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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 34
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
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secondcorrectorGerd Bouillon
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XXXIII.

Das Abenteuer in der Mühle.

Am Fuß der Mühle stand ein Schuppen, der augenscheinlich für die Farmerpferde bestimmt war, welche das Mahlkorn brachten. Darinnen lag etwas Grünfutter, und ich löste Covenants Gurte, damit er eine herzhafte Mahlzeit einnehmen konnte. Die Mühle schien ganz menschenleer zu sein. Es herrschte darin die tiefste Stille. Ich kletterte die steile hölzerne Leiter hinauf, öffnete die Thür und trat in ein rundes, mit Fliesen ausgelegtes Gemach, aus dem eine zweite Leiter nach dem Boden führte. Auf einer Seite des Gemaches stand eine lange hölzerne Truhe, und rings an den Wänden lehnten mehrere Reihen Mehlsäcke nebeneinander. Im Kamin erhob sich ein kunstgerecht geschichteter kleiner Holzstoß, der nur des Angezündetwerdens wartete. Mit Hilfe von Feuerstein und Zunder machte ich schnell ein lustig prasselndes Feuer an. Eine Handvoll Mehl aus dem nächsten Sack befeuchtete ich mit Wasser aus einem Kruge, knetete den Teig, rollte ihn zu einem flachen Kuchen aus und machte mich daran, ihn zu backen, nicht ohne dabei lächelnd an meine Mutter zu denken, und was sie wohl zu solcher unbeholfenen Kocherei sagen würde! Ganz fest überzeugt bin ich aber, daß sogar Patrik Lamb in höchsteigner Person, dessen Buch von der feinen Hofküche die gute Seele stets in der linken Hand hatte, wenn sie mit der rechten rührte und klopfte, mir damals kein schmackhafteres Gericht hätte zubereiten können, als das was ich mir eben in aller Eile zurecht machte; denn ich hatte nicht einmal soviel Geduld, das Braunwerden meines Mehlplatzes abzuwarten, sondern biß hinein und verschlang das Zeug halbgar und kaum recht heiß. Dann knetete ich mir einen zweiten zurecht, und nachdem ich ihn übers Feuer gestellt, zog ich meine Pfeife vor und setzte mich auf die Truhe, um mit dem Aufgebot meiner ganzen Philosophie und der beruhigenden Wirkung des Tabaks diesmal das Fertigwerden meines Kuchens abzuwarten.

In Gedanken versunken, grübelte ich niedergeschlagen darüber nach, wie hart unser Mißgeschick meinen Vater treffen würde, als mich ein lautes Niesen daraus aufschreckte, das so klang, als stände der Urheber dicht neben meinem Ohre. Mit einem Satz sprang ich auf und sah mich um. Aber hinter mir war nur die feste Mauer, vor mir das leere Zimmer. Fast überredete ich mich, ich sei das Opfer irgend einer Sinnestäuschung, da durchbrach von neuem ein gewaltsames Niesen länger und lauter als vorhin das Stillschweigen. Konnte sich jemand in einen Sack verkrochen haben? Ich zog mein Schwert und spickte in die großen Mehlsäcke, ohne indes etwas zu entdecken. Ich stand noch und sann staunend der Sache nach, da plötzlich brach ein ganz außerordentliches Gemisch von Keuchen, Schnauben und Pfeifen los, darunter Ausrufe wie: »O heilige Mutter!« »Gebenedeiter Heiland!« und dergleichen mehr. Diesmal konnte ich nicht zweifeln, woher der Lärm kam. Ich stürzte nach der großen Kiste, auf der ich gesessen, schlug den schweren Deckel zurück und guckte hinein.

Der Kasten war halb voll Mehl, in welchem sich ein Geschöpf herum wälzte, welches so über und über von einer förmlichen Kruste des weißen Puders bedeckt war, daß man es ohne sein klägliches Geschrei gar nicht für etwas Menschliches gehalten hätte. Ich bückte mich und zerrte den Mann aus seinem Versteck heraus. Sofort fiel er auf seine Kniee nieder, brüllte um Gnade und verbreitete bei jedem Winden und Verdrehen seines Körpers solche Staubwolken, daß auch ich niesen und husten mußte. Als der Mehlstaub allmählich von ihm abfiel, erkannte ich zu meiner Überraschung, daß er weder ein Müller noch ein Bauer, sondern ein Kriegsmann und noch dazu mit einem unverhältnismäßig großmächtigen Schwerte umgürtet war, das augenblicklich einem langen Eiszapfen nicht unähnlich sah. Auch einen großen stählernen Brustharnisch trug er, dagegen war seine Stahlhaube im Mehlkasten geblieben, und sein fuchsrotes Haar – das einzige Farbige an ihm – stand vor entsetzlicher Angst hoch zu Berge, während er mich anflehte, sein Leben zu schonen. Da mir seine Stimme bekannt vorkam, wischte ich ihm mit der Hand das Gesicht ab, wobei er gellend losbrüllte, als ob ich ihn schon erschlagen hätte. Die feisten Backen und die kleinen, gierigen Schweinsaugen waren unverkennbar. Es war niemand anders, als Meister Tetheridge, der großmäulige Stadtschreiber von Taunton.

