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Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 7
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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VI.

Der Brief aus den Niederlanden.

Am nächsten Morgen stand ich zeitig auf und begab mich sofort nach ländlicher Sitte in das Zimmer unsres Gastes, um zu sehen, ob ich ihm irgend wie zur Hand gehen könne. Als ich die Thür öffnen wollte, gewahrte ich, daß sie meinem Druck nicht nachgab, was mich um so mehr überraschte, als ich wußte, daß sie von innen weder Schlüssel noch Riegel hatte. Als ich mich indessen dagegen stemmte, begann sie nachzugeben, und ich konnte nun sehen, daß eine schwere Truhe, welche sonst neben dem Fenster stand, an die Thür gerückt war, um den Eintritt zu verhindern. Diese Vorsichtsmaßregel des Fremden unter meines Vaters Dach, als sei er in einer Räuberhöhle, erzürnte mich. Ich gab der Thür mit meiner Schulter einen Stoß, der die Truhe beiseite schob und mir den Eintritt gestattete.

Saxon saß aufrecht in seinem Bette und blickte stieren Auges umher, als sei er im Augenblick nicht recht sicher, wo er sich befände. Er hatte sich ein weißes Tuch als Nachtmütze um den Kopf gebunden, und sein häßliches, grobes, glattrasiertes Gesicht, das daraus hervorsah, zusamt seiner knochigen Gestalt, gab ihm eine greuliche Ähnlichkeit mit einem riesigen alten Weibe.

Die Branntweinflasche stand leer neben seinem Bett. Offenbar hatten sich seine Befürchtungen verwirklicht, und er hatte einen Anfall des persischen Frostfiebers gehabt.

»Aha, mein junger Freund!« sagte er endlich. »Ist es denn hier zu Lande Sitte, das Zimmer eines Gastes mit Sturm oder Eskalado am frühen Morgen zu nehmen?«

»Wo ist es denn Sitte,« antwortete ich streng, »die Thür zu verbarrikadieren, wenn man unterm Dachfirst eines ehrlichen Mannes schläft? Was habt Ihr denn gefürchtet, daß Ihr solche Vorsichtsmaßregeln traft?«

»Ei, ei, Ihr seid wahrlich ein Sprühteufel,« erwiderte er, sank in die Kissen zurück und wickelte sich in seine Decken, »ein Feuerkopf, wie die Deutschen sagen, oder ein Tollkopf, welches wörtlich den Kopf eines Verrückten bedeutet. Euer Vater, hab' ich mir sagen lassen, soll ein starker, zornmütiger Mann gewesen sein, als noch das jugendliche Blut durch seine Adern rann; aber ich sollte meinen, Ihr gebt ihm nichts nach. Wisset denn, daß der Träger wichtiger Papiere – documenta preciosa sed periculosa, – verpflichtet ist, nichts dem Zufall zu überlassen, sondern das ihm anvertraute Gut auf jegliche erdenkbare Weise zu hüten. Es ist wahr, ich bin im Hause eines ehrlichen Mannes, aber ich weiß nicht, wer darin während der Nachtstunden hereinkommen oder herausgehen mag. Überhaupt, was das anbetrifft – doch ich sagte schon genug. Ich werde sogleich hinunter kommen.«

»Eure Kleider sind trocken und stehen Euch zur Verfügung,« bemerkte ich.

»Schön, schön!« erwiderte er. »Ich habe aber durchaus nichts gegen den Anzug, den Euer Vater mir geliehen hat, einzuwenden. Kann sein, ich bin's besser gewohnt gewesen, aber er ist ganz ausreichend. Das Feldlager ist eben kein Hoflager.«

Ohne Frage war meines Vaters Anzug, was den Stoff und was das Gewebe anbetraf, tausendmal besser, als der, den unser Gast mitgebracht hatte. Da er indes den Kopf wieder ganz unter das Deckbett gezogen hatte, ließ sich nichts mehr darüber sagen. Ich begab mich also die Treppe hinab in das Wohnzimmer, wo ich meinen Vater fand. Er war emsig damit beschäftigt, ein neues Degengehenk an seinem Schwertgurt zu befestigen. Meine Mutter und das Mädchen bereiteten die Morgenmahlzeit.

»Komm mit in den Hof, Micha,« hub mein Vater an, »ich habe mit dir zu sprechen.«

Die Leute waren noch nicht zur Arbeit gekommen. So schlenderten wir denn hinaus in die milde frische Morgenluft und setzten uns auf eine niedrige Steinplatte, auf der die Häute geglättet wurden.

