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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Michael Kramer

Gerhart Hauptmann: Michael Kramer - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleMichael Kramer
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170113
projectidfa8c470d
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Vierter Akt

Das Atelier des alten Kramer, wie im zweiten Akt. Nachmittags gegen fünf Uhr. Der Vorhang, der das eigentliche Atelier abschließt, ist wie immer zugezogen. Kramer arbeitet an seinem Radiertischchen. Er ist angezogen wie im zweiten Akt. Schuldiener Krause entnimmt einem Handkorb, den er mitgebracht hat, blaue Pakete mit Stearinkerzen.

Kramer, ohne vom Arbeiten aufzusehn. Legen Sie nur dahin die Pakete, dort, zu den Leuchtern, dahinten hin.

Krause hat die Pakete auf den Tisch gelegt, wo mehrere silberne Armleuchter stehn. Danach bringt er einen Brief zum Vorschein und hält ihn in der Hand. Sonst war' wohl jetzt weiter nischt, Herr Professor.

Kramer. Professor? Was heißt das?

Krause. Na, 's wird wohl so sein; hier is was von der Regierung gekomm. Er legt den Brief vor Kramer auf das Radiertischchen.

Kramer. Hm. So. An mich? Er seufzt tief. Allen schuldigen Respekt. Er läßt den Brief uneröffnet liegen und arbeitet weiter.

Krause, seinen Korb aufnehmend und im Begriff zu gehen. Herr Professor, soll ich etwa wachen heut nacht? – Sie müßten sich wirklich a bisse ausruhn.

Kramer. Wir lassen's beim alten, Krause. Was? Auch in bezug auf das Wachen, hörn Se! Und übrigens war' ich da schon versorgt. Ich habe mit Maler Lachmann gesprochen, Sie kennen ja Lachmann von früher her.

Krause nimmt seine Mütze und seufzt. Du lieber, barmherziger Vater, du, du! Sonst wäre wohl augenblicklich nichts?

Kramer. Der Direktor ist drüben?

Krause. Jawohl, Herr Kramer.

Kramer. Ich danke, 's ist gut. – Halt. Warten Sie mal noch'n Augenblick! – Am Montagabend ... wo war denn das? Wo hat Ihre Frau da den Arnold getroffen?

Krause. Na halt ... das war, wo de Kähne liegen ... halt unter der Ziegelbastion. Wo der Kahnverleiher die Kähne hat.

Kramer. Auf dem kleinen Gang, der da unten rumführt? Dicht an der Oder?

Krause. Jawohl. Ebens da.

Kramer. Hat sie ihn da angeredet oder er sie?

Krause. Nee ebens, a saß ebens uf'm Geländer, so uf der Mauer, wissen Se doch, wo de manchmal de Leute dran stehn und zusehn, wie de Pollacken, wissen Se, uf a Flößen sich abends ihre Kartoffeln kochen. A kam halt der Frau aso merkwürdig vor, und da tat s'm halt ebens gut'n Abend sagen.

Kramer. Was hat sie dann weiter gesprochen mit ihm?

Krause. Se hat halt gemeent, a wär sich erkälten.

Kramer. Hm! Und was hat er darauf gesagt?

Krause. Wie ebens de Frau meente, hätt' a gelacht. Aber ebens so, sehn Se, meente de Frau ... 's hätt' sich sehr schrecklich angehört. Aso verächtlich. Ich weeß weiter nich.

Kramer. – Wer verachten will ... alles verachten will, hörn Se: der findet auch gute Gründe dazu. – Ich wünschte, Sie wären zu mir gekommen! – – – Ich glaube, es war wohl auch da schon zu spät.

Krause. Ja, wenn ma's gewußt hätte! Weeß ma's denn? Wer tut denn gleich immer an so was denken!? – Wie de Michaline kam – se kam doch zu m'r mit'm Herr Lachmann! –, da kriegt' ich's ja mit d'r Angst zu tun. Das war aber schon halb eens in d'r Nacht.