Welch einen Gegensatz aber bildete er in dieser Verfassung gegen den Stadtschreiber, den wir damals gesehen, wie er im vollen Staat und Pomp seiner Amtstracht vor dem wohledeln Bürgermeister einherstolzierte, als wir von Somerset kommend in die Stadt einrückten! Wo war jetzt das kräftige Rot seiner Wangen, die damals so frisch aussahen, wie die Borsdorfer Äpfel? Wo war die selbstbewußte Haltung, der männliche Anstand? Er wand sich auf den Knieen in Todesfurcht, wobei seine großen Reiterstiefel zitternd zusammenklappten und leierte mit tonloser, bebender Stimme einen ganzen Rosenkranz von Entschuldigungen und Beschwörungen herunter, als wäre ich Feversham in Person, und wollte ihn eben zur sofortigen Hinrichtung schicken.

»Ich bin nur ein armer Schreiber, Durchlauchtigste Hoheit,« winselte er. »Weiß Gott – bloß ein armer unglücklicher Schreiber, Ew. Gnaden, den die Tyrannei seiner Vorgesetzten zu dieser Laufbahn gezwungen hat! Ein treuerer Unterthan, Ew. Erlaucht, hat niemals Rindsleder getragen! Aber wenn der Bürgermeister ›Ja‹ sagt, wie kann da der Ratsschreiber ›Nein‹ sagen? Habt Erbarmen mit mir, Mylord, habt Erbarmen mit dem allerbußfertigsten Sünder, dessen einziges Gebet es ist, daß Gott ihm vergönnen möchte, seinen letzten Blutstropfen für König Jakob hinzugeben.«

»Entsagt Ihr dem Herzog von Monmouth?« fragte ich mit barscher Stimme.

»Das thue ich – von ganzem Herzen!« gelobte er glühend.

»So schickt Euch an, zu sterben!« brüllte ich und riß mein Schwert aus der Scheide. »Denn ich bin einer seiner Offiziere.«

Beim Anblick der blanken Klinge erhob die erbärmliche Schreiberseele ein wahres Zetergeschrei, fiel platt aufs Gesicht, wand und krümmte sich wie ein Wurm, bis er endlich in mein Gesicht blickend wahrnahm, daß ich lachte. Daraufhin krabbelte er auf seine Kniee, rutschte noch ein wenig herum und stand endlich auf, sah mich aber noch immer furchtsam von der Seite an, als ob er meiner Absicht nicht recht traue.

»Ihr müßt mich doch noch kennen, Meister Tetheridge,« sagte ich. »Ich bin Hauptmann Clarke von Saxons Wiltshirer Infanterieregiment. Allerdings überrascht es mich, daß Ihr den Eid der Treue heute brechen wollt, den Ihr nicht nur selbst geleistet, sondern auch so vielen andern abgenommen habt.«

»Durchaus nicht, Herr Hauptmann, durchaus nicht!« antwortete er und blähte sich in gewohnter Weise auf, wie ein welscher Hahn, sobald er merkte, daß es keine Gefahr hatte. »Bei meinem Eid, ich bin noch immer ein so treuer Anhänger der guten Sache, wie nur je!«

»Das glaub ich Euch aufs Wort,« versicherte ich.

»Ich habe mich ja nur verstellt,« fuhr er fort und klopfte sich das Mehl von den Kleidern. »Ich übte nur ein wenig die Schlangenklugheit, die einem Kriegsmanne ebensowohl ansteht wie der Löwenmut. Ihr habt doch ohne Zweifel den Homer gelesen? Auch ich rühme mich eines Anfluges von klassischer Bildung. Ich bin nicht ein bloßer rauher Krieger, so tapfer ich meinen Mann vorm Feinde stehe! Meister Odysseus ist mein Typus, genau so, wie Meister Ajax der Eure!«

»Mir deucht, Meister Schachtelmännchen würde auf Euch am besten passen,« sagte ich. »Wollt Ihr die Hälfte dieses Kuchens haben? Wie seid Ihr eigentlich in den Mehlkasten geraten?«

»Wenn Ihr's wissen wollt – folgendermaßen,« erklärte er mit vollem Munde. »Ich gebrauchte eine Kriegslist nach der Sitte der größten Feldherrn, die ihren Ruhm vornehmlich dem Umstand verdanken, daß sie ihre Bewegungen auf das geschickteste zu verbergen wußten und immer da steckten, wo niemand sie finden konnte. Als nämlich die Schlacht verloren, und ich so viel gehauen und gestochen hatte, daß mein Arm erlahmt und meine Klinge stumpf geworden war, fand ich, daß ich allein von allen Tauntoner Bürgern am Leben geblieben war. Wenn wir auf dem Schlachtfelde wären, könntet Ihr die Stelle, wo ich stand, leichtlich an dem Ringe der Erschlagenen erkennen, der im Bereich meines Schwertarmes aufgetürmt lag. Da ich nun sah, daß alles verloren und unsre Kerls geflohen waren, bestieg ich des wohledeln Herrn Bürgermeisters Roß, in anbetracht daß der tapfere Herr es nicht mehr brauchte, und verließ langsam die Wahlstatt. Ich kann Euch versichern, ein gewisses Etwas in meinem Blick und meiner Haltung flößte den feindlichen Reitern Scheu ein und hinderte meine Verfolgung. Ein Dragoner warf sich mir allerdings in den Weg, aber ich fällte ihn mit einem gewaltigen Hiebe meines zweihändigen Schwertes. Ach! ich habe viel auf dem Gewissen. Manches Weib hab' ich zur Witwe, manch Kind zur Waise gemacht! Aber warum erdreisten sie sich auch, mir – barmherziger Gott – was ist das?!«

»Nur mein Pferd unten im Stall,« sagte ich.

