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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Alles in allem

Der Vorsitzende ersuchte den Schriftführer, das Protokoll der letzten Sitzung vorzulesen.

Das alte Gnomchen, das die Obliegenheiten eines Geheimschreibers besorgte, kam der Aufforderung nach, und ich bekam so zu wissen, mit welchen Dingen die unterirdischen Männchen sich beschäftigt hatten, lange ehe ich daran dachte, sie zu besuchen.

Die behandelten Gegenstände waren meist ökonomischer Natur. Selbstverständlich spielte die Ökonomie des Eisens die Hauptrolle.

Ein Gnom, der als Inspektor auf die Kruste geschickt worden war, lieferte einen ausführlichen Bericht über den zunehmenden Verbrauch der Stahlfedern, von denen er ein Exemplar zur Besichtigung mitgebracht hatte. Das Ding machte die Runde, und jeder sagte etwas dazu. Als es an mich kam, gab ich mir alle Mühe, es mit geheucheltem Interesse zu betrachten, und vorsichtig, als fürchtete ich etwas an dem kostbaren Gegenstande zu beschädigen, gab ich es an meine Nachbarn weiter. Ich wollte doch die guten Burschen, die sich mit der eroberten Kuriosität so eifrig beschäftigten, nicht merken lassen, daß ich eigentlich so einem Instrument nicht viel Wert zuschreibe. Die Freude meiner Wirte machte auf mich den Eindruck der Naivetät, und ich fürchtete schon für den Ausgang meiner Studien.

Aber das wurde gleich anders, als ich hörte, unter welcher Bezeichnung die importierte Seltenheit einen Platz in dem unterirdischen Museum bekommen sollte.

Das Männchen, das die Feder mitgebracht hatte, sagte, es wäre ein Werkzeug, mit dem man vor oberflächlichen Zuschauern seine Gedanken verbergen könne, und mit seiner Hilfe könnten oberflächliche Denker sich so anstellen, als ob sie Gedanken hätten.

Der Vorsitzende sprach dem Eifer des Gnomen, der solch kostbar Beispiel menschlicher Betriebsamkeit heruntergebracht hatte, den Dank der Versammlung aus, und einstimmig wurde beschlossen, für den Bedarf an dem Metall, aus dem so nützliche Dinge gemacht werden konnten, ausgiebig Vorsorge zu treffen.

Auch das Blei kam an die Reihe.

Die Versammlung beschloß eine Mißbilligung für die Verschwendung der Menschen. Es wurde bei dieser Gelegenheit eine Statistik vorgeführt, aus der man sehen konnte, wie wohlverstandenes Heldentum sich zeigt in der Kunst, vorbeizuschießen und nicht getroffen zu werden, zwei Künsten, die sich zusammenfassen lassen in der einen, Distanz zu halten und davonzulaufen.

»Die glauben da oben wohl, daß wir hier unten das Metall umsonst haben,« sagte der Vorsitzende mißbilligend. »Der Meister hatte mit seinem Bastardneffen Moritz von Sachsen einen Kontrakt gemacht, daß er uns die Toten gegen ihr Gewicht in Blei liefern sollte, und jetzt nehmen sie zweihundertzweiundsiebzig Pfund für den Mann. Ich glaube es wohl, daß sie über Übervölkerung klagen. Ist das eine Ökonomie!« Hier fügt bei Dichter eine längere Anmerkung bei, in der er auseinandersetzt, daß der Präsident recht hatte. Bei Solferino haben die Österreicher 8 400 000 Gewehrschüsse abgegeben, getroffen wurden nur 10 000 Franzosen und Piemontesen, und nur 2000 davon waren tot. Also 800 Schüsse, um einen zu treffen, und 4200, um einen zu töten. Man stand eben in höflicher Entfernung voneinander. Eine weitere Rechnung zeigt eine Abnahme der Treffer zwischen den Feldzügen 1866 und 1870. Im österreichischen Kriege hatten die Preußen 1,5 % Treffer, im französischen bloß ¾ %. Von 3453 deutschen Verwundeten bei Metz waren 95,5 % durch Chassepotkugeln, 3,7 % durch Kanonenkugeln und nur 0,8 % durch Bajonett oder Säbel verwundet. Man sieht, sagt Dekker, daß unsere Kriegshelden an der Sache nur Gefallen finden, solange es eine Spielerei ist. Fordert ordentliche Arbeit für euer Geld, und die Geschichte hört sofort auf. Die Kriege, die dann noch geführt werden, werden nützlich sein; – jetzt führt jede dumme Katzbalgerei zu neuem Streit, oder noch dümmer, zu bewaffnetem Frieden ... Ob Niederland verteidigt werden kann? Durch Militärs nicht, denn die machen eine Frage daraus! Zehntausend Männer, die zu sterben erstehen – Hofer hatte so viel nicht – und kein Feind kommt über die Grenze! Die preußischen Generale würden sich mit solch kriegsunkundigem Volk nicht einlassen wollen. »Gar zu unanständig!« würden sie sagen.

