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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 30
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXIX.

Der Notschrei aus dem einsamen Hause.

So war es denn vorbei mit unserm mühseligen Hin- und Hermarschieren. Wir mußten jetzt dem Feinde standhalten, es gab kein Entrinnen mehr. Die Regierung holte mit voller Wucht zum Schlage gegen uns aus, und von einer Erhebung zu unsern Gunsten in andern Teilen Englands verlautete kein Wort. Allerorten triumphierte die Staatskirche, während die Dissidenten die Kerker füllten. Von Norden, Osten und Westen her rückte die Landmiliz gegen uns heran. In London waren sechs niederländische Reiterregimenter angekommen, welche der Prinz von Oranien seinem Schwiegervater lieh. Mehr Truppen, hieß es, seien unterwegs. Die City von London selbst hatte zehntausend Mann angeworben. All dies sollte den Kerntruppen der königlichen Armee, die in Somersetshire standen, zur Verstärkung gesandt werden. Welche gewaltigen Vorbereitungen und Rüstungen, nur um etwa fünf- bis sechstausend schlechtbewaffnete, armselige Bauern und Küstenfischer zu zermalmen, die um eines Mannes und einer Idee willen freudig in den Tod gingen!

Doch diese Idee war groß und edel, meine geliebten Kinder. Sie war es wert, daß edle Männer Gut und Blut dafür einsetzten. Schwerlich hätten die schlichten Landleute, die des Redens ungewohnt und schwerer Zunge waren, ihre Gründe und Grundsätze mit Worten darthun und erläutern können, aber jedweder hegte in tiefster Seele die Überzeugung, daß er für sein Vaterland kämpfe und entschlossen sei, das wahre echte England vor denen zu retten, welche an den alten heiligen Ordnungen, die es zum großen Volk, zur Herrscherin unter den Nationen gemacht hatten, rüttelten. Drei Jahre später sah das alle Welt auch ein und begriff, daß unsre schlichten, ungelehrten Anhänger und Genossen die Zeichen der Zeit besser erkannt und gedeutet hatten, als die Vornehmen und Gelehrten, die sich weit über sie erhaben dünkten.

In der Geschichte der Menschheit gibt es, meine ich, Entwicklungsstufen, für die sich die römische Kirche vorzüglich eignet. Ein Volkstum, das sich noch im Stadium der Kindheit befindet, thut vielleicht am besten, seine geistige Kraft nicht mit religiösen Fragen zu zersplittern, sondern sich auf den alten Stab der Gewohnheit und des Autoritätsglaubens nach väterlicher Weise zu stützen, England war aber bereits den Windeln entwachsen und eine Pflanzschule starker denkender Männer geworden, welche sich keiner Autorität unterwarfen, die sich nicht mit ihrer Vernunft und ihrem Gewissen vertrug. Es hieß unvernünftig, hoffnungslos und thöricht handeln, solchen Leuten ein Bekenntnis wieder aufdrängen zu wollen, das ihnen längst ein überwundener Standpunkt war. Trotzdem wurde dieser Versuch gewagt und zwar von seiten eines bigotten Königs und einer reichen mächtigen Kirche. Es sollte nur noch drei Jahre währen, bis der ganzen Nation darüber die Augen aufgingen, und derselbe König vor seinem erzürnten Volke fliehen mußte. Für jetzt aber war dasselbe noch übermüdet von den langen Bürgerkriegen und durch das verderbte und verderbliche Regiments Karls II. gleichsam eingeschläfert. Es begriff in seiner Benommenheit noch nicht, was auf dem Spiele stand, und kehrte sich grimmig gegen seine wahren Freunde, die es warnen wollten, etwa wie ein jähzorniger Mensch den Boten schilt, der ihm eine schlimme Nachricht überbringt.

Ist es nicht ein wunderlich Ding, meine Geliebten, wenn man sieht, wie schnell ein schemenhafter Gedanke Leben und Gestalt gewinnt und zur tragischen Wirklichkeit wird? Hier bildet das erste Glied der Kette ein finsterer König, der über einen Glaubensartikel brütet – dort das letzte Glied sechstausend verzweifelte Männer, die von Ort zu Ort gejagt, gehetzt, nun endlich in den öden Bridgewatersümpfen umzingelt und umstellt sind. In ihren Herzen aber lebt dieselbe hoffnungslose Bitterkeit, wie in dem des verfolgten Wildes. Eines Fürsten Theologie ist ein gefährlich Ding für seine Unterthanen.

