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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 31
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
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secondcorrectorGerd Bouillon
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XXX.

Der Fechter in der braunen Jacke.

Der Sergeant, ein großer, starkknochiger Westländer, stieß das Gatter auf, das den gewundenen Fußpfad von der Straße absperrte, und wir betraten den Garten. Da öffnete sich plötzlich drüben im Hause eine Thür, ein Strom rotgelben Lichtes flutete heraus, und wir sahen eine dunkle untersetzte Gestalt hinein springen. Im selben Augenblick erhob sich drinnen ein babylonisches Stimmengewirr, dann krachten zwei Pistolenschüsse, worauf ein tobendes Gebrülle und Gepolter begann, untermischt mit Schwertergeklirr und wilden Verwünschungen. Bei diesem plötzlichen Getöse rannten wir alle, so schnell wir konnten, den Pfad hinauf und guckten durch die offne Thür. Da bot sich uns ein Anblick, den ich nie vergessen werde, solange mein altes Gedächtnis ein Bild der Vergangenheit heraufzubeschwören im stande ist.

Das Zimmer war ein großer, hoher Raum. Von den rauchgeschwärzten Dachsparren hingen in langen Reihen Schinken und Speckseiten herab, wie gewöhnlich in Somersetshirer Bauernhäusern. Eine hohe schwarze Standuhr tickte in einer Ecke, und ein einfacher Brettertisch mit Tellern und Schüsseln, wie zu einer Mahlzeit zurechtgestellt, stand in der Mitte. Gerade gegenüber der Thür auf dem Herde flammte ein gewaltiges Feuer von großen Holzscheiten, und davor hing zu unserm unbeschreiblichen Entsetzen ein Mann mit dem Kopf nach unten an einem Seil, das um seine Fußknöchel geknotet durch einen Haken im Deckbalken geschlungen und an einem Ring in der Diele befestigt war. Durch sein Zappeln und Sträuben hatte der Unglückliche den Strick in kreisende Bewegung versetzt, so daß er sich jetzt vor der Lohe drehte, wie ein Braten am Spieß.

Quer über die Schwelle hingestreckt lag ein Weib, das wohl den furchtbaren Schrei ausgestoßen haben mochte, der uns hergeführt hatte. Aber ihr starres Antlitz, ihr zusammengekrampfter Körper sagte uns nur zu deutlich, daß unsre Hilfe zu spät gekommen war, um sie vor dem ihr drohenden Geschick zu retten. Dicht neben ihr lagen zwei sonnengebräunte Dragoner in den feuerroten Röcken der königlichen Armee übereinander hingestreckt am Boden, auch im Tode noch finster und dräuend. In der Mitte des Zimmers hieben und stachen zwei andre Dragoner mit ihren Schwertern auf einen untersetzten, breitschultrigen, mittelgroßen Mann los, der in groben, braunen Wollstoff gekleidet zwischen den Stühlen und um den Tisch hin und her sprang. Er parierte die Stöße mit seinem langen Korbdegen oder wich ihnen mit wunderbarer Behendigkeit aus, führte auch zwischendurch einmal einen Seitenhieb auf seine Gegner. So hart bedrängt er war, sprach sich doch in seinem energischen, entschlossenen Gesicht, dem festen Munde, den klaren, offenen Augen ein kühner Geist aus, und das vom Ärmel eines seiner Gegner tropfende Blut bewies, daß der Kampf kein so ungleicher war, als es den Anschein hatte. Indem wir noch hinsahen, sprang er zurück, um einem wilden Anprall der beiden Soldaten zu entgehen und zerschnitt mit einem raschen, scharfen Seitenhiebe das Seil, an dem das Opfer aufgehängt war. Der Körper schlug schwer auf die Ziegelsteine des Bodens, der Fechter aber schnellte im Umsehen nach einer andern Stelle des Zimmers und fuhr fort, die hageldicht fallenden Hiebe mit der äußersten Leichtigkeit und Gewandtheit abzuwehren oder zu vermeiden.

Ein paar Sekunden lang standen wir wie gebannt von dem merkwürdigen Auftritt. Aber gezaudert durfte hier nicht werden. Das leiseste Versehen oder Ausgleiten konnte dem ritterlichen Fremden verhängnisvoll sein. Mit hochgeschwungenen Schwertern sprangen wir in die Stube und fielen über die Dragoner her. Diese zogen sich vor der Überzahl in eine Ecke zurück und hieben mit verzweifelter Wut um sich, denn nach dem teuflischen Werk, über dem sie betroffen worden waren, wußten sie, daß sie kein Erbarmen zu gewärtigen hatten. Holloway, unser Sergeant, war der erste, der auf sie eindrang. Er gab sich dabei eine Blöße und sank von dem Schwert seines Gegners durchbohrt zur Erde.

Ehe der Dragoner aber seine Waffe wieder frei hatte, schlug ihn Sir Gervas nieder, während der Fremde jetzt seinem Widersacher durch die Parade fuhr und ihm eine tödliche Halswunde beibrachte. Von den vier Rotröcken blieb nicht einer lebendig, und die Leiber des alten Bauerpaares und unsers Sergeanten vermehrten noch das Grauenvolle der Scene.

