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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 24
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid688b5e3e
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Mikrokosmos

Der Herr Slenterman hatte sein Geld verspielt, und er hielt den in solchen Fällen üblichen Monolog. Dieser wurde aber – sonst könnten wir es ja nicht wissen – von jemand belauscht, der den Selbstmord verhindern sollte. So ging der Monolog gerade im kritischsten Moment über in ein Zwiegespräch zwischen Herrn Slentermann und dem Direktor der Bank. Dieser hielt seine Hand fest, als er sich gerade totschießen wollte.

»Beeilen Sie sich etwas langsamer«, sagte der Direktor. »Oder noch besser, beeilen Sie sich diesmal gar nicht. Daß Ihre Figur nicht kommen wollte, war ja hart. Aber ... ich habe auch mit Figuren zu kämpfen, die mir nicht gefallen. Am Ende können wir einander helfen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Paßt er Ihnen nicht, auf Ehre, werde ich Sie in Ihren Sterbeplänen nicht weiter belästigen. Aber dann hängen Sie sich wohl wo anders auf. Ich gebe Ihnen zwanzig Franken zur Reise. Glauben Sie mir, Selbstmord an einem Orte, wo gespielt wird, das ist anstößig. Haben Sie je gehört, daß Spekulanten sich auf der Börse aufhängten? ... Übrigens, Sie brauchen es weder hier noch sonstwo zu tun. Wie denken Sie über eine gutbesoldete Anstellung? Ich brauche einen Mann von Weltkenntnis, einen Mann von Takt, von Verstand und Moral, einen Sachverständigen in Anstandsachen ...«

Unser Slenterman meinte, dazu würde er sich sehr gut eignen, und verschob seinen Selbstmord, um auf den Direktor zu hören.

Dieser erklärte ihm, was zu tun wäre.

»Seit einiger Zeit,« sagte er, »wird die Direktion bestürmt mit Klagen über die unerträgliche Gemischtheit des Publikums, die nach einigen schon fast in ... Ungemischtheit übergeht. Welt wird verdrängt durch Halbwelt. Diese durch Viertelwelt, und selbst die Viertelwelt kämpft oft erfolglos gegen etwas, das gar nicht mehr nach Welt aussieht. Ganzer, halber und falscher Anstand sitzen in der Klemme zwischen allerlei Unanständigkeit.

Die Erbprinzeß von Lüttelgau hat neben einer ... hm hm! ... gesessen, ist beinahe ohnmächtig geworden.

Zwei ... hm hms! ... haben einer Marschallin von Frrrankreich aufs Kleid getreten, so daß sie gar nicht so schnell davon laufen konnte, als sie es dem Range ihres Gatten schuldig war. Sehr schlimm für eine Marschallin von Frrrankreich!

Auch die Herzogin von China hat geklagt. Eine ... hm hm! ... hat ihr den Rechen zugereicht, und das paßt sich doch nicht für eine Herzogin, meinte sie.

Lord Sevenflower ist für die Tugend seiner Töchter verantwortlich. Er hat sieben und muß also für siebenfache Respectability sorgen. Ein Ahnherr von ihm war Küchenjunge beim sächsischen Harald, und doch hat kürzlich eine ... hm hm! ... Miß Adelheidinella wegen ihres dummen Gesichts ausgelacht. Die jungen Ladies erklärten, das wäre öfters vorgekommen. Sie machten sich ja nichts daraus, sagte der Lord, und die Ladies auch. Im Gegenteil, sie finden es nett, beachtet zu werden. Aber es waren Wesen, die ... Geschöpfe, die ... hm hm! Miß Adelheidinella kann wahrhaftig bezeugen, daß sie nicht weiß, was so'ne ... hm hm! ... eigentlich für einen Beruf ausübt, und die anderen auch nicht – indeed – aber gerade darum war's shocking, too shocking, really too shocking! Um zu wissen, was so eine ... hm hm! – für ein Wesen ist, hätten die Misses weniger unschuldig sein müssen, als sie wirklich mit teuren Eiden beschwören konnten ... upon my faith! Aber weil sie es nicht wußten ... truly! oder weil sie es wenigstens nicht exactly wußten, hatten sie vollkommen das Recht, sich sehr zu ärgern. Und das taten die Misses auch, alle sieben, so anständig wie es irgend möglich ist.

So sagte Lord Sevenflower. Und die Misses bezeugten, daß Papa die Wahrheit gesagt hatte, und daß sie sich nicht so sehr geärgert hätten, wenn sie verdorben genug gewesen wären, zu verstehen, warum sie sich eigentlich so ärgern mußten ... indeed!

»Und denn die Jüffrau Krent,« fuhr der Direktor fort, schluchzend und tugendsam, »sie, die in ihrem Lande Vorsitzende dreier Gesellschaften zur moralischen Besserung der Menschen ist, die nicht zu ihren Gesellschaften gehören ... eine Philanthropin!

Und die alte Madame ...ska, geborene ...witsch, die sich am Spätabend ihres Lebens für das sauer ersparte Geld ihres letzten Gatten noch einen blitzjungen Gemahl angeschafft hat, um ihn den Klauen des Junggesellenlebens zu entreißen: ein Opfergeist!

Und die polnische Gräfin in ihrem gelben Schleppkleide mit schwarzen Kanten: ein Adel!

Und Mevrouw van der Happel, sie, die auf der Kaisersgracht wohnt, in Seeversicherung, Farbwaren und einem Hause mit doppeltem Aufgang: eine Deftigkeit!

Und Miß Lovehunger, die ein Buch über den moralischen Wert des Plumpuddings geschrieben hat: eine Moral!

Und die Fräuleins Krummhaus, die mit eigenem Munde den Papst geküßt haben ... auf die große Zehe: eine Frömmigkeit!