»Ich war heute früh schon hier draußen und versuchte mich im Schwertfechten,« sagte er; »zwar scheint mir, daß ich noch immer auf Stich behende genug bin, aber beim Hieb doch schon jämmerlich steif. Im Notfall wäre ich vielleicht noch von Nutzen, aber ach! ich bin nicht mehr derselbe Fechter, der den linken Zug der ersten Schwadron des schönsten Reiterregiments führte, das jemals der Trommel gefolgt ist. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen! Jedennoch, wenn ich selbst alt und gebrechlich geworden bin, so ist hier die Frucht meiner Lenden, um an meine Stelle zu treten und dasselbe Schwert zu schwingen für dieselbe gute Sache. Du, Micha, sollst hinziehen an meiner Statt.«

»Hinziehn, Vater! Wohin?«

»Sei still, Junge, hör mich an! Laß dir vor der Mutter nichts merken, denn Weiberherzen sind weich. Als Abraham seinen Erstgebornen opfern sollte, da hat er sicherlich vorher mit Sara nicht viel davon gesprochen. Hier ist der Brief. Weißt du, wer dieser Dick Rumbold ist?«

»Gewiß, ich habe dich von ihm, als von einem alten Kameraden sprechen hören.«

»Das war er – ein treuer zuverlässiger Mensch. Er war so getreu – getreu bis zum Tod – daß er, als das Heer der Gerechten sich auflöste, seinen Eifer nicht mit seinem Lederkoller abthat. Er legte eine Brauerei in Hoddesdon an, und in seinem Hause wurde das bekannte Rye-House-KomplottSo genannt nach einem Vergnügungsort der Londoner, mit Resten eines alten Turmes, in welchem sich 1683 die Verschwörer versammeln sollten, deren Absicht es war, Karl II. und seinen Bruder Jakob zu ermorden. Das Komplott wurde aber entdeckt und die vornehmsten Verschwörer hingerichtet. geplant, in das so viele wackre Männer verwickelt waren.«

»War das aber nicht eine schändliche, mörderische Verschwörung?« fragte ich.

»Nein, nein, laß dir nichts einreden! Es ist eine elende Erfindung der Malignants,So nannten die Puritaner die Königlich Gesinnten zu Cromwells Zeit. daß diese Männer einen Mord im Sinne hatten. Was sie thun wollten, das sollte bei hellem Tage geschehen, dreißig gegen fünfzig der königlichen Leibwache, wenn Karl und Jakob den Weg nach Newmarket entlang kämen. Wenn dabei eine Pistolenkugel oder ein Schwertstich die königlichen Brüder traf, so wäre es immer im offnen Kampfe und mit Lebensgefahr ihrer Angreifer geschehen. Es war, wie du mir so ich dir, – und kein Mord.«

Er hielt inne und sah mich fragend an; aber ich konnte nicht wahrheitsgemäß sagen, daß ich mit ihm übereinstimmte. Ein Angriff auf das Leben argloser, unbewaffneter Männer, selbst wenn sie von einer Leibgarde umgeben waren, ließ sich meiner Auffassung nach nicht rechtfertigen.

»Als die Verschwörung mißlang,« fuhr mein Vater fort, »mußte Rumbold fliehen, um sein Leben zu retten. Es gelang ihm auch seinen Verfolgern zu entrinnen und nach den Niederlanden zu entkommen. Dort traf er eine große Zahl von Feinden der Regierung, die fest zusammenhielten. Durch wiederholte Botschaften aus England, vor allem aus den westlichen Grafschaften und aus London, wurde ihm versichert, daß im Fall eines Invasionsversuchs Geld und Mannschaft nicht fehlen würde. Sie waren aber lange um einen Anführer verlegen, dessen Name zur Durchführung eines so weitreichenden Planes hinlängliches Gewicht gehabt hätte. Jetzt endlich ist er gefunden, und zwar der allerbeste, den man sich nur wünschen kann – niemand anders als der vielgeliebte protestantische Heerführer, James Herzog von Monmouth, der Sohn Karls II.«

»Der natürliche Sohn,« warf ich ein.

»Kann sein – kann auch nicht sein. Es gibt Leute, die versichern, Lucy Walters sei seine rechtmäßig angetraute Ehefrau gewesen. Aber Bastard oder nicht Bastard, er bekennt sich jedenfalls zu den rechtgläubigen Lehrsätzen der wahren Kirche und wird vom Volk geliebt. Laß ihn im Westen erscheinen, und die Soldaten werden aus der Erde wachsen, wie die Blumen im Lenz.«

Er hielt inne und führte mich nach dem andern Ende des Hofes, denn schon kamen die Arbeiter herbei und versammelten sich um den Trog zum Einweichen der Felle.

»Monmouth kommt also herüber,« fuhr der Vater fort, »und erwartet, daß jeder treue Protestant zu seiner Fahne stoße. Der Herzog von Argyle wird eine besondere Expedition befehligen, die die schottischen Hochlande zum Aufstand entflammen soll. So, von beiden Seiten bedroht, hoffen sie den Verfolger der Gläubigen auf die Knie zu zwingen. Aber ich höre Saxons Stimme, und er darf mir keine Unhöflichkeit vorwerfen. Hier ist der Brief, Junge. Lies ihn sorgfältig durch und erinnere dich, daß wenn tapfre Männer für ihre Rechte kämpfen, das alte Rebellenhaus Clarke nicht dahinten bleiben darf.«

Ich nahm den Brief, wanderte in die heckenumzäunten Grasgärten, setzte mich unter einen weitschattenden Baum und machte mich ans Lesen.