»Mit dem armen Holloway ist's aus,« sagte ich und legte meine Hand auf sein Herz. »Das ist ja hier ein förmliches Schlachthaus! Mir ist sterbensübel!«

»Hier ist Branntwein, wenn ich nicht irre,« rief der Fremdling, kletterte auf einen Stuhl und holte eine Flasche vom Gesims. »Riecht vorzüglich! Nehmt einen Schluck. Ihr seid ja so weiß wie der Kalk an der Wand.«

»Ein ehrlicher Kampf macht mir nichts, aber bei solchen Scenen, wie diese, gerinnt mir das Blut,« erwiderte ich nach einem tiefen Zug aus der Flasche.

Ich war damals ein sehr junger Soldat, liebe Kinder, aber ich muß bekennen, daß Grausamkeit, in welcherlei Gestalt immer sie sich zeigen mochte, mir in allen Feldzügen, die ich später mitmachte, stets die nämlichen Empfindungen erregt hat. Ich gebe euch mein Wort, als ich vorigen Oktober nach London kam und einen abgetriebenen Karrengaul mit wundem Rücken sah, der sich an seiner Last zermarterte und gepeitscht wurde, weil er nicht that, was er nicht thun konnte, da drehte sich mir das Herz im Leibe um, schlimmer als auf dem Schlachtfeld zu Sedgemoor, schlimmer selbst als an jenem noch fürchterlicheren Tage, als zehntausend Tote, die Blüte Frankreichs, vor den Erdwallen von Landen dahingestreckt lagen.

»Das Weib ist tot,« sagte Sir Gervas, »und auch der Mann, wie ich fürchte, nicht mehr zu retten. Er ist nicht verbrannt, aber der arme Teufel muß meines Erachtens vom Blutandrang nach dem Kopf schrecklich gelitten haben.«

»Wenn's weiter nichts ist, das wird sich schon geben,« bemerkte der Fremde, holte ein Taschenmesser hervor, streifte des alten Mannes Ärmel auf und öffnete eine Ader. Zuerst sickerten nur langsam ein paar schwarze Tropfen aus der Wunde, dann aber begann das Blut freier zu fließen, und der Mißhandelte gab Zeichen wiederkehrenden Bewußtseins von sich.

»Er wird leben,« sagte der kleine Fechtmeister und steckte seine Lanzette wieder ein. »Und jetzt möchte ich doch fragen, wer ihr seid? Eure Dazwischenkunft machte der Geschichte hier schneller ein Ende, als es ohne das geschehen wäre, wenn sie vielleicht auch an dem schließlichen Ausgange nichts änderte.«

»Wir gehören zu Monmouths Armee,« erwiderte ich. »Er liegt in Bridgewater und wir sind auf einem Fouragierungszuge begriffen.«

»Wer aber seid denn Ihr?« fragte Sir Gervas, »Und wie seid Ihr in diese Rauferei hineingeraten? Ei, der Tausend, ein kecker Streithahn müßt Ihr sein, um es mit vier solchen großen Kampfhähnen auf einmal aufzunehmen!«

»Ich heiße Hektor Marot,« entgegnete der Mann, indem er seine Pistolen sorgfältig reinigte und wieder lud, »Was ich bin, thut hier nichts zur Sache. Laßt Euch daran genügen, daß ich geholfen habe, Kirkes Kavallerie um vier seiner Schurken zu vermindern. Seht euch mal diese Gesichter an, wie dürre und sonnverbrannt sie noch im Tode aussehen. Das macht, sie haben gegen die Heiden in Afrika gefochten, und üben jetzt die dort gelernten Teufelskünste an armen, harmlosen, englischen Bauersleuten. Gott erbarme sich über Monmouths Armee, wenn sie geschlagen werden sollte! Dies Geziefer ist tausendmal schlimmer, als des Henkers Strick oder des Scharfrichters Beil!«

»Wie kam es, daß Ihr so zur rechten Zeit an Ort und Stelle waret?« fragte ich.

»Ei nun! Ich trabte gerade so sachte die Straße entlang, da hörte ich hinter mir Hufschlag. Ich versteckte mich im Felde, wie es einem vorsichtigen Manne ziemt, so lange das Land im Kriegszustande ist, und sah diese vier Schufte vorbeisprengen. Sie ritten stracks auf dies Bauernhaus los, und alsbald wurde mir durch das Geschrei drinnen und noch andre Zeichen klar, was für ein höllisches Gewerbe sie hier betrieben. Darauf ließ ich meine Stute im Felde, lief herzu und sah durchs Fenster, wie sie den guten Mann vor seinem eignen Herdfeuer aufhängten, damit er bekennen sollte, wo er seine Schätze verborgen habe. Nun bin ich fest überzeugt, daß weder er noch irgend ein Landmann in diesen Gegenden irgend welche Schätze zum Verstecken mehr übrig hat, nachdem zwei Armeen hintereinander sie ausgesogen haben. Als sie nun fanden, daß er nichts sagen wollte oder konnte, zogen sie ihn in die Höhe und würden ihn sicherlich gebraten haben wie ein Rebhuhn, wäre ich nicht dazwischen gefahren und hätte zwei der Kerls mit meinen Knallbüchsen unschädlich gemacht. Die beiden andern fielen darauf über mich her, aber ich spickte den einen in den Unterarm, und würde zweifellos allein mit beiden fertig geworden sein, wenn ihr nicht inzwischen herein gekommen wäret.«

»Eine wackere That!« rief ich. »Übrigens, Herr Hektor Marot – wo hab' ich denn schon Euern Namen gehört?«

»Wie soll ich das wissen?« erwiderte er mit einem raschen Seitenblick.

