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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 3
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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II.

Wie ich in die Schule ging und wieder heraus kam.

Die eben beschriebenen häuslichen Einflüsse machen es erklärlich, daß mein jugendliches Gemüt sich schon früh mit Gedanken über die Religion beschäftigte, um so mehr als Vater und Mutter verschiedener Ansicht darüber waren.

Der alte Puritanersoldat hielt daran fest, daß die Bibel alles darböte, was zum Seelenheil nötig ist; wenn sich 's auch freilich empfehlen dürfte, daß Männer von besonderen Gaben der Weisheit und Beredsamkeit ihren Brüdern die Schrift auslegten, so sei es doch keineswegs notwendig, sondern vielmehr schädlich und entwürdigend, daß eine organisierte Körperschaft von Geistlichen und Bischöfen besondere Vorrechte beanspruchte, oder eine Stellung als Mittler zwischen Schöpfer und Geschöpf einnähme. Unverhohlen sprach er seine bitterste Verachtung gegen die reichen Würdenträger der Kirche aus, die in ihren prächtigen Karossen zur Kathedrale rollten, um dort die Lehren des Herren zu verkündigen, der zu Fuß auf ärmlichen Sandalen das Land durchwandert hatte. Er war auch nicht nachsichtiger gegen solche ärmeren Mitglieder des Klerus, die ein Auge zudrückten gegen die Laster ihrer Patrone, um sich den Platz an ihrem Tische nicht zu verscherzen, und die lieber einen ganzen Abend lang dem profanen Geschwätz zuhören, als dem Käsekuchen und der Weinflasche Valet sagen mochten. Daß solche Männer die wahre Religion repräsentieren sollten, war seinem Herzen ein Gräuel, aber er wollte sich auch nicht der presbyterianischen Form des Kirchenregimentes anschließen, in dem ein Hoherrat von Geistlichen die Angelegenheiten der Kirche lenkte. Nach seiner Ansicht galt jedermann gleichviel vor dem Allmächtigen, und keiner hatte ein Recht, vor seinem Nächsten in Sachen der Religion irgend einen Vorrang zu beanspruchen. Das heilige Buch war für alle geschrieben, alle waren gleichermaßen im Stande, es zu lesen, sofern nur ihre Herzen vom heiligen Geiste erleuchtet waren.

Meine Mutter hielt umgekehrt dafür, daß das eigentlichste Wesen einer Kirche in ihrer Hierarchie und einem abgestuften geistlichen Regiment bestände, der König als oberste Spitze, unter ihm die Erzbischöfe, unter deren Oberaufsicht die Bischöfe und so weiter hinab durch die Geistlichkeit zu dem gemeinen Volk. So war ihrer Meinung nach die Kirche ursprünglich gegründet, und keine Religion, welche nicht diese Kennzeichen aufwies, durfte beanspruchen, die wahre zu sein. Das Ritual galt ihr für ebenso wichtig als die Sittenreinheit. Wenn jeder Krämer und jeder Bauer Gebete erfinden und je nach Belieben den Gottesdienst abändern dürfte, wie sollte da die Reinheit des christlichen Bekenntnisses erhalten bleiben? Sie gab zu, daß die Bibel die Grundlage der Religion sei, aber, argumentierte sie weiter, die Bibel enthielte doch so viele dunkle Stellen, und wenn dieses Dunkel nicht durch einen dazu ordnungsmäßig erwählten und geweihten Diener Gottes, einen direkten Nachfolger der Apostel aufgeklärt würde, so wäre alle menschliche Weisheit nicht im stande, dieselben richtig auszulegen.

Das war der Standpunkt meiner Mutter, und weder Argumente noch Vorstellungen irgend welcher Art konnten sie davon abbringen. Die einzige Glaubensfrage, in welcher meine Eltern übereinstimmten, war ihr gemeinsames Mißtrauen und ihr Abscheu gegen die römisch-katholischen Formen der Gottesverehrung, und hierin war die bischöfliche Frau um kein Jota weniger entschieden als der fanatische Independent.

