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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 35
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXXIV.

Salomo Sprent kommt an.

Die Kirche von Gommatch war ein kleines, epheuumranktes Gebäude mit einem viereckigen Turm in normannischem Stil, das in der Mitte des gleichnamigen Weilers stand. Vermöge seiner eisenbeschlagenen eichenen Thüren und hohen schmalen Fenster eignete es sich vortrefflich für den Zweck, dem es jetzt diente. Zwei Kompanien von Dunbartons Fußvolk lagen im Dorfe unter dem Befehl eines stattlichen Majors, dem ich vom Unteroffizier Gredder übergeben wurde, nebst einem Bericht über meine Gefangennahme und über die Gründe, welche meine sofortige Hinrichtung verhindert hatten.

Die Nacht zog herauf, und nur ein paar trübe Lämpchen, die hie und da an den Wänden hingen, verbreiteten ein unsicheres, flackerndes Licht in der Kirche. Über hundert Gefangene saßen und lagen auf den Steinplatten umher, viele waren verwundet, einer offenbar im Sterben. Die Gesunden bildeten schweigende ernste Gruppen um ihre leidenden Freunde und thaten, was sie konnten, um ihre Schmerzen zu lindern. Einige hatten sogar den größeren Teil ihrer Kleidungsstücke abgelegt, um für die Verwundeten ein Lager und Kissen zu bereiten. Im Schatten der Pfeiler lagen hier und da dunkle Gestalten auf den Knieen, ihre Gebete hallten in abgemessen rhytmischem Tonfall durch die Wölbungen, untermischt mit dem Gestöhn oder dem Röcheln eines Schwerkranken. Das trübe gelbliche Licht, das über die andächtigen, schmerzverzogenen Gesichter und die zerlumpten, schmutzigen Gestalten ausgegossen war, hätte sie zu passenden Studien für einen der niederländischen Maler gemacht, deren Gemälde ich später einmal im Haag gesehen habe.

Am Donnerstag morgen, dem dritten Tage nach der Schlacht, wurden wir alle nach Bridgewater übergeführt, und den noch übrigen Teil der Woche in der Marienkirche einquartiert. Es war dieselbe Kirche, von deren Turm aus Monmouth und seine Generäle Fevershams Stellung rekognosziert hatten.

Je mehr wir von den Soldaten und andern über das Gefecht reden hörten, um so klarer wurde es uns, daß unser nächtlicher Überfall ohne das Dazwischentreten einiger höchst unglücklicher Umstände von Erfolg hätte sein müssen. Es gibt kaum einen Fehler, den ein Feldherr begehen kann, den Feversham nicht begangen hatte. Er hatte eben seinen Feind zu gründlich verachtet und sein Lager einem Angriff vollständig bloßgestellt. Als das Feuer begann, war er aus dem Bett gesprungen, konnte aber seine Perücke nicht finden und tappte im Dunkeln in seinem Zelt herum, während die Schlacht ohne ihn geschlagen wurde. Er kam erst zum Vorschein, als sie beinahe vorüber war. Allgemein hieß es, daß, wäre nicht zufällig der »Rhein« von Bussex von unsern Führern und Kundschaftern übersehen worden, wir im Lager mitten in den Zeltgassen hätten sein können, ehe noch die Leute zu den Waffen gerufen werden konnten. Dies allein, und die feurige Energie John Churchills, des zweiten Befehlshabers, – später in der französischen sowohl wie in der englischen Geschichte besser unter einem größeren Namen bekannt – verhinderte, daß die königliche Armee eine Niederlage erlitt, die dem Feldzug eine ganz andre Wendung gegeben haben würde. Solltet ihr, meine lieben Kinder, jemals hören oder lesen, daß Monmouths Aufstand leicht unterdrückt worden, oder von anfang an hoffnungslos gewesen wäre, so erinnert euch, daß ich, der ich von Anfang an dabei gewesen bin, euch bestimmt versichere, daß in Wirklichkeit die Wage schwankte und diese Handvoll unerschrockener, entschlossener Bauern mit ihren Piken und Sensen um ein Haar den ganzen Lauf der englischen Geschichte geändert hätten. Die blutdürstige Grausamkeit, mit welcher der Staatsrat nach der Unterdrückung der Rebellion verfuhr, entsprang der Erkenntnis, wie sehr nahe sie dem Gelingen gewesen war.

