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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Unter dem Erdboden.

War es Sir Josua Reynolds oder ein anderer, der beim Besuch des Tower nichts so interessant fand als die eine geschlossene Tür, hinter der etwas Geheimnisvolles oder ... nichts verborgen schien?

Nichts! O, unbegrenztes Feld für die Phantasie des Künstlers!

Jeder denkbare Raum hat für uns arme kleine dumme Menschen eine Grenze, weil wir nicht gelernt haben, Raum anders als durch Grenzen zu bestimmen.

Das Nichts ist, selbst für unsere Begriffe, unendlich. In den Tiefen des Nichtseins findet die Laune des Künstlers Platz, um nach Herzensluft umher zu galoppieren.

O der Beruf, die Wollust, die Leere mit den Kindern seiner Phantasie, seines Genies zu bevölkern!

Die endlose Wüste ist die Domäne, das rechtlich eroberte Königreich des Dichters, der das Unsichtbare sieht, das Unfühlbare wahrnimmt, das Schweigen versteht.

Und Reynolds füllte, auf seiner Leinwand schaffend, den Raum, der hinter der ungeöffneten Tür war und sein konnte, mit den Gespenstern der abgestorbenen Könige von England.

Es macht nichts aus, ob er sich irrte. Es macht nichts, ob vielleicht die Tür nur einen Winkel abschloß, in dem der frühere Türhüter abgedanktes Gerümpel unterbrachte. Die ernsten, flüsternden, bleichen, schwebenden Gestalten, die Reynolds auf seinem Bilde zum Vorschein brachte, waren durch ihn geschaffen, gehörten ihm ... ihm, der sie aus nichts geschaffen hatte, dem Bevölkerer des ungesehenen Raumes.

Ich gebe zu, daß ich an das alles nicht dachte, als ich nach einigen Minuten Verweilens auf der Plattform mich anschickte, den Turm zu verlassen. Aber gerade als ich, zum ersten Stockwerk zurückgekehrt, meinen Fuß auf eine der angeklebten Stufen setzen wollte, rief Fancy mich zurück. Sie hob die Falltür – schneller als der Portier – zeigte mit der einen Hand in die finstere Tiefe, faßte mich mit der anderen forsch an – und warf mich hinein.

In dieser Tiefe, o interessierter Leser, machte ich den Anfang mit den »Millionen-Studien,« deren Ergebnisse ich mitteilen will.

Wie der Schnellzug, der die Zwischenstationen mit vornehmer Verachtung durcheilt, hielt ich mich nicht mit dem Boden des Loches auf. Wenn da vielleicht einer saß und auf Reisegelegenheit wartete, wird er sich mit einem späteren Zuge haben begnügen müssen. Ich fiel hindurch bis tief unter den Erdboden, und kam nicht eher zur Ruhe, als bis ich mich in einem ziemlich geräumigen Lokal befand, in dem eine Menge kleiner Männchen waren, die ich alle sofort erkannte. Ich hatte sie nämlich im Jahre 1834 oder 35 in der Amstelstraat zu Amsterdam gesehen, als ich in der damaligen »deutschen Komödie« zum erstenmal einer Opern-Vorstellung beiwohnte: Hans Heiling!

Ja, sie waren es, die lieben gutmütigen hilfsbereiten Klabautermännchen, Kobolde und Gnomen. Sie waren alle grau angezogen und trugen brennende Talglichte auf dem Kopfe, gewiß, um einander im Finstern nicht über den Haufen zu rennen.

»Ein Gast! ein Gast!« riefen sie. »Schnell! sagt's dem Meister,«

Der Meister wurde eilends gerufen, und wahrhaftig, er war es – Adolf!

An seiner Kleidung wäre er wohl von den anderen nicht zu unterscheiden gewesen, aber bei dem Scheine der Talgkerzen seines Hofstaates erkannte ich deutlich das eben verschmähte Porträt.