Es muß euch in unsern heutigen toleranten Zeiten seltsam vorkommen, daß die Anhänger der römischen Lehre während mehrerer Generationen bei den Engländern so in Mißkredit gekommen waren. Wir erkennen jetzt an, daß der Staat keine nützlicheren, loyaleren Bürger hat, als unsre katholischen Brüder, und weder Alexander Pope, noch irgend ein anderer hervorragender Papist wird seiner Religion wegen gering geachtet. Wir können es uns jetzt kaum vorstellen, wie Lord Strafford, Erzbischof Plunkett, die Herren Langhorne und Pickering auf das Zeugnis des Abschaums der Menschheit hin zum Tode verurteilt werden konnten, ohne daß eine einzige Stimme sich zu ihren Gunsten erhob, oder wie man es je hat von einem englischen Protestanten für eine patriotische That halten können, wenn derselbe einen mit Blei ausgegossenen Flegel unter dem Mantel trug, um damit seine harmlosen Nachbarn zu bedrohen, die in dogmatischen Fragen nicht mit ihm übereinstimmten. Es war ein Wahnsinn, der lange gedauert hat, jetzt aber glücklich überwunden ist, oder doch wenigstens in einer milderen Form und seltener auftritt.

Dieser Wahnsinn, so thöricht er uns vorkommt, hatte dennoch sehr greifbare Ursachen. Ihr habt wohl gelesen von dem großen Reiche Spanien und seiner Macht und seinem Reichtum. Spanische Schiffe beherrschten das Meer. Spanische Heere waren überall siegreich. In Litteratur und Gelehrsamkeit, in allen Künsten des Krieges wie des Friedens waren die Spanier die erste Nation Europas. Ihr werdet aber auch von dem Zwiespalt zwischen dieser großen Nation und uns gehört haben; wie unsre Freibeuter ihre transatlantischen Besitzungen beunruhigten, und wie die Spanier sich damit rächten, daß sie unsre Seeleute, wo sie ihrer habhaft werden konnten, durch ihre teuflische Inquisition verbrennen ließen und unsre Küsten von Cadiz und von ihren niederländischen Provinzen aus bedrohten. Endlich wurde der Kampf so ernsthaft, daß die andern Völker gewissermaßen zurücktraten, gleichsam wie beim Schwerttanz zu Hockley-in-the-Hole Raum für die Tänzer gemacht wird, und es dem spanischen Riesen und dem zähen kleinen England überließen, die Sache miteinander auszufechten. Dabei spielte sich König Philipp stets als Abgesandten des Papstes, als Rächer der entehrten römischen Kirche auf. Zwar haben Lord Howard und viele andere Edelleute, die der alten Religion angehörten, tapfer gegen die Dons gefochten, aber das Volk vergaß doch nicht, daß es die Fahne des reformierten Glaubens war, unter der sie siegten, und daß der Segen des heil. Vaters auf ihren Gegnern ruhte. Dazu kam noch Marias ebenso grausamer wie thörichter Versuch, uns ein Bekenntnis aufzunötigen, das das Volk verabscheute, und die drohende Haltung eines andern großen römisch-katholischen Staates auf dem Kontinent. Die wachsende Macht Frankreichs brachte in England ein entsprechendes Mißtrauen gegen den Papismus zu Wege, das seinen Höhepunkt erreichte, als ungefähr um die Zeit, von der ich schreibe, uns Ludwig XIV. mit einer Invasion bedrohte, und zwar unmittelbar nachdem er durch die Aufhebung des Edikts von Nantes seine Unduldsamkeit gegen den uns so teuren evangelischen Glauben bewiesen hatte. Der engherzige Protestantismus Englands war eigentlich weniger ein religiöses, als ein politisches Gefühl. Er war gewissermaßen eine patriotische Antwort auf die herausfordernde bigotte Feindseligkeit der katholischen Völker und Fürsten. Unsre katholischen Landsleute waren unpopulär, weniger weil sie an die Transsubstantiation glaubten, als weil man sie ungerechterweise im Verdacht hatte, daß sie es mit dem Kaiser oder dem König von Frankreich hielten. Jetzt wo unsre kriegerischen Erfolge uns jeder Furcht vor einem Angriff enthoben haben, ist auch der finstre Religionshaß glücklich verschwunden, ohne den Oates und Dangerfield vergebens gelogen haben würden.

In den Tagen meiner Jugend hatten noch besondere Ursachen diesen Haß entflammt und ihn noch bitterer gemacht, weil ein Körnchen persönliche Furcht dazu kam. Solange die Katholiken nur eine obskure Partei waren, durfte man sie ignorieren. Als es aber gegen Ende der Regierung des zweiten Karl gewiß zu werden schien, daß der Katholizismus die Religion des Hofes und die Stufe zur Beförderung werden würde, machte sich das Gefühl geltend, der Tag der Wiedervergeltung sei gekommen. Sie hatten ihn mit Füßen getreten, als er hilflos darnieder lag. Jetzt würde er sich rächen. In allen Schichten des Volkes herrschte Aufregung und Sorge. Die Kirche von England, die mit dem Monarchen verwachsen ist, wie das Gewölbe mit seinem Schlußstein; der Adel, dessen Besitzungen und Geldkisten durch den Raub der Abteien und Klöster bereichert worden waren; der Pöbel, dessen Begriffe ein Gemisch von Papismus, Daumschrauben und Foxs Märtyrerlehre waren, alle fühlten die gleiche Beunruhigung.

