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Gutenberg > Herman Bang >

Michael

Herman Bang: Michael - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleMichael
authorHerman Bang
translatorJulia Koppel
year1926
firstpub1904
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleMichael
pages230
created20171010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2

Der Meister ging im Arbeitskittel in seinem Atelier auf und nieder. Die Augen hielt er halb geschlossen, während die Lippen unter dem mächtigen Bart geöffnet waren, als atme er mit Beschwer. 60

Er bekam es nicht, nein, er bekam es nicht heraus, den Schimmer ihres Haares.

Drei Tage – drei Tage und Nächte, und er bekam es nicht, bekam es nicht heraus.

Drei Tage – und er sah es nicht. Es lebte nicht unter seinem Pinsel.

Charles Schwitt, der außer Michael der einzige war, der unangemeldet kommen durfte, schlug die Portiere zum Atelier zurück.

»Guten Morgen,« sagte er.

Der Meister wandte den Kopf und öffnete die Augen, deren Ausdruck so müde war, als wären sie erloschen oder als wäre das Augenlicht nach innen gerichtet, auf das Bild, das er sehen wollte.

»Was willst du?« sagte er.

»Dich besuchen,« antwortete Schwitt.

»Ich arbeite,« sagte der Meister und setzte seinen Gang fort.

»Das weiß ich. Und du bist drei Nächte nicht zu Bett gegangen.«

»Nein.«

Charles Schwitt setzte sich.

»Jacques hat es mir erzählt,« sagte er; »ob das vernünftig ist?«

Der Meister schritt auf und nieder, während er kurz sagte: »Frau Adelsskjold hat mir vorgelesen.«

Manchmal, wenn sein Gehirn nicht zur Ruhe kommen wollte und doch vergeblich kämpfte, ließ der Meister sich vorlesen, um seine arbeitenden Gedanken zu beschwichtigen.

»Was hat sie gelesen?« fragte Schwitt.

»Shakespeare,« antwortete der Meister in demselben Ton wie vorhin.

Er setzte sich auf einen Stuhl, ohne die Augen zu öffnen, in jenes qualvolle Starren vertieft, wodurch er sich selbst 61 zwingen wollte, jede Linie und jeden Schatten zu sehen, so daß sie wie Leben auf der Leinwand wirkten.

»Wo ist Michael?« fragte Herr Schwitt.

»Ich weiß nicht,« antwortete der Meister, ohne seine Augen zu öffnen.

»Hm,« sagte Schwitt, »er treibt sich jeden Abend im Foyer der Oper herum und liebäugelt mit jeder Ballettratte.«

Der Meister verharrte unbeweglich.

»Laß ihn nur,« sagte er.

»Aber es ist teuer,« sagte Schwitt und sah Claude Zoret an.

Der Meister antwortete nicht.

Aber vielleicht um seinen Gedanken zu entgehen, die ihn nicht verlassen wollten, sagte er kurz darauf, indem er sich erhob: »Was gibt es Neues in der Stadt?«

Charles Schwitt erzählte ein paar Skandalgeschichten aus der Kammer, bis der Meister plötzlich sagte, und seine geöffneten Augen hatten plötzlich all ihren Glanz zurückbekommen: »Aber Charles, ich muß können, siehst du; ich muß sie malen können.«

Der Meister schritt wieder im Atelier auf und ab, während er sagte: »Ich sehe ein, das Porträt stellt immer wieder neue Anforderungen an den Maler. Man hat das Lebendige vor sich, dicht vor sich, gerade vor seinen Augen – dieses Lebendige, du, um das man sich nicht herumdrücken kann, das man greifen muß und das gemalt sein will. Dies Lebendige, Charles, das kein Pardon gibt.«

Er stopfte die Pfeife mit dem Daumen.

»Man geht in die Schule, wenn man Porträte malt, und man entwächst dieser Schule nie.«

Er lachte.

»Diese große Schule, Charles,« sagte er, »wo man die Blätter wenden muß, um in dem aufgeschlagenen Buch des Lebens zu lesen.«

Er fuhr fort zu sprechen, lebhaft und eindringlich, wie 62 im Quartier Latin, als er siebenundzwanzig Jahre alt war und sein großes Atelier mit sechs gewaltigen Schritten zu durchmessen pflegte.

»Vielleicht hätte ich mehr Porträte malen müssen. Das Porträt mit seinem ›Entweder-Oder‹, ein Porträt ist Leben oder Tod. Diese Holländer wußten das, wenn sie ihre Weiber malten.«

Charles Schwitt lachte.

»Du bist heut zwanzig Jahre.«

»Nein« – und der Meister trat plötzlich heftig auf – »ich bin alt, alt und grau wie ein Prophet des Volkes Israel, und was habe ich zusammengeschmiert? Manchmal scheint mir, als wären all die Rahmen leer, und als stände ich selbst alt und verbraucht vor dem, was ich nie gemalt habe.«

»Du hast Michael gemalt,« sagte Herr Schwitt.

»Ja,« rief der Meister kurz, während Charles Schwitt ihn aufmerksam betrachtete.

»Und wenn ich tot bin, kann man mich neben dem Napoleon-Pfuscher aufhängen, und Herr Raffaelli mit seinen Straßenjungen wird länger leben als ich.«

Er rauchte weiter, während er plötzlich die Staffelei mit Frau de Zamikofs Bild ins Licht schob.

»Ich habe sie getroffen,« sagte er. »Die Linien sind da. Es ist gut, es ist gut und doch nicht zu gut, in einer Rumpelkammer aufgehängt zu werden.

Wenn ich allein bin, sehe ich sie vor mir; die ganze Frau, wie sie ist und geht und steht, sehe ich vor mir. Wenn sie aber hier sitzt, ist das Ganze wie weggeblasen.«

Charles Schwitt betrachtete ihn noch immer.

»Es ist lange her, daß du Frauen gemalt hast,« sagte er.

Der Meister antwortete ihm nicht.

Vielleicht mit einem neuen Versuch, sich von seinem ewigen Grübeln loszureißen, sagte er: »Wie hübsch Frau Adelsskjold liest.« 63

»Was hat sie gelesen?« fragte Schwitt, der stets den Eindrücken, die während der Arbeit auf den Meister einwirkten, folgte – wahrscheinlich in Hinblick auf seine »Erinnerungen«.

Der Meister antwortete nicht gleich. Dann sagte er wie einer, der an etwas anderes denkt: »Romeo und Julia«.

Herr Schwitt lächelte plötzlich, so wenig, daß man es kaum sah.

»So, so, Romeo und Julia.«

Der Meister hatte sich gesetzt, und im Gedanken an Shakespeare sagte er langsam: »Den kritisiert man nicht und den wagt man nicht zu illustrieren.«

Kurz darauf aber sagte er mit ganz veränderter Stimme: »Du, Charles, müßte Julia nicht blond sein?«

Charles Schwitt, der an Frau Adelsskjold gedacht hatte, die er vorgestern in der Oper in der Loge der Herzogin von Monthieu gesehen hatte, sagte, ohne eigentlich zu wissen, worauf er antwortete: »Möglich.«

Es hatte sich plötzlich ein Schimmern, ein Leuchten über das Gesicht des Meisters gebreitet.

»Ja, ja,« sagte er, und es war, als würden ganz andere Gedanken in ihm geboren: »sie müßte blond sein . . . aschblond.«

»Jetzt mußt du gehen,« sagte er hastig und stand auf.

»Du mußt gehen« – und seine Stimme hatte einen ganz andern Klang, »ich will arbeiten.«

Herr Schwitt erhob sich, als der Meister sich zu ihm wandte.

»Charles,« sagte er, »es ist doch das Einzige in der Welt.«

»Was?« sagte Herr Schwitt.

Der Meister schlug mit seiner Faust auf die Schulter des Freundes.

»Das Vollkommene zu wollen,« sagte er. Er stand einen Augenblick nachdenklich und hatte wieder den Ton gewechselt, als er sagte: »Wie schön müßte es sein, vor seiner 64 Leinwand zu sterben, nach einem letzten Pinselstrich, der ganz gelungen wäre.«

»Adieu.«

Herr Schwitt kam in die Halle hinaus, wo der Majordomus wartete.

»Bleiben Sie nicht zum Frühstück, Herr Schwitt?« fragte Jacques.

»Nein,« sagte Schwitt, »ich bin fortgeschickt.«

»Hm,« sagte Jacques, »die Zamikof kommt.«

»Soll sie heut vormittag sitzen?« fragte Herr Schwitt.

Jacques verzog eine Sekunde sein Gummigesicht.

»Das weiß ich nicht,« sagte er und reichte Herrn Charles Schwitt den Hut, »wenn nicht gemalt wird, wird geschwatzt.«

Charles Schwitt stieg langsam die fünf Stufen des Vestibüls hinab.

Der Meister hatte hastig seine Staffelei zurecht gestellt. In einem Nu hatte er die Farben gemischt.

Ja, ja, da hatte er ihn, den Schimmer – endlich.

Endlich.

Jacques kam herein.

»Geh,« rief der Meister.

Und er fuhr fort zu arbeiten.

Endlich.

Und die strahlenden Augen auf die Leinwand geheftet, legte er den grauen Glanz, den endlich gefundenen Glanz über Frau de Zamikofs herrliches Haar.

Er hatte eine Stunde gearbeitet, hin und wieder die Augen schließend, um das Bild vor sich hinzuzwingen, und wieder arbeitend, um das Gesehene festzuhalten – als er den Kopf wandte.

»Wer ist da?« fragte er.

»Ich bin es nur.«

Es war Frau de Zamikof, die vor dem Türvorhang stand und die jetzt durch das Zimmer schritt, mit jener leicht 65 vorgebeugten Haltung des Oberkörpers, die großgewachsenen Frauen beim Gehen eigen ist.

Wie ein Blitz zuckte es über das Gesicht des Meisters.

»Ich arbeite,« sagte er, »tun Sie, was Sie wollen.«

Wie gewöhnlich wanderte Prinzessin Zamikof im Zimmer umher, indem sie Vasen und Schalen und Kristalle mit Kennerblicken betrachtete – vielleicht auch mit jenem etwas wägenden Blick, der ihr manchmal eigen war und den sie von ihren Krämervorfahren in den Kaufbuden Odessas geerbt hatte. Dieser Blick stammte noch aus jenen Tagen, bevor der alte Fürst Zamikof sie geheiratet hatte, wie ein Sultan, der sich ein Weib für seinen Harem erwählt.

Der Meister arbeitete weiter, während Frau de Zamikof, den Rücken ihm zugekehrt, lange vor dem Jünglingstorso stand, einem Fund aus Sizilien, den Königin Margherita fast wie einen Raub dem Meister geschenkt hatte.

Claude Zoret wandte den Kopf.

»Er ähnelt Michael,« sagte er. »Ist Ihnen das nie aufgefallen?«

Die Fürstin lachte, als wollte sie ein heimliches Mißvergnügen durch ihr Lachen verbergen, und sagte: »Gibt es überhaupt eine Schönheit, die nicht Herrn Michael gleicht?«

»Setzen Sie sich, setzen Sie sich,« sagte der Meister plötzlich und, indem er lachte und sein strahlender Blick ihre Gestalt umfaßte, sagte er: »Sie hätten wahrlich Grund zu klagen.«

Frau de Zamikof hatte die Lippen geöffnet, als wolle sie sprechen. Aber nur ihre Augen ruhten groß und weit geöffnet auf dem Meister, der arbeitete, während sie sich setzte.

»Gut, gut,« sagte er und ging vor seiner Leinwand hin und her.

»Gut,« sagte er wieder. 66

In seinen Augen glühte ein helles Feuer, wie in denen des Raubtiers, das seine Beute enger und enger umkreist, während die Brillanten an Frau de Zamikofs gefalteten Händen blitzten, als strahlten sie von einem heimlichen Triumph.

Plötzlich aber brach der Meister ab und warf seine Palette fort.

»Nein,« sagte er, »jetzt essen wir.«

Die Prinzessin lachte.

»Ja,« sagte der Meister, »ich bin hungrig.«

Und er klingelte.

Frau de Zamikof sagte, und stand noch nicht auf: »Aber Herr Michael ist noch nicht da.«

»Das ist seine Sache,« antwortete der Meister und reckte die Arme, »wir essen.«

Ein plötzliches Lächeln war über Frau de Zamikofs Gesicht gehuscht, während der Diener in der Tür erschien.

»Laß anrichten,« sagte der Meister.

Jules zögerte eine Sekunde.

»Herr Michael ist noch nicht da,« sagte er.

»Laß anrichten.«

Der Diener ging und der Meister sagte: »Verzeihen Sie einen Augenblick.«

Frau de Zamikof war langsam die goldene Treppe hinuntergestiegen. Gesenkten Kopfes durchschritt sie das Wohnzimmer, während sie beim Gehen ihre eigenen Füße betrachtete. Dann und wann stand sie still. Ohne es zu wissen blieb sie neben der Säule stehen, die die Kristallschale mit den ungeschliffenen Rubinen trug, die in ihrem matten Glanz blutgefüllten Kapseln glichen.

Halb in Gedanken nahm sie ein paar von den Steinen in die Hand und ließ sie in die Schale zurückfallen, bis sie plötzlich von dem klirrenden Laut geweckt wurde und die Edelsteine betrachtete, die sie noch in der Hand hielt, mit einem plötzlichen Aufblitzen in den Augen. Plötzlich hörte 67 sie das Lachen des Meisters von der Tür her, und sie ließ die Steine fallen, während Claude Zoret noch immer lachte.

»Frau de Zamikof,« sagte er und lachte ohne Aufhören, »Frau de Zamikof, Sie betrachten die Edelsteine mit Blicken, wie Diebe Gold betrachten.«

Und während er noch immer lachte und sich aufs Knie schlug, wie ein Bauernbursch sich auf den Schenkel schlägt, sagte er: »Ich will Sie malen, Prinzessin, mein Wort darauf, ich will Sie für den Louvre malen.

Aber jetzt wollen wir essen,« sagte er und bot ihr kurz den Arm.

Sie gingen in das kleine Eßzimmer, wo der Diener hinter dem lederbezogenen Lehnstuhl wartete – während der Meister unaufhörlich sprach, ausgelassen, von einer ganz ungewohnten und unbegründeten Freude gepackt. Er erzählte von allem möglichen, von den Tagen, als er kaum das Brot gehabt, von den Zeiten im Quartier Latin, von den Bildern, die er für hundert Sous verkauft . . .

Und vom Treppenhaus, das er für einen Viktualienhändler gemalt hatte.

Er zeichnete mit dem langen Brot, das er beim Frühstück immer selbst brechen wollte, eine Girlande in die Luft.

»Girlanden sollten es sein und rot sollten sie sein, rote Rosen,« sagte er. »Na, und rot wurden sie, mit himmelblauen Bändern.«

Der Meister lachte.

»Da,« sagte er und reichte Frau de Zamikof plötzlich das Brot hin, damit sie sich wie in einer Kneipe ein Stück davon abbrechen sollte.

Die Prinzessin lachte.

»Danke,« sagte sie und griff zu.

Er fuhr fort zu erzählen und betrachtete sie unausgesetzt mit ein paar sieghaften Augen, hingerissen von einer sprühenden Freude – jener Freude, die niemand außer 68 Michael kannte und die an Sommertagen über ihn kommen konnte, wenn sie ganz allein durch den Wald streiften, oder in jenen schöpferischen Augenblicken, wo Ideen und Phantasien neuen Boden gewonnen hatten.

»Ja, das war damals,« sagte er, »damals in unserer Jugend.«

Es wurde einen Augenblick geschwiegen, bis Frau de Zamikof mit veränderter Stimme sagte: »Als Frau Zoret lebte.«

Der Meister hob den Kopf.

»Ja,« sagte er kurz.

Und Frau de Zamikof, die nie ihren Fuß auf den Kirchhof von Montreuil gesetzt hatte, sagte: »Ich werde ihr Bildnis nie vergessen.«

Der Meister antwortete nicht.

Und hastig, fast als hätte sie zuviel gesagt, begann Frau de Zamikof von Rußland zu sprechen, von Odessa und von den Ebenen an der Wolga – unwillkürlich und mit weiblichem Instinkt wie mit den Augen des Meisters sehend, alles in Farbenwerte umschaffend, die Wogen der Weizenfelder gelb in gelb malend, so weit das Auge reichte.

Während der Meister, die starken Arme weit vor sich auf dem Tisch, ihr unausgesetzt mit demselben Blick ins Gesicht sah.

Michael sprang die fünf Marmorstufen des Vestibüls hinauf: »Malt der Meister?« fragte er.

Der Majordomus blieb in seinem gotischen Stuhl sitzen.

»Sie ist da,« sagte er.

Es ging ein Zittern über Michaels Gesicht, während er seinen Hut beiseite warf.

»Die kommt jetzt schon, ehe der Hahn kräht,« sagte er.

Jacques verzog sein Gesicht in tausend Fältchen.

»Schließlich bleibt sie noch die Nacht hier.«

Und er fügte hinzu: »Sie essen.«

Michael hatte sich umgewandt. 69

Der Meister war seit fünf Jahren nie zu Tisch gegangen, bevor er gekommen war.

»Sie sind wohl hungrig gewesen,« sagte er, während seine Mundwinkel zuckten.

»Wahrscheinlich,« antwortete Jacques und zeigte sein Zahnfleisch, das ohne Zähne war. Und Michael und er vereinigten sich in einem plötzlichen Strom von Schmähworten, womit sie, wenn sie allein waren, die »Russin« überhäuften.

»Na,« sagte Michael, »ich muß hinein.«

»Du bist schon zu Tisch gegangen,« sagte er zum Meister, als er ins Zimmer trat.

»Weil du zu spät kommst,« erwiderte der Meister.

Michael antwortete nicht gleich, sondern sah zur Kaminuhr hinüber, die noch nicht ein Uhr zeigte.

»Vielleicht,« sagte er, während sein Blick den Meister streifte.

Die Fürstin, die ihren Kopf zur Begrüßung ein Atom weniger als freundlich geneigt hatte, hatte er kaum gegrüßt.

Während der Diener Michael die halbkalten Gerichte reichte, erzählte Frau de Zamikof von Rußland, weiter von einer Reise durch den Kaukasus, die sie mit dem Fürsten gemacht hatte: Lawinen waren vor ihren Wagen herabgestürzt wie zersplitterte Welten von Weiß, und rauschende Flüsse wurden die Berge hinuntergepeitscht, wie der flimmernde Schaum des leuchtenden Platins.

