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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Verfasser wird abgekanzelt und ersucht den Leser, sich seinen Teil davon zu nehmen

»Dem kann geholfen werden,« hatte Adolf gesagt, ohne auf seine Worte achtzugeben, denn fortwährend beschäftigten ihn die geheimnisvollen Laute, die sich den Weg durch die Ritzen des Gewölbes bahnten:

»Messieurs, faites le jeu!«

»Le jeu est fait.«

»Rien ne vas plus.«

»L'or va au rouleau.«

»Moitié à la masse!«

»Dix louis au billet.«

»Trois-quarante!«

»Un! un après! La carte est noire!«

»Rouge gagne et couleur!«

»Rouge perd, la couleur gagne!«

»Onze, noir, impair et manque!«

»Trente-six, rouge, pair et passe!«

»Aux quatre premiers, s'il vous plaît!«

»A cheval neuf à douze!«

»Transversale, treize à dix-huit!«

»Zéro!« Die französischen Spielausdrücke, welche die Angestellten der Bank (Croupiers) ausrufen. »Ihre Einsätze!« – »Fertig!« – »Jetzt gibt's nichts mehr!« – »Rot verliert, Farbe gewinnt!« – u. s. w. Diese Dinge werden später noch genauer behandelt.

Und zwischen dem allen hindurch hörte man das Rollen von Geldstücken, das raschelnde Bewegen von Kassenscheinen. Manchmal auch, aber selten, das Zanken von Spielern.

Ich konnte nicht länger schweigen, und ohne auf die Rückkehr der ausgesandten Boten zu warten, rief ich:

»Meister, du hörst das Echo der Bank zu Wiesbaden. Da wird gespielt – man nennt das Spiel, o Götter! Ist ein spöttischer ludus a non ludendo denkbar? Da wird gewonnen und verloren, da wird turniert zwischen Leichtsinn und Mut, zwischen Leidenschaft und Kaltblütigkeit, zwischen Verzweiflung und Hoffnung! Da ist einer der schärfsten Brennpunkte des grausamen Kampfes ums Dasein, den wir arme Menschen den Würmern, Atomen und Sonnensystemen nachkämpfen müssen. Dort, Meister ... ich kämpfte lieber mit auf diesem Kampfplatz, als auf meine alten Tage in Korken, Roggenkaffee oder Versicherungswesen zu schachern. Meister, ich bitte dich, mich durch deine Gnomen in der Wahrscheinlichkeitsrechnung unterweisen zu lassen.«

»Dem kann geholfen werden,« sagte Adolf noch einmal, und diesmal ohne Zerstreutheit. »Klaubauter %, laß ein paar Erzblöcke bringen und setze sie in Ordnung. Es ist heute abend große Sitzung. Sorge für Sicherheitslampen und Zuckerwasser für die Redner.«

Dann wandte er sich wieder zu mir und fragte:

»Was brachte dich zu der Ansicht, daß meine Klabautermännchen etwas von der Wahrscheinlichkeitsrechnung verstehen?«

» Fancy hat mich hier hereingeworfen. Sie mag's verantworten, warum!«

»Sie ist schon verantwortet! Zwischen Phantasie und Verstand herrscht eine Art Übereinstimmung, von der ihr Menschlein euch selten Rechenschaft gebt, wenn ihr auch etwas von der Sache zu ahnen scheint, da ihr oft – und das ist der zweite Fehler – Vorstellung und Urteil verwechselt. Man befaßt sich da über uns fortwährend mit der allzu gut geglückten Auflösung des Problems: wie man gleichzeitig auf zweierlei Art irren kann, und das hat euch zu der törichten Ansicht geführt – euer dritter Fehler: daß man sich auf den rechten Weg zurückfinden könne, wenn man den Mittelweg zwischen diesen Irrtümern wähle. Darüber vielleicht später, wenn du nach der Sitzung heute abend noch ein wenig hier bleibst. Ist das deine Absicht?«

»Ich muß durchaus hinauf. Der Portier wird ungeduldig werden, und außerdem warten die Leser auf meine Millionen-Studien ...«

»Das letzte mag mehr sein. Du hast wohl etwas Anspruch auf Interesse, und wäre es bloß um den Titel allein, der gut gewählt ist ... um die Studien nicht, aber um die Millionen. Was den Portier angeht, der sitzt in der Schenke unten im Dorf und prahlt von Koniggrätz und Sadowa ...«