Auch waren die Aussichten wirklich keineswegs ermutigend. Karl war sein lebenlang ein sehr lauer Protestant gewesen, und auf seinem Totenbette erwies er sich als gar keinen. Legitime Nachkommen von ihm waren nicht mehr zu erwarten. Der Herzog von York, sein jüngerer Bruder, war also Thronerbe und zugleich als bigotter engherziger Papist bekannt, der mit seiner Gemahlin Maria von Modena ganz übereinstimmte. Sollten sie Kinder haben, so würden dieselben ohne Frage im Glauben ihrer Eltern erzogen worden und ein katholisches Fürstengeschlecht auf Englands Thron gelangt sein. Der Kirche sowohl, die meine Mutter repräsentierte, wie auch der Nonconformität, der mein Vater angehörte, war dies gleichermaßen eine unerträgliche Aussicht. So wurde denn König Jakobs II. Thronbesteigung unter dem mißmutigen Stillschweigen eines großen Teils seiner Unterthanen vollzogen, die, wie meine Eltern, eifrige Anhänger einer protestantischen Thronfolge waren.

Wie schon gesagt, war meine Kindheit eine düstre. Wenn hin und wieder einmal Jahrmarkt in Portsdown Hill war, oder wenn ein fahrender Taschenspieler seine Bude im Dorfe aufschlug, steckte meine liebe Mutter mir wohl einen oder ein paar Groschen von ihrem Wirtschaftsgelde in die Hand, legte dabei den Finger auf den Mund, und schickte mich hin, um die Schaustellungen zu sehen. Diese Genüsse waren aber rare Ereignisse, und machten einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich in meinem sechzehnten Lebensjahre an den Fingern herzählen konnte, was ich alles gesehen hatte. Da war William Harter, der starke Mann, der Farmer Alcotts hellbraune Stute aufheben konnte, da war Tubby Lawson, der Zwerg, der in einem Gurkentopf Platz hatte – auf diese beiden und auf die Verwunderung, mit der sie mein Kindesherz erfüllten, weiß ich mich noch deutlich zu besinnen. Dann gab es da einmal ein Puppentheater. Oder die verzauberte Insel und Mynheer Münster aus Niederland, der auf einem Seil sich um sich selbst drehen und dazu sehr süß das Cymbal spielen konnte, wurden vorgeführt.

Das letzte, aber auch das allerbeste nach meinem Dafürhalten, war das große Schauspiel auf dem Portsdowner Jahrmarkt, betitelt: »Die wahrhaftige, uralte Geschichte von Maudlin, der Bristoler Kaufmannstochter und ihrem Geliebten Antonio; wie sie mitsammen an den Küsten der Berberey ausgesetzt wurden, wo die Meerfrauen auf den Wellen heranschwammen, auf den Klippen saßen und sangen und ihre Gefahr ihnen voraussagten.« Dies kleine Stück machte mir mehr Vergnügen, als in späteren Zeiten die großartigsten Komödien von Congreve und Dryden, trotzdem sie von Kynaston, Betterton und der gesamten königlichen Schauspielertruppe aufgeführt wurden. In Chichester besinne ich mich, einmal einen Groschen bezahlt zu haben, um den linken Schuh der jüngeren Schwester von Potiphars Weibe zu sehen. Aber da er ganz so aussah, wie jeder andre alte Schuh auch, und ungefähr die Größe hatte, die der Frau, die ihn zeigte, gepaßt haben würde, habe ich oft gefürchtet, daß mein Groschen Beutelschneidern in die Hände gefallen ist.