Und die Damen Treurneep, Erfinderinnen des vielbeliebten Seligkeitswetthüpfens mit Hindernissen, Patronessen des Wochenblatts »Vollständiger und sparsamer Seelenmodist«: modern-religiöse, altfränkisch-literarische Illustration!

Und Fräulein Hemelgeit, die eine Villa hat und einen Kutscher und einen Schafstall und einen Vetter im Reichstag und Anteil an Schiffen und Tanten, die sie mit Gottes Hilfe beerben wird: eine Vornehmheit!

Und die Baroneß Thränenschlucker, die Trauer anlegte und ihre Dienerschaft fasten ließ um einen jugendlichen Flohbock, der in ihrem Pomadentopf verunglückt war: ein Gefühl!

Und Lady Messalina Darkpincher, Abkömmling der jungfräulichen Wärmkastenbesorgerin der Königin Elisabeth, welche die fünf Augenlöcher des unbescheidenen Möbels zukorkte mit entrüsteter Hand: eine Keuschheit!

Und Fürstin Russikoff, die nie einen Leibeigenen zu Tode prügelt, ohne den Popen hinzuzuziehen, um die Seele des Patienten für den Himmel zu retten: eine Delikatesse!

Und die Madame de la Maquélerie, die goldkettenbehängte Maintenon eines Saint-Cyr zu London: eine Respektsperson.

Und die sehr einflußreiche Familie Kappelmann: eine Vornehmheit, eine Solidität, eine Glaubensfestigkeit, eine Tugend!

Alle diese Noblesse muß ich zufriedenstellen,« jammerte der verzweifelte Direktor. »Alles droht sofort abzureisen, wenn ich nicht den Spielsaal säubere von ... Sie verstehen wohl! Ich will gern hundert Louisdors monatlich dafür anlegen. Wenn wir die Erbprinzeß verlieren ... und die Marschallin ... und sie ist schon zum Weglaufen gerüstet, wahrhaftig! – und Lord Sevenflower mit seinen Sprossen ... und die Mandarine ... und die Jüffrau Krent, eine Martingalistin von entzückender Dummheit, ein wahrer Engel! – und Madame ...ska, geborene ...witsch, die so reizend auf Nummern spekuliert – und die Fürstin, die ihre Leute so fromm zu Tode peitscht, und die Maintenon, und die dicke Mevrouw in Seewaren und Farbenversicherung, und die gräfliche Gelbjacke ... auf Ehre, ihre Träume über die Chance sind Gold wert, 24 Karat ... für die Bank! und die heiligen Treurneepen, und Lady Messalina, und die weinende Niobe des erstickten Flohbocks, und die anderen – o, mein beinahe totgeschossener Slenterman, wenn ich diese Säulen einbüße, geht das ganze Geschäft futsch! Ich bin ein ruinierter Mann! Dann müßte ich Sie bitten, mir die zwanzig Franken, die ich Ihnen pumpte, zurückzugeben, als Reisegeld für mich selbst, Reisegeld nach einem Orte, wo ein vernichteter Bankdirektor anständig sterben kann!«

*

So weinte der beinahe Unglückliche.

Und auch Slenterman begann zu weinen.

»Diese Aussicht ist sehr traurig,« sagte er. »Aber wie kann ich ..«

»Ja, Sie können mich retten! Die Eigenschaften, die Sie zieren, geschärft und veredelt durch vergebliches aber charaktervolles Verfolgen Ihrer Ideale am grünen Tisch, die befähigen Sie, mir die Hilfe zu gewähren, die ich brauche. Bester Freund, wollen Sie mein ... Retter, mein Sieb sein?«

Slenterman erklärte, daß ihm nichts angenehmer sein könnte als die mit allen möglichen Funktionen verbundene Besoldung in Empfang zu nehmen; je mehr, je lieber! Aber er wünschte zu wissen ...

»Kein Aber, bescheidener Freund! Sie haben nur die Wahl zwischen Sieb und Tod. Wählen Sie das erste, so ist Ihr Platz am Eingang des Saales. Sie sieben, wägen, untersuchen, prüfen, urteilen, verurteilen, sprechen frei, alles, was sich Weibliches naht. Unerbittlich für die Spreu, lassen Sie den Weizen ein ... damit er gemahlen werden kann. Sie weisen die Böcke ab und lassen die Schafe eintreten. Um das Melken brauchen Sie sich nicht zu kümmern ... dafür sorgt die Bank.«

»Verstanden!« rief Slenterman.

Er ließ sich Visitenkarten drucken:

Mr. Slentermam

beinahe selbstgemordeter Verzweiflungs-Idealist a. D.,
Spezialist für Moral,
Generalkontrolleur importierter Persönlichkeiten.

Die Bank gab ihm ein Kostüm, das der Würde seines Amtes entsprach, eine Wagschale, einen Destillierkolben, ein Mikroskop, ein paar Retorten, ein Exemplar von Knigges menschenkundigen Werken, und da stand er nun, mit allem Nötigen ausgerüstet, an der Tür.

Bald nahte ein Siebengestirn. Sieben rote Bädeker, sieben Lorgnetten, sieben lange Hälse, sieben bunte Kleider, sieben Chignons, röter als die Bädeker, sieben baumelnde Halsketten ...

Der brave Slenterman setzte sich in Positur. Er merkte, daß der Feind die Festung mit Sturm nehmen wollte. Barsch wies er den übermäßigen Ehesegen Lord Sevenflowers ab und rieb sich die Hände vor Vergnügen über seinen Scharfsinn und seine Charakterfestigkeit.

Die Erbprinzeß von Lüttelgau hatte dasselbe Schicksal. »Vade retro! Oder wenn du kein Latein verstehst, mach', daß du hinauskommst!«

So ging es auch der Jüffrau Krent, und der Mevrouw van der Happel, und der Madame ...ska, geborene ...witsch, und den übrigen. Nur die Dame von Saint-Cyr wurde durchgelassen, weil sie ein Gesangbuch bei sich hatte. Dagegen hielt unser Sieb nicht stand.

