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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 29
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXVIII.

Der Kampf im Dom zu Wells.

Ich bin jetzt an das rollende Rad der Weltgeschichte geschmiedet, meine teuren Kinder, und muß seinem Laufe folgen in allen Einzelheiten, die es berührt, sei es auch auf Kosten des schönen Aufbaus meiner Erzählung. Wo ein solches Drama sich abspielt, wäre es unbescheiden, mehr von mir selbst zu sprechen als nötig ist, um jene längstvergangnen Scenen, deren Augen- und Ohrenzeuge ich war, euch lebensvoll vor die Seele zu stellen. Es fällt mir nicht leicht, bei ihnen zu verweilen; da ich aber der Überzeugung lebe, daß es in dieser Welt weder in großen noch in kleinen Dingen einen Zufall gibt, so weiß ich auch auf das gewisseste: der Opfertod jener Tapfern war nicht vergeblich, ihre Kämpfe und Leiden waren nicht so fruchtlos, wie es dem oberflächlichen Urteil zunächst scheinen mag. Daß das treulose Geschlecht der Stuarts nicht mehr auf dem britischen Throne sitzt und Religions- und Gewissensfreiheit in England herrscht, haben wir meines Erachtens jenen Somersetshirer Bauernburschen zu verdanken, welche zu allererst den Beweis erbrachten, was für eine geringe Bewegung im stande ist, den Thron eines unpopulären Monarchen zu erschüttern. Monmouths Armee war nur der Vortrab des Heeres, welches drei Jahre später in London einrückte, und das Jakob II. und seine schändlichen Minister wegfegte wie Spreu.

In der Nacht des 27. Juni, oder vielmehr in der Morgenfrühe des 28. marschierten wir in durchnäßtem kläglichem Zustande in die Stadt Frome ein, denn wir hatten wieder Regenwetter bekommen, das die Wege in Schlammgräben verwandelt hatte. Am nämlichen Tage noch rückten wir bis Wells vor, wo wir die Nacht und den ganzen nächsten Tag lagerten, um der Mannschaft Zeit zu geben, ihre Kleider zu trocknen und sich von den Strapazen zu erholen.

Vormittags fand in dem Hofe der Kathedrale eine Parade unsers Wiltshirer Regiments statt, und Monmouth rühmte bei der Kritik mit vollem Recht die militärische Ausbildung, welche es sich in so kurzer Zeit angeeignet hatte.

Als wir unsre Leute verlassen hatten und in unsre Quartiere zurückkehrten, stießen wir auf eine große Schar roher Bergleute aus Bagworthy und Oare. Sie hatten sich auf dem freien Platz vor dem Dom angesammelt und lauschten der Predigt eines Eiferers aus ihrer Mitte, der von einem Karren herab zu ihnen redete. Die wilden, aufgeregten Gebärden des Mannes verrieten einen jener überspannten Sektierer, deren Religion an den Wahnsinn streift. Das Ächzen und Stöhnen der Menge bewies jedoch, daß seine feurigen Worte der Zuhörerschaft wohl angepaßt waren. Wir blieben etwas außerhalb des Gedränges stehen und hörten gleichfalls der Predigt zu. Der Redner war ein rotbärtiger, grimmig dreinschauender Geselle, mit wirrem, struppigem Haar, das über die funkelnden Augen herunterhing, und einer rauhen Stimme, die über den ganzen Platz hinaus schallte.