»Ich dachte, es wären die Dragoner!« stammelte der Stadtschreiber und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »Aber Ihr und ich, wir würden ihnen entgegengetreten sein und hätten sie in die Pfanne gehauen, samt und sonders!«

»Oder würden in den Mehlkasten gekrochen sein,« sagte ich.

»Ich habe Euch noch nicht erklärt, wie ich da hineinkam,« fuhr er fort. »Ich war eben ein paar Meilen weit vom Schlachtfelde fortgeritten, da erblickte ich diese Mühle, und mir fiel ein, daß ein einzelner Mann wohl im stande sei, sie gegen eine ganze Schwadron zu verteidigen. Wir Tetheridges fliehen nicht gern. Vielleicht ist es ein übertriebenes Ehrgefühl oder Hochmut, aber das liegt nun mal so in der Familie. Seit meines Vaters Bruder als Marketender Iretons Fahnen folgte, haben wir so eine gewisse heldenhafte Ader in uns. Nun ich halte also und steige ab, um zu rekognoszieren, als mir der Racker von Gaul mit einem Ruck den Zügel aus der Hand reißt, und hast du nicht gesehen, ist er über Hecken und Gräben auf und davon. So war mir denn nichts geblieben, als mein gutes Schwert. Ich kletterte die Stiege herauf und überlegte eben, wie die Verteidigung am besten zu organisieren sei, da vernahm ich Pferdegetrappel, und unmittelbar darauf kamt Ihr selbst nach oben. Sofort legte ich mich in einen Hinterhalt und hätte schon längst einen Aus- oder Überfall gemacht, wenn nicht das Mehl mich halb erstickt hätte. Mir war, als stecke mir ein zweipfündiger Laib Brot im Schlunde. Um meinetwillen freut es mich, daß es so gekommen ist. In meiner blinden Wut hätt' ich Euch sonst gar leicht einen Schaden zufügen können. Da ich nämlich Euer Schwert gegen die Leitersprossen klirren hörte, vermeinte ich, Ihr wäret einer von König Jakobs Söldnern – am Ende gar der Hauptmann einer der Scharen vom Schlachtfeld.«

»Das ist alles ungemein klar und verständlich, Meister Tetheridge,« sagte ich und zündete wieder meine Pfeife an. »Auch Euer Gebahren, als ich Euch aus Eurem Versteck hervorzog, war natürlich ein bloßes Deckmäntelchen für Eure Tapferkeit. Aber genug davon. Wir müssen an die Zukunft denken. Was habt Ihr vor?«

»Bei Euch zu bleiben, Herr Hauptmann,« versetzte er.

»Nicht doch, das geht nicht,« erwiderte ich. »Ich trage nach Eurer Begleitung keinerlei Verlangen. Euer überschäumender Thatendrang könnte mich in Mißhelligkeiten verwickeln, die ich sonst vermeiden würde.«

»Bewahre! warum nicht gar! ich werde meinen kühnen Mut schon dämpfen!« rief er. »Bei diesen unruhigen Zeiten wird es Euch nicht gereuen, das Geleit eines erprobten, waffengeübten Mannes angenommen zu haben.«

»Erprobt und zu leicht erfunden,« gab ich, des prahlerischen Gewäsches müde, zurück. »Ich sage Euch ein für allemal: ich will allein meines Wegs ziehen.«

»Nun, nun, Ihr braucht drum nicht gleich so hitzig zu werden,« begütigte er und rückte ängstlich ein Endchen von mir fort. »Jedenfalls wär' es doch für uns beide am geratensten, bis Abend hier zu bleiben und dann zu versuchen, uns nach der Küste durchzuschleichen.«

»Das ist das erste vernünftige Wort, das Ihr gesprochen habt,« sagte ich. »Die königliche Reiterei wird jetzt wohl in Zoyländer Apfelwein und Bridgewater Bier schwelgen. Gelingt's uns durchzukommen, dann hat's keine Not mehr. Ich habe an der Nordküste gute Freunde, die uns gern in ihrem Kutter nach Holland übersetzen werden. Da Ihr doch mein Leidensgefährte seid, will ich Euch soweit meinen Beistand nicht versagen. Ich wollte, Saxon wäre bei mir geblieben. Wenn er nur nicht gefaßt wird!«

