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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 32
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
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secondcorrectorGerd Bouillon
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XXXI.

Das Mädchen im Moor und die Blase, die dem Sumpf entstieg.

Ganz Bridgewater befand sich in fieberhafter Aufregung, als wir einritten. König Jakobs Streitmacht stand nur vier Meilen entfernt auf der Heide von Sedgemoor, und man vermutete, daß sie sofort einen Vorstoß unternehmen und die Stadt erstürmen würde. Nach Eastover zu waren ein paar rohe Schanzen aufgeworfen und zwei Brigaden darin postiert, während der Rest des Heeres auf dem Markt- und dem Burgplatz in Reserve gehalten wurde. Gegen den Nachmittag kamen indes Patrouillen und Bauern aus den Marschen mit der Nachricht, daß kein Angriff zu besorgen sei. Die königlichen Truppen hatten sich gemütlich in den kleinen Dörfern der Nachbarschaft einquartiert, und nachdem sie von den Pächtern Bier und Apfelwein requiriert hatten, zeigten sie keinerlei Absicht, angriffsweise vorzugehen.

Die Stadt wimmelte von Frauen, den Müttern, Schwestern und Weibern unsrer Bauern, die von fern und nah gekommen waren, um die Ihrigen noch einmal zu sehen. In der Fleetstraße oder in Cheapside zu London wogt an einem Geschäftstage kein dichteres Gedränge, als es am heutigen Tage in den Straßen und Gassen dieser kleinen Landstadt der Fall war. Soldaten in Lederkoller und hohen Stiefeln, feuerrote Milizen, braune Tauntoner mit ihren besonders ernsthaften Gesichtern, in leichten Wollstoff gekleidete Pikenmänner, wilde, zerlumpte Grubenarbeiter, Jockels in Leinwandkitteln, kecke, verwitterte Seeleute, hohlwangige Klippenbewohner von der Nordküste, alles drängte und stieß sich in dichten, bunten Massen durcheinander. Dazwischen bewegten sich Landfrauen mit Strohhüten, die mit lauter Stimme die Ihrigen ermahnten und warnten, sie umhalsten und weinten. Hin und wieder sah man zwischen den bunten Trachten und blitzenden Waffen die düstre Gestalt eines puritanischen Predigers mit langwallendem schwarzem Überwurf und Schlapphut, der kurze, feurige Mahnworte und kernhafte Sprüche ins Volk hinein rief, von denen der Männer Herzen erglühten wie von altem Wein. Ab und zu erklang aus dem Haufen ein wild grimmiger Schrei, wie der Laut eines edlen Jagdhundes, der an der Leine zerrt und vor Begierde brennt, seinem Gegner an die Kehle zu springen.

Unsre Regimenter durften in die Quartiere gehen, als es sich herausstellte, daß Feversham an keinen Angriff dachte, und beschäftigten sich eifrig mit der Zubereitung der Lebensmittel, die wir mitgebracht hatten.

Es war ein Sonntag. Die Luft war warm und erquickend, der Himmel klar und blau, und ein leichter Wind trug den lieblichen Duft von Feldern und Wiesen herüber. Den ganzen Tag klang das Sturmläuten der Dörfer ringsum über die sonnige Landschaft dahin. Die Oberfenster und roten Dächer der Häuser waren gedrängt voll bleicher Frauen- und Kindergesichter, die nach Osten schauten, wo die roten Flecken auf dem fahlen Moor die Stellung des Feindes bezeichneten.

Um vier Uhr hielt Monmouth zum letztenmal Kriegsrat und zwar auf der Plattform des breiten viereckigen Kirchturms von Bridgewater, von der aus sich die eigentliche Spitze erhebt und hoch in die Luft ragt. Man hat von dort aus einen weiten Rundblick über das Land. Seit meinem Ritte zu Beaufort war ich trotz meines niederen Ranges in der Armee stets zu diesen Versammlungen berufen worden. Es waren im ganzen etwa dreißig Männer oben um den Fürsten geschart, Soldaten und Höflinge, Puritaner und Kavaliere, welche jetzt die gemeinsame Gefahr verband. Der nahende Wendepunkt in ihrem Geschick hatte auch die Unterschiede des Gebahrens, die sie sonst voneinander trennten, sehr vermindert. Der Sektierer hatte etwas von seiner finstern Förmlichkeit verloren und brannte vor Begier auf den Kampf, während die gefahrvolle Lage den leichtfertigen Gecken zu ungewohntem Ernst herabstimmte. Vergessen waren die alten Mißhelligkeiten, sie lehnten über die Brustwehr der Zinnen und schauten ernsthaften Antlitzes nach den Rauchsäulen, die längs des Horizontes aufstiegen.

Blaß und hohläugig stand König Monmouth unter seinen Hauptleuten, mit dem vernachlässigten Äußeren eines Mannes, den nagende Gemütsunruhe gegen die Sorge um die eigne Person gleichgültig macht. Seine schmale weiße Hand zuckte und zitterte, als er den elfenbeinernen Feldstecher zu den Augen erhob – ein jammervoller Anblick! Lord Grey reichte, als ich oben ankam, eben sein eignes Glas dem Oberst Saxon, der beide Ellenbogen auf die rauhe Steinmauer stützte und lange und aufmerksam nach dem Feinde hinüber spähte.

