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Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 9
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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VIII.

Ein nächtlicher Ritt.

Während wir den Bergrücken von Portsdown entlang ritten, sahen wir links unter uns die Lichter der Stadt und des Hafens von Portsmouth blinken; rechts aber den Wald von Bere, hell beleuchtet von den Signalfeuern, welche die Landung des Prätendenten verkündeten. Die gewaltige Glut eines hohen Flammenstoßes loderte auf der Höhe von Butser, und dahinter, soweit das Auge reichte, bezeugten aufblitzende Lichtfunken, wie die Nachricht weiter nordwärts getragen wurde: nach Berkshire und ostwärts nach Sussex. Von diesen Feuern bestanden einige aus hoch aufgetürmten Reisigbündeln, andre aus Teertonnen auf Stangen. Eine der letztern passierten wir gerade gegenüber Portchester. Als die Wächter das Getrappel unsrer Pferde und das Klirren unsrer Waffen vernahmen, stimmten sie ein lautes Hussa! an, da sie ohne Zweifel meinten, wir wären königliche Offiziere, die dem Westen zueilten.

Meister Decimus Saxon hatte längst das sittsam würdige Benehmen, das er in Gegenwart meines Vaters zur Schau getragen, in alle Winde fahren lassen. Während wir durch das nächtliche Dunkel dahinsprengten, floß sein Mund über von Scherzen, Reimen und Liedern aller Art.

»Donnerwetter!« sagte er mit der ungeniertesten Offenheit, »wie das gut thut, 'mal wieder frei von der Leber weg reden zu können, ohne daß man jeden Satz mit einem Halleluja oder Amen verbrämen muß!«

»Ihr wart immer der erste zum Beten oder Singen,« bemerkte ich trocken.

»Jawohl, allerdings, Ihr habt's getroffen. Wenn etwas geschehen muß, sei's was es sei, da bin ich immer der erste dabei. Das ist eine höllisch gute Regel, die mir allezeit vortrefflich zu statten gekommen ist. Ich weiß nicht mehr, ob ich Euch erzählt habe, daß ich einmal von den Türken gefangen genommen und nach Stambul geschleppt worden bin. Wir waren unser etwa hundert und mehr, aber die andern erlagen entweder der Bastonade, oder sind bis auf diesen Tag an ein Ruder der osmanischen Galeeren geschmiedet, wo sie wahrscheinlich bleiben werden, bis sie unter der Peitsche umkommen, oder auch bis eine Venediger oder Genueser Kugel den Weg in ihre elenden Leichname findet. Ich allein erlangte meine Freiheit wieder.«

»Ich bitte Euch, wie habt Ihr das fertig gekriegt?« fragte ich.

»Vermöge des Mutterwitzes, mit dem mich die Vorsehung begabt hat,« erwiderte er selbstgefällig. »Ich bemerkte nämlich sehr bald, daß ihre verwünschte Religion die schwache Seite der ungläubigen Hunde ist. Das beschloß ich zu benutzen. In dieser Absicht beobachtete ich zuerst genau die Weise, in der unsre Wächter morgens und abends ihre Andachtsübungen verrichteten. Darauf machte ich aus meinem Wams einen Gebetsteppich und ahmte den Kerls getreulich alles nach – nur daß ich länger und inständiger betete als sie.«

»Was?« schrie ich entsetzt auf. »Ihr stelltet Euch, als ob Ihr ein Moslem wäret?«

»Durchaus nicht. Von Verstellung war gar nicht die Rede. Ich wurde ein Moslem. Übrigens, Freundchen, hört mal, das bleibt unter uns, nicht wahr? Im Rebellenlager dürfte es mir vielleicht schlecht bekommen, und mich in der Meinung irgend eines Reverend Aminadab Quell-der-Gnade, der mutmaßlich kein Bewunderer Mohammeds ist, herabsetzen.«

Ich war so verblüfft über die Unverfrorenheit dieses Bekenntnisses, das aus einem Munde kam, der noch kurz zuvor die Hausandacht einer frommen christlichen Familie geleitet hatte, daß mir die Sprache geradezu versagte. Decimus Saxon pfiff ein paar Takte einer lustigen Weise und fuhr dann fort:

»Meine Beharrlichkeit in diesen Übungen führte binnen kurzem dahin, daß ich von den andern Gefangenen abgesondert wurde, ja endlich gelang mir's, meine Kerkermeister dazu zu bewegen, daß sie mir die Thüren öffneten und mich hinaus ließen unter der Bedingung, daß ich mich täglich einmal am Thor des Gefängnisses zeigte. Welchen Gebrauch, meint Ihr, machte ich wohl von meiner Freiheit?«

»Na, Ihr seid zu allem fähig,« sagte ich.

