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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXVI.

Der Streit im Kriegsrat.

König Monmouths Kriegsrat tagte gerade auf der Burg, als ich ankam, und mein Eintritt verursachte um so größere Überraschung und Freude, als kurz zuvor die Nachricht von meiner gefahrvollen Lage eingetroffen war. Die Gegenwart des Königs hinderte daher nicht, daß mehrere der Anwesenden, vor allem der Bürgermeister und die beiden Glückssoldaten, aufsprangen und mir warm die Hand drückten. Monmouth selbst sagte ein paar gnädige Worte und ersuchte mich, an der Tafel unter den andern Platz zu nehmen.

»Ihr habt Euch das Recht erworben, an unsern Beratungen teil zu nehmen,« sagte er. »Damit aber unter den übrigen Hauptleuten keine Eifersucht wegen dieses Vorzugs aufkomme, erteile ich Euch hiermit den Titel Oberstwachtmeister, welcher zwar bei dem gegenwärtigen Stande unsrer Streitmacht von geringer Bedeutung ist, Euch aber doch einen gewissen Vorrang vor euren Kameraden verleiht. Wir haben vernommen, daß Euer Empfang bei Beaufort etwas rauh war, und daß Ihr in seinen fürchterlichsten Kerker geworfen wurdet. Zum Glück seid Ihr selbst dem Unglücksboten auf dem Fuße gefolgt. Erzählt uns jetzt ausführlich und von Anfang an, wie sich alles zugetragen hat.«

Ich hatte eigentlich meinen Bericht auf Beaufort und seine Botschaft beschränken wollen, da aber die Versammlung augenscheinlich darauf erpicht war, meine sämtlichen Erlebnisse zu erfahren, erzählte ich ihnen in kurzen schlichten Worten, was mir alles zugestoßen war: von dem Hinterhalt, den Schmugglern, der Höhle, dem Zollwächter, der Seereise, von Pächter Braun, von meiner Gefangenschaft, dann wie ich befreit wurde, und endlich richtete ich die Botschaft aus, welche mir aufgetragen war.

Die Versammlung lauschte mit angehaltenem Atem, und nur ab und zu bewies die gemurmelte Verwünschung eines Höflings, der Stoßseufzer eines Puritaners oder auch ein leises Gebetswort, wie aufmerksam alle den verschiedenen Phasen meines Schicksals folgten. Am lebhaftesten freilich interessierte sie, was Beaufort gesagt hatte, und ich wurde mehr als einmal unterbrochen, wenn es den Anschein hatte, als ginge ich zu flüchtig über einen Ausspruch oder eine Handlung hinweg. Als ich endlich schwieg, entstand eine Pause, und die Herren blickten einander erwartungsvoll an.

»Auf mein Wort,« sagte endlich Monmouth, »dies ist ja wahrhaftig ein verjüngter Odysseus, obgleich seine Odyssee nur drei Tage gedauert hat. Die Scudery würde vielleicht weniger langweilig sein, wenn sie diese Geschichten von Schmugglern, Höhlen, Schiebethüren und so weiter ad notam nehmen wollte. Was meint Ihr, Milord Grey?«

»Der junge Mann hat allerdings Abenteuer genug erlebt,« erwiderte der Edelmann, »und hat zudem seinen Auftrag als ein furchtloser und treuer Bote ausgerichtet. Ihr sagt, Beaufort habe Euch nichts Schriftliches mitgegeben?«

»Nicht eine Zeile, Mylord,« entgegnete ich.

»Und seine geheime Botschaft lautete dahin, daß er uns wohlgesinnt sei, und sich uns anschließen würde, wenn wir in seine Gegend kämen?«

»Das war der Sinn seiner Rede, Mylord.«

»Wenn ich Euch vorhin recht verstand, so hat er bittere Reden über uns geführt, Beleidigungen gegen den König Jakob ausgestoßen und über die gerechten Ansprüche desselben auf die Lehenstreue des Adels gespottet?«

»Allerdings, das hat er gethan,« versetzte ich.