Es gab aber auch noch andre Schaustellungen, die umsonst zu sehen und dabei wirklicher und genau so interessant waren, als die bezahlten. Hin und wieder einmal bekam ich Erlaubnis, nach Portsmouth zu gehen – einmal nahm mein Vater mich sogar vor sich auf seinem Klepper mit, und da wanderte ich durch die Straßen und betrachtete mit großen verwunderten Augen die merkwürdigen Dinge, die mich umgaben. Die Mauern und Festungsgräben, die Thore und Wachtposten, das unaufhörliche Trommelgewirbel und Trompetengeschmetter, alles das ließ mein junges Herz schneller schlagen unter meiner Wollenstoffjacke. Da war das Haus, in welchem vor dreißig Jahren der stolze Herzog von Buckingham dem Dolch des Meuchelmörders erlegen war. Da war auch die Wohnung des Kommandanten, und ich besinne mich noch gut, daß ich einmal zusah, wie dieser hohe Herr angeritten kam mit rotem, cholerischem Gesicht und einer richtigen Kommandantennase, die Brust über und über mit Goldtressen verbrämt.

»Nicht wahr, er ist ein schöner Mann?« sagte ich und sah meinen Vater an.

Er lachte und zog den Hut tiefer in die Stirn.

»Ich sehe Sir Ralph Lingards Gesicht zum erstenmal,« sagte er, »aber seinen Rücken habe ich im Gefecht von Preston gesehen. Aha, Junge, wie stolz er sich auch gebärdet, wenn er den alten Noll bloß durch die Thür da kommen sähe, er würde es nicht für unter seiner Würde halten, aus dem Fenster zu klettern!«

Das Klirren eines Schwertes, der Anblick eines Waffenrockes pflegte in meines Vaters Brust stets die Bitterkeit des alten Rundkopfes herauf zu beschwören.

Außer dem Kommandanten und seinen Rotröcken gab es aber auch sonst noch mancherlei in Portsmouth zu sehen. Nächst Chatham war es die erste Werft im Reiche, und fast immer lag ein neues Kriegsschiff in den Docks auf Stapel. Außerdem befand sich ein Geschwader königlicher Schiffe, ja zuweilen die ganze Flotte vor Spithead. Dann wimmelte es in den Straßen von Matrosen mit mahagonibraun gebrannten Gesichtern, und mit Zöpfen, die so hart und steif waren, wie ihre Stutzsäbel. Es machte mir ein ganz besonderes Vergnügen, ihren wiegenden Gang zu beobachten und ihre drolligen Ausdrücke, wie ihre langen Geschichten von den holländischen Kriegen anzuhören. Manchmal wenn ich allein war, schloß ich mich einer solchen Schar an und wanderte den ganzen Tag mit von Schenke zu Schenke.

Es begab sich indessen eines Tages, daß einer von ihnen darauf bestand, daß ich ein Glas kanarischen Sekts mit ihm trinken sollte. Als ich das gethan, überredete er mich zum Spaß, noch eins zu trinken, was den Erfolg hatte, daß ich in sprachlosem Zustande im Fuhrmannskarren nach Hause gebracht wurde und nie wieder Erlaubnis bekam, allein nach Portsmouth zu gehen.

Mein Vater war indessen weniger entrüstet über den Vorfall, als ich erwartet hatte, und erinnerte meine Mutter daran, daß es auch Noah einmal nicht besser ergangen sei! Er erzählte auch, wie einst ein gewisser Feldprediger Grant, von Desboroughs Regiment, nach einem heißen, staubigen Marschtage mehrere Flaschen Mumme getrunken, nachher allerlei gottlose Lieder gesungen und in einer Weise getanzt habe, die mit seinem heiligen Amte durchaus im Widerspruch stand. Ferner, daß derselbe ihnen später erklärt habe, solch Ausgleiten auf dem schmalen Wege sei nicht dem Individuum selbst zur Last zu legen, sondern vielmehr durch ein zeitweiliges Besessensein vom Bösen veranlaßt, dem es auf diese Weise nur zu gut gelänge, den Gläubigen ein Ärgernis zu geben, und der sich stets die Gottseligsten für diesen üblen Zweck auswähle. Diese sinnreiche Verteidigung des Feldpredigers rettete meinen Rücken, denn mein Vater, welcher die salomonische Vorschrift treulich befolgte, besaß einen tüchtigen Eschenprügel und einen starken Arm, mit dem er stets das ahndete, was er »ein Abweichen vom schmalen Wege« nannte.