Dies vergilbte Blatt, das ich jetzt in meiner Hand hatte, ist dasselbe, welches Decimus Saxon mitgebracht hatte, und das ich an jenem lichten Maimorgen unter dem Schatten des blühenden Weißdorns las. Es lautete also:

»An meinen Freund und Waffengefährten in der Sache des Herrn, Joseph Clarke.

»Wisse, Freund, daß Hilfe und Errettung dem Volke Israel nahe ist. Der böse König und alle, die ihm anhangen, sollen aufs Haupt geschlagen und gänzlich niedergeworfen werden, bis ihre Stätte im Lande sie nicht mehr kennet. Eile also und gib Zeugnis von deinem Glauben, auf daß er nicht untüchtig erfunden werde am Tage der Trübsal.

»Es hat sich von Zeit zu Zeit begeben, daß manche Glieder der leidenden Kirche aus unserm Lande und auch von den Schotten sich hier in der lutherischen Stadt Amsterdam zusammengefunden haben, bis jetzt nun so viele versammelt sind, daß man wohl ein gutes Werk unternehmen kann. Von unsern besondern Landsleuten sind Mylord Grey von Wart, Wade, Dare von Taunton, Ayloffe, Holmes, Hollis, Goodeough und andre, von denen du noch hören sollst. Von den Schotten haben wir den Herzog von Argyle, der um den CovenantBündnis, das die schottischen Presbyterianer zum Schutz ihres Glaubens und ihrer Kirchenverfassung schlossen. Die Mitglieder hießen Covenanters. hat schmerzlich leiden müssen, Sir Patrick Hume, Fletcher von Saltoun, Sir John Cochrane, Dr. Ferguson, Major Elphinstone und andre. Gern möchten wir noch Locke und den alten Heinz Ludlow hinzufügen, allein sie sind wie die Gemeinde von Laodicea, weder kalt noch warm.

»Nun hat es sich aber begeben, daß Monmouth, der lange Zeit der Tändelei mit dem midianitischen Weibe, der Wentworth, obgelegen, sich jetzt endlich höheren Dingen zugewendet und eingewilligt hat, um die Krone zu werben. Es erwies sich indessen, daß die Schotten am liebsten einem ihrer eignen Häuptlinge folgen wollten. Darum ist beschlossen worden, daß Argyle – Mac Callum More, wie ihn die barschenkligen Wilden in Inverary nennen – eine besondere Expedition befehligen und an der Westküste von Schottland landen soll. Dort hofft er fünftausend Campbelts mobil machen und sich mit den Covenanters und den Whigs im Westen verbinden zu können. Das sind Männer, die Kerntruppen abgeben würden, wenn sie nur gottesfürchtige Offiziere bekommen, die in Kriegsläuften und Kriegsbräuchen Erfahrung hätten. Mit solch einer Gefolgschaft würde er wohl im stande sein, Glasgow zu halten und die Streitkräfte des Königs nach dem Norden abzulenken. Ayloffe und ich begleiten Argyle. Wahrscheinlich werden wir schon schottischen Boden betreten haben, ehe deine Augen diese Worte lesen.

»Die stärkere Expedition bricht mit Monmouth auf und landet an irgend einem günstigen Platz im Westen, wo wir sicher sind, viele Freunde zu haben. Ich kann den Ort nicht nennen, weil dieser Brief doch in die unrechten Hände kommen könnte, aber du sollst es in Bälde erfahren. Ich habe an alle Guten und Getreuen längs der Küste geschrieben und sie geheißen, sich bereit zu halten, den Aufstand zu unterstützen. Der König ist ein Schwächling und dem größten Teil seiner Unterthanen verhaßt. Es braucht nur einen tüchtigen Schlag, und seine Krone liegt im Staube. Monmouth wird in wenigen Wochen aufbrechen, sobald er vollauf gerüstet und das Wetter günstig ist. Wenn du kommen kannst, mein alter Kamerad, so weiß ich wohl, daß es keiner Bitte meinerseits bedarf, um dich unserm Banner zuzuführen. Sollte aber ein friedliches Leben und schwindende Kraft dich daran hindern, so bin ich doch gewiß, du wirst im Gebet für uns ringen, wie einst in alter Zeit der heilige Prophet des Volkes Gottes.

»Vielleicht – da, wie ich höre, du an Gütern dieser Welt zugenommen hast – wärest du im stande, einen oder zwei Pikenträger auszurüsten, oder eine Gabe in die Kriegskasse zu senden, die nicht gerade sonderlich voll sein wird. Wir trauen nicht auf Gold, sondern auf Eisen und auf unsre gute Sache, dennoch und trotzdem wird Gold willkommen sein. Sollen wir fallen, so fallen wir als Männer und Christen. Siegen wir, dann wird sich zeigen, wie der meineidige Jakob, der Verfolger der Heiligen, dessen Herz hart ist, wie ein Mühlstein, der Mann, der gelächelt hat, als in Edinburgh den Gläubigen die Daumen aus den Gelenken gerissen wurden – es wird sich zeigen, wie er die Widerwärtigkeit erträgt, wenn die Reihe an ihn kommt. Möge die Hand des Allmächtigen uns schirmen!

