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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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III.

Von zwei Jugendfreunden.

Ich fürchte, lieben Kinder, daß ihr den Prolog zu lang finden werdet für das Schauspiel, aber das Gebäude kann erst erbaut werden, wenn der Grundstein gelegt ist, und eine Erzählung dieser Art ist ein trübselig kahles Ding, wenn man von den darin vorkommenden Leuten keine Kenntnis hat. Habt also Geduld, wenn ich auch von meinen alten Jugendfreunden rede. Von einigen sollt ihr später noch mehr hören, andre blieben in dem Dörflein zurück, hinterließen aber Spuren unsres Verkehrs in meinem Charakter, die noch immer deutlich erkennbar sind.

Voran in allem Gutem steht mir der Dorftischler Zacharias Palmer, ein Mann, in dessen altem, von der Arbeit gekrümmtem Leibe eine kindlich einfältige, reine Seele wohnte. Doch entsprang seine Einfalt keineswegs der Unwissenheit, denn von Platos Lehren an bis auf Hobbes gab es kaum ein von Menschen erdachtes System, das er nicht studiert und erwogen hatte. Bücher waren in meiner Kindheit weit teurer als jetzt, und Tischler wurden nicht so gut bezahlt wie heute, aber der alte Palmer hatte nicht Weib noch Kind und gab für Nahrung und Kleidung wenig aus. So kam es denn, daß er auf dem Bücherrücken über seinem Bette eine gewähltere Büchersammlung hatte, als der Gutsherr und Pfarrer – wenn sie auch nicht so umfangreich war – und diese Bücher hatte er immer wieder gelesen, bis er sie nicht nur selbst verstand, sondern auch andern davon mitteilen konnte.

Dieser weißbärtige, ehrwürdige Dorfphilosoph pflegte an schönen Sommerabenden vor seiner Hüttenthür zu sitzen. Er freute sich dann herzlich, wenn dieser und jener junge Bursche sich vom Kugelspiel und Scheibenwerfen wegschlich, zu seinen Füßen ins Gras niederkauerte und ihn nach den großen Männern früherer Zeiten, ihren Worten und Thaten fragte. Unter allen Jünglingen waren Ruben Lockarby und ich seine Lieblinge, denn wir waren immer die ersten, die zu ihm kamen, und die letzten, die dablieben, um ihn reden zu hören. Kein Vater konnte seine Kinder lieber haben, als er uns, und er ließ sich keine Mühe verdrießen, unsre unreifen Gedanken hervorzulocken und alles, was uns beunruhigte und verwirrte, ins rechte Licht zu setzen.

Wie alle Heranwachsenden, wenn der Verstand sich zu entwickeln beginnt, zerbrachen auch wir uns den Kopf über die Rätsel des Weltalls. Mit unsern Kinderaugen spähten wir in die unermeßliche Tiefe, deren letzten Grund auch der Scharfsinnigste des ganzen Menschengeschlechts noch nicht erblickt hat. Wenn wir uns nun in der Welt unsres eignen Dorfes umsahen, und die Bitterkeit und den Groll erkannten, die jede Sekte gegen die andre erfüllten, konnten wir uns des Gedankens nicht erwehren, daß ein Baum, der solche Früchte trug, einen heimlichen Schaden haben müsse.

Das war einer von den Gedanken, die wir gegen unsre Eltern verschwiegen, vor dem guten alten Zacharias aber freimütig auskramten, der darüber so manches zu sagen wußte, was uns tröstete und ermutigte.

»Diese Zänkereien und Stänkereien,« sagte er dann wohl, »sind nur an der Oberfläche und entspringen aus der unendlichen Verschiedenheit des menschlichen Gemüts, welches stets das Dogma der Richtung des eignen Denkens anzupassen strebt. Es ist die feste Grundlage, auf der sich jedes christliche Glaubensbekenntnis erbaut, die eigentlich von Wichtigkeit ist. Könntet ihr nur zur Probe ein Weilchen unter den Römern und Griechen leben zu der Zeit, ehe die neue Lehre gepredigt wurde, dann würdet ihr begreifen, welche Veränderung sie in der Welt hervorgebracht hat. Ob man diesen oder jenen Spruch so oder anders auslegt, hat wenig zu bedeuten, wie sich die Leute auch darüber erhitzen mögen. Höchst wichtig aber ist es, daß der Mensch einen unerschütterlichen und guten Beweggrund habe, einen einfachen reinen Lebenswandel zu führen. Diesen gibt uns der Glaube an Christus.«