»Das sind dieselben Regimenter, die ich einst geführt habe,« sagte Monmouth endlich leise, als würden seine Gedanken unwillkürlich zu Worten. »Dort drüben rechts sehe ich Dunbartons Infanterie. Ich kenne die Leute. Sie fechten gut. Hätten wir sie hier, es stünde besser um uns!«

»Nicht doch, Ew. Majestät,« unterbrach ihn Lord Grey lebhaft. »Ihr thut Euren braven Anhängern bitter Unrecht. Auch sie werden bis zum letzten Blutstropfen für Eure Sache fechten.«

»Seht sie Euch an!« sagte Monmouth traurig und deutete auf die wimmelnden Menschenhaufen in den Straßen hinab. »Tapfrere Herzen schlugen niemals in englischen Busen; aber merkt Ihr wohl, wie sie lärmen und zanken wie Feldarbeiter am Feierabend? Vergleichet sie mit der streng gegliederten Ordnung der geübten Bataillone. Ach! daß ich diese ehrlichen Seelen aus ihren heimischen Hütten herausgerissen habe, um in einem so hoffnungslosen Kampfe zu erliegen!«

»Hört einmal hin, Sire!« rief Wade. »Die Leute halten ihn nicht für hoffnungslos – und wir auch nicht!«

Indem er sprach, erscholl ein langgedehnter, wilder, einstimmiger Ruf aus der Menge drunten, die einem Prediger zuhörte, der von einem Fenster aus zu ihnen redete.

»Es ist der würdige Dr. Ferguson,« sagte Sir Stephan Timewell, der soeben auf die Plattform trat. »Er ist gleich einem, den der Geist Gottes treibt und ihm mächtige Worte eingibt. Wahrlich, er gleicht einem der Propheten des Alten Bundes. Zum Text hat er sich die Worte gewählt: ›Der Herr, der starke Gott, der Herr weiß, so weiß Israel auch: fallen wir ab, oder sündigen wir wider den Herrn, so helfe er uns heute nicht!‹«

»Amen, Amen!« riefen mehrere puritanische Krieger andächtig, während ein zweites heiseres Begeisterungsgeschrei drunten, begleitet von Sensenklirren und Waffengerassel bewies, wie leidenschaftlich die Leute von den glühenden Worten des Fanatikers ergriffen waren.

»Sie scheinen wirklich schlachtenlustig zu sein,« sagte Monmouth mit freierem Aufblick. »Es mag sein, daß einer, der wie ich reguläre Truppen befehligt hat, geneigt ist, zu viel Gewicht auf den Unterschied zu legen, den straffe Zucht und Disziplin machen. Die braven Leute da unten scheinen mutig und beherzt zu sein. Oberst Saxon, was haltet Ihr von der Aufstellung des Feindes?«

»Meiner Treu, ich halte sehr wenig von ihr, Ew. Majestät,« antwortete Saxon schroff. »Ich habe in vielen Ländern und unter vielen Befehlshabern Armeen in Schlachtordnung aufgestellt gesehen. Ich habe auch den Abschnitt ›De re militari‹ von Petrinus Bellus gelesen, der diese Sache behandelt, auch über dasselbe Thema die Werke eines berühmten Flamänders, allein ich habe nirgends gesehen oder gehört, was die Anordnungen, die wir da vor uns sehen, gut heißen könnte.«

»Wie heißt das Dörfchen da links – das mit dem viereckigen, epheuumrankten Kirchturm?« wandte sich Monmouth zu dem Bürgermeister von Bridgewater, einem kleinen Männchen mit sorgenvoller Miene, dem augenscheinlich gar nicht wohl war in der hervorragenden Stellung, in die sein Amt ihn versetzt hatte.

»Westonzoyland, Ew. Edlen – das heißt Ew. Gnaden – ich meine Ew. Majestät,« stammelte er. »Das andre zwei Meilen weiter ist Middlezoy und das da links weiterhin jenseits des Rheins ist Chedzoy.«

Der König schrak heftig zusammen.

»Des Rheins, Herr? Was soll das heißen?« fuhr er den schüchternen Bürger so grimmig an, daß dieser den kleinen Rest geistigen Gleichgewichts, der ihm noch übrig war, ganz verlor.

»Na ja, der Rhein, Ew. Gnaden, Ew. Majestät,« stotterte er, »der Rhein, wissen Ew. Majestät – Gnaden, ja wohl, das ist – das nennen die Leute hierzulande den Rhein!«

»Man nennt hier die tiefen, breiten Abzugsgräben so, Ew. Majestät, durch welche die großen Sümpfe von Sedgemoor entwässert werden,« sagte Sir Stephan Timewell.

Monmouth wurde weiß bis in die Lippen, und die Herren seiner Umgebung wechselten bedeutungsvolle Blicke, denn alle erinnerten sich des sonderbaren prophetischen Reimes, den ich von Sir Jakob Clancing ins Lager mitgebracht hatte.

Major Hollis, ein alter Cromwellianer, der die Lage der Dörfer, in denen der Feind sich einquartiert hatte, eben auf einen Plan gezeichnet hatte, unterbrach das allgemeine Stillschweigen.

»Ew. Majestät geruhen zu bemerken,« sagte er, »daß die Stellung des Feindes lebhaft an die des schottischen Heeres vor der Schlacht von Dunbar erinnert. Cromwell lag in Dunbar, wie wir hier in Bridgewater. Das Terrain ringsum, das morastig und unsicher war, hatte der Feind inne. Bis auf den gemeinen Mann herab erkannte jeder im Heere, daß, wenn der alte Leslie seine Position nicht änderte, uns, menschlich geredet, nichts übrig blieb, als mit Hinterlassung unsers Gepäcks und aller Geschütze, so gut es ging, zu Schiff nach Newcastle zu flüchten. Es begab sich indes nach dem Willen der Vorsehung, daß er seine Stellung so änderte, daß ein bodenloser Sumpf zwischen seinem rechten Flügel und dem Rest seines Heeres sich befand. Cromwell überfiel diesen Flügel in der frühen Morgendämmerung, zersprengte ihn so total, daß die ganze Armee in panischem Schrecken floh und wir sie schlugen und verfolgten bis unter die Thore von Leith. Siebentausend Schotten büßten ihr Leben dabei ein, aber von unsern Getreuen höchstens so gegen hundert. Wollen nun Ew. Majestät die Gnade haben und durch das Glas sehen, so werden Sie bemerken, daß zwischen diesen Dörfern etwa eine Meile Sumpfland liegt und daß das nächste – es heißt, glaube ich, Chedzoy – von uns zu erreichen ist, ohne daß wir das Moor betreten. Wäre der Lord-General hier, so bin ich überzeugt, er würde uns raten anzugreifen.«