Kramer. Hörn Se, an die Nacht ... da werd' ich gedenken! – Als mich meine Tochter weckte, war's eins. – Und als wir den armen Jungen dann fanden, da schlug die Domuhr neune bereits. –

Krause seufzt, schüttelt den Kopf, öffnet die Tür, um zu gehen, und im gleichen Augenblick erscheinen Michaline und Lachmann. Sie treten herein. Krause ab. Michaline ist dunkel gekleidet, ernst, angegriffen und verweint.

Kramer ruft ihnen entgegen. Da seid ihr ja, Kinder! Na, kommt mal herein. Also Lachmann, wollen Sie wachen heut nacht? Sie waren ja auch halb und halb sein Freund! Das ist mir sehr lieb, daß Sie wachen wollen, denn hörn Se, ein Fremder, das möcht' ich nicht! – – – Er geht auf und ab, bleibt stehn, denkt nach und sagt. Und nun will ich euch fünf Minuten allein lassen und rüber zum Herrn Direktor gehn. Ihm sagen, was etwa zu sagen ist. Ihr werdet doch wohl inzwischen nicht fort wollen.

Michaline. Nein, Vater, Lachmann bleibt jedenfalls hier. Ich muß allerdings noch Besorgungen machen.

Kramer. Das ist mir sehr lieb, daß Sie bleiben, Lachmann. Ich mache es kurz und bin gleich wieder hier. Er nimmt einen Schal um, nickt beiden zu und geht ab.

Michaline setzt sich, so wie sie ist, nimmt den Schleier zurück und wischt sich die Augen mit dem Taschentuch. Lachmann legt Hut, Paletot und Stock ab.

Michaline. Find'st du Vater verändert?

Lachmann. Verändert? – Nein!

Michaline. Herr Gott, ja, das hab' ich doch wieder vergessen! Den Härtels ist wieder nichts angezeigt. Das bißchen Gedächtnis verläßt einen förmlich. – Da liegt ja 'n Kranz. – Sie steht auf und nimmt einen ziemlich großen Lorbeerkranz mit Schleife in Augenschein, der auf dem Sofa liegt. Eine darangeheftete Karte aufnehmend, fährt sie fort mit dem Ausdruck der Überraschung. Von der Schäffer ist der. – – Ja, siehst du, die ist nun auch verwaist. Die hatte nur einen Gedanken: Arnold. Und Arnold wußte nicht mal was davon.

Lachmann. Ist das die etwas verwachsene Person, die ich bei dir im Atelier gesehn habe?

Michaline. Ja, ja. Sie malte, weil Arnold malt. Und sah in mir – eben Arnolds Schwester. – So ist das: den Kranz, den hat sie gekauft, dafür wird sie drei Wochen von Tee und von Brot leben.

Lachmann. Und vielleicht noch dabei sehr glücklich sein. – Weißt du auch, wen ich getroffen habe? Und wer nun auch noch einen Kranz schicken wird?

Michaline. Wer?

Lachmann. Liese Bänsch.

Michaline. Das – brauchte sie nicht tun. Pause.

Lachmann. Hätte ich reden können mit Arnold –! Auch vielleicht über die Liese Bänsch: – vielleicht hätte das doch etwas bei ihm gefruchtet.

Michaline. Nein, Lachmann, du irrst dich. Das glaube ich nicht.

Lachmann. Wer weiß? Aber schließlich, er wich mir ja aus. – Ich hätte ihm können eines verdeutlichen – ich sage nicht ohne weiteres, was. – Und zwar aus Erfahrung, sozusagen. Oft sind uns die brennendsten Wünsche versagt. Weil, würden sie uns erfüllt, Michaline, – mir wurde ein ähnlicher Wunsch mal erfüllt! – und ich – dir brauch' ich's ja nicht zu verhehlen – war dadurch nachher viel schlimmer dran.

Michaline. Erfahrung ist eben nicht mitteilbar, wenigstens nicht im tieferen Sinne.

Lachmann. Mag sein, aber sonst –: ich weiß schon Bescheid. Pause.

Michaline. Ja, ja, so geht's! So geht's in der Welt! Sie hatte wohl auch mit dem Feuer gespielt. Und daß es auf so etwas könnte hinauslaufen, das kam ihr natürlich nicht in den Sinn. – Am Radiertischchen. Sieh mal, was Vater hier neu radiert hat.

Lachmann. Ein toter geharnischter Ritter.

