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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Längs Feldern und Wegen.

Ich schreibe diesmal nicht für Bürgersleute. Auch Prinzen und Genies, deren Einkommen etwas weniger beträgt, als einen Sack Gulden die Stunde, werden höflich – oder im Notfall auch unhöflich – ersucht, sich nicht mit meinem Geschreibsel zu befassen. Wollen sie sich bessern ...!

Verzeihung jedem Sünder, aber erst ... Besserung.

Ich bin ja auch Soldat gewesen, sagt der eben beförderte Gefreite ...

Und auch ich erinnere mich der Zeit, da ich noch kein Millionär war.

Schlimm genug, daß dazu ein minder starkes Vergnügen ausreichen würde, als das, unter dem ich jetzt seufze.

Aber wie jung meine Standeserhöhung noch ist, ich fühle doch eine unwiderstehliche Mißachtung gegen meine armen Kameraden von gestern. Und ich bekenne ohne weiteres, daß ich mich nicht zu dem erhabenen Standpunkt jenes anderen Gefreiten erheben kann, dessen übermenschliches »Frau, geben Sie dem Mann einen Schnaps!« auf der schönsten Seite der Geschichte irgend einer Kaserne verzeichnet ist.

Trotz diesem allerliebenswürdigsten Parvenustolz ergreift mich doch in manchen Augenblicken eine Schwachheit, ein Überbleibsel alter Gutmütigkeit. Was so einmal drinsteckt! Es scheint wirklich, daß mir nichts Menschliches fremd ist, und daß die Scherbe ihren Geruch behält, spülten auch die Wogen des Lebens sie noch so rauh hin und her, jahre-, jahre-, jahrelang ...

Es ist ärgerlich!

Immerhin, ich will auch Bürgersleuten oder armen Fürsten und Falschgeborenen die Gelegenheit geben, an meinem Feuilleton teilzunehmen, indem ich ihnen den Weg zur Besserung zeige, das heißt den Weg, der sie zu Millionären machen wird wie andere. Wenn erst der Allerärmste so reich ist, daß er mit seinem Gelde nicht weiß wohin, dann darf jeder mich lesen.

Wer um die Zeit dann Brot backen oder schustern soll, ja sogar, wie die Zeitungen es anfangen sollen, mein Feuilleton gedruckt zu kriegen ... das weiß ich nicht, aber ich rege mich deswegen nicht groß auf, weil ich in meiner funkelnagelneuen Stellung als Krösus mich nicht um Nationalökonomie zu kümmern brauche. Das ist für arme Teufel.

Liebe Standesgenossen, mein lebendiges Interesse für alles, was euch zustößt, läßt mich hoffen, daß auch ihr in Bezug auf mein Liebes und Leides nicht gleichgültig seid.

Wisset denn, daß ich während des ganzen Monats März und der Hälfte des Aprils mich auf sehr unangenehme Weise mit Husten habe beschäftigen müssen. Auch Bismarck ist nicht auf dem Posten, und ich lese in der »Kölnischen Zeitung« vom 22. April, erstes Blatt, zweite Seite, zweite Spalte, Zeile 14 u. s. w.:

»Graf Bismarck, der die Osterfeiertage in Varzin zubrachte, ist dort erkrankt, sodaß er die heute stattfindende Eröffnung des Zollparlaments hat Herrn Delbrück überlassen müssen. Genaueres über seine Krankheit weiß man noch nicht; nur ist es nachgerade klar, daß wir uns auf häufige Unterbrechungen von Bismarcks Tätigkeit gefaßt machen müssen, und der preußische Staat sich darauf einrichten muß, auch ohne seinen berühmten Minister fertig zu werden.«

Diese undankbaren Nationalliberalen!

Das hast du auf dem Gewissen, Montesquieu, mit deinem unsinnigen Spruch, daß die richtige Zeit sich auch den richtigen Mann schafft! Die Citrone Bismarck ist ausgequetscht.