»Er klingt meinem Ohr bekannt,« sagte ich.

Er zuckte die Achseln und fuhr fort, sich mit dem Laden seiner Pistole zu beschäftigen, wahrend sich auf seinem Gesicht ein halb trotziger, halb beunruhigter Ausdruck zeigte. Er war ein sehr kräftig und breit gebauter Mann mit eckigem, energischem Kinn und strengen Zügen. Eine weiße Narbe – die wohl von einem Messerstich herrühren mochte – durchfurchte seine bronzefarbene Stirn, Er trug eine goldgeränderte Reitmütze, ein Wams von braunem, dunkelfarbigen, aber verschossenem Stoff, ein Paar hohe rostfarbene abgeschabte Reiterstiefel und eine kleine Stutzperücke.

Sir Gervas, der den Mann sehr aufmerksam betrachtet hatte, fuhr mit einemmale zusammen und schlug sich mit der Hand aufs Bein.

»Natürlich!« rief er aus. »Ich will ertränkt werden, wenn ich mich besinnen konnte, wo ich dein Gesicht gesehen hatte, jetzt erinnere ich mich aber ganz deutlich daran!«

Der Fremde blickte mit finster zusammengezogenen Brauen von einem zum andern.

»Es scheint, ich bin unter Bekannte geraten,« sagte er in rauhem Ton, »dennoch kann ich mich auf Euch nicht besinnen. Es wird wohl nur eine Einbildung von Euch sein.«

»Ganz und gar nicht,« erwiderte der Baronet ruhig, beugte sich vor und flüsterte dem Manne ein paar Worte ins Ohr. Die Wirkung derselben war, daß er von seinem Sitz auffuhr und ein paar rasche Schritte vorwärts that, als wolle er entfliehen.

Aber Sir Gervas kam ihm zuvor.

»So haben wir nicht gewettet!« rief er aus und sprang rasch zwischen ihn und die Thür. »Ihr sollt uns nicht weglaufen. Pah! Mensch! Nehmt nur die Hand vom Schwert! Heut nacht ist schon genug Blut vergossen worden! Zudem fällt es uns nicht ein, Euch schaden zu wollen!«

»Was meint Ihr denn? Was wollt Ihr von mir?« fragte er und warf scheue Blicke um sich, wie ein wildes Tier in der Falle.

»Nach den Erlebnissen dieses Abends hege ich die freundschaftlichsten Gesinnungen gegen Euch, mein Wertester,« rief Sir Gervas. »Was geht's mich an, wie Ihr Euren Lebensunterhalt gewinnt, so lange Ihr ein redliches Herz in der Brust habt? Ich vergesse nie ein Gesicht, das ich einmal gesehen habe, und wenn ich dafür geköpft werden sollte, und Eure bonne mine nebst der Schutzmarke auf Eurer Stirn läßt sich nicht so leicht übersehen.«

»Und wenn ich nun derselbe wäre, den Ihr meint, was weiter?« fragte der Mann mürrisch.

»Es ist hier von keinem ›Wenn‹ die Rede. Ich kann auf Euch einen Eid leisten. Aber ich würde es nicht thun, mein Bursch, – auch wenn ich Euch auf frischer That ertappte. Ihr müßt nämlich wissen, Clarke, da wir ja hier unter uns sind, in jenen schönen alten Zeiten, als ich noch Amtsrichter in Surrey war, wurde unser Freund hier vor mich geführt und angeklagt, ein wenig spät bei Nacht ausgeritten zu sein und mit den Reisenden verteufelt kurzen Prozeß gemacht zu haben. Ihr versteht mich. Er wurde dem Schwurgericht überantwortet, aber es gelang ihm, zu entkommen und seinen Hals zu retten. Ich freue mich herzlich, und Ihr gewiß auch, daß ein so trefflicher Mann nicht hat in Tyburn den Tanz in der Schlinge ausführen müssen.«

»Jetzt besinne ich mich auch, wo ich Euern Namen gehört habe,« sagte ich. »Waret Ihr nicht ein Gefangener des Herzogs von Beaufort in Badminton, und ist es Euch nicht gelungen, aus dem alten Boteler Burgverließ zu entwischen?«

