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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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V.

Der Mann mit den gesenkten Augenlidern.

Mein Vater und meine Mutter saßen in ihren hochlehnigen Stühlen einander gegenüber zu beiden Seiten des leeren Kamins, als wir ankamen; er rauchte seine mit Orinokotabak gestopfte Abendpfeife, sie arbeitete an einer Stickerei. Sowie ich die Thür geöffnet hatte, eilte der Mann, den ich mitgebracht, mir schnellfüßig ins Zimmer voraus, verbeugte sich vor den beiden Alten, fing an, leichtfließende Entschuldigungen wegen der späten Stunde seines Besuches vorzubringen, und erläuterte die Art und Weise, in welcher wir ihn aufgelesen hatten. Ich konnte ein Lächeln nicht verbeißen, als ich das grenzenlose Erstaunen in meiner Mutter Gesicht bei seinem Anblick gewahr wurde. Der Verlust seiner hohen Reiterstiefel brachte ein Paar schier endloser spindeldürrer Beine zum Vorschein, die im lächerlichsten Kontrast zu den sackartigen, niederländischen Kniehosen standen, welche darüber sich aufbauschten. Seine Jacke war aus grobem, dunkelfarbigem Wollenrips mit flachen, vergoldeten Messingknöpfen besetzt; darunter kam eine weißliche, mit Silberband eingefaßte Weste aus gemustertem Atlas hervor. Um den Halsausschnitt seines Kollers lag nach holländischer Mode ein weiß herabfallender Kragen. Daraus schoß sein langer, sehniger Hals hervor, auf dem der runde, von kurzen Haarborsten bedeckte Kopf balancierte wie der Kohlkopf auf der Stange, nach dem wir an Jahrmarkttagen zu werfen pflegten. In diesem Aufzuge stand er mit den Augen blinzelnd da, denn der helle Schein der Kerzen blendete ihn nach der Finsternis draußen, und schnatterte seine Entschuldigungen her, die er mit so vielen Kratzfüßen und Verbeugungen begleitete, als wäre er Sir Peter Witling in der Komödie. Ich wollte ihm eben ins Zimmer folgen, als Ruben mich am Ärmel zurückhielt.

»Höre, Micha, ich komme nicht mit dir hinein,« sagte er, »wer weiß, was die Geschichte noch für schlimme Folgen haben kann. Mein Vater räsonniert ja wohl auch beim Bierkrug, aber trotzdem ist er ein treuer Anhänger der Kirche und schwört blindlings zu den Tories. Ich will lieber davon bleiben.«

»Du hast recht,« entgegnete ich. »Du brauchst dich gar nicht in die Sache zu mischen. Laß dir nichts über das, was du gehört und gesehn hast, entschlüpfen.«

»Bin stumm wie ein Fisch,« sagte er, drückte mir die Hand und verschwand im Dunkel.

Als ich in das Wohnzimmer trat, fand ich, daß meine Mutter bereits in die Küche geeilt war, wo das Knistern der Holzscheite uns verriet, daß sie Feuer anmachte. Decimus Saxon saß auf der Kante der eisenbeschlagenen Eichentruhe neben meinem Vater und beobachtete ihn scharf mit seinen kleinen, glitzernden Augen, während der Alte die Hornbrille aufsetzte und die Siegel des Päckchens brach, das sein seltsamer Gast ihm soeben überreicht hatte.

Ich sah, daß mein Vater leise pfeifend die Luft durch die Zähne zog, als er einen Blick auf die Unterschrift des langen, eingeschriebenen Briefes warf. Danach saß er eine ganze Weile bewegungslos da und starrte auf die Schrift. Endlich fing er an zu lesen – langsam und sorgfältig. Als er zu Ende war, wandte er das Blatt und las das Schreiben noch einmal. Augenscheinlich enthielt der Brief keine unwillkommene Botschaft, denn als er aufblickte, funkelten seine Augen vor Freude, und mehr als einmal lachte er während des Lesens laut auf. Schließlich fragte er Saxon, wie der Brief in seine Hände gekommen sei, und ob er den Inhalt kenne?