»Ich weiß wenig von dem Überbringer dieses Briefes, außer daß er sich zu den Auserwählten bekennt. Solltest du dich Monmouth anschließen, so sieh, daß du ihn mit dir nimmst, denn er hat, wie ich höre, in den deutschen, schwedischen und Türkenkriegen reiche Erfahrungen gesammelt.

Der deinige in Christo
Richard Rumbold.«

»Vermelde deiner Frau Eheliebsten meinen respektvollen Gruß und sage ihr, sie solle II. Timotheum am zweiten vom neunten bis zum fünfzehnten Verse lesen.«

Diesen langen Brief las ich sehr sorgfältig durch, steckte ihn in die Tasche und ging ins Haus zurück zum Frühstück. Mein Vater sah mich mit fragendem Blicke an, als ich eintrat, aber ich konnte denselben nicht zustimmend erwidern. Eine Wolke lag über meiner Seele. Ich sah meinen Weg noch nicht klar vor mir.

Noch am selben Tage verließ uns Decimus Saxon, um durch das Land zu ziehen und seine Briefe abzugeben. Er versprach aber, binnen kurzem wieder da zu sein. Ehe er ging, ereignete sich noch ein unbedeutender Unfall. Wir sprachen gerade miteinander von seiner Reise; mein jüngerer Bruder Hosea aber hatte das Pulverhorn meines Vaters in die Hände gekriegt und spielte damit. Auf einmal explodierte dasselbe und bedeckte die ganzen Wände mit Metallscherben. Der Knall war so unerwartet, und laut, daß sowohl mein Vater wie ich aufsprangen; doch Saxon, der meinem Bruder den Rücken kehrte, blieb breitspurig in seinem Stuhle sitzen, ohne sich auch nur umzusehen, ja ohne auch nur mit einer Miene in seinem verwitterten Gesichte zu zucken. Glücklicherweise war niemand verwundet, nicht einmal Hosea, aber der kleine Vorfall flößte mir eine höhere Meinung von unserm neuen Bekannten ein.

Als er die Dorfstraße hinunterschritt, erregten seine hohe nervige Gestalt und sein wunderlich knurriges Gesicht, dazu Vaters mit Silberschnur verbrämter Hut, den er tief in die Augen hinabgedrückt hatte, eigentlich mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb war, in Rücksicht auf die Wichtigkeit der Botschaft, die er trug, und die Unvermeidlichkeit ihrer Entdeckung, wenn er als Landstreicher angehalten werden sollte. Glücklicherweise ging die Neugier der Landleute aber nur so weit, daß sie gruppenweise an den Fenstern und vor den Thüren standen und ihm mit großen Augen nachstarrten, während er, offenbar vergnügt über die Aufmerksamkeit, die er erregte, mit hochgetragenem Kopfe einherstolzierte und dazu einen Knotenstock von mir zwischen den Fingern zwirbelte.

Daheim hatte er alle Herzen erobert. Meines Vaters Wohlwollen hatte er durch seine zur Schau getragene Frömmigkeit und durch die Opfer, die er für den Glauben gebracht haben wollte, gewonnen. Meiner Mutter hatte er gezeigt, wie die Serben ihre gefältelten Brusttücher tragen, und ihr eine neue Weise Ringelblumen zu trocknen gelehrt, die in manchen Gegenden Litauens üblich ist. Ich selbst behielt ein unbestimmtes Mißtrauen gegen den Mann und war entschlossen, ihm so wenig Glauben zu schenken wie möglich. Für jetzt freilich blieb uns nichts andres übrig, als in ihm den Abgesandten unsrer Freunde zu ehren.

Und ich? Was sollte ich thun? Sollte ich meines Vaters Wunsch folgen und mein jungfräuliches Schwert für die Sache der Aufständigen ziehen, oder sollte ich abseits stehen und warten, wie die Ereignisse verlaufen würden? Es schickte sich selbstverständlich für mich besser, als für den Vater, zu Felde zu liegen. Andrerseits lag mir leidenschaftlicher religiöser Eifer ganz fern. Papismus oder bischöflich-evangelische Kirche oder Dissentertum – jedes hatte meiner Ansicht nach sein Gutes für sich, und keines von ihnen hielt ich so hoch, um dafür Menschenblut zu vergießen. Jakob mochte immerhin ein Meineidiger und ein Schurke sein; meiner Überzeugung nach war er der rechtmäßige König von England, und kein Märchen vom schwarzen Kästchen und heimlicher Heirat konnte die Thatsache ändern, daß sein Nebenbuhler augenscheinlich ein natürlicher Sohn und als solcher nicht thronfähig war. Wer durfte darüber entscheiden, welche böse That des Monarchen sein Volk berechtigte, ihn beiseite zu schieben? Wer war in einem solchen Falle Richter? Doch anderseits, der Mann hatte anerkanntermaßen seine aus freier Entschließung geleisteten Eide gebrochen, – das mußte seine Unterthanen auch von den ihrigen lösen. Es war nicht leicht für einen unerfahrenen Bauernburschen, über eine so schwerwiegende Frage mit sich ins Reine zu kommen, und entschieden mußte sie doch werden und das schnell. Ich nahm meinen Hut, schlenderte die Dorfstraße entlang und wälzte die Angelegenheit in meinem Kopf herum.