»Ich sehe ein,« sagte Marot, setzte sich auf die Tischkante und schlenkerte mit den Beinen, »ein Versuch, euch zu täuschen wäre nutzlos. Ich bin in der That derselbe Hektor Marot, dessen Name ein Schrecken auf der großen Weststraße geworden ist, und der das Innere von mehr Gefängnissen kennen gelernt als irgend wer in ganz Südengland. Indessen darf ich wohl sagen: in all den zehn Jahren, die ich nun schon wegelagere, habe ich den Armen noch nie einen Heller genommen, noch je einem Menschen etwas zuleide gethan, der mir nichts zuleide thun wollte. Im Gegenteil, ich habe oft Leib und Leben aufs Spiel gesetzt, um in Not Geratene zu retten.«

»Das können wir Euch bezeugen,« entgegnete ich, »denn wenn diese vier rotröckigen Teufel ihre Verbrechen gebüßt haben, so ist das mehr Euer als unser Verdienst.«

»Ei was, Verdienst!« entgegnete unser neuer Bekannter, »davon ist gar keine Rede. Ich hatte so wie so Oberst Kirkes Reiter auf meinem Kerbholz, und war deshalb nur zu froh, sie vor die Klinge zu kriegen.«

Während wir noch sprachen, kamen die Leute, die wir bei den Pferden gelassen hatten, mit einigen benachbarten Pächtern und Käthnern heran, die über den blutigen Anblick entsetzt und in ihrem Gemüte sehr beunruhigt waren ob der Rache, welche die königlichen Truppen andern Tages wahrscheinlich nehmen würden.

»Um Christi willen, liebe Herren,« rief der eine, ein frischer und rotbäckiger alter Landmann, »laßt doch die Leichname dieser schuftigen Dragoner auf die Landstraße bringen, damit es aussieht, als ob sie so zufällig im Gefecht mit euern Soldaten umgekommen wären. Wenn es bekannt würde, daß sie in einem Farmhause geendet haben, dann bleibt auch nicht ein Strohdach in der ganzen Gegend, auf das sie nicht den roten Hahn setzten. Wir können uns so wie so schon knapp der Mordbrenner erwehren.«

»Das ist nur in der Ordnung,« sagte der Straßenräuber kurz, »wenn wir unsern Spaß gehabt haben, dürfen wir nicht andre die Zeche zahlen lassen.«

»Nun, dann paßt mal auf,« sagte Sir Gervas und wandte sich an die Gruppe der verängstigten Landleute, »ich will hierüber mit euch einen Vertrag schließen. Wir haben Befehl, Lebensmittel herbeizuschaffen und dürfen nicht mit leeren Händen heimkommen. Wenn ihr uns einen Karren mitgeben und ihn mit Brot, Mehl und Grünzeug beladen wollt, soviel ihr eben habt, und ein Paar junge Ochsen dazu, so wollen wir euch nicht nur in dieser Sache beschützen, sondern ich verspreche euch obendrein einen billigen Marktpreis dafür, wenn ihr euch das Geld aus dem protestantischen Lager abholen wollt.«

»Die Ochsen kann ich wohl entbehren,« warf hier der alte Mann ein, der sich jetzt soweit erholt hatte, daß er sich aufrichten konnte. »Mich kümmert's nicht mehr, was aus dem Vieh wird, nun meine arme Alte so schändlich ermordet ist. Ich will sie nur noch auf dem Friedhof in Durston begraben lassen, und dann komme ich auch in euer Lager. Ich will gern sterben, wenn ich nur noch einen von diesen eingefleischten Teufeln aus der Welt geschafft habe.«

»Das war wohl gesprochen, Gevatter!« rief Hektor Marot, »und zeugt von echter englischer Sinnesart. Da hinten am Nagel seh' ich ja wohl auch eine alte Vogelflinte hängen. In der Hand eines kühnen Mannes und mit ein paar Bleikugeln drin könnte sie immerhin einem dieser feinen Vögel trotz aller ihrer glänzenden Federn den Garaus machen.«

»Sie ist mir 'ne treue Gehilfin gewesen an die dreißig Jahre lang!« fuhr der Alte fort, und Thränen rannen ihm über die gefurchten Wangen. »Dreißigmal haben wir zusammen gesäet und dreißigmal haben wir geerntet! Aber diese Saat hier soll eine blutige Ernte zeitigen, wenn meine rechte Hand etwas dazu thun kann.«

»Wenn du in den Krieg ziehst, Gevatter Swain, dann wollen wir nach deiner Heimstatt sehen,« sagte der Pächter, welcher schon vorhin gesprochen hatte. »Von den Sachen aber, von denen der Herr vorhin sprach, soll er nicht eine Karrenladung, sondern dreie haben, wenn er 'ne halbe Stunde aufs Laden warten will. Wenn er das Zeug nicht nimmt, nehmen's die andern, und da geben wir's doch lieber für die gute Sache. Hier, Miles, weck rasch die Knechte und laß sie so schnell wie möglich den Kartoffelvorrat, den Spinat und das Rauchfleisch in die Karren werfen!«

»Dann müssen wir uns auch daran machen und unsern Teil des Vertrages erfüllen,« sagte Hektor Marot.