»Ei nun, was den ersten Punkt betrifft,« sagte der Bote, »so wurde er mir von niemand Geringerem als Dicky Rumbold selbst eingehändigt, in Gegenwart von Personen, die ich nicht nennen darf. Was den Inhalt angeht, so muß Euer eigner Verstand Euch sagen, daß ich schwerlich meinen Hals an eine Botschaft wagen würde, ohne zu wissen, was es für eine ist. Ich bin kein Küken in meinem Beruf, Herr. Kartelle, pronunciamentos, Ausforderungen, Parlamentarflaggen, Waffenstillstandsvorschläge – sind alle durch meine Hände gegangen und sind nie schief gegangen.«

»Wirklich!« warf mein Vater dazwischen. »Ihr selbst gehört zu den Gläubigen?«

»Ich getröste mich der Hoffnung, daß ich einer von denen bin, die auf dem schmalen Dornenpfade wandeln,« gab Saxon in näselndem Tone, wie er den extremen Puritanern eigen war, zur Antwort.

»Ein Pfad, auf dem kein Priester uns führen kann,« fuhr mein Vater fort.

»Wo der Mensch nichts ist und der Herr alles,« versetzte Saxon.

»Jawohl, jawohl!« rief mein Vater. »Micha, führe diesen würdigen Mann auf mein Zimmer, gib ihm trockene Wäsche, meinen zweitbesten Anzug von Utrechter Sammet, bis sein eignes Zeug trocken ist. Auch meine Stiefel werden ihm wohl willkommen sein – meine Reitstiefel von ungegerbtem Leder. Ein Hut mit Silberborten hängt oben im Schranke. Sorge dafür, daß ihm nichts abgeht, was das Haus bieten kann. Das Abendbrot wird fertig sein, wenn er den Anzug gewechselt hat. Ich bitte Euch, guter Meister Saxon, geht gleich, damit ihr Euch nicht erkältet.«

»Eins haben wir aber noch versäumt,« sagte unser Gast, erhob sich feierlich vom Sitz und faltete die langen, nervigen Hände. »Laßt uns nicht länger zögern, dem Allmächtigen unsern Dank darzubringen für seine mannigfachen Segnungen und für seine Barmherzigkeit, daß er mich und meine Briefe aus der Tiefe des Meeres gerissen hat, wie dereinst Jonas von der Tücke der Bösen errettet ward, die ihn über Bord warfen; und wer weiß, ob sie nicht auch ein Geschütz auf ihn abfeuerten, obgleich die heilige Schrift uns davon nichts mitteilt. Meine Freunde, lasset uns beten.«

Hierauf sprach er ein langes Dankgebet in den höchsten Fisteltönen, das er mit einer Bitte um Gnade und Erleuchtung für das Haus und seine Bewohner schloß. Nach einem wohltönenden Amen ließ er sich endlich bereit finden, mir zu folgen, während meine Mutter, die hereingeschlüpft war und seinen Worten andächtig gelauscht hatte, wieder hinauseilte, um ihm einen Becher voll grünen Uskebah, einen Gewürzbranntwein mit zehn Tropfen von Daffy's Elixier, zurecht zu machen. Das war ihr vornehmstes Rezept gegen die Wirkungen des Naßwerdens. Es gab kein Ereignis im Leben von der Taufe bis zur Hochzeit, für das sich nicht eine angemessene Speise und ein eigner Trank in meiner Mutter Wörterbuch gefunden hätte, und keine Unpäßlichkeit, für die sie nicht in ihren wohlgefüllten Schränken irgend ein angenehmes Heilmittel gehabt hätte.