Frau de Zamikof fand, in halb unbewußter Anspannung, noch stärkere Farben und mannigfaltigere Bilder – während der Meister lauschte, ohne mit einem Blick an Michael zu denken, und Michael nur die ganze Zeit gebeugt dasaß und aß.

»Ja,« sagte der Meister, »Rußland ist groß.«

Plötzlich hob Michael den Kopf und sagte mit einer Stimme, die hart wie ein Schlag wirkte: »Es muß Platz für seine Horden haben.« 70

Frau de Zamikof sagte mit einem Lächeln, das Michaels glühendes Gesicht streifte: »Herr Michael, wie können eigentlich Sie« – und die Fürstin sprach sehr langsam – »als Tscheche solchen brennenden Haß gegen Rußland haben? Sie verleugnen wirklich Ihre eigene Rasse, denn wir beiden sind doch . . .Verwandte.«

Der Meister hatte vor sich hingesehen, und mit veränderter Stimme sagte er: »Vielleicht müßten wir alle es hassen.«

Und plötzlich etwas aussprechend, was vielleicht immer sein innerster Gedanke gewesen war, sagte er: »Die langen Wege der Weltgeschichte sind seltsam.«

Er sprach gedämpft und sehr langsam: »Frankreich mußte während Hunderter von Jahren Genies hervorbringen, um schließlich seine Milliarden dem zu vermachen, der uns alle ausnutzen wird.«

Es war ein Zucken über sein Gesicht gegangen.

Aber er verließ seinen eigenen Gedankengang und sah rasch zu Frau de Zamikof hinüber, deren Augen eine Sekunde in Michaels geruht hatten, die plötzlich aufgeleuchtet waren.

Frau de Zamikof, die vielleicht nur halb zugehört hatte, sagte hastig mit einem sehr weichen Klang in der Stimme: »Meister, weshalb sollen die Menschen so weit in die Zukunft blicken?«

»Nein,« sagte Claude Zoret und lachte, »das ist wahr. Schließen wir lieber die Augen.«

Frau de Zamikof aber begann, immer noch etwas hastig, nach dem Service zu fragen, auf dem sie den Nachtisch serviert bekamen, seltene Teller mit einer Krone und einem fürstlichen Namenszug.

»Das Porzellan ist Michaels Ressort,« sagte Claude Zoret, »er sammelt die Scherben hier im Hause.«

Michael hatte den Kopf gehoben, um Frau de Zamikofs Frage zu beantworten. Die Prinzessin aber begann, ohne 71 Michaels Antwort abzuwarten, eine Geschichte vom rumänischen Hof zu erzählen. Es war eine Anekdote, die einen Monarchen sehr lächerlich machte und über die der Meister lachte – während Michael hastig das Gesicht gesenkt hatte und seine linke Hand um das eichene Tischbein ballte.

Frau de Zamikof erzählte mehr Hofgeschichten, das Gesicht dem Meister zugewandt, während sie mit ihrer schöngeformten, aber etwas zu üppigen Hand die weißen Nußkerne zwischen die Lippen schob und die Zähne sie mit einem Ruck ergriffen – bis der Meister mit veränderter Miene sagte: »Übrigens pflegen diese Menschen« – er sprach von den Fürsten – »mir nur Mitleid einzuflößen.«

»Mitleid?«

»Sie haben doch,« sagte der Meister, »nicht darum gebeten, zur Welt zu kommen, um auf einem rotbezogenen Stuhl im Käfig zu sitzen.«

Die Stimme der Fürstin, die so leicht schwermütig wurde, antwortete: »Sitzen nicht alle Menschen im Käfig, immer ein Käfig neben dem andern?«

»Ja,« antwortete Claude Zoret, »aber die meisten zimmern ihn sich selbst.«

Wie ein Blitz schoß Michaels Blick zum Meister hinüber, der ihn nicht sah, während Frau de Zamikof ihn aufgefangen hatte.

»Sind wir fertig?« fragte der Meister die Prinzessin, »gesegnete Mahlzeit.«

Und zu Michael gewandt sagte er: »Du kommst wohl hinauf – nachher.«

Michael hatte das Gesicht gehoben, das weiß war wie sein weißer Hals.

»Ich erwarte Adelsskjolds zu Hause,« sagte er und erhob sich halb vor Frau de Zamikof, die des Meisters Arm ergriffen hatte.

Als sie die Treppe zum Atelier hinaufstiegen, sagte die 72 Prinzessin und lächelte: »Herr Michael war schlechter Laune.«

Der Meister lachte.

»So?« sagte er, »ja, wenn junge Leute anfangen zu leben, sind sie immer launisch wie Kinder, die zahnen.«

Im Atelier begann der Meister wieder zu arbeiten. Plötzlich aber hielt er inne.

»Nein, nein, heut nicht mehr,« sagte er, »wir müssen einen günstigen Augenblick abwarten.«

Und mit seinen Augen, strahlend vor Sieg oder Glück, sagte er: »Kommen Sie, Prinzessin, heut begleite ich Sie selbst hinaus.«

Er bot ihr den Arm und führte sie ins Vestibül hinaus.

Der Majordomus hatte sich erhoben, die Lippen fest zusammengekniffen, und wollte Frau de Zamikof ihren Mantel reichen.

Der Meister aber nahm ihn selbst und legte ihn ihr um die Schultern.

»Vielen Dank,« sagte er mit seiner breiten Stimme.

»Weshalb danken Sie?« fragte Frau de Zamikof.

Der Meister lächelte und sagte: »Weil ich Sie heut gesehen habe, Fürstin,« und er verabschiedete sich von der Prinzessin auf der obersten Stufe der Treppe.

Michael hatte eine der Türen zum Vestibül geöffnet. Mit vorgeschobenen Lippen war er einen Augenblick auf der Schwelle stehen geblieben.

»Bist du noch da?« sagte der Meister und ging an ihm vorbei.

»Ja, noch,« antwortete Michael.

Der Meister ging hinauf.

Stundenlang kämpfte er mit Frau de Zamikofs Bild, mit dem Gesicht, das er gesehen hatte, als Prinzessin Zamikof die Rubinen betrachtete – mit jenem Ausdruck . . . Jenem Ausdruck des Begehrens. 73

. . . Frau de Zamikof fuhr, nachdem sie sich umgekleidet hatte, ins Bois de Boulogne. Als der Wagen gerade beim Triumphbogen abbiegen wollte, ließ sie den Kutscher halten. Sie hatte Herrn Schwitt gesehen und winkte ihm.

Und strahlend, wie jemand, der sehr glücklich ist, oder vielleicht wie jemand, der sich Freunde sichern will – beugte sie sich vor und sagte: »Wie ist das Wetter herrlich. Wollen Sie nicht mitfahren?«

Herr Schwitt stand auf dem Wagentritt und blickte ihr ins Gesicht: »Wenn man nicht mit dem Ritter fahren kann,« sagte er, »nimmt man mit dem Knappen fürlieb.«

Frau de Zamikof zögerte einen Augenblick, bis sie mit derselben Stimme sagte, während ihre Augen ihn anstrahlten: »Daran hatte ich gar nicht gedacht. Aber Sie haben ganz recht.«

Sie fuhren zusammen weiter und sprachen von allem möglichen.

Plötzlich sagte Frau de Zamikof: »Finden Sie Michael auch so ›unendlich‹ schön? Der Meister treibt ja einen wahren Götzendienst mit ihm.«

Charles Schwitt betrachtete sie etwas von der Seite.

»Ja,« sagte er, »es ist wohl das schönste Phänomen für einen Maler, das es in Paris gibt.«

Die Prinzessin lachte und sagte dann kurz darauf und langsamer: »Er hat allerdings andere Farben in seinem Gesicht als alle anderen Menschen.«

Sie grüßte den russischen Militär-Attaché, der vorbeiritt, und begann vom Großfürsten Wladimir zu sprechen, der kürzlich nach Paris gekommen war.

. . . Michael ging hastig durch sein weißes Wohnzimmer und zog die persischen Portieren des Rauchzimmers zu. Weiter kam er nicht: gegen den Türpfosten gelehnt, am ganzen Körper zitternd, fing er an zu weinen, schluchzte unaufhaltsam, während er die strömenden Tränen mit der Portiere wie mit einem Tuch abtrocknete. 74

Dann hob er das Gesicht, das wie von einem Kinderschmerz verheert war.

So war er noch nie von Claude behandelt worden, so noch nie. Und daran war sie schuld – »diese Russin«.

Wie einen Fremden behandelten sie ihn – ja, alle beide – und betrachteten ihn wie eine Art Tier, das kein Wort sagen konnte.

Ja, mit solchen Augen betrachteten Claude und sie ihn.

Er schluchzte wieder und fuhr fort zu schluchzen.

Dann ging er an den kleinen Schreibtisch. Er wollte nach Hause schreiben – nach Prag.

Ja, er wollte schreiben. Er wollte an seine Schwester schreiben. Er hatte ihr so oft Geld geschickt, ohne ein Wort dazu zu schreiben.

Er nahm einen Bogen und schrieb in seiner Muttersprache: »Liebe Schwester,« bis er wieder weinte und vor sich hinstarrend vor dem blanken, leeren Papier sitzen blieb.

Er dachte an daheim. Er wollte sie sich alle ins Gedächtnis rufen, seine Mutter, und die kleinen Kinder seiner Schwester und alle seine Kameraden . . .

Aber es war, als könne er sich auf nichts besinnen, und er sah nichts anderes als die Haustür – nur die niedrige, graue Tür mit der Klingel . . .

Aber vielleicht war Claude über irgend etwas böse. Vielleicht war er unhöflich gegen Prinzessin Zamikof gewesen. Ja, er war unhöflich gegen sie gewesen. Er wußte es wohl, aber . . .

Es war auch zu häßlich gegen ihn, daß sie zu Tisch gegangen waren.

Jetzt aber – und plötzlich lächelte er – jetzt wollte er wieder hingehen und ganz harmlos tun. Oder Claude um Entschuldigung bitten. Ja, das wollte er.

Seine Augen fielen auf das Papier mit einem Blick, als hätte er es vergessen, und er schrieb hastig: »Es geht 75 mir gut und ich grüße Euch alle. Dein Bruder Eugene Michael.«

Er legte zwei Scheine bei.

»Lassen Sie den Brief einschreiben,« sagte er zu dem Diener, der an der Treppe stand.

Und er ging.

Als er ins Atelier kam, stand der Meister noch vor Frau de Zamikofs Bild.

»Bist du es?« sagte er und wandte den Kopf, während Michaels Gesicht bloß beim Klang von Claude Zorets Stimme aufleuchtete.

»Du sagtest doch, du bekämst Besuch.«

»Ja, später,« sagte Michael und setzte sich hastig auf seinen Stuhl, wo er zu sitzen pflegte, wenn der Meister arbeitete.

Claude Zoret malte weiter, bis er plötzlich zu Michael hinsah, der seine klaren Augen vom Meister durch den ganzen Raum wandern ließ, als sei es lange her, seit er hier auf seinem eigenen Stuhl gesessen.

»Wie vergnügt du aussiehst,« sagte der Meister.

»Ja,« antwortete Michael und lächelte.

Es verging eine Weile, während der Meister wieder malte. Dann sagte er, und seine Stimme klang ebenso jung wie Michaels: »Du, jetzt hab ich sie.«

»Wirklich?« sagte Michael und war aufgestanden.

»Nein,« sagte der Meister, »du sollst es jetzt nicht sehen.«

Michael war neben einem Stuhl stehen geblieben, auf dem ein russischer Handschuh lag.

»Ja,« sagte der Meister, »den muß sie vergessen haben, ich sah ihn vorhin dort liegen.«

Michael hatte den graublauen Handschuh ergriffen und hielt ihn in der Hand.

»Weißt du was,« sagte er und lächelte Claude Zoret mit glücklichem Gesicht an, »ich dachte eigentlich, du seiest böse.«

»Weshalb sollte ich böse sein?« fragte der Meister. 76

»Ja,« sagte Michael, der noch immer den Handschuh der Fürstin in seiner geschlossenen Hand hielt, und er fing an zu lachen:

»Aber du bist es gar nicht.«

»Du bist ein Kind,« sagte der Meister.

»Ja.«

»Jetzt muß ich aber gehen,« sagte er, und langsam öffnete sich seine Hand, während er Frau de Zamikofs Handschuh auf den Stuhl zurückgleiten ließ.

»Grüß deine Gäste,« sagte der Meister. »Und amüsiert euch gut.«

Michael lief singend die Treppe hinunter.

 

Der Diener meldete vor der weißen Tür den Herzog von Monthieu, und Michael erhob sich.

»Ich bin wohl der Erste,« sagte Herr de Monthieu. »Ich komme gewiß zu früh.«

Der Herzog hatte seinen Wagen eine halbe Stunde vor der Zeit bestellt, hatte ihn eine Viertelstunde warten lassen und war dann plötzlich davongefahren.

»Die anderen kommen zu spät,« sagte Michael, der, sehr schlank, ebenso wie Herr de Monthieu, seinen Nachmittagsanzug wie eine Uniform trug.

Michael fragte, ob viele Leute im Bois de Boulogne gewesen seien, und Herr de Monthieu, der zuerst hatte sagen wollen: »Ich bin nicht dagewesen,« antwortete: »Ja, viele.«

Und wußte hinterher selbst nicht, warum er nicht die Wahrheit gesagt. Er wandte den Kopf, und indem sein Blick auf die Wand gegenüber der Balkontür fiel, sagte er: »Aber, Michael, wo ist der ›Sieger‹?«

Michael war aufgestanden und lehnte sich gegen den weißen Flügel.

»Ich fand das Licht zu scharf hier unten,« sagte er. »Ich hab ihn oben aufhängen lassen.« 77

»Im Atelier?«

Michael antwortete nicht, sondern sagte hastig: »Und dann ist es nicht . . . ganz angenehm, so in seiner Nacktheit in seinen eigenen Zimmern zu hängen – wenn andere Menschen kommen.«

Herr de Monthieu hatte Michael einen Augenblick angesehen. Aber er fragte nur nach dem Befinden des Meisters, während der Diener Graf Toll meldete, einen Sekretär der Gesandtschaft von Herrn Adelsskjolds Vaterland.

»Er malt Frau de Zamikof,« sagte Michael mit seiner gewohnten spöttischen Betonung des Namens.

Graf Toll, der klein war, sehr blond und von knabenhafter Statur, griff den Namen Zamikof sofort auf und sagte, er habe sie eben an den Seen mit einem Juden gesehen.

Er nahm in einem Lehnstuhl Platz und begann mit einer Stimme, die seltsam spröde klang, eine Menge Damen aufzuzählen, die er eben gesehen hatte. Er sprach immer von Damen und immer merkwürdig atemlos, als tummele er sich während eines Kotillons zwischen ihren Spitzen.

Graf Toll fuhr fort zu sprechen, während Michael, an den Flügel gelehnt, mit seinem linken Zeigefinger unablässig über seine Augenbraue hin und herstrich. Herr de Monthieu blätterte in einer Luxusausgabe von »Fort comme la Mort«, Michaels Lieblingsbuch.

Plötzlich sagte Graf Toll: »Wissen Sie, Herzog, Sie lieben wie ein Portugiese.«

Michael fing an zu lachen.

»Weshalb das?« sagte er.

»Ja,« sagte Graf Toll, während der Herzog das Buch unwillkürlich wie einen Chapeau claque gegen sein Knie stemmte. »Ich habe einmal in einem Buch gelesen, ich glaube, es war von der Fürstin Ratazzi, oder wie 78 heißt sie jetzt? – daß die Portugiesen schweigen und morden.«

Es entstand eine sekundenlange Pause, bevor Herr de Monthieu mit Bezug auf »Fort comme la Mort« sagte: »Das müssen Sie doch bald auswendig können, Michael.«

Graf Toll sagte, es sei ihm unmöglich, ein Buch zweimal zu lesen. Denn wenn man es kenne, dann kenne man es.

Michael aber sagte: »Doch, ›Stark wie der Tod‹ kann ich immer wieder lesen. Denn das verstehe ich.«

»Wie meinen Sie das, Michael?«

»Ja,« sagte Michael, »dort gehen die Menschen auseinander, ohne sich zu zanken.«

Graf Toll lachte laut. Michael aber sagte: »Ja, ist es nicht wahr? Wenn die Liebe vorbei ist, dann ist sie vorbei. Und dann gibt's kein Gejammer hinterher.«

»Aber einen Omnibus,« sagte Graf Toll und lachte.

Herr de Monthieu hatte sich erhoben und starrte in den Garten hinaus.

Graf Toll, dessen behendes Gehirn sich wieder mit dem Namen Zamikof beschäftigte, sagte: »Ah, la Zamikof a bien appris beaucoup de choses.«

Und lachend fuhr er fort: »«Mais oui, en parcourant tant de pays elle a bien appris la connaissance de trics.

Michael hatte den Kopf gewandt und der Herzog drehte sich hastig um: der Diener öffnete Frau Adelsskjold die Tür, die mit Frau Morgenstjerne hereinkam, einer norwegischen Malersfrau, groß wie eine Walküre.

»Ja,« sagte Frau Adelsskjold, »Adelsskjold malt und kann nicht kommen. Da war Frau Morgenstjerne so liebenswürdig, mich zu begleiten. Denn –« fügte sie hinzu und lächelte, »Sie wären doch betrübt gewesen, Michael, wenn wir nicht gekommen wären, nicht wahr?«

»Und außerdem,« sagte Frau Morgenstjerne und lachte, 79 daß man all ihre schönen Zähne sah, »wollte ich so furchtbar gern Ihr Haus sehen.«

Frau Adelsskjold sagte: »Michael wohnt herrlich. Er wird überhaupt furchtbar verzogen. Aber,« sagte sie, und reichte Herrn de Monthieu die Hand, »das schadet nichts.«

»Wer weiß?« sagte Frau Morgenstjerne.

»Nein, denn ich glaube,« sagte Frau Adelsskjold mit verändertem Gesichtsausdruck, »die Menschen gedeihen in der Sonne.«

»Das ist wahr,« sagte Frau Morgenstjerne und setzte sich breit in einen Stuhl, während der Diener auf einem Tablett Malvasier reichte und sie fortfuhr: »Es ist hinreißend. Das haben die Gartenhäuser in Paris so an sich. Sie liegen so versteckt wie Nester.«

Und man fing allgemein an von Gartenhäusern zu sprechen, von Ateliers, von Seitenstraßen beim Triumphbogen und von Wohnungen.

Graf Toll unterhielt sich mit Frau Morgenstjerne in seiner skandinavischen Muttersprache und Michael machte sie nach, während sie lachten.