»Aber Staccata?«

»Die schimpft gerade auf die Magd wegen eines zerbrochenen Schnapsgläschens, und findet nun ihrerseits solche Ungeschicklichkeit zu kolossal! Du hörst, sie schwatzt dem Studenten nach. Das hättest du nicht gedacht! Überhaupt hast du das ordinäre Ding für interessanter angesehen, als sie wirklich ist ... dein üblicher Fehler. Der Grund ist, daß du ihre Person verwechselt hast mit den Gefühlen, die dich bewegten, als du sie im Jahre 56 zum erstenmal sahst ...«

»Ich will's nicht wieder tun.«

»Das kannst du nicht versprechen. Was du selbst einmal über politisches Gleichgewicht gesagt hast, In den »Minnebriefen.« paßt ganz genau auf das Schwanken der verschiedenen Geisteswerkzeuge. Vollkommene Ruhe ist undenkbar ... und wäre auch ebenso wenig zu wünschen als jeder andere Stillstand. Stillstehen, sich nicht bewegen, ist ein fehlerhaftes Verkennen des Seins, das in Bewegung besteht. Was sich nicht bewegt, ist tot ... nein: ist nicht! Das ist noch weniger als tot. Verstehst du?«

»Ungefähr. Aber ich weiß nicht, ob meine Leser ...«

»Das geht mich nichts an, und ich gebe dir den Rat, danach nie zu fragen. Sage und schreibe, was dir wahr zu sein scheint, trachte so deutlich wie möglich zu überliefern, was Fancy dich hören ließ, und das Weitere überlaß der Zukunft. Es ist viel Aussicht, daß man da oben endlich einmal lesen lernt. Noch ein paar Generationen ...«

»Meister, so lange kann ich nicht warten!«

»Warum denn nicht? Ist es dir um Beifall zu tun? Das würde mich ärgern. Ich erinnere mich, daß ich zu meiner Zeit auch so menschlich ungeduldig war, aber nach meinem Tode fand ich es dumm. Auch ich wollte sofort ernten, und ich säte deshalb lodderiger als ich getan hätte, wenn ich etwas weiter voraus gesehen hätte. Du hast keine Ahnung, wie schnell die Geschlechter aufeinander folgen, wenn man erst gut und schön unter der Erde sitzt. Eine Mutter denkt himmelweit von ihrem Säugling entfernt zu stehen, und ein paar Jahrhunderte später verwechselt der Geschichtschreiber schon Großvater und Enkel. In gewissem Abstand schmelzen alle Ramsesse ineinander, und ich habe gemerkt, daß in euren Geschichtsbüchern ganze Dynastien durcheinander gequirlt sind. Aber denke nicht, daß wir unter der Erde euch solche Irrtümer krumm nehmen. Wahrhaftig nicht! Ach, es kommt so wenig darauf an. Von größerer Wichtigkeit ist, daß ihr so unachtsam mit jener anderen Geschichte umgeht, mit der Geschichte euerer eigenen Entwicklung. Alle eure Genesisse sind kein Ortje wert – vielleicht hätte ich sagen sollen: keinen Kreuzer, Heller, Batzen oder Pfennig, weil ich ein Deutscher gewesen bin ... du siehst, Nationalität geht hier unter der Erde ganz nach dem Monde. Eure Schöpfungen taugen nichts, hauptsächlich weil, wohl besehen, niemals etwas geschaffen wird, oder – wenn euch das angenehm ist, weil das Schaffen immer fortdauert. Es geht hierin wie mit der Liebesdevise: ni jamais ni toujours – nicht nie und nicht immer! Bloß durch ein umgekehrtes Opernglas angesehen. Geschaffen wurde nie oder ... immer. Holla, hei heda

Die Erdmännchen erschienen auf den Ruf des Meisters.

»Ist Naphtha genug da? Wird gehörig am Salpeter gearbeitet? Wer sorgt für Kohle? Meisterknecht, laß dir die Proben vorlegen, und sieh einmal nach, ob dauernd hervorgebracht wird, was als notwendige Folge früherer Arbeit fabriziert werden muß

Der Meisterknecht zog seine Schultern in die Höhe, als wollte er sagen: Mich an meine Pflicht zu erinnern! Wie menschlich! Man sieht wohl, daß der Meister noch nicht lange tot ist.