Meister Decimus Saxon in meines Vaters schwarzsammetnem Anzug und ungegerbten Reitstiefeln sah allerdings anders aus, als der wassertriefende, mit Schmutz bedeckte Flüchtling, der sich wie ein Aal in unser Fischerboot geschlenkert hatte. Er schien mit seiner Kleidung auch seine Manieren gewechselt zu haben, denn er benahm sich bei Tisch gegen meine Mutter förmlich galant, was ihn besser kleidete, als die kurzangebundene, hochfahrende Weise, die er im Boot gegen uns angenommen hatte. Um die Wahrheit zu sagen, hatte er, wenn er jetzt zurückhaltender war, einen guten Grund dafür, denn er richtete eine solche Verheerung unter den Speisen an, daß ihm daneben zum Sprechen wenig Zeit blieb. Nachdem er von der kalten Rinderkeule zu einer Kapaunenpastete übergegangen, darauf noch einen zweipfündigen Barsch gesetzt und das alles mit einem großen Kruge Bier heruntergespült hatte, blickte er uns der Reihe nach lächelnd an und teilte uns mit, daß seine fleischlichen Bedürfnisse für jetzt befriedigt seien.

»Ich habe es mir zur Regel gemacht,« fügte er hinzu, »der weisen Vorschrift zu folgen, die einem Manne rät, dann von Tische aufzustehen, wenn er bequem noch einmal soviel essen könnte, als er eben zu sich genommen hat.«

»Ich ersehe aus Euren Reden, Herr Saxon, daß ihr selbst den Kriegsdienst gründlich kennen gelernt habt,« bemerkte mein Vater, als der Tisch abgeräumt und meine Mutter schlafen gegangen war.

»Ich bin ein alter Fechtbruder,« entgegnete unser Gast und schob seine Pfeife zusammen, »ein magerer alter Hund von der Rasse Packan. Dieser Leib trägt unterschiedliche Malzeichen von Hieb- und Stoßwunden, die ich zumeist im Dienste des protestantischen Glaubens empfangen habe, darunter freilich auch einige für die allgemeine Sache der Christenheit in den Türkenkriegen. Mein Blut, Meister Clarke, ist über die ganze Karte von Europa verspritzt. Allerdings muß ich gestehen, daß auch etwas davon nicht für die gemeine Wohlfahrt, sondern zum Schutz meiner eignen Ehre vergossen worden ist, im Duello oder Holmgang, wie es unter den Völkern des Nordens heißt. Es gehört sich, daß ein Kavaliero Fortunas, der mehr oder weniger immer fremd im fremden Lande, in dergleichen Dingen etwas skrupulös ist, da er gleichsam als Vertreter seines Vaterlandes dasteht, dessen guter Name ihm teurer sein muß als der eigne.«

»Eure Waffe war bei solchen Gelegenheiten das Schwert, nicht wahr?« fragte mein Vater und rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her, wie er es immer that, wenn alte Instinkte in ihm erwachten.

»Das Breitschwert, Rapier, Toledo, Sponton, Schlachtbeil, Pike oder Halbpike, Morgenstern und Hallebarde! Ich spreche mit aller geziemenden Bescheidenheit aber mit Hau- und Stoßdegen und Dolch, Schwert und Schild und Krummsäbel, oder welche Fechtart es auch immer sei, will ich es darin mit jedem aufnehmen, der je Rindsleder trug, außer allein mit meinem ältern Bruder Quartus.«

»Meiner Treu,« sagte mein Vater leuchtenden Blicks, »wäre ich zwanzig Jahre jünger, Ihr müßtet mir stehen! Manch tüchtiger Kriegsmann hat meiner Handhabung des Haudegens Beifall gezollt. Gott verzeih's mir, daß mein Herz noch an solchen Eitelkeiten hängt.«

»Ich habe gottselige Männer rühmend davon reden hören,« meinte Saxon. »Meister Richard Rumbold selbst erzählte dem Herzog von Argyle von Euren Waffenthaten. Gab es nicht einmal einen gewissen Schotten, einen Stour oder Storr?«