Nach einiger Unterhaltung über diesen Gegenstand wurde beschlossen, eine erhebliche Dosis mephitischer Dämpfe und Anweisungen zur Verfälschung von Lebensmitteln hinaufzuschicken, um durch die Konkurrenz den Krieg zu etwas mehr Eifer zu zwingen.

Nun kamen die eigentlichen Vorträge an die Reihe.

Die Zahl der vorgemerkten Redner war so groß, daß mir, trotz meines heißen Wunsches, etwas von den Spielbanken zu lernen, schwül zu Mute war. Reden nämlich ...

Warum redest du denn selber? rief einmal einer dem Emile de Girardin zu, als dieser schon viele Worte verschwendete, um zu zeigen, daß Worte nichts wert sind.

Ich muß dem Leser ein Geständnis machen.

Von Jugend auf war es mir unmöglich, eine Rede oder eine Predigt mit Aufmerksamkeit bis zu Ende anzuhören, und ich finde also, daß Girardin genügend unrecht hatte, als er bewies, daß er recht hätte ... was ich übrigens vollkommen zugebe.

Wer länger oder anders spricht, als mit den strikten Forderungen des Disputs vereinbar ist, wird schläfrig und macht schläfrig ... oder etwas Schlimmeres. Ja, die Greuel, die auf diesem Gebiete geleistet werden, sind himmelschreiend, ganz außer Vergleich mit dem gesundheitfördernden Kriege, der so viele Menschen am Leben erhält. Ein Beispiel, Leser!

Ein Tyrann hatte einen Feind, den er beseitigen wollte, Er schickte seine Knechte, nacheinander oder alle zusammen, aber sie kamen unverrichteter Sache wieder. Dolch und Gift schienen auf die zähe Konstitution dieses bösen Gegners keinen Einfluß zu haben. Das Rädern machte ihm nicht das Geringste, und nachdem sie ihn zwischen zwei Brettern in allen Richtungen zersägt hatten, fügten sich die Stücke wieder zusammen, als wäre es gar nichts. Unser Tyrann beklagte sich, er würde schlecht bedient, und ließ, um den Eifer seiner Höflinge anzufeuern, von seinem Hofpoeten eine Ode auf den klugen Phalaris machen. Augenblicklich wimmelte das Land von ehernen Stieren, in denen der Alp des Königs gebraten wurde. Nutzte nichts! Denn die einzige Klage, die man von der Patientin hörte – ich habe vergessen zu sagen, daß der zu mordende Feind eine Feindin war – bestand darin, daß sie sich zu erkälten fürchtete, und einmal, nachdem man sie gebacken hatte, kam sie wirklich halberfroren zum Vorschein. Ein Weiser schlug vor, sie verhungern zu lassen. Man versuchte auch das, aber es war wie vorher. Es war als ob sie das Hungern von altersher gewöhnt wäre, und anstatt abzufahren, begann sie nach einer langen Zeit des Fastens vor Fettleibigkeit auseinanderzugehen. Unser Fürst Gewalthaber war ratlos und versprach drei Königreiche für einen gehörigen Märtyrertod.

Ob der Preis bar ausgezahlt worden ist, weiß ich nicht, aber fällig wurde er. Ein genialer Henker hat die Patientin totgeredet. Sie hieß Demokratie.