Der arme Slenterman irrte sich oft. Was er durchließ, taugte manchmal nicht viel – und was er abwies, darunter gab es auch manches, was nichts taugte. Aber man mußte doch einen Unterschied machen zwischen »Kauf und Miete,« meinten ein paar Schafe, die sich, zu Unrecht, wie sie meinten, als Mietböcke behandelt sahen, während sie doch ganz ehrbar zu gesetzlicher Ehe verkauft waren.

Unser Kontrolleur bekam den Abschied – er hatte eine der echten Frauen des Direktors selbst für Spreu angesehen! – und er konnte sich glücklich schätzen, daß er jene zwanzig Franken noch hatte, mit denen er nun einen angenehmeren Tod suchen konnte, als ihm durch Dutzende von Fingernägeln zugedacht war.

*

Scherz beiseite. Daß viele Damen sich auf eine Art auftakeln, die ein Recht gibt, sie gering zu schätzen, ist wahr. Denn auch ohne den geringsten Vergleich mit Weibsbildern, die sich berufshalber Mühe geben, aufzufallen, ohne von mangelnder Moral zu sprechen – das Wort nun einmal im gewöhnlichen beschränkten Sinne genommen – was soll man von der Verstandesentwicklung erwachsener Menschen sagen, die sich selbst auf dasselbe Niveau mit Kannibalen und Kindern stellen? Wie soll man denn sonst dies Behängen mit Lumpen von Wolle, Seide, Metall anders nennen? Dies Geflatter von Bändern und Schnüren? Dies Prunken mit schreienden Farben? Die hohen Hacken, auf denen man nicht laufen, knapp noch gehen kann? Das abscheuliche Erhöhen des unteren Rückens? Meint ihr Damen, daß diese Mode aus Paris kommt? Die Mode, gegen die Dekker hier loszieht, ist inzwischen bekanntlich abgekommen, aber sie kann wiederkehren. Sie stammt von den Hottentottenweibern her, aber den armen Würmern steht es minder häßlich, sie können nicht dafür, und sie machen ihren natürlichen Fehler nicht noch schlimmer als nötig ist, dadurch, daß sie hohe Hacken damit vereinen, wie ihr, die ihr in krummer Stellung und posteriorer Vorstreckung ausseht als ob ...

Ich will keuscher sein als ihr und es nicht nennen!

Und das spricht von Emanzipation! Die Frau, die sich an Lappen und Fetzen und entstellende Ausstopfung wegwirft, darf nicht emanzipiert werden. Und wollte man, es geht nicht! Wer sich zur Sklavin der geschmacklosen Frechheiten »Pariser« Moden macht, darf keinen Anspruch auf den Rang eines entwickelten Menschen erheben, und wenn Gesetz und Sitte ihm den Rang zubilligten, er verstände ihn nicht aufrechtzuerhalten. Die Emanzipation der Frau muß von ihr selbst ausgehen, und dazu muß sie zuerst den Beweis ihrer Mündigkeit liefern und sich nicht anstellen wie ein Kind, eine Südsee-Insulanerin oder eine Närrin.

Auch von einem niederen Standpunkte aus betrachtet, vom allertiefsten, wenn man will – ich spreche jetzt zu Böcken und Schafen zugleich – ich frage die Damen, die »der Mode folgen,« ob sie damit den Männern zu gefallen denken? Sie irren sich.

Sie gefallen weder dem Manne, der lediglich ein Mensch männlichen Geschlechts ist, noch dem Manne, der »etwa heiraten könnte,« noch dem Manne, der Gefühl hat, noch endlich dem Künstler.

Die erste Art hat keine Lust, eure hohen Hacken und eure Hottentotterei zu bezahlen. Er weiß, daß ihr diese Dinge ... bei Lieferung ablegt. Und die Männer, die an die Ehe denken, auch die haben eine bestimmte Sparsamkeit im Sinne.

Die Schleppe und das Hintergebirge schrecken sie ab. Das ist nun einmal so in unserer praktischen Zeit. Kommt euch diese Auffassung zu niedrig vor, dürft ihr es ihnen übeldeuten, die ihr selber so wenig Schönheitssinn zeigt? Sorgt selbst höher zu stehen, ihr Frauen, ehe ihr auf höhere Schätzung Anspruch macht.

Und der Gefühlvolle, der in der Tat für Liebe oder mindestens Verliebtheit zugänglich ist ... ihn gewinnt ihr am allerwenigsten durch Um- und Anhängsel, durch Untersätze, Auffüllungen und dgl. Er gibt sich Mühe, durch all das Unschöne hindurch zu sehen, und er hat schon ein starkes Stück Arbeit getan, wenn es ihm glückt, euch bloß nicht lächerlich zu finden. Sein Wohlwollen ist ermüdet. Er träumte euch Flügel an. Aber auch noch das andere Zeug wegzuträumen ... das ist schwer! Ihr fliegt nicht, ihr schwebt nicht – ich tadle euch deswegen nicht. Im Gegenteil. Der Mann, der es verlangte, würde bald finden, daß er in seiner Einsamkeit eine traurige Figur abgäbe. Daß die Begeisterung des Liebenden in diesen Fehler verfällt, ist zu verzeihen. Aber sie wäre krankhaft, wenn sie sich nicht schnell mit der wahren Poesie des Wahren vertraut machen sollte. All das Fliegen in den Wolken ist, Gott sei Dank, ebenso unnötig wie unmöglich, aber, Mädchen, laßt euch dadurch nicht abschrecken, wenigstens vernünftig zu gehen! Das steht immer gut. Die verstiegenste Phantasie findet sich darin, nach den Schwingen, die euch zu Engeln machen, an Rücken und Schultern vergebens zu suchen, aber es ekelt ihr davor, diese Hülle bis ... unter die Lenden heruntersinken zu sehen.