»Er möchte gern auf beiden Seiten der Hecke zugleich stehen,« sagte König Monmouth. »Solch ein Mann gerät statt dessen leicht in die Dornen. Dennoch ist es vielleicht ratsam, daß wir auf Badminton zu marschieren, damit wir ihm seine Erklärung erleichtern.«

»Ew. Majestät geruhen, sich zu erinnern,« warf Saxon ein, »daß wir beschlossen hatten, auf jeden Fall nach Bristol zu ziehen und einen Versuch zu machen, die Stadt zu nehmen.«

»An den Festungswerken wird gearbeitet,« sagte ich »und fünftausend Stadtsoldaten liegen darin. Ich sah die Arbeiter auf den Mauern, als ich vorüber kam.«

»Gewinnen wir Beaufort, so gewinnen wir die Stadt,« versetzte Sir Stephan Timewell. »Es ist drinnen eine große Anzahl gottesfürchtiger, redlicher Leute, die mit Freuden ein protestantisches Heer in ihren Thoren sehen würden. Sollte es zur Belagerung kommen, so dürfen wir auf ihren Beistand zählen.«

»Blitz und Hagel!« rief der Deutsche mit einer Ungeduld in Ton und Wesen, welche auch des Königs Gegenwart nicht in Schranken hielt. »Wie können wir von Belagerungen und Einschließungen reden und haben auch nicht ein einziges Festungsgeschütz in unsrer Armee?«

»Der Herr Zebaoth wird uns des schweren Geschützes nicht ermangeln lassen,« rief Ferguson in seinem wunderlich näselnden Ton. »Hat nicht der Herr die Mauern von Jericho zerbrochen ohne Pulver und Blei? Hat nicht der Herr berufen den Mann Robert Ferguson, und ihn sicher behütet in fünfunddreißig Gerichtsklagen und zweiundzwanzig Proklamationen der Gottlosen? Was ist es, das Er nicht vermag? Hosianna! Hosianna!«

»Der Herr Doktor hat recht!« sagte ein englischer Independent, der ein breites viereckiges Gesicht und eine lederfarbene Haut hatte. »Wir machen zu viel Aufhebens von fleischlichen Mitteln und weltlichen Vorteilen, und versäumen es, uns auf das himmlische Wohlgefallen zu verlassen, das uns sein sollte, wie ein Stab auf steinigem und zerklüftetem Pfade. Ja, ihr Herren,« fuhr er mit erhobener Stimme fort und warf einen Blick über den Tisch auf einige der Höflinge, »ihr möget mit den Reden der Frommen immerhin euern Spott treiben, ich aber sage euch, ihr und euresgleichen seid es, die Gottes Zorn auf sein Heer herabziehen werden.«

»Das sage ich auch!« rief ein andrer Sektierer aufgeregt.

»Ich auch,« – »Ich auch!« schrien mehrere, darunter deuchte mir, auch Saxon.

»Wollen Ew. Majestät uns sogar an Eurem eignen Ratstische beschimpfen lassen?« rief einer der Hofherren und sprang zornrot empor. »Wie lange sollen wir diese Unverschämtheiten dulden, die uns zum Vorwurf machen, daß wir als vornehme Leute unsre Religion nicht zur Schau tragen und damit auf den Gassen prahlen, wie diese Pharisäer?«

»Beleidige nicht die Heiligen Gottes,« rief ein Puritaner in lautem, strengem Ton. »Eine Stimme spricht in meinem Herzen, die mir sagt, es sei besser, dich tot zu schlagen, – ja und wär's in Gegenwart des Königs – als dir zu gestatten, noch weiter die zu lästern, die da wiedergeboren sind.«

Anhänger beider Parteien sprangen jetzt auf. Die Hand am Schwertgriff, durchbohrten sie sich gegenseitig mit Blicken, die so tötlich und feindselig wie blitzende Rapiere herüber und hinüber flogen. Indessen gelang es doch endlich den gemäßigteren und vernünftigeren Mitgliedern, den Frieden wiederherzustellen und die zornigen Zänker zu bewegen, ihre Sitze wieder einzunehmen.