*

Der sehr einsichtsvolle Leser wird sich vorstellen können, wie unangenehm mir nach diesem die Aussicht war, eine solche Methode auf meine geliebte Wahrscheinlichkeitsrechnung anwenden zu sehen.

Wahrscheinlich war auch diese Angst auf meinem Gesicht zu lesen, denn eines der Mitglieder der Versammlung beruhigte mich ungefragt. Er versicherte mir, daß die Redner der Unterwelt niemals eine Disposition aufstellten, in wie viel Teile die Zuhörer ihre Aufmerksamkeit spalten sollten, und daß die Sprecher sich auch nie an den Text hielten. So kommt es, sagte er, daß die Zuhörerschaft fortwährend durch die eine oder andere unerwartete Wendung wachgeschüttelt wird. Da nun ferner die Nutzanwendung manchmal an die Spitze, manchmal in die Mitte gestellt wurde und man höchstens ausnahmsweise die Rede damit schließe, so könnte keiner vorher wissen, in welchem Augenblick er überzeugt oder gefühlvoll oder begeistert sein sollte, und man müßte sich immer auf alles gefaßt machen. Auch käme es manchmal vor – und das würde wohl auch heute sein, daß der Vortrag durch Demonstrationen erklärt würde. Nun, ich erfuhr sofort, daß das die lautere Wahrheit war.

Der erste Redner, der auftrat, hatte ein Bündel junge Leute in der Hand, die er neben seinem Zuckerwasser hinlegte. Sein Thema lautete: Genaue Untersuchung, ob die deutschen Badeortskellner Menschen sind.

»Siehst du,« sagte mein Nachbar, »nun mußt du schon wach bleiben. Wahrscheinlich schneidet er sie auf, und wer wird das nicht sehen wollen?«

Ich mußte zugeben, daß das Thema mich sehr interessierte, besonders weil ich durch den großen Abstand von dem, was ich erwartete, genötigt war nach einem Zusammenhang zu suchen. Der geehrte Sprecher behandelte, zu Anfang systematischer als ich gefürchtet hatte, den Kellner nach seinen äußeren und inneren Eigenschaften. Ohne meinerseits auf Genauigkeit in der Reportage Anspruch zu machen – das wirkt manchmal nachteilig auf Geist und Urteil, und da ich noch nicht Chefredakteur bin, kann ich das noch nicht entbehren – will ich einen Teil seines Vortrags wiedergeben. Wer wohlwollend ist, denke sich einen Kupferstich dazu.

Der Redner löste das Band, mit dem seine Studienexemplare wie ein Bündelchen Sprotten zusammengeschnürt war, nahm eins davon zwischen Daumen und Zeigefinger und demonstrierte:

»Röckchen ... schwarz, wie beim Menschen. Die Schlippen aufzuheben ...«

Und er tat es und zeigte das Hinter-Unter-Mittelteil seines Objektes den erstaunten Blicken seiner Zuschauer, die einstimmig riefen:

»Ein Mensch! ein Mensch! ein richtiger Mensch!«

»Langsam, geehrte Zuhörer. Wahre Wissenschaft überstürzt sich nicht. Klopft mal drauf.«

Die lernbegierige Menge machte von der freundlichen Einladung einen ausgiebigen Gebrauch. Und:

»Er schreit ... er schreit!« klang es durch das Gewölbe.

»Ja, er schreit ... wie ein wirklicher Mensch. Betrachtet man nun aufmerksam diesen weißen Lappen, diese Weste, diese Tuchnadel, diese Uhrkette ...«

»Ein Mensch, ein Mensch!«

»Hm ... wollen sehen! Seht dieses blonde Haar, mit Pomade verschmiert, und sorgfältig links gescheitelt ...«

»Ein Mensch, ein Mensch!«

»Möglichkeit, geehrte Zuhörer, ist noch keine Wahrscheinlichkeit oder wenigstens nicht immer das Wahrscheinliche. In allen Fällen ist es keine Sicherheit. Hüten wir uns vor unwissenschaftlicher Übereilung. Das Objekt, das ich die Ehre habe vorzuführen, besitzt noch mehr Eigenschaften, die den oberflächlichen Beschauer zu der Ansicht bringen könnten, daß wir es hier in der Tat mit einem Exemplar der verehrten Rasse zu tun haben, die heute abend bei uns durch eines ihrer ausgezeichnetsten Mitglieder vertreten ist.«

Dieser Gnom war gar nicht so dumm.