Michaline. Hm, hm!

Lachmann liest von der Platte.

Mit Erzen bin ich angelegt.
Der Tod war Knappe mir.

Michaline, unsicher, dann leise weinend. Ich hab' Vater niemals weinen gesehen, und, siehst du, hier hat Vater drüber geweint.

Lachmann, unwillkürlich ihre Hand nehmend. Michaline, wir wollen uns fassen, nicht wahr?

Michaline. Ganz feucht ist das Blatt! – Ach großer Gott. Sie ermannt sich, tut einige Schritte und fährt gehobener fort. Er nimmt sich zusammen, Lachmann, gewiß. Aber wie es eigentlich um ihn steht – um zehn Jahr ist er gealtert, sicher.

Lachmann. Wem das Leben im tiefsten Ernst sich erschließt, in Schicksalsmomenten mit der Zeit – ich habe auch Vater und Bruder begraben! –, der, wenn er das Schwerste überlebt ... dessen Schiff wird ruhiger, stetiger segeln, – mit seinen Toten tief unten im Raum.

Michaline. Aber überleben, das ist wohl das Schwerste.

Lachmann. Ich hätte das eigentlich nie gedacht.

Michaline. Ja! Ja! Wie ein Blitz! Das war wie ein Blitz. Ich fühlte: wenn wir ihn finden, gut! – Wenn wir ihn nicht finden, war es aus. – Ich kenne Arnold. Ich fühlte das. Es hatte sich alles in ihm so gehäuft, und wie mir die ganze Affäre klarwurde, da wußt' ich, es stand gefährlich um ihn.

Lachmann. Wir waren ja auch bald hinter ihm drein.

Michaline. Zu spät. Erst wie ich mich wieder ermannt hatte. Ein Wort bloß! Ein Wort mit ihm reden! Ein Wort! Das hätte ja alles wahrscheinlich gewendet. Hätten sie ihn gefangen vielleicht, ich meine die Menschen, wie sie ihm nachhetzten, – hätten sie ihn zurückgebracht! – Ich hätte schrein mögen: Arnold, komm ... Sie kann vor Bewegung nicht weiter sprechen.

Lachmann. Das wär' alles doch gar nicht schlimm geworden. Das bißchen Revolverspielerei ...

Michaline. Das Mädchen. Die Schmach. Der Vater. Die Mutter. Und sicherlich auch vor den Folgen die Angst. Er gab sich wer weiß wie alt und blasiert und war noch, wenn man ihn kannte wie ich, im Grunde ganz unerfahren und kindisch. – Ich wußte ja, daß er die Waffe trug.

Lachmann. Er hat sie mir auch schon in München gezeigt.

Michaline. Ja, weil er sich überall eben verfolgt glaubte. Er sah eben nichts als Feinde ringsum. Und ließ sich das auch absolut nicht ausreden. Das ist alles nur Tünche, sagte er stets. Sie verstecken nur alle die Klauen und Pranken, und wenn du nicht achtgibst, bist du rum. –

Lachmann. Es ist auch nicht ohne. Es ist auch was dran. In gewissen Momenten fühlt man so was. Er hat ja auch sicher viel durchgemacht in bezug auf Roheiten mancher Art. Und wenn man sich das vergegenwärtigt: von sich aus hatte er wohl da recht.

Michaline. Man hätte sich mehr um ihn kümmern müssen. Aber Arnold war nur gleich immer so schroff. Und wenn man's auch noch so gut mit ihm meinte: er stieß einen mit bestem Willen zurück.

Lachmann. Was hat er denn deinem Vater geschrieben?

Michaline. Papa hat den Brief noch niemand gezeigt. –

Lachmann. Mir hat er davon was angedeutet. Nur angedeutet, nichts Rechtes gesagt. Er sprach übrigens gar nicht bitter davon. – Ich glaube, es hat so was dringestanden wie: er ertrage das Leben nicht. Er sei dem Leben nun mal nicht gewachsen.