»Ich begab mich sofort nach der Hauptmoschee – der von St. Sophia. Wenn die Pforten sich aufthaten und der Muezzin seinen Ruf erschallen ließ, war ich immer der erste, der zum Gottesdienst eilte, der letzte, der hinausging. Sah ich, daß ein Muselmann mit der Stirn auf den Steinboden schlug, so that ich's zweimal. Sah ich, daß er sich verneigte, so warf ich mich zu Boden. So kam es denn, daß binnen kurzem die Frömmigkeit des bekehrten Giaurs zum Stadtgespräch wurde, und ich eine Hütte erhielt, in der ich mein Leben heiligen Betrachtungen widmen sollte. Es hätte mir dort ganz gut gehen können, und ich hatte mir auch schon beinahe fest vorgenommen, mich als einen Propheten aufzuspielen und ein Extrakapitel zum Koran zu schreiben, als eine alberne Bagatelle den Gläubigen Zweifel an meiner Ehrlichkeit einflößte. Es war das reine Pech. Ein paar Leute, die mich über irgend eine Glaubensfrage zu Rate ziehen wollten, fanden eine Dirne bei mir in der Hütte, weiter nichts. Aber es genügte, ihre heidnischen Zungen in Bewegung zu setzen. Da hielt ich es denn für das Gescheiteste, den Koran Koran sein zu lassen und auf einem levantinischen Küstenfahrer durchzubrennen. Ich bin auch jetzt noch der Ansicht, daß ich weise gehandelt habe; denn es wäre doch ein hartes Los gewesen, auf die Dauer Christenweiber und Schweinefleisch gegen ihre knoblauchstinkenden Houris und ihr verwünschtes fades Schöpsenfleisch vertauschen zu müssen.«

Unter diesen Reden waren wir durch Fareham und Botley geritten und trabten nun die Straße nach Bishopsstoke hinab. Der steinige harte Kalkboden geht hier in Sand über, dem die Hufe unsrer Pferde beim Auftreten nur einen gedämpften Ton entlockten, der unser Plaudern nicht störte, – oder vielmehr das meines Begleiters, denn ich hörte nur zu. In Wahrheit war mein Gemüt so erfüllt von Erwartung dessen, was da kommen sollte, und von Gedanken an die Heimat, die hinter mir lag, daß ich nicht in der Stimmung war für lustiges Geplauder. Der Himmel war leicht bewölkt, aber der Mond schimmerte zwischen den Wolkenrissen hervor und beleuchtete die lange Straße, die sich vor uns hinschlängelte. Auf beiden Seiten hin und her verstreut lagen Häuser und Gärten, die sich zuweilen bis an die Straße hin ausdehnten. Die Luft war erfüllt von dem süßen, fast betäubendem Duft reifer Erdbeeren.

»Hast schon mal im Zorn einen Menschen erschlagen?« fragte Saxon, als wir im Galopp dahin sprengten.

»Niemals,« entgegnete ich.

»Ha! Gebt acht, wenn erst einmal Stahl gegen Stahl klirrt, Mann gegen Mann steht und Ihr dem Feinde Aug' in Auge schaut, da werden alle Regeln, Maximen und Fechterkünste im Hui vergessen sein, die der Vater oder andre Euch gelehrt haben mögen.«

»Ich habe nicht viel dergleichen gelernt,« sagte ich. »Mein Vater lehrte mich nur einen tüchtigen ehrlichen Hieb führen. Dies Schwert kann eine spanndicke eiserne Stange durchhauen.«

»Scanderbegs Schwert vermag aber nichts ohne Scanderbegs Arm,« bemerkte mein Gefährte. »Ich habe es ihm wohl angesehen, daß es ein vorzüglicher Stahl ist. Einer von den echten alten Textverdrehern und Psalmauslegern, wie sie die Gläubigen von anno dazumal führten, als sie –

Mit Prügel und Püffen froh und frei
Wie orthodox ihr Glaube sei –

bewiesen! Ihr habt also nie fechten gelernt?«

»Eigentlich fast gar nicht,« sagte ich.