»Zwar ist es ein keckes Wagestück, mit ungeübtem Landvolk alte Soldaten anzugreifen,« ließ sich Sir Stephan Timewell vernehmen; »dennoch wenn es sein muß, so weiß ich, daß kein Mann, der im Bereich der Glocken von St. Maria Magdalena geboren ist, davor zurückbeben wird.«

»Ihr habt recht, Sir Stephan,« sagte Monmouth. »Bei Dunbar hatte Cromwell Veteranen hinter sich, und vor sich eine Armee von geringer, kriegerischer Erfahrung.«

»Trotzdem liegt viel Wahres in dem, was Major Hollis gesagt hat,« bemerkte Lord Grey. »Wir greifen entweder an, oder wir werden umzingelt und ausgehungert. Da das so ist, warum nicht den Vorteil nützen, den uns Fevershams Unwissenheit oder Sorglosigkeit gibt? Morgen, wenn Churchills Rat bei seinem Vorgesetzten durchgedrungen sein wird, werden wir höchstwahrscheinlich das Lager verändert finden und Ursache haben, die verlorene Gelegenheit zu beklagen.«

»Die Kavallerie liegt in Westonzoyland,« sagte Wade, »die Sonne blendet jetzt so, daß man's bei dem Glitzern und den Dünsten, die von der Marsch aufsteigen, kaum erkennen kann. Noch vor wenigen Minuten vermochte ich durch mein Fernrohr die Pferde zu unterscheiden, die in langen Reihen auf der Heide hinter dem Dorfe angepflöckt sind. Dort hinten, in Middlezoy, stehen tausend Milizen, während in Chedzoy, wohin unser Angriff sich richten würde, fünf Regimenter reguläre Infanterie sich befinden.«

»Könnten wir die durchbrechen, dann wäre alles gut,« rief Monmouth. »Was ratet Ihr, Oberst Buyse?«

»Mein Rat ist immer derselbe,« sagte der Deutsche. »Wir sind hier, um zu fechten, und je eher wir ans Werk gehen, desto besser!«

»Und der Eure, Oberst Saxon? Stimmt Ihr mit der Ansicht Eures Freundes überein?«

»Ich denke ganz wie Major Hollis, Ew. Majestät, daß Feversham sich durch seine Dispositionen eine offenbare Blöße gegeben hat, die wir unbedingt sofort ausnutzen sollten. Aber in anbetracht dessen, daß geschulte Soldaten und zahlreiche Reiterei bei Tageslicht einen überwiegenden Vorteil gewähren, würde ich für einen Camisado oder nächtlichen Überfall stimmen.«

»Ich hatte denselben Gedanken,« sagte Grey. »Unsre Freunde hier kennen jeden Fußbreit Erde und könnten uns sicherlich ebensogut bei Nacht wie bei Tage nach Chedzoy führen.«

»Ich habe mir sagen lassen,« fügte Saxon hinzu, »daß drüben im Lager Bier und Apfelwein in Strömen fließt. Wenn das wahr ist, können wir sie am Ende überrumpeln, während ihnen noch von dem starken Getränke der Kopf brummt, und sie kaum unterscheiden können, ob wir oder die Branntweinteufel ihnen im Genick sitzen.«

Der einstimmige Beifall der ganzen Versammlung bewies, wie willkommen allen die Aussicht war, endlich nach all den ermüdenden Märschen und Verzögerungen der letzten Wochen zum Schlagen zu kommen.

»Hat einer der Herren vielleicht noch etwas gegen diesen Plan einzuwenden?« fragte der König.

Wir sahen uns alle einer den andern an, aber obgleich auf manchen Gesichtern Zweifel oder Besorgnis zu lesen war, so wußte doch niemand etwas gegen den nächtlichen Überfall einzuwenden. Der Angriff blieb so oder so immer ein Wagnis, das leuchtete allen ein; in dieser Form war aber die Möglichkeit eines Erfolges wenigstens nicht ausgeschlossen. Und doch, lieben Kinder, bin ich überzeugt, daß dem Kühnsten unter uns das Herz entfallen wollte, als wir den Blick auf unsern kleinmütigen Anführer und sein trübes Antlitz wandten und uns frugen, ob dies der Mann sei, um ein so zweifelhaftes Wagnis erfolgreich durchzuführen.

»Wenn alle zustimmen,« sagte er, »so soll das Losungswort ›Soho‹ sein und der Angriff so früh nach Mitternacht wie nur möglich erfolgen. Einzelheiten betreffs der Schlachtordnung bleiben vorläufig dahingestellt. Ich bitte die Herren, zu ihren Regimentern zurückzukehren und im Gedächtnis festzuhalten, mag nun Monmouth als gekrönter König von England, oder als vertriebener Flüchtling aus diesem Kampfe hervorgehen, er solange sein Herz noch schlägt, der wackern Freunde nicht vergessen wird, die ihm in der Stunde der Not zur Seite standen.«

Bei dieser einfachen, warmen Anrede überkam uns alle ein Aufwallen glühender Hingabe, gemischt – wenigstens bei mir – mit herzinnigem Mitleid mit dem armen schwachmütigen Herrn. Wir umdrängten ihn, zückten unsre Schwerter und gelobten, fest bei ihm zu stehen, ob auch die ganze Welt sich gegen ihn und seine Rechte auflehnte. Sogar die starren, zurückhaltenden Puritaner fühlten sich zu einer Äußerung der Loyalität hingerissen, während die Höflinge den Degen zogen und in so laute Heilrufe ausbrachen, daß die Menge unten, von ihrem Enthusiasmus angesteckt, die Luft mit dröhnendem Jubelgeschrei erfüllte.