Ich will nicht zu viel von der Grausamkeit und Roheit der Sieger erzählen, denn für Kinderohren taugen solche Dinge nicht. Der Zauderer Feversham und der Unmensch Kirke haben sich im Westen einen Namen gemacht, der nur noch hinter dem des Erzschurken zurücksteht, der auf sie folgte. Die Namen ihrer Opfer, die sie gehängt, gevierteilt und an denen sie ihre schlimmsten Bosheiten verübt hatten, blieben wenigstens in ihren kleinen Heimatsdörfern ein teuer wert gehaltener Schatz, und wurden von einem Geschlecht dem andern überliefert, als die Namen von tapfern, treuen Männern, die für eine hohe Sache gestorben waren. Wer heut nach Milverton und Wiveliscombe, Minehead oder Colyford kommt, oder nach irgend einem Dorf weit und breit in Somersetshire, der wird finden, daß man dort diejenigen noch nicht vergessen hat, die mit Stolz »unsre Märtyrer« genannt werden. Hingegen, wer denkt noch an Kirke, wer an Feversham? Allerdings, ihre Namen sind aufbehalten, aber sie werden von jedem Engländer verabscheut. Wer sieht jetzt nicht ein, daß diese Männer, indem sie andre straften, sich selbst in viel größere Verdammnis brachten? Wahrlich, ihre Sünde ist an ihnen heimgesucht.

Sie thaten, was nur die abgefeimtesten Bösewichter zu thun im stande sind, da sie wohl wußten, daß sie damit dem fischblütigen, bigotten Heuchler, der auf dem Thron saß, einen Gefallen erwiesen. Sie ließen die Menschen hängen, abschneiden, und noch einmal hängen. Jeder Kreuzweg im Lande wurde grauenvoll durch seine Galgen. Es gibt keinen noch so empörenderen Schimpf und keine Schmach, welche den Todesschmerz verschärfen konnte, die nicht auf diese unseligen Männer gehäuft worden wäre. Und doch war unter den Scharen der Hingeopferten – wie man sich noch heut mit gerechtem Stolz in ihren heimatlichen Grafschaften erzählt – nicht einer, der seinem Ende nicht erhobenen Hauptes entgegengetreten wäre, der nicht erklärt hätte, er würde gegebenen Falls wieder ganz ebenso handeln.

Nach etwa vierzehn Tagen kamen Nachrichten von dem Geflohenen. Monmouth war, so erfuhren wir, von Portmans Gelbröcken gefangen genommen worden, als er versucht hatte, sich nach dem »Neuen Walde« durchzuschleichen, von wo aus er nach dem Kontinent zu entkommen hoffte. Hohläugig, unrasiert und zitternd rissen sie ihn aus einem Bohnenfeld hervor, in dem er sich verkrochen hatte. Dann wurde er nach Ringwood in Hampshire transportiert. Unglaubliche Gerüchte über sein Betragen kamen uns zu Ohren – Gerüchte, die wir aus den rohen Scherzen unsrer Hüter entnahmen. Einige sagten, er sei vor den Kerlen, die ihn fingen, auf die Kniee gefallen, andre, er habe an den König geschrieben, er wolle alles thun, ja die Sache des Protestantismus abschwören, wenn er nur seinen Kopf vor dem Richtbeil retten könnte. Damals lachten wir über diese Geschichten und hielten sie für Erfindungen unsrer Feinde. Es kam uns zu undenkbar vor, daß zu einer Zeit, wo seine Anhänger so treu und standhaft zu ihm hielten, er selbst, der Führer, auf den aller Augen blickten, weniger Mut zeigen sollte, als jeder kleine Trommler, der auf dem Schlachtfelde seinem Regiment voran marschiert. Aber ach! die Zeit lehrte, daß diese Geschichten doch auf Wahrheit beruhten, und daß keine Schmach so erniedrigend gewesen wäre, der sich der Unselige nicht unterworfen hätte, um noch ein paar Jahre ein Dasein zu fristen, das so vielen, die sich ihm anvertrauten, zum Fluch geworden war.

