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Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 26
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXV.

Was sich Seltsames im Boteler Turmverließ begab.

»Notiere die Aussagen des Kerls,« sagte der Herzog zu seinem Schreiber. »Nun, Bursche, du weißt vielleicht nicht, daß des Königs Majestät allergnädigst geruht haben, mir während dieser unruhigen Zeiten Vollmacht zu geben, jeden Verräter ohne Schöffen und Richter abzuurteilen. Du hast in dem Rebellenheer eine Charge, und zwar bei einem Truppenkörper, der hier ›Saxons Wiltshire Infanterieregiment‹ genannt wird? Sprich die Wahrheit, so dir dein Leben lieb ist.«

»Ich will die Wahrheit sprechen, Ew. Gnaden, weil ich etwas Besseres lieb habe als mein Leben,« entgegnete ich, »Ja, ich kommandiere eine Kompanie in jenem Regiment.«

»Wer ist dieser Saxon?«

»Ich will auf alles antworten, was mich selbst betrifft,« versetzte ich, »aber nicht ein Wort, das andre angeht.«

»Ha!« brüllte er und wurde vor Zorn dunkelrot. »Die Waffen hat dieser Mensch gegen seinen König ergriffen, und da will er noch zartfühlend thun und von seiner Ehre viel Wesens machen! Ich sage dir, Bursch, deine Ehre ist ohnehin dem Verderben verfallen, du kannst sie ruhig vollends über Bord werfen und für deine Sicherheit sorgen. Die Sonne neigt sich nach Westen. Ehe sie untergeht, ist vielleicht auch dein Leben zur Neige gegangen.«

»Meine Ehre werde ich zu hüten wissen, Ew. Gnaden,« gab ich zurück. »Was mein Leben angeht, nun, ich stünde in diesem Augenblick nicht hier, wenn ich nicht bereit wäre, es hinzugeben. Ich muß aber Ew. Gnaden darauf aufmerksam machen, daß mein Oberst geschworen hat, für jede Unbill, die mir widerfahren mag, Vergeltung zu üben an Euch oder an jedwedem Eures Hofhaltes, der ihm in die Hände fällt. Ich sage das nicht als leere Drohung, sondern als Warnung, denn wie ich ihn kenne, ist er der Mann, sein Wort zu halten.«

»Dein Oberst, wie du ihn nennst, wird es vielleicht bald schwierig genug finden, sich selbst zu retten,« erwiderte der Herzog verächtlich lächelnd, »Wie hoch beläuft sich das Heer, das Monmouth führt?«

Ich lächelte und schüttelte den Kopf.

»Wie kann man diesem Verräter den Gebrauch seiner Zunge lehren?« fragte er wütend, zu seinen Geheimräten gewandt.

»Ich würde ihm Daumschrauben ansetzen,« sagte ein grimmig blickender alter Haudegen.

»Ich habe beobachtet, daß ein zwischen die Finger gesteckter brennender Feuerschwamm Wunder thut,« schlug ein andrer vor. »Sir Thomas Dalzell gelang es, durch dies Überredungsmittel mehrere der eingefleischtesten und hartnäckigsten Covenanters zum Übertritt zu bewegen.«

»Sir Thomas Dalzell,« sagte ein grauhaariger, in schwarzen Sammet gekleideter Herr, »hat die Kriegskunst unter den Moskowitern studiert in ihren barbarischen und blutigen Kämpfen mit den Türken. Gott verhüte, daß wir christlichen Engländer unsre Vorbilder unter den in Felle gekleideten Götzendienern eines wilden Landes suchen.«

»Wenn es nach Sir William ginge, würde ein Krieg nach den Prinzipien der feinsten höfischen Sitte geführt werden,« sagte der erste Sprecher, »eine Schlacht würde dann ein stattliches Menuett sein, wobei niemand einen Verstoß gegen die Würde und Etikette begehen dürfte.«

»Herr,« versetzte der andre heftig, »ich habe in so mancher Schlacht gekämpft, als Ihr noch ein Wickelkind waret, ich hielt den Kommandostab, als Ihr noch kaum die Kinderklapper halten konntet! In Belagerung und Handgemenge ist Soldatenwerk wild und blutig, aber ich bleibe dabei, daß die Anwendung der Tortur, die das bürgerliche Gesetz für England abgeschafft hat, auch im Völkerrecht nicht mehr vorkommen sollte.«

»Genug, genug, ihr Herren!« rief der Herzog, der merken mochte, daß die Streitenden sich zu erhitzen begannen. »Sir William, Eure Ansicht gilt mir viel – aber die Eure nicht minder, Oberst Hearn. Wir wollen diese Sache ausführlich besprechen, wenn wir unter uns sind. Hellebardiere, entfernt den Gefangenen und laßt einen Pfarrer zu ihm, der nach seinen geistlichen Bedürfnissen sieht.«

»Sollen wir ihn in festen Gewahrsam bringen, Ew. Gnaden?« fragte der wachthabende Offizier.

»Nein, – in das alte Boteler Turmverließ,« entgegnete der Herzog.

Dann hörte ich noch den nächsten Namen auf der Audienzliste ausrufen, während ich durch eine Seitenpforte abgeführt wurde, vor mir und hinter mir je ein Wächter.

Wir schritten durch endlose Gänge und Korridore mit schweren, rasselnden Schritten, bis wir den alten Flügel erreichten. Hier im Eckturm befand sich ein kleines, kahles Gemach, aus dem uns ein muffiger, feuchter Geruch entgegenschlug. Es hatte eine sehr hohe gewölbte Decke und in der Außenwand einen einzigen schmalen Schlitz, der einiges Licht zuließ. Eine kleine Pritsche und ein unbehobelter Stuhl bildeten die ganze Einrichtung.

