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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Miele war fünfzehn Jahre alt geworden. Sie war ein schlankes, aber etwas blasses und mickriges Ding. Doch ihr Vater, ein kinderreicher Kossät in der Nähe von Apolda, erklärte ihr eines Tages, daß sie von jetzt ab selber für ihren Lebensunterhalt sorgen müßte.

Es dauerte auch nicht lange, so hatte er im Amtsblättchen eine Gelegenheit für sie gefunden. Da war eine verwitwete Frau Ökonomierat Behring in Weimar, Grunstedterstraße 26, die ein Mädchen zur Aufwartung suchte.

Miele, die schweigsamer Natur war, sagte zu der Sache weiter nichts als ihr »Ja–e« und zeigte weder Freude noch Betrübnis. Und am nächsten Morgen, nachdem ihr der Vater die Mitteilung gemacht hatte, legte sie in aller Frühe ihr Sonntagskleid an, setzte ihren Strohhut mit den Kornblumen auf, machte sich ein Bündelchen zurecht, sagte in ihrer einsilbigen Weise Eltern und Geschwistern Lebewohl und marschierte das Stündchen Weg von ihrem Heimatsdorf nach Apolda, wo sie auf dem Bahnhof den nächsten Zug nach Weimar abwartete.

Der Zug kam. Miele kletterte in ihre vierte Klasse hinein, und eine gute halbe Stunde darauf stolperte sie 4 in Weimar mit ihrem Bündelchen ans dem Waggon heraus und machte sich auf die Suche nach der Grunstedterstraße und der Frau Ökonomierat Behring.

Es dauerte nicht lange, so stand Miele vor einem eisernen Gitterstaket, das einen Blumengarten gegen die Straße abschloß. In dem Hintergrund des Gartens aber stand ein feines Haus aus gelben Backsteinen und Verzierungen um die Fenster herum. Über der Tür war ein großer Engelskopf mit Flügeln über einem großen steinernen Schild, auf dem ein Spruch stand.

Miele bekam vor lauter Respekt Angst, aber schließlich faßte sie sich einen Mut, öffnete die Gittertür, und bald stapfte sie mit ihren schweren Lederschuhen zwei Treppen hinauf, die von oben bis unten mit einem bunten Tuch belegt waren. Und nun stand sie vor einer Tür mit einem kleinen lackierten Briefkasten, unter dem auf einem blankgeputzten Messingschild »Frau Henriette Behring« zu lesen war.

Unter Herzpochen tippte Miele auf ein weißes Porzellanknöpfchen, worauf sich sogleich ein helles Schrillen erhob.

Es dauerte eine Weile. Aber dann öffnete sich drinnen, wie Miele durch die Glasfenster sehen konnte, eine Tür. Es wurde hell, und eine kleine dicke Gestalt kam heran. Miele hörte, wie sie humpelte und fest und taktförmig mit einem Stocke aufstapfte.

Und nun öffnete sich die Tür, und eine kleine dicke Dame in einem schwarzen Kleid stand vor Miele. Die eine Hüfte war der kleinen Dame hoch und rund 5 herausgewachsen, und die kleine runde Hand umpreßte derb die Krücke eines dicken Knotenstockes. Die feine alte Dame, die also die Frau Ökonomierat Behring war, hatte eine mächtige krumme Nase und Augen, die groß und rund wie Eulenaugen und von buschigen grauen Brauen überragt waren, und mit diesen Augen starrte sie Miele streng und fragend an.

»Gu'n Tag!« stammelte Miele.

Darauf erwiderte die Frau Ökonomierat zuerst ganz und gar nichts. Dann aber fragte sie plötzlich mit einer so mächtig tiefen Baßstimme, daß Miele zusammenfuhr: »Du kommst wohl wegen der Stelle?«

»Ja–e!« stotterte Miele leise.

»Hm!« brummte die Frau Ökonomierat, wieder erst nach einer Weile. »Na, da komm mal rein!«

Langsam und blöde folgte ihr Miele und trat hinter ihr in ein helles Zimmer.