Monmouths Augen gewannen Glanz und seine Wangen Farbe, als er den freudigen Zurufen lauschte. Für den Augenblick wenigstens sah er aus wie der König, den er vorstellen wollte.

»Ich dank' euch, meine lieben Freunde und Unterthanen!« rief er. »Der Ausgang steht bei dem Allmächtigen, aber was Menschen vermögen, werdet ihr heut Nacht thun, das weiß ich: wenn Monmouth nicht das ganze England haben darf, so sollen wenigstens sechs Fuß englischer Erde sein werden! Zu euren Regimentern indes – und Gott schütze das Recht!«

»Gott schütze das Recht!« rief die Versammlung feierlich und trennte sich dann, während Grey und der König noch zurückblieben, um die endgültigen Dispositionen zur Attacke zu entwerfen.

»Die höfischen Finkenritter haben immer verflixt eilig ihre Rapiere 'raus und fuchteln und schreien, wenn sie noch vier Meilen weit vom Schuß sind,« sagte Saxon, als wir uns einen Weg durch das Gedränge bahnten. »Ich bezweifle aber, daß sie sich ebenso vordrängen werden, wenn sie ein Linienregiment vor sich haben und vielleicht eine Schwadron ihnen in die Flanke fällt. Da kommt ja Freund Lockarby – augenscheinlich mit wichtigen Nachrichten.«

»Ich habe eine Meldung zu machen, Herr Oberst,« sagte Ruben, der ganz atemlos auf uns zugestürzt kam. »Ihr erinnert Euch, daß ich und meine Kompanie heute am Ostthor auf Wache sind.«

Saxon nickte.

»Ich wollte gern, soviel ich nur konnte, vom Feinde sehen und kletterte deshalb auf einen sehr hohen Baum, der gerade jenseits der Mauern steht. Von da aus konnte ich mit einem Fernglas gerade noch die Vorposten und das Lager erkennen. Indem ich nun hinsehe, bemerke ich einen Mann, der sich unter dem Birkengehölz auf halbem Wege zwischen dem Lager und der Stadt hinschleicht. Ich beobachte ihn genauer und merke, daß er sich auf uns zu bewegt. Endlich kam er so nahe, daß ich ihn deutlich erkennen konnte. Es war ein alter Bekannter. Aber anstatt durch das Ostthor direkt in die Stadt zu gehen, drückte er sich an einigen Torfstichen hin und gewann so wahrscheinlich einen andern Eingang. Es ist jedenfalls ein Mann, dem ich keine sonderliche Liebe für die Sache zutraue und ich glaube sicher, er ist mit Nachrichten von unserm Thun und Treiben im königlichen Lager gewesen, und nun zurückgekommen, um weiter zu spionieren.«

»Aha!« sagte Saxon und machte große Augen. »Wie heißt der Kerl?«

»Er heißt Derrick, war früher Geselle bei Meister Timewell in Taunton und ist jetzt Offizier beim Tauntoner Fußvolk.«

»Was, der junge Springinsfeld, der sein Auge auf die hübsche Jungfer Ruth geworfen hatte? Pfui über die Liebe, wenn ein ehrlicher Mann darüber zum Verräter wird! Aber mich dünkt, er gehörte zu den Auserwählten? Habe ich ihn nicht den Pikenträgern predigen hören? Wie geht es zu, daß ein Mann seines Kalibers der Sache der Prälatisten seine Hilfe leiht?«

»Auch aus Liebe wahrscheinlich,« schaltete ich ein. »Die Liebe ist wohl ein hübsches Blümchen, wenn es ruhig wachsen darf, aber ein unbändiges Unkraut, wenn sie beschnitten wird.«

»Er hat gegen viele von uns im Lager einen Spahn,« sagte Ruben, »und ich bin überzeugt, er würde unbedenklich die ganze Armee ins Verderben stürzen, wenn er nur zugleich sich an uns rächen könnte, wie ein Schurke das ganze Schiff anbohrt, in der Hoffnung einen Feind mit zu versenken. Sir Stephan selbst hat sich seinen Haß zugezogen, weil er seine Enkelin nicht zwingen mochte, ihn zu heiraten. Jetzt ist er wieder im Lager, und ich habe es Euch gemeldet, damit Ihr erwägt, ob es nicht gut wäre, einen Zug Pikenmänner abzuschicken und ihn festnehmen zu lassen, damit er nicht noch einmal den Spion macht.«

»Das wäre vielleicht am besten,« erwiderte Saxon nachdenklich, »aber der Kerl wird natürlich irgend einen glaubhaften Vorwand in Bereitschaft haben, der unserm bloßen Verdacht die Spitze abbricht. Könnten wir ihn nicht auf der That ertappen?«

Ein Gedanke fuhr mir durch den Kopf.

Ich hatte vom Turm aus eine einzelne einsame Hütte am Wege nach dem feindlichen Lager bemerkt. Zu beiden Seiten dehnte sich das sumpfige Moor. Wer dorthin wollte, mußte diesen Weg einschlagen und die Hütte passieren. Wenn Derrick wirklich versuchte, Feversham unsre Pläne mitzuteilen, konnte er an diesem Punkt abgeschnitten und gefangen werden.