»La langue d'Ibsen . . . n'est-ce pas?« rief Michael

Und Frau Morgenstjerne, die patriotisch berührt wurde, sagte: »Stimmt. Aber Sie ziehen natürlich Ihren Herrn de Curel vor.«

»Es ist gar nicht mein Herr de Curel,« antwortete Michael, »denn ich bin Tscheche.«

Und etwas leiser fügte er hinzu: »Aber auf tschechisch werden nicht so viele Bücher geschrieben.«

Es flog ein Engel durchs Zimmer.

Plötzlich aber wollte Michael drei norwegische Worte lernen, drei richtig norwegische Worte.

»Welche drei Worte?« sagte Frau Morgenstjerne, die froh und stattlich ihren weißen Stuhl ausfüllte.

»Ich liebe dich,« lachte Graf Toll.

»Ja,« sagte Frau Morgenstjerne und nahm noch einen 80 Schluck Malvasier, »das wollen wir ihn lehren: ›jeg elsker dig‹.«

Und sie begann mit weit geöffnetem Mund, wobei die prachtvollen Zähne schimmerten, die drei Worte vorzutragen, die Michael nicht nachsprechen konnte, während Herr von Toll lachte und sie mitsprach.

»Jeg,« rief Toll.

»Jeg,« begann Frau Morgenstjerne wieder.

»Jai,« sagte Michael.

»Elsker dig,« fuhr Frau Morgenstjerne fort.

Aber Michael stolperte über »elsker« und Toll wiederholte: »Elsker dig . . . zum Kuckuck.«

»Elskar dai

Frau Adelsskjold hatte sich dem Flügel genähert, wo Herr de Monthieu Guy de Maupassants Roman hingelegt hatte.

»Sie waren ein Freund von Guy de Maupassant, nicht wahr?« sagte sie zu Herrn de Monthieu.

»Ich glaube wohl, daß ich mich so nennen darf, aber ich war ja so viel jünger als er.«

»Wie war er eigentlich, ich meine als Mensch?« fragte Frau Adelsskjold leise, während hinter ihnen die andern noch immer lachten.

»Jeg elsker dig« rief Frau Morgenstjerne noch einmal.

Herr de Monthieu erzählte von seinem verstorbenen Freund und sprach gedämpft, ebenso wie Frau Adelsskjold, bis er schließlich sagte: »Er war das stolzeste Gemüt, das ich gekannt habe.«

Sie schwiegen einen Augenblick, bis Frau Adelsskjold sagte: »Wie treu Sie Ihre Freunde lieben.«

Und sie schwiegen wieder eine Weile, bis Frau Adelsskjold sich umwandte.

»Was macht ihr eigentlich für einen Spektakel?«

Frau Morgenstjerne lachte aus vollem Halse: »Er will lernen: ›Jeg elsker dig‹ zu sagen . . . Aber,« und sie 81 hob beide Arme, daß die Armbänder klirrten, »er lernt es nie.«

»Nein,« sagte Toll, der den Unterricht aufgab.

»Ich hab es von Alexander gelernt,« sagte Frau Adelsskjold lachend, und sie sagte auf schwedisch, mühsam und mit starkem Akzent: »Passen Sie auf, Michael: ›Jeg elsker dig‹«

Aber Graf Toll und Frau Morgenstjerne schüttelten sich vor Lachen über ihre Aussprache.

Plötzlich wurde Frau Morgenstjerne der Sache müde und sie begann wieder von den Zimmern zu sprechen und nach allem zu fragen, was dies sei und wo Michael jenes her habe.

»Das ist eine wunderbare Uhr,« sagte sie und blieb vor dem Kamin stehen, auf dem eine Empireuhr, in Weiß und Gold, stand.

»Ja, die hat Joseph Bonaparte gehört. Der Meister hat sie von der Prinzessin Mathilde bekommen.«

»Alles bekommt er vom Meister,« sagte Frau Morgenstjerne mit hochgehobenen Armen.

Herr de Monthieu aber bewunderte die goldene Statuette der Uhr, einen Amor, der eine Fackel entzündet.

»Ja,« sagte Toll, »die Bonapartes haben es verstanden, die Fackeln in Brand zu halten – und zwar in jeder Beziehung.«

Frau Morgenstjerne war vor dem Flügel stehen geblieben und zeigte auf einige Orchideen, die in einer graublauen, dänischen Vase auf dem Deckel des Instrumentes standen.

»Lieber Freund,« sagte sie zu Michael, »die sind aus dem Laden neben der Oper.«

Alle betrachteten die Blumen, die fast dieselbe Farbe hatten wie die Vase, und Frau Adelsskjold streifte die Kante ihres russischen Handschuhs zurück und hielt sie gegen die Orchideen. 82

»Sehen Sie nur,« sagte sie, »wie genau sie in der Farbe passen.«

»Ja,« sagte Michael hastig und umfaßte das Bukett mit festem Griff, »wie sonderbar.«

Und er blieb in Gedanken versunken stehen und lächelte auf das Bukett herab, während die anderen von einer Rosenausstellung sprachen, die die Aristokratie in Versailles veranstaltet hatte.

Es war, als müsse der Diener Michael beinahe wecken, als er ihm einen Bescheid zuflüsterte, und Michael sagte: »Herr Ducal kommt. Ich habe ihn gebeten, heut nachmittag etwas zu singen.«

»Den werden wir hören?« sagte Frau Morgenstjerne, »Sie sind großartig.«

»Sie haben ihn ja noch nie gehört,« sagte Michael zu Frau Adelsskjold gewandt, während Herr von Toll in die Hände klatschte.

Der Sänger trat herein, und Michael reichte ihm die Hand, ohne ihn vorzustellen, während die anderen unwillkürlich und weniger als eine Sekunde den Fremden von seiner Stiefelspitze bis hinauf zu seinem englisch frisierten Haar musterten.

Sie sprachen weiter, während Herr Ducal in einem Sessel Platz nahm und seine Laute zu stimmen begann – etwas reichlich lange.

»Wollen wir uns nicht setzen,« sagte Michael.

Und man gruppierte sich um den Sänger herum, der noch immer seine blitzenden Saiten stimmte. Nur Frau Adelsskjold saß in der Tür zum Rauchzimmer, wo die silberdurchwirkten Portieren sie halb verbargen. Frau Morgenstjerne, die sich dicht vor Herrn Ducal plaziert hatte, sagte in ihrer Muttersprache zu Graf von Toll: »Wissen Sie, es ist famos, ihm so nahe zu sein. Da kann man seinen Fingersatz mal ordentlich verfolgen.«

Herr Ducal sprach – mit etwas zu langen Pausen – 83 ein paar Augenblicke über die Melodien der alten Lieder, bis er mit gedämpfter Stimme zu singen begann, während Herr de Monthieu ein paar Schritte durch das Zimmer machte und neben dem weißen Kamin stehen blieb.

Der Sänger sang mit gebeugtem Kopf, so daß man nur die blanken Augen sah:

A l'ombre d'un ormeau
Filait du lin tranquillement
Son berger la trouvant seulette
S'en vient lui dire tendrement:
»Brunette, mes Amours,
Languirai-je toujours?«

Herr de Monthieu stützte seinen Arm auf die Platte des Kamins. Die langen Wimpern an den gesenkten Lidern lagen wie ein Schatten auf seiner schmalen Wange.

Le berger, de si bonne grâce,
Contait son amoureux tourment;
Qu'un jeune cœur, fût-il de glace,
Se fût rendu dans le moment.
Chacun doit à son tour
Un tribut à l'Amour.

Frau Morgenstjerne lachte ein leises Lachen, das fast im Takt der Musik klang, während Graf Toll mit weit von sich gestreckten Beinen dasaß und die Lippen spitzte, als flöte er unhörbar mit. Herr de Monthieu hatte seine Augen aufgeschlagen.

Michael aber holte seine Laute aus einer Ecke, und indem er sich auf den Flügel schwang, neben die dänische Vase, stimmte er leuchtenden Auges mit ein:

Lisette sentant sa défaite,
Peut-être ne l'eut jamais dit,
Sans que la tendre Lisette
Fit un soupir qui la trahit,
Chacun doit à son tour
Un tribut à l'Amour.
84

Michaels Stimme übertönte die von Herrn Ducal. Spielend flogen seine Finger über die Laute, während ein strahlendes Grübchen sich in seinem Kinn zeigte und er fortfuhr:

Ils étoient seuls dans ce boccage,
On ne sait ce qui s'y passa.

Herr Ducal hörte plötzlich auf zu singen, während Michael, das schwarze Haar zurückgeworfen, weiter über der weißen Laute jubelte:

Mais Thircis eût été peu sage
S'il en étoit demeuré - là:
Chacun doit à son tour
Un tribut à l'Amour.

Herr Ducal schlug, als Zeichen seines Beifalls, die Knöchel gegen die Rückseite seiner Laute und Frau Morgenstjerne rief gleichzeitig mit Graf Toll: »Bis, bis, Michael. Bis, bis,«

»So müßte er gemalt werden,« sagte Toll und verschlang Michael mit den Augen, von männlicher Bewunderung für eine andere wahre Männlichkeit ergriffen.

Michael aber sang noch einmal, mit fast verwegenem Jubel, hoch oben auf seinem Flügel – während Herrn de Monthieus Lippen leise bebten:

Mais Thircis eût été peu sage
S'il en étoit demeuré - là:
Chacun doit à son tour
Un tribut à l'Amour.

»Aber Sie sind ja ein Künstler, Michael,« rief Frau Morgenstjerne, und Toll stimmte bei: »Freilich ist er ein Künstler.«

»Man ist eben Tscheche,« antwortete Michael und schleuderte die Laute von sich, die klirrend auf den Teppich fiel.

Aber plötzlich fiel sein Blick auf Frau Adelsskjold, die ihr Gesicht ganz hinter den Falten der Portiere verborgen hatte. 85

»Aber Ihnen, Prinzessin Rohan,« sagte er und durch das Wort »Prinzessin« klang ein eigenartiger Ton, fast wie eine Fanfare: »Ihnen paßt es nicht, daß ich nicht die Nation repräsentiere.«

Alle lachten, während er vom Flügel sprang.

»Jetzt Sie, Herr Ducal,« sagte er und blieb lachend neben dem Flügel stehen.

Herrn Ducals Laute erklang von neuem, und seine Augen, die einen Ruhepunkt während des Vortrages zu suchen schienen, hefteten sich auf die Spitzenkante von Frau Adelsskjolds Kleid.

»Das Lied von der Königstochter,« sagte er, ohne das Gesicht zu erheben.

Und er sang die Klage der Königstochter:

Las! il n'a nul mal,
Qui n'a le mal d'amour!
La fille du Roy
Est an pied de la tour.

Einen Augenblick hörte man nur die Laute.

Niemand hatte sich gerührt. Michael stand noch immer am Flügel neben den grauen Orchideen. Frau Adelsskjold hatte ihr Gesicht versteckt, während Herr de Monthieu unablässig ihre gefalteten Hände betrachtete.

Der Sänger fuhr fort mit verschleierter Stimme zu singen:

Qui pleure et soupire
Et mêne grand doulour.
Il n'a nul mal
Qui n'a le mal d'amour.

Frau Adelsskjold hatte ein Prachtwerk zu sich herangezogen und legte es in ihren Schoß, während sie langsam die schweren Blätter umwendete – vielleicht ohne etwas zu sehen.

Die Hand des Sängers glitt sanft über die Laute hin, so daß die Saiten fast unhörbar klangen: 86

Las! il n'a nul mal
Qui n'a le mal d'amour.
Le bon Roy lui dit:
»Ma fille...

Frau Adelsskjold hatte den Kopf über das Buch gebeugt.

Ja, jetzt sah sie es, es war das Wappenbuch des französischen Adels. Das war das Schild der Rochefoucaults. Und hier das der Montesquieus. Wie lange war es her, seit sie alle diese alten Wappenembleme gesehen hatte. Sie meinte fast, seit ihrer Kindheit nicht. Da hatte ihr Vater sie ihr immer gezeigt und ihr die Wahlsprüche der einzelnen erklärt.

Voulez Vous un mari?«
›Hélas! oui, mon Seignour.‹
Las! il n'a nul mal
Qui n'a le mal d'amour.

Hier war das Wappen der Monthieus mit dem eisernen Schwert durch das flammende Herz. Und darunter das Silberband mit ihrem Wahlspruch. Da stand es: »Gib alles und verrate niemand« . . .

»Gib alles . . . und verrate niemand« . . .

Der Gesang verstummte und es wurde still im Zimmer. Aber Michael sagte zu Herrn Ducal: »Singen Sie das bitte noch einmal.« Und während der Sänger sich von neuem über die Laute beugte, setzte Michael sich still an den Flügel, und einer Antwort gleich begleitete er den Gesang leise mit einigen dumpfen Akkorden:

Las! il n'a nul mal,
Qui n'a le mal d'amour,
La fille du Roy
Est au pied de la tour.

Die Akkorde erklangen, als stiegen sie aus der Tiefe des Sanges und der Melodie hervor, während Frau Adelsskjold langsam das Blatt mit dem Wappenzeichen wandte, wobei ihre Hand, wie Herr de Monthieu sah, leise bebte: 87

Qui pleure et soupire
Et mêne grand doulour.
Las! il n'a nul mal
Qui n'a le mal d'Amour.

Der Gesang war zu Ende.

Als Herr Ducal sich zum Abschied verbeugte, neigten alle die Köpfe. Aber Michael vergaß aufzustehen. Er blieb mit aufwärts gewandten Blicken am Flügel sitzen, als betrachte er ein unsichtbares Bild. Alle schwiegen, bis Frau Morgenstjerne, die mit vorgeneigtem Kopf, die Hände im Schoß gefaltet, dagesessen hatte, ausrief: »Es ist komisch, aber wenn ich Musik höre, ist mir immer, als wäre die Luft mit Geheimnissen erfüllt.«

Niemand antwortete ihr, alle saßen unbeweglich, bis Toll in seiner Muttersprache mit seiner drolligen Kindertrompetenstimme sagte: »Ja, es ist merkwürdig, wenn man Musik hört, meint man so viele Dinge zu sehen.«

»Was sehen Sie denn?« sagte Frau Morgenstjerne, die in Lachen ausbrach.

»Ja, das ist das Merkwürdige dabei,« sagte Herr von Toll, »man weiß es nicht.«

Michael fragte: »Was sagt er?«

Frau Morgenstjerne sagte, noch immer lachend: »Er sagt, wir wollen Ihr Haus besehen, da ich nun einmal hier bin.«

Alle brachen auf, während Frau Adelsskjold, die schon einige Schritte gemacht hatte, plötzlich stehen blieb und sagte: »Ich bleibe hier, Michael. Ich habe Ihre Herrlichkeiten ja schon früher gesehen.«

Herr de Monthieu zögerte eine Sekunde auf den Stufen der Wendeltreppe. Dann folgte er den andern, die zum Atelier hinaufstiegen.

Frau Morgenstjerne blieb in der türbreiten Öffnung stehen, die die Tür des Ateliers war.

»Nein,« rief sie und sie sprach Norwegisch, »du meine Güte, wie ist es hier schön!« 88

In einer Minute hatten ihre Augen den ganzen Raum überflogen. Den alten Kardinalstuhl unter dem Baldachin und die Bronzeabgüsse von Rodin auf abgeschlagenen, goldenen Kapitälen und die Seidenvorhänge der Wände, deren starke Farben eines Araberzeltes nicht unwürdig gewesen wären, und die Kissen mit Goldstickerei, die überall umher lagen.

»Du meine Güte,« rief sie wieder: »Mensch, was malen Sie hier?«

Und sie ging umher, wie jemand, der gewohnt ist, sich zwischen Bildern und Staffeleien und Farbenklecksen zu bewegen, während sie Skizzen von der Wand herunternahm und in den Studien wühlte.

»Nein, nein,« sagte Michael und riß ihr eine Studie aus der Hand: »Ich male nichts, was das Ansehen lohnt.«

»Dann sollten Sie sich schämen,« sagte Frau Morgenstjerne und setzte sich auf einen Stuhl, »so himmlisch schön, wie es hier ist.«

Michael fing an, von den Kissen zu erzählen. Er hielt sie mit beiden Händen hoch und sprach rasch, fast wie ein Knabe, der sein Spielzeug erklärt: sie seien ein Geschenk des Schahs, das der Meister nicht haben wollte: »Ich will von diesem persischen Rundkopf nichts in meinem Hause haben,« hätte der Meister gesagt, erzählte Michael . . .

»Dieser Schal aber ist das Schönste von allem,« sagte er und zeigte auf eine Seidendraperie an der Wand.

Frau Morgenstjerne, die Kennerin war, mußte hin und ihn befühlen.

Michael aber sagte: »Am schönsten ist es hier abends, wenn Licht angezündet ist.«

»Aber jetzt, Kinder,« sagte er und reckte die Arme, »will ich ein Fest geben. Was meinen Sie, Frau Morgenstjerne? Ein Fest mit Hunderten von Menschen durch das ganze Haus. Wir engagieren ein spanisches Orchester, das vom ›Grand Café‹. Sie sind ganz in Gelb gekleidet. Diese 89 Spanier, Monthieu, hängen sich Farben auf, daß einem die Augen weh tun.

Und dann tanzen wir hier oben und unten essen wir.

Oh, es ist Platz genug, massenhaft Platz.«

Michael fuhr fort zu reden, strahlend über das weiße Gesicht, während Frau Morgenstjerne und Graf Toll mit einstimmten, von seiner Freude angesteckt:

»Hier müßten Blumen hergestellt und dort Lampen aufgehängt werden . . .«

»Aber,« sagte Michael plötzlich, »das Orchester soll nicht spanisch sein. Russen wollen wir haben, denn die, die spielen am besten.«

Er lachte mit seinem strahlenden Gesicht.

»Und dann,« sagte er, »sind sie mit mir verwandt.«

Frau Morgenstjerne lachte.

Michael aber sagte: »Ja, denn ich bin Tscheche . . . und Russen und Tschechen sind miteinander verwandt.«

Er schwieg einen Augenblick, bevor er in seltsamem Übergang und mit ganz anderer Stimme sagte: »Aber ich kenne ja eigentlich gar keine Menschen.«

»Was?« rief Frau Morgenstjerne, »Sie kennen doch Hunderte.«

»Nein,« antwortete Michael, »ich kenne niemanden. Claude kennt sie.«

Es wurde einen Augenblick still, bis Graf Toll sagte, unwillkürlich in einem Ton, als sei es jetzt begraben: »Ja, es würde großartig werden.«

Herr de Monthieu, der nicht gesprochen hatte, stand vor dem »Florentiner«, der sich auf seinem Sockel erhob und sein stummes Lied in den Raum hinaus sang.