Mit Hilfe unsrer Mannschaft trug er die vier Dragoner und unsern toten Sergeanten den Feldweg hinab, legte sie an der Landstraße hin und her zerstreut nieder und führte die Pferde mehrmals rings um sie herum, um durch die zerstampfte Erde den Schein eines stattgefundenen Reiterscharmützels zu erwecken.

Während dies geschah, hatten einige der Tagelöhner den ziegelgepflasterten Boden der Küche aufgewischt und jede Spur des stattgehabten Trauerspiels entfernt. Die ermordete Frau wurde nach oben in das Schlafzimmer getragen, und nun erinnerte nichts mehr an das was hier vorgefallen war, als der unglückliche Pächter, der im finsteren Brüten, das Kinn in die sehnigen, abgearbeiteten Hände gestützt dasaß, und mit leerem, verglastem Blicke vor sich hinstarrte, augenscheinlich ohne wahrzunehmen, was um ihn her vorging.

Die Wagen waren rasch beladen, und die kleine Ochsenherde von der nahen Wiese herbeigetrieben. Eben wollten wir aufbrechen, als ein junger Landmann angeritten kam und uns die Nachricht brachte, daß ein königlicher Reitertrupp sich zwischen uns und dem Lager befinde.

Das war eine bedenkliche Sache, denn wir waren nur unser sieben im ganzen und konnten selbstverständlich mit unsrer Proviantkolonne nur langsam vorwärts kommen.

»Aber wie wird es mit Hooker werden?« erinnerte ich, »sollen wir dem nicht auch einen Boten schicken, der ihn warnt?«

»Das will ich sofort besorgen,« sagte der Landmann, »wenn er auf der Landstraße nach Athelney ist, muß ich ihn antreffen.«

Damit gab er seinem Pferde die Sporen und sprengte in die Finsternis hinaus.

»So lange wir solche freiwilligen Späher haben,« bemerkte ich, »läßt sich's unschwer erkennen, nach welcher Seite das Herz des Landvolkes neigt. Hooker hat noch den größeren Teil der beiden Züge bei sich, also wird er sich schon durchschlagen können. Was fangen aber wir an?«

»Meiner Seel! wir wollen eine Festung improvisieren, Clarke!« meinte Sir Gervas. »Wir könnten dies Pächterhaus so lange gegen den Feind halten, bis Hooker kommt, und uns dann mit ihm vereinigen. Hier würde mal unser gestrenger Herr Oberst sich in seinem Glanze zeigen, und Kreuzfeuer und Flankenfeuer und alle übrigen Feinheiten einer wohlgeleiteten Belagerung in Scene setzen können!«

»Ach nein,« entgegnete ich, »nachdem wir Major Hooker so kurzweg verlassen haben, würde es mir sauer ankommen, ihn jetzt um Hilfe bitten zu müssen, nun wir in Gefahr geraten sind.«

»Hoho!« rief der Baronet. »Es scheint keine sehr tiefe Lotschnur nötig zu sein, um in Eurer stoischen Philosophie Grund zu finden, Freund Micha! Bei allem kaltblütigem Gleichmut seid Ihr hitzig genug, wenn es sich um Euern Stolz oder um Eure Ehre handelt. Wir wollen also auf gut Glück vorwärts. Ich will eine Krone gegen eine Krone setzen, daß wir auch nicht einen roten Rockzipfel zu sehen bekommen!«

»Wenn ihr meinem Rate folgen wollt, ihr Herren,« unterbrach ihn hier der Straßenräuber, der soeben auf einer außerordentlich schönen, kastanienbraunen Stute herangetrabt war, »so möchte ich vorschlagen, daß ihr mir gestattet, euch bis ins Lager als Führer zu dienen. Es mußte doch seltsam zugehen, wenn ich nicht Mittel und Wege finden könnte, die dummen Soldaten an der Nase herum zu führen!«

»Ein sehr weiser und zeitgemäßer Vorschlag,« äußerte Sir Gervas. »Meister Marot, nehmt eine Prise aus meiner Schnupftabaksdose, das bedeutet stets einen Freundschaftsbund mit dem Eigentümer. Bei Gott, ich empfinde wahrhaftig ein freundschaftliches Gefühl für Euch, wenn sich unsre Bekanntschaft bis heute auch darauf beschränkte, daß ich Euch einmal beinahe habe aufknüpfen lassen. Ich hätt' Euch nur ein weniger anrüchiges Gewerbe gewünscht!«

»Das hat schon mancher gethan, der bei Nacht reisen gemußt,« versetzte Marot und lachte in sich hinein. »Aber kommt jetzt, laßt uns aufbrechen, denn im Osten beginnt's schon leise zu dämmern, und ehe wir nach Bridgewater kommen, wird's taghell sein.«

Wir ließen nun das heimgesuchte Pächterhaus dahinten, und machten uns mit Anwendung aller möglichen militärischen Vorsichtsmaßregeln auf den Weg. Marot ritt in einiger Entfernung an der Spitze, und zwei Mann bildeten die Nachhut.