»Ich möchte nicht, daß ihr aus Furcht vor Strafe tugendhaft wäret,« sagte er ein andermal. »Die Erfahrung eines langen Lebens hat mich jedoch gelehrt, daß die Sünde stets schon in dieser Welt gestraft wird, außer dem, was in der jenseitigen noch kommen mag. Wir büßen an der Gesundheit, an der Behaglichkeit, am Frieden der Seele jedes Unrecht. Mit den Nationen ist's nicht anders, wie mit den einzelnen Menschen. Ein Geschichtsbuch ist zugleich ein Predigtbuch. Seht, wie die schwelgerischen Babylonier von den frugalen Persern überwunden wurden, und wie diese selben Perser, als sie die Laster des Wohllebens erlernt hatten, dem Schwerte der Griechen erlagen. Lest weiter und achtet darauf, wie die der Sinnenlust ergebenen Griechen von den kraftvolleren und mehr abgehärteten Römern zertreten wurden. Lest weiter, und sehet, wie die Römer, nachdem sie ihre männlichen Tugenden verloren hatten, von den Nationen des Nordens unterworfen wurden. Laster und Untergang gehen stets Hand in Hand. So bediente sich die Vorsehung ihrer nacheinander als Geißeln, um ihre Thorheiten zu strafen. Das war kein Zufall. Es ist ein Teil des großen Systems, in das auch unser eignes Leben verflochten ist. Je länger ihr lebt, um so klarer werdet ihr erkennen, daß Sünde und Schmerz niemals allein kommt, und daß ohne Tugend kein wahres Gedeihen möglich ist.«

Einen ganz andern Lehrer hatte ich an Salomo Sprent, dem »Seebären«, der im zweitletzten Häuschen der Dorfstraße lebte. Er gehörte zu den Theerfinken von altem Schlage und hatte unter dem roten Kreuz gegen Franzosen, Niederländer und Mauren gefochten, bis eine Kugel ihm den Fuß weggerissen und seinen Kämpfen ein für allemal ein Ende gemacht hatte.

Er war schmächtig von Gestalt, aber abgehärtet, sonnverbrannt, so geschmeidig und gewandt wie eine Katze, mit kurzem Leibe, aber sehr langen Armen und großen Händen, die immer halb geballt waren, als umfaßten sie ein Tau. Vom Kopf bis zu den Füßen war er auf das wunderbarste tätowiert in blau, rot und grün, und zwar fing es mit der Schöpfungsgeschichte links oben an seinem Halse an und endete mit der Himmelfahrt an seinem rechten Bein. Nie in meinem Leben habe ich je wieder solch ein Kunstwerk gesehen. Er pflegte zu sagen, daß, wenn er ertrunken und sein Leib an einen heidnischen Strand gespült worden wäre, die Eingebornen das ganze heilige Evangelium von seinem Leichnam hätten ablesen können. Allein ich muß zu meiner Betrübnis gestehen, daß der »Seebär« augenscheinlich alle Religion in seiner Haut verarbeitet und recht wenig davon für den innerlichen Gebrauch übrig behalten hatte. Sie war gleichsam ein Ausschlag, wie die Röteln, von dem die inneren Organe durchaus frei sind. Er konnte in elf Sprachen und dreiundzwanzig Dialekten fluchen, auch ließ er seine großen Fähigkeiten keineswegs aus Mangel an Übung einrosten. Er fluchte, wenn er vergnügt war und wenn er traurig war, wenn er zornig und wenn er zärtlich war, aber sein Fluchen war eine bloße Redefigur ohne Bosheit und Bitterkeit, so daß selbst mein Vater es dem Sünder kaum anzurechnen vermochte. Im Laufe der Zeit aber wurde der Alte doch ernsthafter und nachdenklicher, bis er in seinen letzten Lebensjahren zu dem einfältigen Kinderglauben seiner Jugend zurückkehrte und den Teufel mit demselben festen Mute bekämpfte, den er einst den Feinden des Vaterlandes gezeigt hatte.