Und der Künstler! Meint ihr ihm zu gefallen, o Damen, mit dem Fittich, den ihr zum Luftkissen, um darauf zu sitzen, erniedrigt habt? Ihr könnt ein Frauenbild zeichnen, nicht wahr? Nehmt ein Modebild, je pariserischer je besser, und zeichnet in den Umriß solcher lumpenbehängter Puppen eine Venus oder euch selbst. Wäret ihr auch nicht besonders schön geformt, die Linien, mit denen die Natur Hüfte und Lende einer Frau zeichnet, sind immer prächtig, wenn man sie vergleicht mit den Umrissen der Dinge, mit denen ihr diese Formen verunstaltet. Wollt ihr das Schönheitsgefühl des Künstlers mit soviel geschmackloser Tara befriedigen? Warum geht ihr nicht noch ein paar Schritt weiter und wickelt auch Nase und Lippen in ein Kissen? Das würde toll aussehen, meint ihr? Nein, und das andere? Warum wollt ihr euch hinten unten verdicken und nicht oben vorn? Seid konsequent, und nehmt einen Primtabak in den Mund, wie ein Matrose. Das macht die Backe dick. Nicht? Warum das andere? Meint ihr, daß ein Zahngeschwür, das die Wange auftreibt, die Schönheit erhöht? Welchen Vorteil erwartet ihr dann von einem Sattel, der dem Vorbeigehenden zuzurufen scheint: steig auf!

Ich bin für Emanzipation, von solchen Dingen! Das andere kommt dann schon. Reichen wir uns die Hände ...

Hier fingen alle meine Gnomen an zu lachen.

»Deine Abhandlung gegen die Hintervorgebirge ist beinahe hübsch. Mensch. Aber jetzt ...«

Sie lachten wieder.

»Die Hände reichen, sagst du? Du willst also mithelfen zur Gründung von Vereinen zur Veredlung, zur Entwicklung von ... u. s. w. Mensch, Mensch, denke nach!«

Nun, das tat ich, wenn auch die Aufforderung wohl etwas höflicher hätte kommen können.

Durch den Spott meiner kleinen Meister war mein Begriffsvermögen angespornt, und ich sah ein, daß die Sache, die ich gerade mit Eifer behandelte, durch die Mittel, die wir anwenden, um sie zu fördern, gerade geschädigt wird. Es ist wahr, alles, was speziell für »die Frau« getan wird, stempelt ja das Vorurteil, daß sie bloß ein halber Mensch ist, zur anerkannten Wahrheit. Wir hören von natur-, staats-, geschichtskundigen, literarischen Vorträgen »für Damen«. Das ist eine unnaturwissenschaftliche, unstaatskundige, unliterarische Lüge. Und unmenschkundig ist es auch ...

»Hm ... nicht menschkundig? Als Reklame finde ich die Taktik nicht so dumm«, sagte Semi-ur. »Aber es spricht nicht für die Menschenhälfte, die ihr Damen nennt, daß sie sich durch diese erniedrigende Klassifikation angezogen fühlt, daß sie sich durch Marktschreier auf ein Kinderstühlchen setzen läßt. Dieses Sichfügen gegenüber den Versuchen, die Frau zu einem unvollkommenen Wesen, einem Menschen zweiter Klasse zu erniedrigen, gehört gerade zu den hohen Hacken und den aufgetakelten Hinterkörpern, gegen die du eben gepredigt hast. Die ... Damen müßten sich beleidigt fühlen, wenn man sie zu einer Kindermahlzeit für schwache Magen einladet. Und die Männer, die sich damit befassen ... die sind wirklich nicht zu weise, um sich durch eine Pariser Modistin kleiden zu lassen. Eure ganze Gesellschaft steht tief genug. Wie ihr es nun noch fertig bekommen habt, einen Unterschied anzunehmen ... hm! Die ganze Sache kommt schließlich auf Einbildung heraus. Findest du die Männer so weise?«

»Aber bester Semi-ur, wir takeln uns doch nicht so lächerlich auf. Wir ...«

»Weiter! Ich bin neugierig, was du von den Männern zu sagen hast.«

»Wir ... wir...«

Ich war verlegen und suchte einen Ausweg.

»Sieh einmal, zum Beispiel, dies Geschöpf da ...«

»Du solltest ja von den Männern sprechen!«

»Gewiß. Aber sieh doch einmal die Frau an. Jung ist sie nicht mehr ...«

»Sie ist in den Fünfzigern.«

»So scheint es!«

»Ich sage dir: es ist so.«

»Nun, mit ihrer Jugend kann sie sich nicht ausreden wegen ihrer Torheit; sieh einmal, wie sie sich aufputzt ...«

»Du solltest etwas über die Männer sagen!«

»Ja, ja. Aber die Frau. Ist nicht einige Berechtigung vorhanden, Wesen, die ihr ganzes Leben den Nichtigkeiten widmen ...«

»Niedriger zu stellen als die andere Hälfte eurer Rasse, die ihr ... ganzes Leben Wichtigkeiten weiht? Du Prachtexemplar der minder nichtigen Hälfte, ich will dir nur zu Hilfe kommen. Du kennst also diese Frau nicht?«

»Nein doch!«

»Ich aber. Sie ist noch dümmer als du denkst. Ich will dir sagen, was sie im Laufe eines Tages verrichtet. Und, wohlgemerkt, kein Tag gleicht dem vorigen. Aber der Bericht von einem einzigen ist genügend, um ... ein denkendes Wesen ärgerlich zu machen. Des Morgens, bevor sie ein Bad nimmt ... aber du wolltest ja wohl etwas über die Männer sagen?«