Michaline. Warum hat er sich nicht auf Vater gestützt! Gewiß, er ist hart. Aber wer da nicht durchdringt, das Gütige, Menschliche da nicht durchfühlt, an dem ist irgend etwas defekt. Ich, siehst du, als Weib, ich hab' es gekonnt. Wieviel schwerer war es für mich als für Arnold. Um Arnolds Vertrauen hat Vater gebuhlt. Ich mußte um Vaters Vertrauen ringen. Furchtbar wahrhaftig ist Vater, sonst nichts. Mich hat er da stärker als Arnold getroffen, und Arnold war Mann. Ich ertrug es auch.

Lachmann. Dein Vater könnte mein Beichtiger sein. –

Michaline. Er hat ja auch Ähnliches durchgekämpft.

Lachmann. Das fühlt man.

Michaline. Ja, und ich weiß es genau. Und er hätte auch Arnold ganz sicher verstanden.

Lachmann. Aber wer, wer weiß das erlösende Wort?!

Michaline. Nun siehst du, Lachmann, wie das so geht: Unsere Mutter steht Vater innerlich fern, aber wenn sie mit Arnold irgendwas hatte, da wurde sofort mit Vater gedroht. Auf diese Weise ... Was hat sie bewirkt? ... oder wenigstens leider fördern helfen? –

Kramer kommt wieder.

Kramer hängt seinen Schal auf. Da bin ich wieder! – Was macht die Mama?

Michaline. Sie möchte, du solltest dich nicht überanstrengen. Schläfst du heut nacht bei uns oder nicht?

Kramer, indem er Kondolenzkarten auf dem Tisch zusammenliest. Nein, Michaline. Doch wenn du nach Haus gehst, nimm der Mama diese Karten mit. Zu Lachmann. Sehn Sie, er hat doch auch Freunde gehabt, wir haben das bloß eben nicht so gewußt.

Michaline. In der Wohnung war auch viel Besuch unter Tags.

Kramer. Ich wünschte, die Leute ließen das, aber wenn sie doch meinen, was Gutes zu tun, so darf man sie freilich nicht dran verhindern. – Du willst wieder gehn?

Michaline. Ich muß. – Diese schrecklichen Scherereien und Umstände!

Kramer. Das darf uns jetzt alles durchaus nicht verdrießen. Die Stunde fordert das Letzte von uns.

Michaline. Adieu, Papa.

Kramer, sie ein wenig festhaltend. Leb wohl, gutes Kind! Dich verdrießt's ja auch nicht. Du bist wohl die nüchternste von uns allen! – Nein, nein, Michaline, so mein' ich das nicht. Du hast einen kühlen, gesunden Kopf. Und ihr Herz ist so warm wie irgendeins, Lachmann. Michaline weint stärker. Aber höre: Bewähre dich nun auch, Kind. Nun müssen wir zeigen, wie weit wir Stich halten.

Michaline faßt sich resolut, drückt ihm die Hand und hernach auch Lachmann, dann geht sie.

Kramer. Lachmann, wir wollen die Lichter aufstecken. Machen Sie mal die Pakete auf. – Sich selber der Arbeit unterziehend. Leid, Leid, Leid, Leid! Schmecken Sie, was in dem Worte liegt? – Sehn Se, das ist mit den Worten so: sie werden auch nur zuzeiten lebendig, im Alltagsleben bleiben sie tot. Er reicht Lachmann einen Leuchter, auf den er ein Licht gesteckt. So. Tragen Sie's meinem Jungen hinein. Lachmann begibt sich mit dem Leuchter in den verhangenen Teil des Raumes. Kramer, nun allein vor dem Vorhang, spricht laut weiter. – Wenn erst das Große ins Leben tritt, hörn Se, dann ist alles Kleine wie weggefegt. Das Kleine trennt, das Große, das eint, sehn Se. Das heißt, man muß so geartet sein. Der Tod ist immer das Große, hörn Se: der Tod und die Liebe, sehn Se mal an. Lachmann kommt wieder nach vorn. Ich bin unten beim Herrn Direktor gewesen, ich habe dem Manne die Wahrheit gesagt, und weshalb sollt' ich denn lügen, hörn Se?! Mir ist jetzt durchaus nicht danach zumut. Was geht mich die Welt an, möcht' ich bloß wissen! Er hat sich ja auch drüber weggesetzt. – – – Sehn Se, die Frauen, die wollen das. Der Pastor geht dann nicht mit ans Grab, und da hat's eben nicht seine Richtigkeit. Hörn Se, mir ist das ganz nebensächlich. Gott ist mir alles. Der Pastor nichts. – Wissen Sie, was ich heut morgen gemacht habe? Lieblingswünsche zu Grabe gebracht. Still, stille für mich. Ganz stille für mich, sehn Se. Hörn Se, das war ein langer Zug. Kleine und große, dick und dünn. Jetzt liegt alles da wie hingemäht, Lachmann.