»Schön, das freut mich!« rief der gute Mann. »Wie kommst du hierher?«

» Fancy warf mich ...«

»Na, da hat sie wohl daran getan. Je mehr Gäste, je besser. Schon lange hat sie uns keinen mehr geschickt. Wie hieß doch gleich der letzte, den sie uns herunterwarf, Kinderchen?«

» Heine, Meister. Heinrich Heine!«

»Richtig. Es ist schon so zwanzig Jahre her. War ein komischer Kauz. Er weinte lachend, und seine Fröhlichkeit stimmte uns traurig. Schade, daß er Verse machte. Im übrigen war der Mann so dumm nicht. Aber nun etwas anderes. Womit kann ich dir dienen? Ein Schüsselchen Quarz? Ein Salat von Eisen? Gebackenen Salpeter? Sprich, als ob du zu Hause wärest. Glimmerschiefer?«

»Majestät ...«

»Ach, so heiß ich hier nicht. Mein Name ist Adolf, oder... Meister, wenn du lieber so sagen willst. Aber das bin ich nicht immer. Hier in der Unterwelt geht es mit Wahl auf Zeit. Früher war hier eine Art Erbfolge, sie wurde aber abgeschafft, seit man merkte, daß einige Präsidenten unserer Republik das Verbrechen begingen, unbrauchbare Söhne und liederliche Enkel in die Welt zu setzen. Ist es da oben auch so?«

»Nein, Meister, gerade umgekehrt. Da haben die klügsten Kinder unbrauchbare Eltern und liederliche Großpapas. Durch fortgesetzte Erbfolge werden nun die Geschlechter der vorsitzenden Meister, je länger, je brauchbarer, besonders da sie sich nicht mit Familien vermischen, deren Mitglieder nicht in der Republik den Vorsitz führten. Die Rassenverbesserung geht also ungestört ihren Gang.«

»Potztausend! Davon hat dieser Heine mir nichts gesagt. Aber setz dich doch, und sage, was willst du essen? Magst du gern gebratene Tropfsteine mit einer Sauce von Tropfwasser! Willst du Kalk? Er ist frisch ...«

»Bewahre!« rief ich. »Ich habe schon genug von frischem Kalk genossen! Meister, es ist mir nicht um Essen oder Trinken zu tun. Außerdem hab' ich eben erst 'n Holländer zu mir genommen.«

»Jeder nach seinem Geschmack! Aber was willst du eigentlich?«

»Meister, ich möchte gern etwas lernen, und da deine Gnomen ...«

»Ach so ... du willst Gnosis! Kannst du haben. Gerade heute abend ist Akademiesitzung. Und was für Kenntnis willst du denn hier in der Tiefe aufschnappen?«

»Meister, da oben sind viele Dinge nicht so, wie sie sein sollten. Was ich dir eben sagte von der Vortrefflichkeit der den Vorsitz führenden Meister ...«

»Weiß schon. Heine lehrte uns Spott verstehen.«

»Desto besser. Aber ich werde nun nicht spotten. Da oben ist nicht alles so gut, wie es, mit ehrlicher Verwendung der unabänderlichen Naturgesetze, sein könnte. Die gütige Erde gibt Nahrung genug, und doch leidet die Menschheit Mangel ...«

»Ich werde ihr etwas Eisen schicken.«

»Ums Himmels willen, tu das nicht, Meister! Sie essen es nicht, aber sie machen Kugeln draus, um sich gegenseitig totzuschießen.«

»Salpeter?«

»Noch schlimmer. Den essen sie auch nicht, aber sie gebrauchen ihn, um die Kugeln loszuschießen. Nein, höre mich geduldig an ...«

Das versprach mir der Meister.

Er winkte mir, auf einer Steinbank in einer Wandnische Platz zu nehmen.

»Es könnte Nahrung im Überfluß sein,« fuhr ich fort, »und doch haben viele nicht das Nötigste. Es ist da oben Kenntnis genug zu sammeln, und doch vegetiert ein sehr großer Teil der Menschheit in jammervoller Unwissenheit dahin. Es ist genug Materie zu allgemeiner Freude, zum Genuß, zum Glück ... und doch, Meister, doch bleiben Jammer und Leid der Hauptton in der Geschichte dieses armen Menschentums! Meister, ich bin fünfzig Jahre auf dieser Erde umhergeirrt, und habe selbst viel gelitten, aber seit ich die Gabe empfing, mein Fühlen zum Denken zu machen und Verstand zu schöpfen aus der Quelle des Herzens, seit dieser Zeit war mir nichts so bitter, als dieses allgemeine Elend anschauen zu müssen, das fortdauernd den Platz des allgemeinen Glückes einnimmt, das sein könnte. Und oft stieg mir der Gedanke auf: o wenn ich zu befehlen hätte ... wenn ich König wäre! Ich suchte nach Macht, um gut zu tun. Aber, Meister, diese Macht kam nicht, besonders nachdem ich wiederholt versucht hatte, gut zu tun ohne sie, und je länger je mehr machtlos gemacht wurde durch die vielen, die, die ...«