Von Saxon hörten wir nichts, weder Gutes noch Schlimmes, was mich hoffen ließ, daß er einen Bergungsort gefunden haben möchte. Ruben war durch seine Wunde an sein Lager gefesselt und unter Obhut und Pflege von Major Ogilvy. Dieser wackere Mann besuchte mich mehr als einmal und bemühte sich, für meine Bequemlichkeit zu sorgen, bis ich ihm deutlich zu verstehen gab, daß es mir weh thäte, mich anders behandelt zu sehen, als die braven Burschen, mit denen ich die Strapazen und Gefahren des Feldzugs bis dahin geteilt hatte. Er leistete mir jedoch dadurch einen großen Dienst, daß er an meinen Vater schrieb und ihm mitteilte, daß ich wohlauf und in keiner unmittelbaren Gefahr sei. Auf diesen Brief erhielt ich eine kräftige christliche Epistel von dem Alten zur Antwort. Er hieß mich gutes Mutes sein, und suchte mich durch reichliche Citate aus einer Predigt des Pastors Josias Seaton von Petersfield über die Geduld zu trösten. Meine Mutter, teilte er mir mit, sei freilich tief betrübt über meine Lage, aber ihr Gottvertrauen halte sie aufrecht. Er legte einen Wechsel an Major Ogilvy bei, und beauftragte ihn, denselben meinen Wünschen gemäß zu verwenden. Dies Geld nebst dem kleinen Schatz, den meine Mutter in meinen Kragen genäht hatte, erwies sich als unschätzbar, denn als das Spitalfieber unter uns ausbrach, konnte ich den Kranken passende Nahrung verschaffen und einen Arzt bezahlen, so daß die Krankheit im Keime erstickt wurde.

In den ersten Tagen des August wurden wir von Bridgewater nach Taunton übergeführt und mit Hunderten von andern Gefangenen in demselben Wollspeicher untergebracht, wo unser Regiment bei Beginn der Campagne einquartiert gewesen war. Der Wechsel brachte keine wesentliche Verbesserung unsrer Lage mit sich, außer der einen, daß unsre neuen Wächter, der Grausamkeit überdrüssiger als die alten, etwas weniger streng mit ihren Gefangenen umgingen. Nicht nur erhielten Freunde zuweilen Erlaubnis, uns zu besuchen; auch Bücher und Papier konnte man vermöge eines kleinen Geschenkes an den wachthabenden Unteroffizier erlangen. Wir verlebten also die vier bis fünf Wochen, die noch bis zu unserm Verhör vergingen, in verhältnismäßiger Behaglichkeit.

Eines Abends stand ich an die Wand gelehnt, blickte durch das gegenüberliegende enge Fenster nach dem schmalen Stückchen blauen Himmels empor und träumte mich nach den Wiesen von Havant hinüber, als eine Stimme mein Ohr traf, die mich noch lebhafter als bisher in meine Heimat versetzte. Diese tiefen rauhen Laute, die zuweilen in ein zorniges Gebrüll ausarteten, konnten von niemand anderm, als meinem alten Freunde, dem Seemann, herrühren. Ich näherte mich der Thür, von wo der Lärm herkam, und mein letzter Zweifel schwand, als ich das Zwiegespräch mit anhörte.

»Nicht durchlassen – so?« schrie er. »Ich sage dir, ich habe meinen Kurs eingehalten, wo bessere Leute als du mir befahlen, die Topsegel zu streichen! Ich sage dir, ich habe Permiß vom Admiral, und es fällt mir gar nicht ein, wegen so 'nem Flick von rotangemaltem Leuchtboot einzureffen. Scher dich also von meinen Schoten weg, oder ich bohre dich in den Grund!«

»Admirale gehen uns hier nichts an,« sagte der Unteroffizier von der Wache. »Die Besuchszeit der Gefangenen ist vorbei, und wenn Ihr Euch mit Euerm schiefen Gerippe nicht bald dünne macht, soll Euch meine Hellebarde auf dem Rücken tanzen!«

»Ich hab meinerzeit Hiebe gekriegt und welche ausgeteilt, ehe du auf die Welt kamst, du elende Landratte,« brüllte der alte Salomo, »ich hab' Rahe an Rahe mit De Ruyter gefochten, als du am Lutschbeutel sogst; aber so alt ich bin, ich will dir zeigen, daß ich noch nicht für untauglich erklärt bin und ganz gut noch ein paar Breitseiten mit jedem Hummerschwanz von Raubschiff wechseln kann, das jemals über den Hebebaum gespannt und das königliche Wahrzeichen auf den Rücken gebrannt kriegte. Wenn ich zum Major Ogilvy zurückkreuze und ihm signalisiere, wie ich hier angelassen worden bin, wird er dir die Haut röter malen, als dein Rock ist.«