Lachmann. Ich habe auch schon einen Freund verloren. Ich meine, durch einen freiwilligen Tod.

Kramer. Freiwillig, hörn Se –? Wer weiß, wo das zutrifft! – Sehn Se sich diese Skizzen mal an. Er kramt in seinem Rock und zieht aus seiner Brusttasche ein Skizzenbuch, das er vor Lachmann aufschlägt, nachdem er ihn ans Fenster geführt hat, wo man beim Abendlicht noch zur Not sehen kann. Da sind seine Peiniger alle versammelt. Sehn Se, da sind sie, so wie er sie sah. Und hörn Se, Augen hat er gehabt. – Das ist der wahrhaftige böse Blick, aber 's ist doch ein Blick! das will ich doch meinen. – – – Ich bin vielleicht nicht so zerstört, als Sie denken, und nicht so trostlos, wie mancher meint. – Der Tod, sehn Se, weist ins Erhabne hinaus. Sehn Se, da wird man niedergebeugt. Doch was sich herbeiläßt, uns niederzubeugen, ist herrlich und ungeheuer zugleich. Das fühlen wir dann, das sehen wir fast, und hörn Se, da wird man aus Leiden – groß. – – – Was ist mir nicht alles gestorben im Leben! Manch einer, Lachmann, der heute noch lebt. Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich? Das kommt, Lachmann, weil sie lieben müssen. Das drängt sich zur Einheit überall, und über uns liegt doch der Fluch der Zerstreuung. Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie es kommt!

Lachmann. Ich hab' das ja auch schon erfahren bereits.

Kramer. Als Michaline mich weckte die Nacht, da hab' ich mich wohl recht erbärmlich gezeigt. Aber sehn Se, ich hab' es da gleich gewußt. – Und wie er dann mußte so liegenbleiben, das waren die bittersten Stunden für mich. In dieser Stunde, wahrhaftigen Gott, Lachmann! – war das nun Läuterung oder nicht? –, da hab' ich mich selber nicht wiedererkannt. Hörn Se, da hab' ich so bitter gehadert: ich habe das selber von mir nicht gedacht. Ich habe gehöhnt und gewütet zu Gott. – Hörn Se, wir kennen uns selber nicht. Ich habe gelacht wie ein Fetischist und meinen Fetisch zur Rede gefordert: Da war mir das doch ein verteufelter Spaß, ein verteufelt nichtsnutziger Streich, sehn Se, Lachmann! sehr henkerhaft billig und salzlos und schlecht. – Sehn Se, so war ich. So bäumt' ich mich auf. Dann ... bis ich ihn dann in der Nähe hier hatte, da kehrte mir erst die Besinnung zurück. – – So was will einem erst gar nicht in den Kopf. Nun sitzt es. Nun lebt man schon wieder damit. Nun ist er schon bald zwei Tage dahin. Ich war die Hülse, dort liegt der Kern. Hätten sie doch die Hülse genommen.

Michaline kommt, ohne anzuklopfen, leise herein.

Michaline. – Papa, unten ist Liese Bänsch beim Schuldiener. Sie bringt einen Kranz.

Kramer. Wer?

Michaline. Liese Bänsch. Sie möchte dich sprechen. Soll sie hereinkommen?