»Die am Bösen Interesse haben?«

»Meister, du hast es gesagt! Ich strebte also nach Macht, und ich tue es noch ... am Nachmittag meines Lebenstages. Ist es zu spät? Um Erfolg zu haben ... vielleicht. Um es zu versuchen ... nein!«

»Und auf welchem Wege hast du versucht, das Ziel zu erreichen? Ich wette, was du willst, Männchen, du hast zuerst Schlösser in die Höhe gebaut ... in die Luft vielleicht?«

»Nein, Meister, ich baute keine Schlösser ... nicht einmal in einer Mulde, wie dein Sonnenberg.«

»Hm, ich versichere dir, daß das in meiner Zeit die neueste Mode war.«

»Meister, du fragtest mich, welche Mittel ich anwendete, um die Macht zu erreichen, die das Glück geben sollte. Leibeigene, die mir Türme bauten, hatte ich nicht. Ich erbte kein Königreich, kein Fürstentum, keinen Titel. Meister, ich mußte meine Ausgaben nach den Einnahmen richten, und ...ich besaß bloß mich selbst.«

»Wenn du dich eben richtig ausgedrückt hast, warst du reich.«

»Dann muß ich mich unrichtig ausgedrückt haben, und ich nehme es zurück. Nein, ich besaß nicht einmal mich selbst, denn das Gute, was in mir war, wurde zum Teil, zum großen Teil machtlos gemacht durch eine Zahl von Gefühlen, Trieben, Unvollkommenheiten.«

»Das habe ich immer und überall so gefunden. In jeder Festung sind Verräter, und jedes Heer hat seine Spitzbuben Spitzbuben – gemeines Volk, das von den Rittern vorausgeschickt wurde, um der ersten Wut des Feindes geopfert zu werden. Der Train, die Schleppe des mittelalterlichen Heeres, bestand aus Bettlern, Mönchen, Frauenzimmern, Räubern und Leichenschändern, aber die Spitzbuben waren nicht viel besser. (Anm. d. Verf.) und seinen Troß. Aber der Kern, der Kern, darauf kommt es an!«

»Der Kern war gut, Meister. Ich mußte also wuchern mit dem Wenigen, das ich in mir selbst zur freien Verfügung hatte ...«

»Und das Wuchern glückte nicht. Vielleicht wucherten andere mit dir. Das kommt öfter vor. Aber woraus bestand denn dein Kapital?«

»Ich hatte guten Willen ...«

»Der Weg zur Hölle ist damit gepflastert.«

»Beobachtungsgabe ...«

»Das wird dir zupaß kommen, wenn du bei meinen Gnomen in die Schule gehst.«

»Ich war Dichter ...«

»Weiß man das?«

»Ich fürchte, ja, Meister.«

»Da hättest du vorbeugen sollen. Dem Dichter wird alles glücken, er muß nur sorgen, seinen Rang zu verbergen. Aber er wird durch einen elenden Troßbuben verraten: Hoffart! Ein Prinz, der incognito reisen will, muß keine Goldstücke in die Menge werfen. Was gilt's, daß du eben deinen Holländer mit einem Dukaten bezahlt hast?«

»Nein, Meister, ich hatte wohl Gründe, nicht mehr als acht Kreuzer zu geben.«

»Lüge nicht. Es waren neun. Du verschmähtest den einen, den Staccata dir herausgeben wollte. Auch warfst du ihr einen königlichen Blick zu. Dieser Blick und dieser Kreuzer kennzeichnen dich – durch den Gegensatz zu dem fluchenden Rotmützchen besonders – in ihren Augen zu einem höheren, d. h. feindlichen Wesen. Staccata sieht dich ...«

»Für einen Prinzen an?«

»Nein, für einen Narren. Wenn sie freien müßte und hatte zu wählen zwischen dir und dem Studenten, sie wählte ihn. Sie begreift ihn. Sie würde auch um die Zeche streiten, und sie nimmt lieber ihren Anteil an dem Gewinn der Schäbigkeit eines gewöhnlichen Menschen, als daß sie an den Kosten deiner Ungewöhnlichkeit mittragen sollte. Die ganze Welt ist voller Staccatas. Wer einen Holländer zu sich nehmen will, muß keinen Pfennig mehr dafür zahlen, als solch ein Ding wert ist, er läuft sonst Gefahr, hochgenommen zu werden. Aber warum sahst du das Mädchen, oder besser gesagt das Weib – denn in gesetzten Jahren ist sie – so an?«