Es war noch dunkel, obwohl ein bleicher grauer Streifen am Horizont die nahende Morgenröte verkündete. Unser neuer Bekannter aber führte uns unbeirrt von den düsteren Schatten der Nacht ohne einen Augenblick des Zögerns oder Besinnens durch ein verschlungenes Netz von heckenumsäumten Feldwegen und Fußpfaden, quer über Felder und durch Sumpfland, wo unsre Lastwagen zuweilen bis an die Achsen in den Morast versanken, und sich dann wieder über steinige Stellen quälen mußten. So oft drehten wir uns, so oft änderten wir unsre Richtung, daß ich mehr denn einmal besorgte, unser Führer möchte sich verirrt haben. Als aber die ersten Sonnenstrahlen die Landschaft verklärten, da erblickten wir auch den Kirchturm der Pfarrkirche von Bridgewater gerade vor uns, der sich hoch empor in die rosig erglühende Morgenluft streckte.

»Alle Wetter, Mensch! Ihr müßt wahrhaftig Katzenaugen haben, daß Ihr Euren Weg so geschickt im Finstern finden könnt,« rief Sir Gervas, der bis dahin den hintersten Karren geleitet hatte und nun mit mir zu unserm Führer heranritt. »Ich bin heil froh, die Stadt endlich zu sehen, denn diese elenden Wagen haben dermaßen geknarrt und gequiekt, daß mir die Ohren ganz müde sind vom Horchen, denn ich erwartete jeden Augenblick, daß die Deichsel brechen würde. Meister Marot, Ihr habt uns einen großen Dienst geleistet.«

»Gehört diese Gegend zu Eurem besonderen Bezirk?« fragte ich, »oder kennt Ihr ganz Südengland ebenso genau?«

»Mein Bereich,« sagte er und zündete eine kurze schwarze Thonpfeife an, »erstreckt sich von Kent bis Kornwall, aber nicht weiter nördlich als bis zur Themse und dem Kanal von Bristol. Innerhalb dieses ganzen Distriktes gibt es keinen Weg, der mir nicht vertraut wäre, kein Loch in der Hecke, daß ich nicht bei schwärzester Mitternacht finden könnte. Das gehört zu meinem Beruf. Aber das Handwerk ist doch nicht mehr, was es früher war. Wenn ich einen Sohn hätte, ich würde ihn nicht dazu erziehen. Es ist ganz verdorben durch die bewaffneten Kondukteure der Postkutschen und die verdammten Goldschmiede, die Banken angelegt haben, das bare Geld in ihren festen Schränken verwahren und statt dessen Papierfetzen ausgeben, die für uns so nutzlos sind wie eine alte Zeitung. Mein Wort darauf, erst vorige Woche am Freitag hielt ich einen Viehhändler an, der vom Blandforder Jahrmarkt kam. Dem nahm ich siebenhundert Guineen in diesen papiernen Wechseln ab, wie sie das Zeug nennen – wär's Gold gewesen, ich hätte mir einen drei Monate langen Rausch davon antrinken können. Wahrhaftig, es muß ja mit dem Lande bergab gehen, wenn solch Firlefanz an die Stelle der königlichen Münze treten darf.«

»Warum bleibt Ihr denn aber bei einem solchen Gewerbe?« sagte ich. »Eure eigne Erfahrung müßte Euch doch gelehrt haben, daß es nur dem Verderben und dem Galgen zuführen kann. Habt Ihr je einen Menschen gekannt, der dadurch zu einer gesicherten Existenz gekommen wäre?«

»Freilich hab' ich das,« entgegnete er ohne Zögern. »Jones aus Kingston war's. Er hatte manch liebes Jahr sein Wesen auf der Heide von Hounslow getrieben. Einmal nahm er auf einen Streich zehntausend gelbe Füchse ein. Da gelobte er, als ein weiser Mann seinen Hals nicht fürder auf das Spiel zu setzen. Er ging nach Cheshire, verbreitete die Sage, er sei soeben aus Indien gekommen und kaufte sich eine hübsche Besitzung. Jetzt ist er ein wohlhabender Gutsbesitzer, steht im besten Rufe und ist obendrein Friedensrichter. Alle Hagel! den auf dem Richtstuhl zu sehen, wie er irgend einen armen Teufel aburteilt, der 'ne Mandel Eier gestohlen hat – das ist so lustig wie 'ne Komödie im Schauspielhaus!«

»Aber,« konnte ich nicht umhin zu sagen, »nach dem zu urteilen, was wir von Eurem Mut und Eurer Geschicklichkeit in Führung der Waffen gesehen haben, wäret Ihr doch der Mann, dem in jeder Armee schnelle Beförderung sicher wäre. Wär's nicht doch besser, Ihr verwendetet Eure Gaben dazu, Ehre und Ansehen zu gewinnen, anstatt sie in eine Stufenleiter zur Schande und zum Galgen zu verkehren?«

»Aus dem Galgen mache ich mir so wenig, wie aus einem beschnittenen Schilling,« erwiderte der Straßenräuber und blies dicke gekräuselte Wölkchen bläulichen Rauches in die Morgenluft. »Wir müssen alle der Natur einmal unsern Tribut zahlen, und ob ich das in meinen Stiefeln oder im Federbett thue, in einem Jahre oder in zehn, das macht mir ebensowenig wie einem von euch Soldaten. Was die Schande betrifft, so ist das Ansichtssache. Ich meinerseits halte es für keine Schande, einen Zoll auf den Reichtum der Wohlhabenden zu legen, da ich meine eigene Haut dabei zu Markte trage.«