Der Hauptmann der Turmwache, der mich hier übernahm, stellte erst einen Posten vor die Thür und kam dann herein, um mir die Ketten abzunehmen. Er war ein Mann, dessen trübsinniges Gesicht, ernste eingesunkene Augen und verzagt herabgezogene Mundwinkel schlecht zu seinem eleganten Anzüge und buntem Degengehenk paßten.

»Nur nicht den Mut verloren, Freund!« sagte er mit hohler Stimme. »Es ist nur ein kurzes Ersticken und Ringen. Vor ein paar Tagen nahmen wir hier dieselbe Prozedur vor, und der Mann hat kaum gestöhnt. Der alte Spender, des Herzogs Profoß, versteht das Drehen der Schlinge und das Fallenlassen im rechten Augenblick aus dem FF – ebensogut wie Dun von Tyburn. Habt deshalb keine Angst – Ihr werdet keinem Stümper in die Hände fallen.«

»Ich wollte nur, ich könnte Monmouth wissen lassen, daß seine Briefe abgegeben sind,« rief ich und setzte mich niedergeschlagen auf die Pritsche.

»Wahrhaftig, abgegeben sind sie. Wäret Ihr der Briefträger von Mr. Robert Murray gewesen, von dem wir voriges Frühjahr in London so viel hörten, Ihr hättet sie nicht unmittelbarer abliefern können. Warum habt Ihr dem Herzog nicht ein bißchen Honig um den Mund geschmiert? Er ist ein gnädiger Herr und von Herzen gütig, außer wenn ihm etwas gegen den Strich geht und ihn erzürnt. Wenn Ihr ihm ein bißchen von der Anzahl der Rebellen erzählt hättet und von ihrer Stimmung – das hätte Euch vielleicht gerettet!«

»Es wundert mich, daß Ihr, ein Soldat, an so etwas denken, geschweige davon sprechen könnt,« sagte ich kalt.

»So? – na! Euer Hals gehört Euch. Wenn es Euch Vergnügen macht, einen Sprung ins Leere hinein zu thun, wär's schade drum, Euch zu hindern. Aber Se. Gnaden haben befohlen, den Kaplan zu holen. Ich will ihn aufsuchen.«

»Bitte, bringt ihn mir nicht,« sagte ich. »Ich bin ein Dissenter, und zudem sehe ich dort in jener Nische eine Bibel. Ich brauche keine irdische Hilfe, um meinen Frieden mit Gott zu machen.«

»Um so besser,« versetzte er, »denn der Diakonus Hewsby ist von Chippenham herübergekommen, und da sitzt er nun mit unserm guten Kaplan und bespricht sich mit ihm bei einer Flasche alten Tokayers über die Notwendigkeit der Selbstverleugung. Bei Tische hörte ich, wie er Gott Dank sagte für Speis' und Trank, und im selben Atem den Hausmeister darüber anfuhr, wie er habe wagen können, einem Diakonus der englischen Kirche ein junges Huhn ohne Trüffeltunke vorzusetzen! Also auch des Diakonus geistlichen Beistand verschmäht Ihr? Nun, ich will für Euch thun, was ich vernünftigerweise kann, da Ihr uns jedenfalls nicht lange zur Last fallen werdet. Vor allen Dingen – immer den Kopf oben behalten!«

Er verließ die Zelle, schloß aber gleich noch einmal die Thür auf und schob sein Leichenbittergesicht durch den Thürspalt.

»Ich bin Hauptmann Sinclair, ein Edelmann von des Herzogs Hofhalt,« sagte er, »wenn Ihr Veranlassung haben solltet, nach mir zu fragen, Ihr solltet doch lieber einen Geistlichen kommen lassen. Ich gebe Euch mein Wort, in dieser Zelle ist's nicht geheuer, es haust hier jemand außer Gefängniswärtern und Gefangenen!«

»Wer denn?« fragte ich.

»Traun, niemand geringeres als der Teufel,« antwortete er, kam zurück und schloß die Thür hinter sich, »Es ging so zu,« fuhr er fort und dämpfte seine Stimme zum Flüsterton: »Vor zwei Jahren wurde Hektor Marot, der Straßenräuber, hier in diesem selben Boteler Turmverließ eingesperrt. Ich selbst war in der Nacht auf Wache im Korridor und sah den Gefangenen um zehn Uhr abends auf dem Bette sitzen, wie Euch jetzt. Nach zwölf guckte ich nach meiner Gewohnheit noch mal hinein, in der Absicht, ihm die Langeweile der Einsamkeit ein wenig zu verkürzen, und siehe da, – er war weg! – Ja, macht nur immer große Augen! Die meinigen hatte ich nie von der Thür abgewandt, und urteilt selbst, ob es möglich ist, durch das Fenster zu entkommen! Wände und Fußboden sind beide von festem Stein, und könnten hinsichtlich ihrer Dicke ein wirklicher Fels sein. Als ich eintrat, kam mir ein greulicher Schwefelgestank entgegen, und die Flamme meiner Blendlaterne brannte bläulich. Nein, nein, da ist nichts zu lachen! Wenn nicht der Teufel den Hektor Marot geholt hat, wer soll's sonst gewesen sein? So viel ist gewiß, ein heiliger Engel, wie einst zu Petrus und Paulus, würde zu dem nicht gekommen sein. Wer weiß, vielleicht lüstet's den Bösen nach einem zweiten Vogel aus demselben Käfig, darum sag' ich Euch dies, damit Ihr wider seine Angriffe auf der Hut sein möget.«

»Seid ohne Sorge! Ich fürchte ihn nicht,« gab ich zurück.

»Um so besser,« krächzte der Hauptmann. »Nur nicht den Mut verloren!«

Sein Kopf verschwand, und der Schlüssel knarrte in dem rostigen Schloß.