»Er hat recht,« sagte Adolf. »Es war dumm von mir, Logos, der mehr von der Sache versteht als ich, solche Befehle zu geben. Ich tat es auch nur, damit du begriffest, daß zwischen dem umgekehrten Liebesspruch und meinen Befehlen ein Doppelpunkt stehen muß. Logos begeht solche Überflüssigkeiten nicht. Wer für Interpunktion kein Verständnis hat, soll ruhig ohne so etwas bleiben. Diese Gleichgültigkeit ist wohl eine Folge seiner langen Dienstzeit. Seine Aufseherschaft datiert vom Anfang Ev. Johannes 1, 1: Im Anfang war »das Wort.« Das dort stehende griechische »Logos« (Wort, Verstand, Geist ...) hat zahlreiche Deutungen erfahren. Hier tritt Logos als Weltgeist, Urlogik auf. her, d. h. er stand immer an der Spitze des Geschäfts ...«

Und doch würde eine Medaille »für zwölfjährige Dienstzeit« dem ehrlichen Logos schlecht gestanden haben, denn er war jung und kräftig, und selbst sein nie gewechseltes Kleid zeigte nicht die mindeste Spur von Abnutzung. Kein Lehrling sah so frisch aus wie er.

»Unter uns gesagt,« flüsterte Adolf mir ins Ohr, » er ist eigentlich hier der Mann, auf den es ankommt, und ich stände schlecht da, wenn er plötzlich seine Entlassung nähme. Aber das tut er nicht, das kann er nicht, denn er ist an dem Geschäft beteiligt ...«

»Erbschaft?«

»Nein, aus eigenem Recht. Ohne ihn wäre die ganze Fabrik ...«

»Nicht gegründet?«

»Falsch!«

»Nicht geworden, was sie ist?«

»Halb wahr, also auch falsch. Nein, ohne ihn wäre die Fabrik nicht, denn er ist die Sache. Das hat schon auf Patmos einer erkannt, der übrigens – zu meinem Leidenswesen muß ich das sagen – seinen Verstand durch seine Phantasie zu sehr in Schwingungen versetzen ließ. Das erste Wort, das der arme Johannes zu der Welt sprach, war wahr, und von tieferen Sinne, als die meisten verstanden, die ihn zu einem Heiligen machten. Es wäre zu wünschen, daß viele, deren Urteil etwas weniger als das seine von überwiegender Phantasieschwäche – ihr Menschen nennt es Kraft, denke ich – zu leiden hat, dem braven Logos so ritterlich die Ehre gäben, die ihm zukommt. Da wäre viel unnützer Streit überflüssig geworden ...«

»Indessen,« fuhr Adolf fort, »ich bin dir noch die Erklärung schuldig, warum deine Hoffnung, daß hier unten etwas von der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu lernen wäre, unbewußt begründet ist. Fancy hat vollkommen recht, daß deine Phantasie da weiter vordringen wird als dein Verstand. Ihr Menschen seid weniger dumm, als ihr selber wißt ...«

Ich stand auf und verbeugte mich.

»Meister, gibst du mir die Erlaubnis, dies Kompliment meinen Lesern weiter zu geben?«

»Ach ja, wenn du meinst, daß es ihnen angenehm sein wird, und sage ihnen dazu, daß das sie nur noch verächtlicher macht.«

Ich setzte mich wieder.

»Verächtlicher! Denn nicht wissen, dumm sein, wenig verstehen, wäre eher zu verzeihen, als fortwährend wohl begreifen, wohl wissen, und doch anders handeln. Du selbst wirst heute abend wenig oder nichts hören, was dir nicht bekannt wäre, oder wovon du dir die Kenntnis nicht über der Erde hättest verschaffen können. Die meisten von euch wissen für ihren Bedarf genug. Der Fehler ist, daß ihr meistens das Bekannte verkehrt anwendet, und euch dabei gewöhnlich von Eindrücken leiten laßt, die mit Wissen nichts zu tun haben. Interesse, Leidenschaft, Eigensinn, Gewohnheit, Menschenfurcht ... nun das letzte ist das albernste von allem, und wohl ein Beweis, daß ihr euch da oben gegenseitig mehr Ehre zubilligt, als euch zukommt. Wie kann ein Mensch, der doch aus Erfahrung weiß, was Leibschmerz und falsches Urteil ist ... wie kann er sich vor anderen Geschöpfen fürchten, die genau so wie er selbst an falschen Urteilen und an Leibschmerz leiden? Weder eure Tugenden noch eure Fehler sind der Furcht wert. Keiner eurer Triebe ist fest gegen einen unerwarteten Nadelstich in den Schenkel. Versuche es einmal, wenn du einen siehst, der verliebt ist oder einen Mord begehen will. Mit ein paar Theelöffeln Glaubersalz, zur rechten Zeit eingegeben, verändert man die ganze Weltgeschichte, und ohne den guten Wein, an dem Alexander zu Persepolis draufging, hätten die Römer wahrlich solche Rolle nicht gespielt ...«

Adolf verbreitete sich noch weiter über all die Dinge, die anders gekommen waren, wenn diese oder jene Kleinigkeit anders gewesen wäre. Ich bin so frei, ihm ins Wort zu fallen mit der Bemerkung, daß die Nichtigkeiten, die große Folgen haben, eben darum keine Nichtigkeiten find, und daß ein weltgeschichte-verändernder Nadelstich für uns mehr Interesse hat, als die Unregelmäßigkeit der Deklination einer Weltsonne, wenn die Folgen eines so wahnsinnigen Betragens uns unbekannt blieben.