»Ja, freilich, freilich! Storr von Drumlithie. Ich zerspaltete ihn fast bis auf den Sattelbogen, bei einem Gefecht am Vorabend der Schlacht von Dunbar. Also Dicky Rumbold hat es nicht vergessen, wie? Er war ein Meister im Fechten wie im Beten. Wir sind Knie an Knie ins Feld geritten und haben zusammen im Kämmerlein nach der Wahrheit geforscht. Also Dick will die Rüstung wieder anlegen! Er kann nicht Ruhe halten, wenn's gilt, für den mit Füßen getretenen Glauben loszuschlagen. Wenn die Kriegsflut bis hierher steigt, werde ich – wer weiß, wer weiß?«

»Und hier haben wir noch einen tüchtigen Kriegsmann,« sagte Saxon und strich mir mit der Hand den Arm entlang. »Er hat Muskeln und Sehnen, und kann wohl gelegentlich ein stolzes Wort sprechen, das habe ich auf meine Kosten erfahren, trotz der Kürze unsrer Bekanntschaft. Könnte er nicht auch in diesem Streit mitthun?«

»Davon wollen wir später reden,« gab mein Vater zurück, indem er mich gedankenvoll unter seinen dichten Brauen hervor ansah. »Aber ich bitte Euch, Freund Saxon, gebt uns jetzt einen nähern Bericht von diesen Dingen. Wie ich höre, hat Euch mein Sohn Micha aus dem Meer gezogen. Wie kamt Ihr da hinein?«

Decimus Saxon that schweigend einige Züge aus seiner Pfeife, wie einer, der die Thatsachen in rechter Reihenfolge bei sich Revue passieren läßt.

»Das geschah folgendermaßen,« sagte er endlich. »Als Johann von Polen den Türken von den Thoren Wiens verjagte, schlossen die Mächte ringsum Frieden, und so mancher wandernde Kavaliero fand sich ohne Beschäftigung. So erging es auch mir. Es gab keinen Krieg mehr, ausgenommen ein paar läppische italienische Schlägereien, bei denen der Soldat weder Geld noch Ruhm ernten kann. So zog ich denn quer durch den Kontinent, ganz niedergeschlagen ob der seltsamen Friedsamkeit, die allerorten herrschte. Endlich jedoch, als ich die Niederlande erreichte, erfuhr ich zufällig, daß die ›Providentia‹, ein meinen Brüdern Nonus und Quartus gehöriges und von ihnen befehligtes Schiff, im Begriff stand, von Amsterdam auszulaufen, um an der Küste von Neu-Guinea Waren zu vertreiben. Ich erbot mich, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen und wurde sogleich als Teilhaber aufgenommen, unter der Bedingung, daß ich ein Drittel der Frachtunkosten bezahlte. Während wir noch im Hafen lagen, begegnete ich zufällig mehreren englischen Verbannten, die von meiner Begeisterung für die Sache des Protestantismus unterrichtet, mich dem Herzog vorstellten und dem Meister Rumbold, der mir diese Briefe anvertraute. So erklärt es sich, wie sie in meinen Besitz gelangten.«

»Aber nicht, wie Ihr und sie ins Wasser kamen,« erinnerte mein Vater.