»Nase, Mund, Ohren, Bärtchen ... alles wie beim Menschen,« fuhr der Redner fort ...

Um auch den entfernter Sitzenden Gelegenheit zu geben, sich davon zu überzeugen, drehte er dem armen Kellner den Kopf ab und warf ihn in den Saal. Das wißbegierige Publikum beguckte den Kopf sorgfältig und hielt ihn neben meinen. Die Ähnlichkeit muß wohl sehr überzeugend gewesen sein, denn alle riefen wieder um die Wette:

»Ein Mensch, ein Mensch!«

»Seht, verehrte Brüder, wenn wir den linken Arm entblößen, finden wir, daß er geimpft ist, und in der linken Brusttasche finden wir den Taufschein ...«

»Ein Mensch, ein Mensch!«

Der Redner nahm darauf ein zweites Exemplar aus dem Bündel und kniff drei, vier Sprachen heraus ...

»Ein Mensch, ein Mensch!« schrien wieder alle.

»Ihr seht, verehrte Zuhörer, nach dem Herauskneifen dieser Sprachen ist er schlaff und tot. Alle seine Lebensgeister bestanden in der Fähigkeit, manche Dinge auf drei verschiedene Arten zu nennen. Er konnte chou, Kohl, Kraut, cabbage und hazepeper sagen. Sehen wir uns das Ding mal von inwendig an. Blut ... rot.«

»Ein Mensch, ein Mensch!«

»Rippen, Nerven, Sehnen ...«

»Ein Mensch, ein Mensch!«

»Bis jetzt, ja. Aber was sehen wir weiter. An Stelle von Herz, Niere, Eingeweiden ...«

Alle die Männchen wurden nun aufgeschnitten, und die Gegenstände, die zu Tage kamen, lieferten eine sonderbare Sammlung. Man fand Kreuzer, Franken, Schillinge, Groschen, Zuckerstücke ...

Das fand ich nicht so auffällig, aber jetzt wurden uns Dinge von etwas anderer Art geboten. Ich begriff, daß der Übergang nicht allen Zuhörern so schnell zum Bewußtsein kam wie mir. Da waren Rechenfehler, Faulheit, Eigennutz, Frechheit, Galle, Neid, Anlage zur Spekulation in ... diesem oder jenem, Chikanen, Reden, Statuten von Friedensgesellschaften, Wahnsinn, Kataster- oder agrarische Gesetze, Philanthropie, Wohltätigkeit, Schwatz-, Schreib-, Ehr-, Hab- und andere Sucht, bei einigen fand man sogar – gar nichts. Das waren die dicksten.

Die Versammlung war schon nicht mehr so überzeugt, daß solche Kellner unter die Menschen zu zählen wären, und ich hörte schon von Mißformen flüstern.

Der Sprecher gab nun eine ausführliche Beschreibung von den Eigenschaften, die den wahren Menschen auszeichneten, und als man nun gerade den Schluß erwartete, daß also die dem nicht entsprechenden deutschen Badeortskellner keine Menschen wären, erzählte er mit einem Male, das nicht sicher behaupten zu können, weil er, in Ermangelung einer genügenden Zahl von Kellnern, seine Versuche an anderen Exemplaren angestellt hätte, die seiner Ansicht nach Kellnern genügend glichen: Kaufleuten, Banquiers, Staatsmännern, Advokaten, Schriftstellern u. s. w.

Das hätte ich wissen sollen! Es ärgerte mich jetzt, daß ich nicht ganz vorne gesessen hatte, als er zu Anfang die Empfindlichkeit seiner Beispiele einer öffentlichen Probe unterwarf.