Die Mauern waren so dick, daß ich, nachdem die Thür verschlossen war, keinen Laut mehr vernahm. Außer dem Stöhnen des Windes draußen vor dem engen Luftloch in den Zweigen der Bäume herrschte Grabesschweigen in dem Verließ.

In meiner Einsamkeit versuchte ich nun Hauptmann Sinclairs Rat zu befolgen und gutes Muts zu bleiben, obgleich seine Reden nicht gerade erheiternder Natur gewesen waren.

In meiner Jugend, und ganz besonders unter den Sektierern, die doch zunächst meine Umgebung bildeten, war der Glaube an eine gelegentliche Erscheinung des Fürsten der Finsternis und seine körperliche Dazwischenkunft in den Angelegenheiten der Menschen weit verbreitet und unbezweifelt. Ein Philosoph mag an seinem stillen Schreibtisch gelehrte Abhandlungen über die Abgeschmacktheit solcher Dinge verfassen, aber in einem trüberhellten Turmverließ, abgeschnitten von aller Welt, wenn die Dämmerung hereinbricht und das eigne Geschick auf schwankender Wage ruht – da sieht man sie anders an. Die Flucht – wenn des Hauptmanns Geschichte auf Wahrheit beruhte – schien an ein Wunder zu grenzen. Ich untersuchte die Mauern meiner Zelle sorgfältig. Sie bestanden aus großen, behauenen Quadersteinen, die genau aufeinander paßten. Der schmale Spalt, der als Fenster diente, war mitten durch einen einzigen riesigen Block gemeißelt. So weit ich mit der Hand reichen konnte, war die Wand mit Buchstaben und Inschriften bedeckt, die viele Generationen von Gefangenen hineingeritzt hatten. Der Fußboden bestand aus ausgetretenen, mit festem Mörtel verbundenen Steinplatten. Die sorgfältigste Untersuchung wies weder Loch noch Spalt, wo auch nur eine Ratte hätte durchschlüpfen können, geschweige denn ein Mensch.

Es ist ein wunderliches Ding, liebe Kinder, sich so mit kaltem Blute hinzusetzen und zu überlegen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach in wenigen Stunden unser Puls zu schlagen aufgehört haben und unsre Seele auf dem Wege zu ihrer ewigen Vollendung sein wird. Wunderbar und tief ergreifend ist es! Derjenige, der sich in das Gewühl der Schlacht stürzt mit zusammengebissenen Zähnen, Zügel und Schwert in fester Faust, der kann dieselbe Empfindung nicht haben, denn in der Menschenseele wird stets eine beherrschende Regung die andern ausschließen. Auch kann man nicht behaupten, daß der, welcher auf dem Krankenbette mühsam seine letzten Atemzüge thut, diese Erfahrung macht, denn das vom Leiden geschwächte Geistesvermögen kann nur dulden, ohne genau zu untersuchen, was es erduldet. Wenn dagegen ein gesunder, kräftiger junger Mann still für sich allein dasitzt und den Tod über seinem Haupte schweben sieht, hat er darin eine solche Nahrung für seine Gedanken, daß sein ganzes ferneres Leben, wenn er hinterher gerettet und bis zu hohem Alter erhalten wird, dadurch ein unauslöschliches Gepräge behält und durch jene feierlichen Stunden eine Umgestaltung erfährt, gleichwie eines Baches Lauf abgelenkt wird, wenn er gegen ein schroffes Klippengestein anprallt. Jeder kleine Fehler und Flecken erscheint deutlich sichtbar im Licht des nahen Todes, wie das Stäubchen sichtbar wird, wenn der Sonnenstrahl in ein verdunkeltes Zimmer fällt. Ich habe sie damals erkannt und habe, wie ich hoffe, nie aufgehört, sie zu erkennen.

So saß ich da, den Kopf in die Hand gestützt und hing diesen feierlich ernsten Gedanken nach, da schreckte mich ein scharfes, kurzes, klirrendes Geräusch daraus empor, das so klang, als ob jemand meine Aufmerksamkeit erregen wollte. Ich sprang auf und schaute mich in dem zunehmenden Düster um, ohne recht gewiß zu sein, woher der Laut kam. Ich hatte mich schon fast überredet, daß meine Sinne mich getäuscht hätten, als der Ton lauter denn vorhin wiederholt wurde, und ich, aufwärts blickend ein Gesicht sah, das durch den Fensterschlitz auf mich hernieder schaute. Eigentlich war es ein Viertelgesicht, denn ich konnte nur ein Auge und einen Teil der Backe sehn. Ich kletterte auf den Stuhl und erkannte nun, daß es niemand anders, als der Gutspächter war, der mich unterwegs ein Stück begleitet hatte.

»Schweig rein still, Junge!« flüsterte er und steckte den erhobenen Zeigefinger in den schmalen Spalt. »Sprich leis, sonst hört dich am End' die Wache. Kann ich was für dich thun?«

»Wie habt Ihr erfahren, daß ich hier bin?« fragte ich erstaunt.

»Na, sieh mal, Menschenkind,« entgegnete er, »ich kenn' ja dies Haus wie meine Tasche, ebenso genau wie Beaufort selbst. Lang eh' Badminton gebaut war, da sind wir, meine Geschwister und ich, manch lieben langen Tag hier im alten Boteler Turm überall herumgekrochen und geklettert. Es ist nicht das erste Mal, daß ich durch dies Fenster gesprochen hab'. Aber rasch – was kann ich für dich thun?«

»Ich bin Euch von Herzen dankbar, lieber Herr,« antwortete ich, »aber ich fürchte, Ihr könnt mir nicht helfen. Wenn Ihr nur so gut wäret und meinen Freunden im Heer Nachricht davon zukommen lassen wolltet, was aus mir geworden ist.«