»Vortrefflich!« rief Saxon, als ich ihm den Plan auseinandersetzte. »Mein gelehrter Flamänder selbst hätte keinen besseren rusus belli erdenken können. Nehmt so viele Piken, wie ihr braucht, und ich will dafür sorgen, daß Meister Derrick mit neuen Nachrichten für Lord Feversham gespickt wird.«

»Aber, wenn eine Truppenabteilung hinaus marschiert,« sagte Ruben, »wird das nicht Aufsehen erregen? Könnten nicht bloß Micha und ich hingehen?«

»Freilich würde das besser sein,« versetzte Saxon. »Aber ihr müßt mir euer Wort drauf geben, daß ihr auf jeden Fall um Sonnenuntergang wieder zurück seid, denn eure Kompanien müssen eine Stunde vor dem Abmarsch in Reih und Glied stehen.«

Wir gaben mit Freuden das geforderte Versprechen. Nachdem wir uns vergewissert hatten, daß Derrick wirklich in der Stadt war, machte sich Saxon anheischig, in seiner Gegenwart ein paar Worte über die Pläne für heute Nacht fallen zu lassen, während wir unverzüglich nach unserm Bestimmungsort aufbrachen. Wir ließen unsre Pferde zurück, schlüpften durch das Ostthor und stahlen uns so versteckt als möglich durch Moor und Marsch, bis wir endlich auf den einsamen Fahrweg gelangten und uns dem erwähnten Hause gegenüber befanden.

Es war eine einfache, weiß getünchte, strohgedeckte Hütte. Über der Thür hing ein kleines Schild, worauf stand, daß der Eigentümer Milch und Butter verkaufe. Kein Rauch stieg aus dem Schornstein, und die Fensterladen waren verschlossen, woraus wir folgerten, daß die Leute, denen das Häuschen gehörte, aus ihrer gefährdeten Wohnung geflohen waren. Auf jeder Seite erstreckte sich das Moor; am Rande flach und schilfig wurde es weiterhin tiefer, und leuchtend grüner Schleim bedeckte die trügerische Oberfläche.

Wir klopften an die verwitterte Thür. Da wir aber, wie zu erwarten war, keine Antwort erhielten, stemmte ich meine Schulter dagegen und zwängte die Krampen aus dem Holzwerk.

Das Innere bestand aus einem einzigen Raum, in dessen einer Ecke eine Leiter stand, die durch ein viereckiges Loch in der Decke zu dem Schlafzimmer unter dem Dache führte. Ein paar Stühle und Schemel standen auf dem Estrich umher, und an einer Seite befand sich ein hölzerner Tisch mit großen, braunen Milchsatten darauf. Grüne Flecken an den Wänden und eine merkliche Senkung der Hütte nach einer Seite erwiesen sich offenbar als Folgen ihrer feuchten, moorumgürteten Lage.

Zu unserm Erstaunen befand sich doch noch ein Bewohner in diesen Mauern.

Inmitten des Zimmers gerade der Thür gegenüber stand, als wir eintraten, ein kleines goldlockiges Mägdlein von etwa fünf bis sechs Jahren. Sie hatte ein reines, weißes, linnenes Kittelchen an, das von einem zierlichen Ledergürtel mit blanker Schnalle zusammengehalten wurde. Zwei rundliche Beinchen in Socken und Lederschuhen guckten unter dem Rock hervor. Den rechten Fuß etwas vorgestemmt, das Köpfchen zurückgeworfen, die großen blauen Augen verwundert und trotzig auf die Eindringlinge gerichtet, stand sie da wie einer, der entschlossen ist, seinen Platz zu behaupten. Als wir eintraten, schlug die kleine Hexe mit einem Tuch nach uns und machte »schuh, schuh« – als ob wir ein paar zudringliche Hühner wären, die sie aus dem Hause scheuchen müßte.

Ruben und ich standen auf der Schwelle, unsicher und linkisch, wie ein paar hochaufgeschossene Schuljungen, und blickten auf das Elfenkind herab, in dessen Reich wir eingedrungen waren, und wußten nicht recht, sollten wir Fersengeld geben oder durch sanfte, schmeichelnde Worte ihren Zorn zu besänftigen suchen.

»Geht weg!« rief sie und wedelte und schlug immerfort mit ihrem Tuch. »Geht weg! Großchen hat gesagt, ich soll jedem, der herkommt, sagen, er soll weg gehen!«

»Aber wenn sie nun nicht gehen wollen, mein Jüngferchen?« fragte Ruben, »was sollst du dann machen?«

»Ich soll sie wegjagen,« erwiderte sie und trat heftig wedelnd und unerschrocken auf uns los. »Du böser Mann!« fuhr sie mich anblitzend fort, »du hast Großchens Riegel zerbrochen.«

»Ich will ihn wieder ganz machen,« entgegnete ich reuig, hob einen Stein auf und klopfte die Krampen fest. »So Jungfer, nun wird die Großmutter gar nichts merken.«

»Ihr müßt aber doch weg,« beharrte sie, »dies Haus ist Großchens Haus, und ihr habt nichts darin zu suchen.«

Was sollten wir mit dieser entschlossenen kleinen Marschländerin anfangen? Wir mußten notwendig im Hause bleiben, denn in der ganzen öden Sumpfgegend war weit und breit keine andre Deckung, kein Dickicht, in dem wir uns hätten verbergen können. Sie war indes darauf erpicht, uns hinauszutreiben und zwar mit einer Entschlossenheit und Furchtlosigkeit, die Monmouth hatte beschämen können.

»Du verkaufst ja Milch,« sagte Ruben, »wir sind müde und durstig und möchten gern einen Becher trinken.«

»Wirklich?« rief sie, und das ganze Gesichtchen strahlte, »und wollt ihr mich auch dafür bezahlen, wie die Leute Großchen bezahlen? Heißa! Das ist aber nett!«

Sie kletterte auf einen Schemel und füllte ein Paar tiefe Krüge aus den Schüsseln, die auf dem Tische standen.

»Einen Groschen, bitte!« sagte sie.