Kramer. Ich verdenk' es ihr nicht und verwehr' es ihr nicht. – Ich weiß nichts von Haß. Ich weiß nichts von Rache. Das erscheint mir jetzt alles klein und gering. Michaline ab. – Sehn Se, es hat mich ja angepackt! Das ist auch kein Wunder, hören Se mal an. – Da lebt man so hin: das muß alles so sein! Man schlägt sich mit kleinen Sachen herum, und hörn Se, man nimmt sie wer weiß wie wichtig, man macht sich Sorgen, man ächzt und man klagt, und hörn Se, dann kommt das mit einemmal, wie'n Adler, der in die Spatzen fährt. Hörn Se, da heißt es: Posto gefaßt! Aber sehn Se, nun bin ich dafür auch entlassen, und was nun etwa noch vor mir liegt, da kann mich nichts freuen, da kann mich nichts schrecken, da gibt's keine Drohung mehr für mich! –

Lachmann. Soll ich vielleicht eine Flamme anstecken?

Kramer zieht den Vorhang ganz auseinander. Im Hintergrunde des großen, schon fast dunklen Ateliers ist ein Toter, ganz mit Tüchern bedeckt, aufgebahrt. Sehn Se, da liegt einer Mutter Sohn! – Grausame Bestien sind doch die Menschen! Durch die hohen Atelierfenster links schwaches Abendrot. Ein Armleuchter mit brennenden Kerzen am Kopfende des Sarges. Kramer tritt wieder zum Tische vorn und gießt Wein in Gläser. Lachmann, kommen Sie, stärken Sie sich. Hier ist etwas Wein, da kann man sich stärken. Trinken wir, Lachmann, opfern wir! stoßen wir ruhig mitnander an! Und der dort liegt, das bin ich! das sind Sie! das ist eine große Majestät! Was kann da der Pastor noch hinzusetzen? Sie trinken. Pause.

Lachmann. Ich habe vorhin einen Freund erwähnt, dessen Mutter war eine Pastorstochter, und daß da kein Geistlicher mitging ans Grab, das nahm sie sich ganz besonders zu Herzen. – Aber wie wir den Toten hinuntersenkten, da kam, sozusagen, der Geist über sie, und da betete gleichsam Gott selber aus ihr ... Ich habe so niemals sonst beten gehört.

Michaline führt Liese Bänsch, die einfach und dunkel gekleidet ist, herein. Beide Frauen bleiben gleich bei der Türe stehn. Liese hält das Taschentuch vor den Mund.

Kramer, scheinbar ohne Liese zu bemerken, entzündet ein Streichholz und steckt Lichter an. Lachmann setzt diese Tätigkeit fort, bis zwei Armleuchter und etwa sechs einzelne Lichter brennen. – Was haben die Gecken von dem da gewußt: diese Stöcke und Klötze in Mannsgestalt!? Von dem und von mir und von unsren Schmerzen!? Sie haben ihn mir zu Tode gehetzt. Erschlagen, Lachmann, wie so'n Hund. Das haben sie, denn das kann ich wohl sagen. – Und sehn Se; was konnten sie ihm denn tun? Nun also: Tretet doch her, ihr Herrn! Immer seht ihn euch an und beleidigt ihn! Immer tretet herzu und versucht, ob ihr's könnt! Hörn Se, Lachmann: Das ist nun vorbei! – Er nimmt ein seidenes Tuch vom Angesicht des Toten. 's ist gut, wie er daliegt! 's ist gut! 's ist gut! – Im Scheine der Kerzen gewahrt man in der Nähe des Toten eine Staffelei, auf der gemalt worden ist. An diese setzt sich nun Kramer. Er fährt fort, unbeirrt, als ob außer ihm und Lachmann niemand zugegen wäre. Ich habe den Tag über hier gesessen, ich habe gezeichnet, ich habe gemalt, ich habe auch seine Maske gegossen. Dort liegt sie, dort, in dem seidnen Tuch. Jetzt gibt er dem Größten der Großen nichts nach. Er deutet auf die Beethovenmaske. Und will man das festhalten, wird man zum Narren. Was jetzt auf seinem Gesichte liegt, das alles, Lachmann, hat in ihm gelegen. Das fühlt' ich, das wußt' ich, das kannt' ich in ihm und konnte ihn doch nicht heben, den Schatz. Sehn Se, nun hat ihn der Tod gehoben. – Nun ist alles voll Klarheit um ihn her, das geht von ihm aus, von dem Antlitz, Lachmann, und hörn Se, ich buhle um dieses Licht, wie so'n schwarzer, betrunkner Schmetterling. – Hörn Se, man wird überhaupt so klein: Das ganze Leben lang war ich sein Schulmeister. Ich habe den Jungen malträtiert, und nun ist er mir so ins Erhabne gewachsen. – – Ich hab' diese Pflanze vielleicht erstickt. Vielleicht hab' ich ihm seine Sonne verstellt: dann war' er in meinem Schatten verschmachtet. Aber sehn Se, Lachmann, er nahm mich nicht an, und wenn ihm vielleicht der Freund gefehlt hat ... Ich, Lachmann, durfte der Freund nicht sein. – Als damals das Mädchen bei mir war, da hab' ich ... da hab' ich mein Bestes versucht. Doch da kriegte das Böse in ihm Gewalt, und wenn das Böse in ihm Gewalt kriegte – da tat es ihm wohl, mir wehe zu tun. Reue? Reue kenne ich nicht! Aber ich bin zusammengeschrumpft. Ich bin ganz erbärmlich vor ihm geworden. Ich sehe zu diesem Jungen hinauf, als wenn es mein ältester Ahnherr wäre!