Allein ein Gang durch unsern Flecken war dem ernsthaften Nachdenken nicht eben förderlich. Wie es zuging, lieben Kinder, kann ich nicht recht sagen, aber ich war bei jung und alt beliebt und konnte nicht zehn Schritte gehen, ohne gegrüßt und angeredet zu werden. Meine eignen Brüder rannten hinter mir drein, Bäcker Mitfords Kinder zupften mich an den Rockschößen, und die beiden Töchterchen des Mühlbauern hingen sich mir jede an eine Hand. Als ich die kleine Gesellschaft endlich los war, da kam die Muhme Fullarton ans Fenster, die hatte mir eine traurige Geschichte zu erzählen, wie ihr der Schleifstein aus dem Gestell gefallen wäre und weder sie noch ihre Leute ihn wieder hineinheben könnten. Ich brachte das Ding mit Leichtigkeit in Ordnung und ging weiter. Am Schild mit der Weizengarbe kam ich aber nicht ohne weiteres vorbei. John Lockarby, Rubens Vater, stürzte auf mich los und nötigte mich hereinzukommen, um einen Frühschoppen mit ihm zu trinken.

»Das beste Glas Meth weit und breit, und unter meinem eignen Dache gebraut,« sagte er stolz, während er es abzapfte. »Ei zum Daus, Micha, ein Mann von Eurer Statur kann einen ordentlichen Vorrat Malz beherbergen!«

»Und solch Malz wie dieses ist wert in solcher Statur beherbergt zu werden,« sagte Ruben, der mit den Flaschen beschäftigt war.

»Wie findet Ihr das, Micha?« sagte der Wirt. »Kommt da gestern morgen der Squire von Wilton 'rüber mit Hans Fernelay von Bankside, und die beiden behaupten, daß in Fareham ein Mann sei, der sich erboten habe, Euch dreimal im Ringen zu werfen, und Euch für einen guten runden Einsatz Euren Griff abzulauern.«

»Ei, nicht doch,« antwortete ich. »Ihr wollt mich doch nicht zum Klopffechter machen, der der ganzen Umgegend die Zähne weist? Was liegt daran, ob der Mann mich wirft, oder ich ihn?«

»Was dran liegt? Ei, die Ehre von Havant,« entgegnete er wichtig. »Ist das nichts? Aber Ihr habt recht,« fuhr er fort und leerte sein Glas. »Was kann einem Manne wie Euch an unserm stillen Landleben und seinen winzigen Erfolgen liegen? Ihr seid hier ebensowenig am Platz, wie ein Wein von der Auslese bei einem Erntefestmahl. Für einen Mann Eures Kalibers ist das ganze weite England, und nicht die Straße von Havant die rechte Bühne. Was habt Ihr mit Häuteklopfen und Ledergerben zu schaffen?«

»Mein Vater säh's am liebsten, du zögest als irrender Ritter in die Welt, Micha,« sagte Ruben lachend. »Da könntest du aber am Ende erleben, daß dir die Haut ausgeklopft und dein eignes Leder gegerbt würde.«

»Wer hat je in solchem kurzen Leibe so 'ne lange Zunge gesehn?« rief der Gastwirt. »Aber wahr und wahrhaftig, Micha, ich rede im vollen Ernst, wenn ich sage, daß Ihr wirklich Eure besten Jugendjahre hier vergeudet, derweil Euer Lebensquell hell funkelt und sprudelt, und daß Ihr es bedauern werdet, wenn Ihr erst einmal auf die schale Hefe des Alters gekommen seid.«

»Das sprach der Brauer,« sagte Ruben, »aber wirklich, Micha, mein Vater hat nicht so unrecht, trotz dem Wasser- und Hopfenvergleich, den er brauchte.«

»Ich will mir's überlegen,« entgegnete ich, und den lieben Freunden zunickend ging ich meines Wegs weiter.

Zacharias Palmer behobelte just ein Brett, als ich an seinem Hause vorüberkam. Er sah auf und bot mir einen guten Morgen.

»Ich habe ein Buch für dich, Junge,« sagte er.

»Ich habe Miltons ›Comus‹, den ihr mir neulich geliehen habt, noch nicht ganz ausgelesen,« erwiderte ich. »Aber was ist es denn für ein neues Buch, Väterchen?«

»Es ist von dem gelehrten Locke und handelt vom Staat und der Staatskunst. Es hat nur einen kleinen Umfang; wenn aber die darin enthaltene Weisheit ins Gewicht fiele, dürfte es manch eine Bibliothek aufwiegen. Du sollst es bekommen, sobald ich es aus habe, morgen oder übermorgen. Das ist ein rechter Kerl, der Meister Locke. Darum ist er eben auch ein armer Verbannter in den Niederlanden, weil er seine Kniee nicht beugen wollte vor dem, was wider sein Gewissen ist.«

»Es gibt viele gute Männer unter den Verbannten, nicht wahr?« schob ich ein.