»Nein, sprich du nur erst von der Frau.«

»Nun gut. Des Morgens zeigt sie sich in einem Faye-Jupon mit einem Überrock von weißer Gaze. Auf dem Kopfe trägt sie – sie ist über die fünfzig – ein Hirtinnenhütchen von lichtgelbem Stroh mit flatternden blauen Bändern. Wie viel Bänder, das tut nichts zur Sache, aber sie ist über die Fünfzig. Das tut etwas zur Sache, wie? An den Füßen trägt sie etwas wie chinesische Babuschen, kleiner als wohlgemessen möglich ist. Die rosenfarbigen Strümpfchen sehen erstaunt über den Rand, Um den Hals hat sie eine sechsfache Schnur aus türkischen Goldstücken, die nicht wissen, was sie da sollen. Ich weiß es auch nicht, aber ich weiß, daß sie über die Fünfzig ist. Sie kam zur Welt ungefähr, als ihr Oheim starb ...«

Ich muß wohl ein fragendes Gesicht gemacht haben. Semi-ur wenigstens antwortete:

»Na ja, Napoleon der Erste. Laß mich in ihrem ersten Morgenkostüm fortfahren. Dazu gehört noch eine Uhrkette in orientalischem Geschmack und eine dreifache Schnur von Dukaten, die das Vergnügen haben, sich um ihre Hüften zu schlingen.«

Nach einer kurzen Pause fuhr der Gnom fort:

»Ihre zweite Ausrüstung, nach dem Bade, ist folgendermaßen. Ein Kaschmirkleid von weißem Grunde mit sehr breiten roten Streifen. Eine Mantille von anderem Stoff, aber auch rot und ebenfalls gestreift. Sie trägt jetzt einen Strohhut, dessen Kopf so weit wie möglich über der Stirn thront. Der Rand oder die Krempe, als wollte sie gegen das brutale Vorwärtsbringen protestieren, vielleicht auch aus Angst, auf ihre Nase zu stoßen, weist steil nach oben. An der linken Seite hängt eine Guirlande von Eichenlaub herum, zur ... Verzierung, weißt du. In dem ungeheuerlichen Haarwulst steckt eine Nadel mit riesigem Knopf von hochroter Farbe, die feuerroten Bändern, zwei Ellen breit, zum Fahnenstock dient. Aus Besorgnis, wie es scheint, daß all das Rot noch nicht genügen würde, um eine Herde Ochsen oder Truthähne wild und die Herren der Schöpfung verliebt zu machen, trägt sie um die Lenden eine Sorte von Gürtel, der wieder aussieht, wie in Blut getaucht. Alles blüht an dem Wesen, außer ihr selbst. Nein doch, sie hat sich ein Paar Blüten angemalt. Auch die Augenlider und die Augenbrauen sind gefärbt. Und die Lippen! Mit diesen beschmierten Körperteilen wird sie, muß sie, will sie ... ja was? doch nicht etwa küssen, wollen wir hoffen.«

»Laß die Lippen, bester Semi-ur. Bedenke, daß meine Leserinnen lieber wissen möchten, wie sie sich zum Diner anzieht.«

»Bei dieser wichtigen Gelegenheit trägt sie einen Rock von blauer Seide und – über die Fünfzig! – tief ausgeschnitten, sehr tief! Wir wollen nicht untersuchen, ob diese Taktik auf Ochsen oder Truthähne oder Mannespersonen berechnet ist. An den Schultern, unter dem Mieder, und noch hie und da baumeln blaue Quasten. Auf dem Kopfe trägt sie ein Blumenbeet, und um den Hals diesmal nur eine dünne goldene Kette mit einer Brosche von Brillanten ... Ihre vierte oder Abendtoilette ist für den Ball oder das Kasino. Sie besteht aus einem weißen Moiré-Kleid, natürlich mit einer ganzen Masse von Anhängseln, Puffen, Bändern, Schnüren, Festons. Um Hals und Arme trägt sie für hunderttausend Francs an Diamanten. Das ist ganz etwas anderes – ach nein, es ist genau dasselbe wie deine geliebte Knochenfrau aus ... jener anderen Bronzezeit. Ich wage nicht zu sagen, daß die Germanin mehr Geschmack hatte, aber sicher ist, daß sie sich der Geschmacklosigkeit weniger schuldig machte. Und wahrscheinlich verbrachten sie ihre Abende nicht so töricht wie diese. Das Geschöpf tanzt, springt und hüppelt oder – schiebt hin und her – von abends neun bis nachts zwei, am liebsten und beinahe ausschließlich mit jungen Leuten, deren Mutter sie sein könnte. Im Cotillon, der ein paar Stunden dauert, läßt sie keine Figur aus. Keinen Pas im Walzer oder der Polka. Und das will unsterblich sein! und selig werden! Und das verlangt Stimmrecht und Emanzipation! Du bist mir übrigens immer noch etwas über die Männer schuldig.«

»O gewiß. Aber ... wer ist sie?«

»Frau Ratazzi, Bonaparte-Wyse, Prinzessin von Solms. Wenn sie deutsch spricht, nennt sie sich lieber de Solms. Das klingt possessiver und dynastischer, meint sie. Aber du wolltest doch etwas über die Männer sagen?«