»Das macht auch nichts. Für einen alten, erprobten Soldaten, wie mich, ist die Kenntnis des Gebrauchs seiner Waffe hochnötig; aber für einen jungen Heißsporn von Eurem Temperament thun Kraft und Energie schon viel. Ich habe oft bemerkt, daß die, welche am geschicktesten den Vogel von der Stange schießen, den Türkenkopf spalten, und was derlei Sport mehr ist, stets im Felde die Nachzügler abgeben. Wenn der Vogel auch eine Armbrust hätte und einen Bolzen auf der Sehne, oder hätte der Türke auch eine Faust außer dem Kopf, dann würden die Nerven unsrer jungen Helden wohl kaum so fest sein. Ich zweifle gar nicht daran, Freund Clarke, daß wir ein paar treue Kameraden abgeben werden – so wie der alte Butler es schildert:

Nie sprangen getreuer Ritter und Knecht
Nie Knecht und Ritter schlecht und recht
Mitsammen besser zu Strauß und Gefecht.

Ich habe diese ganzen letzten Wochen kaum gewagt, meinen Hudibras zu citieren, um nicht den Covenant in des Alten Adern zum Sieden zu bringen.«

»Wenn wir wirklich Kameraden sein sollen,« sagte ich strenge, »so müßt Ihr lernen, mit mehr Ehrfurcht und weniger Leichtfertigkeit von meinem Vater zu sprechen, der Euch sicherlich niemals beherbergt haben würde, hätte er die Geschichte gehört, die Ihr mir soeben erzählt habt.«

»Vermutlich nicht,« entgegnete der Abenteurer und kicherte in sich hinein. »Es ist ein weiter Schritt von der Moschee bis zum Konventikel. Aber mein junger Freund, nur nicht gleich so hitzköpfig! Euch fehlt noch die rechte Gemütsruhe und Klarheit, die Ihr unzweifelhaft in Euren reiferen Jahren erlangen werdet. Ei Mensch! Fünf Minuten nach unsrer ersten Bekanntschaft hättet Ihr mir beinah mit dem Ruder den Hirnkasten eingeschlagen, und seitdem seid Ihr mir auf den Fersen wie ein Spürhund, immer bereit zu bellen, wenn ich auch nur den Fuß über die gerade Linie setze, wie Ihr sie Euch denkt. Am Ende rennt Ihr mir noch für ein unliebsames Wort den Degen durch den Leib.«

»Merkt Euch das wohl,« entgegnete ich erregt, »mein Sinn neigt zum Frieden, aber versteckte Drohungen werde ich mir nicht gefallen lassen.«

»Daß Gott erbarm'!« rief Saxon. »Ich sehe schon, Ihr wollt damit anfangen, mich kunstgerecht zu zerschneiden und mich dann sauber in Stücke zerlegt nach Monmouths Feldlager bringen. Nein, nein, wir werden schon genug zu fechten bekommen, ohne uns unter einander anzufallen! Was für Häuser sind das dort linker Hand?«

»Das Dorf Swathling,« erwiderte ich. »Die Dächer von Bishopsstoke sind dort rechts in der Thalsenkung.«

»Dann haben wir fünfzehn Meilen hinter uns, und mir deucht, im Osten dämmert schon der Morgen herauf. Hallo, was gibt's hier? Die Betten müssen hier zu Land rar sein, wenn die Leute auf offner Landstraße schlafen gehn!«

Ein dunkler Fleck, den ich bereits vor uns auf dem Wege bemerkt hatte, nahm jetzt allmählich die Gestalt eines Mannes an, der platt auf dem Gesicht lag.

»Irgend ein Trunkenbold vielleicht, aus der Dorfschenke,« bemerkte ich.

»Es riecht hier nach Blut,« sagte Saxon und streckte die Raubvogelnase in die Luft, wie ein Geier, der Aas wittert. »Mir scheint, er schläft den Schlaf, der kein Erwachen kennt.«

Damit schwang er sich aus dem Sattel und drehte den Mann herum auf den Rücken. Das kalte blasse Licht der Morgenfrühe, das auf seinen verglasten Augen und farblosen Gesichtszügen spielte, zeigte, daß des alten Soldaten Instinkt richtig gewesen und daß der Mann in der That den letzten Atemzug gethan hatte.

»Da haben wir ja eine nette Geschichte,« sagte Saxon, als er neben dem Toten kniete und ihm mit der Hand über die Taschen fuhr. »Strauchdiebe, ohne Frage. Nicht einen Stüber in der Tasche, nicht mal eine Ärmelschnalle, um das Begräbnis zu bezahlen.«

»Wie ist er denn erschlagen worden?« fragte ich und blickte schaudernd in das arme seelenlose Antlitz, die leere Behausung, deren Bewohner entflohen war.