Der Sprecher trat ab, nachdem er noch mitgeteilt hatte, daß er bei nächster Gelegenheit seine Kraft an der Frage versuchen wolle: ob ein Mensch Kellner sein könne? Was er bei der Gelegenheit aufschneiden wird, das weiß ich nicht.

Einer der Quästoren gab dann den Befehl, die benutzten Studien-Exemplare wegzufegen und nach einiger Reparatur wieder auf die Kruste und an ihre Arbeit zu setzen. Das ist denn auch, so gut es ging, geschehen.

*

Jetzt trat ein anderer Redner auf, der uns zu einer Betrachtung des Weltalls einlud. Anscheinend im Widerspruch mit seiner Versicherung, daß er nichts auslassen wolle, war dieser Vortrag sehr kurz, da er sich auf die Erklärung beschränkte, daß zweimal zwei ihm vier zu sein schiene. Von dieser Grundwahrheit, sagte er, hingen alle übrigen Dinge ab. Die Begeisterung der Versammlung bei dieser bündigen Verhandlung war unbeschreiblich.

Der Gnom % hatte den arithmetischen Teil der Sitzung übernommen. Er verzichtete aber auf das Wort, »weil der geehrte Vortragende, der soeben die Tribüne verlassen habe,« und dem er bei dieser Gelegenheit den Ehrennamen »Weltallmännchen« zuerkannte, ihm das Gras vor den Füßen weggemäht hätte.

Ähnlich äußerten sich die Kobolde Halbdreizehn, 317 ½ a und noch ein paar andere. Es ging mir ein Schreck durch die Knochen, daß meine geliebte Wahrscheinlichkeitsrechnung ebenso peremptorisch behandelt werden könnte. Diese Gnomen sind sonderbare Käuze, man kann von ihnen alles erwarten, denn sie haben nun einmal die Gewohnheit, immer einen mit Überraschungen zu ärgern. Deshalb hoffte ich wieder auch, daß meine begründete Furcht grundlos bleiben würde, und darin irrte ich mich wieder. Als ob die Kerlchen mir meine Angst angesehen hätten, legten sie es gerade darauf an, diesmal gerade zu tun, was ich nach dem Vorausgegangenen zu erwarten hatte, und was ich deshalb eben nicht erwartete.

Ich wurde nämlich jetzt zum lauschenden Zeugen der Beredsamkeit von a², der unter lautem Beifall der Versammlung versicherte, daß alle Wahrheiten sich in dem Grundsatze auflösten, daß zweimal zwei vier ist.

Einer der Anwesenden hatte keinen Beifall gespendet. Man sagte mir, das wäre der grimme Gegner des vorigen Redners. Mit großem Vergnügen hörte ich, daß er das Wort verlangte, und zwar zu einer persönlichen Bemerkung.

»Wie heißt das Mitgliedchen?« fragte ich.

»Jetzt wirst du etwas hören! Er ist wütend auf den anderen. Nord und Süd, Welf und Ghibellin, Glaube und Güte, Wohltätigkeit und Recht, Volksglück und Politikerei, Mut und Kriegskunde stehen nicht weiter auseinander als er von a² ...«

»Ich will ja alles gern glauben, aber wer ist es denn?«

»Na, der berühmte minus a²! St! er fängt an.«

Ich atmete auf.

An das Aufeinanderplatzen der Ansichten gewöhnt, das auf unserem Weltbällchen schon seit Jahrtausenden so viel Licht verbreitet, erschien mir die Einstimmigkeit dieser Gnomen etwas lau und wenig wahr. Ich vermißte Reibung und Widerspruch, und Freund »minus a²« sollte die liefern. Er war es seinem Namen schuldig.