Die Frau Ökonomierat humpelte auf einen großen Ledersessel zu, der an dem einen der beiden Fenster vor einem Nähtischchen stand, und ließ sich umständlich mit einem furchtbar sorgenvollen und geärgerten Gesicht nieder.

»Na, mache doch mal die Tür zu!« rief sie zornig mit ihrer grobschlächtigen Baßstimme, nachdem sie sich zurechtgerappelt hatte.

Miele hatte in ihrer Blödigkeit ganz vergessen, die Stubentür hinter sich zu schließen. Schnell drehte sie sich um und machte zu.

»Haste denn 'n Zeugnis?« fragte die Frau Ökonomierat jetzt beruhigter.

6 »Ja–e!« machte Miele eifrig.

Und flugs zog sie ein Kuvert aus ihrem Bündelchen hervor und kam von der Tür her, wo sie bis jetzt gestanden hatte, mit ihm zu der Frau Ökonomierat hinüber.

Die Frau Ökonomierat nahm Miele das Kuvert ab und langte sich mit grappsenden Fingerbewegungen ein dunkelgrünes, länglich schmales Lederfutteralchen vom Nähtisch her, aus dem sie eine Brille hervorzog. Umständlich und mit hochgezogenen Brauen setzte sie sich die Brille auf ihre mächtige, krumme Nase, öffnete das Kuvert und entfaltete das Papier, das darin stak.

Aber auf dem stand folgendes:

Ich bestätige gern, daß meine Konfirmandin Emilie Zabel ein ordentliches, akkurates, bescheidenes und arbeitsames Mädchen ist, und wünsche ihr in der Stellung, die sie antreten will, alles Glück.

O . . ., d. 15. Mai 1890. E. Nordmann, Pastor.

»Hm!« brummte die Frau Ökonomierat, nachdem sie diese Zeilen gelesen. »Also eine Stelle haste noch nich gehabt?«

»Nä!«

»Wie alt biste denn?«

»Sechzehn wer' ich nu.«

»Haste denn auch Kraft?« fragte die Frau Ökonomierat mit einem bedenklichen Blick.

»Ja–e!«

Miele mußte zu der Frau Ökonomierat hinkommen, die ihren Arm ergriff und ihn befühlte. Aber, sieh da! der dürre Arm hatte Muskeln, und es war zu merken, daß Miele schon schwere Arbeit getan hatte.

7 »Feinere Arbeit kannste wohl nich?«

»Ja–e! Stricke! – Oo nähe!«

»So! – Auch! Auch!« verbesserte die Frau Ökonomierat.

Miele verstand erst gar nicht. Aber dann wurde sie rot.

»Na, dann will ich dich annehmen. – Du hast dir da Sachen mitgebracht?« Die Frau Ökonomierat zeigte auf das Bündelchen.

»Ja–e!«

»Dann kannste also gleich bleiben. – Du kriegst von mir sechzig Mark das Jahr.«

Miele schwieg. Sie verstand kaum, was das bedeutete. Sie hatte nur begriffen, daß sie angenommen war, und daß sie nun an die Arbeit gehn müßte. Sie verfolgte im übrigen nur immer respektvoll jede Bewegung der Frau Ökonomierat. Sie starrte auf das feine schwarze Tuchkleid, auf das weiße Halskrägelchen mit der Elfenbeinbrosche vorn dran, auf das graue Spitzenhäubchen mit der violetten Schleife, die beiden funkelnden Goldringe an der rechten Hand, auf die große, krumme Nase, die graubuschigen, großen, runden Eulenaugen, die roten Backen mit ihren Fältchen und den großen, zerknitterten und grillig zusammengekniffenen Mund. Aber auch den Krückstock nahm die gescheite Miele wahr und die mächtige, einförmig herausgewachsene Hüfte.

»Na, biste denn auch einverstanden?! Da sprich doch! Was stehste denn da und gaffst?!«

»Ja–e! Ich bin einverstande!« beeilte Miele sich zu sagen. 8

 

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