»Major Ogilvy!« rief der Sergeant in achtungsvollerem Tone. »Warum habt Ihr denn nicht gleich gesagt, daß Euer Permiß vom Major Ogilvy kommt? Statt dessen schwatzt Ihr tolles Zeug von Admiralen und Kommodoren, und der Kuckuck weiß, was sonst noch für ausländisches Gefasel!«

»Deine Eltern sollten sich schämen, daß sie dich so wenig gutes, ehrliches Englisch gelehrt haben!« brummte Salomo. »Wahrhaftig, guter Freund, es ist wie ein Wunder vor meinen Augen, daß ein Seemann den Landratten im Redenkönnen so weit über sein sollte! Denn von siebenhundert Mann an Bord der ›Worcester‹ – das Schiff sank nachher in der Bai von Funchal auf den Grund – da war doch auch nicht ein einziger bis auf den letzten Pulverjungen, der nicht jedes Wort hätte verstehen können, was ich sagte. Dagegen hier an Land könnte manch großer Dickkopp, wie du einer bist, ebensogut ein Portugiese sein, denn Englisch versteht er ebensowenig, und stiert einen an, wie 'n Schwein im Wirbelsturm, wenn man ihn bloß fragt, wie die Peilung ist und wieviel Glas vorbei sind!«

»Wen wolltet Ihr besuchen?« fragte der Sergeant mißmutig. »Ihr habt ein höllisch loses Maul.«

»Ja und ein grobes dazu, wenn ich's mit Dämlacks zu thun hab',« entgegnete der Seemann. »Hätt' ich dich auf meiner Wache, Jung, bloß auf eine Dreijahrsfahrt, da wollt' ich schon 'nen rechten Mann aus dir machen!«

»Laßt den alten Kerl durch!« schrie der Unteroffizier wütend, und Salomo kam hereingestampft, sein gebräuntes Antlitz wunderlich verzogen und verzerrt, teils durch ein lustiges Grinsen ob seines Sieges über den Sergeanten, teils durch ein großes Stück Kautabak, das er in einer Backe zu verwahren pflegte.

Er blickte sich um, und da er mich nicht gleich bemerkte, legte er beide Hände an den Mund und posaunte meinen Namen heraus mit dem Zusatz einer ganzen Reihe von »Ahoys!«, so daß das Gebäude davon widerhallte.

»Hier bin ich ja, Salomo,« sagte ich und klopfte ihm auf die Schulter.

»Gott grüß dich, Jung! Gott grüß dich!« rief er und schüttelte und drückte mir die Hand. »Ich hab' dich nicht gleich gesehen, denn um mein Guckloch nebelt's so wie um die Newfoundlander Sandbänke, seitdem mir mal die lange Suse Williams am Point in der Tigerschenke ein Quartmaß reingegossen hat. 's mag nun an die dreißig Jahr her sein! Na, und wie geht's dir? Alles niet- und nagelfest oben und unten?«

»So gut, wie es sein kann, unter den Verhältnissen,« entgegnete ich. »Ich darf nicht klagen.«

»Nichts von der Takelung weggeschossen?« sagte er. »Keine verkrüppelte Spiere? Kein Schuß zwischen Wind und Wasser, he? Keine Kugel im Holz – nicht auf 'ne Untiefe gerannt – nicht gekentert?«

»Nichts von alledem,« lachte ich.

»Meiner Treu! Aber du bist doch magerer als vormals – in den zwei Monaten bist du um zehn Jahr älter geworden. Du liefst aus als ein so feines, sauberes Kriegsschiff, wie nur je eins dem Steuer gehorcht hat, und jetzt bist du wie dasselbe Fahrzeug, wenn im Sturm und in der Schlacht die glänzenden Farben verblichen und die Flatterwimpel an den Mastspitzen zerrissen sind. Trotzdem freue ich mich herzlich, daß du noch heil geblieben bist an Leib und Seele!«

»Ich habe so manches gesehen und erlebt,« sagte ich, »das einen wohl um zehn Jahr älter machen konnte.«