»Sehr geehrte Zuhörer. Der faule Kopf, der eben von der Tribüne abgesaust ist ...«

»O, o,« flüsterte ich, »der ist aber unhöflich.«

»Negativ, Mensch, negativ! Gleich wird er selber waschlappig sein. Multipliziere das dann. Das Resultat ist positiv human ... wie ihr da auf der Kruste das nennt.«

Das negative a-Quadratchen fuhr fort:

»Dieser positive Wicht, der euch in den Mund schmieren wollte, daß zwei mal zwei vier ist, hätte besser getan, wenn er seine Unwissenheit ein wenig verborgen hätte, statt sie so frech dem Lichte unserer Talglichter auszusetzen. Die wahre Vier besteht und minus zweimal minus zwei. Und darauf beruht alles, was existiert. Ich habe gesprochen.«

Diese Rede wurde auf verschiedene Weise aufgenommen, und ich erfuhr auf diese Weise, daß die Versammlung in zwei Parteien zerfiel, die Negativisten und die Positivisten. Mein erster Gedanke war, ob wohl Auguste Comte sich im Saal befände? Mein Nachbar sagte aber, daß die Gnomen, wenn es auch manchmal anders aussähe, doch völlig bei Verstande wären. Ich suchte deshalb nicht länger.

Es fiel mir auf, daß (-a)² von einer persönlichen Bemerkung gesprochen hatte. Auf meine Frage, wieso das käme, erhielt ich die Aufklärung, so machten es diejenigen, die nicht warten könnten, bis die Reihe an sie käme. Dieser brave (-a)² war unter den letzten Rednern aufgeschrieben, aber wegen der persönlichen Bemerkung hatte man ihn einige hundert Nummern vorhergestellt.

Als dieser Zwischenfall erledigt war – die Widersacher schienen, nachdem sie die Tribüne verlassen hatten, gar nicht mehr aufeinander böse zu sein – kam der Gnom 7:22 heran.

Dieser beklagte sich über seine Unvollkommenheit, aber er könne nichts dafür. Zweimal zwei wäre nun einmal vier, und er müsse deshalb mit seiner mangelhaften Existenz, die, wie alles andere, auf jener Grundwahrheit beruhte, vorlieb nehmen.

Durch herzlichen Beifall gab die Versammlung zu erkennen, daß sie damit einverstanden war.

Der nun folgende 113 : 355, wenn er auch ein wenig respektabler aussah als sein Vorgänger, hatte doch denselben Familienzug. Auch glich seine Rede der des vorigen, wie eine Schwester oder wenigstens eine Base. Es stände besser um ihn, versicherte er, wenn nicht zweimal zwei vier wäre. »Diese Grundwahrheit, geschätzte Zuhörer, aus der sich alle Erscheinungen ergeben, müssen wir respektieren.«

Eine dritte Quadratur des Kreises, mit so viel Ziffern im Namen, daß man sie für eine Kriegsentschädigung in Pfennigen halten könnte, wiederholte ziemlich dasselbe. »Ich kenne und beklage meinen Fehler,« seufzte der Bursche, »aber ihr wißt, zweimal zwei ...«

Nun ja, das wußten wir.

Logarithmus, ein nettes flottes Kerlchen, betrat hierauf die Tribüne. Er fühlte sich durch besondere persönliche Dankbarkeit zu der Erklärung genötigt, daß zweimal zwei vier sei. »Soll ich die Grundwahrheit, der ich meine Existenz zu danken habe, nicht loben? Geehrte Zuhörer, ich tue es hiermit und habe gesprochen.«

Es folgten gleiche Zeugnisse von Binomium, Pi, Magnet, Deklination, Strahlenbrechung, Elektron, Donner, Hagel, Affinität, Nervenleben, Instinkt.

Alle und jeder sagte dasselbe.

Da waren: Solon, Chilon, Pittakus, Thales und Kleobulos, Bias und Periander ... Merkur, Venus, Luna, Sol, Mars, Jupiter, Saturn ...

Alle diese Homunkelchen und viel mehr noch, traten auf und versicherten, daß zweimal zwei vier ist, und daß auf dieser Grundwahrheit alles beruhe. Hieraus konnten, nach ihrer Meinung, sowohl die sonderbarsten als die uns einfacher vorkommenden Erscheinungen auf dem Gebiet der Moral, Welt- und Menschengeschichte, Staaten- und Naturkunde, Wissenschaft, Kunst, Industrie, Handel, alles mit einem Wort, mit der größten Bequemlichkeit erklärt werden.