Die Idee, für welche diese armen Männer fochten, war unzweifelhaft des Kampfes wert. Was sollen wir aber zu dem Manne sagen, den sie zum Helden und Vorkämpfer ihrer Sache erwählt hatten? O wehe, daß solche Männer einen solchen Führer haben mußten! Mir deucht, der Dämon des Wankelmuts in Person war in ihn gefahren. Eben noch voll hoher kühner Zuversicht, versank der Unglückliche im nächsten Augenblick in den tiefsten Schlund erbärmlicher Verzagtheit. Heute ernannte er bereits seine künftigen Staatsräte, und morgen beschloß er, sein Heer im Stich zu lassen. Dabei hatte er früher, bis zu diesem Aufstande, einen guten kriegerischen Ruf gehabt. In Schottland hatte er aller Herzen gewonnen, nicht nur durch seine Siege, sondern auch durch seine Menschlichkeit und Milde gegen die Besiegten. Im Auslande hatte er sich gleichfalls ausgezeichnet. Manch alter Haudegen im deutschen Reich und in Frankreich hatte ihm und seiner englischen Brigade Anerkennung und Lob gezollt. Und nun, wo es ihm an Kopf und Kragen ging, benahm er sich jämmerlich, haltlos und feige. »Es war nicht Saft, nicht Kraft mehr in ihm,« wie mein Vater sich ausdrückte. Ich gestehe, daß oft, wenn ich ihn mit gesenktem Kopfe und trübseliger Leichenbittermiene durch die Reihen reiten und überall düstre Ahnungen und Niedergeschlagenheit verbreiten sah, mir der Gedanke durch den Kopf schoß, es sei unmöglich, daß selbst im Falle eines Sieges ein solcher Mann die Krone der Plantagenets und Tudors würde tragen können. Eine stärkere Hand – vielleicht die eines seiner eignen Generäle – mußte sie ihm entreißen!

Übrigens darf ich, um Monmouth Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nicht ermangeln zu bemerken, daß er, als endlich die Schlacht beschlossen war – aus dem sehr triftigen Grunde, weil uns nichts andres mehr übrig blieb – einen kriegerischeren, männlicheren Anstand zur Schau trug. Kein Mittel wurde in jenen ersten Tagen des Juli unbenutzt gelassen, um unsre Soldaten anzufeuern und für die kommende Schlacht zu begeistern. Vom Tagesgrauen bis in die sinkende Nacht waren wir dabei unsre Leute zu lehren, dicht aneinandergeschlossen einem Reiterangriff zu begegnen, einander Deckung zu gewähren, stets die Offiziere im Auge zu behalten und prompt jeden Befehl auszuführen. In der Nacht hallten die Straßen des Städtchens vom Schloßanger bis zur Parretbrücke von Gebet und Predigt wieder. Die Offiziere kamen nie dazu, etwaige Ausschreitungen zu rügen, denn die Mannschaften selbst straften sich untereinander. Als einmal ein Mann angetrunken auf die Gasse taumelte, waren seine Kameraden nahe daran, ihn dafür aufzuknüpfen. Schließlich wurde er aber nur aus der Stadt und dem Heere gejagt als unwürdig, in dem heiligen Streit mitzufechten. Ihren Mut brauchte man nicht erst anzuspornen, denn sie waren furchtlos wie die Löwen, und höchstens in Gefahr zu tollkühn und unüberlegt darauf los zu gehen. Am liebsten hätten sie sich wild auf den Feind gestürzt, wie eine Horde fanatischer Moslem. Es war keine Kleinigkeit, diesen Hitzköpfen die Stetigkeit und Vorsicht einzuprägen, welche die Kriegskunst erfordert.