Frau Morgenstjerne hatte wieder angefangen, das Atelier zu durchwandern, als sie plötzlich vor einer Staffelei stehen blieb: »Das ist gut,« sagte sie und trat einige Schritte von dem Bild zurück, auf dem sie eine weibliche Brust sah, einen Hals und ein Gesicht, das halb verwischt war. 90

Herr de Monthieu hatte sich umgewendet.

»Herzog, diese Linien sind gut,« sagte Frau Morgenstjerne und führte ihre Hand durch die Luft.

»Ja,« sagte Herr de Monthieu impulsiv.

Michael hatte in seiner Rede innegehalten, aber auch Herr von Toll war vor die Staffelei getreten.

»Ja,« sagte er, »das ist brillant – ganz genau Prinzessin Zamikofs Hals.«

Michael machte zwei Schritte, als wolle er auch mit sehen, und Herr de Monthieu hatte sich abgewandt.

Frau Morgenstjerne aber stand noch immer vor der Studie und kritisierte sie als solche: »Ja,« sagte sie wieder, »diese Linie ist prachtvoll. Und dann sagen sie, daß er kein Talent hat.«

»Wer sagt das?« fragte Michael, der, verwirrt, die Gelegenheit ergriff, um zu lachen.

»Unsinn,« sagte Frau Morgenstjerne, und sie wandte sich um und fragte: »Gibt's noch mehr zu sehen?«

»Ja,« sagte Michael kurz und führte sie über den Korridor in sein Schlafzimmer.

»Hier haben Sie den ›Sieger‹ hingehängt?« rief Frau Morgenstjerne und blieb in der Tür stehen: »Das ist auch eine Idee.«

Graf Toll aber sagte halblaut: »Das ist wohl wegen der bequemen Vergleichung.«

. . . Der Herzog war die Wendeltreppe hinuntergestiegen.

Frau Adelsskjold war vom Wohnzimmer auf den Balkon hinausgetreten. Die Hände auf das Geländer gestützt, schaute sie über den kleinen Garten hin.

Herr de Monthieu ging langsam durch das Zimmer und blieb in der Balkontür stehen. Wie Trauben so dicht hingen die gelben Rosen längs der Gartenmauer, und die beiden Veilchenbeete breiteten sich wie ein dunkelblaues Tuch über den Boden. Von oben, aus dem geöffneten Fenster, klangen die Stimmen der andern – 91 am lautesten die Michaels – in jungem, glücklichem Geplauder.

Herr de Monthieu starrte in den Garten hinaus und sagte plötzlich: »Armer Michael.«

Frau Adelsskjold wandte den Kopf, als hätte sie ihn nicht verstanden. Aber kurz darauf sagte sie, während sie die Palmengruppe betrachtete, die ihre Blätter in dem eingeschlossenen Garten wie in einem Treibhaus erhob: »Ja, der arme Michael.«

Sie schwiegen einen Augenblick, bis Frau Adelsskjold sagte, als setze sie einen Gedanken fort: »Aber das Haus ist schön.«

»Ja. Mir ist es von jeher lieb gewesen.«

Herr de Monthieu war an das Geländer herangetreten.

»Wir haben zu Hause in der Normandie ein Gartenhaus, daran erinnert mich dies so sehr.«

Frau Adelsskjold strich mit der Hand über das Geländer des Balkons und sah fortwährend auf den hellen Garten hinaus: »Wie Sie Ihre Normandie lieben!« sagte sie.

Sie standen schweigend da, bis Herr de Monthieu sagte, und es wurde ihm schwer, die Worte herauszubringen: »Kommen . . . Sie und Ihr Mann wirklich dies Jahr hin?«

Der Lärm des fernen Kais mischte sich wie ein stilles Brausen in ihre Worte.

»Jedenfalls fern von Ihren Eichen,« erklang Frau Adelsskjolds Stimme, »die Normandie ist groß.«

Herr de Monthieu schwieg eine Sekunde: »Die Welt ist größer,« sagte er dann, und es war, als flögen seine atemlosen Worte wie ein schneller Pfeil gegen eine Rüstung: »Und doch sind wir uns begegnet.«

Frau Adelsskjold erblaßte, und sie öffnete die Lippen zu Worten, die sie nicht fand, während Herr de Monthieu, dessen Stimme klang, als dringe sie durch ein unhörbares Schluchzen, sagte: »Aber verstehen Sie denn nicht, 92 begreifen Sie denn nicht? Sehen Sie denn überhaupt nichts?«

Frau Adelsskjold hörte Frau Morgenstjerne hinter sich sprechen und sie sprach selbst und sie hörte Michaels Stimme. Aber sie sah nur den Diener, der, sich verneigend, ihren Wagen meldete.

Frau Morgenstjerne redete im Wagen unaufhörlich.

Plötzlich sagte sie: »Wie war der Herzog bleich.«

»Ja,« sagte Frau Adelsskjold und sah plötzlich Herrn de Monthieu vor sich, wie er sich zum Abschied verneigt hatte, und doch war es ihr, als hätte sie ihn gar nicht gesehen dabei.

Frau Morgenstjerne aber plauderte weiter, bis sie sagte: »Es ist trotzdem schade um ihn.«

»Um wen?«

»Um den jungen Menschen,« sagte Frau Morgenstjerne: »Denn wissen Sie, er ist und bleibt doch nur ein Modell, das in einen Käfig gesetzt ist – und dazu ist er viel zu gut. Denn er ist ein ganz prächtiger Mensch und Talent hat er auch. Und was hat er in dreihundert Jahren davon, daß er in den Museen hängt, mit ›Claude Zoret‹ unterzeichnet.«

Frau Adelsskjold saß einen Augenblick still. Dann sagte sie: »Vielleicht macht er sich frei.«

Und sie hielt so plötzlich inne, daß Frau Morgenstjerne sich im Wagen umwandte.

– – Michael lag im Schlafzimmer, wo die dunkelroten Stores vorgezogen waren, auf seinem Bett ausgestreckt und starrte zur Decke hinauf, deren Weiße wie von einem seltsamen, dunklen Feuer beleuchtet glühte.

 

Der Meister kam aus seinem Badezimmer. Aber das Bad hatte ihm nicht geholfen. Seine Augen waren so müde, als wären sie durch zu langes Lesen überanstrengt.

Prinzessin Zamikof sollte ihm heut zum letztenmal sitzen. 93

Und doch – und doch.

Es war nicht ihr Gesicht und es würde ihm nie gelingen.

Er ging in sein Atelier hinauf und wanderte rastlos auf und ab, die Hände vor sich in einer seltsamen Stellung, als faßten sie um einen Pfluggriff.

Er konnte es also nicht. Er konnte es also nicht.

Seine Unterlippe sank schlaff herab und gab ihm plötzlich ein greisenhaftes Aussehen, was er selbst merkte, und hastig veränderte er seinen eigenen Ausdruck.

Und das Bild sollte gemalt werden, sollte gemalt werden und seinen Namen tragen.

Ach, wenn ein Mensch wüßte, wie müde er war und wie gern er seinem eigenen Namen davongelaufen wäre.

Seinem Namen . . . und seinem Ruhm.

Der Ausdruck seines Gesichts hatte sich verändert und zeigte nur einen erbitterten Hohn.

Sein Ruhm und sein Name: Claude Zoret. Elf Buchstaben. Ein Name. Der Eisenpanzer seines Lebens. Ein Gürtel, der sein Herz beengte.

»Was gibt's?« er wandte sich um.

Der Majordomus hatte die Portiere zurückgeschlagen.

»Fürstin Zamikof.«

»Ich lasse bitten.«

»Sie bereiten mir schlaflose Nächte,« sagte der Meister laut zu Frau de Zamikof, die eintrat.

»Ganz wider meinen Willen,« antwortete Frau de Zamikof und wandte ihm ihr sanftes Gesicht zu.

Und kurz darauf fügte sie hinzu: »Und heut ist ja außerdem alles vorbei.«

»Ja,« antwortete der Meister.

Sein rechtes Augenlid fiel durch die Anstrengung des Sehens halb zu, während er ruhig vor dem Bilde auf und ab schritt.

Nein, es waren nicht ihre Augen. 94

Die Adern an seiner Stirn schwollen an, während er weiter arbeitete.

»Erzählen Sie mir etwas,« sagte er.

Frau de Zamikof sah lächelnd zu ihm auf.

»Was soll ich Ihnen erzählen?« fragte sie. »Habe ich nicht schon oft gesagt, Sie hören ja doch nicht zu.«

Der Meister antwortete: »Und habe ich Ihnen dann nicht erwidert, daß ich Sie sehe, wenn Sie sprechen?«

Sie begann vom Rennen zu erzählen, wo sie Herrn Michael gesehen hatte.

»Ja,« sagte der Meister. »Der läuft in der letzten Zeit herum, als hätte er Quecksilber im Leibe.«

Und er fragte nach einer Neuigkeit aus Rußland und veranlaßte sie auf diese Weise, von ihrem ungeheuren Vaterland zu sprechen, als habe er die unbewußte Hoffnung, daß ihr Bild aus ihren Worten hervorwachsen würde – aus dem Boden der Heimat.

Frau de Zamikof begann, im Zusammenhang mit dem Rennen, von den Ritten daheim auf den großen Gütern zu erzählen, von den Ritten über Felder und über Stock und Stein; und sie erzählte von einem Jahrmarkt, zu dem sie in einer ganzen Kohorte geritten wären, einem jener russischen Jahrmärkte mit Tausenden von Baracken und schmutzigem Geld und bunten Farben und Zwiebelgestank und Staub.

Und der Meister setzte sich auf einen Stuhl, plötzlich vergnügt, ein letztes Mal hoffend, daß er ihr Gesicht fassen würde – bis er wieder aufstand und von neuem zu arbeiten begann.

Michael kam herein, von der Prinzessin flüchtig begrüßt, und setzte sich in eine Ecke. Das weiße Gesicht stützte er in die Hände, während er – mit einem Blick, den vielleicht seine Augen noch nie gehabt hatten – unablässig Frau de Zamikofs Büste betrachtete, ohne seine Augen höher zu erheben. 95

Niemand sprach, während der Meister unermüdlich mit niedergezogenen Brauen arbeitete, mit herabhängender Unterlippe, wie vorhin, als er allein war – in einer ohnmächtigen Erschlaffung, die Frau de Zamikof bemerkte. Und plötzlich empfand sie jenes unwillkürliche Unbehagen der Jugend dem Alternden gegenüber – einem Alternden, dem sie in Gedanken vielleicht sehr nah gekommen war.

Der Meister wandte sich mit einem Ruck um.

»Nein,« sagte er, »es will nicht.«

Und indem er mit der rechten Hand die Staffelei drehte, sagte er: »Komm her, Michael.

Ist es ähnlich?«

Michael war aufgestanden. Eine halbe Minute vielleicht stand er vor dem Bild, ohne ein Wort zu sagen, während der Meister sein Gesicht beobachtete.

»Nein,« sagte Claude Zoret, »du hast recht. Es ist verfehlt.«

Und plötzlich wieder hoch aufgerichtet, halb ironisch, mit der Geste eines Riesen, der seinem Pflegesohn sein Schwert reicht, sagte er: »Versuch du es.«

Michael zögerte eine Sekunde, während das weiße Gesicht noch weißer wurde.

Dann faßte er mit einem Griff Palette und Pinsel, und wie ein Tier am ganzen Körper zitternd, nur Arm und Hand sicher, änderte er mit vier Strichen, mit fünf Strichen, die Augen des Porträts – und trat zurück.

»Ja,« rief der Meister und seine Augen leuchteten. »Das ist sie.«

Frau de Zamikof hatte sich erhoben, während sie Michael mit einem einzigen Blick umflammte.

»Ja,« rief der Meister, stramm dastehend, während er lachte. »Ich habe es ja immer gesagt, Michael hat mehr von Claude Zorets Bildern gemalt, als die Welt ahnt.«

Der Meister blieb vor dem Bild stehen und betrachtete es mit einem neuen Ausdruck in den leuchtenden Augen. 96

»Ja,« sagte er und lächelte seltsam, »das errät nur die Jugend.«

Die Fürstin wollte sehen. Aber der Meister hielt sie zurück. »Noch nicht,« sagte er. »In acht Tagen können Sie Ihr Porträt holen lassen.«

Und als beende er eine Audienz, sagte er: »Adieu, Madame.«

Frau de Zamikof ging.

Michael begleitete sie nicht. Noch immer zitternd, stand er gegen das Postament gelehnt, das den weißen Torso trug.

Der Meister ging auf und ab, die Pfeife im Mund, als Herr Schwitt hereinkam.

»Charles,« rief der Meister, »ich bin fertig mit der Mänade.«

Und indem er die Staffelei zurechtstellte, sagte er: »Michael hat ihr Augen gegeben.«

Charles Schwitt war vor das Bild getreten, das er lange betrachtete.

»Aber du hast sie gemalt,« sagte er mit seltsam leiser oder heiserer Stimme.

 

Es war am Tage, nachdem die Fürstin Zamikof ihr Bild erhalten hatte.

Der Meister arbeitete, während Michael las.

Der Majordomus teilte die Portiere und meldete: »Fürstin Zamikof.«

»Was will sie?« rief der Meister, während Michael den Baudelaire mit einem Ruck zuschlug. »Führen Sie sie herein.«

Die Fürstin war bereits einige Schritte näher gekommen.

»Guten Morgen,« sagte der Meister.

Frau de Zamikof neigte den Kopf, so daß das Licht des Ateliers wie eine Glorie über dem aschblonden Haar lag.

»Ich komme,« sagte sie und lächelte, »um Ihnen zu danken. Das hatten Sie mir erlaubt.« 97

»Und,« sagte der Meister und sprach mit ihr, die er gemalt hatte, wie mit einem Menschen, den er kaum je gesehen, »um nach dem Preis zu fragen.«

Die Fürstin war stehen geblieben, mit starrer Miene, und Michael hatte sich erhoben, während jede Fiber in seinem Gesicht bebte.

»Es gibt keinen Preis,« sagte der Meister. »Ich bin kein Porträtmaler. Und ein Geschenk von mir kann Sie nicht beleidigen.«

Die Stimme des Meisters war gutmütig geworden, und er bat sie, Platz zu nehmen.

Frau de Zamikof dankte nicht. Während einiger Sekunden blieb noch dasselbe Starren in ihrem Blick (ein Starren wie auf etwas, das plötzlich zertrümmert ward) und sie sprach von Wind und Wetter, bis sie sich erhob.

»Adieu, Meister,« sagte sie und schlug plötzlich die Augen zu Michaels bebendem Gesicht auf.

»Adieu, Herr Michael,« sagte sie und umschlang ihn wieder mit ihrem Blick.

Der Meister reichte ihr zum Abschied die Hand.

»Michael,« sagte er, »begleite die Fürstin hinaus.«

Keiner von ihnen sprach, während sie die goldene Treppe hinabstiegen. Sie hörten nur das Plätschern der Springbrunnen. Michael zitterte, daß ihm die Zähne zusammenschlugen.

Das Vestibül war leer.

Die Hand, mit der Michael ihren Mantel nahm, war eiskalt. Seine Lippen schoben sich in einem Bogen nach aufwärts. Dann legte er den Mantel um sie, wobei er ihr sehr nahe trat. Und plötzlich, während es war, als sei ihre Kleidung mit ihrem Körper eins geworden und empfände wie dieser, sagte sie: »Woher wußtest du, daß es mein Gesicht war?«

Und sie begegneten sich in einem Kuß so fest, als wollten ihre Lippen und ihr Atem sich nie mehr trennen. 98

 

Der Meister war bereits auf dem Wege ins Eßzimmer, als Michael angestürzt kam und fast atemlos rief: »Entschuldige, daß ich so spät komme, aber ich komme direkt aus dem Bade.«

»So spät?« sagte der Meister.

»Ja, ich habe erst mit Monthieu gefochten.«

Sie setzten sich und fingen an zu essen. Der Meister aß langsam, wie jemand, der gut verdauen will, während Michael das Essen mit gierigem Appetit hinunterschlang und mit vollem Munde erzählte: Von Frau Adelsskjold, die er eben in ihrem Wagen gesehen hatte: »Wie sah sie elend aus,« sagte er, »sie ist ganz mager geworden.«

Und von Versailles erzählte er.

»Bist du wieder dagewesen?« fragte der Meister.

»Ja, ich male draußen,« sagte Michael, »deshalb bin ich gestern nicht gekommen. Es wurde so spät und das Schloß war so schön.«

»Ja,« sagte der Meister, »das Gebäude ist nur des Nachts schön.«

Michaels Augen funkelten und wurden veilchenfarben in ihrem Glanz: »Ja,« sagte er und seine Stimme wurde eine andere, »es ist schön dort des Nachts.«

Und mit veränderter Stimme fuhr er fort: »Ich hab im Hotel Vatel zu Mittag gegessen . . . dem Theater gegenüber. Kennst du es nicht?«

»Ich habe mit Schwitt dort gegessen,« sagte der Meister und lachte, »ich glaube, es ist eins seiner Verstecke. Er hat seine Nester überall hier in der Umgegend.«

Und Michael erzählte wie jemand, der erzählen muß, von dem kleinen Vorgarten bei Vatel und von dem Springbrunnen, vom Garten mit dem wahren Meer von Reseden; und von dem Restaurant, dem ganz stillen Restaurant: »Es ist so abgeschlossen,« sagte er, »als wäre man in seinen eigenen vier Wänden, so herrlich.« 99

»Übrigens,« fuhr er fort, »müßte man immer so klug sein, in englischen Hotels abzusteigen.«

»Wann bist du nach Haus gekommen?« fragte der Meister, der beständig lächeln mußte, wenn Michael in diesem überlegenen Ton sprach, der an sein rasches Emporkommen aus dem Prager Gäßchen erinnerte.

»Ja,« sagte Michael, der plötzlich etwas verwirrt wurde, »ich bin ja über Nacht dageblieben.«

Der Majordomus meldete Herrn de Monthieu. Der Herzog bäte Herrn Claude Zoret adieu sagen zu dürfen.

»Will er denn verreisen?« wandte der Meister sich an Michael.