»Es gibt ein Recht und ein Unrecht,« erwiderte ich, »das Worte nicht aus der Welt schaffen können, und es ist ein gefährlich und fruchtlos Ding, damit Gaukelspiel zu treiben.«

»Außerdem, gesetzt es sei wahr, was Ihr hinsichtlich des Eigentums sagtet,« bemerkte Sir Gervas, »so würde das doch immer noch nicht die Gefährdung von Menschenleben entschuldigen, welche Euer Gewerbe mit sich bringt.«

»Ei nun! es ist weiter nichts, als eine Jagd, mit dem Unterschied, daß hier das Wild jeden Augenblick den Spieß umkehren und seinerseits Jäger werden kann. Es ist, wie Ihr ganz richtig sagt, ein gefährliches Spiel. Aber es gehören zwei Spieler dazu, und jeder kann gewinnen. Es gibt hier keine falschen Würfel! Es ist erst wenige Tage her, da erblickte ich drei lustige Pächter, die in vollem Galopp über das Feld sprengten, vor ihnen her eine belfernde Meute Hunde, die alle einen einzigen harmlosen, kleinen Hasen verfolgten. Es war eine kahle unbebaute Gegend, nicht weit von Exmoor und mir fiel ein, ich könne meine Muße nicht besser verwenden, als die Jäger zu jagen. Bei Gott, es wurde eine lustige Jagd. Voran meine munteren Herren in tollem Rennen mit flatternden Rockschößen, die ihre Hunde mit lautem ›hetz, hetz, hallo‹ anfeuerten und ein prächtiges Morgenvergnügen hatten. Sie bemerkten den stillen Reiter gar nicht, der ihnen folgte und ohne jegliches ›Yoik‹ oder ›faß ihn!‹ das Jagdvergnügen ebenso genoß, wie der lauteste von ihnen. Eigentlich fehlte nur noch ein Schwanz Gerichtsdiener, die mir auf den Fersen waren, um die Sache vollständig zu machen und Haschen zu spielen, wie die Jungen auf dem Dorfanger.«

»Was wurde denn aber am Ende daraus?« fragte ich, denn unser neuer Bekannter lachte behaglich in sich hinein.

»Ei, meine drei Freunde erjagten ihren Hasen. Dann holten sie ihre Jagdflaschen vor, wie Männer, die ein ordentliches Stück Arbeit hinter sich haben. Sie tranken sich zu und lachten noch über das Karnickel, und einer war eben abgestiegen, um ihm als Siegeszeichen die Löffel abzuschneiden, da trabte ich in leichtem Galopp herzu. ›Guten Morgen, meine Herren‹ sagte ich, ›das war eine lustige Jagd‹ – Sie guckten mich ganz verblüfft an, und einer fragte mich, was zum Teufel ich wolle, und wie ich es wagen könne, mich in eine geschlossene Jagdgesellschaft zu drängen? ›Ei, ich habe ja den Hasen gar nicht gejagt, ihr Herren‹ sagte ich. ›Und was denn, Bursch?‹ fragte einer. ›Traun, euch selbst hab' ich gejagt‹ versetzte ich, ›und eine fröhlichere Hatz hab' ich seit Jahren nicht mitgemacht!‹ Darauf zog ich meine beiden Schießprügel heraus, erläuterte die Sache mit ein paar kurzen Worten, und ich kann euch versichern, ihr hättet auch lachen müssen, wenn ihr gesehen hättet, mit wie langen Gesichtern und wie langsam sie ihre fetten Lederbeutel aus der Fupp zogen! Ich erjagte den Morgen einundsiebzig Pfund, und das war lohnendere Jagdbeute als ein Paar Hasenohren!«

»Haben sie Euch nicht nachher die ganze Gegend auf die Fersen gehetzt?«

»O nein! Wenn ich meiner braunen Alice die Zügel schießen lasse, fliegt sie schneller als die schnellste Botschaft. Das Gerücht verbreitet sich rasch, aber rascher noch ist meines guten Tieres flüchtiger Tritt.«

»Da sind wir schon im Bereich unsrer Vorposten,« brach Sir Gervas ab. »Jetzt, mein ehrlicher Freund, denn gegen uns seid Ihr ehrlich gewesen, was auch andre von Euch sagen mögen – wollt Ihr nicht mit uns kommen und für die gute Sache einen guten Hieb führen? Seht, Ihr mögt manche böse That zu sühnen haben. Warum wollt Ihr nicht eine gute mit auf die Rechnung setzen, indem Ihr Euer Leben für den reformierten Glauben in die Schanze schlagt?«