Wahrscheinlich, um sich wegen der Nichtigkeit meiner Bemerkung zu rächen – der Meister war noch nicht lange genug tot, um aller Eitelkeit lebewohl gesagt zu haben ... ich lebe überhaupt noch, leider! – begann er gegen die von mir angenommene Möglichkeit einer Ausnahme loszuwettern.

»Gib um Gottes willen acht, daß Logos dich nicht hört! Bei solch einer Behauptung würde er Leibschmerzen bekommen. Alles, was ist, muß sein, und alles was sein muß, ist. Darauf kannst du dich verlassen. Die allerordinärste Centralsonne tut ihre Pflicht, und was ihr Abweichung nennen möchtet, ist die alte unabänderliche unausweichliche Norm. Rechthaberei ... ja! Ich zählte die eben unter den anderen Troßbuben auf, die wie mißgünstige Schulkameraden die Resultate von der Tafel wischen, die euer Verstand ganz nett ausgerechnet hat. Noch einmal, ihr Menschen seid weniger dumm, als ihr selber wißt, und Fancy hoffte, daß für euch bei meinen Burschen etwas zu lernen sein würde, weil diese bei ihrem Begräbnis diesen ganzen heerverderbenden Schwanz von Troßknechten hinter sich ließen. Im Tode liegt etwas Nüchternes, an das ihr euch nur nicht gewöhnen könnt. Tausend Nebendinge ziehen eure Aufmerksamkeit von der Hauptsache ab. Ihr seid wie Kinder, denen man Äpfel zu zählen gibt. Statt zu zählen, naschen sie das Obst auf. Habe ich auch die Sucht nach Geistreichigkeit unter den Dingen genannt, die den Verstand schädigen?«

»Nein, Meister, aber es ist noch Zeit dazu.«

»Also, ich gönne mir die Zeit. Du hast selber manchen Apfel aufgegessen, der dir zu zählen gegeben war. Warum sagtest du, daß die Preußen die steinernen Puppen auf Schloß Bieberich entzweigeschlagen haben?«

»Meister, ich sah, daß die Steinbilder trostlos aussahen ...«

»Stimmt. Und da hatten es nach dir, mir nichts, dir nichts, die Preußen getan, weil dir die Redensart so paßte. Nun, es ist nicht wahr. Solche Schreiberkünste bringen viel Irrtum in die Welt. Die Ritter meiner Zeit führten auch viel Verkehrtes aus, aber sie schrieben nicht. Und daß sie oftmals ... die Unwahrheiten sagten, gebe ich zu, aber sie ließen solche Dinge nicht drucken. Laß deine Lügen beiseite ...«

Leser, das tue ich hiermit.

»Vielleicht,« fuhr Adolf fort, »vielleicht, daß ich dann die Strafe Beim ersten Abdruck der Millionen-Studien in »Het Noorden« war ein Druckfehler vorgekommen, der Dekker sehr amüsierte. Vgl. S. 31. mildere, die der Schriftsetzer über dich verhängt hat ...«

»Welche Strafe? ich weiß von nichts!«

»So? hast du nicht gemerkt, daß er dich neulich durch Bismarck aufknüpfen ließ? Es tut mir leid, denn ich bin dir wohl gewogen ...«

Ich wußte wahrhaftig nicht, welchem Umstande ich diese freundliche Stimmung des alten Kaisers zu danken hatte. Und ich äußerte mich über diese Unwissenheit.

»Erinnerst du dich der Nacht ...«

Und er nannte ein Datum, das ich vergessen habe, aber die Jahreszahl war 1866.