»Wenn Ihr den Oberst Saxon meint,« sagte der Stadtschreiber, »so scheint's mir, er gehört auch zu denen, die Hinterlist und Tapferkeit in sich vereinigen. Ein finstrer, grimmiger Soldat war er, das weiß ich, denn ich habe volle vierzig Minuten nach der Uhr Schulter an Schulter mit ihm gegen eine Schwadron Sarsfield-Dragoner gekämpft. Ein wenig grob und ungeschliffen war er in seinen Reden, und er konnte recht rücksichtslos gegen das Ehrgefühl eines Kavaliers sein; dennoch wäre es für die Armee im Felde ein Glück gewesen, wenn sie mehr Anführer seines Schlages gehabt hätte.«

»Da habt Ihr recht,« entgegnete ich; »aber da wir uns nun erfrischt haben, wird es Zeit, daß wir uns ein wenig ausruhen. Es kann immer sein, daß wir heut nacht einen weiten Weg zurücklegen müssen. Ich wollte, ich könnte eine Flasche Bier auftreiben.«

»Wie gern würde ich Euch Bescheid thun auf weitere gute Freundschaft,« stimmte mein Genosse bei, »was aber das Schlafen anbetrifft, so läßt es sich vortrefflich einrichten. Wenn Ihr jene Leiter hinauf klettert, werdet Ihr auf dem Boden ein paar leere Säcke finden, die ein ganz gutes Lager abgeben. Ich will unten bleiben und mir noch einen Brotkuchen backen.«

»Schön! Ihr bleibt also zwei Stunden auf Wache und weckt mich dann,« entgegnete ich. »Ich werde dann wachen, während Ihr schlaft.«

Er legte die Hand zur Beteuerung, daß er treulich aufpassen wollte, an den Schwertgriff und ich erklomm die Leiter – wenn auch nicht ganz ohne ein unbestimmtes beängstigendes Vorgefühl – warf mich oben auf mein hartes Lager, und war, von dem melancholischen Ächzen und Knarren der Windmühlenflügel eingelullt, bald in einen tiefen, traumlosen Schlummer gesunken.

Ich erwachte von leisen Fußtritten neben meinem Lager. Der kleine Schreiber war heraufgekommen und beugte sich über mich. Ich fragte ihn, ob meine Zeit um sei und ich aufstehen müsse, worauf er mit eigentümlich zitternder Stimme erwiderte, es habe noch reichlich eine Stunde Zeit damit, er wäre auch nur eben heraufgekommen, um zu sehen, ob er mir nicht irgend einen Dienst leisten könne. Ich war zu müde, um sein verschüchtertes Wesen und seine aschfahlen Wangen zu beachten, dankte ihm daher für seine Aufmerksamkeit, drehte mich auf die andre Seite und war gleich wieder eingeschlafen.

Mein nächstes Erwachen war von andrer, rauherer Art. Schwere Fußtritte stürmten die Stiege herauf, und ein Dutzend Rotröcke schwärmten in den Bodenraum. Aufspringend griff ich nach meinem Schwert, das ich handgerecht neben mich gelegt, aber die treue Waffe war verschwunden – gestohlen, während ich schlief! Unvorbereitet und waffenlos, wie ich war, wurde ich im Augenblick überwältigt und gebunden. Einer hielt mir die Pistole an die Schläfe und schwur, er würde mir das Hirn ausblasen, wenn ich muckse, die übrigen wickelten mir soviel Stricke um Leib und Arme, daß selbst Simson sich nicht hätte losreißen können. Da ich fühlte, daß hier jeder Widerstand vergeblich war, verhielt ich mich ganz still und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Weder jetzt noch früher lag mir besonders viel an meinem Leben, lieben Kinder, damals aber entschieden noch weniger als heute, denn jeder von euch ist eine kleine Ranke, die mich an diese Welt bindet. Wenn ich dann aber freilich all der Lieben gedenke, die jenseits meiner warten, dann scheint mir auch jetzt der Tod kein unwillkommener Bote zu sein. Was wäre das Leben ohne ihn für eine hoffnungslose Öde!

Nachdem sie meine Arme zusammengeschnürt hatten, schleppten mich die Soldaten wie ein Bund Heu die Leiter hinab in das untere Gelaß, das ebenfalls voll Soldaten war. In einer Ecke, nur durch die festen Fäuste eines stämmigen Korporals verhindert zu Boden zu sinken, ein Bild erbärmlichster Furcht mit klappernden Zähnen und schlotternden Knieen, erblickte ich den elenden Schreiber. Vor ihm standen zwei Offiziere. Der eine war ein kleiner dürrer, sonnverbrannter Mann mit dunkeln zwickernden Augen und behendem Wesen; der andre war groß und schlank und hatte einen langen goldblonden Schnurrbart, dessen Spitzen beinahe seine Schultern berührten. Der erste hielt mein Schwert in der Hand, und beide besahen die Klinge voller Interesse.

»Ein vorzüglicher Stahl, Dick,« meinte der eine, stemmte die Spitze auf die Fliesen und bog die Waffe, bis der Griff den Fußboden berührte. »Guck, mit welchem Schwung er zurückschnellt! Des Verfertigers Name steht nicht drauf, aber die Jahreszahl 1638 ist am Knauf eingraviert. Wo hast du es her, Bursch?« fragte er und blickte mich scharf und durchdringend an.