»Wie nun, ihr Herren!« begann der König mit finsteren Zornesfalten im Antlitz, als endlich Stille eingetreten war. »Reicht meine Autorität nicht weiter, daß ihr euch erlaubt, miteinander zu streiten, als wäre mein Sitzungssaal ein Bierhaus in der Fleetstraße? Bezeugt ihr so eure Achtung vor meiner Person? Ich versichere euch, ich will meine gerechten Ansprüche lieber aufgeben, nach Holland zurückkehren oder mein Schwert der Sache der Christenheit gegen die Türken widmen, als mir eine so unwürdige Behandlung gefallen lassen. Wenn ordnungsmäßig erwiesen ist, daß ein Mann im Punkte der Religion den Soldaten oder den Gemeinden Anstoß gegeben und Zank erregt hat, werde ich wissen, was ich zu thun habe. Jeder predige den Seinen und kümmere sich nicht um die Herde seines Nächsten. Ihr aber, Herr Bramwell, Ihr, Herr Joyce und auch Ihr, Sir Henry Nuttall, eurer Gegenwart bedarf ich bei unsern Beratungen bis auf weiteres nicht mehr. Die Versammlung ist jetzt entlassen; begebt euch alle in eure Quartiere, und morgen mit dem Frühesten wollen wir unter Gottes Beistande nach Norden aufbrechen, um zu sehen, ob das Glück uns bei unsern Unternehmungen weiter hold sein wird.«

Der König verbeugte sich zum Zeichen, daß die förmliche Sitzung beendet war. Dann zog er Lord Grey beiseite und konferierte lange und augenscheinlich besorgt mit ihm. Die Edelleute, unter denen sich sowohl Engländer, als auch einige Ausländer befanden, die mit herüber gekommen waren und daneben noch einige Rittergutsbesitzer aus Devonshire und Somerset verließen in geschlossenen Reihen, trotzigen Schrittes mit Sporengeklirr und Schwertgerassel das Gemach. Die Puritaner sammelten sich auch und folgten ihnen, aber nicht, wie es sonst ihre Gewohnheit war, mit sittsam gesenkten Blicken, sondern mit grimmigen Angesichtern und gerunzelten Brauen, ähnlich wie die Juden vor Alters dreingeschaut haben mögen, wenn der Ruf: »Zu deinen Zelten, o Israel!« in ihren Ohren klang.

Religiöser Zwist und sektiererische Glut erfüllten die Luft ringsum. Draußen auf dem grünen Burgplatz ertönten die Stimmen der Prediger, wie das Summen von Insekten. Jeder Wagen, jede Tonne, wohl auch hie und da eine Kiste mit Lebensmitteln war in eine Kanzel verwandelt. Auf jeder stand ein Redner und ein Häuflein eifrig Lauschender rings herum. Hier stand ein braunröckiger Tauntoner Freiwilliger in Reiterstiefeln und Bandelier, der sich über die Rechtfertigung durch die Werke verbreitete. Weiterhin war ein Milizgrenadier mit grellrotem Rock und weißem Kreuzgürtel tief in der Auslegung des Geheimnisses der Dreieinigkeit begriffen. Hie und da, wo die improvisierten Kanzeln einander zu nahe standen, verwandelten die Predigten sich in eine brennende Disputation zwischen den beiden Predigern, an der die Zuhörerschaft sich mit Hm's und Ha's und lautem Gestöhn beteiligte. Dem Kämpfer, dessen Bekenntnis mit dem ihrigen am meisten übereinstimmte, wurde lauter Beifall gespendet.

Der Eindruck der ganzen wildbewegten Scene wurde noch erhöht durch den roten flackernden Schein der Lagerfeuer, mit seinen wechselnden Schatten und Lichtern. Schweren Herzens schritt ich durch das verworrene Getriebe, denn ich fühlte deutlich, wie ganz vergeblich die Hoffnung auf Erfolg bei solcher Zersplitterung sein mußte. Saxon indessen schaute mit glitzernden, halbgeschlossenen Augen zu und rieb sich zufrieden die Hände.

»Der Sauerteig treibt Blasen«, ließ er sich vernehmen. »Aus dieser Gährung muß etwas werden.«

»Ich begreife nicht, was anders daraus werden soll, als Unordnung und Schwäche!« entgegnete ich.