»Die Erlesensten des ganzen Landes,« gab er zurück. »Übel steht es um das Land, das die edelsten und wackersten seiner Bürger ausstößt! Ich fürchte, der Tag ist nicht fern, da jedermann zwischen seinem Glauben und seiner Freiheit wählen muß. Ich bin ein alter Mann, Micha, aber es kann sein, daß ich doch noch seltsame Dinge in diesem einst protestantischen Reich erlebe.«

»Aber wenn diese Verbannten ihren Willen hätten,« warf ich ein, »so würden sie Monmouth auf den Thron setzen und die Thronfolge ungesetzmäßig abändern!«

»Keineswegs,« erwiderte der alte Zacharias und legte seinen Hobel nieder. »Wenn sie Monmouths Namen gebrauchen, so thun sie das nur, um ihre Sache zu stärken und um zu zeigen, daß sie einen hochgestellten Führer haben, der sich schon einen gewissen Ruf erworben hat. Würde Jakob vom Thron gestoßen, so hätte das Unterhaus seinen Nachfolger zu ernennen. Hinter Monmouth stehen Männer, die sich nicht rühren würden, wenn dem nicht so wäre.«

»Nun, Väterchen,« sagte ich, »da ich dir ganz vertrauen kann und du mir jedenfalls sagen wirst, was du wirklich denkst: hältst du es für recht, daß ich mitgehe, wenn Monmouth sein Banner in England aufpflanzt?«

Der Zimmermann strich sich den weißen Bart und überlegte. »Es ist eine gewichtige Frage,« sagte er endlich, »und dennoch scheint mir, daß es darauf nur eine Antwort gibt, vor allem für deines Vaters Sohn. Wenn der Regierung Jakobs jetzt ein Ende gemacht würde, so wäre es noch nicht zu spät, so könnte die Nation beim altevangelischen Glauben erhalten bleiben. Wenn man aber die Seuche um sich greifen läßt, so könnte später vielleicht selbst die Beseitigung des Tyrannen den schlimmen Samen nicht mehr am Aufsprießen hindern. Ich halte deshalb dafür, daß es die Pflicht eines jeden Mannes ist, der für Gewissensfreiheit eintritt, sich den Verbannten anzuschließen bei ihrem Kampfe um das höchste Gut. Und du, mein Sohn, der Stolz unsres Dorfes, welchen bessern Gebrauch kannst du von deiner Körperkraft machen, als sie in den Dienst des Vaterlandes zu stellen und dazu zu helfen, es von diesem unerträglichen Joche zu befreien? Das scheint ein hochverräterischer und gefährlicher Rat, der leicht an den Galgen und zum blutigen Tode führen könnte, aber so wahr der Herr lebt, wenn du mein eigen Kind wärest, ich würde dasselbe sagen.«

So sprach der alte Zimmermann. Seine Stimme zitterte vor tiefer Bewegung. Dann fuhr er fort, sein Brett zu bearbeiten; ich aber ging mit einigen dankbaren Worten meines Weges im ernsthaften Nachsinnen über das, was er mir gesagt hatte.

Ich war noch nicht weit gekommen, als die heisre Stimme Salomo Sprents mich meinen Grübeleien entriß.

»Hoi da! Ahoi!« brüllte er, obgleich sein Mund nur ein paar Schritte von meinem Ohre entfernt war. »Willst du mir durch die Klüsen gehen, ohne die Fahrt zu stoppen? Dreh bei, hörst du, dreh bei!«

»Ei, Kapitän!« sagte ich, »ich hab' Euch ja nicht gesehn. Ich war ganz in Gedanken!«

»Triebst vorm Wind ohne Ausguck?« lachte er und zwängte sich durch ein Loch in der Gartenhecke. »Potz Nigger, Mensch! Freunde gibt's nicht so scheffelweis, siehste, daß man so, ohne Flaggensenken wenigstens, an ihnen vorbeisegelt. Helf mir Gott, hätt' ich 'nen Böller da gehabt, ich hätt' dir eins über'n Bug gebrannt!«

»Nehmt's nicht übel, Kapitän,« sagte ich, denn der Veteran schien ein wenig verdrießlich; »ich habe heute morgen den Kopf sehr voll.«

»Na, ich auch, Maat,« erwiderte er mit sanfterer Stimme. »Was sagste zu meinem Takelwerk, was?«

Er drehte sich langsam um sich selbst, so daß ihn die Sonne von allen Seiten bescheinen konnte, und ich bemerkte, daß er sich ungewöhnlich sorgfältig gekleidet hatte. Sein blauer Tuchanzug war mit acht Reihen Knöpfen verziert, dazu hatte er Beinkleider vom selben Stoff und große Bandschleifen am Knie. Seine Weste war hellblau mit silbernen Ankern durchwirkt und mit fingerbreiter Spitze eingefaßt. Die Schäfte seiner Stiefel waren so weit, daß es aussah, als ständen seine Füße in ein Paar Eimern; an einem über die rechte Schulter geschlungenen Lederbandolier hing sein Hieber.