Michael war schon von seinem Stuhl aufgestanden, während er sehr rasch sagte: »Ich werde ihn empfangen. Ja, ich hatte vergessen, es dir zu erzählen.«

»Nein,« sagte der Meister, »laß den Herzog nur hereinkommen.«

Herr de Monthieu stand schon in der Tür, und der Meister sagte: »Sie wollen verreisen, Monthieu? Und Michael hat kein Wort davon gesagt, obgleich er eben mit Ihnen gefochten hat.«

Herr de Monthieu sah eine Sekunde zu Michael hinüber. Der Meister fuhr fort: »Setzen Sie sich, Verehrtester. Etwas Frucht kann man immer essen, auch wenn man nicht hungrig ist.«

Michael, der blutrot geworden war, fing wieder an zu essen, während der Meister sagte: »Wo geht die Reise denn hin?«

»Ich reise nach Hause – in die Normandie,« antwortete Herr de Monthieu.

»So plötzlich,« sagte der Meister.

Herr de Monthieu sagte, über sein Glas gebeugt: »Es ist gar nicht so plötzlich. Es ist schon seit acht Tagen bestimmt.«

»Was?« platzte Michael heraus, der mit einem Ruck 100 den Kopf hob: er war zuletzt vor drei Tagen bei Adelsskjolds mit Herrn de Monthieu zusammen gewesen, und da war von einer Reise gar keine Rede.

Etwas hastig sagte Herr de Monthieu: »Und wohin gedenken Sie diesen Sommer zu reisen, Meister?«

»Ich weiß nicht. Jetzt arbeite ich ja am ›Cäsar‹. Und Michael macht Studien in Versailles. Er ist den ganzen Tag dort, so fleißig ist er geworden.«

Herr de Monthieu warf einen blitzschnellen Blick zu Michael hinüber, der unausgesetzt aß – unter der Haut brannten zwei hellrote Flecken auf seinen Backen – während Claude Zoret, dessen ganze Freude es war, Michael essen zu sehen, sagte: »Sehen Sie, Monthieu, wie Michael ißt, er ißt wie ein Raubtier.

Aber,« fuhr er fort, »wir werden Sie vermissen, Herzog. Die langen Jahrhunderte schaffen leider meistens nur Taugenichtse. Aber einmal, Monthieu, taucht auch ein Mensch auf, und dann ist er ausgezeichnet . . . Wann reisen Sie?«

Herr de Monthieu, dessen Gesicht jetzt, wo man es im Licht sah, leise zitterte, antwortete: »Ich reise heut abend.«

Sie standen auf und der Meister reichte ihm die Hand: »Dann wünsche ich Ihnen einen glücklichen Sommer.«

Ein bebendes Lächeln glitt über Herrn de Monthieus Züge, als er sich verbeugte: »Meister,« sagte er, »ich will Ihren Wunsch als Vorbedeutung nehmen.«

Der Meister aber faßte noch einmal seine Hand: »Mensch, Sie haben ja Fieber,« sagte er.

Herr de Monthieu lächelte: »Unsere Familie hat einen unzuverlässigen Puls – so ist er immer gewesen. Entweder schlägt er zu schnell oder gar nicht.«

Michael begleitete Herrn de Monthieu hinaus. Er griff etwas unsicher nach dem ersten besten Thema und sprach von einem jungen Bekannten, der plötzlich gestorben war. Man sagte, er habe sich erschossen. 101

»Aber weshalb sollte er sich denn erschossen haben?« fragte Michael.

»Wer weiß,« sagte Herr de Monthieu, »er ist klug genug gewesen, es nicht zu verraten.«

Sie schwiegen einen Augenblick. Beide waren etwas verwirrt. Dann lächelte Michael, während er in die Sonne sah, die sich wie ein goldener Strom durch das mächtige, bunte Fenster des Vestibüls ergoß, und er sagte: »Wie dumm von ihm zu sterben – jetzt, wo es Sommer ist.«

Der Herzog stand im Schatten: »Vielleicht,« sagte er und starrte in die Sonne.

»Leben Sie wohl, Michael,« sagte er dann und faßte Michaels Hand mit seltsam festem Druck.

»Leben Sie wohl, Monthieu, und glückliche Reise.«

Der Herzog ging.

Michael aber öffnete singend die großen Fenster, als der Majordomus hereintrat.

»Ich öffne der Sonne die Tore,« sagte Michael.

Der Majordomus setzte sich auf seinen Stuhl mit dem »Petit Journal«.

»Herr Michael,« sagte er, »ist es wirklich wahr, daß Herr d'Harcourt sich erschossen hat?«

»Man sagt es,« antwortete Michael in die Sonne hinaus.

»Aber dann ist er wohl – gestört gewesen?«

»Ja,« sagte Michael und lachte, »das muß er wohl sein, wenn er sich erschießt« – und es flog ein Hauch von einem Schatten über sein lachendes Gesicht –, »das ist auch eine Idee, wenn man Millionen hat.«

Der Majordomus saß mit seiner Zeitung: »Es gibt wohl noch andere Sorgen als Geldsorgen,« sagte er.

»Ja,« sagte Michael und sah noch immer in die Sonne, »was für welche eigentlich? Geld, Jacques, viel Geld, macht das Glück noch glücklicher.«

Er nahm seinen Hut. 102

»Bestellen Sie, daß ich zu Mittag komme,« sagte er.

Und er ging.

Jules öffnete eine der Türen des Vestibüls. Der Meister habe Herrn Michael noch etwas zu sagen.

»Herr Michael ist schon fort,« antwortete der Majordomus und sah nicht von seiner Zeitung auf.

Hinter seinem »Petit Journal« murmelte der Majordomus ein paar stille Gebete für Herrn Louis d'Harcourt.

Er war so hübsch und so freundlich gewesen. Aber die d'Harcourts waren alle etwas sonderbar. Der Onkel, der auch so hübsch gewesen war, hatte seinem Leben auch selbst ein Ende gemacht – und ebenso plötzlich.

Und ähnlich war es mit den Monthieus. Es war, als ob sie vom Unglück verfolgt würden, soweit man zurückdenken konnte . . .

. . . Michael sah Frau de Zamikof im Gewühl des Bahnsteigs und schlüpfte in ihr Kupee.

»Dank, daß du gekommen bist. Küsse mich.«

Er deckte sie mit seinem Rücken gegen die Menge auf dem Perron und küßte ihren emporgewandten Mund.

»Es kam Besuch,« sagte er, atemlos vor Glück.

»Wer?« fragte Lucia.

»Monthieu.«

»Was wollte er?«

»Adieu sagen.«

»Wo reist er hin?«

»Nach Hause.« Michael fing an zu lachen, glückselig: »Du, wir haben um die Wette gelogen,« sagte er.

»Wer?« fragte Lucia.

»Monthieu und ich, natürlich.«

Lucia wandte den Kopf: »Weshalb log er?« fragte sie.

»Küsse mich,« sagte Michael und antwortete: »Ich weiß es nicht. Aber er log – schauderhaft.«

Das Pfeifen des Zuges ertönte und sie flogen an Straßen und Villen und Wiesen vorbei. 103

Wie ein Frühlingsregen fielen Michaels Küsse auf Lucias Gesicht, Kleider und Haar.

»Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich,« sagte er.

»Ja.«

»Wie ich dich liebe,« flüsterte er.

»Ja.«

Wie heimkehrend glitten seine Lippen über ihr Ohr, um ihren Hals herum, und wieder über ihr Ohr: »Wie liebe ich dich,« flüsterte er.

»Du erdrückst mich,« sagte sie.

»Nein.«

»Du erdrückst mich.«

»Ja,« sagte er: »Wie liebe ich dich.«

»Ja.« Plötzlich ließ er sie los und ergriff ihre Hand, deren äußerste Fingerspitzen er küßte: »Lucia, Lucia, du,« flüsterte er, während seine Stimme zitterte.

Und plötzlich setzte er sich, plumps, mitten auf den Sitz ihr gegenüber. »Und nun sitzen wir still,« sagte er.

Der Zug eilte dahin, während sie plauderten.

»Was hat er gesagt?« fragte Lucia plötzlich.

»Wer?«

»Herr Zoret,« antwortete sie. Sie sagte nie mehr »Meister«.

»Nichts« – Michaels Ton wurde gleichsam ein wenig knapper –: »Er glaubt ja, daß ich hier draußen male.«

Er sah aus dem Fenster: »Sieh,« sagte er, »der stand gestern auch da.« Ein junger Mann stand an einer Barriere, und Michael lachte. »Er sieht aus wie seine eigene Großmutter,« sagte er.

Lucia sprang auf. Ihr ganzes Wesen, ihre Gestalt, ihre Stimme war wie umwogt von Michaels Jugend.

»Jetzt kommen die Neuvermählten,« sagte sie.

»Ja, ja.«

»Winke, winke,« rief Michael.

Und sie winkten beide mit beiden Händen zum Fenster hinaus, einem jungen Paar zu, das auf dem Altan einer 104 Villa stand, der reich mit Blumen geschmückt war. Sie sahen sie jeden Tag. Michael hatte sie die »Neuvermählten« getauft.

Das junge Paar winkte auch und nickte und lachte.

»Vielleicht sind sie schon zwanzig Jahre verheiratet,« sagte Michael.

Das Paar war nicht mehr zu sehen.

»Dann hätten sie sich verheiratet, als sie geboren wurden,« sagte Lucia und lachte.

»Ja,« lachte Michael, »wir müßten alle heiraten, wenn wir geboren werden.«

Er schwang sie in dem engen Raum des Kupees herum: »Wir müßten alle in der Wiege verheiratet werden.«

Sie waren in Versailles angelangt und nahmen sich jeder einen Wagen und fuhren beim Hotel an verschiedenen Eingängen vor.

Michael kam zuerst. Er sah sich in dem hell möblierten Zimmer um: Ja, der Tisch war gedeckt . . . Und richtig – er beugte sich eine Sekunde darüber – die Rosen in den Vasen auf der Veranda waren frisch.

Lucia kam herein.

»Willkommen,« sagte Michael und verbeugte sich.

»Willkommen zu Hause,« sagte er und drückte sie stürmisch an seine Schulter.

»Jetzt wollen wir essen,« sagte er, und sie setzten sich zu Tisch.

Michael aß, als könne er vor Glück zu jeder Tageszeit und zu allen Stunden des Tages essen.

»Wie du essen kannst,« sagte Lucia.

»Ich bin hungrig,« lachte Michael.

»Das sehe ich.«

»Du nicht?«

»Nein,« sagte sie.

Sie sprachen dummes Zeug und sie lachten über nichts, und wenn der Kellner draußen war, warf Michael ihr Nußkerne an den Kopf.

»Laß,« sagte Lucia. 105

»Nein,« sagte er und fuhr fort damit.

Die Kerne flogen aus Michaels Hand gegen ihre Stirn, gegen ihre Wangen und gegen ihr Kinn.

»Au,« sagte sie, »du willst wohl meine Nase treffen.«

»Ja,« lachte er.

»Jetzt kommt der Kellner,« sagte sie, und die runden Kerne flogen noch immer.

»Ja,« antwortete er und aß weiter, während die Sonne über den Fußboden und über die Rosen auf der Veranda fiel.

»Sieh, wie er funkelt,« sagte Michael und hob das Glas mit dem Wein.

»Nicht wie in den englischen Gläsern,« sagte Lucia. »Nein, das ist wahr.«

Michael lachte: »Du, ich stehle sie.«

Lucia lachte mit.

»Ja, ich leihe sie,« sagte Michael und warf den Kopf zurück: »Ich leihe gewöhnlich – was ich will.«

»Das glaube ich gern,« lachte Lucia.

Sie lachte weiter, während sie sagte: »Was bezahlst du für diese Zimmer?«

Auch Michael lachte: »Fünfzig Franken den Tag.«

»Und du hast?«

»Zweitausend Franken im Monat.«

»Du bist vernünftig,« sagte Lucia.

»Und du gebrauchst?« sagte Michael – ihre Worte flogen wie Federbälle, während sie lachten –

»Dreihunderttausend im Jahr.«

»Und du hast?«

Die Worte flogen:

»Hundertfünfzigtausend.«

Es wurde still – weniger als eine Sekunde.

»Schön,« sagte Michael und schlug mit den Füßen gegen den Rohrteppich, »wir gehören zu den reichen Leuten in Frankreich.« 106

Er lachte, während er sich in die Brust warf.

»Mahlzeit,« und er faßte sie um die Taille, während sie auf die Veranda hinaustraten.

»Wie schön es hier ist,« sagte sie und sah auf all die Rosen in den Vasen und die Rosen im Garten hin, die sich wie ein einziges Beet draußen breiteten.

»Ja, es ist herrlich hier.«

Sie setzten sich beide und schwiegen lange, während die Sommersonne ihre Körper überströmte.

»Michael, Michael,« flüsterte Lucia, an seine Schulter gelehnt.

Sein Gesicht war weiß, und unter den gesenkten Lidern erschienen seine Augen schwarz.

»Ja, Geliebte,« flüsterte er zurück, zur Sonne hinauf.

Sie saßen wieder schweigend, bis Michael langsam die Hand nach dem Likör ausstreckte, der wie eine goldene Iris in dem gefüllten Glase funkelte.

»Wir wollen trinken,« sagte er, und sie tranken beide aus demselben engen Glas, wie aus einem Blumenkelch, mitten im Sonnenschein.

Und wie berauscht, wie von Sinnen, glücksprühend, schob Michael Lucia von sich und ergriff die Gläser des Services, die Tassen, Gefäße und Kummen, und eins nach dem andern, Stück für Stück warf er sie in einem leuchtenden Bogen auf den Fußboden der Veranda, immer dieselben Worte wiederholend:

»Ich liebe dich.

Ich liebe dich.

Ich liebe dich,« rief er, bis jedes Glas zersplittert war.

Und als wolle er die Plünderung vollständig machen und den ganzen Raum verwüsten, riß er die Rosen aus all den großen Vasen heraus und häufte sie auf den Fußboden, wie ein Meer von Weiß.

»Jetzt geh darüber hin,« rief Michael. 107

Lucia, deren weit geöffnete Augen auf ihm ruhten, sagte, und ihre Stimme klang seltsam still und demütig:

»Ich würde mir die Füße verletzen.«

Aber Michael sprang mit zwei Sätzen über Rosen und Scherben, und hob sie auf seine Arme.

»Verletzt du so deinen Fuß,« sagte er und trug sie hinein.

Und ganz außer Rand und Band raste er um den Tisch herum, während Lucia auf seiner Schulter saß und langsam ihre Hände in sein schwarzes Haar grub, als tauche sie sie in ein Weihwassergefäß.

»Bück dich,« rief Michael, und Lucia beugte ihren Kopf unter der Portiere zum Schlafzimmer.

 

Michael war pünktlich zum Mittagessen beim Meister erschienen, an dem auch Herr Schwitt teilnahm.

»Gesegnete Mahlzeit,« sagte Michael und hob den eichenen Stuhl im ausgestreckten Arm in die Höhe.

Der Meister lachte: »Schließlich hebt er noch das ganze Haus mit seinen Armen hoch.«

»Oder er schlägt das Dach ein,« sagte Herr Schwitt.

»Kann schon sein,« antwortete Michael, der an der Tür zum Wohnzimmer die Hacken zusammenschlug.

Herr Schwitt setzte das Tischgespräch über Geld und Anlage von Geld fort: es gäbe Leute, man sagte, auch die Rotschilds gehörten dazu, die ihr Kapital jetzt in Galizien anlegten. Es solle unglaublich sein mit dem Petroleum in gewissen galizischen Gegenden.

»Ich bewahre mein Gold in Frankreichs Bank auf,« sagte der Meister.

»Du bewahrtest es wohl am liebsten in deinen Strümpfen auf,« sagte Herr Schwitt.

»Ja,« sagte der Meister lachend, »als die Strümpfe voll waren, war Frankreich reich.«

Michael, der auf der Treppe saß und die Hände auf und 108 nieder bewegte, als spiele er mit Kugeln, sagte: »Ich habe kein Talent, Geld aufzubewahren.«

»Aber es auszugeben,« sagte der Meister.

»Michael, du ißt Geld.«

Michael saß eine Weile still. Dann sagte er in die Luft hinein, in einem ganz selbstverständlichen Ton: »Geld ist notwendig.«

Und strahlenden Auges fügte er tief aufatmend hinzu: »Wenn man glücklich ist.«

Der Meister warf ihm einen raschen Blick zu.

»Ja,« sagte er, »das ist wahr.«

Michael war aufgestanden.

»Gehst du?« fragte der Meister etwas schroff.

»Ja. Ich will ins ›Vaudeville‹.«

»Was wird da gegeben?«

»L'Amoureuse,« sagte Michael.

»Adieu.«

Claude Zoret und Charles Schwitt saßen eine Weile schweigend beisammen, bis der Meister sagte: »Ich wäre eigentlich selbst gern hingegangen. ›L'Amoureuse‹ ist doch wenigstens ein ordentliches Schauspiel. Warum die Réjane es wohl wieder in ihr Repertoire aufgenommen hat?«

Charles Schwitt lachte. »Das tut sie ja immer,« sagte er, »wenn ihre Kasse es ihr erlaubt.«

»Ja, das ist wahr,« sagte der Meister.

Und kurz darauf fügte er hinzu: »Herr Portoriche ist klug. Er schreibt Stücke, in die die Leute nicht zu gehen wagen. Ich denke manchmal, ich müßte Bilder malen, die kein Mensch anzusehen wagte.«

Er schwieg, bis er seinen vorigen Gedankengang fortsetzte und sagte: »Aber jetzt komme ich selten ins Theater.«

Charles Schwitt hob den Kopf. »Ja, weshalb? Man sieht dich nirgends mehr.«

Claude Zoret zündete seine Pfeife an und antwortete: »Ich bin ja immer mit Michael hingegangen.« 109

»Ja,« antwortete Schwitt, und die beiden Buchstaben klangen hart und kurz.

Der Meister wandte bei diesem Laut fast überrascht den Kopf. Charles Schwitt aber sagte: »Du bist bald der einzige, der nichts weiß.«

»Wovon?« fragte der Meister.

»Von Michael und Frau de Zamikof.«

Der Meister hatte sich Charles Schwitt zugewandt: »Also die ist es geworden?« sagte er dann und schwieg wieder.

»Ja,« sagte Charles Schwitt und machte eine Bewegung mit der Hand, »sie ist wohl nicht gerade die Beste.«

Der Meister saß einen Augenblick nachdenklich. »Wer ist die Beste? Die man nötig hat, ist die Beste.«

Und kurz darauf sagte er: »Und Michael ist stark.«

Herr Schwitt lachte.

»Ja,« sagte er.

Bald darauf ging er.

Der Diener kam herein und stellte den Schachtisch zurecht.

Der Meister saß noch auf derselben Stelle.

»Herr Michael ist fortgegangen,« sagte er.

»Herr Michael ist . . .«

»Ja,« sagte der Meister.