»Was sollten wir nicht alles thun für den Herrn!« schrie er, »was sollten wir unterlassen für das Allerheiligste? Woher kommt es, daß seine Hand schwer auf uns liegt? Warum haben wir nicht das Land befreit, wie Judith Bethulia befreite? Siehe, wir haben Frieden begehrt, aber kein Friede kam, und einen Tag des Heils, und siehe da, es war eitel Mühe! Warum ist es also, frage ich? Wahrlich, meine Brüder, es ist also, weil wir den Herrn Gott beleidigt haben, weil wir uns nicht von ganzem Herzen zu ihm bekehrt haben! Wehe uns! wir nahten uns zu ihm mit unsern Lippen, aber unser Wandel war ferne von ihm! Ihr wisset wohl, daß das Prälatentum verflucht ist – ein Scheuel und Greuel vor dem Angesicht des Allmächtigen! Dennoch, was haben wir, seine Knechte, in seinem Dienst dagegen gethan? Haben wir nicht die Kirchen der Prälatisten gesehn? Kirchen, die der Augenlust und dem hoffärtigen Wesen dienen, darinnen das Geschöpf verwechselt wird mit dem Schöpfer – haben wir sie nicht mit diesen unsern Augen gesehen? frage ich noch einmal. Und haben wir nicht versäumt, sie dem Erdboden gleich zu machen? und dadurch sie anerkannt? Das ist die Sünde eines lauen und abtrünnigen Geschlechts! Das ist der Grund, weshalb der Herr sein Volk ungnädig anschaut. Siehe, in Shepton und Frome haben wir solche Kirchen stehen lassen. Auch in Glastonbury haben wir die schmachvollen Mauern verschont, die götzendienerische Hände vorzeiten errichteten. Wehe euch, die ihr die Hand gelegt habt an den Pflug des Herrn und sehet zurück, und thut das Werk nicht, das euch befohlen ist! Schaut her!« brüllte er und wies auf den herrlichen Dom, »was soll dieser große Steinhaufen? Ist er nicht ein Altar Baals? Ist er nicht gebaut für Menschendienst viel mehr als für Gottesdienst? Darf nicht der Heuchler Ken, aufgeputzt mit seinem Chorhemd und mit allerlei Tand behängt, darin seine hohlen, verlogenen Lehren predigen, die nichts andres sind als der alte Fraß des Papsttums, in einer neuen Schüssel aufgetragen? Und das sollen wir ruhig mit ansehn? Wollen wir, das auserwählte Volk, diese Pestbeule noch länger dulden? Dürfen wir auf die Hilfe des eifrigen Gottes bauen, wenn wir keine Hand aufheben zu seiner Ehre? Wir haben bisher alle Tempel des Prälatentums verschont, meine Brüder, soll auch dieser stehen bleiben?«

»Nein, nein!« heulte die aufgeregt hin und her wogende Menge.

»Sollen wir ihn niederreißen, auf daß kein Stein auf dem andern bleibe?«

»Ja, ja!« gellte es zurück.

»Jetzt gleich?«

»Ja, ja!«

»Ans Werk also!« donnerte er, sprang von dem Wagen und stürzte auf den Dom zu, der ganze fanatisierte Pöbel hinter ihm drein. Ein Haufe drang mit wütendem Geheul und Gebrüll durch die offenen Pforten ins Innere, während die übrigen die Pfeiler und Piedestale des Portals erkletterten, die Skulpturen und Ornamente zerhackten und die altersgrauen Bildsäulen, welche die Nischen schmückten, herabzuzerren suchten.

»Dem muß Einhalt gethan werden,« sagte Saxon kurz. »Wir dürfen nicht einer Handvoll verrückter Fanatiker zuliebe die ganze Kirche von England beleidigen und uns entfremden. Die Zerstörung dieses Domes thäte uns mehr Schaden als der Verlust einer Schlacht. Holt Eure Kompanie, Sir Gervas, bis dahin wollen wir sie so gut es geht in Schach halten.«

»Heda, Masterton!« rief der Baronet, welcher einen seiner Unteroffiziere unter den zahlreichen Zuschauern erkannte, die gemütlich zusahen, den Tumultuanten zwar nicht halfen, ihnen aber auch nichts in den Weg legten. »Laufe, so schnell du kannst, ins Quartier und melde Baker, er solle die Kompanie herführen mit brennenden Lunten. Ich bin hier nötig.«

»Da kommt Buyse!« rief Saxon hocherfreut.