»Na ja – ja!« meinte er mit einem tiefen, hohlen Seufzer und schüttelte langsam und nachdrücklich seinen großen Kopf. »Das ist hier freilich eine ganz vertrackte Geschichte. Aber wenn auch die Windsbraut jetzt heult, hernach kommt doch wieder Ruhe, wenn du nur fest an der Vorsehung vor Anker liegst. Aha, mein Junge, der Ankergrund hält fest. Aber wenn ich dich recht kenne, bist du betrübter wegen des Elendes, das dich umgibt, als um deiner selbst willen.«

»So ist es,« entgegnete ich, »es ist ein herzzerreißender Anblick, sie so geduldig und klaglos leiden zu sehen – noch dazu für einen solchen Menschen!«

»Ha, der blutleere Waschlappen!« grollte der Seemann zähneknirschend.

»Wie geht's meinen Eltern?« fragte ich. »Und wie kommt Ihr hierher – so weit von Hause?«

»Na, ich würde mir die Ochsenrippen abgescheuert haben, wenn ich hätte noch länger hinter der Hafenkette verankert bleiben müssen. So kappte ich denn das Tau, kreuzte nordwärts bis Salisbury und lief dann vor einem günstigen Wind direkt hierher. Dein Vater beißt die Zähne zusammen und thut seine Arbeit wie gewöhnlich. Freilich haben ihm die Herren vom Gericht viel Krakehl gemacht, zweimal hat er müssen nach Winchester hin zur Untersuchung. Aber sie fanden keine verdächtigen Papiere bei ihm und konnten ihm nichts anhaben. Deine Mutter, die gute Seele, hat keine Zeit, die Ohren hängen zu lassen und zu plärren, denn sie ist sich jeden Augenblick so ihrer Hausfrauenpflichten bewußt, daß ich eine silberne Bowle gegen eine Orange wetten möchte, sie würde ruhig und fest in der Kombüse stehen und Ringelblumen einmachen oder Teig ausrollen und wenn das Schiff eben mit ihr unterginge. Sie haben sich beide dem Beten ergeben, wie andre sich dem Rum ergeben würden, und wärmen sich damit das Herz, wenn die widrigen Winde eiskalt wehen. Sie waren von Herzen froh, als sie hörten, daß ich dich besuchen wollte, und ich gab ihnen mein Seemannswort, ich würde dich aus den Handschellen loseisen, wenn das überhaupt möglich wäre!«

»Mich loseisen, Salomon!« sagte ich; »nicht doch, davon kann nicht die Rede sein. Wie wolltet Ihr mich wohl herausbekommen?«

»Nun, es ließe sich schon auf die eine oder andre Weise machen,« gab er in geheimnisvollem Flüsterton zurück und nickte mit dem grauen Kopf, wie einer, der sich die Sache viel Zeit und Nachdenken hat kosten lassen. »Zum Beispiel: anbohren!«

»Anbohren?«

»Freilich, Junge! Als ich Quartiermeister auf der Galeere ›Providence‹ war, im zweiten holländischen Kriege, da gerieten wir mal zwischen die Küste und Van Tromps Geschwader. Wir wehrten uns, bis uns jeder Baum weggeschossen war und das Blut aus dem Speigat strömte. Wir wurden geentert, festgenommen und als Gefangene nach dem Texel geschickt. Wir wurden in Ketten gelegt im hintersten Schiffsraum zwischen dem Kimmwasser und den Ratten, die Luken fest zugemacht und ein Posten darauf gestellt. Aber halten konnten sie uns trotzdem nicht. Denn die Ketten gingen los, und Will Adams, der Schiffszimmermann, bohrte ein Loch in die Fugen, so daß das Schiff beinahe zu Grunde ging, und in der allgemeinen Verwirrung brachen wir los, brauchten unsre Fesseln als Keulen und eroberten das Schiff. Aber du lächelst, als käme dir der Plan nicht gerade hoffnungerweckend vor?«

»Wenn dieser Wollspeicher die Galeere Providence wäre und Taunton Deane die Bai von Biscaya, könnten wir's ja versuchen,« sagte ich.

»Ich bin hier wohl ein bißchen aus meinem Fahrwasser,« versetzte er mit gerunzelten Brauen. »Aber ich habe mir noch einen andern ganz vorzüglichen Plan ausgedacht. Ich werde das Gebäude in die Luft sprengen.«

»In die Luft sprengen?« rief ich.