»Das könnte ich wohl thun,« flüsterte Pächter Braun, »laß dir was ins Ohr sagen, Junge, was ich noch zu keinem Menschen hab laut werden lassen. Mein Gewissen kneipt mich schon lang von Zeit zu Zeit, weil ein Papist auf dem Thron sitzt und ein protestantisches Volk regiert. Gleich und gleich gesellt sich gern, sag' ich immer. In Sudbury bei den vorigen Wahlen, da hab' ich meine Stimme Herrn Evans von Turnford gegeben, der zur Partei der ExklusionistenSo wurde die Oppositionspartei damals genannt, deren vornehmstes Ziel die Ausschließung eines katholischen Fürsten von der Thronfolge war. gehört. Und soviel ist gewiß, wenn damals die Exklusion-Bill durchgegangen wäre, dann säße der Herzog jetzt auf seines Vaters Thron. Das Gesetz hätt' dazu Ja gesagt. Jetzt sagt es Nein! Wunderlich Ding ist's doch mit dem Gesetz und seinem Ja-Ja und Nein-Nein! wie Barklay der Quäker, der neulich in seinem Lederanzug herkam und den Pastor den ›Kirchturmmann‹ nannte! Das Gesetz ist da. Man kann's nicht erschießen, nicht erstechen und nicht mit einem Regiment Kavallerie angreifen. Wenn es mit Nein anfängt, dann bleibt's auch dabei ein für allemal. Man kann so wenig dagegen machen, wie gegen das erste Buch Mosis! Monmouth muß sich ein andres Gesetz machen lassen, das wird ihm mehr helfen als alle Herzöge von England. Aber er ist doch ein Protestant, und was an mir ist, möcht' ich thun, um ihm zu dienen.«

»In Monmouth's Heer bei Oberst Saxons Regiment steht ein Hauptmann Lockarby,« sagte ich. »Falls mir was passiert, würde ich es Euch Dank wissen, wenn Ihr ihm Grüße von mir brächtet und ihn bätet, es meinen Lieben in Havant vorsichtig kund zu thun. Wenn ich mich darauf verlassen könnte, würde mir das Herz viel leichter sein.«

»Es soll geschehn, mein Junge,« sagte der gute Pächter. »Noch heute Nacht will ich meinen treuesten Knecht und mein schnellstes Pferd abschicken, damit sie erfahren, in welcher Klemme Ihr steckt. Ich habe eine Feile bei mir – wenn dir die nützen könnt'?«

»Ach nein,« versetzte ich, »Menschenhilfe vermag hier nichts!«

»Früher war oben im Gewölb ein Loch. Guck hin und sieh, ob es noch da ist.«

»Die Wölbung ist sehr hoch,« erwiderte ich und blickte empor; »von einer Öffnung ist nichts zu bemerken.«

»Ein Loch war da,« wiederholte er. »Mein Bruder Roger hat sich noch an einem Strick heruntergelassen. In alten Zeiten wurden die Gefangenen so hinein gethan, wie Joseph in die Grube. Die Thür ist ganz was Neues.«

»Loch oder kein Loch – helfen kann mir's doch nicht,« entgegnete ich, »denn wie sollte ich da hinaufklimmen? Verzieht nicht länger hier, mein gütiger Freund, sonst geratet Ihr am Ende auch noch in Ungelegenheiten.«

»So fahr denn wohl, du tapfres Herz,« flüsterte er, und das treuherzige, graue Auge und das Fleckchen rotbrauner Wange verschwand von der Fensteröffnung.

Noch manchmal, während der Abend tief und tiefer herabsank, blickte ich auf in der widersinnigen Hoffnung, er möchte zurückgekehrt sein. Und wenn die Zweige draußen knarrten, stieg ich jedesmal auf meinen Stuhl; aber ich sah Pächter Braun nicht wieder.

Dieser freundliche Besuch, so kurz er auch war, hatte mich sehr beruhigt. Ich hatte ja das Wort eines zuverlässigen Mannes, daß auf jeden Fall meine Freunde von meinem Schicksal Kunde empfangen würden. Es war jetzt ganz dunkel, und ich ging in dem kleinen Gelaß auf und nieder, als der Schlüssel sich im Schloß drehte und der Hauptmann mit einem Binsenlicht und einer großen Schüssel mit Brot und Milch eintrat.

»Hier ist Euer Abendbrot, guter Freund,« sagte er. »Eßt es immer auf, mit oder ohne Appetit, es wird Euch in stand setzen, in der bewußten Stunde Eure Rolle männlich durchzuführen. Es soll ein herrlicher Anblick gewesen sein, Lord Russel auf Tower Hill sterben zu sehn! Nur nicht den Mut verlieren! Die Leute werden von Euch gewiß dasselbe sagen! Seine Gnaden sind fürchterlich aufgeregt. Er geht auf und nieder, beißt sich in die Lippen und ballt die Fäuste, als könnte er sich vor Wut kaum halten! Es mag nicht Euretwegen sein, aber ich weiß nicht, was ihn sonst so erbost haben könnte.«

Ich gab dem zweifelhaften Tröster keine Antwort, worauf er mich verließ, nachdem er die Schüssel auf den Stuhl gestellt hatte und das Talglicht daneben. Ich aß die Milch und das Brot, was mir gut that, streckte mich dann auf mein Lager und versank in einen tiefen, traumlosen Schlummer.

Ich mochte etwa drei bis vier Stunden geschlafen haben, als ich plötzlich von einem Ton erweckt wurde, der wie das Knarren rostiger Thürangeln klang. Ich setzte mich aufrecht und blickte um mich. Das Binsenlicht war ausgebrannt und die Zelle in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Eine grau schimmernde Stelle am andern Ende zeigte undeutlich die Lage der Fensteröffnung – alles andre war dichte, schwarze Finsternis. Ich strengte meine Ohren an, aber sie erlauschten ferner keinen Laut. Und doch war ich ganz überzeugt, daß ich mich nicht getäuscht und daß das Geräusch in meinem Zimmer gewesen war. Ich stand auf und tastete mich durch den ganzen Raum an den Wänden entlang bis an die Thür. Dann schritt ich hin und her, um den Fußboden zu untersuchen. Weder um mich noch unter mir war die geringste Veränderung zu spüren. Woher kam aber der Laut? Ich setzte mich auf die Bettkante und beschloß geduldig zu warten, ob ich ihn etwa wieder hören würde.