Der riesige Deutsche machte sich mit den Ellenbogen Bahn durch das Gedränge. »Und hier ist ja auch Lord Grey! Wir müssen den Dom retten, Mylord! Sie wollen ihn einäschern und plündern!«

»Hier herum, ihr Herren,« rief ein alter ergrauter Mann, der ein klirrendes Schlüsselbund am Gürtel trug und uns mit ausgestreckten Händen entgegenkam. »Ach, nur schnell, schnell, liebe Herren, wenn ihr wirklich etwas über diese zügellose Bande vermögt! Den heiligen Petrus haben sie schon herabgestürzt, und, wenn nicht schleunigst Einhalt geschieht, muß auch Paulus fallen! Kein Apostel wird übrig bleiben! Das schöne Ostfenster ist eingeschlagen! Sie haben ein Oxhoft Bier hereingeschleppt und zapfen es auf dem Hochaltar an. Ach! ach! daß man das in einem Christenlande erleben muß!«

Er schluchzte laut auf und stampfte in ohnmächtigem Zorn und Kummer mit den Füßen.

»Es ist der Küster, ihr Herren,« sagte ein Bürger. »Er ist am Dom alt und grau geworden.«

»Durch die Sakristei, Mylords und Gentlemen,« rief der Alte und brach sich kräftig durch die Menge Bahn. »Wehe, wehe, jetzt ist auch der heilige Paulus dahin!«

Indem er sprach, verkündete ein Krachen und Prasseln innerhalb des Domes ein neues Vandalenstück der Zeloten. Unser Führer verdoppelte seine Eile, und im nächsten Augenblick standen wir vor einer niedrigen, kleinen, eichenen Thür in einem tiefen Mauerbogen. Er schloß auf. Riegel und Angeln drehten sich kreischend und knarrend, wir schoben uns, so gut es gehen wollte, hindurch und folgten eilends dem alten Küster durch einen mit Fliesen ausgelegten Gang, aus dem eine Gitterthür dicht neben dem Hochaltar in den Dom führte.

In dem weiten Bau wüteten die Aufrührer, tobten hierhin und dorthin, zerstörten und verwüsteten alles, was ihnen unter die Hände kam. Ein gut Teil von ihnen waren aufrichtige Fanatiker, Anhänger des Predigers, dem wir vorhin zugehört hatten. Vielen dagegen stand der »Dieb« und der »Schuft« auf der Stirn geschrieben, derengleichen sich an jede größere Armee auf dem Marsch zu hängen pflegen. Während die ersteren die Bilder von den Wänden rissen und Gebetbücher durch die kostbaren gemalten Fensterscheiben schleuderten, rissen die andern die schweren Messingarmleuchter los und schleppten fort, was irgend wertvoll schien. Ein zerlumpter Strolch stand auf der Kanzel, riß die rote Sammetbekleidung ab und warf die Beute hinunter. Ein zweiter hatte das Lesepult umgeworfen und brach emsig die metallnen Beschläge und Verzierungen ab.

Mitten im Kirchenschiff hatte eine kleine Bande soeben eine Schlinge um den Hals des Evangelisten Markus geworfen. Sie zogen und zerrten kräftig daran, und eben als wir eintraten, fing die Bildsäule an zu wanken und zerschellte im nächsten Augenblick auf dem Marmorboden. Das Gebrüll, das jede neue Barbarei begrüßte, das Splittern des Holzwerkes, das Klirren der eingeschlagenen Fenster, das Krachen der Mauersteine machten einen geradezu ohrenzerreißenden Lärm, dazwischen dröhnte die Orgel, bis einer von dem Gesindel die Bälge aufschlitzte.

