Streitigkeiten, ob man vertheidigungsweise oder angriffsweise verfahren solle. Miltiades erklärte sich mit vielen Gründen stark für den Angriff, und der Polemarch Kallimachus, als der Elfte, entschied durch seinen Beitritt für denselben. Alle ohne Ausnahme hatten so viel Zutrauen in die Kriegswissenschaft des Miltiades, der allein den Feind schon kannte, daß sie ihm, da der Befehl nach der Reihe ging, einstimmig ihre Tage übertrugen. Er hatte die Bescheidenheit, den seinigen abzuwarten, griff sodann mit furchtbarem Nachdruck an und erfocht den Sieg, unstreitig den schönsten, den die Geschichte aufzuweisen hat. Nie haben so Wenige so Viele geschlagen, sagt Herodotus, und das gilt noch jetzt; man müßte denn die Völkerausrottungen der Spanier in Mexico und Peru, die Schande der Menschheit und des Christenthums, mit unter die Kriege setzen. Die Athener stritten merkwürdig – αξίως λόγου εμάχοντο –, sagt der alte Herodot in seiner einfachen Würde. Der Polemarch und einer der Anführer blieben und ungefähr 200 Athener; von den Persern sollen gegen 6300 gefallen sein. Die Anekdote von dem Athenischen Krieger, der gleich aus der Schlacht bewaffnet mit der Siegesnachricht zur Stadt eilte, mit den Worten: Χαίρετε, χαίρομεν! hereinstürzte und todt zu Boden fiel, erzählt Plutarch in seinem Aufsatze über den Ruhm der Athener. Aristides und Themistokles zeichneten sich bekanntlich nachher bei Salamis aus; aber Herodotus nennt sie auch hier in diesem Treffen als vorzüglich wackere Männer. Aristides gehörte hier schon unter die zehen Anführer. Der Pisistratide Hipparch war in dem Auflauf des Harmodius und Aristogiton umgekommen; der andere, Hippias, hatte sich nach vielem vergeblichen Herumirren den Persern in die Arme geworfen, war jetzt bei ihrer Armee, sollte unter persischer Hoheit wieder eingesetzt werden und kam bei Marathon um. Von dem Dichter Aeschylus erzählt sein Lebensbeschreiber, daß er in allen drei Schlachten, bei Marathon, Salamis und Platäa, mitgefochten habe. Bei Marathon zeichnete sich sein Bruder Kynägirus und bei Salamis der jüngere Amenias aus. Die Perser schifften sich nach dem Verlust der Schlacht bei Marathon schnell ein und segelten um das Vorgebirge Sunium nach Athen, um die wehrlose Stadt zu überfallen; aber Miltiades war mit dem Heere sogleich dahin geeilt, und sie fanden auch hier wieder ihren Mann. Sie zogen also zurück, ohne etwas zu wagen.

Bald darauf unternahm Miltiades den unglücklichen Zug nach den Inseln, wo er bei Paros gänzlich scheiterte. Schwer in den Schenkel verwundet, kehrte er, ohne weiter etwas gethan zu haben, nach Athen zurück. Vorher hatte der Neid sich nicht laut an ihn gewagt; aber nun wurde er von einer großen Partei des Hochverraths angeklagt und wirklich verdammt. Es waren allerdings Umstände da, die seinen Feinden Gelegenheit gaben, ihn höchst verdächtig zu machen; und dieses war den eifersüchtigen, unruhigen Republikanern genug, zumal nach der Katastrophe mit den Pisistratiden. Das Todesurtheil wurde zwar aufgehoben, und er sollte nur die fünfzig Talente bezahlen, die der Zug gekostet hatte; aber er starb im Gefängnisse an der Wunde, da er nicht bezahlen konnte. Sein Sohn Cimon blieb nach dem Gesetz für seinen Vater Gefangener und bezahlte nachher mit Unterstützung seiner Freunde. Geschichtlich strenge genommen, ist mir allerdings die Unschuld des Miltiades etwas problematisch; aber seine Strafbarkeit ist noch weniger erwiesen, und das Verfahren gegen ihn gehört unstreitig zu den republikanischen Härten, die nach ihm nur zu sehr in Unbesonnenheit ausarteten und nicht wenig zum Verderben des Staats beitrugen.