»Ein Stich in den Rücken und ein Schlag auf den Kopf mit dem Pistolenkolben. Er kann noch nicht lange tot sein, und doch ist jeder Groschen weg. Zudem nach seinem Anzug zu urteilen war es ein wohlstehender Mann – der Rock fühlt sich an, wie feines Kammertuch, Atlashosen und silberne Schnallen an den Schuhen. Die Schelme müssen was Rechtes bei ihm zu plündern gefunden haben. Wenn wir sie doch abfassen könnten, Clarke, es würde wahrlich der Mühe wert sein.«

»Das würde es, wahrhaftig,« stimmte ich aus ganzer Seele bei. »Ich will mir nichts Besseres wünschen, als an solchen feigen Mördern Gerechtigkeit zu üben.«

»Dummes Zeug!« rief Saxon. »Donna Justitia ist eine schlüpferige Dame und trägt ein zweischneidiges Schwert in der Hand. Wir können in unsrer Eigenschaft als Rebellen soviel Gerechtigkeit zu schmecken bekommen, daß wir uns daran den Magen verderben. Ich möchte deshalb lieber diese Räuber einholen, um sie von ihrer spolia optima nebst etwaiger andrer Beute, die sie unrechtmäßiger Weise zusammengeschleppt haben, zu entlasten. Mein gelehrter Freund, der Flamänder weist nach, daß es kein Raub sei, einen Räuber zu berauben. Wo wollen wir aber den Leichnam verstecken?«

»Warum sollen wir ihn verstecken?« fragte ich.

»Ei, mein Bester, wenn Ihr auch noch nicht an den Krieg und die Vorsichtsmaßregeln, die einem Krieger geziemen, gewöhnt seid, müßt Ihr doch einsehen, daß, wenn dieser Leichnam hier gefunden werden sollte, die ganze Gegend ringsum alarmiert und nach den Mördern durchforscht werden würde. Uns, als Fremde aber würde man sofort als verdächtig festnehmen. Gesetzt auch, es gelänge uns, unsre Unschuld zu erweisen – was nicht leicht ist – so wird der Richter wenigstens wissen wollen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Das würde zu weiteren Fragen führen, bei denen für uns nichts Gutes 'rauskäme. Ich werde mir deshalb die Freiheit nehmen, mein unbekannter, schweigsamer Freund, dich in jene Büsche zu schleppen, wo du wenigstens ein paar Tage unbemerkt liegen und ehrliche Leute nicht in Ungelegenheit bringen wirst.«

»Um Gotteswillen, behandelt ihn nicht so roh,« rief ich, sprang vom Pferde und legte meine Hand auf Saxons Arm. »Es ist doch nicht nötig, ihn in so unziemlicher Weise weiter zu zerren. Wenn er hier fort muß, will ich ihn mit aller geziemenden Ehrfurcht tragen.«

Mit diesen Worten hob ich den Körper auf, trug ihn in meinen Armen nach einem großen, gelbblühenden Ginsterbusche, legte ihn sacht und feierlich darin nieder und bog die Zweige rings um ihn herum, so daß sie ihn verbargen.

»Ihr habt die Sehnen eines Stiers und das Herz eines Weibes,« murmelte mein Gesell. »Bei der Messe, der alte psalmenplärrende Weißkopf hatte recht, – er sagte auch etwas Ähnliches, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt. Ein paar Hände voll Staub werden die Flecken verbergen. So, nun können wir unsrer Wege gehen, ohne wegen andrer Leute Sünden zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ich will nur noch meinen Sattelgurt straff ziehn, und wir sind bald aus aller Gefahr.«

»Ich habe,« sagte Saxon, als wir weiter ritten, »mit so manchem Edlen von diesem Gelichter zu thun gehabt, mit albanesischen Räubern, piemontesischen Banditen, mit Landsknechten und Freibeutern am Rhein, mit algerischen Piccaroni und ähnlichem saubern Volk! Dennoch kann ich mich auf keinen einzigen unter ihnen besinnen, der sich im Alter jemals hätte mit einem behaglichen Auskommen vom Geschäft zurückziehen können. Es ist besten Falls ein unsicherer Erwerbszweig und endet fast ausnahmslos mit einem Luftsprung in einer engen Halsbinde, und dazu steht vielleicht noch unten ein guter Freund, der einen an den Beinen zieht, damit der letzte Pust schneller rausfährt.«

»Und damit ist's noch nicht mal zu Ende!« bemerkte ich.