Zunächst beschäftigte uns aber die Scene, welche sich direkt vor uns auf dem Hochaltar abspielte. Eine Tonne Bier war darauf gelegt und ein Dutzend Schurken darum versammelt. Ein Kerl hatte sie unter vielen Zoten erklettert und war eben dabei, sie mit einem Handbeil aufzuschlagen. Als wir eintraten, kam er gerade damit zu stande, der braune Meth schäumte heraus, und die Rotte füllte mit wieherndem Gelächter ihre Becher und Krüge. Der deutsche Soldat stieß bei diesem Anblick einen wuchtigen Kernfluch aus, schleuderte die Zechenden rechts und links zur Seite und sprang die Altarstufen empor. Der Rädelsführer stand noch über sein Faß gebeugt, den Stößel in der Hand, da packte ihn die eiserne Soldatenfaust am Kragen, und im nächsten Augenblick ragten seine Beine hoch in die Luft, während sein Kopf drei Fuß tief in der Tonne steckte und das Bier nach allen Seiten spritzte und schäumte. Mit mächtigem Schwung hob Buyse das Faß zusamt dem halbertrunkenen Minenarbeiter darinnen empor und schleuderte es die breiten Marmorstufen hinab, die aus dem Hauptschiff der Kirche heraufführten. Unterdes hatten wir mit Hilfe der zwölf Getreuen, die uns in den Dom gefolgt waren, den Hochaltar von den Spießgesellen des Kerls gesäubert und sie hinter das Gitter vertrieben, welches den Altarraum von dem Schiffe trennte.

Unsre Einmischung machte zwar dem Bildersturm ein Ende, aber nur weil sie den Zorn der Zeloten von den Wänden und Fenstern auf uns ablenkte. Bilder, Stein- und Holzschnitzereien wurden im Stiche gelassen, und der ganze Schwarm stürzte mit heiserem Wutgeheul herbei. Disziplin und Ordnung gingen vollständig im religiösen Wahnsinn unter.

»Erschlagt die Prälatisten!« brüllten sie.

»Nieder mit den Freunden des Antichrists!«

»Erwürgt sie an den Hörnern des Altars!«

»Nieder mit ihnen!«

Von beiden Seiten stürmten sie heran, eine wilde, halbtolle Rotte, teils mit, teils ohne Waffen, aber bis auf den letzten Mann voll blutdürstiger Mordlust.

»Ein Bürgerkrieg im Bürgerkriege,« bemerkte Lord Grey mit feinem Lächeln. »Wir müssen eben blank ziehen, meine Herren, und die Lücke im Altargitter verteidigen, bis Hilfe und Verstärkung kommt.«

Er riß den Degen aus der Scheide und postierte sich auf die oberste Treppenstufe, Saxon und Sir Gervas auf der einen, Buyse, Ruben und ich auf der andern Seite. Mehr als sechs konnten nicht bequem nebeneinander fechten, deshalb verteilten sich die Getreuen, die uns gefolgt waren, am Geländer entlang, das glücklicherweise hoch und stark genug war, um eine Erkletterung angesichts einer noch so geringen Verteidigung unausführbar zu machen.

Der Aufruhr der Moor- und Bergleute hatte sich jetzt zur offenen Meuterei gesteigert. Piken, Sensen und Messer blitzten in dem milden Dämmerlicht des geweihten Raumes, und das wüste Geschrei widerhallte mächtig von dem hohen Bogengewölb gleich dem Geheul einer Meute Wölfe.

»Vorwärts, ihr Brüder!« schrie der fanatische Prediger, der den ganzen Sturm heraufbeschworen hatte. »Fallet über sie her! Fragt nicht nach hohem Rang und Stand! Der im Himmel thronet, ist höher als sie! Sollten wir zurückschrecken vor seinem Werk, weil ein bloßes, hauendes Schwert uns droht? Sollen wir den prälatistischen Altar verschonen um dieser Söhne Amaleks willen? Vorwärts, vorwärts, gebiete ich! Im Namen des Herrn!«

»Im Namen des Herrn!« wiederholte der Pöbel. Es klang wie ein banges Keuchen, wie man es ausstößt, wenn man im Begriff ist, in eiskaltes Wasser zu springen. »Im Namen des Herrn!« Und nun wogte die wilde Flut heran von allen Seiten, immer schneller und dichter, bis sie endlich mit lautem Geschrei sich an unsern Degenspitzen brach.