»Meister, ich glaubte mich zu erinnern ...«

»Unsinn! Diese Staccata hat auf der Wendeltreppe des Sonnenbergs ganz andere Dinge erlebt. Sie war schon vor vierzehn Jahren lange kein Kind mehr, und eigentlich war sie das nie. Ganz anders als du, der damals ein Kind war und es wahrscheinlich immer bleiben wird ... hm, das Himmelreich soll ihrer sein! Aber nun laß hören, welches war deine Ausrüstung in dem Kampfe gegen die Ohnmacht?«

»Ich glaube Standfestigkeit zu besitzen. Nie gab ich einen Plan auf.«

»Darin kannst du recht haben.«

»Nicht wahr, Meister? Wie käme ich sonst hierher? Ich suchte die Mittel, die zur Macht führen ... erst im Himmel ...«

»Selbstverständlich. Das ist der gewöhnliche Fehler aller Anfänger. Wer sich keinen Rat weiß, sieht nach der Decke.«

»Danach sah ich um mich und suchte zu lernen, was ich nicht wußte, zu verstehen, was ich nicht verstand, zu können, was ich nicht konnte.«

»Du warst auf dem richtigen Wege.«

»Mir schien es nicht so, Meister. Ich gebe zu, wenig gelernt und wenig verstanden zu haben, aber ... darf ich offen sein?«

»Gewiß. Dazu bist du ja hier.«

»Es kommt mir vor, daß ich nicht noch weniger wußte, nicht noch weniger ergründete, als viele andere, die doch mehr Erfolg hatten.«

»Das liegt an der Art, nicht an der Menge oder Tiefe der Kenntnis. Zum Erfolge ist nicht nötig, daß man viel verstehe, die Bedingung ist, daß man gerade das wisse, was zum Erfolge nötig ist, wäre es auch wenig. Den Rest nenne ich Liebhaberei-Gepäck, das uns ohne praktischen Wert große Kosten macht. Man muß seine Kräfte konzentrieren ...«

»Ich sehe die Richtigkeit desto mehr ein, da ich bemerkt habe, wie andere durch diese Taktik zu viel besserem Erfolge kamen, als mir mit der größten Anstrengung möglich war. Und vor allem war das der Fall bei denen, die das Konzentrationssystem anwendeten auf ein Ding, auf ... Geld.«

»Ganz natürlich! Die Zahl der Hebel, die früher die Menschheit in Bewegung brachten, oder zu verhältnismäßigem Stillstand zwangen, hat sich vermindert. Brahma, Wischnu, Schiwa sind entthront. Der Olymp steht leer. Die katholischen Halbgötter sind im Auszuge begriffen. Die sogenannte Reformation, die allen edelmütigen Verbesserungstrieb drei Jahrhunderte lang in Schlaf wiegte, hat bald ausreformiert, und sie wird einmal in der Geschichte der Menschheit als ein kleiner Abweg auf der Bahn des Fortschritts verzeichnet sein ... nein, als eine Sackgasse, in der der suchende Geist mit großem Verlust an Zeit und Kraft vergeblich nach einem Ausgange zu suchen meinte. Die Ritterzeiten ... versprichst du mir, mein Urteil über die Hebel, die damals allmächtig wirkten, geheim zu halten? Wirst du nicht darüber sprechen?«

»Ich verspreche es, wenn mich auch diese Vorsicht nach dem freien Ton, in dem du über den Protestantismus sprachst, etwas wundert.«

»Der Protestantismus ist es seinem Namen schuldig, an jedem Protest sein Vergnügen zu finden. Die Ritter zu meiner Zeit ... aber ich rechne auf deine Verschwiegenheit, denn ich will mich mit ihren Nachkommen in Löwen, Adlern, Elefanten, Strumpfbändern und Eichenlaub nicht überwerfen. Du versprichst mir also ...«

Ich versprach es, und ich kann deshalb es dem Leser nicht weiter erzählen, daß die hochgeborene Ritterschaft des Mittelalters, nach der Ansicht des guten Adolf, eine feige, gemeine, grausame, also unritterliche Banditentruppe war. »Kriegskunst ist Feigheit, zur Wissenschaft erhoben« – ein Satz aus den »Ideen.« Die Ritter (sagt Dekker) waren nicht einmal Kampfeshelden – das Wenigste, was man von einem Manne verlangen kann. Sie standen unter der Bulldogge. Man lese: Joinville, Froissart, Boucicault, Commines u. a. Und was nach der Erfindung des Schießpulvers kam ...