»Nein, Meister!«

»Ich aber! Trotz deiner Fehler habe ich ein freundschaftliches Gefühl für dich ... und ich hatte es lange, ehe es Fancy in den Sinn kam, dich in dies Loch zu werfen. Es war sehr nett von dir. Ich meine die Geschichte mit jenem Pfahl ... blau und Gold ... denk' mal nach. Übrigens muß ich zugeben, aus Sentimentalität mache ich mir nichts.«

»Aber Meister, welcher Sentimentalität habe ich mich in dieser Nacht schuldig gemacht? Und ein Pfahl? Blau und Gold. Ich begreife nichts davon.«

» Fancy wird dich schon erinnern, wenn es ihr gelegen kommt. Aber denke nicht, daß ich dir darum oder um anderer Gefühlsduseleien wegen – Unsinn! – deine Schreiberfehler verzeihe! Was brauchst du zu schreiben, wenn du keine Wahrheit schreibst! Mauere lieber, oder ... mach' Eisen wie wir. Dabei gibt es keine Lügen. Logos würde es nicht leiden. Was ist, ist, ... und was ihr Menschlein redet oder schreibt, ist manchmal nicht. Du denkst vielleicht, es kommt nicht darauf an, ob die Preußen die Bilder zu Bieberich entzweigeschlagen haben. Falsch! Sie haben keinen Anteil an der Ehre – relativen Ehre, ja! – die in solchem Vandalismus läge.«

»Ehre?«

»Ich weiß, was ich sage. Siehst du mich für einen Schreiber an? Du hast ja selber das Stück von Andrieux übersetzt, das mit den Worten endet:

Sieh, 'ne Landschaft wird gestohlen,
Eine Mühle wird geschont ... Anspielung auf Friedrich den Großen, der Schlesien nahm, die Mühle neben Sanssouci aber duldete.

Meinst du, daß so ein Schonen von Mühlen schön ist? Kein Gedanke. Sei, was du bist, König, Dieb, Annektierer ... sei Schreiber ins Himmels Namen, wenn es sein muß, aber noch einmal: sei, was du bist! Das Wegnehmen von ganzen Ländern, verzuckert mit der Schonung von ein paar Steinfiguren, ist schlimmer als Raub. Es ist Heuchelei. Ich will damit nicht sagen, daß jeder, der nun Figuren oder Steine in Stücke schlägt, kein Heuchler ist. Weißt du, warum die preußischen Soldaten die Figuren nicht versehrten?«

»Das ist schwer zu sagen, Meister.«

»Gar nicht. Sie konnten nicht heran, weil die Figuren auf dem Dache des Schlosses standen, in das sie nicht hinein durften.«

»Nicht durften! Sie, die das ganze Land nahmen?«

»Sie durften nicht. Darin steckt gerade die Heuchelei, die ich so übel nahm. Mein tapferer Nachneffe und Namensvetter focht sehr aus der Entfernung. Er verteidigte sein Ländchen ... per Telegraph, glaube ich. Seine Frau, die Herzogin, blieb zu Bieberich, mit etwas wie ... Mut. Unter uns, sie wußte, daß man ihr nichts tun würde, und konnte sich also ohne Gefahr wie eine Art Deborah aufspielen, die den Heerscharen des Feindes trotzt. Der Feind war ... von der Familie des Mannes, der so gütig mit Mühlen verfuhr. Er kannte das Kunststück: ein Ragout von fortiter und suaviter. Na, sehr milde war es ja nicht, aber es sah doch so aus, und um den Schein ist es bei solchen Gelegenheiten zu tun. Meine Nachnichte wurde nicht gerädert. Im Gegenteil, sie bekam eine preußische Ehrenwache, deren Sold nicht einmal auf das Budget von Nassau gesetzt wurde. Ja, später doch, aber das bezahlten die Nassauer nicht, weil sie dann keine Nassauer mehr waren. Statt die tapfere Frau zum Schlosse hinauszujagen, – solche Dummheiten beging man in den Zeiten der heiligen Elisabeth von Ungarn und der Genoveva – verbot man ihr sogar, wegzugehen, es sei denn, daß sie versprach, recht weit zu gehen. Den Verkehr mit den Einwohnern von Bieberich schien man für ihre Moralität gefährlich zu finden – du weißt, alle diese Rheinorte sind voll von Bierkneipen und Weinwirtschaften – wenigstens hinderte man sie auszugehen. Sie, ihrerseits dickköpfig, ging nicht einmal im Schloßgarten spazieren, was sie gedurft hätte, vorausgesetzt, daß sie sich nach den angeklebten Polizeiverordnungen betrug: keine Blumen abpflücken, keine Hunde mitbringen, nicht rauchen, überhaupt keinen Unfug treiben. Was nun dem einen als Unfug erscheint, kann für den anderen Tugend sein ... über solche Meinungsunterschiede ist immer viel Streit gewesen. Es macht auch viel aus, ob man etwas selber tut, oder ob man sieht, daß es ein anderer verrichtet. Vielleicht hätten die preußischen Tugendwächter scheel gesehen, wenn meine Nichte ihren zukünftig gewesenen Untertanen die Hand durch die Gitter zum Kusse hingehalten hätte. Sie selber hätte das hübsch gefunden, wenn ich auch nicht sagen kann, daß sie es oft tat, als sie es noch hundertmal am Tage tun konnte. Sie ließ es nun aus Trotz, und früher ... du kennst doch den Schloßgarten?«