Von dem, was während des Handgemenges rechts und links von mir geschah, weiß ich nichts. Wir wurden so hart bedrängt, und der Kampf war so heiß, daß jeder nur bedacht sein mußte, seinen Standpunkt zu behaupten. Die Übermacht unsrer Belagerer war uns zunächst günstig, da sie einander am freien Gebrauch ihrer Waffen hinderten. Ein stämmiger Bergmann führte einen grimmen Hieb mit seiner Sense nach mir. Ich wich ihm aber aus, und die Wucht des eignen Schlages riß ihn halb herum. Ehe er wieder feststand, durchbohrte ich ihn mit dem Schwert. Zum erstenmal, meine Kinder, hatte ich einen Mann im Zorn erschlagen, und nie werde ich sein erschrockenes, erbleichendes Antlitz vergessen, als er sich umwandte und mich ansah, ehe er fiel!

Ich hatte meine Waffe noch nicht frei, als schon ein neuer Feind mich bedrohte, allein ich führte einen Stoß nach ihm mit der linken Faust und schlug ihn dann mit der flachen Klinge über den Kopf, so daß er bewußtlos liegen blieb. Gott weiß, ich dürstete nicht nach dem Blute dieser irregeleiteten, unwissenden Zeloten, aber unser eignes Leben stand auf dem Spiel. Ein Marschbewohner, der einem zottigen wilden Tiere ähnlicher sah als einem Menschen, glitt unter meinem Degen durch und umklammerte meine Knie, um mich zu Falle zu bringen; ein zweiter ließ seinen Dreschflegel auf meinen Helm niedersausen, der aber abglitt und meine Schulter traf; ein dritter stieß mit der Pike auf mich ein und stach mich in den Schenkel, aber ich zerbrach seine Waffe mit einem Streich und seinen Schädel mit dem nächsten! Der Mann mit dem Flegel wich darauf erschrocken zurück, und ein Fußtritt befreite mich von dem affenartigen Geschöpf an meinen Beinen. So war ich für den Augenblick meine Bedränger los und ging unversehrt aus dem Gefecht hervor bis auf eine leichte Schramme am Bein und etwas Steifheit im Genick und in der Schulter.

Umblickend gewahrte ich, daß auch meine Kameraden ihre Widersacher geworfen hatten. Saxon hielt seinen blutigen Degen in der linken Faust, und das Blut rieselte aus einer leichten Wunde an der Rechten. Zwei Grubenarbeiter lagen vor ihm übereinander, aber zu Sir Gervas Füßen waren nicht weniger als vier Leichname aufgeschichtet. Als ich hinsah, zog er gerade seine Dose hervor und präsentierte sie dem Lord Grey mit tiefem Diener und graziöser Handbewegung – so seelenruhig, als befände er sich noch in seinem Londoner Kaffeehause. Buyse stützte sich auf sein gewaltiges Schlachtschwert und betrachtete düster den kopflosen Rumpf vor ihm, in dem ich nach der Kleidung den Leichnam des Predigers erkannte. Was Ruben anbetraf, so war er zwar unverletzt, aber tief betrübt über meine unbedeutende Schramme, obgleich ich dem treuen Burschen versicherte, sie sei eigentlich weniger bedenklich, als die Dornenrisse, die wir uns als Kinder beim Brombeersuchen geholt hatten.