Wohl möglich. Aber ich wollte gern etwas von der Wahrscheinlichkeitsrechnung wissen.

Nicht ohne Spannung sah ich deshalb einen Redner auftreten, der mir als Spezialität dieses Fachs gezeigt worden war. Er hieß Huyghens, Stevin, de Gelder, Lobatto oder so ähnlich. Vielleicht auch Leibniz oder Descartes. Man sagte mir, er sei Direktor des unterirdischen Versicherungsamts gegen unregelmäßiges Abweichen der Magnetnadel.

Endlich also sollte ich etwas, was mich interessierte, hören, denn ich verstand wohl, daß ich in meinem Lieblingsstudium mit Abweichungen zu tun haben würde. Ich spitzte die Ohren.

»Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, geschätzte Zuhörer, ist die einfachste Sache von der Welt. Sie beruht auf der Grundwahrheit ...«

Leser, kannst du es mir verdenken, wenn ich nun allmählich ungeduldig wurde? Und daß diese Unzufriedenheit in Ärger überging, als dieser Strabbe, Adam Riese, Aristoteles oder wie der Kerl hieß, anfing und endete mit dem Satze, den du nun wohl schon einigermaßen kennen wirst?

Aber ich verbiß meinen Ärger, weil nun Semi-ur an der Reihe war, das Krystallmännchen.

Einer meiner Nachbarn flüsterte mir zu, daß dieser Sprecher wichtige Dinge vorzutragen habe, und daß ich gut tun würde, ihm sorgfältig zuzuhören. Nun, ich tat es.

»Unser geehrter Vorsitzender,« begann Semi-ur, »hat mich beauftragt, in resümierender Weise noch einmal eine deutliche Erklärung aller der Gegenstände zu geben, die von den vorigen Rednern behandelt worden sind. Nicht als ob die geehrten Kollegen ihrer Aufgabe nicht genügt hätten, sondern um noch besser als bisher dem Wunsche des sehr geehrten Menschen zu entsprechen, der diese Versammlung besucht und etwas lernen will. Höchstwahrscheinlich wünscht er, nach Art seiner Rasse, noch eine Zusammenfassung des Verhandelten. Dies Verlangen erklärt sich aus dem Grundgesetz ...«

»Daß zweimal zwei vier ist,« rief ich.

»Der Mensch hat es gesagt,« nahm Semi-ur sein Wort wieder auf. »Um seinem Wunsch zu genügen, bringe ich in Erinnerung, daß das Eisenwerden, die Schöpfung, Stein-, Pflanzen- und Tierwuchs, das Leben, Krebs, Pest, Städtebau, Annexion von Fürstentümern, Prostitution, Geschichte, Politik, Liebe, Hoffnung, Furcht, Darwinismus, Millionen-Studien, Wahrscheinlichkeitsrechnung ...«

»Die allereinfachsten Dinge sind,« rief ich.

»Der Mensch hat es gesagt. Alle diese Dinge sind eins, gleichartig, homogen, einander erklärend, helfend, fördernd, verdrängend, ersetzend, ergänzend. Sie sind: das Sein. Meine Aufgabe ist nun, diesen Zusammenhang zu erklären, und ich berufe mich dazu auf das ewige Gesetz der Krystallisation. Die Krystallisation, sehr geachtete Zuhörer, ist ...«

»Die einfachste Sache von der Welt,« rief ich.

»Der Mensch hat es gesagt. Diese einfache Sache beruht nun auf der ebenso einfachen Grundwahrheit ...«

»Daß zweimal zwei vier ist,« schrie ich.

»Der Mensch hat es gesagt,« wiederholte der Redner mit unerschütterlicher Würde. Wir können nun die Versammlung schließen, in der begründeten Hoffnung, daß unser sehr verehrter Gast, nach den urteilzeigenden Unterbrechungen, mit denen er so wohlwollend den wichtigsten Teil meiner Aufgabe auf sich genommen hat, nun auch begreifen wird, wie alles in allem ist.«

Der Hammer fiel – und ich saß in Unterhose und Jacke beim Frühstück auf Zimmer 32 des Hotels Zum gelben Adler zu Wiesbaden ...

Uff!

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