Daß der Ankläger Xanthippus ein Alkmäonide war, wird im Herodot nicht bestimmt gesagt; es geht aber, däucht mich, ziemlich deutlich aus dem Zusammenhange der Erzählung hervor. Diese Aristokraten waren schon bei Vertreibung der Pisistratiden vorzüglich thätig gewesen, standen aber auch im Verdacht, gern ihre Nachfolger werden zu wollen, wie das bei Factionen gewöhnlich zu geschehen pflegt. Daß Aristides in dem Jahre, wo man Miltiades den Criminalproceß machte, Archon Eponymus war, hat Corsini ausgerechnet, und in einem Gedicht durfte ich ihm unbedingt folgen. Aristides und Themistokles darf ich füglich als Freunde des alten Heerführers annehmen; denn Herodotus würde nicht vergessen haben, zwei schon so wichtige Männer anzuführen, wenn sie zur Gegenpartei gehört hätten. Cimon war damals zwar im Staate noch unbedeutend, ist es aber in der Handlung nicht als der Sohn des Helden, und wenn man sich ihn als den nachherigen Sieger am Eurymedon denkt. Nepos übergiebt die Vertheidigung des Miltiades dessen Bruder Tisagoras; da wir aber von diesem übrigens sehr wenig wissen, habe ich sie, ich glaube nicht gegen den Charakter, Themistokles übertragen. Herodotus nennt im Allgemeine nur dessen Freunde. Die Geschichte mit dem blinden Epizelus erzählt auch Herodotus. Im Streite bei Marathon, sagt die Anekdote, schoß vor ihm wie der Blitz eine glänzende Göttergestalt vorbei, die den Athenern kämpfen half. Epizelus ward davon blind und blieb es. Die Erscheinung ist natürlich genug. Ein warmer, vollblütiger, patriotischer Enthusiast in der Gluth des Gefechts sieht leicht Gestalten. Daß ihm der heiße Tag, der Staub, die furchtbar heftige Anstrengung das Gesicht raubte, ist wol kein Wunder bei Kaltblütigen; aber man war damals noch weniger kaltblütig als jetzt.

Demosthenes war ein ziemlich gewöhnlicher Name in Athen; und es wird nicht leicht Jemand in Gefahr kommen, meinen Demosthenes mit dem nachherigen General in Sicilien oder gar mit dem Redner zu verwechseln. Mein Kleon kann ganz leicht der Großvater des Aristophanischen Gerbers gewesen sein. Dieser hier ist ein gedichteter Charakter und untergeordneter Parteigänger. Daß ich den Gerber Kleon in Athen Bier trinken lasse, ist keine so ganz willkürliche Licenz. Herodotus sagt irgendwo, daß die Aegypter ein Getränk dieser Art gehabt haben. Aeschylus in seinen »Hiketides« läßt den Griechen in dieser Rücksicht sagen:

’Αλλ' άρσενας καὶ τη̃σδε γη̃ς οικήτορας
Ευρήσετ', ου πίνοντας εκ κριθω̃ν μέθυ.