Die zurückgeworfenen Fanatiker waren indessen nicht die Männer, sich bei einem einzigen Fehlschlag zu beruhigen. Sie hatten zehn Mann, einschließlich ihres Führers, verloren, ohne unsre Linie zu durchbrechen, aber die Niederlage erhöhte ihren Ingrimm. Ein paar Minuten lang sammelten sie sich wutschnaubend im Hauptschiffe. Dann stürmten sie mit gellendem Geschrei von neuem an und machten verzweifelte Anstrengungen, sich den Weg zum Altar zu erzwingen. Der Kampf war heißer und dauerte länger als vorhin. Einer unsrer Leute wurde durch das Gitter ins Herz gestochen und fiel, ohne einen Laut von sich zu geben, zu Boden. Einen zweiten traf ein gewaltiges Mauerstück, das ein riesiger Gebirgsbewohner auf uns schleuderte, und betäubte ihn. Ein Keulenschlag streckte Ruben zu Boden, und sie hätten ihn sicher heruntergezerrt und in Stücke gerissen, wenn ich mich nicht über ihn gestellt und seine Angreifer zurückgetrieben hätte. Sir Gervas wurde bei dem furchtbaren Anprall umgerannt; er lag aber da wie eine angeschossene Wildkatze, und schlug wie toll um sich nach allem, was ihm in den Wurf kam. Buyse und Saxon standen Schulter an Schulter fest wie ein Fels in der Brandung inmitten der rasend andrängenden Rotte und hieben jeden nieder, der in den Bereich ihrer Schwerter kam.

In einem so ungleichen Kampfe mußte aber doch schließlich die Überzahl siegen, und ich gestehe, daß ich anfing, ernstlich besorgt zu sein um den Ausgang. Da erscholl der schwere gleichmäßige Taktschritt geschulter Soldaten durch den Dom, und die Musketiere des Baronets kamen das Mittelschiff herauf. Die Fanatiker warteten ihren Angriff nicht ab, sondern stoben auseinander. Sie setzten über Bänke und Gestühl, verfolgt von unsern Verbündeten, die in helle Wut gerieten, als sie ihren geliebten Hauptmann am Boden sahen. Nun folgten ein paar wildbewegte Minuten, ein Hinundherlaufen, Hauen und Stechen, Stöhnen und Klirren der Flintenkolben auf den Marmorfliesen. Noch ein paar Meuterer wurden dabei erschlagen, weitaus die meisten streckten die Waffen und wurden auf Lord Greys Befehl verhaftet. Eine starke Wache zog vor den Portalen auf, um einem etwaigen neuen Ausbruch sektiererischer Zerstörungswut vorzubeugen.

Als der Dom endlich geräumt und die Ruhe wieder hergestellt war, hatten wir Zeit, aufzuatmen und an unsre eignen Verletzungen zu denken. Auf allen meinen Fahrten und in allen Kriegen, in denen ich später gefochten habe – Kriege, gegen welche diese Monmouthaffäre ein Kinderspiel war – sah ich nie ein so seltsames und ergreifendes Bild, wie hier im Dom zu Wells. Bei dem gedämpften feierlichen Licht, das darin herrschte, sah der um das Altargeländer angehäufte Hügel toter Leiber mit ihren verdrehten Gliedern und starren Gesichtern überaus schaurig und geisterhaft aus. Die Abendsonne schien durch eins der wenigen heilgebliebenen bunten Fenster und goß feurig rote und bleiche grüne Lichtfluten über die reglosen Gestalten. Ein paar Verwundete saßen vorn im Gestühl oder lagen auf den Stufen umher und jammerten nach Wasser. Von unserm kleinen Trupp war nicht einer unversehrt davon gekommen. Drei Mann lagen tot da, und ein vierter war noch betäubt von einem Schlage. Buyse und Sir Gervas hatte arge Quetschungen erlitten. Saxon war am rechten Arm verwundet, Ruben war durch einen Keulenschlag niedergestreckt wurden und würde sicher durch einen nach ihm geführten Pikenstoß getötet worden sein, wenn das Eisen nicht an dem edlen Stahl von Sir Jakobs Clancings Brustharnisch abgeglitten wäre. Meine Schrammen waren nicht der Rede wert, aber mein Kopf summte ein paar Stunden lang wie der Theekessel einer Hausfrau, und mein Stiefel war voll Blut. Letzteres war vielleicht eine verkappte Wohlthat, sintemal Sneckson, unser Havanter Bader, mir seit Jahren in den Ohren lag mit der Versicherung, durch einen kleinen Aderlaß würde ich noch einmal so gesund werden!