Der alte Salomo war für meinen Freund Lockarby und mich eine nie versiegende Quelle der Belustigung und des Interesses. An besondern Festtagen lud er uns zu Mittag ein, und labte uns dann mit Lobscouse, einem Schiffsgericht aus gehacktem Fleisch, Kartoffeln, Zwiebeln, vielem Pfeffer usw., und Salmagundi, einem sauern Fleischsalat, oder vielleicht mit einem ausländischen Gericht, einer Olla Potrida oder Fisch nach der Weise der Azoren gekocht. Er hatte ein wunderbares Kochtalent und konnte alle Nationalgerichte der Welt zubereiten. Jedesmal, wenn wir bei ihm waren, erzählte er die merkwürdigsten Geschichten von Prinz Ruprecht von der Pfalz, unter dem er gedient hatte, wie der von der Kommandobrücke aus seine Geschwader kommandierte: »Rechtsum schwenkt« oder »Linksum«, oder »Halt«, je nachdem, als hätte er noch sein Reiterregiment vor sich. Auch von Blake wußte er mancherlei zu sagen. Aber selbst Blakes Name war unserm alten Seebären nicht so teuer, wie der von Sir Christoph Mings. Salomo war einmal eine Zeitlang Bootsmann bei ihm gewesen, und konnte stundenlang von kühnen Thaten reden, die das Leben dieses außerordentlichen Mannes ausmachten, von dem Augenblick an, da er als Schiffsjunge in die Marine eingetreten, bis zu seinem Heldentode auf dem eignen Hinterdeck als kommandierender Admiral, von wo aus seine weinende Mannschaft ihn nach dem Kirchhof von Chatham zu Grabe trug.

»Wenn es da droben wirklich ein Jaspismeer geben sollte,« sagte der alte Seemann, »dann will ich darauf wetten, Sir Christoph sorgt dafür, daß die englische Flagge respektiert wird und die Ausländer uns nicht zum Narren halten. In dieser Welt habe ich unter ihm gedient und wünsche mir in der zukünftigen nichts Besseres, als wieder sein Bootsmann zu sein – wenn der Posten frei wäre.«

Das Ende solcher Reminiszenzen war gewöhnlich, daß er einen Extrapunsch braute, in dem wir auf das Andenken des verklärten Helden einen feierlichen Humpen leerten.

Wie begeisternd aber auch Salomo Sprents Berichte von seinen alten Befehlshabern sein mochten, noch wirkungsvoller war es, wenn beim zweiten und dritten Glase die Schleusen seines Gedächtnisses sich aufthaten, und er lange Geschichten losließ von den Ländern, die er besucht, und den Völkern, die er gesehen hatte. In unsern Stühlen vorgebeugt, das Kinn in beide Hände gestützt, saßen wir beiden Jungen stundenlang, die Augen auf den alten Abenteurer geheftet, und verschlangen seine Worte, während er, vergnügt über die von ihm erregte Spannung, langsam den Rauch aus seiner Pfeife vor sich hinblies und ein Erlebnis nach dem andern vor uns abwickelte. Dazumal, lieben Kinder, gab es noch keinen Defoe, der uns von den Wundern der Erde erzählt hätte, keinen »Spectator« auf unserm Frühstückstisch, keinen Gulliver, der unsre Abenteurerlust durch Erzählungen von märchenhaften Abenteuern gesättigt hatte. Kaum daß einmal im Monat uns ein Brief mit neuen Nachrichten in die Hand fiel. Persönliche Wagstücke waren aus diesem Grunde damals von weit größerem Wert als heutzutage, und die Unterhaltung eines Mannes wie Salomo an und für sich eine ganze Bibliothek wert. Sein rauhes Organ, seine schlechtgewählten Worte klangen uns wie Engelsstimmen, und unsre geschäftige Phantasie trug die näheren Umstände und alles Fehlende in seine Erzählung hinein.

An einem und demselben Abende machten wir ein Gefecht mit, in dem ein Seeräuber von den Säulen des Herkules vertrieben wurde, fuhren wir die Küste Afrikas entlang und sahen die langhinrollende Brandung des spanischen Oceans den gelben Strand umschäumen; wir begegneten den »Händlern mit schwarzem Elfenbein« mit ihrer Menschenfracht; wir trotzten den schrecklichen Stürmen um das Cabo di buona esperanza, und segelten endlich weit hinaus drüben nach dem Stillen Meer zwischen palmenumgürteten Koralleninseln, wo hinter dem aus Goldduft gewobenen Schleier, der den Horizont umflimmert, das königliche Friedensreich des fabelhaften Priesters Johannes liegt.

Wenn wir nach einem solchen Ausfluge in unser Hampshirer Dörfchen und die nüchterne, alltägliche Wirklichkeit des ländlichen Stilllebens zurückkehrten, kamen wir uns wie wilde Vögel vor, die der Vogelsteller gefangen und in einem engen Käfig eingesperrt hat. Dann fielen mir wohl meines Vaters Worte ein: »Du wirst eines Tages merken, daß du Flügel hast, und wegfliegen,« und mich überfiel eine solche Unruhe, daß alle Weisheit Zacharias Palmers dagegen nichts vermochte.

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