Am dritten Tage wurden unsre Rationen in Bridgewater knapp. Teils hatten wir schon bei unserm früheren Durchzug diesen Landstrich ausgesogen, teils gelang es der Wachsamkeit der königlichen Streifpatrouillen, die rings die Gegend durchschwärmten, uns die Zufuhr abzuschneiden. Lord Grey beschloß deshalb, zwei berittene Abteilungen im Schutze der Nacht auszusenden, um einen Versuch zu machen, unsre leeren Magazine zu füllen. Das Kommando über die kleine Schar erhielt Major Martin Hooker, ein ehemaliger Gardeoffizier mit groben hochfahrenden Manieren und kurzangebundener Redeweise, der aber mit vielem Geschick den querköpfigen Pächtern und Besitzern eine leidliche Dressur und Disziplin beigebracht hatte. Sir Gervas Jerome und ich baten Lord Grey, uns dem Zuge anschließen zu dürfen, welche Gunst uns bereitwillig zugestanden wurde, da für den Augenblick keinerlei kriegerische Unternehmungen weiter in Aussicht standen.

Es war eine mondlose Nacht und stockfinster, als wir gegen elf Uhr von Bridgewater ausrückten, um die Gegend nach Boroughbridge und Athelnay hin abzusuchen. Wir hatten Kunde erhalten, daß in jener Richtung keine größeren Truppenkörper lagen, das Land sollte fruchtbar sein, es stand daher eine reichliche Verproviantierung zu hoffen. Wir nahmen vier leere Wagen mit, um die etwaige Beute zu bergen. Unser Befehlshaber verteilte die Mannschaft vor und hinter die Wagen; eine kleine Vorhut unter Sir Gervas Führung mit ein paar hundert Schritt Distanz leitete den Zug. So verließen wir die Stadt, als gerade das letzte Signal geblasen wurde, und fuhren im schlanken Trabe die stille dunkle Landstraße dahin, an einsamen Hütten vorüber, und lockten ängstliche Gesichter ans Fenster, die uns durch das Dunkel lange nachblickten.

Jener Ritt steht mir, wenn ich daran denke, wieder lebhaft vor der Seele. Die dunkeln, keulenartigen Umrisse der gekappten Weiden, die an uns vorüberfliehen, der Nachtwind, der in den niederen Weidenruten seufzt und säuselt, die dunkeln verschwommenen Reitergestalten, der dumpfe Hufschlag, das leise Klirren der Säbelscheiden gegen die Steigbügel – alle diese Bilder und Klänge aus ferner Zeit kann Ohr und Auge von neuem heraufbeschwören.

Der Baronet und ich ritten an der Spitze dicht nebeneinander. Sein fröhliches Geplauder von dem vornehmen Leben in der Großstadt, seine Liedchen und Kehrreime von Cowley oder Waller waren für mein schwermütiges und schwerfälliges Temperament wirklich wie Balsam aus Gilead.

»Man lebt und fühlt sein Leben mit doppeltem Genuß in einer solchen Nacht wie diese,« meinte er und atmete in vollen Zügen die würzig frische Luft ein, die von Feldern und Wiesen zu uns herüberwehte. »Schwerenot! Clarke, es ist doch beneidenswert, so auf dem Lande geboren und aufgewachsen zu sein! Was kann die Stadt für Freuden bieten im Vergleich zu den freien Gaben der Natur – vorausgesetzt freilich, daß man in besagter schöner Natur einen Friseur und Perückenmacher, einen Tabaks- und Parfümerieladen und ein Paar anständige Kleidergeschäfte in erreichbarer Nähe hatte. Denke ich mir noch ein gutes Kaffee- und Schauspielhaus hinzu, so würde ich ein einfaches ländliches Stillleben wohl ein Paar Monate aushalten können.«

»Wir Landleute,« sagte ich lachend, »bilden uns ein, daß sich in den Städten das eigentliche Leben der Menschheit abspielt, daß dort das Wachstum aller Weisheit und Erkenntnis zu Tage tritt.«

»Ventre Saint-Gris! Ich habe für mein Teil dort weder Weisheit noch Erkenntnis gewonnen,« erwiderte er. »Ich habe wahr und wahrhaftig in den paar Wochen, wo ich mit meinen zerlumpten Jungens durch Schmutz und Regen gepatscht bin, mehr gelernt und mehr erlebt als in der ganzen Pagenzeit bei Hofe, da ich noch Fortunas Kugel unter den Füßen hatte. Es ist nun einmal keine für den Geist eines Menschen besonders förderliche Beschäftigung, Komplimente zu drechseln und Menuett zu tanzen! Potz Fisch, alter Junge! Ich bin Eurem Freunde, dem Dorftischler, vielen Dank schuldig. Wie sagt er doch in seinem Briefe? Wenn ein Mensch das Gute, das in ihm steckt, nicht aus sich herausarbeiten kann, so ist er unnützer auf der Welt als eine gackernde Henne. Denn die erfüllt wenigstens ihre Bestimmung und legt ihre Eier. Donnerwetter, daß ich anfange, hier zu predigen, das ist wahrhaftig neu an mir!«