»Gute Soldaten sollen daraus werden, Junge,« sagte er. »Sie alle lassen sich scharf schleifen am Wetzstein der Religion. Aus solchem Geisterkampf erstehen Fanatiker, und Fanatiker haben das Zeug dazu, Eroberer zu werden. Habt Ihr nicht gehört, daß Nolls ganzes Heer in lauter Sekten gespalten war? in Presbyterianer, Independenten, Wiedertäufer, Männer der Fünf-Monarchien, Brownisten und zwanzig andre Sekten, aus deren Hader die prächtigsten Regimenter erwuchsen, die je eine Schlachtlinie formiert haben?

›Sie bauen ihren Christenglauben wert
Auf den heiligen Text von Flint' und Schwert –‹

Ihr kennt wohl Samuels Witz – nicht wahr? Ich versichere Euch, ich sehe sie bei dieser Beschäftigung sogar lieber als beim Exercieren, trotz alles ihres Gelärms und Gehaders.«

»Was meint Ihr aber zu dem Zerwürfnis zwischen den Räten des Königs?« fragte ich.

»Na, ja freilich, das ist ernsthafter. Man kann wohl alle die verschiedenen Bekenntnisse zusammenschweißen, aber der Puritaner und der Spötter sind wie Öl und Wasser. Dennoch ist der Puritaner das Öl – er wird oben bleiben. Von dieser Hofgesellschaft steht jeder nur für sich, die andern haben den Kern, das Mark des Heeres hinter sich. Gut, daß es morgen losgeht! Wir haben Kunde, daß die königlichen Truppen bereits in hellen Haufen über die Heide von Salisbury ziehen. Sie werden nur durch ihre Gepäck- und Proviantkolonnen aufgehalten, denn sie wissen, daß sie alles, was sie brauchen, mitschleppen müssen, da sie von den Landleuten nichts zu erwarten haben. Ei – Freund Buyse, wie geht's?«

»Ganz gut,« sagte der stämmige Deutsche, der soeben aus der Dunkelheit neben uns auftauchte. »Aber Saperment, was ist das für ein Gekrächze und Geschnattere, wie in einem Krähenhorst um Sonnenuntergang! Ihr Engländer seid doch ein wunderliches Volk – zum Donnerwetter ja, ein sehr wunderliches Volk! Nicht zwei von euch stimmen über irgend einen Gegenstand unter dem Himmel überein! Der Kavalier verlangt seinen bunten Rock und seine lose Zunge. Der Puritaner schneidet einem lieber die Gurgel ab, als daß er sein dunkles Kleid und seine Bibel daran gibt. Die einen rufen: ›König Jakob!‹ Die Bauern: ›König Monmouth,‹ die Fünf-Monarchien-Männer: ›König Jesus!‹ Meister Wade und sein Anhang schreien: ›Gar kein König!‹ – sie sind für die Republik. Seit ich den Helderenbergh bei Amsterdam betrat, dreht sich in meinem Kopf alles, weil ich nicht verstehe, was ihr eigentlich haben wollt. Denn wenn ich einen Menschen ganz zu Ende gehört hatte und mir anfing, ein Licht aufzugehn, – gleich kommt ein andrer und da sitz' ich dann wieder in derselben alten Finsternis drin. Ich freue mich aber herzlich, mein junger Herkules, Euch heil und gesund wieder zu sehen. Doch getraue ich mich kaum, nach der unlängst erfahrenen Behandlung meiner Hand, sie Euch abermals zu reichen! Hoffentlich haben alle die Fährlichkeiten, die Ihr durchgemacht, keine üblen Folgen für Euch gehabt?«

»Meine Augenlider sind ein wenig schwer,« entgegnete ich. »Außer den paar Stunden auf dem Logger, und ebensovielen auf der Pritsche im Kerker habe ich kein Auge zugethan, seit ich das Lager verließ.«

»Wir versammeln uns morgen beim zweiten Hornruf, also um 8 Uhr,« sagte Saxon, »und ich verlasse Euch daher jetzt, damit Ihr Eure Strapazen verschlafen könnt.«

Mir freundlich zunickend schritten die beiden alten Soldaten die volkreiche Forestraße hinab, indes ich mich, so eilig als möglich, nach der gastlichen Behausung des Bürgermeisters begab, wo ich vor versammeltem Hauspersonal noch einmal meine Geschichte erzählen mußte, ehe mir gestattet wurde, mein Lager aufzusuchen.

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