»Es gehörte vor mir meinem Vater,« antwortete ich.

»Dann will ich hoffen, er hat es für eine bessere Sache gezogen, als sein Sohn,« bemerkte der große Offizier höhnisch.

»Für eine ebenso gute, wenn auch nicht für eine bessere,« gab ich ihm zurück. »Dies Schwert ist stets für die Rechte und Freiheiten Englands gezogen worden und gegen die Tyrannei der Könige und die Bigotterie der Priester!«

»Welch prachtvolles Stichwort für die Bühne, Dick,« rief der Kleinere. »Wie war's doch gleich? Die Bigotterie der Könige und die Tyrannei der Priester? Na, wenn das Betterton vor den Lampen deklamierte, eine Hand aufs Herz gedrückt, die andre zum Himmel erhoben – das Parkett würde sich erheben wie ein Mann und Beifall klatschen!«

»Höchst wahrscheinlich,« sagte der andre und drehte an seinem Schnurrbart. »Hier haben wir aber keine Zeit zum Phrasendrechseln. Was machen wir nun zuerst mit dem Kleinen?«

»Hängen,« entgegnete sein Kamerad gleichgültig.

»Nein, nein, allergnädigste Herren,« heulte Meister Tetheridge, entwand sich plötzlich dem Griffe des Korporals und warf sich ihnen zu Füßen. »Hab' ich euch nicht gesagt, wo ihr den stärksten Soldaten aus dem ganzen Rebellenheere finden könntet? Hab' ich euch nicht zu ihm geführt? Bin ich nicht sogar zu ihm hinauf gekrochen und hab' ihm sein Schwert weggenommen, damit nicht etwa ein königlicher Unterthan bei seiner Ergreifung ums Leben käme? Wahrlich, wahrlich, ihr wollt mir doch solche Dienste nicht so treulos vergelten? Habe ich nicht gehalten, was ich euch verhieß? Ist er nicht ein Riese von Gestalt und wundersamer Stärke, wie ich euch voraussagte? Das ganze Heer würde mir's bezeugen, daß er im Einzelkampfe für zwei focht! Den habe ich euch ausgeliefert! Und nun werdet ihr mich doch sicherlich frei ausgehen lassen?«

»Vortrefflich deklamiert – höllisch gut!« sagte der kleine Offizier und klopfte mit der Fläche seiner rechten Hand leicht auf den Rücken der linken. »Die Betonung war richtig, die Aussprache deutlich! Ein wenig weiter zurück nach den Coulissen, Korporal, wenn ich bitten darf. So, ich danke! Jetzt du, Dick, jetzt kommt dein Stichwort.«

»Wirklich John, das ist zu albern!« rief der andre ungeduldig. »Ich lasse mir Maske und Kothurn gefallen, wo sie hingehören, aber du betrachtest das Spiel als Wirklichkeit, und die Wirklichkeit scheint dir ein Spiel. Was das Reptil hier gesagt hat, ist richtig. Wir müssen ihm unser Wort halten, wenn wir anders wollen, daß uns das Landvolk die Flüchtlinge ausliefert. Es geht nicht anders!«

»Ich persönlich bin für das Jeddarter Verfahren – erst gehangen, dann untersucht,« erwiderte sein Kamerad. »Allein hol' mich der Geier, ich dränge meine Ansichten niemand auf.«

»Nein, nein, es geht nicht,« beharrte der größere. »Bringt ihn nach unten, Korporal. Henderson kann mitgehen. Nehmt ihm Harnisch und Schwert weg. Seiner Mutter würden sie nicht weniger anmutig stehen! Ja, und hört mal, Korporal, ein paar Hiebe mit dem Steigbügelriemen über seinen feisten Rücken gerissen, können ihm gar nicht schaden und ihm höchstens ein Andenken an des Königs Dragoner hinterlassen.«

Mein schuftiger, verräterischer Kumpan wurde strampelnd und kreischend weggeschleppt. Gleich darauf verkündete ein durchdringendes Geheul, das allgemach schwächer und schwächer wurde, während er vor seinen Plagegeistern ausriß, daß der Wink verstanden war. Die beiden Offiziere stürzten an das Mühlenfensterchen und brüllten vor Lachen, selbst die gemeinen Soldaten, die ihnen verstohlen über die Schultern guckten, konnten sich nicht enthalten mit einzustimmen, woraus ich schloß, daß Meister Tetheridge, wie er seinen fetten Schmerbauch durch Hecken zwängte und kopfüber in Gräben hinein rollte, einen gar ergötzlichen Anblick darbot.