Nun kamen bekanntlich oft ägyptische Kaufleute nach Athen, und die Schiffer lebten dort am Hafen nach ihrer Landessitte und zogen wahrscheinlich die geringere Volksclasse der Gegend nicht selten zu ihren Partien, wie jetzt die englischen Matrosen zu ihren Rumgelagen. Miltiades starb an der Entzündung seiner Wunde. Dies würde im Stück langweilig und fast ekelhaft sein, und es ist wol nicht gegen die Begriffe der Zeit, wenn ich ihn Schierling nehmen lasse. Themistokles traf nach der Erzählung nachher eine fast ähnliche Wahl. Die übrigen Abweichungen von der Geschichte sind, glaube ich, unbedeutend; und mich däucht, ich wollte meistens meine Belege aus den Alten für meine Darstellung aufbringen. Den Markt habe ich deswegen nicht zum Ort des Processes genommen, weil es doch wol vielleicht irgend einer Gesellschaft einfallen könnte, meine Arbeit auf die Bühne zu bringen; und dann würde sich eine ganze Volksversammlung, auch bei dem reichsten Personale, dürftig und ärmlich ausnehmen.

Noch etwas sei mir zu erinnern erlaubt. Der Uebersetzer des Mitford behauptet mit Bayle, Miltiades sei nach Herodotus nicht ins Gefängniß gebracht worden. Herodotus sagt allerdings nichts vom Gefängniß, er sagt aber auch nichts vom Gegentheil; daß man aber einen solchen Mann in so einer Krise dahin wird gebracht haben, geht aus der ganzen Einrichtung der Athener hervor. Alle übrigen Schriftsteller erzählen es auch mit deutlichen Worten. Aus Herodotus läßt sich weder das Eine noch das Andere beweisen; aber consequent ist, was die Uebrigen sagen. Die Stelle aus Plato's »Gorgias« beweist nicht, was sie dem Uebersetzer beweisen soll. Βάραθρον so viel ich weiß, nie das Gefängniß, sondern immer das Barathron oder irgend ein anderes Surrogat für Todesstrafe. Plato scheint mir also zu sagen: Miltiades würde umgekommen sein, wenn ihn der Archon nicht gerettet hätte. Daß er an der Wunde starb, gehört nicht mehr zum Proceß. Die angeführte Stelle aus dem Aristophanes beweiset es auch nicht. Es verweiset daselbst eine komische Person die Penia in das Barathron, welches nichts weiter ist als εις κόρακας, abeas in malam rem. Die Anmerkung des Scholiasten dazu finde ich bis jetzt nur halb wahr. Die eigentlichen Bedeutungen der Wörter kann man wol selten rein aus komischen Dichtern nehmen, die schon ihres Zwecks wegen oft Verwirrung und Doppelsinn lieben. Für das Gefängniß findet man überall die Worte δεσμοί, ειρκτή, δεσμωτήριον, φυλακή und vielleicht noch andere; βάραθρον ist mir in diesem Sinne, so viel ich mich erinnere, nicht vorgekommen. Wo es steht, drückt es immer nur die Todesstrafe aus. Auch Barthélemy in seinem »Anacharsis« folgt Bayle nicht. Da ich übrigens nur Dilettant in der griechischen Literatur bin, will ich mich gern bescheiden, wenn man mir bessere Beweise giebt, als diese sind. Daß aber die Angeklagten, wenn die Sache capital ward, ins Gefängniß gebracht wurden, geht aus der Natur hervor, und wir sehen es factisch an Sokrates, der doch für den Staat bei Weitem kein so wichtiger Gefangener war als ein Heerführer, der des Hochverraths beschuldigt, und der wirklich verdammt war. Von Miltiades bis Sokrates ist der Zeitraum nicht sehr groß, und wir wissen in demselben von keiner Veränderung in den öffentlichen Gesetzen der Republik. – Die Elfmänner – οι ένδεκα – waren magistratus minores, die auch mit die Aufsicht über die Gefängnisse hatten.

Alles Uebrige in dem Stück wird hoffentlich jedem Mann von liberaler Erziehung nicht fremd sein und meistens an dem Faden der Erzählung selbst deutlich werden.

Ich habe gethan nach Vermögen und wünsche, der Versuch sei mir nicht mißlungen. Wenn nur Einige der Besseren dabei eine Stunde nicht unangenehmer, nützlicher Beschäftigung finden, ist die Hauptabsicht schon erreicht. Leipzig, 1808.

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