»Nein. Dann kommt noch hinten nach der Tophet und das höllische Feuer. So lehren uns wenigstens unsre Freunde, die Pfaffen. Na, wenn der Mensch in dieser Welt nicht zu Wohlstand kommt, am Ende gehängt wird und in der zukünftigen ewig brennen muß, da kann man wohl sagen: der ist den Dornenweg gewandelt! Anderseits – wenn man jedesmal 'ne wohlgespickte Börse in die Finger kriegte, wie die Halunken heut nacht, da möcht' man's am Ende darauf ankommen lassen, was im Jenseits aus uns wird.«

»Was haben sie aber von der wohlgespickten Börse?« sagte ich. »Was werden die paar Goldstücke, die sie dem armen Kerl aus den Taschen gemaust haben, den blutdürstigen Schurken helfen, wenn ihre Todesstunde gekommen ist?«

»Nichts vermutlich,« sagte Saxon trocken; »aber bis dahin können sie sich doch nützlich erweisen. Das dort ist Bishopsstoke, sagt Ihr? Was für Dächer sind das da drüben?«

»Ich denke, es muß Bishops Waltham sein,« antwortete ich.

»Wir müssen uns sputen, denn ich möchte gern in Salisbury sein, ehe die Sonne hoch steht. Da können wir die Pferde bis zum Abend einstellen und uns ausruhen, denn es hat keinen Zweck, wenn Mann und Roß abgetrieben zur Schlacht kommen. Heute wird es auf den Straßen nach Westen hin den ganzen Tag über von Kurieren wimmeln und vielleicht auch noch von Kavalleriepatrouillen, so daß wir uns kaum würden zeigen dürfen, ohne Gefahr zu laufen, angehalten und ausgefragt zu werden. Dagegen, wenn wir uns den ganzen Tag still halten und so im Schummern weiter ziehen, wenn wir die Hauptstraße vermeiden und unsern Weg quer über die Salisburyer Heide und die Somerset-Berge nehmen, dürfen wir hoffen, nicht zu Schaden zu kommen!«

»Aber wenn nun Monmouth losschlägt, ehe wir ihn erreichen?« fragte ich.

»Dann haben wir eine gute Gelegenheit versäumt, uns den Hals abschneiden zu lassen. Nehmt mal an, Freund, er wäre geschlagen und sein Heer in alle Winde zerstreut, würde es dann nicht ein lustiger Einfall sein, wenn wir beide auf dem Schauplatz erschienen, als zwei treue Lehnsleute, die bis von Hampshire hergeritten sind, um einen Schlag gegen des Königs Feinde zu thun? Am Ende setzte es dann gar noch eine Belohnung in klingender Münze, oder auch Landbesitz für unsern Eifer. Na, na, zieht nur die Stirn nicht so kraus, ich machte ja nur einen schlechten Witz. Wir wollen jetzt die Pferde ein wenig zu Atem kommen lassen und bergan Schritt reiten. Meine Braune ist noch ganz frisch, aber Eure riesigen Glieder lasten doch schwer auf dem Schimmel.«

Der Lichtstreif im Osten war größer und breiter geworden, und der Himmel war übersäet mit leichtem rosa Federgewölk. Als wir über die niedrigen Hügel bei Chandlers Furt und Romsey ritten, konnten wir südostwärts den aus den Schornsteinen von Southampton aufsteigenden Rauch und die weit ausgedehnten dunklen Massen des »Neuen Waldes« erblicken, über dem die Morgennebel schwebten. Ein paar Reiter kamen an uns vorüber. Sie waren zu sehr mit ihren eignen Angelegenheiten beschäftigt, um nach den unsrigen zu fragen. Ein paar Karren und ein langer Zug mit Wollenballen beladener Packpferde kamen einen Seitenpfad daher, die Führer schwenkten ihre breiten Hüte und wünschten uns Glück auf den Weg. In Dunbridge standen die Leute gerade auf. Im Begriff, die Fensterladen außen abzunehmen, hielten sie inne, kamen an den Gartenzaun und sahen uns nach. Als wir in Dean einritten, hob sich bereits der rotschimmernde Rand des leuchtenden Sonnenballs über den Horizont empor, und die Luft war voll vom Summen der Insekten und vom süßen morgenfrischen Blütenduft. In diesem Dorfe stiegen wir ab und tranken ein Glas Ale, während die Pferde ausruhten und zu saufen bekamen. Der Wirt wußte nichts von den Aufständischen, und schien auch überhaupt kein sonderliches Interesse für die Sache zu hegen.