Die Nummer des Zeitungsblattes, das ich anführte – auch in der Zahl liegt eine Bedeutung – ist 111. Anmerkung des Verfassers. Die Nummer des Blattes »Der Norden«, in dem diese Millionen-Studien anfingen, war vom 5. Mai 1870. Ohne die geringste Bescheidenheit glaube ich mir einbilden zu dürfen, daß die Ereignisse, die einige Monate später das Jahr zu einem der wichtigsten in der Weltgeschichte machten und gleichzeitig Bismarcks dauernde Verwendbarkeit als preußischer Minister und Bundeskanzler genügend bewiesen haben, den Worten, mit denen ich hier die undankbare Torheit der »Liberalen« brandmarkte, ein besonderes Relief geben. Ich sehe aber, daß meine Selbsterhebung auf den prophetischen Charakter dieses Sarkasmus platt zu Boden fällt, wenn es mein Los bleiben sollte, stets mit Lesern zu tun haben, »die nichts davon begreifen.«

Also ich hustete. Lange vor den Osterfeiertagen mußte ich Holland verlassen, weil meine Lungen dort nicht mehr atmen wollten, und ich nicht, wie Bismarck, ein »Ehrengeschenk« von der Nation bekommen hatte, um mir ein Landgut zu kaufen, wo die Luft milder ist als im Haag. Ich ging also, um zu atmen und aufzuatmen, nach Deutschland, wo ich so wie so etwas zu besorgen hatte. Ich bummelte zwischen Rhein und Main, Oder und Mosel ...

Die Mosel ist prächtig, liebe Mitmillionäre! Besuchet sie mal, die liebe Mosella, und sagt, ob es nicht wahr ist, was Ausonius – ich denke im dritten Jahrhundert, aber ich kann es nicht nachschlagen, denn ich erfreue mich einer beruhigenden Abwesenheit sämtlicher Bücher – ja überzeugt euch einmal, ob es übertrieben ist, was dieser heidnische Dichter von der anmutigen Jungfrau sagt, die nach so viel liebeskranken Mäandern seit ihrer Kindheit bei Trier endlich sich »besiegt«, eigentlich aber triumphierend dem strammen männlichen Rhein in die Arme wirft, bei Koblenz ... Bei Konfluentes! Hört ihr Sprachkenner und Standesgenossen: Konfluentes! Da fließen sie zusammen, die Schicksale des Bräutigams aus Helvetien und der Luxemburgischen Verlobten. Schüchtern war sie ... aber auch sehnsuchtsvoll. Einmal scheint sie zu fliehen, dann zeigt sich wieder, daß ihre Flucht gemacht ist, schalkhaft-falsch, kokett-weiblich, züchtig, ehrbar und zärtlich, sinnlich und keusch. Gewiß sah sie den Rhein von weitem herankommen! Gewiß und wahrhaftig wußte sie, daß er für sie, sie für ihn bestimmt war ...

Und die Uferbewohner »des« Wassers, Anmerkung des Verfassers. Rhein oder Hrein (griechisch ρ) bedeutet, wie Ruhr, Rhön (?), Rhone, Arno, Aar u. s. w., »der Strom« – eine Onomatopoesie, die man bei allen Völkern findet. des großen Wassers – wie besorgte Eltern fragten sie sich, ob ihr strammer Liebling freien sollte?

»Er ist zu jung,« sagten die Schweizer. »Sieh, er trägt ja kaum einen Kahn auf dem Rücken, den eine Gemse umkippen könnte. Aber stark ist er für seine Jahre.«

»Stark? Es geht,« sagte ein anderer, »aber wild und unruhig. Jugend muß austoben. Es wird schon besser werden bis ...«

»Bis wohin?« fragte ich. Emmerich und Lobith, wo noch immer im Jahre 1878 – ich kann Zeugen beibringen – Bureaus sind mit Uniformmenschen, die Koffer und Felleisen durchschnüffeln! Oder ehe er philisterhaft-feige und schlapp wird! Vor dem Versumpfen! Vor Katwyk!

Aber das wußten sie nicht, die Elsässer und Badener, die den strammen Jungen zum Jüngling heranwachsen sahen und wahrhaftig nicht über Mangel an Kraft klagen konnten, höchstens daß manchmal etwas darüber geklagt wurde, wie er hie und da seine Kraft auf junger Leute Art verzettelte ...

»Alle hübschen Mädchen meine!« sagte der Rhein, und er machte sich nichts daraus, wenn unter den hübschen auch häßliche waren.