»Mit nichten,« antwortete der Straßenränder und zog den Zügel an. »Meine eigne Haut kümmert mich gar nicht, warum soll ich aber mein gutes Roß an einen solchen Thorenzwist wagen? Wenn die Stute bei einem Scharmützel zu Schaden käme, wo sollte ich wieder so eine hernehmen? Zudem – ihr ist's gleich, ob Papist oder Protestant auf dem englischen Thron sitzt – nicht wahr, mein Liebchen?«

»Aber Ihr würdet Karriere machen,« sagte ich. »Unser Oberst, Decimus Saxon, ist ein Mann, der einen tüchtigen Degen zu schätzen weiß, und sein Wort gilt etwas bei König Monmouth und im Kriegsrat.«

»Nein, nein!« rief Hektor Marot rauh, »Schuster, bleib bei deinem Leisten! Mit Kirkes Dragonern bin ich jederzeit zum Gefecht bereit, denn eine Abteilung derselben hat den alten blinden Jim Houston erwürgt, der mein besonderer Freund war. Sieben von den blutigen Schurken habe ich dafür schon zu ihrer letzten Abrechnung gesandt. Wenn ich Zeit hätte, dann würde ich allmählich mit dem ganzen Regiment aufräumen. Gegen König Jakob will ich aber nicht fechten, und meine Stute will ich nicht riskieren, also laßt mich damit in Ruhe. Jetzt muß ich euch aber verlassen, denn ich habe noch viel zu thun. Gehabt euch wohl!«

»Lebt wohl, lebt wohl!« riefen wir und drückten ihm die braune sehnige Hand. »Nehmt warmen Dank für Euer Geleit.«

Er lüftete den Hut, schüttelte den Zaum und sprengte in einer hochaufwirbelnden Staubwolke die Straße hinab.

»Hol mich dieser und jener, wenn ich je wieder ein Wort gegen die Diebe sage,« meinte Sir Gervas. »Ich habe nie in meinem Leben einen Mann sein Schwert behender handhaben sehen! Er muß auch ein ungewöhnlich guter Pistolenschütz sein, daß er die beiden riesenhaften Kerls mit je einem Schuß unschädlich gemacht hat. Aber seht mal dort hin, Clarke! Könnt Ihr da nicht auch größere rote Truppenkörper wahrnehmen?«

»Freilich, wohl,« gab ich zurück und schaute weit hinaus über die breite schilfreiche mattfarbene Ebene, die sich jenseits der Schlangenwindungen des Parret bis zu den fernen Polden Hills ausdehnte. »Ich kann sie drüben in der Richtung auf Westonzoyland zu sehen, so grell wie der Mohn im Korn.«

»Linker Hand bei Chedzoy sind noch mehr,« fuhr Sir Gervas fort, »Eins, zwei, drei und noch eines weiter drüben, und dahinten noch zwei – zusammen sechs Infanterieregimenter! Mir kommt's auch vor, als sähe ich weiterhin gepanzerte Reiter und etwas, das ich für Geschütz halte. Traun, Monmouth muß jetzt fechten, wenn er je hoffen will, den Goldreif auf seiner Stirn zu fühlen. Er ist jetzt umstellt von König Jakobs ganzem Heer.«

»Da müssen wir machen, daß wir zu unserm Kommando kommen,« entgegnete ich. »Wenn ich nicht irre, flattern dort schon unsre Feldzeichen auf dem Marktplatz.«

Wir spornten unsre müden Gäule an und gelangten mit unserm kleinen Zuge nebst den Proviantkarren und Schlachtvieh glücklich in die Stadt und zu unsern Quartieren, wo wir von den kräftigen Willkommsgrüßen unsrer hungrigen Kameraden empfangen wurden. Als die Mittagsstunde schlug, war unsre kleine Ochsenherde in Braten und Beefsteaks verwandelt – mit dem Gemüse und den übrigen Lebensmitteln das letzte Mittagsessen, das viele der Unsrigen in diesem Leben zu sich nehmen sollten.

Major Hooker kam kurze Zeit nach uns an, ebenfalls mit reichlichen Lebensmitteln, aber nicht in sehr rosiger Laune, denn er hatte ein Scharmützel mit den Dragonern gehabt und hatte etwa acht bis zehn Leute verloren. Er brachte sofort eine Klage vor den Kriegsrat, die Art und Weise betreffend, wie wir ihn im Stiche gelassen hatten; aber die großen Ereignisse, die sich jetzt rasch näherten, ließen nur wenig Zeit übrig, Fragen der Disziplin zu erörtern. Ich meinesteils gestehe gern, wenn ich daran zurückdenke, daß er von seinem Standpunkt aus, als Soldat in seinem vollen Rechte war, und daß unser Betragen – streng militärisch genommen – nicht entschuldigt werden konnte. Dennoch, lieben Kinder, lebe ich der Hoffnung, daß selbst jetzt, wo die Jahre auf mir lasten, der Schrei eines bedrängten Weibes ein Signal sein würde, dem ich unbedingt folgte, so lange diese alten Glieder mich tragen können. Denn die Pflicht, die wir den Schwachen schuldig sind, geht allen andern Pflichten vor und ist über alle Umstände erhaben, und ich meinesteils sehe nicht ein, warum der Soldatenrock das Mannesherz verhärten soll.

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