Mittlerweile war die ganze Armee alarmiert und die Meuterei rasch im Keim erstickt worden. Unter den Puritanern gab es jedenfalls viele, die den Prälatisten abhold waren, aber nur wenige hirnverbrannte Fanatiker sahen nicht ein, daß die Zerstörung des Domes die ganze Staatskirche in Harnisch bringen und der Sache, für die sie kämpften, den Garaus machen würde. Das Unheil war so wie so schon groß genug. Während die Bande drinnen alles zertrümmerte, was sie nur hatte erreichen können, hatte das Gesindel draußen Friese und Rinnenköpfe abgehackt, ja sogar die Zinkplatten vom Dach abgerissen und sie in großen Rollen den Kumpanen unten zugeworfen. Daraus zogen wir wenigstens etwas Nutzen. Die Munition war knapp in der Armee, so wurden die Platten auf Monmouths Befehl sorglich aufgelesen und Kugeln daraus gegossen. Die Gefangenen wurden eine Zeitlang in Gewahrsam gehalten; da man es aber für unklug hielt, sie zu bestrafen, bekamen sie zuletzt Pardon und wurden aus der Armee entlassen.

Das Wetter war endlich sonnig und warm geworden. Am zweiten Ruhetage in Wells fand daher auf den Feldern vor der Stadt eine Musterung unsrer gesamten Streitmacht statt. Es stellte sich dabei heraus, daß die Infanterie sechs Regimenter zu je neunhundert Mann, also im ganzen fünftausend vierhundert Mann stark war. Fünfzehnhundert davon waren Musketiere und zweitausend Pikeniere, die übrigen Bauern mit Flegeln und Hämmern. Ein paar Abteilungen, wie die unsre und die Tauntoner, konnten billig beanspruchen, Soldaten zu heißen, aber die allermeisten waren nach wie vor bloße bewaffnete Bauern- oder Schifferknechte. Mochten sie aber noch so schlecht bewehrt und gedrillt sein, sie waren doch kräftige, robuste Engländer voll angeborner Tapferkeit und religiösen Eifers. Der oberflächliche, wankelmütige Monmouth faßte wieder einmal Mut, als er ihre trotzige Haltung sah und ihr herzhaftes Hurra hörte. Da ich neben seinem Stabe ritt, hörte ich ihn begeistert zu seiner Umgebung reden und fragen, ob es wohl denkbar sei, daß diese Prachtkerls von käuflichen, halbherzigen Mietlingen geschlagen werden könnten?

»Was meint Ihr dazu, Wade?« rief er. »Sollen wir niemals ein Lächeln auf Euerm trübseligen Gesicht gewahren? Winkt Euch nicht der Wolljack, wenn Ihr diese braven Burschen anseht?«

»Gott bewahre mich davor, Ew. Majestät frohe Zuversicht dämpfen zu wollen,« erwiderte der Rechtsanwalt, »aber ich gedachte eben eines Tages, da Ew. Majestät an der Spitze dieser nämlichen Mietlinge genau so tapfre Männer, wie die vor uns, bei der Bothwell-Brücke in wilde Flucht schlugen.«

»Wahr, sehr wahr!« sagte der König und strich mit der Hand über die Stirn – seine Lieblingsgeste, wenn er gequält oder gereizt wurde. »Es waren kühne Männer, diese Covenanters des Westens, aber dem Ansturm unsrer Bataillone konnten sie nicht standhalten. Die hatten aber auch keine Spur von militärischem Drill, während diese hier in der Linie fechten und Pelotonfeuer abgeben können, so vorzüglich wie man's nur wünschen mag.«