Der Diener schlug den Tisch wieder zusammen und stellte ihn beiseite.

Der Meister war allein. Das Wasser rann langsam in die goldenen Bassins, während das Licht der Lampen gedämpft über die Bilder an den Wänden fiel.

 

Frau de Zamikof glitt durch die warme Luft der Loge an dem wartenden Michael vorbei.

»Bist du da?«

»Ja.«

»Schon lange?«

»Ja.« 110

»Hast du dich nach mir gesehnt?«

Michaels Lippen streiften, hinter seinem schützenden Chapeau claque, Lucias Schulter.

»Ja.«

Die Hitze des Parketts und der Duft von parfümiertem Puder stiegen zu ihnen herauf, während Lucia sich hinter ihrem großen Fächer versteckte und Michael seinen Oberkörper so weit vorbeugte, daß sie ganz dicht Schulter an Schulter saßen.

»Wie weit ist das Stück?« flüsterte sie und betrachtete die Réjane durchs Opernglas.

»Sie hat den Schmuck bekommen,« flüsterte er zurück.

Schon wurde aus den Logen um Ruhe gebeten, während aller Augen Frau Réjane folgten, Germaine, die sich, bürgerlich keusch, um ihren Mann, um Etienne, bewegte.

»Jetzt kommen die Bücher,« flüsterte Michael.

»Ja.«

Das Stubenmädchen auf der Bühne brachte ein Paket mit Büchern, das die Réjane auspackte, ehe sie das erste Buch nahm und den Titel las: »Ein Frauenherz«.

Während Herr Guitry, Etienne, ihr Gatte, ironisch auf dem nächsten Band las: »Unser Herz«.

Und der Hausfreund, Pascal, der das dritte Buch nahm, sagte lachend: »Ihre Herzen« – die Herren im Parkett lachten.

Frau Réjane aber sagte ruhig, mit einer Handbewegung, als zöge sie einen Kreis oder eine Schlinge um die beiden Männer und sich selbst: »Drei Herzen«. Und sie blieb, das Buch in der Hand, lächelnd zwischen ihrem Mann und seinem Freund stehen.

Es ging ein Murmeln durch das Haus und die Köpfe im Parkett neigten sich wie eine Woge.

Pascal, der Hausfreund, aber sagte und legte das Buch fort, indem er die Achseln zuckte: »Liebesgeschichten.«

»Ehebruchsromane,« sagte Etienne und sah seine Gattin an. 111

»Bücher über die Leiden der Frau,« antwortete sie und die Stimme der Réjane klang fast betrübt.

Etienne aber sagte barsch zu seinem Freund: »Da siehst du, was sie liest.«

Plötzlich änderte sich der Ausdruck in Frau Réjanes Gesicht und vollkommen treuherzig sagte sie: »Ich lese, was ich verstehe.«

Ein paar leise Ausrufe stiegen aus dem Gewühl des Parketts herauf, während Michael, in der Loge, seine Lippen auf Lucias Ohr herabneigte und flüsterte – und wie ein Jubel klang es durch sein Flüstern: »Was liest du?«

Lucia lächelte nur, während ihr Atem hastig über ihren Fächer hinstrich, als verwehe er Hunderte von gedruckten und toten Worten – und Michael lächelte wie sie.

»Lucia, du,« flüsterte er.

Er drehte sich plötzlich um und nahm sein Opernglas.

»Da ist ja Adelsskjold,« sagte er.

»Wo?« fragte die Fürstin und wandte den Kopf.

»Dort,« sagte Michael und zeigte auf die Gitterloge, dicht neben der Bühne.

»Und Monthieu,« fügte er im selben Augenblick hinzu, so überrascht, daß er sich mit einem Ruck in den Stuhl zurückwarf.

Frau de Zamikof lachte leise . . . »Also weiter ist Herr de Monthieu nicht gereist . . .«

»Lucia . . .«

Adelsskjold saß vorn in der Loge. Sein großer Kopf sah aus der Öffnung wie der Kopf eines Tieres aus einem Käfig, während er die Réjane unverwandt betrachtete.

Sie ging an ihrem Mann, Etienne, vorbei und schlug ihm ganz leicht auf die Schulter – und doch faßte ihre Hand wie im Krampf um sein Schulterblatt – während sie lächelte und sagte: »Dich verlassen . . . nein, mein Freund, niemals . . .«

Und ihren Ton zu einer scherzenden Drohung verändernd, 112 fuhr sie fort: »Glaube das nicht, mein Freund, rechne darauf nicht, niemals. Das ist die Mühe nicht wert, die Hoffnung mußt du nicht haben.«

Ihre Augen blitzten hinter den halbgeschlossenen Lidern im Triumph der Besitzenden und ihre Stimme klang fast als diktiere sie ein Urteil: »Was ich auch tue und was du auch tust – ich bleibe

Tiefe Stille herrschte im Raum. Aber es war, als ob sich unter den elektrischen Lampen, die still und verständnisvoll brannten, zitternde Fäden durch die Luft spannen.

Frau Morgenstjerne, die neben ihrem kleinen Mann mitten im Parkett saß, hatte ihre Augen auf Adelsskjolds Loge gerichtet, in deren Halbdunkel sie Alices weißes Gesicht erkannte.

Frau Réjane fuhr fort: »Ich bleibe hier in deiner Nähe, unter deinem Dach, in deinem Hause, an deiner Seite, immer, tagein und tagaus trotz allem, wie eine Klette.«

Die Réjane sprach ruhig, während Etienne mit scheu flackerndem Blick flüsterte: »Du bist entsetzlich.«

Die Réjane aber lachte.

»Wir beide,« sagte sie, »wir bleiben zusammen bis in alle Ewigkeit.«

»Hu,« sagte Frau Morgenstjerne zu ihrem Mann und wandte die Augen nicht von Adelsskjolds Loge, »man bekommt förmlich eine Gänsehaut.«

Aber ein junger Bergener, der hinter ihnen saß und Angst schwitzte, sagte zu seinem Freund: »Es ist wahrhaftig nicht leicht, ein Frauenzimmer loszuwerden.«

Adelsskjold hatte das Gesicht seiner Frau zugewendet, während Herr de Monthieu, der zwischen ihnen saß, den Operkörper vorbeugte, fast als wolle er Frau Alice vor Herrn Adelsskjolds Blicken schützen.

Michael hatte seine Beine um Lucias Stuhl geschlungen.

»Du, du,« flüsterte er und hob ihren Sitz etwas in die Höhe, als wolle er sie wie in einem Triumphwagen vor 113 sich herschieben, während der Freund Pascal oben auf der Bühne zu Etienne sagte: »Ja, mein Junge, man wird dich dereinst mit deiner geliebten Gattin zusammen begraben.«

Etienne hatte sich dicht an der Rampe auf einen Tisch gestützt. Er sprach von der glücklichen Zeit der Befreiung, die kommen würde, von dem Frieden, wenn man endlich alt geworden und das Haar ergraut sei, wenn man nichts mehr fühlte und die Triebe erstorben wären.

»Dann werde ich sechzig Jahre alt sein und Frieden haben.«

Es glitt ein Murmeln durch die Reihen, wie das Murmeln vor einem Beichtstuhl.

Pascal aber sagte zu Etienne und lachte: »Sechzig – aber du bist erst dreiundvierzig.«

Das Gesicht der Réjane leuchtete unter dem Wellenkamm des blonden Haares und sie rief aufjubelnd:

»Ja, erst dreiundvierzig.«

Toll, der neben Graf Hamilton, dem ersten Attaché der Gesandtschaft, auf dem Balkon saß, hielt sein Glas unverwandt auf Frau Adelsskjold gerichtet.

»Du,« sagte er, »hol mich der Teufel, so schön ist sie nie gewesen.«

»Nein,« antwortete Hamilton, »was ist mit ihr los?«

Auf der Bühne sagte die Réjane: »Noch zwanzig Jahre zum leben – noch zwanzig Jahre zum lieben.«

Frau Adelsskjolds Kopf war gegen die Logenwand gesunken, während Adelsskjold vor sich hin sagte: »Hab ich es nicht immer gesagt, es gibt doch noch Dichter.«

Die Réjane flüsterte Etienne zu: »Zwanzig Jahre . . . Mut, Geliebter.«

Michael hatte in seiner Loge das schimmernde Gesicht erhoben, und strahlend blickte er über das weite Parkett hin, wo die Nackenkämme der Damen über dem hochgekämmten Haar leuchteten. 114

»Sieh nur,« sagte er, »sieh« – und sein Malerauge ergötzte sich daran – »sieh, die Kämme strahlen wie Kronen.«

Und gleichzeitig hatte er sich vorgebeugt und Lucias Diamantenkamm geküßt.

Frau de Zamikof aber beugte sich, plötzlich besorgt, daß jemand sie gesehen haben könnte, in die Loge zurück und sagte: »Da unten sitzt Herr Schwitt.«

»Ja,« lachte Michael, »seine Nase ist unverkennbar.«

Herr Schwitt grüßte gerade Herrn de Monthieu mit ein paar Augen, die hinter dem Kneifer funkelten; und der Herzog sagte plötzlich zu der zusammengesunkenen Frau Adelsskjold, als wolle er sie wecken: »Guitry ist doch vorzüglich.«

Frau Réjane verließ die Bühne.

Und plötzlich erhob sich ein halblautes Summen wie von einem Bienenschwarm im ganzen Hause. Die Herren in den Logen beugten sich flüsternd über die Schultern der Damen, deren farbige Boa über die samtbezogenen Brüstungen hinabrieselten – wie Schlangen, die spielten und sich paarten.

Adelsskjold hatte sich tiefer in die Loge zurückgesetzt. Den Oberkörper gegen die Wand gelehnt, saß er wie ermüdet da, während ihm die Schweißtropfen über den Kragen rannen.

Plötzlich sagte er zu Herrn de Monthieu: »Was hat er sonst noch geschrieben?«

Herr de Monthieu wandte den Kopf.

»Herr de Portoriche? Seine Schauspiele stehen in einem Band: ›Das Theater der Liebe‹.«

»Aber wie heißen sie?« fragte Adelsskjold, der noch immer in derselben Stellung dasaß.

Herr de Monthieu hatte Adelsskjolds Frage wohl nicht gehört, aber Herr Adelsskjold wiederholte seine Worte und der Herzog sagte hastig: »Der Treulose,« und gleich darauf 115 fügte er hinzu, während ein Aufblitzen über sein Gesicht flog: »Und ›Die Vergangenheit‹.«

»Ich will sie lesen, wirklich, ich will sie lesen,« sagte Adelsskjold und konnte die hungrigen Augen nicht von dem Hals seiner Frau losreißen.

Herr de Monthieu hatte sich zu Frau Adelsskjold gewandt, die noch immer regungslos dasaß, und er sagte: »Ihre Freundin, Frau Morgenstjerne, ist hier.«

»Ja, ich habe sie gesehen,« sagte Frau Adelsskjold und richtete sich plötzlich auf, da sie Graf Hamiltons Glas auf sich gerichtet sah.

»Sehen Sie Frau Adelsskjold an, sehen Sie nur,« sagte Toll und stieß Hamilton an.

Germaine und ihr Mann waren allein auf der Bühne, und die Réjane reckte ihre Arme.

»Endlich, endlich sind wir allein.«

Und mit einer fast knabenhaften Ausgelassenheit lief sie auf ihren Mann zu und rief: »Laß mich dich küssen . . . nein, nicht heftig . . . nur ganz sanft, ganz sanft,« während alle Operngläser mit einem knisternden Laut, fast wie fernes Gewehrfeuer, sich auf sie richteten.

Aber Etienne, dessen Augen plötzlich aufflammten, antwortete: »Küsse mich, wie du willst . . .«

»Wie ich will,« antwortete die Réjane und sie wiegte seinen Kopf in ihren Händen, das Gesicht ganz nahe dem seinen.

»Wie ich will?«

»Ja,« flüsterte Etienne, »dein Geliebter erlaubt es dir.«

»Aber mein Mann verbietet es mir.«

Sie küßte ihn, während sie noch immer seinen Kopf festhielt.

»Es ist genug,« flüsterte Etienne.

»Noch einen . . .«

»Ich habe zu tun.«

»Noch einen . . . nur noch einen.« 116

Sie hielt noch immer seinen Kopf fest, als lege sie all ihre Frauenmacht in ihre schönen Hände.

»Noch einen.«

»Ja, den letzten,« flüsterte der Mann.

»Bei meiner Ehre,« murmelte die Réjane, »den letzten.«

Und sie küßte ihn wieder.

Im Saal war es so still, als seien all die Hunderte nur vier Sekundanten, die auf dem Walplatz, stumm, einem Duell beiwohnen.

Michael hatte den Kopf gesenkt und trank mit seinen Lippen den Duft von Frau de Zamikofs Haar.

Frau Réjane hatte sich gesetzt. Auf der Kante eines Stuhles saß sie mit geschlossenen Augen und wippte mit den Füßen, während sie vom Glück der Nacht sprach.

Adelsskjold hatte wieder vorn in der Loge Platz genommen. Kurz atmend und verwirrt saß er und streichelte unausgesetzt den behandschuhten Arm seiner Frau, während er Frau Réjane ins Gesicht starrte. Herr de Monthieu hatte sich erhoben und stand an die Logenwand gelehnt, und Frau Adelsskjold schirmte ihr Gesicht mit dem Fächer wie mit einer Maske, die nichts verbergen konnte.

Frau Réjane aber war aufgestanden.

Sie fuhr sich mit den Händen durch das rote Haar und hob dessen goldenen Kamm wie einen Streithelm über ihre Stirn. »Der Tag, ach, der Tag ist mein Feind. Wenn er kommt, erlangst du deine Vernunft zurück. Du wirst wieder verständig. Du wirst wieder klardenkend. Du wirst grausam. Ach, nur die Nacht gehört mir. Wenn der Tag kommt, hört meine Macht auf, meine Übermacht stirbt mit der Dunkelheit. Und ich habe einen Fremden vor mir, einen Mann, den ich zurückerobern muß, und ich weiß nicht einmal, ob ich es kann . . .«

Die Herren im Parkett hatten die Hälse vorgereckt und starrten auf die Bühne mit Augen, die vor Neugierde oder vielleicht vor Haß funkelten. Rings auf dem Balkon saßen 117 Frauen mit niedergeschlagenen Lidern wie Musikliebhaber, die in einem Konzertsaal lauschen.

Frau Morgenstjerne hatte wieder den Kopf zu Adelsskjolds Loge gewandt: der Fächer war Frau Alices Hand entfallen, und in dem Rampenlicht, das seinen Schein über die Loge warf, saß sie unbeweglich, als sei alles Leben in ihr erloschen.

Frau Réjane aber sprach weiter mit Germaines Worten. Lauter, mit den Händen die Hüften hinunterstreichend, sagte sie: »Ach, warum schwindet der Augenblick so schnell, wo ich so ganz dein bin, dein halbes Ich? Weshalb haben zwei Wesen verschiedene Gedanken, wenn zwei Körper Genüsse haben, die so gleich sind? Aber es ist so und wird immer so sein; wenn der Augenblick vorbei ist, sind wir wieder Zwei, zwei Wesen, zwei getrennte Wesen – zwei Feinde . . . Wie ist es dumm, wie ist es wahnwitzig . . .«

Einige Damen hatten sich über die Logenbrüstung gebeugt, und ihre Büsten schimmerten wie die Brust weißer Vögel.

Der Bergener biß auf den goldenen Knopf seines Stockes, daß seine norwegischen Zähne Spuren neben seinem Namenszug hinterließen.

Schwitt aber hatte sein Gesicht den Frauen in den Logen zugewandt, deren Diamanten auf den atmenden Hälsen blitzten.

»Sehen Sie,« sagte er zu seinem Nachbar und lachte. »Sehen Sie nur, wie viele sich verraten.«

Michael hatte hastig Lucias Schulter mit seinen Lippen berührt: »Germaine, Germaine, Germaine,« flüsterte er und ließ den fremden Namen des Schauspiels, den er wieder und immer wieder sagte, wie einen Strom von rieselnden Küssen über die Haut der Geliebten hinabgleiten.

Frau Réjane aber fuhr fort, Etienne mit ihren Worten 118 wie mit einer steigenden Woge überflutend: »Du bist kein Mann. Du bist nur der ewige Liebhaber. So lange du lebst, wirst du lieben und geliebt werden.«

Lucia hatte ihr Gesicht erhoben und während ihre Augen den Ausdruck des Porträts bekamen, flüsterte sie: »Michael, Eros, mein Geliebter . . .«

Der Vorhang fiel.

Die Damen zogen die Vorhänge der Logen vor, daß sie in ihren Ringen rasselten, und die Herren im Parkett, die aufgesprungen waren, riefen die Réjane mit rasendem Händeklatschen hervor, indem sie die rechte Hand gegen die linke schlugen, als sei die linke ein heimlich gehaßtes Wesen, dem sie ins Gesicht schlugen.

»Réjane, Réjane, Réjane,« klang es, von oben und unten, aus allen Ecken und von allen Seiten, wie ein Schrei: »Réjane.«

Michael war aufgestanden. »Komm,« sagte er.

»Ich kann nicht.«

»Komm,« wiederholte er und seine Augen leuchteten aus dem Hintergrund der Loge.

»Ich kann nicht. Man muß mich erst mit Frau Simon zusammen gesehen haben.«

»Wann kannst du kommen?« fragte Michael, während die Réjane sich wieder auf der Bühne zeigte.

»Bald.«

»Sobald du kannst?« seine Augen trafen ihre wie Blitze.

»Ja.«

»Lebwohl.«

Und er sprang wie ein Füllen davon.

Das Publikum brach auf und es gab ein Gedränge in allen Gängen.

Frau Morgenstjerne, die neben dem Bergener ging, der purpurrot bis an die Haarwurzeln war, drängte sich bis zu Frau Adelsskjold und deren Mann durch und sagte: »Wißt ihr, Kinder, es sind ihre Hände, die so unanständig wirken.« 119

»Ja, weshalb aber?« fragte der Norweger in seiner schleppenden Sprechweise.

»Weil, weil,« sagte Frau Morgenstjerne, »weil sie alles weitere erzählen.«

Adelsskjold sagte nur ganz verwirrt und ganz langsam: »Ja, lieber Freund, Alice will nach Hause . . . das ist doch ganz unverständlich.«

Frau Morgenstjerne warf einen raschen Blick auf Frau Adelsskjold. Sie sah in ihrem weißen, langen Mantel aus wie eine Ritterfrau auf einem Sarkophag, die sich erhoben hat, um ihre Glieder zu strecken.