Wieder so, wie es junge Leute gewohnt sind. Der Appetit geht vor dem Geschmack. Später wird man wählerischer. Noch später blasiert. Endlich übersättigt. Und dieser Zustand wird dann einer Feinheit des Geschmacks zugeschrieben. Ich glaube nichts davon. Nicht wir sagen uns von unseren Lastern los, unsere Fehler lassen uns im Stich. Wenn ich ein Laster wäre, täte ich's auch. Es muß eine undankbare Arbeit sein, Menschen zu regieren und König Laster wird für seine Mühe noch dazu von allen Moralisten ausgescholten.

»Alle hübschen Mädchen meine!« sagte der Rhein, und spielte den Don Juan. »In jedem Städtchen find' ich mein Mädchen ...«

Eins? Hundert, Tausend ... Millionen!

»Komm nur mit, liebes Annenbrünnlein. Hier, Mariechenbach! Wo bleibt denn mein allerliebstes Waldquellchen? Ach, war's dir zu eng in der Schlucht! Armes Kind – ich bete dich an, versteht sich – deinetwegen habe ich ja die Reise aus dem Gebirge hierher gemacht! Komm mit nach Holland!«

Und Waldquellchen fällt darauf hinein und merkt bald darauf, daß es nicht ehelich verbunden ist, daß es bloß Nummer 1001 in dem Harem des zuchtlosen Liebhabers geworden ist.

Wie ein zahmes Elefantenweibchen hilft es dann andere Elefanten fangen, wenn auch keine Männchen wie auf Ceylon.

Jedes Wasseräderchen, jeder Quell, jeder Bach – erst wimmernd wie die betrogene Elvira – singt nun bald mit im allgemeinen Chor:

»Reich' mir die Hand, mein Leben, komm' auf mein Schloß mit mir!«

O diese Kupplerinnen!

Und Jungfrau Mosella wartet!

Ob er wohl kommt?

»Ich will so tun, als wenn ich ihm nicht begegnen möchte!«

Und sie wendet sich rechts.

»Wissen möcht' ich aber doch, ob er sich nähert...«

Und sie sieht sich um.

»Er soll nicht denken, daß ich mir was aus ihm mache...«

Rechtsum!

»Wo steckt er bloß? Es ist nicht auszuhalten...«

Linksum!

»Was er sich bloß einbildet! Denkt er denn, ich kann den Weg ohne ihn nicht finden?«

Wieder rechts, wieder links, rückwärts, vorwärts, schief, krumm, quer, Ost, West,... wohin denn? Ach, die arme verliebte Jungfrau Mosella!

Jetzt hofft sie alles, jetzt gar nichts mehr. Geputzt ist sie... er wird kommen... schnell jetzt, ohne Furcht, in seine Arme!

Ach!

»Da hat der Taugenichts sich mit der schmutzigen Main-Nixe verplempert? Ist es nicht eine Schande?«

Das hatten ihr böse Zungen zugetragen, und sie war wohl drei Kilometer lang in Verzweiflung.

Es half nichts, daß einer der Ahnherren meiner Kinder – ein Winneberg-Beilstein, glaub' ich – ihr Mut einsprach.

»Er ist ja noch jung, liebe Mosel. Ich glaube gewiß, diese Main-Nixe wird ihm nicht schaden, sie hat Frankfurter Börsenmanieren und das gefällt keinem auf die Dauer. Kopf hoch und hübsch geblieben, dann ist immer noch Hoffnung...«

Die Mosel wollte sich ertränken. Aber das gelingt einem Flusse selten. Andere tun es auch nicht so schnell.

Es gibt wenig unglückliche Lieben – es sei denn, und so muß es am Ende sein, daß man die langweiligen nicht unglücklichen mitrechne.

Mosella – aber um Himmels willen nicht weiter sagen! – rächte sich, indem sie ein wenig mit ihren kleinen Nachbarn kokettierte.

Sie mußte doch dafür sorgen, daß sie nicht austrocknete, ehe der wahre Schatz kam...

Wieder eine Post. Die Frau Schneidermeisterin hatte »am Brunnen« – da ist die Börse, der Korso, das Forum der deutschen Waschweiber – der Frau Soundso erzählt, daß der Langersehnte sich mit der Lahn eingelassen hatte...

Endlich war Hochzeitsfest zu Koblenz, und als der Vorhang fiel, sagte der alte biedere Vogt, der die jungen Leute einsegnete (zum Publikum gewendet):

»Hier sehen wir wieder einmal, wie treue Liebe allezeit belohnt wird!«

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