»Aber,« wandte ich ein, »als Ihr noch ein reicher Mann waret, müßt Ihr doch so manchem ausgeholfen und Euch dadurch nützlich gemacht haben, denn wie kann man überhaupt so viel Geld ausgeben, ohne daß auch andre etwas davon haben?«

»Du liebe bucolische Unschuld!« rief er lustig auflachend. »Mein teurer Micha, Ihr sprecht immer so mit angehaltenem Atem und ehrfurchtsvollem Tone von meinem bißchen Vermögen, als wären es die Schätze Golkondas! Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, bester Freund, wie ungeheuer geschwind so ein Geldbeutel Flügel bekommt und davonfliegt. Das ist schon richtig, der Mann, der das Geld ausgiebt, hat eigentlich nichts davon, sondern läßt es eben durch die Hände rollen jemand anderm zu, dem es zu gute kommt. Der Hauptfehler lag darin, daß wir unser Geld an den Unrechten verschleuderten und damit eine faule, unsittliche Bande großzogen auf Kosten der ehrlichen Arbeit und Hantierung. Puhhuh! Micha, wenn ich an das Bettlergeschmeiß denke, an die gemeinen Kuppler, die Raufbolde und Messerhelden, die Speichellecker und Schranzen, die wir großzogen, dann fühle ich deutlich, unser Geld hat durch das Ausbrüten solch giftigen Ungeziefers ein Unheil gestiftet, das kein Geld wieder gut machen kann! Hab' ich sie nicht gesehen, wenn ich morgens mein Lever hielt, wie ihrer dreißig von dem Gezücht um mein Bett her krochen und wedelten –«

»Um Euer Bett!« rief ich erstaunt.

»Freilich! es war Mode, im Bett Besuche anzunehmen. Man trug ein spitzenbesetztes Batisthemd und eine Perücke. Später durfte man aufstehen, aber mußte à la négligence gekleidet in Schlafrock und Pantoffeln im Schlafzimmer bleiben. Die Mode ist ein unerbittlicher Tyrann, lieber Clarke, wenn schon ihr Arm nicht bis Havant reichen dürfte. Der müßige Stadtmensch muß doch etwas auf der Welt haben, danach er sich richtet, und macht sich deshalb zum Sklaven der Mode. Sie hatte keinen getreueren Unterthanen als mich in ganz London. Ich war pünktlich in meiner Unpünktlichkeit, peinlich ordentlich in meiner Unordnung. Mit dem Glockenschlage elf kam mein Kammerdiener mit einem Becher Würzwein, meinem Morgentrunk, einem ausgezeichneten Mittel gegen den Kater, und einer leichten Erfrischung, etwa einem Rebhuhnflügel oder einer Vogelbrust. Dann kam das Lever, zu dem zwanzig, dreißig, ja vierzig Geschöpfe der vorerwähnten Sorte erschienen. Immerhin mochte wohl ab und zu mal ein wirklich Bedürftiger dabei sein, etwa ein hungernder Gelehrter, der eine Guinee ergattern wollte, oder ein schülerloser Pedant, der viel klassische Gelehrsamkeit im Kopf und wenig moderne Münze in der Tasche hatte. Ich besaß nämlich außer meinem eignen Ansehen auch noch Einfluß bei Lord Halifax, Sidney Godolphin, Lawrence Hyde und noch einigen andern Größen, die über das Wohl und Wehe so manchen Mannes zu entscheiden hatten. Seht Ihr die Lichter drüben links? Sollen wir nicht mal nachsehen, ob's da was zu holen gibt?«

»Hooker hat Ordre, bis zu einem bestimmten Hofe zu reiten,« antwortete ich, »die hier können wir immer noch auf dem Rückwege mitnehmen, falls wir noch Raum haben. Wir sind jedenfalls vor Tagesanbruch wieder hier.«