Liese Bänsch wird von Michaline herangeführt, sie legt ihren Kranz zu den Füßen des Toten nieder, Kramer blickt auf und ihr grade ins Gesicht.

Liese Bänsch. Herr Kramer, ich, ich, ich ... Ich ... ich bin ja so unglücklich. Die Leute – zeigen – mit Fingern auf mich ...

Pause.

Kramer, halb für sich. Wo sitzt das nun, was so tödlich ist? Und doch, wer das einmal erfährt und lebt, der behält einen Stachel davon im Handteller, und was er auch anfaßt, so sticht er sich. – Aber gehn Sie nur getrost nach Haus! Zwischen dem da und uns ist Friede geworden! Pause.

Michaline mit Liese Bänsch ab.

Kramer, versonnen in den Anblick des Toten und in die Lichter. Die Lichter! Die Lichter! Wie seltsam das ist! Ich habe schon manches Licht verbrannt! Schon manches Lichtes Flamme gesehn, Lachmann. Aber hörn Se: das ist ein andres Licht!! – Mach' ich Sie etwa ängstlich, Lachmann?

Lachmann. Nein. Wovor sollt' ich denn ängstlich sein?

Kramer, sich erhebend. Es gibt ja Leute, die ängstlich sind. Ich bin aber doch der Meinung, Lachmann, man soll sich nicht ängsten in der Welt. Die Liebe, sagt man, ist stark wie der Tod. Aber kehren Se getrost den Satz mal um: Der Tod ist auch mild wie die Liebe, Lachmann. – – Hörn Se, der Tod ist verleumdet worden, das ist der ärgste Betrug in der Welt!! Der Tod ist die mildeste Form des Lebens: der ewigen Liebe Meisterstück. Er öffnet das große Atelierfenster, leise Abendglocken. – Frostgeschüttelt. Das große Leben sind Fieberschauer, bald kalt, bald heiß. Bald heiß, bald kalt! – – – Ihr tatet dasselbe dem Gottessohn! Ihr tut es ihm heut wie dazumal! So wie damals, wird er auch heut nicht sterben! – – Die Glocken sprechen, hören Sie nicht? Sie erzählen's hinunter in die Straßen: die Geschichte von mir und meinem Sohn. Und daß keiner von uns ein Verlorner ist! – Ganz deutlich versteht man's, Wort für Wort. Heut ist es geschehen, heut ist der Tag! – Die Glocke ist mehr als die Kirche, Lachmann! Der Ruf zum Tische ist mehr wie das Brot! –

Die Beethovenmaske fällt ihm in die Augen, er nimmt sie herab. Indem er sie betrachtet, fährt er fort. Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin? Warum jauchzen wir manchmal ins Ungewisse? Wir Kleinen, im Ungeheuren verlassen? Als wenn wir wüßten, wohin es geht. So hast du gejauchzt! – Und was hast du gewußt? – Von irdischen Festen ist es nichts! – Der Himmel der Pfaffen ist es nicht! Das ist es nicht, und jen's ist es nicht, aber was ... – mit gen Himmel erhobenen Händen – was wird es wohl sein am Ende???

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