Von dem Tage, an dem ich meine ersten Buchstaben aus der in Horn gebundenen Fibel auf meiner Mutter Schoß lernte, erfüllte mich ein unaufhörlicher Wissensdrang, und kein bedrucktes Blatt kam mir in den Weg, dessen Inhalt ich nicht begierig verschlungen hätte. Mein Vater trieb den sektiererischen Haß gegen die Gelehrsamkeit so weit, daß er kein weltliches Buch über seine Schwelle kommen ließ. Ich war deshalb darauf angewiesen, mir diese Kost bei etlichen meiner Freunde im Dorf zu suchen, welche mir ab und zu einen Band aus ihren kleinen Büchereien liehen. Den trug ich dann auf dem bloßen Leibe und wagte ihn nur hervorzuziehen, wenn ich draußen auf den Wiesen war, wo ich mich lang ausgestreckt in dem hohen Grase verstecken konnte, oder nachts, wenn das Binsenlicht noch brannte und Vaters Schnarchen mir die Gewißheit gab, daß keine Gefahr des Entdecktwerdens vorhanden sei.

In dieser Weise arbeitete ich mich durch den »Don Bellianis von Griechenland«, durch »Die sieben Paladine«, durch Tarletons »Späße« und derlei Bücher hindurch, bis ich auch an Herricks und Wallers Poesie und den Dramen von Massinger und Shakespeare mich ergötzen konnte. Wie wonnevoll waren die Stunden, wenn ich das Nachdenken über die Lehre vom freien Willen und von der Prädestination beiseite legen durfte, meine Beine zwischen dem duftenden Klee in die Luft strecken und dem alten Chaucer lauschen, der mir die liebliche Geschichte von der treuen Griseldis erzählte, oder wenn ich um die keusche Desdemona weinte und das unzeitige Ende ihres tapferen Gemahls betrauerte.

Oft wenn ich aufstand, Kopf und Herz noch voll von den hehren Dichterworten, und über die liebliche Hügellandschaft hinweg nach dem blinkenden Meer mit dem fernen violettschimmernden Umriß der Insel Wight am Horizont hinabschaute, überwältigte mich der Gedanke, daß Gott, der dies alles geschaffen und dem Menschen Macht gegeben hatte, so herrliche Gedanken auszusprechen, nicht der Gott einer oder der andern Sekte, auch nicht dieser oder jener Nation sei, sondern ein gütiger Vater aller seiner Kinder, denen er diesen wundervollen Tummelplatz, die Erde, gegeben. Es betrübte mich damals und betrübt mich noch heute, daß ein Mann von solcher Aufrichtigkeit und von so edlen Grundsätzen wie euer Urgroßvater, von seinen eisernen Glaubenslehren so darniedergehalten wurde, daß er glauben konnte, sein Schöpfer geize derartig mit seiner Gnade, daß er sie neunundneunzig unter hundert seiner Geschöpfe vorenthalten würde. Nun ist freilich jeder Mensch ein Kind seiner Zeit, und wenn mein Vater einen beschränkten Ideenkreis hatte, so muß man ihm doch lassen, daß er bereit war, für das von ihm als wahr Erkannte alles zu thun und alles zu leiden.

Als ich vierzehn Jahre alt war, ein gelbhaariger sonnenverbrannter Bengel, wurde ich in eine kleine Privatschule zu Petersfield gethan und blieb dort ein Jahr. Jeden letzten Sonnabend des Monats jedoch durfte ich nach Hause. Ich hatte eine sehr beschränkte Auswahl von Schulbüchern, und zwar Lillys lateinische Grammatik und Roßens »Übersicht aller Religionen der Welt von der Schöpfung bis auf unsre Tage«, welches letztere mir meine gute Mutter als Abschiedsgabe in die Hand schob. Mit dieser literarischen Ausrüstung würde ich nicht weit gekommen sein, wenn mein Lehrer, Herr Thomas Chillingfoot, nicht selbst eine gute Bibliothek gehabt und ein besonderes Vergnügen daran gefunden hätte, seine Bücher an alle diejenigen unter seinen Schülern zu verleihen, die das Streben hatten, sich weiter zu bilden. Unter der Leitung dieses guten Mannes erwarb ich mir nicht nur eine oberflächliche Kenntnis des Lateinischen und Griechischen, sondern hatte auch Gelegenheit, gute englische Übersetzungen der Klassiker zu lesen und die Geschichte meines Vaterlandes sowie andrer Länder kennen zu lernen. Ich wuchs rasch an Geist und Körper, als meine Schulzeit plötzlich abgeschnitten wurde und zwar durch nichts Geringeres, als meine summarische und beschämende Ausweisung. Und das kam so.