Es war drollig anzusehen, mit welcher Wichtigkeit das kleine Hausmütterchen die Münze in ihr Kittelchen steckte und wie ihr ganzes unschuldiges Gesichtchen von Stolz und Freude leuchtete ob des glänzenden Geschäftes, das sie für ihr abwesendes »Großchen« gemacht hatte. Wir trugen unsre Milch auf das Fensterbrett, machten die Läden auf und setzten uns so, daß wir die Straße entlang sehen konnten.

»Trink langsam, um Gotteswillen!« flüsterte Ruben halblaut. »Wir müssen fortwährend Milch schlucken, oder sie wird uns wieder rauswerfen wollen.«

»Jetzt haben wir Zoll bezahlt,« gab ich zurück, »jetzt wird sie uns doch gewiß hier bleiben lassen.«

»Wenn ihr ausgetrunken habt, müßt ihr weggehen!« sagte sie fest.

»Wurden schon je ein Paar Kriegsleute von solchem kleinen Püppchen so tyrannisiert?« sagte ich lachend. »Hör mal, Kleine, wir wollen einen Vertrag miteinander machen. Wir bezahlen dir einen ganzen Schilling. Damit haben wir dir alle deine Milch abgekauft. Nun können wir hier bleiben und sie so gemächlich austrinken.«

»Jinny, unsre Kuh, ist nicht weit von hier auf der Weide,« versetzte sie eifrig. »Es ist beinah Melkzeit, und ich will sie herholen, wenn ihr mehr haben wollt.«

»Gott bewahre uns!« rief Ruben. »Am Ende müssen wir auch noch die Kuh kaufen. Wo ist denn deine Großmutter, mein Mädchen?«

»Sie ist in die Stadt gegangen,« entgegnete das Kind. »Böse Männer mit roten Röcken werden kommen, hat sie gesagt, die wollen stehlen und kämpfen. Aber Großchen wird sie schon wegschicken. Großchen ist fortgegangen, um das alles in Ordnung zu bringen.«

»Wir kämpfen ja gerade gegen die Männer in den roten Rücken, kleine Maus,« sagte ich; »wir wollen dir helfen dein Haus beschützen und wollen niemand etwas stehlen lassen.«

»Ei, dann dürft ihr da bleiben,« meinte sie, kletterte auf meine Kniee und saß da so ernsthaft, wie ein Spatz auf einem Ast. »Was bist du für ein großer, großer Junge!«

»Warum denn nicht ein Mann?« fragte ich.

»Weil du keinen Bart im Gesicht hast. Großchen hat ja mehr Haare am Kinn als du. Und dann trinken doch nur Jungens Milch, Männer trinken Most.«

»Nun, wenn ich ein Junge bin, will ich dein Schatz sein,« sagte ich.

»O nein!« rief sie und schüttelte das goldene Gelock. »Ich will noch lange nicht heiraten! Und dann ist Giles Martin aus Gommath mein Schatz. Was hast du für einen hübschen, blanken zinnernen Kittel an, und was hast du für ein großes Schwert! Wozu haben doch die Leute Schwerter und thun sich damit weh? Sie sind doch alle Brüder?«

»Weshalb sind sie alle Brüder, Jüngferchen?« fragte Ruben.

»Großchen sagt, alle Menschen sind Kinder unsers Vaters im Himmel,« entgegnete sie. »Wenn sie alle einen Vater haben, dann sind sie doch alle Brüder, nicht wahr?«

»Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge, – Micha,« sagte Ruben und starrte aus dem Fenster.

»Du bist ein seltenes Moorblümchen,« sagte ich, als sie sich aufrecht auf meine Kniee stellte, um meinen Stahlhelm anzufassen. »Ist es nicht wunderbar, Ruben, wenn man denkt, daß auf beiden Seiten hier Tausende von Christen einander nach dem Leben stehen und mitten darin ein blauäugiges Engelchen, das mit Kinderlippen die heilige Lehre herausplaudert, die uns allen das Herz weich und versöhnlich machen und uns alle gesund und unversehrt, jeden in sein Haus, zurücksenden möchte?«

»Ein Tag mit diesem Kinde würde mir das ganze Soldatenhandwerk verleiden,« versetzte Ruben, »Wenn man ihr zuhört, kommen einem Ritter und Schlächter wie ganz nahe Verwandte vor.«

»Vielleicht sind beide gleich unentbehrlich,« sagte ich und zuckte die Achseln. »Jedenfalls haben wir die Hand an den Pflug gelegt. Aber mich deucht, ich sehe den Mann, auf den wir warten, herankommen, dort im Schatten jener Reihe gestutzter Weiden.«

»Er ist's – ohne Frage!« rief Ruben und legte das Auge an die kleinen achteckigen Butzenscheiben.

Ich hob die Kleine von meinem Knie und setzte sie auf einen Stuhl in der Ecke.

»Du mußt hier sitzen bleiben, Maus,« sagte ich. »Du mußt ein braves Mädel sein und ganz still sitzen, was sich auch zutragen mag. Willst du das thun?«

Sie preßte die roten Lippen aufeinander und nickte.

»Er kommt rasch näher, Micha,« mahnte mein Kamerad, der noch am Fenster stand. »Sieht er nicht ganz aus wie ein listiger Fuchs oder ein ähnliches Raubtier?«

Es lag wirklich etwas in der hageren, schwarzgekleideten Gestalt und ihren behenden, verstohlenen Bewegungen, das an ein grausames, verschlagenes Raubtier erinnerte. Er schlich sich im Schatten der gekappten Bäume und Weidengebüsche hin mit vorgebeugtem Oberkörper und schattenhaft gleitendem Gange, so daß es von Bridgewater aus auch dem Scharfsichtigsten schwer gefallen wäre, ihn zu sehen. Eigentlich hätte er ruhig aus seinem Versteck vorkommen und sich quer übers Moor schlagen können, so weit war er schon von der Stadt, aber der grundlose Morast auf beiden Seiten verbot ihm den Fahrweg zu verlassen, bis er an der Hütte vorbei war.