Nach einer kurzen Weile wiederholte der Ton sich wirklich. Es war ein leises Knarren und Reiben, als würde eine lange nicht gebrauchte Thür oder ein Laden langsam und verstohlen geöffnet. Zu gleicher Zeit fiel ein matter gelblicher Lichtschein durch einen feinen Spalt mitten in der gewölbten Decke auf mich herab. Während ich denselben beobachtete, wurde dieser Spalt breiter und länger, als würde ein Schiebedeckel ausgezogen, bis endlich ein ziemlich großes Loch entstanden war, durch welches ich gegen das dunstige Licht dahinter einen Menschenkopf erblickte. Das verknotete Ende eines Seiles glitt durch die Öffnung und fiel bis auf den Boden meines Gefängnisses herab. Es war ein tüchtiger, dicker Hanfstrick, stark genug, um das Gewicht eines schweren Mannes zu tragen, und als ich daran zog, fühlte ich, daß er oben sicher befestigt war. Offenbar wünschte mein unbekannter Wohlthäter, daß ich daran emporklimmen sollte. Ich klomm also aufwärts, und nachdem ich meine Schultern mit einiger Schwierigkeit durch das Loch gezwängt hatte, erreichte ich glücklich das obere Gelaß. Noch rieb ich mir die Augen nach dem plötzlichen Übergang von Finsternis zu Licht, da war schon das Tau heraufgezogen und die Öffnung verschlossen. Wer das Geheimnis nicht kannte, mochte sich vergeblich über mein Verschwinden den Kopf zerbrechen.

Ich befand mich einem untersetzten mittelgroßen Manne in grober Jacke und Lederhosen gegenüber, die ihm das Ansehen eines Stallknechts gaben. Sein breiter Filzhut war tief ins Gesicht gedrückt, dessen unterer Teil fast ganz in einem breiten Halstuch steckte. Er trug eine Hornlaterne in der Hand, bei deren Lichte ich sah, daß der Raum, in dem wir uns befanden, von derselben Größe war, wie unten das Verließ, und sich nur durch ein breites, schönes Fenster nach dem Park hinaus von ihm unterschied. Das Gemach war nicht möbliert; mitten hindurch aber lief ein dicker Balken, an dem das Seil befestigt war, dem ich mein Entkommen verdankte.

»Sprich leise, Freund,« sagte der Fremde. »Die Mauern sind dick und die Thüren verschlossen, dennoch möchte ich nicht, daß deine Wächter erführen, auf welche Weise du hinweg gezaubert worden bist.«

»Wahrlich, Herr,« entgegnete ich, »ich kann noch kaum fassen, daß dies nicht ein bloßer Traum ist. Es kommt mir zu verwunderlich vor, daß mein Verließ so leicht erbrochen worden, und noch verwunderlicher, daß ich einen Freund gefunden haben sollte, der bereit ist, um meinetwillen so viel zu wagen.«

»Sieh her!« versetzte er und senkte die Laterne, so daß sie den Teil des Bodens erleuchtete, in den die Schiebethür hineingelassen war. »Merkst du wohl, wie alt und verwittert das Mauerwerk ringsum ist? Diese Öffnung ist so alt wie der Turm selbst, weit älter als die Thür, durch die du hineingeführt wurdest. Einstmals war dies hier eine jener flaschenförmigen Zellen oder oubliettes, welche grausame Menschen vor alters sich zur sichern Aufbewahrung ihrer Gefangenen erdachten. Ein Mensch, der einmal durch dies Loch in die steinerne Grube hinabgelassen war, mochte sich in Sehnsucht verzehren – aber sein Schicksal war besiegelt. Dennoch siehst du, dieselbe Vorrichtung, welche einst das Entkommen verhinderte, hat dich der Freiheit nahe gebracht.«

»Dank Euer Gnaden Mildigkeit,« entgegnete ich und blickte ihn scharf an.

»Hol der Henker alle Verkleidungen!« rief er aus, schob unwirsch den breitkrempigen Hut zurück und zeigte mir, wie ich erwartet hatte, die Züge des Herzogs. »Sogar ein einfacher Soldat durchschaut meine Maskerade. Ich fürchte, ich würde keinen sonderlichen Verschwörer abgeben, Hauptmann, denn ich bin von Natur so offen – ei, so offen wie du! Ein besser Gleichnis weiß ich nicht!«

»Ew. Gnaden Stimme vergißt sich nicht so leicht, wenn man sie einmal gehört hat,« sagte ich.