»O, sehr gut.«

»So? Sage mir doch einmal, warum meine Nichte nie da spazieren ging, als sie noch regierende Herzogin war?«

»Wegen der Mücken?«

»Nein.«

»Weil sie das Publikum nicht sehen mochte?«

»Auch nicht. Es sind genug Gänge mit ›Verbotener Weg‹, wo man vor dem Publikum sicher ist. Dein Gutkennen dieses Gartens ist auch so eine Schriftsteller-Redensart. Warum lügst du nicht gleich: ich kenne ihn perfekt ... ein Wort, das die Menschlein nie gebrauchen sollten. Du also, der den Bieberichschen Garten so gut kennst, was sagst du zu dem gehenkten Manne?«

»Ein gehenkter Mann? In diesem Garten?«

»Gewiß! Siehst du wohl, Schriftsteller, daß du sehr unaufmerksam bist? Da hängt ein Mann an einem Baum, oder lieber ein Gerippe, denn die Person ist jetzt hier, bei uns ... er arbeitet am Steinsalz. Nun, das Gespenst hast du also nicht gesehen. Sage also nicht, daß du den Garten kennst. Bitte Fancy, doch einmal gelegentlich zu erzählen, was das Gerippe an dem Baum bedeutet ... nein, in dem Baum, oder gegenüber ... so ist es. Nun also! Herzogin Adelheid fürchtete sich davor, und darum mied sie den Garten, lange ehe sie aus Eigensinn gegen die preußische Erlaubnis wegblieb ...

Die Preußen also marterten sie gerade genug, um an der Marter ihren Spaß zu haben, ohne ihr das Vergnügen zu gönnen, sich als Märtyrerin aufspielen zu dürfen. Sie aß kein Butterbrot deswegen weniger, weil sie nicht mehr Herzogin war. Das ist bei viel entthronten Fürsten so. Sie gleichen darin den großen Bankerotteuren, die gewöhnlich noch ganz gut existieren nach einem Accord von 15 Prozent. Adelheid bekam frische Wäsche, so viel sie begehrte. Daß sie sich nichts Gutes antun wollte, war ihre eigene Wahl. Vielleicht fand sie es pikant, die Sache Isabellen-artig aufzunehmen.

Aber denkst du etwa, daß die Preußen ihr aus Menschenliebe Kost und Wohnung gaben? Oder daß man die Bilder aus Kunstsinn schonte? Den Teufel auch! Kein Soldat durfte einen Fuß ins Haus setzen oder gar die Treppen erklettern, die nach den Zimmern führten, auf denen sich die Puppen langweilten. Denkst du, daß etwa ein Feldwebel einmal, aus Irrtum natürlich, die Schlafkammer meiner Nichte mit seinen Nagelschuhen und dergleichen entweiht hätte ... pfui!

Nein, nein, nichts davon! Die Soldateska begnügte sich mit einer immerhin starken Leibwache in der Veranda und ein paar Patrouillen. Sonst keine Spur von Beschränkung, oder besser gesagt, Beschränkung wohl, aber keinen Schein davon. Den Schein wahren, wird man gesagt haben. Da wohnt eine Strohwitwe – das glaube ich wohl, sie hatten ja ihren Mann selber weggejagt – wir wollen uns wie civilisierte Menschen anstellen. Das macht sich gut.