»Und was nach dem Schwindel kam,« fuhr der Meister fort, »nun? Hofkabalen, neuere Kriegstaktik, Gott besser's! ... Diplomatie: »In-zwei-Falterei« ... das Wort ist gar nicht so schlecht gewählt, aber doch sage ich: Gott besser's! Und – Gott besser's zum drittenmal! Maitressen-Wirtschaft! Endlich, nach der apokryphen Geschichte mit dem Theekessel von James Watts Tante, und Fulton und dem armen Salomon de Caus ...«

»Die Industrie!«

»Ja, die Industrie ... entschuldige einen Augenblick, ich habe häusliche Geschäfte ...«

Der Meister rief einen Kobold, der so viel oder so wenig wie ein Laufbursche zu sein schien, und gab Befehl, Eisen zu machen, Millionen, Millionen, Millionen Centner. Es schien eilig zu sein ...

»Sie brauchen jetzt da oben verdammt viel,« sagte er, wieder bei mir Platz nehmend. »Die Nachfrage ist so groß, daß ich wirklich der Überzeugung war, sie äßen es. Wo waren wir doch eben?«

»Wir hatten uns dem stärksten Hebel genähert, der jetzt die Welt regiert, der Industrie, Meister.«

»Richtig! Also warum hast du keine Streichhölzerfabrik gegründet? Warum nicht ein Geschäft in Kork? Das ist erhebend. Was sagst du zu einem Bureau, das mit Portugal oder der Levante arbeitet? anders ausgedrückt: warum kaufst du nicht unreife Apfelsinen im großen und läßt sie im kleinen auf den Straßen verschleißen? Hast du keine Lust zum Versicherungsfach? Oder wenn dir das zu einfach sein konnte, zu einem Rückversicherungsgeschäft? Das macht sich fein! O, das Feld der Industrie ist so groß! Da ist Platz für jeden. Nimm Anteile an indischen Eisenbahnen, am besten wenn dein Vetter oder Schwager Kolonialminister ist. Das rentiert, wenn auch die Linien schlecht gelegt sind ... ein verantwortlicher Minister ist stets verantwortet. Oder willst du selber Minister sein? Das ist auch Industrie. Und wenn du denkst, dazu nicht ... diplomiert zu sein, nicht genug zusammengefaltet, was hältst du von Minen-Konzessionen, von öffentlichen Verkäufen? Das ist ein sehr poetischer Beruf. Ein Handel in Weinverfälschungsmitteln ist auch nicht schlecht, wenn du nicht etwa das Fabrizieren von Kaffeebohnen aus gebräuntem Roggenmehl vorziehst.«

»Meister, ich will Geld, Geld, Geld! Ist das nicht anders zu bekommen als auf die vielerlei Arten, die du da aufzählst?«

»O, ich war noch nicht zu Ende. Lange nicht. Da ist noch ...«

»Verschone mich, Meister, die Auswahl ist groß genug, und wer mit den vielen Mitteln, die du aufgezählt hast, nicht zufrieden ist, den finde ich allzu wählerisch. Ich würde auch wählen, wenn mir nicht noch ein ander Mittel bekannt wäre, das mir besser zusagt als die halbfaulen Apfelsinen und die ganz faulen ... anderen Dinge. Industrie also. Lebten wir in Indien, ich schüfe Kosmogonien. In Ägypten? Träume auslegen, Keuschheit verzapfen und Korn sammeln. In Arabien? Pferde züchten und Erzählungen dichten. In Skandinavien? Ich wäre der erste der Wikinger, König der Seekönige, der wütendste der Berserker. In deiner Ritterzeit? Im Nachthemde schlüge ich Riesen tot, und ohne Hemd nähme ich den Kampf auf gegen die eisernen Männer, die zu leugnen wagten, daß mein Fancy höher steht als die heilige Jungfrau ...«