»Besonders wenn sie von Hanfstricken und Burgverließen redet,« gab er lächelnd zurück. »Aber wenn ich dich auch ins Gefängnis steckte, so mußt du doch zugeben, daß ich dich dafür entschädigt habe, indem ich dich an meiner Schnur heraufholte, wie 'ne Ellritze aus einer Flasche. Aber wie konntest du dir beifallen lassen, mir solche Papiere vor meinem versammelten Rat zu übergeben?«

»Ich that, was ich konnte, um sie Ew. Gnaden allein zu übergeben,« sagte ich. »Ich ließ Ew. Gnaden um eine Privataudienz bitten.«

»Das ist wahr,« versetzte er, »aber solche Anliegen werden von jedem Soldaten, der sein Schwert verkaufen will, an mich gerichtet, und von jedem Erfinder, der eine glatte Zunge und eine leere Börse hat. Wie konnte ich wissen, daß es sich hier um etwas Ernsthaftes handelte?«

»Ich fürchtete, die gute Gelegenheit zu verlieren,« sagte ich, »die sich mir vielleicht nicht zum zweitenmal bot. Wie ich höre, sind Ew. Gnaden gegenwärtig sehr in Anspruch genommen.«

»Ich kann dich nicht tadeln,« gab er zurück, »aber der Augenblick war schlecht gewählt. Ich hätte die Briefschaften verbergen können, allein das würde Verdacht erregt haben, und dein Auftrag wäre irgendwie durchgesickert. Es gibt zu viele, die mich um meine hohe Stellung beneiden und jede Gelegenheit ergreifen würden, um mir bei König Jakob zu schaden. Sunderland und Somers, einer wie der andre, würden das leiseste Gerücht zu einer Flamme schüren, die ich nicht zu ersticken vermöchte. Es war dabei wirklich nichts zu machen, als die Papiere zu zeigen und dem Boten ein böses Gesicht zu schneiden. Die giftigste Zunge konnte meine Handlungsweise nicht tadeln. Welchen andern Weg würdest du mir geraten haben unter diesen Umständen?«

»Den geradesten,« antwortete ich.

»Ja, ja, Meister Redlich! Aber im öffentlichen Leben muß man sich winden und drehen, so gut es eben gehn will, denn der gerade Weg führt oft genug geradeswegs zum Abgrund. Der Tower würde seine Gäste nicht fassen, wollten wir alle unser Herz offen zur Schau tragen. Aber unter vier Augen kann ich dir jetzt meine wahren Gedanken ohne Besorgnis vor Verrat oder falscher Auslegung mitteilen. Schriftlich will ich nichts von mir geben. Dein Gedächtnis muß das Blatt sein, das Monmouth meine Antwort überbringt. Zuvörderst also lösche daraus hinweg, was du mich im Beratungszimmer sagen hörtest. Laß es so sein, als sei es nie gesprochen worden. Ist das geschehn?«

»Ich nehme an, daß es nicht in Wahrheit Ew. Gnaden Gedanken darstellte.«

»Weit entfernt davon, Hauptmann. Eins aber möcht' ich gern erst wissen: haben die Rebellen selbst untereinander entschiedene Hoffnung auf Erfolg? Du mußt von deinem Obersten und andern diese Fragen haben erörtern hören, oder doch aus ihrem Betragen schließen können, wie sie darüber denken. Haben sie die entschiedene Hoffnung, sich gegen die königlichen Truppen halten zu können?«

»Bisher haben sie nur Erfolge gehabt,« erwiderte ich.

»Gegen die Milizen! Aber sie werden doch finden, daß es ein ander Ding ist, wenn sie geübten Truppen gegenüber stehn. Und doch – und doch! . . . Eins weiß ich bestimmt, eine einzige Niederlage von Fevershams Armee würde einen Aufstand durchs ganze Land zur Folge haben! . . . Andrerseits ist die Partei des Königs sehr thätig. Jede Post bringt Nachrichten von neuen Aushebungen. Albemarle hält die westlichen Milizen doch noch immer zusammen. Der Earl von Pembroke steht in Wiltshire in Waffen, Lord Lumley führt Streitkräfte von Sussex herauf. Der Earl von Abingdon rührt sich in Oxfordshire. Die Mützen und Talare der Universität verwandeln sich alle in Sturmhauben und Kürasse, Jakobs holländische Regimenter haben sich in Amsterdam eingeschifft. – Indessen Monmouth hat zwei Gefechte gewonnen, und warum nicht ein drittes? . . . Es sind trübe Wasser – sehr trübe Wasser!«

Der Herzog schritt auf und ab mit finster gerunzelten Augenbrauen und murmelte dies alles vor sich hin, mehr für sich als für mich, und schüttelte in der peinlichsten Ungewißheit mit dem Kopf.

»Du sollst Monmouth von mir sagen,« wandte er sich endlich zu mir, »daß ich ihm für die mir gesendeten Zuschriften danke, und daß ich sie lesen und reiflich erwägen will. Sage ihm auch, daß ich ihm zu seinem Unternehmen alles Gute wünsche, und ihm gern helfen möchte, wäre ich nicht so von Spionen und Aufpassern umgeben, die mich sofort anzeigen würden, wollte ich meine wahren Gedanken merken lassen. Sage ihm, er möchte mit seinem Heer in unsre Gegend kommen, dann wolle ich mich öffentlich für ihn erklären. Würde ich das aber jetzt schon thun, so wäre das der Untergang meines ganzes Hauses, ohne daß ihm damit geholfen würde. Kannst du ihm diese Botschaft überbringen?«

»Ich werde es thun, Ew. Gnaden.«

»Sage mir noch,« fragte er, »wie benimmt sich Monmouth bei diesem Unternehmen?«

»Wie ein weiser und ritterlicher Führer,« versetzte ich.

»Seltsam,« murmelte er, »bei Hofe war es ein stehender Witz, daß er nicht mal so viel Energie und Beständigkeit habe, um ein Federball-Spiel wirklich zu Ende zu spielen, sondern daß er seinen Schläger meistens hinwarf, noch ehe die Points gezählt waren. Seine Pläne änderten sich wetterfahnengleich bei jedem Windhauch. Er war nur beständig in der Unbeständigkeit. Freilich hat er in Schottland die königlichen Truppen angeführt, aber es ist ein öffentliches Geheimnis, daß Claverhouse und Dalzell die eigentlichen Sieger von Bothwell Bridge waren. Es scheint also fast, als habe er, wie der Römer Brutus, Geistesschwäche geheuchelt, um seinen Ehrgeiz zu bemänteln.«

Wieder war es, als rede der Herzog mehr mit sich selbst, als mit mir, so daß ich nur bemerkte, Monmouth habe das Herz der niedern Volksklassen zu gewinnen verstanden.