»Nun, so verdreht putzen sich die Männer doch nicht aus!«

»Denkst du? Sieh dich doch einmal in der kleinen Welt hier ein wenig um, und in der Welt selbst da draußen. Hast du nie gemerkt, daß sie in Torheit solche Bilder noch übertrifft? Unsere Närrin ist ... beliebt! Sage nun einmal, du Mann, wer liebt sie? Wer läßt sich durch ihre dummen Künste bezaubern? Die Männer doch! Wo solche Ware auf den Markt gebracht wird, müssen Käufer sein! Das Geschöpf hat Mittel gefunden, sich zweimal zu verheiraten. Zweimal also hat ein Mann sie sich an den Hals hängen lassen, mit ihren Zechinen und Flatterbändern und ihrer Nichtigkeit. Zweimal hat sie einen Herrn der Schöpfung zu finden gewußt, der sagte: seht, das ist endlich das wahre Prunk-Idealchen, das ich als Lebenskostüm anziehe! In diese Frau soll meine sehr unsterbliche Seele fortan gekleidet gehen, bis der Tod kommt! ... Zweimal? Wenn Ratazzi stirbt, heiratet sie noch einmal. Paß nur auf! Und nun sprach ich nur von Kauf. Du findest es sonderbar, daß so eine alte Frau mit jungen Leuten tanzt? Was willst du denn von den jungen Leuten sagen, die das Häufchen Albernheit auf eine Viertelstunde mieten, um eine Polka, einen Walzer, einen Cotillon, um ... Gedankenaustausch? Du weißt doch, daß es unter ihnen für eine große Ehre gilt, mit Madame Ratazzi getanzt zu haben? Auch in der Literatur, wie ihr das nennt, hat sie einen Namen. Sie hat Bücher und Büchlein geschrieben, die von den Herren der Schöpfung ganz hübsch gefunden worden. Wahrhaftig, die Männer tragen die Schuld an allem, was man an den Frauen tadelt. Sie sind es – die Männer, hörst du – die Emanzipation nötig haben. Dieses Streben, Neger und Frauen zu befreien, ist ein armselig Deckmäntelchen, um den Zustand der weißen Sklaven und ... die eigene Nichtigkeit zu verbergen.

Deine mikrokosmischen Betrachtungen soeben waren wieder ... männlich-einseitig. Daß die Exemplare des schöneren Geschlechts, die aus allen Windrichtungen nach so einem Badeorte kommen, in der Tat kurios sind, ist wohl wahr. Aber von wem wird dies Geschlecht das schöne genannt? Wer verdirbt es durch lächerliche und nicht einmal ernstgemeinte Verehrung? Kindisches Wesen, Eitelkeit, Gemachtheit, Unkenntnis, Hoffahrt, Aufgeblasenheit, Geschmacklosigkeit ... alle diese schönen Eigenschaften der Frauen der sogenannten Welt – und eure Bauernweiber sind kein Haar besser! – wetteifern triumphierend mit den gleichen Eigenschaften der Geschöpfe allerniedrigster Sorte. Aber noch einmal ... wer will es so? Wem gefällt man damit? Wer läßt sich damit verlocken und fangen? Wer verteilt die Preise auf diesem Jahrmarkt der Torheit? Doch wohl die Männer!

Alles, was du den Frauen zur Last gelegt hast, läuft wohlbesehen auf Lügen heraus. Sie prunken mit einer Haltung, mit einem Gang, mit Formen, die sie nicht haben. Und auch der Eindruck, den sie durch alles das von ihrer Seele geben wollen, ist unwahr. Die passendste Devise der einen Hälfte eures Geschlechts wäre: ich lüg'. Und die andere Hälfte? Alle Tage und überall zeigt sie, daß sie an der Unwahrheit Gefallen findet, ermutigt sie, und ist daher die dauernde Ursache davon. Die Frauen sind wahrhaftig nicht mehr als die Männer zur Lüge geneigt, aber ... wenn nun einmal Falschheit an Leib und Seele auf dem Kauf- und Mietsmarkt verlangt wird, wenn der Geschmack durch das Völkchen bestimmt wird, das die Börse in der Hand hält, durch die Männer ... was dann?«

»Laß die Frauen anfangen ...«

»Ei! Jetzt sollen die armen Geschöpfe gar vorangehen, jetzt! Und sie mußten in allen anderen Dingen, die für wichtiger ausgeschrien wurden, stets den Mund halten, wichtiger zu unrecht ausgeschrien ... aber ihr Männer denkt doch nun einmal, daß euer bißchen Gelehrtheit, euer bißchen Wissenschaft, Politik, eure Reden, euer Zeitungstratsch mehr besagen als Lumpen und Bänder. Glaube mir, laß die Weiber nur eitle Puppen bleiben. Die Männer würden eine dumme Figur machen, wenn sich das änderte ...«

*

Semi-ur ließ sein Taschentuch fallen und ging achtlos davon, als ob er es nicht gemerkt hätte. Ein Herr mit silberweißem Haar und allervornehmstem Aussehen rief ihm nach:

»Pardong, m'sieur, fôtre mouchewaar!« »Entschuldigen Sie, Ihr Taschentuch!« Die Aussprache ist falsch, nach »deutscher« Manier.

Warum oder weshalb der Mann sich entschuldigte, kann ich nicht sagen. Er hatte es wohl von Franzosen gehört und hielt es für fein. Vielleicht gehörte es auch zu der Würde seiner vielerlei Orden. Seine Brust war besät mit Bändchen.

Der kluge Gnom dankte kühl und flüsterte uns zu: »Das ist nun ein Mann ... paß auf! Er hat viele Verdienste ... das sieht man – und ... viel Hunger. Sprich einmal mit dem vornehmen Herrn!«

Nun, der Mann wollte nichts lieber. Wir hörten sofort, daß er Obergeheimrat war und bei Fürsten und Machthabern hoch in Gunst stand, wovon er die Beweise auf dem Rock trug. Einst hatte er zum Gefolge eines außerordentlichen Gesandten gehört, der höchst genial der Prinzessin X. gemeldet hat, wie allergnädigst die Prinzessin Y. einem Knäblein das Leben zu geben geruht hatte: ein grünes Bändchen! Auch war er Sekretär des Schlaumeiers gewesen, der den schönen Rapport über die Uniform der Gendarmen eingereicht hatte: ein rotes Bändchen! Er hatte sich ausgerechnet, daß er ein Vetter des Stationsvorstehers war, der bei der Durchreise einer gewissen Hoheit so blitzschnell ein Fläschchen Au des Carmes zur Hand hatte, als die Bonne der Prinzessin sich den Finger geschrammt hatte: ein purpurnes Bändchen! Und seine Mutter hatte das Kindchen gesäugt von der Amme einer Dame, die beinahe Amme geworden wäre bei ... o he, ein milchweiß Bändchen!