»Wenn wir auch nicht eine Flinte, nicht eine Patrone im ganzen Heere hätten,« sagte Ferguson dazwischen, »und wenn wir ohne Schwerter mit den bloßen Händen streiten sollten, der Herr, der Allmächtige könnte uns doch den Sieg verleihen, wenn es ihm gut dünkte.«

»Alle Schlachten sind mehr oder minder dem Zufall unterworfen, Ew. Majestät,« bemerkte Saxon, der den Schwertarm in der Binde trug, »Irgend eine glückliche Wendung, ein Fehler, ein Glücksfall, den niemand vorhersehen kann, wird meist den Ausschlag geben. Ich bin geschlagen worden, wo mir der Sieg sicher schien, und habe gesiegt, wo ich auf eine Niederlage gefaßt war. Es ist ein unberechenbares Spiel, und niemand weiß den Ausgang, bevor nicht die letzte Karte ausgespielt ist.«

»Nicht ehe die Points gezählt sind,« setzte Buyse in seinen tiefen Kehllauten hinzu. »Manch ein Führer gewinnt den Trick und verliert die Partie.«

»Der Trick wäre also die Schlacht und die Partie der Feldzug,« sagte der König lächelnd. »Unser deutscher Freund ist ein Meister in Metaphern, die vom Lagerfeuer entlehnt sind. Aber unsre Pferde, die armen Tiere, sind, wie mir scheint, in kläglicher Verfassung. Was würde Vetter Wilhelm im Haag mit seiner schmucken Gardereiterei zu einem solchen Anblick sagen?«

Während dieser Unterhaltung war die lange Kolonne Infanterie vorbeimarschiert. Die Regimenter trugen noch die Banner, mit denen sie zum Kriege ausgerückt und die jetzt von Wind und Wetter arg mitgenommen waren. Die zehn Schwadronen, die darauf folgten, hatten Monmouths letzte Bemerkung veranlaßt. Die Rosse sahen von den beständigen Anstrengungen in dem unaufhörlichen Regen matt und abgetrieben aus. Die Reiter hatten Helme und Harnische einrosten lassen und schienen in keiner bessern Verfassung zu sein als ihre Gäule. Auch dem Unerfahrensten unter uns war es klar, daß wir im Falle der Entscheidung uns nur auf das Fußvolk verlassen konnten. Allerorten blitzte es im Sonnenstrahl auf den niedrigen Höhen ringsum von Waffen und zeigte uns, wie stark der Feind gerade in dem Punkte war, der unsre Schwäche ausmachte. Trotzdem war diese Musterung bei Wells doch eine rechte Herzstärkung, denn sie bewies uns, daß die Mannschaft guten Muts geblieben und kein Groll wegen der unsanften Behandlung der Zeloten am Tage zuvor bei ihnen haften geblieben war.

Wir wurden während dieser zwei Tage zwar von der feindlichen Kavallerie umschwärmt, aber die Infanterie war glücklicherweise durch das schlechte Wetter und die angeschwollenen Flüsse aufgehalten worden.

Am letzten Juni verließen wir Wells und marschierten über schilfige Tiefebenen und die niedrigen Polden Hills nach Bridgewater, wo uns einige Rekruten erwarteten. Monmouth hatte nicht übel Lust, hier zu bleiben, er begann sogar Schanzen aufzuwerfen. Es wurde ihm aber bedeutet, daß selbst gesetzten Falls, er hielte die Stadt, höchstens für ein paar Tage Rationen darin aufzutreiben seien, während die Gegend ringsum bereits so ausgesogen sei, daß nichts mehr darin zu finden sein würde. Die Verteidigungsarbeiten wurden daher eingestellt, und wie ein gehetztes Wild, dem kein Schlupfloch übrig, kein Entrinnen möglich ist, erwarteten wir den Feind.

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