»Allerdings. Ein paar Faß Pulver und ein langer Schwefelfaden, dazu eine dunkle Nacht – es ginge prächtig! Wo bleiben dann die Mauern, die dich einschließen?«

»Wo bleiben dann die Leute, die drinnen sind?« fragte ich. »Sollen die mit in die Luft fliegen?«

»Hol's die Pest, das hatt' ich ganz vergessen!« rief Salomo. »Ich sehe schon, ich muß dir's überlassen. Was schlägst du vor? Gib mir nur den Schiffsbefehl, und mit oder ohne Gefolgschiff sollst du sehen, daß ich danach mein Steuer richte, so lang dieses alte Wrack noch dem Ruder gehorcht.«

»Wohlan denn, lieber alter Freund,« sagte ich, »mein Rat ist der: laßt Ihr den Dingen hier ihren Lauf, und kehret eilig um nach Havant, und grüßet alle, die mich kennen, und heißet sie gutes Muts sein und das Beste hoffen. Weder Ihr noch irgend wer sonst kann mir jetzt helfen, denn ich habe mein Los mit dem dieser armen Leute zusammengeworfen und möchte sie nicht verlassen, selbst wenn ich könnte. Thut was Ihr vermöget, um meine Mutter zu erheitern, und empfehlt mich dem Zacharias Palmer. Euer Besuch war mir eine Freude, und so wird es ihnen Eure Heimkehr sein. So könnt Ihr mir besser dienen, als wenn Ihr hier bliebet.«

»Umkommen will ich, wenn ich so ohne einen Schwertstreich heimkehren mag!« brummte er. »Aber freilich, wenn es dein fester Wille ist, dann hat die Geschichte ein Ende. Sag mir noch eins, Junge. Hat dir auch der langspierige, flachbordige Heringswanst, dein Kamerad, keinen Possen gespielt? Denn hat er das gethan – beim ewigen Gott, da soll doch mein Käsemesser mit seinem langen Küstenpallasch Bekanntschaft machen. Ich weiß, wo er untergekrochen ist, und in welcher Bucht verankert – Bug und Stern, alles tüchtig und seefest – er die hohe Flut abwartet.«

»Was – Saxon?« rief ich. »Wißt Ihr wirklich, wo der ist? Um Gotteswillen sprecht leise, denn es wäre für jeden dieser Soldaten Beförderung und fünfhundert Pfund in Gold wert, wenn sie wüßten, wo sie ihn greifen könnten!«

»Das sollen sie wohl bleiben lassen,« erwiderte Salomo. »Auf meiner Herreise lief ich zufällig einen Hafen an, der Bruton heißt. Da ist ein Wirtshaus, das sich wohl sehen lassen kann, und der Schiffer ist ein Weibsen, die hat 'ne glatte Zunge und schelmische Augen. Ich trank gerade ein Glas Würzbier, wie es so um sechs Glas Mittelwache meine Gewohnheit ist, da seh' ich so bei Wege lang einen großen Laps von Knecht, der im Hof Fässer auf einen Wagen ladet. Wie ich nun näher hingucke, kommt mir des Menschen Habichtsnase und seine glitzerigen Augen mit den halb gerefften Lidern bekannt vor. Als ich aber noch dazu höre, wie er so vor sich hin in gutem Hochdeutsch flucht, da wußt' ich sofort, wo ich sein Schiffsbild schon gesehen hatte! Ich stach in den Hof und klopfte ihm auf die Schulter. Potzwetter! Da hättest du sehen sollen, wie er zurücksprang und mich mit gesträubten Haaren anfauchte, wie 'ne Wildkatze! Er riß ein Messer aus dem Kittel, denn er dachte ohne Zweifel, ich wäre willens, mir die Belohnung zu verdienen und ihn den Rotröcken auszuliefern. Na, ich sagte ihm, sein Geheimnis sei bei mir wohl aufgehoben, und frug ihn, ob er gehört habe, daß du dingfest gemacht seiest. Er antwortete, daß er es wüßte und dafür einstehen wollte, daß dir kein Leid geschehe. Mir schien es allerdings, als ob er alle Hände voll zu thun hätte, um seine eignen Segel zu setzen, ohne noch für andre den Lotsen zu spielen, Indessen ich hab' ihn da verlassen, und da werd' ich ihn wiederfinden, wofern er dir irgend welche Unbill zugefügt hat.«