»Nun zu dem andern,« sagte der kleinere Offizier, kehrte sich vom Fenster ab und wischte sich die Lachthränen aus den Augen. »Der Balken dort drüben eignet sich ganz vorzüglich für unsern Zweck. Wo ist der Henker Broderick, der Profoß der Garde?«

»Hier bin ich, Herr Hauptmann,« antwortete ein mürrischer Soldat mit klobigen Gesichtszügen und trat schlürfenden Ganges vor. »Den Strick hab' ich, auch die Schlinge ist schon fertig.«

»Wirf ihn über den Balken da. Was fehlt dir denn an der Hand, du ungeschickter Schlingel, du hast ja einen Verband drum?«

»Mit Verlaub, gnädiger Herr,« erwiderte der Mann, »da ist so'n undankbarer, spitzohriger Schuft von Presbyterianer dran schuld. Ich hängte ihn bei Gommatch und that für ihn, was ich konnte. In Tyburn hätt' er nicht sorgfältiger behandelt werden können. Trotzdem schnappte er zu, als ich ihm noch mal mit der Hand übern Hals fuhr, um zu fühlen, ob auch alles in Ordnung sei, und hat mir ein tüchtiges Stück Fleisch aus dem Daumen gebissen.«

»Da thust du mir leid,« sagte der Offizier. »Du weißt natürlich, daß unter solchen Umstanden der Biß eines Menschen ebenso tödlich wirkt, wie der eines tollen Hundes. Eines schönen Morgens wirst du damit aufwachen, daß du bellst und um dich schnappst. Was! du erbleichst? Ich habe oft gehört, wie du deinen Opfern Ergebung und Mut gepredigt hast. Du fürchtest doch den Tod nicht?«

»Keinen rechtschaffenen christlichen Tod, Ew. Gnaden. Aber zehn Schilling Wochenlohn ist doch zu wenig, um einen Menschen für so'n Ende zu entschädigen.«

»Ach was – 's ist eben eine Lotterie, weiter nichts,« fuhr der Hauptmann munter fort. »Ich habe von solchen Fällen gehört, daß der Mensch sich dabei förmlich umkrempelt, so daß er mit den Hacken auf seinem Hinterkopf trommelt. Vielleicht ist das indes nicht so qualvoll, wie es aussehen mag. Jetzt aber schnell an dein Amt!«

Vier Soldaten packten mich bei den Armen, aber ich schüttelte sie mit aller Kraft ab, und trat wie ich glaube, festen Schrittes und gelassenen Angesichts unter den Balken, eine dicke rauchgeschwärzte Stange, welche nahe der Decke quer durch das Zimmer lief. Der Strick wurde hinüber geworfen, und der Henker legte mir mit zitternden Fingern die Schlinge um den Hals, wobei er besonders acht gab, daß er nicht in den Bereich meiner Zähne kam. Etwa sechs Dragoner packten das Seil am andern Ende und hielten sich fertig, mich in die Ewigkeit zu befördern.

Während meines ganzen wechselvollen Lebens habe ich nie wieder so dicht vor der Todesthür gestanden, als in jenem Augenblick. Und doch, so fürchterlich meine Lage war, ich konnte an nichts weiter denken, als an Salomon Sprents tättowierten Arm und wie sinnreich und kunstvoll er das Rot und Blau miteinander verschlungen hatte. Dabei war ich mir meiner Umgebung in allen Einzelheiten klar bewußt. Der kahle, fliesengepflasterte Raum, das einzige schmale Fenster, die lässige Haltung der beiden eleganten Offiziere, die zusammengestellten Waffen im Winkel, sogar das grobe Gewebe des roten Waffenrocks und das Muster der großen Messingknöpfe am Ärmel des Mannes, der mich hielt, sind meinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt.

»Wir müssen aber ordentlich und regelrecht verfahren,« bemerkte der lange Offizier und zog ein Notizbuch aus der Tasche. »Oberst Sarsfield wird Genaueres wissen wollen. Laß sehen! Nicht wahr, dies ist der siebzehnte?«

»Vier in dem Pächterhaus und fünf am Kreuzweg,« zahlte der andre an den Fingern ab. »Dann der Kerl, den wir im Gebüsch erschossen, und der Verwundete, der uns bei einem Haar durch schnelles Sterben zuvorgekommen wäre. Dann zwei im Wäldchen am Fuß des Hügels. Auf mehr besinne ich mich nicht. Ungerechnet natürlich die, welche gleich nach der Affaire in Bridgewater baumeln mußten.«

»Es wäre unziemlich, unsre Vorschriften unbeobachtet zu lassen,« fuhr der Lange fort: »Kirke und seine Kerls, die doch so wie so halbe Barbaren sind, mögen sich's immerhin leisten dürfen, ohne Unterschied und ohne weiteres zu hängen und zu köpfen, aber wir müssen ihnen mit gutem Beispiel voran gehen. Wie heißt du, Bursch?«

»Ich heiße Hauptmann Micha Clarke,« versetzte ich.

Die beiden Offiziere wechselten einen Blick, und der kleinere that einen langen Pfiff.

»Er ist es!« sagte er. »Wer viel fragt, kriegt viel Antwort! Ob mir nicht so etwas geschwant hat! Er sollte ja von ungewöhnlich großem Gliederbau sein, hieß es.«

»Sage mir Kerl, kennst du einen gewissen Major Ogilvy von der blauen Garde?« fragte der Blonde.

»Da ich die Ehre hatte, ihn gefangen zu nehmen und seitdem mit ihm Soldatenkost und -quartier geteilt habe, darf ich wohl mit einigem Recht behaupten, daß ich ihn kenne,« antwortete ich.