»Wir müssen Proviant auftreiben, und müßte ich bis nach Surrey danach zurückreiten,« sagte er. »Zum Geier! Ich kann ja meine Musketiere nicht gerade ansehen, wenn ich ihnen nicht was mitbringe, das sie sich am Ladstock braten können! Sie hatten, als ich wegritt, nichts mehr zu beißen als ihre Patronen, gerade nichts besonders Saftiges, wie? Doch wir sprachen von meinen alten Londoner Zeiten. Unser Tag war immer ausgefüllt. War ein vornehmer Mann zum Sport aufgelegt, so war immer etwas derart los. Er konnte Schwertkämpfe in Hockley haben oder Hahnenkämpfe in Shoelane, er konnte in Southwark angeln, oder in Tothill-Fields schießen, je nachdem. Dann konnte er in den Gärten von St. James promenieren oder von der Ebbe sich hinunter tragen lassen nach den Kirschgärten in Rotherhithe, nach Islington fahren, um frische Milch zu trinken, oder vor allem einen Spaziergang im Park machen, welches letztere für einen nach neuester Mode gekleideten Edelmann der feinste Ton ist. Ihr seht, Clarke, bei all unserm Nichtsthun waren wir nie unbeschäftigt. Wenn der Abend kam, lockten uns die Schauspielhäuser, Dorset Gardens, Lincolns Inn, Drury Lane und das Königintheater. Irgendwo in den vieren gab's immer einen Spaß.«

»Da wendetet Ihr wenigstens Eure Zeit gut an,« sagte ich. »Ihr konntet doch unmöglich die großen Gedanken und die erhabene Sprache Shakespeares oder Massingers hören, ohne daß etwas davon in der eignen Seele haften blieb.«

Sir Gervas schmunzelte.

»Ihr kommt mir so unverdorben vor, wie diese reine Landluft, Micha,« sagte er. »Höre und staune, gutes Kind, nicht um Schauspiele zu sehen, gingen wir ins Theater.«

»Warum denn aber in aller Welt?« fragte ich.

»Um unsre Bekannten zu sehen,« gab er zurück. »Ihr könnt mir glauben, es gehörte für einen Mann von Welt zum guten Ton, der Bühne den Rücken zuzukehren, vom Augenblick, da der Vorhang aufging, bis er fiel. Man neckte sich mit den Apfelsinenverkäuferinnen – verdammt naseweis sind die Frauenzimmer! – man beäugelte die Masken im Parkett, deren kleine schwarze Larven die Neugier reizten, auch waren die schönen Bürgermädchen und die gefeierten Damen der Hofgesellschaft gute Zielscheiben für unsre Lorgnetten. Schauspiel, hat sich was! Hol's der Fuchs, wir hatten was Besseres zu thun, als auf Alexandriner acht zu geben oder Hexameter zu skandieren! Na ja, wenn die La Jeune tanzte, oder wenn Mrs. Bracegirdle oder Mrs. Oldfield die Bretter betraten, dann summten und klatschten wir auch; das galt aber mehr der schönen Frau als der Schauspielerin.«

»Wenn nun aber das Theater aus war, gingt Ihr doch zum Abendbrot nach Hause und zu Bett?«

»Natürlich zum Abendbrot! Manchmal ins Rheinische Haus, manchmal zu Pontak in Abchurchlane. Der Geschmack war verschieden. Nachher gab's Würfel und Karten beim Groom Porter oder in den Gewölben von Coventgarden: Piquet, Passage, Hazard, Primero – was das Herz begehrte. Später traf man dann alle Bekannten in den Kaffeehäusern, wo man meist noch ein zweites Nachtmahl genoß von stark gepfefferten Rippchen und Backpflaumen, um den Dunst des Weins vom Kopf abzuziehen. Potz Fisch, Micha, wenn ich nicht mehr unter dem Druck der Juden sein werde, oder dieser Krieg uns Glück bringt, dann sollt Ihr mit mir nach der Stadt und das alles kennen lernen!«

»Offen gestanden, es lockt mich nicht allzu sehr,« entgegnete ich. »Ich bin nun mal ernsthaft und schwer von Begriffen. Bei solchen Auftritten, wie Ihr sie beschreibt, würde ich mir vorkommen, wie der Totenkopf beim Festmahl.«