So trug der vielfarbige Mann die Zeichen von allerlei Verdiensten – ohne Ausnahme von gleicher Art – auf seiner schwellenden Brust. Aber gerade heute – kein Mensch kann allezeit klug sein! – hatte er die Dummheit begangen, einer ganz falschen Figur auf der Roulette nachzujagen, und ... deshalb fühlte er sich genötigt zu der Frage: wo die Herren zu speisen pflegten?

Semi-ur antwortete:

»Bei dem Bäcker, Herr Graf! Da kommt jeder zurecht, der einen Groschen in der Tasche hat. Und Wasser können Sie am Faulbrunnen umsonst haben. Es stinkt ein bißchen, aber das darf Sie nicht hindern, Herr Graf!«

Der Mann zog ab.

*

»Muß das nicht eine sonderbare Frau sein,« fuhr mein Begleiter fort, »die für so ein Wesen nicht gut genug ist? Sollten sie ihre Bändchen törichter kleiden als ihn die seinen? Von solchen Herren der Schöpfung ist ... die Schöpfung voll. Und dieser Kerl ist noch keinesfalls der Ärgste ... hm, das ist die Frage. Die Herrschaft der gekrönten Nichtigkeit benachteiligt die Gesellschaft mehr als Missetat. Ein Balken mit Knorren und Splittern ist brauchbarer als verfaultes Holz, und Tiger richten weniger Schaden an als weiße Ameisen. Tiger sind auch selten. Eure ... Civilisation verwandelt sie in Hyänen und Schakale. Siehst du da den Mann, der so eifrig auf den Erdboden sieht? Du denkst, er botanisiert? Ach nein, er tüftelt einen Schurkenstreich aus. Sein gegenwärtiger Beruf ist Räuber-Aspirant mit Schikanen. Aber er ist ein Pfuscher in dem Fach, das wirst du sehen. Eben wie unser Herr Graf von soeben ist er sein Geld los geworden. Er hat schon einem Dutzend unfehlbarer Systeme den Hals gebrochen, oder sie ihm. Darum machte er in Erbschaften am grünen Tisch, aber der unbarmherzige Spielleiter hat ihn an die Luft gesetzt ...«

»Ich weiß, ich weiß,« rief ich.

»Ich sehe, daß du dir sein Signalement gemerkt hast ... desto besser! Ja, der Kerl schimpft nun auf diese verdammten Deutschen! Und siehst du, das ist sein erhabener Racheplan. Von Beruf ist er ... Finanzier, ein Mann von Schwindel- und Banksachen. Mit dem eigenartigen Kombinationsgeist, der ihm eigen ist, will er nun sein Lieblingsfach mit Rache, Patriotismus und Habsucht verquicken. Die deutsche Spielbank – eine französische Gründung übrigens – muß bestraft werden, und zugleich will er sein Geld wieder haben, am liebsten noch etwas dazu. Sein Plan ist ... sublim. Hast du wohl bemerkt, daß die Spieltische des Abends noch mit Öllampen beleuchtet werden? Kommt dir das nicht etwas veraltet vor in dieser Gaszeit?«

Ich mußte das bejahen.

»Siehst du, unser Spekulant sinnt auf Mittel, eine Gesellschaft zusammenzubringen, um Anteile der Bank aufzukaufen. Sobald er über eine genügende Stimmenzahl verfügt, um auf die Verwaltung Einfluß auszuüben, läßt er eine Abhandlung schreiben – ich werde ihm unseren ordenbesäten Grafen empfehlen – über den nachteiligen Einfluß von Ölflammen auf die Gesundheit russischer Spielprinzessinnen. Es muß Gas sein. Gas, natürlich. Und wenn die Sache durchgedrückt ist ... zehn beherzte Kumpane im Saale, vier draußen am Gashahn ... flapp, das Licht aus, und die paar Millionen Franken eingepackt, die in der guten Saison auf all den Tafeln zu fassen liegen! Wie findest du den Plan?«

»Ein bißchen ... unfein, aber praktisch.«

»Nein, er ist toll und dumm. Die Kumpane, die er braucht, wird er nicht finden. Wer Geld hat, um Aktien zu kaufen, stiehlt lieber auf gefahrlose Manier. Dazu dient z. B. das Empfehlen ausländischer Eisenbahnen, je weiter weg, je besser. Es ist doch nett von Russen und Amerikanern, daß sie bei solchen Dingen allerlei Fremden hohe Renten und Dividenden geben. In Geschäften herrscht manchmal ein sonderbarer Edelmut! Von Geschäften gesprochen, wie steht es denn mit deinem? Du suchst Geld, denke ich ...«

»Ach ja!«

»Die ... Spekulation auf ausgedrehtes Licht, davon rate ich dir dringend ab. Und von dem Anpreisen ausländischer Bahnen auch. Das Publikum wird endlich wach werden.«

»Wach? Jetzt erst? Ich habe schon 1864 gewarnt.«

»Nimm an, ich habe den Nachdruck auf das Endlich gelegt. Und deine Geschäfte? Auch ... endlich? Und deine Millionen-Studien? Auch ... endlich?«

»Unter uns, bester Semi-ur. Herr Prellmayer wird ungemütlich, und ich möchte gern ...«

»Geld?«

»Ja, wenn ich nur wüßte!«

»Mensch, weißt du denn noch nicht, was zu tun ist? Nimm es mir nicht übel – oder tu's, wenn du willst – du bist beinahe so dumm wie ein Fachmann. Trachte doch keine alberne Figur in deinem eigenen Mikrokosmos-Kapitel zu machen!«

Das Wort »Mensch« klang wieder so sarkastisch wie in der Versammlung unter der Erde. Alle meine Gnomchen drängten sich spottend, lachend, höhnend um mich herum.