Als er bei unserm Hinterhalt ankam, sprangen wir beide aus der geöffneten Thür und vertraten ihm den Weg.

Ich habe einmal den Independentenpastor in Emsworth Satans Äußeres schildern hören. Wenn der Ehrenmann an dem Tage bei uns gewesen wäre, er hatte fortan nicht mehr nötig gehabt, seine Phantasie anzustrengen. Das finstere Antlitz des Menschen erblich zu einer kränklich fahlen Blässe, er trat mit einem tiefen Atemzug einen Schritt zurück, und aus seinen schwarzen Augen schoß ein Blitz giftigen Hasses auf uns. Dann blickte er rasch nach allen Seiten, um irgend eine Gelegenheit des Entkommens zu entdecken. Seine Hand fuhr im ersten Augenblick an den Schwertgriff, aber im nächsten mochte sich ihm die Überzeugung aufdrängen, daß er kaum hoffen durfte, sich den Weg durch Fechten zu erzwingen. Dann blickte er sich um, aber der Rückzug hätte ihn denen in die Hände geliefert, die er verraten hatte. So blieb er mürrisch und verdrossen, das lange Gesicht mit den unruhig umherflackernden Augen auf die Brust gesenkt, stehen: der wahre Typus und die Verkörperung des Verrats.

»Wir haben schon lange auf Euch gewartet, John Derrick,« sagte ich. »Jetzt müßt Ihr mit uns zurück nach der Stadt.«

»Was habt ihr für Gründe, mich festzuhalten?« fragte er in heiseren, gebrochenen Tönen. »Wo ist der Haftbefehl? Wer hat euch dazu ermächtigt, Reisende auf offener Landstraße zu belästigen?«

»Mein Oberst hat mich dazu ermächtigt,« entgegnete ich kurz. »Ihr seid heut schon einmal in Fevershams Lager gewesen.«

»Das ist gelogen,« zischte er giftig, »ich gehe nur etwas spazieren, um Luft zu schöpfen.«

»Es ist die Wahrheit,« fiel Ruben ein. »Ich selbst sah Euch zurückkommen! Zeigt uns doch das Papier, das da aus Eurem Wams hervorguckt!«

»Ich weiß recht wohl, warum Ihr mir diese Schlinge gelegt habt,« schrie Derrick bitter. »Ihr habt böse Gerüchte über mich verbreitet, damit ich Euch nicht im Wege stehen sollte bei der Bürgermeisterstochter! Wer seid Ihr denn, daß Ihr die Augen zu ihr erhebt? Ein bloßer Herumtreiber und Bummler, von dem keiner weiß, von wo er hergelaufen ist. Wie kannst du es wagen, die Blume pflücken zu wollen, die unter uns erblüht ist? Was hattest du mit ihr zu schaffen, oder mit uns? Antworte mir!«

»Bei passenderer Zeit und Gelegenheit will ich über diesen Gegenstand sprechen,« entgegnete Ruben ruhig. »Jetzt gebt uns Euren Degen und kehrt mit uns zurück. Was ich kann, will ich thun, um Euer Leben zu retten, das verspreche ich Euch. Siegen wir heut Nacht, so kann Eure armselige Verräterei uns wenig schaden. Unterliegen wir, nun so werden unsrer wohl wenige übrigbleiben, denen sie schaden könnte.«

»Besten Dank für Euren gütigen Schutz,« versetzte er eiskalt in demselben bitteren Tone, nestelte sein Schwert los, während er sprach und schritt langsam auf meinen Kameraden zu. »Ihr könnt dies Jungfer Ruth zum Geschenk mitbringen,« fuhr er fort und reichte ihm die Waffe mit der linken Hand, »und dies obendrein!«

Damit riß er ein Messer aus seinem Gürtel und stieß es meinem armen Freunde in die Seite.

Das geschah so rasch – so plötzlich, daß ich weder Zeit hatte, mich dazwischen zu werfen, noch auch nur seine Absicht zu begreifen, bevor der Verwundete stöhnend zu Boden sank und das Messer klirrend zu meinen Füßen auf den trockenen Feldweg niederfiel. Der Schurke stieß ein gellendes Triumphgeschrei aus, wich geschickt meinem wütenden Schwertstoß aus, wandte sich und floh die Straße dahin mit Windeseile. Er war weit leichter und behender gebaut als ich und ohne Harnisch, allein vermöge meiner langen Beine und meines langen Atems war ich stets der beste Läufer in unserm Distrikt gewesen, und er mußte bald an meinen näher kommenden Fußtritten merken, daß er keine Aussicht hatte, mich los zu werden. Zweimal ließ er mich vorbeischießen und duckte sich wie der Hase, wenn ihm der Hund auf den Fersen ist, und zweimal fuhr mein Schwert nur einen Fuß breit an ihm vorbei; denn wahrhaftig, mir kam der Gedanke an Barmherzigkeit ebensowenig in den Sinn, als wenn er eine Giftschlange gewesen wäre, die vor meinen Augen ihren verderblichen Zahn in meines Freundes Leib geschlagen hatte. Es fiel mir nicht ein, sie zu gewähren, noch ihm, mich darum zu bitten. Endlich, da ich ihn fast erreicht hatte, wich er noch einmal seitwärts aus, sprang in das Schilfrohr und stürzte in den trügerischen Morast. Ich ihm nach.