Petersfield war bislang stets eine feste Burg der englischen Kirche gewesen und zählte kaum einen Nonconformisten in seinem Weichbilde. Der Grund davon war, daß der Besitz von Grund und Boden größtenteils in den Händen von eifrigen bischöflich gesinnten Männern war, die niemand, der nicht zur Landeskirche gehörte, gestatteten, sich daselbst niederzulassen. Der Pfarrer, Namens Pinfold, besaß deshalb eine große Macht im Städtchen, und da er ein Mann von rotflammendem Gesicht und pomphaftem Gebahren war, schüchterte er die stillen Bewohner nicht wenig ein. Ich sehe ihn noch mit seiner Habichtsnase, seiner gewölbten Weste und seinen krummen Beinen, die aussahen, als ob sie sich bögen unter der Last der Gelehrsamkeit, die sie tragen mußten. Langsam einherschreitend, die Rechte steif vorgestreckt und bei jedem Schritt seinen metallbeschlagenen Spazierstock auf das Pflaster stoßend, pflegte er jedesmal still zu stehen, sobald ihm jemand begegnete, und darauf zu lauern, ob man ihn auch tief und achtungsvoll genug grüßen würde. Ihm selbst fiel es nicht im Traum ein, diese Höflichkeit zu erwidern, außer bei einigen seiner reicheren Pfarrkinder. Wurde sie aber einmal zufällig versäumt, so lief er dem Verbrecher nach, fuchtelte ihm mit dem Stock vor der Nase herum und befahl ihm, sofort die Mütze zu ziehen. Wir Jungens, wenn wir ihm auf unsern Spaziergängen begegneten, schossen an ihm vorüber, wie eine Brut Küchlein vor einem alten Truthahn, ja sogar unser vortrefflicher Lehrer zeigte die Neigung, in eine Seitenstraße abzubiegen, wenn die behäbige Gestalt des Pfarrers in der Ferne sichtbar wurde.

Der stolze Priester suchte etwas darin, die Lebensgeschichte eines jeden in seinem Sprengel zu kennen. Als er nun erfuhr, daß ich der Sohn eines Independenten sei, stellte er Herrn Chillingfoot darüber zur Rede, wie er mich habe in seine Schule aufnehmen können. Er würde auf meiner sofortigen Entlassung bestanden haben, hätte meine Mutter nicht für so streng orthodox gegolten.

Am andern Ende des Ortes lag eine große Bürgerschule. Zwischen den Schülern derselben und den Jungen, welche bei unserm Lehrer ihren Unterricht empfingen, herrschte eine beständige Fehde. Niemand wußte, was den Ausbruch dieses Krieges zuerst veranlaßt hatte, der Streit bestand aber schon seit Jahren mit Gefechten, Ausfällen und Überfällen, hin und wieder kam es sogar zu einer regelrechten Schlacht. Doch waren alle diese Treffen ziemlich harmlos, da die Waffen nur aus Schneebällen im Winter und Tannenzapfen oder Erdklumpen im Sommer bestanden. Selbst wenn der Krieg einmal heißer entbrannte und es zwischen uns zum Faustkampf kam, setzte es schlimmstenfalls ein paar Beulen und ein bißchen Blut. Unsre Gegner waren zahlreicher als wir, aber wir hatten den Vorteil, daß wir immer zusammen waren und uns auf einen sichern Zufluchtsort zurückziehen konnten, während sie keinen gemeinsamen Sammelpunkt hatten, da sie über den ganzen Ort verstreut wohnten. Ein von zwei Brücken überspanntes Flüßchen war die Grenze, welche unser Gebiet von dem unsrer Widersacher trennte. Der Knabe, welcher die Brücke überschritt, befand sich in Feindesland.

In dem ersten Zusammenstoß nach meiner Ankunft in der Schule, hatte ich mich nun dadurch ausgezeichnet, daß ich den gefürchtetsten unsrer Feinde aufs Korn nahm und ihm einen so tüchtigen Schlag versetzte, daß er kraftlos zusammenbrach und von unsrer Partei als Gefangener mitgeschleppt wurde. Diese Waffenthat begründete meinen Kriegsruhm, und mit der Zeit wurde ich der anerkannte Führer unsrer Streitkräfte, zu dem größere Jungen als ich war, emporblickten. Diese Rangerhöhung kitzelte meine Phantasie gewaltig, und um zu beweisen, daß sie mir nicht unverdient zu teil geworden war, sann ich unausgesetzt auf neue Kriegslisten, die unsern Feinden verderblich werden sollten.