»Macht den Strick los!« befahl der Offizier, und der Henker zog mir verdrossen die Schlinge über den Kopf.

»Junger Mann,« fuhr der blonde Hauptmann fort, »Ihr seid sicherlich zu etwas Großem bestimmt, denn Ihr werdet nie in Eurem Leben dem Grabe näher sein als heut bis zu dem Tage, wo man Euch wirklich hineinlegt. Major Ogilvy hat Himmel und Erde bewegt, um Euch und Euren verwundeten Kameraden, der in Bridgewater krank liegt, zu retten. Euer Name ist sämtlichen Reiteroffizieren mitgeteilt worden mit dem Befehl, Euch unversehrt einzubringen, falls Ihr ergriffen würdet. Doch muß ich Euch gleichzeitig mitteilen, um ganz ehrlich gegen Euch zu sein, daß zwar des Majors Fürsprache Euch beim Kriegsgericht nützen mag, daß sie Euch aber beim bürgerlichen Gerichtshof, vor dem Ihr schließlich verhört werdet, wenig helfen wird.«

»Ich wünsche mir nichts Besseres, als das Los und Schicksal meiner Waffenbrüder zu teilen,« antwortete ich.

»Nein, wahrhaftig, – wie kann ein Mensch seine Errettung so grämlich auffassen,« unterbrach mich der jüngere Offizier. »Das macht die Situation so abgestanden und schal wie Marketenderbier. Otway würde sie ganz anders ausgenutzt haben! Könnt Ihr nicht einen etwas höheren Schwung nehmen? Wo ist sie?«

»Sie! Wer?« fragte ich.

»Sie. Die Sie. Die Frau. Euer Weib, Liebchen, Braut, wie Ihr wollt!«

»Die gibt's nicht,« versetzte ich.

»Da haben wir's! Was ist nun dabei anzufangen!« rief er in komischer Verzweiflung. »Sie müßte jetzt aus den Coulissen hervorstürzen und sich an Eure Brust werfen. Ich habe einmal gesehen, wie das Publikum nach einer solchen Scene die Schauspieler dreimal herausrief. Da geht nun hier ein vorzügliches Material verloren, weil niemand sich auf die rechte Mache versteht.«

»Ich dächte, wir hätten jetzt gerade was Besseres in der Mache, Jack,« mahnte sein Kamerad ungeduldig. »Unteroffizier Gredder, nehmt zwei Mann und eskortiert den Gefangenen nach der Kirche von Gommatch. Es ist Zeit, daß wir uns auf den Weg machen, in wenigen Stunden wird die Dunkelheit der Verfolgung Einhalt thun.«

Das Kommando erklang, die Leute stiegen hinab, holten ihre Pferde aus dem eingehegten Felde, in dem sie angepflöckt gewesen, und waren bald unter der Führung des langen Hauptmanns auf dem Marsch. Der theatersüchtige Lieutenant beschloß den Zug.

Der Unteroffizier, dessen Obhut ich übergeben war – ein großer breitschultriger Mann mit buschigen Augenbrauen – ließ mein eignes Pferd vorführen und half mir aufsteigen. Die Pistolen nahm er aber aus den Halftern und hing sie nebst meinem Schwert über seinen eignen Sattel.

»Soll ich ihm die Füße unterm Pferdebauch zusammenbinden?« fragte ein Dragoner.

»Nein, der Junge hat ein ehrliches Gesicht,« sagte der Unteroffizier. »Wenn er verspricht, ruhig mitzukommen, wollen wir ihm auch die Arme losmachen.«

»Ich will gar nicht entfliehen,« sagte ich.

»Dann bindet den Strick ab. Für einen tapfern Mann im Unglück habe ich immer was übrig, so wahr ich lebe. Sergeant Gredder heiß' ich, bei Mackays Regiment stand ich – jetzt beim Regiment Royal – ein Mann, der so saure Arbeit um so schlechten Lohn thun muß, wie nur einer in Sr. Majestät Diensten. Rechts schwenkt! Den Fußweg runter! Ihr reitet rechts und links von dem Gefangenen, ich hinter ihm. Unsre Karabiner sind geladen, guter Freund. Haltet fest an Euerm Versprechen.«

»Seid unbesorgt. Auf mein Wort könnt Ihr Euch verlassen,« gab ich zur Antwort.

»Euer kleiner Kumpan hat Euch einen Schurkenstreich gespielt,« sagte der Unteroffizier. »Er sah uns auf der Landstraße vorbeireiten, lief querfeldein auf uns zu und machte sich vom Hauptmann aus, daß sein Leben geschont werden solle, unter der Bedingung, daß er uns den stärksten, tüchtigsten Kriegsmann des Rebellenheeres, wie er sich ausdrückte, in unsre Hände überantworten werde. Ihr habt ja freilich wirklich recht ansehnliche Muskeln und Sehnen, obschon Ihr sicherlich zu jung seid, um schon sehr kriegserfahren zu sein.«

»Dies war mein erster Feldzug,« antwortete ich.