Und Frau Morgenstjerne sagte: »Aber liebe Alice, Sie sind ja krank.«

Und indem sie vor Frau Adelsskjold trat, fast als wolle sie sie verbergen, fügte sie hinzu: »Lieber Adelsskjold, lassen Sie doch Ihre Frau nach Hause fahren.«

»Ja, Alice, wenn du willst . . .

»Es muß doch sein,« sagte Frau Morgenstjerne, die bereits im Begriff war, sich durch das Gedränge hindurchzuwinden, während Frau Adelsskjold ihr folgte und mit tonloser Stimme sagte: »Es geht ja vorüber, sobald ich nach Hause komme.«

Aber plötzlich faßte sie Frau Morgenstjernes Hand so fest, als wolle sie sie nie wieder loslassen.

»Gute Nacht,« sagte sie.

Frau Morgenstjerne, die ganz blaß geworden war, sagte leise und scheinbar recht zusammenhanglos: »Ich habe es ja immer gesagt, Sie hätten schon längst aufs Land müssen.«

Frau Adelsskjold ging weiter und wußte gar nicht, daß sie Toll und Hamilton gegrüßt hatte.

Kurz darauf stießen die beiden Schweden auf Monthieu, der sich vorwärts drängte, den Mantelkragen hoch geschlagen.

»Guten Abend,« grüßten sie.

Aber Herr de Monthieu hörte es nicht und hastete nur weiter. 120

»Er sah merkwürdig aus,« sagte Hamilton und sah ihm nach.

»Ja,« antwortete Toll, der an seinem Schnurrbart kaute, »aber es geschehen auch merkwürdige Dinge.«

Graf Toll unterbrach sich selbst und sagte: »Wollen wir zu Frau de Zamikof hinaufgehen? Haben Sie bemerkt, wie üppig sie geworden ist?«

Adelsskjold hatte Frau Alice auf die Straße hinunter begleitet und über das Trottoir zu einem Wagen: »Liebe Alice,« sagte er, »soll ich dich denn nicht begleiten?«

Und er wiederholte, während sein Blick hastig ihren Nacken streifte: »Darf ich dich nicht begleiten?«

Er streckte ihr seine Hände hin, die sie nicht sah. In ihrem weißen Mantel stieg sie in den Wagen und war im nächsten Augenblick davongefahren.

Ein Herr kam gelaufen, hielt den Wagen an, gab dem Kutscher ein Geldstück und öffnete die Wagentür.

»Alice, ich bin es.«

Auf dem Boden des Wagens niederkniend, lag der Herzog von Monthieu vor ihr.

»Alice, Alice, Alice,« sagte er wieder und wieder und küßte ihre Hände.

Sein Mantel war zurückgeglitten, daß er aussah wie der Kragen eines Kreuzritters.

»Alice, du weißt ja, daß du mein bist. Du weißt, daß du mich liebst.«

Frau Adelsskjolds Kopf aber fiel gegen sein Haar wie etwas, über das man keine Macht mehr hat.

»Mein Freund, mein Freund,« sagte sie, und die Tränen liefen ihr über die Backen und legten sich wie Tau auf Herrn de Monthieus blondes Haar, »weshalb nur mußten wir denn alle so unglücklich werden?«

 

Michael hatte eine Stunde gewartet. Er hatte sein Gesicht gebadet. Er war durch die Zimmer gewandert. Er 121 hatte Licht angezündet und es wieder gelöscht. Er war wiederholt zur Tür gestürzt.

Aber jetzt –.

Jetzt war sie es wirklich. Jetzt kam sie.

Er ergriff einen Kandelaber, und er verneigte sich vor Lucia, die in ihrem goldenen Mantel in der Tür stand.

»Der königlichen Herrschaft wird geleuchtet,« sagte er und stieg ihr voran die Wendeltreppe zum Schlafzimmer hinauf, wo der Junimond leuchtete.

»Setz dich,« sagte er.

Und sie setzte sich in den Schein des Mondes.

»So,« sagte er und änderte ihre Kopfhaltung.

Er brachte ihr Trauben und er brachte ihr Wein und sie aß und sie trank und er brachte mehr Trauben –, es war ganz still, und sie saßen im Licht des Mondes.

»Meine Geliebte,« flüsterte er.

»Ja,« murmelte sie.

Plötzlich aber erhob er sich und er schob die klaren Gardinen zurück, so daß all der schöne silberne Schein hereinfiel über sie, und ohne ein Wort, in einem unendlichen Jubel, hob er das funkelnde Glas dem Mond zum Gruß entgegen.

Lucia hatte sich erhoben. Keiner von ihnen sprach. Nur ihre Körper bebten ganz leise.

»Lucia.«

»Ja.«

»Lucia,« und Michaels weißes Antlitz war dem Licht zugewandt, während seine Stimme fast unmerklich zitterte.

»Lucia, wenn es eine Ewigkeit gibt, so ist dies die Ewigkeit . . .«

Lucia ruhte auf Michaels Bett und sah zum »Sieger« hinauf, der sich im Licht abzeichnete.

»Michael,« rief sie.

»Ja,« antwortete er aus dem Ankleidezimmer.

»Was mag ›der Sieger‹ wohl wert sein?« 122

»Der Sieger,« rief Michael, der hereingelaufen kam.

»Der Sieger,« wiederholte er, und mit beiden Händen um das Fußende des Bettes greifend, schwang er mit steifen Armen den weißen Körper, der im Mondlicht leuchtete, in die Höhe. »Der Sieger,« lachte er noch einmal, während er sich wie ein Akrobat über das Bett hinschwang, bis er am Kopfende saß.

»Der ›Sieger‹ ist ein Vermögen wert,« sagte er und lachte wieder. »Zweihundert Tausend ist er wert. Nun weißt du es.«

Lucia lag ganz still, den Kopf hatte sie gegen seine Knie gelehnt.

»An was denkst du?« flüsterte er.

Ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne, als sie sagte:

»Ich denke an das Glück.«

»Lucia,« flüsterte er, »sieh mir in die Augen.«

 

Der Meister drehte sich nicht um, als der Diener den Namen des Bankier-Barons nannte.

»Was will der?« fragte er.

Der Diener verneigte sich. »Der Herr Baron haben sich nicht darüber geäußert.«

»Ich habe jetzt keine Empfangszeit,« sagte der Meister.

Der Diener blieb stehen. »Der Herr Baron wußte es.«

Der Meister erhob sich. »Führen Sie ihn herein,« sagte er, »sagen Sie, er sei willkommen.«

Er stand vor einem Tisch, als der Finanzmann hereinkam.

»Ich komme zu ungelegener Zeit,« sagte der Baron, der seinen hohen Hut und den Stock auf eine ganz eigene Art, dicht an den Körper gedrückt, hielt.

»Ein wenig ungelegen,« sagte Claude Zoret, und mit einer kurzen Handbewegung fügte er hinzu: »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Danke sehr, lieber Meister,« und es glitt ein fast unsichtbares Lächeln über das bartlose, englische Gesicht des 123 Bankiers, »da ich weiß, wie kostbar Ihre Zeit ist, will ich Sie nicht lange aufhalten, sondern – – – gleich zur Sache kommen.«

Claude Zoret hatte bei der fast unmerklichen Betonung der Worte den Kopf gehoben.

»Es handelt sich um Herrn Michael,« sagte der Baron, »und es ist an und für sich eine reine Bagatelle.«

»Wieso?«

»Ja, lieber Herr Zoret,« sagte der Baron, dessen Vater schon das Vermögen des Meisters verwaltet hatte und der jetzt in ganz anderem Ton sprach, »es ist gar nichts Besonderes. Nur Leute, die einander schätzen, halten es für ihre Pflicht, einander von solchen Dingen Mitteilung zu machen.«

Der Meister rührte sich nicht. Die Hand hatte er auf einen Tisch gelegt.

»Herr Michael hat in der letzten Zeit . . . mehrere Male Geld bei mir geliehen.«

Der Meister sah ihn an. »Was soll das heißen? geliehen?« fragte er (und er bemühte sich plötzlich, ganz ruhig zu sein).

»Was heißt das?«

»Das Ganze,« sagte der Baron, »ist ja ganz gleichgültig (er machte eine ganz kleine Pause). Aber ich hatte nun einmal beschlossen, es Ihnen zu sagen . . . aus verschiedenen Gründen.«

Der Meister hatte ihn wohl kaum gehört. Er verarbeitete in seinem Gehirn zwei Gedanken: er machte erst einen hastigen Überschlag über all die Summen, die Michael in der letzten Zeit bekommen hatte, und dann dachte er den anderen Gedanken: Michael hat mich übergangen, Michael hat sich hinter meinem Rücken an einen Fremden gewendet.

Aber er sagte, indem er die Hand hob, fast munter: »Na; die Jugend tobt sich aus, und muß es wohl auch.«

Und ohne nach der Größe des Darlehns zu fragen sagte er: »Ich bitte Sie, die Summe zu buchen.« 124

Der Bankier beugte zustimmend den Kopf, während der Meister aufstand.

»Und in Zukunft leihen Sie ihm nichts mehr,« sagte er. »Sie wissen,« – und Claude Zoret lachte, obgleich er in Wirklichkeit seinem innersten Gedanken Ausdruck gab, – »wir Bauern haben vor nichts solche Angst wie vor Darlehn. Durch sie werden wir schließlich unseres Grund und Bodens beraubt.«

Der Finanzmann lachte, als der Meister plötzlich seine Hand ergriff. »Und im übrigen . . . haben Sie Dank,« sagte er.

Und er begleitete den Bankier bis zur Tür.

Der Meister wollte in sein Atelier hinaufgehen, aber er blieb dann und wann stehen, als würde sein Schritt von einem Gedanken oder vielleicht von einem körperlichen Schmerz gehemmt. Sein Arzt hatte in der letzten Zeit wieder ein paarmal darauf gedrungen, sein Herz zu untersuchen.

Oben im Atelier zog er den Arbeitskittel an. Das Modell war nicht bestellt. Er arbeitete an den Augen des Germanen: sie sollten leuchten, während er auf Cäsar eindrang.

Es war ja ganz begreiflich, daß Michael Geld brauchte. Die Freude kostete Geld. Sonne kostete Geld. Des Lebens Licht kostete Geld.

Der Meister hielt inne und lächelte: er erinnerte sich eines Winters im südlichen Algier, wo er mit Michael Studien machte. An einem Abhang hatte er zwei junge Palmen gesehen, und er hatte gedacht, so wie die beiden wüchsen, so schlank und so frei, ihre herrlichen Blätter im Licht breitend – – so wollte er einen Menschen leben lassen, so sollte Michael sich in der Sonne entfalten.

Der Meister ging zu seiner Leinwand zurück.

Die Augen sollten leuchten.

Vor Unverstand des Lebens sollten sie leuchten, während er auf Cäsar einschlug. 125

Der Meister ließ seine Gerätschaften sinken und ging mit geschlossenen Augen, wie ein ortskundiger Blinder, durch das Atelier. Nur daß Michael zu diesem fremden Mann gegangen war, es vorgezogen hatte, zu einem fremden Menschen zu gehen, obgleich er doch wußte . . .

Plötzlich öffnete der Meister die Augen und lachte: Aber er hatte sich allerdings reichlich bei ihnen beiden versehen.

Claude Zoret stopfte die Pfeife mit seinem breiten Daumen; und mit ganz verändertem Gesicht, als meißle seine Willenskraft plötzlich seine Züge in Bronze, machte er sich wieder an den Germanen.

Jetzt malte er die Hand aus dem Gedächtnis – wo hatte er doch solche Hand schon gesehen? – Diesen Griff der Hand um die Waffe, die Cäsar zerfleischt.

Zwei Stunden waren vergangen, als der Diener meldete, daß das Frühstück angerichtet sei.

»Schön,« antwortete der Meister. Er fragte nie mehr, ob Michael gekommen sei, er ging gleich zu Tisch.

Er nahm in dem leeren Eßzimmer Platz und er begann zu essen. Man hörte nichts weiter als den einförmigen Laut von des Meisters Messer und Gabel.

Der Diener trug die Speisen herein und hinaus. Als er den zweiten Gang brachte, meldete er Herrn Adelsskjold. »Führen Sie ihn nur herein,« sagte der Meister.

Herr Adelsskjold kam herein – seine starken Arme hingen seltsam schlaff herab, während er durch das Zimmer schritt. »Entschuldigen Sie,« sagte er, »daß ich gerade zur Frühstückszeit komme.«

»Aber bester Adelsskjold,« sagte der Meister, »setzen Sie sich doch und essen Sie mit.«

»Ja,« sagte Adelsskjold, »ich laufe so herum und weiß nicht, was ich anfangen soll, seit Alice fort ist.«

Er wollte gerade Michaels wartende Serviette ergreifen, als der Meister zum Kammerdiener sagte: »Bringen Sie noch ein Gedeck.« 126

Das Gedeck wurde aufgelegt, und die beiden Männer aßen und begannen zu sprechen und verstummten wieder, und saßen sich schweigend gegenüber wie Leute, die vergessen, daß sie miteinander reden wollten.

»Wie geht es ihr?« fragte der Meister und seine Stimme klang ungewöhnlich weich.

Und er fügte hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten: »Mensch, essen Sie doch. Man muß essen, wenn die Nerven gesund bleiben sollen.«

Adelsskjold bediente sich. »Es ist ja herrlich in der Normandie,« sagte er, als Antwort auf Claude Zorets Frage.

»Ja,« sagte der Meister, der scheinbar nur halb zugehört hatte, »es ist herrlich bei Monthieus.«

Während sein Blick auf Michaels Kuwert fiel, kam ihm plötzlich eine Frühstücksstunde ins Gedächtnis, als Michael im ersten Jahr bei ihm war. Michael, der sonst immer munter plauderte, wenn sie allein waren, hatte ganz schweigsam am Tisch gesessen, und als er, darauf aufmerksam geworden, zu ihm hinübersah, hatte der Junge große Tränen in den Augen gehabt.

»Was fehlt Ihnen, Michael?« hatte er gefragt.

»Nichts.«

»Irgend etwas fehlt Ihnen. Na?«

»Mein Namenstag ist heute,« platzte Michael dann heraus.

»Ihr Namenstag, lieber Gott.« – »Ja, heute.« – »Was geschah denn zu Hause in Prag an Ihrem Namenstag?«

Michael hatte einen Augenblick nachgedacht. »Es wurden Lampen über die Tür gehängt,« hatte er dann gesagt.

»Lampen? Wir können auch Lampen anzünden,« hatte er geantwortet.

Und abends war das ganze Haus erleuchtet worden, und Michael hatte drinnen auf der Treppe gesessen und sich mit strahlenden Augen umgesehen . . . 127

Der Meister hörte plötzlich Adelsskjold sprechen und sagen: »Und Briefe erzählen so wenig.«

»Ja,« antwortete der Meister und wußte selbst nicht, daß er antwortete.

»Aber wenn Alice Ruhe haben und allein sein will,« sagte Adelsskjold in seinem beschwerlichen Französisch, »dann soll sie Ruhe haben.«

Sie schwiegen wieder, während jeder mit dem Schälen einer Frucht beschäftigt war, bis Adelsskjold sagte: »Wo ist Michael?«

Der Meister antwortete: »Er malt.«

»Ja,« sagte Adelsskjold und sah vor sich hin, »wenn man nur fleißig ist.«

Sie saßen sich wieder schweigend gegenüber, bis der Meister sich erhob und die Stühle in der stillen Stube zurückgeschoben wurden.

Die beiden Männer gingen ins Wohnzimmer, wo das Wasser wie ein ewiger Regen in den Rodinschen Bassins plätscherte.

»Adieu,« sagte Adelsskjold und drückte dem Meister die Hand.

»Adieu, lieber Freund,« sagte der Meister und erwiderte den Händedruck.

Claude Zoret kehrte in sein Atelier zurück und zog seinen Arbeitskittel an.

Wieder stand er vor dem »Germanen«.

Sein Gesicht wollte er sehen, sein Gesicht – seine Augen.

Seine Augen sollten leuchten.

Vor Lebenslust sollten sie leuchten.

Der Meister wanderte von neuem mit geschlossenen Augen umher und zwang sich mit einer letzten Willensanstrengung zum Sehen. Wenn er doch die Lebenslust der Jugend in seinen Augen fangen könnte. Was kümmerte ihn Cäsar? Was ging ihn Cäsar an? Der Germane haute drein, weil er zwanzig Jahre alt war, weil sein Blut blank 128 und rot, weil seine Zähne weiß und seine Muskeln stark waren. Weil er war – hieb er drein und zerfleischte Cäsar.

Ja, die Jugend sollte in seinen Augen strahlen.

Plötzlich öffnete der Meister die Lider und es flog ein Lächeln über sein Gesicht.

Wie konnte man sich nur so irren.

Die ganze Komposition mußte er ändern.

Der Soldat war der Mittelpunkt und die Hauptfigur. Ob es Cäsar war, den der Knabe verwundete, oder ein anderer, das war ganz gleichgültig.

Auf den Hieb kam es an. Auf den Streich, der fiel, weil er fallen mußte. Claude Zoret hatte sich gesetzt. Die geballten Fäuste gegen die Knie gestemmt, glich er einem Riesen an Statur.

Michael aber mußte dennoch lernen, daß es Grenzen gab. Sonst wurden es schließlich Summen, kleine Vermögen, die er für »Licht« verausgabte.

Hm, seine Verhältnisse erlaubten es ihm natürlich – der Meister lächelte – gewiß erlaubten sie es ihm. Und Michael verbrauchte wohl auch nicht mehr als zum Beispiel der junge Herzog von Ségonsac verbrauchte.

Der Meister richtete sich in seiner Arbeitsbluse höher auf. Konnte es nicht auch einmal einen Fürstensohn unter den Künstlersöhnen geben? Einen wahren Herzog (in Claude Zorets Augen blitzte es wie vom Haß des Bauern) unter all diesen Herzögen. . . .

Aber dennoch, dennoch gab es Grenzen.

Na (der Meister fuhr zusammen) das war Michael . . . er hörte seine Schritte auf der Treppe. Der Meister nahm seine Palette, bevor Michael halb eilig und halb zögernd die Portiere zurückschlug.

»Du malst,« sagte er, als er hereinkam.