»Krystallisiere etwas!« rief der eine.

»Denke,« sagte ein anderer.

»Lerne rechnen,« schrie a².

»Ja, Rechnen ist die Hauptsache,« versicherte sein negativer Bruder. »Sieh auf mich. Ich schließe mich befruchtend an ein Kameradchen an und wir machen Minus zu Plus. Tu's auch.«

»Das ist's: schaffe Werte!« fügte Semi-ur hinzu.

Und er sah mich freundlich an, als wollte er mir einen Wink geben, daß sein Rat kein Spott sei.

»Schaffe Werte,« wiederholte er. »Das tun wir auch und deshalb heißen wir Gnomen, Wisser! Und darum warf dich die große Fancy-Ananke in das Loch ...«

»Aber ich weiß noch immer nicht. Ich bin kein Gnom. Ich bin nur ...«

»Ein Mensch, na ja! Viel besonderes ist das nicht. Aber das weißt du doch, daß zweimal zwei ...«

Lieber Himmel! Schon wieder!

»Ja, ja, zweimal zwei ist vier, das weiß ich, Gott sei Dank!«

»Dann kannst du zum Beispiel auch wissen, daß Geld zu bekommen ...«

»Die einfachste Sache von der Welt ist,« schnaubte ich ihn an.

»Gewiß! Wer ordentlich auf dem sicheren Fundament zweimal zwei weiter baut, wird glücklich, tugendhaft und selbst – wenn er das will, aber es ist Nebensache – reich

»Geistig, moralisch, figürlich ... ja doch. Aber Prellmayer verlangt Bezahlung in anderer Münze.«

»Auch im ausschließlich Prellmayerschen Sinne kann jemand, der einen Rang bekleidet im Reiche der Gedanken, sein Ziel erreichen. Millionen zu gewinnen ist leichter als Millionen-Studien zu schreiben. Alle Prellmayers der Welt wären nicht imstande, eine der Seiten zu liefern, die du für einen Reichstaler holländisch Courant hergeben mußt. Beschäme die Prellmayerei auf ihrem eigenen Gebiete. Du mußt das können, dünkt mich, wenn du dir dies Ziel für den Augenblick als Hauptsache hinstellst.«

»Aber liebster Semi-ur, es ist mir Hauptsache, mir und den vielen, die von meinem Erfolge ihr Heil erwarten. Ich bitte dich, hilf mir zu den Mitteln dazu!«

»Das geht nicht. Wir Gnomen machen Eisen, und du brauchst Gold. Mache es wie wir ...«

»Mit Eisen ist mir nicht geholfen.«

»Mache es wie wir! Auf Befehl von Logos fügen wir die anwesenden Bestandteile, aus denen Eisen werden kann und muß, zusammen, Suche und füge zusammen, was nötig ist, Gold zu machen. Und nun ...«

Der Kreis der Gnomen wurde dünner und dünner.

»Um Gotteswillen, Semi-ur, verlaß mich nicht! Der Meister – euer Meister – hat mir Hilfe versprochen. Ist denn sein kaiserlich Wort ... Betrug?«

»Was Kaiser tun und lassen, tut nichts zur Sache. Aber Betrug ist nicht im Wort des Meisters der Geister.«

»Dem kann geholfen werden, hat er versprochen ...«

»Dem kann geholfen werden, in der Tat ... wenn Logos es genehmigt. Hast du dich an Logos gewendet? Ohne ihn bist du nichts! Du nicht. Der Meister nicht. Wir nicht, niemand, und ... nichts!«

»Aber ist denn Poesie eine Lüge, eine Lüge?«

»Ohne Logos, ja! Mit Logos, nein!«

»Verfluchte Phantasie!«

»Mensch, lästere Fancy nicht! Auch im Allerkleinsten ist sie mächtig über alles!«

»Was nützt mir ihre Macht, wenn sie sie nicht zu meiner Hilfe anwendet?«

»Das darf sie nicht auf die Art, die du in deiner Dummheit ihr vorschreiben würdest. Sie liefert keine ... Elf mehr – auch dir nicht, hörst du – als die unerbittliche rechtschaffene Buchführung des Seins es gestattet. Du hast ja selbst ausgerechnet, daß weder Spielbanken noch ... Welten bei der geringsten Abweichung von dem Korrekten existieren könnten. Und willst du nun verlangen, daß sie um deinetwillen sich selbst nichts wäre? Daß sie, die treue, logische, exakte ...«

»Aber welchen Nutzen gibt mir solch ... negatives Resultat?«

»Vielleicht war der Zweck, dein Urteil für das zu schärfen, was ihr Menschlein positiv nennt.«

»Aber die Prellmayers sind nun einmal solche Menschlein!«

»Du auch! Passe also deine Gaben menschlichen Geschäftchen an, Sie dürfen dir nicht fremd sein. Tue vor allem ihr den Schmerz nicht an, daß ihr Schützling, auf welchem Gebiete immer, tiefer zu stehen scheinen als ... andere. Übe dein Denkvermögen, paß auf, rechne, vergleiche, krystallisiere, bringe das zu Vereinigende zusammen und behalte vor allem den Rat von a 2 im Auge. Tue deine Dichterpflicht durch Schaffung von Werten, die gangbar sind ... selbst auf dem Markte der Prellmayer und Konsorten! Sie verlangt es von dir ... lebe wohl!«

Ach!

Trostlos warf ich mich zur Erde, barg mein Gesicht im Grase und flehte ...

Die Gnomen waren verschwunden, und ich war allein mit meiner Sorge.

Ach, es war wahr geworden, was sie mir prophezeiten: ich selbst machte in meinem Mikrokosmus die allertraurigste Figur!

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