»So lange ich für die Gallone (4½ Liter) Branntwein sechs Schilling und Sixpence (6,50 Mk.) Steuer zahlen muß, und was noch nebenbei verloren geht, dazu die Fracht, kommen mich auf 'ne halbe Krone (2,50 Mk.), und ich soll die Geschichte für zwölf Schilling verkaufen – da ist mir's gleich, wer König in England ist! Wenn ich mir einen wählen soll, so wär's einer, der den Hopfenbrand verhindern kann, dem wollt' ich dienen!«

Das war Gastwirtspolitik, und vermutlich gab's noch viele andre, die seine Gesinnung teilten.

Von Dean nach Salisbury läuft die Straße in gerader Linie mitten durch ein weites Moor-, Heide- und Sumpfland, das nur einmal durch das Dörfchen Aldersbury an der Grenze von Wiltshire unterbrochen wird. Unsre Pferde, von der kurzen Rast erfrischt, griffen tüchtig aus, und die rasche Bewegung, dazu der Sonnenschein und die tauige Schönheit des Morgens verscheuchten den Druck, der während des ganzen Nachtrittes, noch verschärft durch das Erlebnis mit dem ermordeten Reisenden, auf uns gelastet hatte, und erfüllten uns mit freudigem Lebensmut.

Wilde Enten, Rothälse, Schnepfen flatterten beim Hufschlag unsrer Pferde zu beiden Seiten der Straße auf, und einmal sprang ein ganzes Rudel Rotwild aus dem hohen Farnkraut hervor und eilte in raschen Sätzen in der Richtung auf den Wald hinweg. Als wir an einer dichten Baumgruppe vorbeikamen, sahen wir auch schattengleich ein großes weißes Tier halb verborgen von den Stämmen, das wahrscheinlich eins von den wilden Rindern war, dergleichen in den Schlupfwinkeln der südlichen Wälder noch jetzt vorkommen sollen, und welche, wie ich mir von den Bauern habe sagen lassen, so wild und unzähmbar sind, daß niemand sich ihnen zu nähern wagt.

Die weite Aussicht, die erquickliche Luft, die neue Empfindung, großen Thaten entgegenzugehen, all das vereint durchströmte meine Adern mit einer lebendigen Glut, wie mein stilles Dörflerdasein sie nie in mir hatte entzünden können. Mein erfahrener Gefährte fühlte den Einfluß auch, denn er erhob seine blecherne Stimme und begann einen eintönigen Gesang, der, wie er behauptete, eine orientalische Ode sei, die ihm die jüngste Schwester des Hospodars der Wallachei gelehrt habe.

»Was Monmouth angeht,« bemerkte er, indem er plötzlich wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte, »so ist es doch unwahrscheinlich, daß er schon zu Felde ziehen kann, ehe nicht einige Tage ins Land gegangen sind, wenn auch viel davon abhängt, daß er schnell losschlägt und so den Mut seiner Anhänger belebt, ehe des Königs Heer ihm entgegentreten kann. Wohlgemerkt, er hat nicht nur selbst ein Heer zu sammeln, sondern es auch noch mit Waffen zu versorgen, was wahrscheinlich das Schwierigere sein wird. Angenommen, er kann fünftausend Mann aufbringen – und mit weniger kann er nicht losschlagen – so wird vielleicht der fünfte Mann ein Feuergewehr haben, und die übrigen müssen sich mit Piken und Äxten, oder was sie eben an Waffen finden können, behelfen. Dazu gehört aber Zeit, und wenn es auch hie und da ein Geplänkel gibt, ein wirklich ernstes Gefecht kann kaum stattfinden, ehe wir ankommen.«

»Er wird schon, drei bis vier Tage an Land sein, ehe wir ihn erreichen,« sagte ich.

»Da hat er knapp Zeit, mit seinem kleinen Offizierstab seine Leute zu mustern und sie in Regimenter zu teilen. Ich glaube kaum, daß wir ihn in Taunton finden werden, obgleich wir dahin gewiesen sind. Hast mal gehört, ob's da herum reiche Papisten gibt?«

»Das weiß ich nicht,« entgegnete ich.

»In dem Falle gäbe es da Silbergeschirr zu erbeuten, nicht zu vergessen Miladys Schmucksachen und derlei Kleinigkeiten, womit sich ein getreuer Soldat belohnt machen könnte. Was wäre der Krieg ohne Beute! Eine Flasche ohne Wein – eine Schale ohne Auster! Sieh, da guckt ein Haus durch die Bäume! Ich wollte wetten, da drin sind gute Sachen im Überfluß vorhanden und leicht durch eine Bitte gewonnen, wenn man mit dem Schwert in der Faust bäte. Ihr seid mein Zeuge, daß Euer Vater mir das Pferd geschenkt, nicht bloß geliehen hat.«