An einem Winterabend erhielten wir die Nachricht, daß unsre Gegner uns unter dem Schutz der Dunkelheit überfallen wollten. Es hieß, sie beabsichtigten, über die kleine selten benutzte Bretterbrücke zu kommen, um unsrer Wachsamkeit zu entgehen. Diese Brücke lag fast schon außerhalb der Stadt, sie bestand aus einer einfachen breiten Planke ohne Geländer und diente eigentlich nur zur größeren Bequemlichkeit des Stadtschreibers, der gerade gegenüber wohnte. Wir wollten uns nun diesseits des Baches in den Büschen verstecken und die Angreifer überfallen, wenn sie herüberkämen.

Indem wir aufbrachen, fiel mir eine besonders sinnreiche Kriegslist ein, von der ich in der Kriegsgeschichte Deutschlands gelesen hatte. Nachdem ich meinen Kameraden zu ihrem größten Gaudium meine Absicht auseinandergesetzt, nahmen wir Herrn Chillingfoots Säge und begaben uns an den Ort der Handlung.

Alles war still, nichts rührte sich, als wir die Brücke erreichten. Es war ganz dunkel und sehr kalt, denn Weihnachten war nahe. Keine Spur von unsern Gegnern war zu bemerken. Wir wechselten einige geflüsterte Reden darüber, wer die kühne That thun solle. Da die andern alle sich davor scheuten und ich zu stolz war, um etwas vorzuschlagen, was ich nicht selbst auszuführen wagte, so ergriff ich die Säge, und auf dem Brett reitend begann ich das Werk genau in der Mitte.

Mein Zweck war, das Brett soweit durchzusägen, daß es allenfalls die Last eines Menschen tragen konnte, aber zusammenbrechen mußte, wenn das Hauptcorps unsrer Feinde darauf war, die dann unfehlbar in das eiskalte Wasser hinabstürzen würden. Der Bach war an dieser Stelle nur ein paar Fuß tief, also kamen die Opfer unsrer Kriegslist einfach mit einem kalten Bade davon. Ein so kühler Empfang sollte sie auf immer von der Lust zu einem Einfall in unser Gebiet kurieren und meinen Ruf als kühnen Anführer fest begründen.

Ruben Lockarby, der Sohn des alten John Lockarby, des Wirts zur »Waizengarbe«, ordnete als mein Unterbefehlshaber unsre Streitkräfte hinter der Hecke, während ich aus allen Kräften auf dem Brett sägte, bis es nahezu durch war. Ich machte mir kein Gewissen aus der Zerstörung der Brücke, denn ich verstand genug von Zimmermannsarbeit, um zu wissen, daß ein geschickter Zimmermann sie mit leichter Mühe haltbarer machen konnte, als sie je gewesen war, wenn er unter der Mitte eine Stütze befestigte. Als ich endlich fühlte, daß das Brett sich unter mir zu biegen begann und der geringste Druck es würde zerbrochen haben, kroch ich sachte zurück, nahm meinen Platz unter meinen Schulkameraden ein und erwartete den Feind.

Kaum hatte ich mich versteckt, als wir Schritte hörten, die den Fußsteg hinunter auf die Brücke zu kamen. Wir kauerten hinter unsrer Deckung nieder, überzeugt, daß der Laut von einem Kundschafter herrührte, den unsre Feinde voraus gesandt hatten. Es mußte offenbar einer von den großen Jungen sein, denn sein Tritt war schwer und langsam. Dazwischen vernahmen wir auch ein klirrendes Geräusch, das wir uns nicht recht erklären konnten. Näher und näher klang es, bis sich aus dem Dunkel des jenseitigen Ufers schattengleich eine Gestalt loslöste. Nachdem sie einen Augenblick innegehalten und umhergespäht hatte, bewegte sie sich gerade auf die Brücke zu. Erst als ihr Fuß die Planke betrat und sie vorsichtig tastend sich darüber hin bewegte, unterschieden wir deutlich die wohlbekannten Formen und begriffen die entsetzliche Thatsache, daß der Fremde, den wir für einen feindlichen Plänkler gehalten, in Wahrheit niemand anders sei, als Pfarrer Pinfold, und daß es das rhythmische Klirren seines Stockes auf dem Pflaster gewesen war, das wir mit seinem Fußtritt untermischt gehört hatten.