Sir Gervas wollte eben etwas erwidern, als durch die schweigende Nacht ein langgezogener, durchdringender Schrei erklang, bei dem jeder Nerv in uns erzitterte. Niemals wieder habe ich solch einen Schmerzenslaut der Verzweiflung gehört. Wir alle – Soldaten und Offiziere – rissen die Pferde zurück und lauschten angestrengt, um die Richtung zu ermitteln, aus welcher der Ruf gekommen. Einige behaupteten, er sei links, andre, er sei rechts von uns ertönt. Die Haupttruppe mit den Wagen war inzwischen herangekommen, und alle horchten mit verhaltenem Atem auf die Wiederholung des fürchterlichen Angstrufes.

Da – da war er wieder – gellend, wild und gequält – der Schrei eines Weibes in bittrer Todesnot.

»Dort drüben, Major Hooker,« rief Sir Gervas, hob sich im Bügel und spähte in die Finsternis. »Dort jenseits der beiden Felder steht ein Haus. Ich kann einen matten Lichtschimmer wahrnehmen, wohl aus einem Fenster mit herabgelassenen Vorhängen.«

»Reiten wir denn noch nicht hin?« fragte ich ungeduldig, denn unser Kommandeur saß so unbeweglich auf seinem Gaul, als sei er noch keineswegs gewiß, was hier zu thun wäre.

»Ich habe den Auftrag, die Armee zu verproviantieren, Herr Hauptmann,« meinte er, »und bin durchaus nicht berechtigt, davon Abstand zu nehmen und andre Abenteuer zu bestehen.«

»Zum Teufel, Mensch! Ein Weib ist in Todesnot,« rief Sir Gervas, »Ihr denkt doch nicht etwa daran, ruhig weiterzureiten und sie ihrem Schicksal zu überlassen, Herr Major? Horch, da ist es schon wieder!«

Zum drittenmal erscholl das wilde Geschrei von dem einsamen Hause herüber.

»Ich kann das nicht länger aushalten,« schrie ich, denn mir kochte das Blut in den Adern. »Richtet Ihr immer Euren Auftrag aus, Herr Major, mein Freund und ich trennen uns von Euch. Wir werden uns vor dem Könige zu verantworten wissen. Vorwärts, Sir Gervas!«

»Herr Hauptmann Clarke, wisset Ihr, daß dies offne Meuterei ist?« warnte Hooker. »Ihr steht unter meinem Kommando, verlaßt Ihr mich, so geschieht das auf Eure eigne Gefahr!«

»Ich mache mir in einem solchen Falle nicht einen Pfifferling aus Euren Befehlen,« rief ich erregt.

Damit gab ich Covenant die Sporen und galoppierte einen schmalen Feldweg mit tief ausgefahrenen Geleisen, der von Hecken umsäumt nach dem Hause führte, hinab, gefolgt von Sir Gervas und mehreren Reitern. Ein kurzer Kommandoruf von Hooker, und das Knarren der Räder belehrte uns, daß er uns wirklich unserm Schicksal überließ, um seinen Auftrag auszuführen.

»Er hat recht,« sagte der Baronet. »Saxon und jeder andre erfahrene Soldat würde seine Mannszucht loben.«

»Es gibt höhere Pflichten als die Mannszucht,« murrte ich. »Ich konnte unmöglich weiterreiten und diese arme Seele in ihrer Pein verlassen. Aber seht doch – was ist das?«

Ein dunkles massiges Etwas tauchte schattenhaft vor uns auf, welches sich beim Näherkommen zu vier Kavalleriepferden gestaltete, die an der Hecke festgebunden waren.

»Kavalleriepferde, Herr Hauptmann,« rief einer von unsern Leuten, der abgestiegen war, um sie zu untersuchen. »Sie haben königliches Sattel- und Zaumzeug. Hier ist auch ein kleines Gatterthor, durch das man auf einen Fußweg gelangt, der geradeswegs nach dem Hause zu führt.«

»Sitzt ab,« sagte Sir Gervas, sprang aus dem Sattel und band sein Pferd neben die andern. »Bleibt ihr hier bei den Pferden, Jungens! Sobald wir rufen, eilt uns zu Hilfe. Sergeant Holloway, Ihr begleitet uns. Nehmt die Pistolen mit.«

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