»Neu gefirnißt über und über,« sagte er und plinkte mir zu. »Karamba! Das alte Schiff ist noch wasserdicht! Was meinst dazu, wenn ich das Tau nach einem kleinen Floß auswürfe und es ins Schlepptau nähme?«

»Ein Floß?« fragte ich.

»Ein Floß! wofür hältst du mich? Ein Mädel, Junge, und ein so dralles kleines Fahrzeug, wie nur je eins in den Hafen der Ehe gesegelt ist.«

»Ich habe lange nichts gehört, was mich so gefreut hätte,« erwiderte ich; »ich habe ja gar nicht gewußt, daß Ihr verlobt waret. Wann soll denn die Hochzeit sein?«

»Sachte, Freund, sachte, und wirf das Senkblei aus. Du bist aus'm Fahrwasser und gerätst auf Untiefen. Hab' ich denn gesagt, ich wär' verlobt?«

»Was denn?« fragte ich.

»Jetzt will ich ja erst den Anker aufwinden, das Steuer richten und sie anrufen! Sieh mal, Junge,« fuhr er fort, zupfte an seiner Mütze und kratzte sich in den zerzausten Locken; »ich hab' mit Dirnen genug zu thun gehabt, von der Levante bis zu den Antillen – Dirnen, wie der Seemann sie antrifft: Schminke und Fuppsack von oben bis unten. Man braucht bloß eine Handgranate zu heben, dann senken sie gleich die Flagge. Dies Fahrzeug ist aber von anderm Kaliber, und wo ich nicht sorgfältig steure, so geht sie mir am Ende mang Wind und Wasser durch die Lappen, ehe ich noch in ihr Fahrwasser gekommen bin. Wie meinst? Soll ich mich keck langseits legen und sie mit der Handspeiche bearbeiten, oder soll ich im Bogen segeln und einen Frontangriff riskieren? Ich bin keine solche gestriegelte und geschniegelte Landratte, aber wenn sie willens wär', 'nen Maat bei sich einzunehmen – so wollt' ich in Wind und Wetter zu ihr stehn, so lang meine Planken zusammen halten.«

»Ich kann eigentlich bei so etwas keinen Rat geben,« sagte ich, »denn ich habe weniger Erfahrung als Ihr. Ich denke mir aber, an Eurer Stelle würde ich von der Leber weg zu ihr reden, wie ein ehrlicher Seemann schlicht und deutlich.«

»Freilich, freilich, sie kann hernach machen, wozu sie Lust hat. Phöbe Dawson ist's, des Grobschmieds Schwester. Komm, wir wollen rückwärts steuern und einen Tropfen Cognac zusammen trinken. Ich hab' eben ein ganzes Fäßchen frisch bekommen, von dem der König keinen Deut kriegt.«

»Nicht doch, das wollen wir lieber bleiben lassen,« antwortete ich.

»Ist das dein Ernst? Na, vielleicht hast recht! Kapp das Tau und setz die Segel bei, es geht los!«

»Aber mich geht das doch nichts an?«

»Nichts an? Nichts –« er war zu überwältigt, um mehr zu sagen, und konnte mich nur mit vorwurfsvollem Blick anstarren. »Da hab' ich doch mehr von dir gehalten, Micha. Willst du diesen abgetakelten alten Rumpf ins Gefecht gehn lassen und nicht mal eine Breitseite für ihn abfeuern?«

»Was wollt Ihr denn, daß ich thun soll?«

»Ei, du sollst mir so gelegentlich beispringen! Wenn ich zum Entern beidrehe, sollst du ihren Bug bestreichen. Wende ich nach Backbord, so liegst du steuerbords. Werde ich leck, so ziehst du ihr Feuer auf dich, bis ich das Loch verstopft habe. Mensch, du wirst mir doch nicht ausreißen?«

Des alten Seemanns Tropen- und Schiffsphrasen waren mir nicht immer verständlich, aber es wurde mir doch klar, daß er ganz darauf versessen war, ich solle ihn begleiten, welches ich ebenso fest entschlossen war, nicht zu thun. Endlich und nach viel verschwendeter Logik gelang es mir, ihm die Überzeugung beizubringen, daß meine Gegenwart mehr hinderlich als förderlich wirken und seinem Erfolge wahrscheinlich verhängnisvoll werden würde.

»So, so,« brummte er endlich, »an so 'nem Unternehmen hab' ich mich ja noch nie beteiligt. Wenn's denn mal so Brauch ist, daß einzelne Schiffe den Sturmangriff wagen, dann will ich sehn, wie ich's allein durchführe. Du sollst aber doch als Begleitschiff mitkommen und in Schußweite herum kreuzen. Ohne dich thu' ich keinen Schritt, und wenn ich angebohrt werde!«

Meine Gedanken waren ganz mit den Plänen meines Vaters und der Laufbahn, die sich mir aufthat, beschäftigt. Es blieb mir aber offenbar keine Wahl bei der Sache, mit der es der alte Salomo so furchtbar ernst nahm. Ich mußte alle eignen Pläne und Sorgen zurückdrängen und den Ausgang des Abenteuers mit ansehen.