Wie gebannt von dem Anblick lagen wir da, unfähig, ihn zu warnen, – eine Reihe stier vorquellender Augäpfel. Einen Schritt – zwei Schritte, drei Schritte that der stolze Prälat, – da, ein Bersten – ein Krach – und er verschwand in den hochaufspritzenden Wogen des rasch fließenden Baches. Er mußte wohl auf den Rücken gefallen sein, denn wir konnten die gewölbten Umrisse seiner wohlbeleibten Gestalt über die Oberfläche des Wassers hervorragen sehen, während er verzweifelte Anstrengungen machte, wieder auf die Beine zu kommen. Endlich gelang es ihm, sich aufzurichten, und pustend und schnaubend watete er ans Ufer. Unter diese Naturlaute mischte er aber noch soviel gottselige Ausrufungen und lästerliche Flüche, daß wir trotz unsres Entsetzens uns das Lachen nicht verbeißen konnten. Wir gingen plötzlich vor ihm auf, wie ein Volk Rebhühner, jagten durch die Felder und dann nach der Schule zurück, sagten aber, wie ihr euch denken könnt, unserm guten Schulmeister nichts von dem Vorfall.

Die Sache war jedoch zu ernsthaft, um verborgen zu bleiben. Das kalte Bad hatte vermutlich eine Art Aufruhr in der Flasche Sekt hervorgerufen, die der Pfarrer soeben mit dem Stadtschreiber getrunken hatte, und einen Gichtanfall veranlaßt, der ihn vierzehn Tage lang ans Bett fesselte. Inzwischen ergab die Untersuchung der Brücke, daß sie durchgesägt war. Weitere Nachforschungen führten auf die Spur von Herrn Chillingfoots Pensionären. Um die Schule vor gänzlicher Auflösung durch Verweisung sämtlicher Schüler aus der Stadt zu bewahren, war ich genötigt zu bekennen, daß ich die That erdacht und ausgeführt hatte. Chillingfoot war vollkommen in der Gewalt des Pfarrers, er mußte mir also öffentlich eine lange Strafpredigt halten – der privatim ein liebevoller Abschied die Wage hielt – und mich feierlich aus der Schule ausstoßen. Ich habe meinen alten Lehrer seitdem nicht wieder gesehen, denn er starb wenige Jahre darauf.

Dieses Abenteuer erregte die Entrüstung meiner Mutter, fand aber großen Beifall bei meinem Vater. Er lachte, bis das ganze Dorf von der kraftvollen Äußerung seiner Lustigkeit wiederhallte. Es erinnere ihn, meinte er, an eine ähnliche Kriegslist, die von dem gottesfürchtigen Oberst Pride bei Market Drayton ausgeführt wurde, wodurch ein Hauptmann und drei Gemeine von Lunsfords Reiterregiment ertranken und viele andre in den Fluß stürzten, der wahren Kirche zum Ruhme und dem auserwählten Volk zur Freude!

Es freuten sich aber auch manche Mitglieder der Landeskirche im geheimen über das Ungemach, das dem Pfarrer widerfahren war, denn seine Anmaßung und sein Hochmut hatten ihn in der ganzen Gegend verhaßt gemacht.

Mittlerweile war ich ein stämmiger, breitschulteriger Bursch geworden, und in jedem Monat nahm ich an Kraft und Länge zu. Als ich sechzehn Jahr alt war, konnte ich einen Kornsack oder ein Faß Bier mit jedem Manne im Dorf um die Wette tragen. Den fünfzehn Pfund schweren Wurfstein konnte ich bis sechsunddreißig Fuß weit schleudern, also vier Fuß weiter als Ted Dacoson der Grobschmidt. Einmal als mein Vater einen Ballen Häute nicht aus dem Hof tragen konnte, schwang ich denselben über die Schulter und trug ihn leicht hinweg. Wenn er in seinem Armstuhl saß und sein Pfeifchen schmauchte, blickte der alte Mann oft ernsthaft unter seinen dichten, überhängenden Brauen nach mir hin und schüttelte das ergrauende Haupt.

»Du wirst zu groß für das Nest, Junge,« sagte er dann wohl. »Mich dünkt, nächstens wirst du wohl Flügel kriegen und auf und davon fliegen.«

Im Herzen sehnte ich mich auch danach, daß die Zeit erst da wäre, denn ich war des stillen Dorflebens müde und konnte kaum erwarten, die große Welt zu sehen, von der ich soviel gehört und gelesen hatte. Ich konnte nicht südwärts blicken, ohne daß mein Geist sich in mir regte, wenn meine Augen auf die dunkelrollenden weißgekrönten Wogen fielen, die gleich einem flatternden Signal dem englischen Jüngling winken und ihn hinauslocken, einem unbekannten aber glorreichen Ziel entgegen.

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