»Ei, das kam auch ganz zufällig,« entgegnete der Abenteurer, doch mit merkbarer Verlegenheit. »Es war eben die fortuna belli, oder genauer gesagt, pacis. Ich hatte meine Brüder gebeten, in Portsmouth anzulegen, damit ich diese Briefe loswerden könnte, worauf sie in sehr grober, unmanierlicher Weise erwiderten, daß sie noch immer auf die tausend Goldstücke warteten, die meinen Anteil an dem Unternehmen ausmachten. Ich entgegnete darauf mit brüderlicher Vertraulichkeit, daß das eine Kleinigkeit sei und aus dem Erlös unsres Handels bezahlt werden würde. Sie erwiderten, daß ich versprochen hätte, ihnen das Geld auszuzahlen, und daß sie es auf der Stelle haben wollten. Ich versuchte nun ihnen zu beweisen, sowohl nach aristotelischer als nach platonischer oder deduktiver Methode, daß, da ich eben kein einziges Goldstück besaß, es für mich unmöglich sein mußte, ihnen deren tausend auszuzahlen. Zudem machte ich sie darauf aufmerksam, daß die Verbindung mit einem ehrlichen Manne an sich ein ausreichender Ersatz für das Geld sei, da ihr eigner guter Ruf leider etwas angefressen sei. Ferner erbot ich mich in derselben offenen, freundschaftlichen Weise, jedem von ihnen einzeln Satisfaktion zu geben, mit Degen oder Pistole, ein Vorschlag, der doch jeden ehrliebenden Kavaliero zufriedengestellt haben würde. Ihre niedrigen Krämerseelen bewogen sie statt dessen zur Flinte zu greifen. Nonus feuerte die eine auf mich ab, und Quartus würde wahrscheinlich seinem Beispiel gefolgt sein, hätte ich ihm das Gewehr nicht aus der Hand gerissen und es, um weiteres Unheil zu verhüten, entladen. Ein Schrotkorn mag dabei, wie ich fürchte, Bruder Nonus getroffen haben. Da ich nun sah, daß mir an Bord noch unliebsame Weiterungen bevorstanden, entschloß ich mich kurz, das Schiff zu verlassen und sah mich gezwungen, meine schönen Stulpenstiefel von mir zu werfen. Vanfedder selber nannte sie das feinste Paar, das je aus seinem Laden hervorgegangen – mit breiter Spitze – Doppelsohlen. – Ach, ach!«

»Sonderbar, daß Ihr von dem Sohne desselben Mannes aufgefischt werden mußtet, an den ihr einen Brief hattet!«

»Das Walten der Vorsehung,« entgegnete Saxon salbungsvoll. »Ich habe noch zweiundzwanzig Briefe, die ich alle eigenhändig abliefern muß. Wenn Ihr mir gestatten wollt, einige Zeit in Eurem Hause zu weilen, will ich es zu meinem Hauptquartier machen.«

»Gebraucht's, als wär' es Euer eignes,« sagte mein Vater.

»Euer dankbarlichst ergebener Diener,« rief Decimus aufspringend und mit der Hand auf dem Herzen sich tief verbeugend. »Dies ist in Wahrheit ein Ruhehafen nach der ungöttlichen, unheiligen Gesellschaft meiner Brüder. Wollen wir nun nicht einen Lobgesang anstimmen und dann nach der Unruhe des Tages zur Ruhe gehen?«

Mein Vater willigte gern ein, und wir sangen: »O seliges Land«. Danach folgte unser Gast mir auf sein Zimmer und nahm die halbvolle Branntweinflasche, die meine Mutter hatte stehen lassen, mit. Er setzte mir auseinander, daß er sie als Präventivmittel gegen das persische Frostfieber nötig hätte, das er sich in seinen Kämpfen gegen die Ottomanen zugezogen habe, und das ihn zuweilen ganz unversehens überfalle. Ich verließ ihn in unserm besten Fremdenzimmer und kehrte zu meinem Vater zurück, der noch immer gedankenschwer in seiner alten Ecke saß.

»Was haltet Ihr von meinem Funde, Vater?« fragte ich.

»Ein begabter Mann, ein frommer Mann,« erwiderte er, »aber wahrlich, er hat mir Nachrichten gebracht, die so sehr nach meinem Herzen sind – daß, wenn er der römische Papst selbst wäre – ich ihn mit Freuden begrüßt hätte!«

»Was für Nachrichten, Vater?«

»Diese, diese!« rief er frohlockend und riß den Brief aus der Brusttasche. »Ich will dir's vorlesen, mein Junge! Aber nein, ich will mir's lieber noch eine Nacht beschlafen und morgen lesen, wenn unsre Sinne klar und nüchtern sind. Der Herr richte meinen Weg und stürze den Tyrannen! Bete um Erleuchtung, mein Sohn, denn mein und dein Leben wird wahrscheinlich gleichermaßen auf dem Spiele stehn.«

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