»Darin liegt seine Stärke,« sagte Beaufort. »Das Blut seiner Mutter fließt in seinen Adern. Er hält es nicht für unter seiner Würde, Jerry dem Kesselflicker die schmierige Klaue zu schütteln, oder auf der Dorfwiese mit den Bauernlümmeln um die Wette zu laufen. Nun ja, der Erfolg gibt ihm recht. Diese selbigen Bauernlümmel stehen zu ihm, wo seine hochgebornen Freunde sich ihm fern halten. Nun du hast meine Botschaft, Hauptmann, und ich hoffe, daß wenn du sie beim Ausrichten ein wenig ändern solltest, das in der Richtung von größerer Wärme und Freundlichkeit geschehen wird. Jetzt ist's aber Zeit zur Abreise, denn nach Ablauf von drei Stunden wechselt die Wache, und dein Verschwinden muß entdeckt werden.«

»Wie soll ich aber hinauskommen?« fragte ich.

»Durch dies Fenster,« erwiderte er, stieß den Fensterladen auf und schob das Seil an der Stange entlang bis dicht an den Rahmen. »Das Seil ist vielleicht einen bis zwei Fuß zu kurz, aber du hast ein paar extra Zoll, das gleicht die Sache wieder aus. Wenn du festen Boden unter den Füßen hast, so wende dich rechts und folge dem Kieswege, der dich zu einer Gruppe hoher Bäume am Ende des Parks führt. Der siebente von diesen hat einen Ast, der sich über die Ringmauer hinaus erstreckt. Klettre an diesem Aste entlang und laß dich auf der andern Seite hinab, da wirst du meinen Kammerdiener mit deinem Pferde finden. Steig auf, und dann reite – reite, was das Zeug halten will, nach Süden. Morgen früh mußt du über jede Gefahr hinaus sein.«

»Aber mein Schwert?« fragte ich.

»Hier ist dein ganzes Besitztum. Sage Monmouth, was ich dir anbefohlen, und daß ich dich so gut behandelt habe, wie es unter den Umständen möglich war.«

»Was werden aber Ew. Gnaden Räte sagen, wenn es nun an den Tag kommt, daß ich weg bin?«

»Pah, darüber laß dir keine grauen Haare wachsen, Mensch! Morgen bei Tagesanbruch gehe ich nach Bristol, und meine Räte sollen so viel zu denken kriegen, daß sie keine Zeit haben, sich um dein Schicksal zu kümmern. Die Soldaten aber haben einen neuen Beweis dafür, daß der Vater alles Übels, der schon lange im Geruch steht, eine Vorliebe für die Zelle unter uns zu haben, hier wieder die Hand im Spiele hat. Auf Ehre, wenn alles wahr wäre, was man so hört, so sind hier Scheußlichkeiten genug vorgefallen, um jeden Teufel aus dem höllischen Pfuhl herauf zu beschwören. Doch die Zeit drängt! Sachte über die Brüstung! So! Behalte meine Botschaft gut.«

»Gott befohlen, Ew. Gnaden!« antwortete ich, und das Seil ergreifend glitt ich rasch und geräuschlos zu Boden. Er zog es empor und schloß das Fenster. Ich sah mich um und erblickte den engen dunklen Spalt, der sich aus meiner Zelle öffnete, und durch den der ehrliche Pächter Braun mit mir gesprochen hatte. Vor einer halben Stunde lag ich da drinnen auf der Pritsche meines Gewahrsams ausgestreckt, ohne Hoffnung, ja ohne den leisesten Gedanken an ein Entkommen. Jetzt war ich draußen unter Gottes freiem Himmel, nichts stand mir im Wege, ich atmete die Luft der Freiheit, Gefängnis und Galgen waren vergessen, wie der Erwachende einen bösen Traum vergißt. Solche Wechsel des Lebens erschüttern die Menschenseele tief, meine Kinder. Das Herz, das gestählt ist wider den Tod, wird von der Gewißheit der Rettung erweicht. Ich wenigstens, der ich glaube, daß es keinen Zufall gibt, ich fühlte, daß ich in diese Prüfung hinein geführt war, um mein Herz ernsthaften Gedanken zuzuneigen und hinwiederum, daß ich gerettet war, um dieselben in Thaten umzusetzen. Ich kniete auf dem grünen Rasen im Schatten des Boteler Turmes nieder und betete, daß Gott mir helfen möchte, ein nützlicher Mensch zu werden, meine eignen Lüste und Begierden für nichts zu achten, sondern mit Darangabe aller Kräfte das Gute und Edle zu fördern, wo es mir in meinem Leben begegnen sollte.

Es ist jetzt fast fünfzig Jahre her, meine lieben Kinder, seit ich im mondbeschienenen Park von Badminton meinen Geist vor dem Allmächtigen beugte, aber ich kann in Wahrheit sagen, daß von dem Tage an bis heute mir die Ziele, die ich mir damals steckte, als Kompaß dienten durch die dunklen Gewässer des Lebens – kann sein, daß ich diesem Kompaß nicht immer folgte, denn das Fleisch ist schwach und gebrechlich – aber ich hatte ihn doch immer bei mir, so daß ich in der Stunde der Gefahr und Ungewißheit zu ihm meine Zuflucht nehmen konnte.