»Über die Schwelle setze ich aber meinen Fuß nicht, hört Ihr, Salomo,« bemerkte ich.

»Ganz recht, Maat! Thu, was du willst. Wir müssen aber gegen Wind kreuzen. Sie paßt auf, denn gestern abend rief ich sie an und that ihr zu wissen, daß ich ihr um sieben Glas in der Morgenwache in die Flanke kommen würde.«

Während wir nun die Straße hinabschritten, dachte ich so bei mir, Phöbe müßte doch schon in Seemannsausdrücken recht bewandert sein, wenn ihr des Alten Absicht deutlich werden sollte. Er blieb plötzlich stehen und schlug mit beiden Händen an seine Hosentaschen.

»Donnerwetter!« rief er, »ich habe mein Pistol vergessen!«

»Wozu in Gottes Namen braucht Ihr ein Pistol?« fragte ich ganz verwirrt.

»Ei, zum Signalisieren,« gab er zurück. »Potz Blitz, daß ich das vergessen hab'! Wie soll denn das Begleitschiff wissen, was los ist, wenn das Flaggschiff keine Batterie führt? Wenn die Dirne mir gut ist, hätt' ich doch 'ne Kanone lösen können, damit du es gleich erfuhrst!«

»Na,« entgegnete ich, »wenn Ihr nicht wieder herauskommt, weiß ich doch, daß alles gut steht. Geht aber die Sache schief, so seh' ich Euch sicher bald wieder.«

»Freilich – oder halt! Ich will einen weißen Wimpel an der Stückpforte hissen. Ein weißer Wimpel bedeutet soviel als: Die Flagge ist gestrichen! Nombre de Dios, als ich noch Pulverjunge auf dem alten Schiff ›Lion‹ war, damals als wir mit dem ›Spiritus Sanctus‹ anbanden, der zwei Reihen Geschütze übereinander hatte – – es war das erste Mal, daß ich das Pfeifen einer Kugel hörte – – hat mir das Herz nicht so gehämmert wie heute. Was meinst – – sollen wir nicht lieber mit frischem Winde rückwärts steuern und an meinem Fäßchen aus Nantes vor Anker gehen?«

»Ja nicht, Kapitän! Führt's durch wie ein Mann!« sagte ich.

Wir waren mittlerweile an der epheuumrankten Hütte angekommen, hinter der die Dorfschmiede stand.

»Was, Salomo!« fügte ich hinzu, »kein englischer Seemann hat je einen Feind gefürchtet, ob mit oder ohne Unterrock!«

»Nein – – zum Henker – – niemals!« Salomo sprach's und warf sich stolz in die Brust. »Weder Don, Deuwel noch Holländer! Also los, und vorwärts!«

Mit diesen Worten schritt er in das Häuschen und ließ mich an der Gartenpforte stehen, halb belustigt und halb ärgerlich über diese Störung meiner Grübeleien.

Übrigens erwies es sich bald, daß der Seemann keinen sonderlichen Schwierigkeiten in seiner Werbung begegnet sein, und, um mit ihm zu reden, seine Prise ohne Zeitverlust gekapert haben mußte. Das Gebrumme seiner rauhen Stimme drang bis zu mir in den Garten, dazwischen ein schrilles Gelächter, das schließlich in ein kurzes Aufkreischen überging, was vermutlich den Augenblick des Enterns bezeichnete. Dann war ein Weilchen alles still. Endlich wehte ein weißes Taschentuch aus dem Fenster, und zwar war es Phöbe selbst, die es schwenkte. Sie war eine stramme, gutherzige Dirne, und ich freute mich von Herzen, daß der alte Seemann künftig jemand haben würde, der für ihn sorgte.

So war denn einer meiner guten Freunde fürs Leben versorgt. Ein zweiter gab mir zu bedenken, daß ich meine besten Jahre in unserm Flecken unnütz vergeudete. Der dritte und am höchsten Geschätzte riet mir offen, mich den Insurgenten anzuschließen, wenn die Gelegenheit dazu sich finden sollte. Weigerte ich mich, so kam über mich die Schmach, meinen alten Vater in den Krieg ziehen zu sehen, während ich daheim herumlotterte. Warum sollt' ich mich eigentlich auch weigern? War's nicht seit lange mein geheimer Herzenswunsch, etwas von der großen weiten Welt zu sehen? Und welche günstigere Gelegenheit konnte sich mir jemals bieten? Meine eignen Wünsche, der Rat meiner Freunde, die Hoffnungen meines Vaters, alles das wies mich nach derselben Richtung.

»Vater,« sagte ich, als ich heimkehrte, »ich bin bereit zu gehen, wohin du mich sendest.«

»Der Herr sei gepriesen!« sprach er feierlich, »Möge er über dein junges Leben wachen und dein Herz fest machen, daß es der guten Sache treu bleibe, die wahrlich seine Sache ist.«

So war denn der folgenschwere Entschluß gefaßt, meine lieben Enkel, und ich gehörte von da ab einer Partei an in dem großen nationalen Entscheidungskampfe.

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