»Ja, wie gewöhnlich,« antwortete der Meister, dessen Gesicht, ohne daß er selbst es wußte, plötzlich seltsam müde aussah. 129

»Und du?«

Michael hatte sich gesetzt und sprach in einem mutlosen, mißvergnügten Ton: »Schließlich weiß man nicht mehr, ob man überhaupt etwas kann.«

»Weshalb?« sagte der Meister. »Aber jede Sache muß natürlich ihre Zeit haben.«

Michael antwortete merkwürdig gereizt: »Dadurch, daß man darauflos klext, kommt das Talent wohl nicht.«

»Nein, das ist wahr,« antwortete der Meister, der Michael nie mehr widersprach, seit er ihm so merkwürdig fremd geworden war. Und ein harmloses Thema suchend, sagte er: »Adelsskjold hat hier gefrühstückt.«

Michael antwortete, als sei ihm ein Vorwurf gemacht worden: »Ich habe bei Toll gefrühstückt.«

Aber der Meister, der eilig arbeitete und jetzt das Gesicht des Germanen vorgenommen hatte, setzte sein Gespräch über Adelsskjold fort: »Er ist ein merkwürdiger Mensch. Er faßt alles im Leben ungeschickt an, seine Freude wie seinen Kummer.«

Michael hob den Kopf. »Seinen Kummer?« sagte er. »Weiß er denn etwas?«

Der Meister wandte sich um. »Was sollte er wissen?«

Michael hatte sich abgewandt. »Vielleicht hat er Geldsorgen,« sagte er plötzlich wie jemand, dessen Gedanken sich mit dem gleichen Punkt beschäftigen.

Der Meister lachte.

Seine eigenen Gedanken hatten unablässig um Michaels Geld gekreist. Aber er fand keine Möglichkeit, darüber zu sprechen. Es war ihm überhaupt immer peinlich gewesen, mit Michael von dem Geld zu sprechen, das er ihm beständig gab.

»Na,« sagte er munter, »wie steht's mit deinem Geld?«

»Es läuft mir nur so durch die Finger,« sagte Michael und wußte selbst nicht, daß er plötzlich froher sprach, weil vielleicht Aussicht war, etwas zu bekommen. 130

Der Meister, der sich noch immer hinter einer lachenden Miene verbarg, sagte: »Du machst doch keine Schulden?«

Michael hatte ein Bein über das andere geschlagen. »Wie sollte ich das wohl anfangen?«

Einen Augenblick war es, als sänke des Meisters Kopf vornüber, bevor er sagte: »Nein, leicht wäre es wohl nicht.«

Und es wurde still im Atelier.

»Ich habe mir überlegt,« sagte der Meister, »daß wir es in Zukunft so ordnen wollen, daß du dein eigenes Konto bei meinem Bankier bekommst . . .«

Und er fügte hinzu: »Wo du dann . . . auf einer leeren Seite anfangen kannst.«

Eine tiefe Röte breitete sich wie in Streifen über Michaels Gesicht, während der Meister von der Leinwand zurücktrat und die beiden Männer schweigend aneinander vorbeigingen.

Also wußte Claude es. Der Bankier mußte es ihm gesagt haben.

Michael hatte sich in seinem Schreck dem Bild genähert. Aber plötzlich blieb er stehen, als wäre seine Brust von einer Bajonettspitze getroffen. Er blieb stehen und starrte auf das Gesicht des Germanen, blieb vielleicht eine halbe Minute stehen, weiß wie Königin Margheritas Marmortorso hinter ihm.

Bis er sich plötzlich beim Klang von Herrn Schwitts Stimme umwandte, der beim Eintreten mit schneidender Stimme sagte: »Sie sind da, Michael?«

»Ja.« Michael entfernte sich von dem Bilde.

Herr Schwitt hatte Platz genommen und füllte das ganze Atelier mit seiner Zungenfertigkeit und seinen Neuigkeiten. Adelsskjold sei ihm eben begegnet, er sähe aus wie einer der Eisbären im Jardin des Plantes in der Sommerhitze, sagte er. Er hätte »die erste Dame der Republik« besucht, sie sei bald ebenso verstaubt wie der Wahlspruch 131 der Republik über dem Rathause »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«.

Plötzlich kam er wieder auf Adelsskjold und sagte: »Der Mann ist übrigens nicht ungefährlich. Er tut vielleicht eines Tages etwas, was man nicht erwartet.«

Der Meister, der, gedankenabwesend, die Pfeife zwischen den Lippen hielt, sagte, während Michael abseits auf einem Stuhl saß, von wo aus er beständig den Germanen anstarrte: »Er hat hier gefrühstückt. Er sah so traurig aus.«

Herr Schwitt lachte und sagte: »Ja, das glaube ich.«

»Gib mir Feuer, Michael,« sagte der Meister.

»Ja.«

Michael erhob sich von seinem Platz – in seinen Augen lag ein Ausdruck wie in denen eines Kindes, dem etwas zerbrochen ist – und er brachte ihm Feuer.

»Deine Hand zittert,« sagte der Meister.

»Das tut die Jugend bisweilen,« sagte Herr Schwitt, der die Worte in demselben Ton wie vorhin herausstieß.

Michael machte eine halbe Wendung mit dem Kopf, aber, ohne zu antworten, ging er zu seinem Stuhl zurück, von wo er den brutalen Germanen sehen konnte. Er fühlte tief in der Brust einen brennenden Schmerz, einen sprengenden Knabenschmerz fast, während sein Herz hämmerte, als wolle es gegen die Lehne des Stuhles schlagen. So also dachte er. So dachte Claude von ihm. So lebte er in seinen Gedanken.

Michael schloß die Augen, als fürchte er, daß Tränen unter ihren Wimpern hervorquellen würden. Weshalb? Weshalb nur? Das mit dem Geld hätte er ihm ja so gern gesagt. Und des Geldes wegen war es auch nicht. Claude dachte ja nie an Geld.

»Adelsskjold hat einige Bilder verkauft,« sagte Herr Schwitt.

Es war, als erwache der Meister, der an diesem Vormittag 132 irgendwo in seinem Gehirn beständig rechnete, bei dem Wort »verkauft«.

»Vielleicht täte man klug, zu verkaufen,« sagte er.

Herr Schwitt ließ seine Blicke durch den Raum schweifen. »Wird hier im Hause soviel verbraucht?« sagte er, »oder wird alles zu Vatel getragen?«

Michael rührte sich nicht.

Aber der Meister begann plötzlich davon zu sprechen, daß ein Verkauf das Klügste, das einzig Richtige sei, ein großer Verkauf, ein einmaliges Unter-den-Hammer-Bringen.

Da war »Eros« und da war »Alkibiades auf dem Markt«. Da war der »Athener« und »Brutus, der Cäsars Schriften liest«.

»Aber auf alle Fälle,« sagte er, »will ich den ›Germanen‹ verkaufen.«

Er zählte alle seine Bilder auf, und er nannte ihre Preise, er, der sonst nie von seinen eigenen Werken sprach und sich nur verriet, wenn er alle fünf Jahre einmal plötzlich vom Wert seiner Bilder sprach. Er warf mit großen Summen um sich, häufte die Hunderttausende nur so auf, ließ das Gold in übergroßen Schätzungen glitzern, so wie es seinen Bauernvorfahren in Strömen vor den Augen flimmerte, als sie nach Kanada zogen.

Herr Schwitt, der kein Auge von Claude Zoret verwandte und ihn unausgesetzt beobachtete, als läse er in seinem Gesicht durch eine Lupe, sagte: »Du kannst natürlich den ›Germanen‹ verkaufen. Aber der ›Sieger‹ hat den größten Wert.«

Michael hatte seinen Blick vom »Germanen« losgerissen, als sei er durch den Klang des vielen Goldes plötzlich geweckt worden.

Herr Schwitt, dessen Augen fast wie die eines Spielers funkelten, sagte: »Der ›Sieger‹ ist mindestens seine hundertundfünfzigtausend wert.«

Michael hatte, während er zuhörte, den Kopf in die 133 Hände gestützt und starrte Claude Zoret in einem plötzlichen Zorn an, den er selbst nicht verstand, als habe ein Sturm sein ganzes Wesen aufgewühlt, eine zornige Erbitterung gegen diesen Mann da, der mit seinem Gold rasselte und mit der Übertreibung des Genies in seinem eigenen Genie schwelgte.

Seine schwindelnde Wut, die ihm unversehens gekommen war, steigerte sich dermaßen, daß ihn die Lust überkam, diesen Menschen zu rütteln, der dort auf seinem Sessel saß, so hoch und fern wie auf einem Berge, während die Adern an den zitternden Händen, mit denen er den Kopf stützte, anschwollen.

»Den ›Germanen‹ verkaufe ich sofort,« wiederholte der Meister wie einen Refrain.

Da konnte Michael nicht länger an sich halten. In einem Ton, den der Meister noch nie von ihm gehört hatte, in dem Ton eines Feindes oder eines zu Tode Verwundeten, sagte er: »Ja, das tu nur.«

Einen Augenblick war es still.

Dann stand Herr Schwitt auf, und der Meister sagte, während eine Blässe über sein Gesicht flog: »Ja, Michael, ich muß es tun.«

Wieder war es still, so still, daß man das Wasser in den Bassins des Wohnzimmers plätschern hörte, bis Herr Schwitt mit seiner schnarrenden Stimme sagte und leise auflachte: »Ja, du kannst ja auch eine Auktion veranstalten. Ebenso wie bei Zamikofs.«

Er wandte sich zu Michael: »Haben Sie nicht im ›Gaulois‹ gelesen, daß die Zamikofschen Güter in Rußland unter Administration gestellt sind? Für die Fürstin bedeutet das wohl den Bankrott.«

Michael rührte sich nicht, nur die Pupillen in seinem weißen Gesicht erweiterten sich, wie aus Angst, während ihm Schweißperlen auf die Stirn traten.

Der Meister betrachtete ihn einen Augenblick. 134

»Ich will arbeiten,« sagte er und stand auf.

Michael wußte selbst nicht, was er gestammelt hatte, während er durch das Zimmer und hinausgegangen war. Er wußte kaum, daß er sich unten auf der Straße in einen Wagen geworfen und dem Kutscher zugerufen hatte: »Schnell.«

Als könne er mit Hilfe eines Pferdes zu ihrer Rettung eilen. Er dachte nur das eine: Also hatten die Leute wahr gesprochen. Also hatte Monthieu recht gehabt. Also verhielt es sich wirklich so.

So stand es um seine arme, seine arme – seine geliebte Lucia. Und in derselben Sekunde trat der Gedanke an Unglück und Krach zurück und wurde völlig verdunkelt von seiner Sehnsucht, der Sehnsucht nach ihr, ihr selbst, so übermächtig und stark, daß sie sein ganzes Sein erfüllte.

Meine Lucia, meine geliebte Lucia.

Menschen kamen auf der Brücke an ihm vorbei und er sah sie nicht. Das Pfeifen der Dampfer ertönte von der Seine her und er hörte es nicht.

Nur sie sehen, sie in seinen Armen halten, ganz der ihre sein. Und plötzlich rief er dem Kutscher zu: »Fahren Sie schneller. Ich habe Eile.«

»Ja, Herr,« sagte der Kutscher, und indem er sich auf dem Bock umwandte, sagte er zu Michael, den er vom Halteplatz an der Rue de Rivoli kannte: »Man fährt so mancherlei Leute, und alle haben sie es eilig.«

Michael mußte lachen.

»Ja,« sagte er, »das ist wahr.« Und plötzlich war er in die Wirklichkeit zurückgerissen, zu dem, was geschehen war, zu Straße und Steinen, über die er fuhr: Die Administration, die Schulden, der Bankrott – der Skandal, der über Lucia hereinbrechen würde.

Und in weniger als einer Sekunde durchliefen seine Gedanken, die mit den Pariser Verhältnissen vertraut geworden waren, alles das, was er nur zu gut kannte: 135 Interviewe, Reporter, Zeitungen, Caféklatsch, Salongerede, der ganze lärmende Boulevard, alles schrie, hetzte, kläffte gegen Lucia an.

Gegen Lucia.

Aber das konnte nicht sein. Es durfte nicht sein – es sollte nicht sein.

Er mußte ihr helfen.

Und mitten in seinem Schmerz und seiner Verwirrung stieg ein fast knabenhaftes Gefühl des Stolzes in ihm auf.

Er mußte sie, die sein eigen war, beschützen und verteidigen.

Der Wagen fuhr bei seinem Gartengitter vor und er sprang heraus.

»Die Fürstin ist da,« sagte der Diener im Vestibül, der sich erhob.

»Gut,« sagte Michael und zwang sich, vor den Augen seines Dieners die Treppe langsam hinaufzusteigen.

Im Wohnzimmer war sie nicht. Im Kabinett war sie nicht. Dann stürmte er die Wendeltreppe hinauf und sah Lucia auf seinem Bett liegen und ihm zulächeln: »Ich bin schon lange da,« sagte sie und reichte ihm, wie sie zu tun pflegte, die Hand zum Kuß.

Michael blieb verwirrt vor dem Bett stehen, die ungeheure Erleichterung wirkte wie ein Rückschlag, der seinen ganzen Körper zum Beben brachte, und er dachte blitzschnell:

»Also ist es nicht wahr. Es ist Erfindung, es ist Lüge.«

Und er begann mit Lippen, die noch kalt waren vor Angst, ihr Haar, ihre Stirn, ihre Wange zu küssen, als wäre es ihr erstes Zusammensein – bis er sich, wie von einer plötzlichen Müdigkeit gelähmt, auf den Boden sinken ließ, wo er auf dem Teppich sitzen blieb, den Kopf gegen den Bettrand gelehnt.

Lucia lag eine Weile still und lauschte Michaels Atemzügen, die tief waren wie die eines Schlafenden. 136

Dann sagte sie: »Wovon habt ihr beim Meister gesprochen?«

Michael bedachte sich eine Weile. »Von seinen Bildern.«

Michael schwieg wieder, und indem es ihm war, als höre er Schwitts Stimme, sah er unwillkürlich zum »Sieger« auf.

»Es war von den Preisen die Rede,« sagte er.

»Dann habt ihr wohl im Golde geschwelgt?«

»Ja,« sagte Michael, der immer noch den »Sieger« anstarrte.

»Das muß angenehm sein,« sagte Lucia, deren Augen beständig an der rot beleuchteten Zimmerdecke hingen.

»Ja,« ertönte Michaels Stimme.

Wieder wurde es still, bis Michael den Kopf wandte und sagte: »Ich bekam übrigens einen furchtbaren Schreck.«

»Wieso?« fragte Lucia und sah auf ihn nieder.

»Schwitt erzählte,« sagte Michael, und seine Angst wuchs von neuem bei dem Ausdruck ihres Gesichts, »was im ›Gaulois‹ gestanden hat.«

»Ja,« sagte Lucia, ohne ihre Stellung zu verändern, »das ist leider wahr.«

Michael hatte sich auf die Knie erhoben und stützte sich mit den beiden geballten Händen auf die Bettkante: »Was sagst du?«

»Daß es wahr ist.«

Und plötzlich fing Lucia an zu weinen, ohne ihre Stellung zu verändern, ein stilles, krampfhaftes Weinen, das ihren ganzen Körper und das Bett, auf dem sie lag, zum Beben brachte.

»Lucia, hör doch, Lucia.«

Michael war aufgesprungen, aber er berührte sie nicht.

»Weshalb hast du es mir nicht gesagt? Weshalb hast du mir nie ein Wort davon gesagt?«

Und als ob diese eine Frage das ganze Unglück und seine Lösung enthielte, wiederholte er sie unausgesetzt, verwirrt und verzweifelt, während er im Zimmer auf und ab schritt, die Hände gegen die Augen gepreßt. 137

»Weshalb sollte ich darüber sprechen?« sagte Lucia und richtete sich halb auf, »was konnte es nützen?«

Sie weinte wieder.

»Und glaubst du nicht, ich hatte einen Ort nötig, wo niemand etwas wußte und wo ich Frieden haben konnte?«

»Gewiß, gewiß . . .«

Lucia setzte die Füße auf den Boden und saß auf dem Bettrand.

»Was hat Herr Schwitt gesagt?« fragte sie und strich sich das Haar aus dem Gesicht.

Michael blieb in einer Ecke stehen.

»Schwitt?« sagte er, und beim Klang des Namens sah er wieder zum »Sieger« hinauf.

»Schwitt?« sagte er und stand noch immer still, und seine Stimme klang so seltsam, als käme sie von weit her, »Schwitt hat nichts weiter gesagt, als was im ›Gaulois‹ stand.«

»Sieh mal,« sagte Lucia, die sich erhoben hatte und sich gegen das Fußende des Bettes stützte, »es handelt sich ja nur um die erste Zeit. Später hilft uns der Kaiser sicherlich . . . wenn nur der erste Chok überwunden und alles wieder ins Geleise gekommen ist . . .«

Michael stand noch auf derselben Stelle. »Man muß Geld in die Finger bekommen,« sagte er und sah unentwegt auf denselben Punkt.

»Ja.«

Michael rührte sich nicht.

»Sofort Geld,« sagte er.

Und blitzartig arbeiteten die Gedanken in seinem Hirn, ordneten sich, Glied um Glied, folgerichtig, zu einem Plan – einem ausführlichen Plan.

»Der Sieger.«

Er konnte den »Sieger« verpfänden. Nein, nicht verpfänden. Verkaufen. Ihn auf Sicht verkaufen. Ihn in London unter der Bedingung verkaufen, daß er fünf Jahre magaziniert werden solle. 138

Ja, das konnte er.

»Wollen wir hinuntergehen?« fragte er.

»Ja,« sagte Lucia, »ich muß nach Hause.«

Sie gingen die Wendeltreppe hinunter und ins Wohnzimmer hinein.

»Adieu,« flüsterte Lucia.

»Adieu,« antwortete Michael.

Lucia war fort, Michael stand und starrte auf seinen Schreibtisch.

Es lebte nur der eine Gedanke in ihm: er wollte noch heut abend nach London reisen. Mit dem Nachtzug Calais–Dover. Den Verkauf ordnen. Den Verkauf mit Herrn Pinero ordnen. Übermorgen wieder zurück sein. Es war, als betäube ihn der Entschluß, fast, als handele er wie ein Schlafwandler.

Der Diener erschien auf sein Klingeln.

Michael sagte: »Packen Sie meinen kleinen Koffer. Ich verreise heute abend.« Und gleich darauf fügte er hinzu: »Es braucht niemand zu wissen.«

Der Diener verbeugte sich schweigend.

 

Michael speiste beim Meister zu Mittag. Er war lange nicht so vergnügt gewesen.

Nach Tisch spielten sie Schach.

Michael sagte während des Spieles: »Ich fahre morgen nach Versailles und bleibe drei Tage dort.«

Der Meister machte einen Zug mit einem Springer.

»Das ist vernünftig,« sagte er, »hier ist es auch unerträglich heiß.«

. . . Am Abend reiste Michael nach London. 139

 


 

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