Der Pfad rechts führte fast eine Meile weit durch schattige Haine an Karpfenteichen vorüber, bis ich endlich zu der Reihe Bäume gelangte, die längs der Parkmauer standen. Kein lebendes Wesen war mir unterwegs begegnet, als nur ein Rudel Rehe, die auf und davon flohen wie huschende Schatten durchs schimmernde Mondlicht. Als ich mich umwandte, erblickte ich die hohen Türme und Giebel des Boteler Flügels, die sich dunkel und drohend vom sternhellen Himmel abhoben. Ich fand den siebenten Baum, kletterte an dem über die Parkmauer hängenden Aste entlang und ließ mich auf der andern Seite hinab. Richtig, da stand auch mein guter, alter Apfelschimmel, den ein Stallknecht am Zügel hielt. Ich schwang mich in den Sattel, gürtete mein Schwert um und galoppierte dann, so schnell vier willige Beine mich tragen konnten, nach Süden.

Diese ganze Nacht ritt ich, ohne den Zügel anzuziehen, durch schlummernde Dörfer, an mondlichtübergossenen Landhäusern und an schimmernden, sacht schleichenden Bächen vorbei und über birkenbestandene Hügel hinweg. Als am östlichen Himmel sich der erste, zartrosige Hauch allmählich in leuchtende Glut verkehrte und der große Sonnenball den feurigen Rand über die blauen Berge von Nord-Somerset erhob, war ich schon weit auf meiner Reise.

Es war ein Sonntagmorgen, und aus jedem Dorfe klang das liebliche Geläut der rufenden Glocken. Ich trug jetzt keine gefährlichen Papiere bei mir, und brauchte nicht so ängstlich meinen Weg zu wählen Einmal fragte mich ein luchsäugiger Zollbeamter, woher ich käme, als ich ihm aber erwiderte, ich käme geradeswegs von Sr. Gnaden, dem Herzog von Beaufort, legte sich sein Verdacht sofort. Weiterhin bei Axbridge holte ich einen Viehhändler ein, der auf seinem glatten, jungen Pferde nach Wells trabte. Ich ritt eine ganze Weile mit ihm und erfuhr, daß ganz Nord-Somerset jetzt auch wie Süd-Somerset im hellen Aufruhr stünde, und daß Wells, Shepton Maltet und Glastonbury von bewaffneten Freiwilligen für König Monmouth besetzt gehalten würden. Die königlichen Streitkräfte aber hätten sich vorläufig nach Westen oder Osten zurückgezogen und erwarteten erst Verstärkungen. In allen Dörfern wehte die blaue Fahne von den Kirchtürmen, und die Landleute exercierten auf den Dorfwiesen. Nirgends aber war auch nur die entfernteste Spur eines Dragoners oder Lanzenreiters zu sehen, der die Autorität der Stuarts gewahrt hätte.

Meine Straße führte mich durch Shepton Mallet, Pipers Inn, Bridgewater und Nord-Petherton, bis ich endlich, als der Abend kühler zu werden begann, mein müdes Roß am Gasthof zum Wegweiser anhielt und die Türme von Taunton im Thale unter mir erblickte. Ein Krug Bier für den Reiter und eine Metze Hafer für das Pferd erfrischte uns beide, und wir setzten gemächlich unsern Weg fort, als plötzlich ein etwa vierzig Mann starker Reitertrupp uns entgegengaloppiert kam, so schnell ihre Pferde sie tragen wollten. Sie ritten so toll, daß ich die Zügel anzog, ungewiß, ob ich Freund oder Feind mir gegenüber hätte. Als sie aber näher kamen, erkannte ich, daß die beiden vordersten niemand anders als Ruben Lockarby und Sir Gervas Jerome waren. Bei meinem Anblick schwenkten sie beide Arme in die Luft, und Ruben kam mit einem Ruck auf den Nacken seines Tieres zu sitzen, wo er einen Augenblick rittlings auf der Mähne hängen blieb, bis das Vieh ihn mit einem neuen Ruck in den Sattel zurückwarf.

»'s ist Micha! 's ist Micha!« rief er atemlos mit weit offenem Munde und großen Thränen, die über sein ehrliches Gesicht perlten.

»Um Gotteswillen, Mensch, seid Ihr's wirklich?« fragte Sir Gervas und bohrte seinen Zeigefinger in meine Schulter, als wolle er sich überzeugen, ob ich in der That von Fleisch und Blut wäre. »Wir wollten eben einen Streifzug nach Beauforts Landen unternehmen, ihm ein Schnippchen schlagen, sein schönes Haus ihm übern Kopf anstecken, wenn Ihr zu Schaden gekommen wäret. Da war soeben ein Knecht aus jener Gegend im Lager, der brachte die Nachricht, Ihr wäret zum Tode verurteilt, worauf ich mich aufmachte mit halb geträufelter Perücke und entdeckte, daß auch Freund Lockarby von Lord Grey Erlaubnis hatte, mit diesen Kerls hier nordwärts zu reiten. Aber wie ist's Euch denn ergangen?«

»Gut und schlecht,« antwortete ich und schüttelte beiden Freunden warm die Hände. »Gestern abend dacht' ich, ich würde keinen zweiten Sonnenaufgang erleben, und Ihr seht, ich bin heil und gesund an Leib und Leben davongekommen. Das alles läßt sich aber nicht so im Handumdrehen erzählen.«

»Das glaub' ich. Außerdem wird König Monmouth brennen vor Ungeduld nach deinen Mitteilungen! Rechts um Jungens, zurück ins Lager! So rasch und glücklich wie dieser Streifzug wurde wohl noch nie einer beendet. Es wäre Badminton übel ergangen, hätten sie dir was zu Leide gethan!«

Wir wandten die Rosse und trabten langsam nach Taunton zurück, ich zwischen meinen beiden treuen Freunden, von denen ich alles erfuhr, was sich während meiner Abwesenheit zugetragen hatte, und denen ich meine Erlebnisse dagegen berichtete. Es war schon finster, als wir durch die Thore ritten. Ich übergab Covenant dem Stallknecht des Bürgermeisters und eilte dann geradeswegs auf das Schloß, um von meiner Botschaft Bericht zu erstatten.

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