»Nicht doch,« entgegnete ich, »ich bin von Herzen froh, daß er diesen Zufluchtsort gefunden hat. Allerdings trennten wir uns wegen einer Meinungsverschiedenheit, aber ich habe keinen Grund, mich über ihn zu beklagen. Er hat mir vielfach Güte und Wohlwollen bewiesen.«

»Er ist so ein Geriebener, wie ein Zahlmeisterschreiber,« versetzte Salomo. »Ich habe auch Ruben Luckarby besucht. Er läßt dich grüßen. Er liegt noch in der Koje wegen seiner Wunde, wird aber gut behandelt. Major Ogilvy sagte mir, er hätte sich so für ihn verwendet, daß er höchst wahrscheinlich ohne weiteres entlassen werden wird, besonders auch, weil er ja die Schlacht nicht mitgemacht hat. Wenn du nicht so wacker gefochten hättest, meinte er, würde eher eine Möglichkeit da sein, daß du Pardon kriegtest. Aber du hast dich hervorgethan und giltst für gefährlich, zumal du bei dem gemeinen Mann unter den Rebellen viel Liebe gefunden hast.«

Der gute Seemann blieb bis spät in die Nacht bei mir, ließ sich meine Erlebnisse erzählen und unterhielt mich dagegen mit den kleinen Neuigkeiten des Dorfes, die dem fernen Wanderer interessanter sind, als das Werden und Vergehen von Königreichen. Ehe er mich verließ, holte er eine große Handvoll Silbermünzen aus seinem Beutel, und machte bei den Gefangenen die Runde, hörte ihre Klagen mit an, und that sein Bestes, sie mit seinen ungefügen Matrosenredensarten zu trösten und mit manchem in die Hand gedrückten Geldstücke ihre Not zu lindern.

Es gibt eine Sprache des gütigen Auges und der klaren Stirn, die alle Menschen verstehen können. Und obgleich Salomos Worte ebensogut hätten Griechisch sein können für das Verständnis der Somersetshirer Bauern, so umdrängten sie ihn doch beim Abschied und riefen Segen auf sein Haupt herab. Mir war's, als hätte er einen Hauch frischen reinen Seewindes in unser stickiges Gefängnis gebracht, und als seien wir alle dadurch gesunder und froher geworden.

*

Der August war schon vorgerückt, als die Richter sich von London auf jene entsetzliche Blutreise machten, welche so viele Hoffnungen und Heimstätten zerstörte und in den betroffenen Landschaften ein Gedächtnis hinterlassen hat, das nicht vergehen wird, so lange ein Vater mit seinem Sohne reden kann. Wir erhielten täglich genaue Nachrichten von ihnen, denn unsre Wächter machten sich ein Vergnügen daraus, sie uns mit manchem rohen, faulen Scherz zu erzählen, damit wir doch wüßten, was uns bevorstünde, und nichts von dem verlieren möchten, was sie die Vorfreude zu nennen beliebten.

In Winchester wurde die fromme, edle Lady Alice Lisle vom Oberrichter Jeffreys verurteilt, lebendig verbrannt zu werden, und kaum vermochten die Anstrengungen und Bitten ihrer Freunde ihn dazu, ihr die Axt anstatt des Scheiterhaufens gnädigst zu gewähren. Ihr liebliches Haupt wurde unter vielem Schluchzen und Stöhnen des weinenden Volkes auf dem Marktplatze der Stadt abgehauen.

In Dorchester gab es eine Massenschlächterei. Dreihundert waren zum Tode verurteilt und vierundsiebzig wurden wirklich hingerichtet, bis sogar die allerloyalsten Tories unter den umwohnenden Landedelleuten sich über die vielen gehenkten Leichname, die überall herumbaumelten, beklagten.

Von da aus begaben sich die Richter nach Exeter und dann nach Taunton, das sie in der ersten Septemberwoche erreichten. Sie glichen damals eher wilden, reißenden Tieren, die Blut geleckt haben und ihren Morddurst nicht stillen können, als gerechten Männern, die dazu erzogen und darin geübt sind, das verschiedene Maß der Schuld zu unterscheiden, auch den Unschuldigen herauszufinden und ihn vor ungerechter Behandlung zu schirmen. Ihrer Grausamkeit stand ein weites Feld offen, denn in Taunton allein lagen tausend Unglückliche gefangen. Von diesen waren viele kaum im stande, ihre Gedanken auszudrücken, und zudem durch den eigentümlichen Dialekt, den sie sprachen, so behindert, daß sie ebensogut hätten stumm geboren sein können, so absolut aussichtslos war es für sie, dem Richter und den Geschworenen verständlich zu machen, was sie zu ihrer Rechtfertigung etwa vorzubringen wünschten.