Und ... weißt du, noch eins: heute mir, morgen dir. Vielleicht dachten die preußischen Feldwebel, sie könnten auch einmal ihre Lustgärten ... aus der Entfernung schützen müssen. Mir ist es an meiner Wiege auch nicht gesungen worden, daß einmal einer meiner Nachkommen sollte eine Erlaubnis brauchen von einem ... wie heißen sie doch?«

»Hohenzollern.«

»Ja. Ich kann diese Namen schlecht behalten – die Fürstenhäuser aus meiner Zeit kenne ich ganz genau ... also daß ein Nassauer oder eine Nassauerin die Erlaubnis eines Hohenzollern brauchen sollte, um in ihrem Garten spazieren zu gehen. Und das kann einem preußischen Feldwebel auch zustoßen, verstehst du, wenn er nur lange genug lebt. Um für die Zeit ihre eigenen Puppen und Frauen heil zu behalten, haben sie meine Nichte nicht gerädert und die steinernen Figuren geschont.«

Ich gestehe zu, daß ich an den historisch-philosophischen Auslassungen meines interessanten Wirtes Geschmack bekam. Aber zugleich verlangte mich nach der Abendsitzung, in der ich etwas von den Millionen erfahren sollte, die ich durchaus brauchte. Auch kitzelte mich die Neugier nach jenem Pfahl, dieser Nachtsentimentalität – Ursachen seiner Geneigtheit mir gegenüber, hatte er gesagt – und nach jenem Skelett, an, in, gegenüber dem Baume, das ich hätte sehen sollen.

Ich nickte also auf eine Art, die so etwa »Ja, gewiß« bedeuten sollte, worin aber gleichzeitig ein gewisser Ausdruck der Ungeduld gelegen haben wird. Er wenigstens antwortete:

»Jetzt bist du nun gerade wie ein Leser – das ist noch schlimmer als ein Schriftsteller. Meinst du wirklich, daß ich, Inhaber der Medaille für zwölfjährigen Wählerdienst, ich, der da oben auf der Kruste unseres Balles Graf war und hier unten Meister geworden bin, denkst du, daß ich hier sechshundert Jahre unter der Erdoberfläche gesessen habe, um meine Erzählungen nach der Laune des ersten besten einzurichten, der ... mir hereinschneit?«

Er sprach wie ein Buch, das von mir gelesen wurde ... ein Feuilleton vielleicht.

»Ach nein, Meister, ich bitte um Entschuldigung ...«

»Gut. Bedenke, daß du kein Kaiser bist, kein Prinz, und sei höflich gegen einen Meister, der Geister kommandiert. Wenn du es auf der Welt ... oder in ihr ... so weit gebracht hast, wie ich, dann werde ich mir vielleicht deine Wahl in Gesprächen genauer ansehen. Bis dahin ... übrigens, hast du Lust, gut sprechen zu lernen?«

»Ach so gern, so gern!«

»Nun, dann höre gut zu, und paß auf, wenn ich spreche.«

Ein sonderbarer Kerl, dieser unterirdische Kaiser!

Mit einer höflichen Verbeugung versprach ich schweigend, was er verlangte. Und er fuhr fort:

»Dieses Halbmartern, dieses Beinahe-Totzwacken, dieser anständige Anstrich der Brutalität, das ärgert mich. Zu meiner Zeit schlug der eine den anderen tot, das ist wahr, und waren die Mittelchen auch manchmal nicht sehr ehrlich, die man anwendete, um immer der eine und so selten wie möglich der andere zu sein, das Totschlagen reimte doch besser auf das, was vorausging und folgte. Und, lerne das von mir: Reim ist – außer in Versen – die schönste Sache der Welt. Was gut reimt, ist gut. Freundlich reden und grob handeln, ist moralisch-ungereimt, ist schlecht. Kamele verschlucken – ich weiß nicht, ob gegenwärtig solche Tiere im Nassauischen sind ... zu meiner Zeit nicht – Kamele durchlassen und Mücken aussieben – davon gibt es genug im Biebricher Garten ... nun, es ist egal – glaube mir, das reimt nicht! Und darum behaupte ich, die Preußen hätten besser getan, diese Figuren forsch hinabzuwerfen.«

»Ich verstehe jetzt etwas davon, Meister.«

»Ich glaube im Gegenteil, daß du immer noch nichts davon verstehst. Ich wette einen Centner Eisen gegen einen preußischen Silbergroschen ... sage mal, ist es wahr, daß sie kürzlich in Berlin einen Chemiker gehenkt haben?«

»Ich habe nichts davon gehört ... es kann wohl sein, denn der Norddeutsche Bund ist für Beibehaltung der Todesstrafe.«

»Das stimmt. Dein Schriftsetzer hat Aussichten, wenn er nach Berlin gehen will. Aber sie werden da doch nicht jeden henken? Und jenen Chemiker ...«

»Was hat er getan?«

»Man erzählt hier, daß er wegen Verleumdung hingerichtet ist, weil er behauptete, nach Jahren Suchens – es ist wirklich eine niedrige Verleumdung – Silber in einem preußischen Groschen gefunden zu haben. Indessen ... laß ihn hängen, wenn er hängt. Vielleicht sehen wir ihn noch hier. Na, ich wette also ein Schiff voll Eisen gegen solch einen silberlosen Silbergroschen, daß du jetzt noch nicht weißt, was am allerwenigsten sich auf den Respekt vor jenen Statuen reimt?«

Ich biß verlegen auf meinen Zeigefinger.