»Weshalb sagt Ihr das jetzt?«

»Falls er nämlich die Hälfte meiner zu erwartenden Beute beanspruchen sollte. Was sagt mein gelehrter Flamänder unter der Überschrift: ›an qui militi equum praebuit, praedae ab eo captae particeps esse debeat?‹ Das bedeutet: ob der, welcher ein Pferd herleihet, Anspruch hat auf die Beute dessen, der sich's borgt? In dieser Abhandlung führt er einen Fall an, worin ein spanischer Feldhauptmann einem seiner Unterhauptleute ein Roß geliehen hatte, und besagter Hauptmann den feindlichen Feldherrn gefangen nahm. Da forderte der Oberbefehlshaber von ihm die Hälfte der zwanzigtausend Kronen, die das Lösegeld des Gefangenen ausmachten. Einen ähnlichen Fall erwähnt der bekannte Petrinus Bellus in seinem Buche: ›De Re Militari‹ (über Militärangelegenheiten), das höhere Offiziere viel lesen.«

»Ich kann Euch versprechen,« antwortete ich, »daß ein solcher Anspruch von meinem Vater nie erhoben werden wird. Seht, wie dort über dem Hügelrücken die Sonne den hohen Kirchturm bescheint, der mit seinem steinernen Riesenfinger aufwärts weist, da hinan, wohin wir Menschen allesamt zu wandeln haben!«

»In solchen Kirchen gibt's gemeinhin einen stattlichen Vorrat an barem Silber und Silbergeschirr,« bemerkte mein Begleiter. »Ich weiß noch, wie ich meinen ersten Feldzug mitmachte, da nahm ich mir in Leipzig einen Leuchter, den ich gezwungen war, einem jüdischen Makler für den vierten Teil seines Wertes zu verkaufen. Trotzdem genügte der Preis, um meinen Habersack ganz anständig mit Dublonen zu spicken.«

Saxons Gaul war eben, während sein Herr so eifrig redete, dem meinigen um ein paar Schritt zuvorgekommen, und ich konnte ihn daher gut betrachten, ohne den Kopf zu wenden. Während unsres Rittes war es meist noch zu dunkel gewesen, um deutlich zu sehen, wie ihm sein Harnisch stand. Jetzt fiel mir plötzlich die Veränderung auf, die dadurch mit dem Manne vorgegangen war. In seiner bürgerlichen Tracht gab ihm die schlotterige Länge seiner dünnen Gliedmaßen ein unbeholfenes Aussehen, aber jetzt wo sein mageres, wildes Gesicht aus dem Stahlhelm hervorschaute, Lederwams und Küraß seinem Körper Stattlichkeit und Fülle liehen, seine bis zur Mitte des Schenkels reichenden ungegerbten Lederstiefel seine Beine umschlossen, da sah er wirklich dem Kriegsveteranen gleich, der zu sein er behauptete. Die Leichtigkeit, womit er zu Pferde saß, der freie, kühne Ausdruck seines Gesichts und die auffallende Länge seiner Arme, das alles bezeichnete ihn als einen Krieger, der in einem Handgemenge seinen Mann stellen würde. In seine bloßen Worte würde ich nur geringes Vertrauen gesetzt haben, aber in seiner ganzen Haltung lag etwas, das auch einem Neuling, wie ich es war, die Überzeugung einflößte, daß dies in der That ein bewährter Soldat sein mußte.

»Das ist der Avon, der da zwischen den Bäumen glitzert,« bemerkte ich. »Wir haben noch etwa drei Meilen bis Salisbury.«

»Es ist ein stattlicher Spitzturm,« sagte Decimus Saxon und blickte auf den großen schlanken Steinbau, der vor uns emporragte. »Es kommt mir manchmal vor, als ob die Menschen früher ihr Leben damit zugebracht hätten, Stein auf Stein zu häufen. Trotzdem lesen wir von heißen Schlachten und strammen Hieben, die sie zu schlagen verstanden, und das beweist, daß sie für kriegerische Erholung Zeit gehabt, und nicht bloß Maurerarbeit getrieben haben.«

»Die Kirche war dazumal sehr reich,« antwortete ich und lockerte meinen Zügel, denn Covenant begann Zeichen von Trägheit von sich zu geben. »Hier kommt aber einer, der uns vielleicht etwas vom Kriegsschauplatz erzählen kann.«

Ein Reiter, der alle Anzeichen eines langen, angestrengten Rittes an sich trug, näherte sich uns rasch. Mann und Roß waren staubbedeckt und schmutzbespritzt, dennoch sprengte er mit verhängtem Zügel und gebeugtem Oberleib im Galopp daher, wie jemand, dem jede Minute kostbar ist.