An einem Montag abend hielt der Lord-Oberrichter seinen Einzug. Von einem Fenster des Raumes, in dem wir eingesperrt waren, sah ich ihn vorbeikommen. Voran ritt eine Schwadron Dragoner mit ihren Fahnen und Kesselpauken, dann marschierten die Speerträger mit ihren Hellebarden, und dahinter folgte die Reihe der Kutschen mit den Würdenträgern des Gesetzes. Ganz zuletzt, von sechs langschwänzigen Flamländer Rossen gezogen, kam eine große, dick vergoldete, offene Kutsche, in deren Samtpolstern zurückgelehnt der nichtswürdige Lord-Oberrichter saß. Er trug einen Mantel von rotem Plüsch und eine schwere weiße Perücke auf dem Kopf, die bis über seine Schultern herabwallte. Man sagte, er trüge Scharlach, um die Leute einzuschüchtern, und ließe aus demselben Grunde den Gerichtssaal mit der Farbe des Blutes ausschlagen.

Was nun seine äußere Erscheinung angeht, so hat man ihn, seit seine Bösartigkeit von aller Welt zugegeben wird, gemeiniglich als einen Mann dargestellt, dessen Züge und Ausdruck so abschreckend und scheußlich waren, wie die Seele, die sich dahinter barg. Dies war keineswegs der Fall. Im Gegenteil, er war ein Mann, der in seiner Jugend auffallend schön gewesen sein muß.Das Gemälde von Jeffreys in der National Portrait Gallery bestätigt diese Bemerkung Micha Clarkes. Er ist entschieden der schönste Mann in der Sammlung. Zwar war er seinen Jahren nach, auch als ich ihn sah, noch nicht alt, allein Völlerei und liederliches Leben hatten seinem Antlitz bereits ihre Spuren aufgedrückt, ohne doch die Regelmäßigkeit und Schönheit seiner Züge ganz zerstören zu können. Er glich mit seinem schwarzen Haar und olivenfarbigen Teint mehr einem Spanier als einem Engländer. Sein Ausdruck war edel und vornehm, aber sein Jähzorn war so leicht entflammt, daß der geringste Widerspruch oder Ärger ihn zum wahnsinnigen Verrückten machte mit funkelnden Augen und schäumendem Munde. Ich habe ihn selbst so gesehen. Der Schaum stand ihm auf den Lippen, und sein ganzes Gesicht zuckte und zitterte vor Leidenschaft, wie man es sonst nur bei solchen findet, welche die Fallsucht haben. Übrigens konnte er auch sonst keine Regung beherrschen. Ich habe mir erzählen lassen, daß er bei ganz geringfügigen Anlässen anfangen konnte zu schluchzen und zu weinen, besonders, wenn er selbst von Höhergestellten eine Zurücksetzung erfahren hatte. Er war ein Mann von großen Fähigkeiten für das Gute wie für das Böse. Aber da er nur die Nachtseiten seiner Seele entwickelte und die andern verkümmern ließ, machte er aus sich, soweit das menschenmöglich ist, einen höllischen Dämon. Es muß doch wirklich eine schlechte Regierung gewesen sein, die einen so elenden, verleumderischen Schurken dazu ausersehen konnte, die Wage der Gerechtigkeit zu halten!

Indem er vorüberfuhr, machte ihn ein toryistischer Edelmann, der neben ihm ritt, auf die Gesichter der Gefangenen aufmerksam, die auf ihn hinabschauten. Er blickte auf; ein rasches, boshaftes Grinsen zeigte seine weißen Zähne, und dann lehnte er sich wieder in die Kissen zurück.

In der Volksmenge nahm niemand den Hut vor ihm ab, und selbst die rohen Soldaten schienen ihn halb mit Furcht, halb mit Abscheu zu betrachten, wie ein Löwe etwa einen widrigen Vampyr betrachten mag, der sich an der von ihm erlegten Beute festsaugt.

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