»Behalte deinen Silbergroschen nur« – ein Glück! ich hatte keinen – »du hättest ihn verloren. Willst du, wenn du nachher hinaufgehst, ein bißchen Eisen mitnehmen, gut! Wir sind hier nicht knauserig. Was du tragen kannst, kannst du haben ... wenn du nur mit Logos einig bist. Also, du hast wieder nicht auf ein viel größeres Kamel geachtet, das sehr ungereimt verschluckt wurde. Du hast wieder nicht bemerkt ...«

Lieber Himmel, dachte ich, hätte ich nun wieder ein Skelett über dem Kopfe sehen sollen?

Wahrhaftig, es war so. Und diesmal eine ganze Sammlung von Skeletten.

»Du hast nicht einmal geachtet auf alle die Gerippe, die dort die Erde bei Königgrätz schänden! Pfui! pfui, bist du ein Schriftsteller? Ein Anfänger bist du, ein Rekrut! Erst ein paar Jahre forschen, denken! Übe, und warte noch so etwa ein Jahrhundert, ehe du dich als Pfadfinder auftust ...«

Leser, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich mache mir nichts aus dir. Aber ich wünsche dich doch nicht an die Stelle meines armen Zeigefingers!

Adolf sah vielleicht, daß ich sehr verlegen war, und mit einer Art von Mitleid – vielleicht dachte er an die so sonderbar empfehlende Pfahlgeschichte – holte er mich wieder aus der Wand heraus, in die ich mich gedrückt hatte.

»Bleibe nur sitzen,« sagte er, »und verdirb mir die Vorhänge nicht. Ich will dich nicht sogleich ganz und gar verdammen. Es kann noch immer etwas Vernünftiges aus dir werden. Beiß nur viel auf die Finger ... das ist nützlich. Lerne denken

»Ich will mein Bestes tun.«

»Ganz wohl! Und trachte dich deutlich auszudrücken.«

»Ich will mein Bestes tun.«

»Ganz wohl! Es ist deine eigene Schuld, wenn man dich nicht versteht ...«

Ich sehe den Leser wachsen!

»Du vergißt zu oft, daß das Publikum erzdumm ist ...«

Der Leser schrumpft wieder zusammen.

»Die Menschen wollen zwar das Gute!«

Wachse!

»Aber diese verdammten Trainbuben machten sie verächtlicher ...«

Schrumpfe!

»Verächtlicher als sie wären, wenn das Gute in ihnen ...«

Wachse!

»... nicht verdorben würde durch das Pack. Das Ergebnis ist, daß sie ...«

Hier lasse ich einige Zeilen des Gesprächs mit Adolf unausgefüllt, weil ich mich nicht genau des Schlusses seiner Menschenbeurteilung erinnere, und deshalb nicht weiß, ob ich mir zum Schlusse meine Lehrer als Riesen oder als Zwerge vorstellen soll. Wer am liebsten gerade so bleibt, wie er ist, kann es auch tun, meinetwegen!

»Jedenfalls,« fuhr Adolf fort, »es ist deine Pflicht, verstanden zu werden ...«

»Wenn ich unter der Erde bin?«

»Ja! Bist du damit nicht zufrieden? Was verlangst du mehr? Sieh meine Kobolde an? Sehen sie nicht ganz flott aus? Und wolltest du besser sein als ein unschuldig Körnchen? Hast du je eine Eichel klagen hören, weil man sie begrub? Willst du Aussaat, Keim, Blüte, Frucht ... alles zugleich? Gib acht, daß Logos dich nicht hört ... der täte dich abkapiteln! Der ist viel strenger als ich, mußt du wissen. Auch ist er dir weniger wohl gesinnt ... wegen des Pfahls, denn er ist kein Nassauer. Aber so weit geht meine Freundschaft auch nicht, daß ich dir es vergeben sollte, wenn du weniger wärst als eine Eichel. Wisse zu sterben, dann wirst du leben! Laß dich begraben, dann wirst du auferstehen! Lerne verwesen ... das ist der Weg zur Blüte!«

Mein eigentümlicher Meister schwieg einen Augenblick, und ich strengte mich an, um zu verstehen, was er gesagt hatte.

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