»Halt da, Freund!« rief Saxon und warf sein Pferd so herum, daß er dem Manne den Weg versperrte. »Was gibt's Neues vom Westen!«

»Ich darf mich nicht aufhalten,« keuchte der Bote und zog einen Augenblick die Zügel an. »Ich trage wichtige Papiere bei mir von Gregor Alford, Bürgermeister von Lyme, an Sr. Majestät Staatsrat. Die Rebellen mehren sich gewaltig, sie sammeln sich, wie die Bienen in der Schwarmzeit. Schon sind mehrere tausend unter Waffen, und ganz Devonshire ist unterwegs. Die Reiterei der Rebellen unter Lord Grey ist zwar von der roten Dorseter Miliz zurückgeworfen, allein es wird nicht lange dauern, so ist jeder spitzohrige Whig vom Kanal bis an den Severn auf dem Wege zu Monmouth.«

Mit diesem summarischen Bericht sprengte er in einer dichten Staubwolke an uns vorüber, um seine Botschaft auszurichten.

»Also jetzt ist die Brühe wirklich auf dem Feuer,« sagte Decimus Saxon, während wir weiter ritten. »Nun ihnen erst einmal die Haut geritzt ist, müssen sie blank ziehn und die Scheide wegwerfen. Entweder sie siegen jetzt, oder sie bekommen ein zappeliges Quartier in jedem Marktflecken der Grafschaft. Na, Bursch, was sagst nu? Wir wagen ein hohes Spiel, aber um hohen Preis, nicht?«

»Habt Ihr wohl gehört, daß Lord Grey zurückgedrängt ist?« fragte ich.

»Pah! Das hat nichts zu sagen. Ein Reiterscharmützel – weiter nichts; denn es ist unmöglich, daß Monmouth seine Hauptmacht nach Bridport geführt haben sollte; und selbst wenn er es gekonnt, würde er es doch nicht gethan haben, denn es liegt gar nicht auf seiner Marschroute. Es war jedenfalls einer von den Zusammenstößen, wo drei Schuß abgefeuert, ein paarmal herum galoppiert wird – dann laufen beide Teile davon, und jeder will gesiegt haben. Aber hier sind wir in den Straßen von Salisbury. Jetzt laßt mich reden, sonst könnte Eure querköpfige Wahrheitsliebe uns am Ende noch vor der Zeit lahm legen.«

Wir ritten die breite Hauptstraße entlang, stiegen vor dem Wirtshaus »Zum Blauen Eber« ab und übergaben unsre müden Pferde dem Stallknecht, dem Saxon mit lauter Stimme und manchem derben Soldatenfluch genaue Anweisungen über ihre Behandlung gab. Darauf schritt er spornklirrend in die Gaststube, warf sich in einen Stuhl, seine Beine auf einen andern, beorderte den Wirt vor sich und setzte ihm unsre Bedürfnisse auseinander und zwar in einem Ton und mit einem Wesen, das dem Manne den schuldigen Begriff von unserm hohen Stande beibringen sollte.

»Von Eurem Besten, und zwar sofort!« kommandierte er. »Macht Euer größtes Zimmer zu zwei Betten zurecht, dazu die weichsten, lavendelduftigen Decken, denn wir haben einen weiten Ritt hinter uns und müssen ausruhen. Und noch eins, Herr Wirt, daß Ihr uns keine alte muffige Ware für frische anschmiert, oder solche wässerige französische Weine anstatt des echten Hennegauer Gewächses. Und laßt's Euch gesagt sein, mein Freund hier und ich sind Männer, die in der Welt was gelten, obgleich wir nicht jedem gemeinen Kerl unsre Namen auf die Nase binden! Bedient uns gut, oder es dürfte Euch schlecht bekommen.«

Diese Rede, und dazu meines Gefährten hochfahrendes Wesen und grimmes Antlitz machten solchen Eindruck auf den Wirt, daß er uns auf der Stelle ein Frühstück hereinschickte, das für drei Offiziere der blauen Garde hergerichtet war, die im Nebenzimmer darauf warteten. Sie mußten infolge dessen noch eine halbe Stunde länger fasten. Während wir ihren Kapaun nebst Wildpretpastete verzehrten, konnten wir durch die Bretterwand hören, wie sie fluchten und wetterten.

Nachdem wir uns satt gegessen und unser Mahl mit einer Flasche Burgunder hinabgespült hatten, suchten wir unser Zimmer auf, streckten unsre müden Glieder in die weichen Betten und waren bald fest eingeschlafen.

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