»Die Herausforderung ist nicht so tapfer, seit du weißt, daß sie sich wohl hüten würden zu erscheinen. Aber fahre fort. Ich bin neugierig, was du jetzt tun willst, jetzt, in dieser Zeit. Was höre ich da? Kobold 17 009, sieh einmal nach, was da oben los ist. Ein sonderbares Gebrumme! Ich höre das Klirren von Metall – Eisen ist es nicht – es scheint Gold und Silber zu sein. Und es wird französisch gesprochen ... alles ein Klang! Ich verstehe nichts davon. Nun, nur weiter, was willst du in dieser Zeit tun?«

»Ich will Geld, Meister, und viel, viel, viel! Ich will mehr Gold als du in hundert Wochen Eisen machen kannst, wenn auch alle deine Gnomen und Kobolde mitarbeiten. Ich muß mir einen Platz in der Volksvertretung kaufen ...«

»Werden diese Plätze gekauft?«

»Indirekt ja. Oder besser, sie werden durch und mit Geld, ohne Bezahlung erreicht. Es ist noch billiger als mein Holländer. Ich muß also, durch oder mit Geld, mir einen Platz erobern, von dem aus ich Ministern die Wahrheit sagen kann ... einen Ministerposten sogar, um Königen die Wahrheit sagen zu können. Geld brauche ich, um selbst König zu sein, damit ich das Recht und die Macht besitze, dem Volke Gutes zu tun ... am besten ohne Minister. Geld brauche ich für Heere, um menschenschlachtende Häuptlinge in Afrika zu entthronen ... und in anderen Weltteilen. Geld, um das Recht zu erkaufen, die Bücher der Waisenhäuser und Armenasyle nachzuprüfen. Geld für Volksbibliotheken ...«

»Du willst, daß das Volk lesen soll?«

»So weit geht mein Ehrgeiz nicht. Ich wünschte es instandgesetzt, lesen zu lernen, eine Kunst, die noch in den Kinderschuhen steckt. Die meisten bringen es darin nicht viel weiter, als zu einem Briefträgerposten nötig ist. Ich brauche Geld, Meister, um Lehrer der Naturwissenschaften zu besolden, Geld für allgemeine Hygiene, Geld, um die Flußdeiche wegzuräumen, diese verfluchten Ursachen der Wassersnot und der versandeten Häfen. Geld, um Grenzen wegzuwischen, Geld, um Fruchtbäume an die Wege zu pflanzen, Geld für den Henker ...«

»Wie?«

»Ja, Pension. Geld, um invalide Bürger ohne eine daran haftende Schmach zu unterstützen, Geld, um die – nötigenfalls unfreiwillige Arbeit solcher zu bezahlen, die durch Trägheit arm wurden. Geld für wahre, d. h. veredelnde Kunst. Geld für Genuß. Geld für Glück. Geld für Tugend. Und, Meister, so viel Geld wünschte ich, daß ich, nach alledem ... aber ich fürchte, ich werde unbescheiden ...«

»Durchaus nicht. Du mußt hier sagen, was du willst ... aber ich höre schon wieder das eintönige Geklapper und den französischen Klang. Klabauter 317½ a, geh einmal nachsehen, wo 17 009 steckt. Jetzt scheinen sie mit Papierchen zu knittern ... Weiter, was wünschtest du, nach dem allen, sonst noch?«

»Meister, nachdem ich das alles durch die Macht, die das Geld gibt, getan und bewirkt hätte ... aber ich wage es wahrhaftig nicht ...«

»Ach, sei nicht kindisch. Nur die Lumpe sind bescheiden, hat mein Freund Goethe gesagt, und das ist beinahe wahr. Rede!«

»Ich wünschte, Meister, nach alledem noch einen Überschuß zu haben, um meine liebe Familie gegen Mangel zu schützen.«

»Ich muß zugeben, daß du das Recht hast, nicht für einen Lumpen angesehen zu werden ... was bedeutet bloß dieses Geknitter und Geraschel von Papieren? Nummer Halb-Dreizehn, untersuche du doch einmal, was die Ursache von dem Leben über uns ist, gegen Süd-Südwest? Die Ruine Sonnenberg liegt nordnordöstlich von Wiesbaden. Man kann sein eigen Eisenmachen nicht verstehen. Und du, Freundchen, fahre fort und sage mir nun endlich, was du hier unten eigentlich willst?«

»Meister, Fancy sendete mich zu dir, der du Herr bist im Reiche der Kobolde und Erdgeister ... ich will durch deine Gnomen unterwiesen werden in der Kunst, reich zu werden.«

»Dem kann geholfen werden!« rief Adolf.

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