»Und wird vermutlich Euer letzter sein,« bemerkte er mit soldatischer Geradheit. »Ich habe verlauten gehört, daß der Staatsrat beabsichtigt, solch ein Exempel zu statuieren, daß die Whigs auf zwanzig Jahre und darüber einen Schrecken davon haben sollen. Sie werden einen Richter aus London herschicken, dessen Perücke mehr Furcht verbreiten wird, als unsre Helme. Der thut an einem Tage mehr Menschen ab, als wir bei der Verfolgung auf zehn Meilen. Bei Gott, ich wollte, sie nähmen uns diese Metzgerarbeit schon früher ab! Seht mal die Leichen dort am Baum! 's ist schlimme Zeit, wenn englische Eichen solche Eicheln tragen!«

»Freilich ist die Zeit schlimm,« sagte ich, »wenn Männer, die sich Christen nennen, solche Rache an armen einfältigen Bauern nehmen, die doch nur thaten, wozu ihr Gewissen sie trieb. Wenn die Führer und Offiziere büßen müssen, so ist das nur gerecht. War der Erfolg ihnen günstig, so trugen sie den Gewinn davon, und müssen nun, da sie das Spiel verloren, den Einsatz bezahlen. Aber es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, wie diese armen gottesfürchtigen Landleute behandelt werden.«

»Da ist freilich was Wahres dran,« pflichtete der Unteroffizier mir bei. »Handelte es sich zum Beispiel um so ein paar stockschnupfige näselnde Prediger, die alten glatthaarigen Leithammel, die ihre Herde zum Teufel führen, das wär' was andres. Warum können sie nicht in der Landeskirche bleiben? Die ist dem König gut genug, warum soll sie ihnen nicht gut genug sein? Oder haben sie so schwächliche Seelen, daß ihnen die Kost nicht bekommt, bei der doch jeder ehrliche Engländer gedeiht? Ihnen ist die große Landstraße nach dem Himmel zu gemein. Jeder muß 'nen separaten Fußsteig für sich haben und alle verlästern, die ihm nicht nachgehen wollen!«

»Ei nun,« wandte ich ein, »es gibt bei allen Konfessionen fromme gottesfürchtige Männer. Was liegt an dem, was ein Mensch glaubt, wenn er nur ein tugendhaftes Leben führt?«

»Mag doch jeder seine Tugendhaftigkeit für sich behalten,« sagte Unteroffizier Gredder, »und sie tief ins unterste Fach seiner Seele packen. Der Frömmigkeit, die auf der Oberfläche schwimmt, dem heiligen näselnden Predigerton, den himmelwärts verdrehten Augen, dem Ächzen und Stöhnen – dem trau' ich nicht. Das kommt mir vor wie falsches Geld, das sich von dem echten dadurch unterscheidet, daß es blanker ist und prächtiger aussieht.«

»Ein treffender Vergleich!« bemerkte ich. »Wie kommt es aber, Unteroffizier Gredder,« fuhr ich fort, »daß Ihr Euch überhaupt mit solchen Erwägungen abgebt? Die königlichen Dragoner haben doch sonst, wie die Rede geht – oder man müßte sie gröblich verleumden – ganz andre Dinge im Sinn.«

»Ich stand früher in Mackays Infanterie-Regiment,« entgegnete er kurz.

»Der ist mir dem Namen nach wohlbekannt,« sagte ich, »er soll nicht nur ein kluger, sondern auch ein frommer Mann sein.«

»Das ist er, das ist er wirklich,« rief der Unteroffizier warm. »Er ist äußerlich von streng soldatischem Wesen, aber in seiner Brust hat er das Herz eines Heiligen. Ich kann Euch versichern, in seinem Regiment kam gar kein Strapado vor, es war nie nötig. Jeder bis auf den letzten Mann fürchtete einen bekümmerten Blick seines Obersten mehr als den Profoß.«

Während unsers ganzen langen Rittes erwies sich mir der würdige Unteroffizier als ein wahrhafter Nachfolger des trefflichen Oberst Mackay. Er war ein Mann von außerordentlichem Verstande und besaß die Gewohnheit ernsten Nachdenkens. Die beiden Reiter rechts und links von mir ritten schweigend dahin wie die Ölgötzen, denn der gemeine Dragoner jener Tage konnte nur von Wein und Weibern reden und mußte hilflos verstummen, wenn irgend etwas andres aufs Tapet kam. Als wir endlich in das Dörflein Gommatch einritten, von dem aus man die Ebene von Sedgemoor überblickt, nahmen mein Wächter und ich mit gegenseitigem Bedauern voneinander Abschied. Als letzte Gunst bat ich ihn, Covenant unter seine Obhut zu nehmen, versprach monatlich eine gewisse Summe für seinen Unterhalt zu zahlen, und vermachte ihm das Pferd zu eignem Gebrauch, falls ich es nicht binnen Jahresfrist forderte. Eine Last fiel mir von der Seele, als ich meinen guten Kameraden fortführen sah, der sich mit großen fragenden Augen nach mir umsah, als sei er unfähig zu begreifen, warum wir getrennt würden. Es mochte nun kommen, was da wollte, ihn wenigstens wußte ich im Gewahrsam eines guten Mannes, der dafür sorgte, daß ihm kein Leid geschah.

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