Über die Knöchel, über die Kniee, ja bis zum Gürtel sanken wir zuweilen ein, arbeiteten uns wieder heraus, und von neuem kam ich ihm näher und näher. Schon hatte ich ihn beinahe erreicht und holte mit dem Schwerte zum Hiebe aus. Es war aber im Rate der Vorsehung beschlossen, daß er nicht den Tod eines Menschen, sondern den eines Reptils sterben sollte, das er auch war. Gerade als ich ihn packen wollte, da versank er mit dumpfem Gegurgel in dem grünen, zähen Schlamm, der sich über seinem Kopfe schloß. Keine Wellenringe, kein Aufspritzen bezeichnete den Ort seines Verhängnisses. Es geschah plötzlich und lautlos, als hätte ein greuliches Untier der Tiefe ihn hinabgerissen. Ich stand noch mit aufgehobenem Schwerte und starrte auf die Stelle – da stieg eine einzige große Blase auf und platzte an der Oberfläche. Dann war wieder alles still und rings um mich her die öde Einsamkeit der Marsch.

Ich weiß nicht, ob er wirklich unversehens in ein Loch geriet, das ihn verschlang, oder ob er sich mit Absicht hineinstürzte. Eins nur weiß ich, dort in den großen Sümpfen von Sedgemoor liegen die Gebeine des Spions und Verräters begraben.

Es gelang mir mit vieler Mühe, mich durch den zähen, aufquellenden Morast wieder nach dem festen Boden durchzuarbeiten, worauf ich eilends nach dem Orte zurücklief, wo Ruben noch lag. Ich beugte mich über ihn und erkannte nun, daß das Messer das Lederstück durchbohrt hatte, welches die Rücken- und Brustschiene unter dem Arm verband, und daß das Blut nicht nur der Wunde entströmte, sondern auch über die Lippen quoll. Mit zitternden Fingern löste ich Riemen und Schnallen der Rüstung und preßte meine Schärpe in die Wunde, um den Blutverlust zu hemmen.

»Du hast ihn doch nicht erschlagen, Micha?« sagte er plötzlich und öffnete die Augen.

»Eine höhere Macht hat ihn gerichtet, Ruben,« gab ich zur Antwort.

»Der arme Teufel! Kein Wunder, daß er verbittert war!« murmelte er und wurde von neuem ohnmächtig.

Wie ich so neben ihm kniete und sein weißes Gesicht, sein Ringen nach Atem beobachtete und dabei seiner Herzenseinfalt und Herzensgüte gedachte und seiner treuen Liebe für mich, die ich doch so wenig verdiente, da, lieben Kinder – ich schäme mich nicht es zu gestehen, obwohl ich ein Mann bin, der seine Rührung nicht gern zeigt – da mischten sich meine Thränen mit seinem Blute.

Inzwischen hatte Decimus Saxon Zeit gefunden, den Kirchturm zu besteigen, und durch sein Glas nach uns auszuspähen. Er hatte schnell bemerkt, daß etwas nicht richtig sein mußte, war in die Stadt geeilt, hatte einen geschickten Wundarzt aufgestöbert und erschien selbst mit ihm bei der Hütte nebst einer Eskorte von Sensenmännern.

Ich kniete noch immer neben meinem bewußtlosen Freunde und versuchte alles, was ein unwissender Mensch nur wußte und konnte, um ihm zu helfen, als die Freunde ankamen, mit deren Beistand ich ihn aus der Sonnenglut in die Hütte hinein trug. Die Minuten wurden mir zu Stunden, während der Mann der Wissenschaft ernsten Antlitzes die Wunde untersuchte.

»Sie wird wohl nicht tödlich sein,« sagte er endlich, und ich hätte ihn für das Wort umarmen können. »Die Klinge ist gegen eine Rippe gestoßen, und die Lunge nur leicht geritzt. Wir müssen ihn aber nach der Stadt tragen.«

»Da hört Ihr's,« sagte Saxon freundlich zu mir. »Dieser Arzt ist ein Mann, auf dessen Urteil ich etwas gebe.

›Ein tücht'ger Wundarzt wohlbewährt
Ist wohl an fünfzig Kriegsleut wert –.‹

»Faßt Mut, Mensch! Ihr seid ja so weiß, als wär's Euer eignes Blut und nicht seins, das vergossen worden ist. Wo ist Derrick?«

»Im Sumpf versunken,« sagte ich.

»Das ist gut! Es erspart uns einen hänfnen Strick! Hier sind wir übrigens in etwas exponierter Stellung. Die Dragoner können uns jeden Augenblick überfallen. Was ist denn das hier für ein kleines Jüngferchen, das so blaß und still im Winkel sitzt?«

»Sie mußte das Haus hüten. Ihre Großmutter hat sie hier gelassen.«

»Du sollst mit uns kommen, Kleine. Hier wird es bald drunter und drüber gehen.«

»Nein, ich muß auf Großchen warten,« sagte sie in weinerlichem Tone, während ihr die Thränen über die Backen liefen.

»Wenn ich dich nun aber zu Großchen bringe, Kleine,« sagte ich. »Wir können dich wirklich nicht hier lassen.«

Ich streckte meine Arme aus, und das Kind sprang hinein, schmiegte sich an meine Brust und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen sollte.

»Bring mich hier fort,« rief sie, »ich hab' Angst.«

Ich beschwichtigte das zitternde kleine Ding, so gut ich konnte, und trug sie an meine Schulter gedrückt hinweg.

Die Sensenmänner steckten die Griffe ihrer langen Waffen durch die Ärmel ihrer Wämser, so daß sie eine richtige Art von Tragbahre bildeten, worauf Ruben gelegt wurde. Der Wundarzt hatte ihm etwas Wein eingeflößt; dadurch war wieder ein Anflug von Farbe in seine Wangen gekommen, und er nickte und lächelte Saxon zu. Langsamen Schrittes zogen wir in Bridgewater ein, wo Ruben nach unserm Quartier gebracht wurde, während ich das kleine Mädchen vom Moor freundlichen Bürgersleuten übergab, welche versprachen, sie nach Hause zu bringen, sobald die Unruhen vorüber sein würden.

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