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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 25
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
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secondcorrectorGerd Bouillon
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XXIV.

Mein Empfang in Badminton.

Als ich die Augen wieder öffnete, mußte ich mich erst mühsam darauf besinnen, an welchem Ort ich mich eigentlich befand; ein kräftiger Stoß mit dem Kopf gegen die niedere Decke, als ich mich aufrichtete, half meinen Gedanken wirksam nach.

Drüben in der Koje auf der andern Seite der Kajüte lag Silas Bolitho seiner ganzen Länge nach in einer rotwollenen Zipfelmütze und schnarchte. Mitten in der Kajüte schaukelte ein abgenutzter Hängetisch, mit angetrockneten Randspuren von Krügen und Gläsern. Eine hölzerne, am Boden festgeschraubte Bank und ein Gewehrständer vervollständigten die Einrichtung. Über und unter unsern Kojen befanden sich ganze Reihen von Schiebladen, welche vermutlich die wertvollsten Spitzen und Seidenwaren bargen. Das Schiff hob und senkte sich in leiser, stetiger Bewegung, aber nach dem Klatschen der Segel zu schließen konnte nur eine schwache Brise wehen. Sachte, um den Maat nicht zu wecken, schlüpfte ich aus dem Bett und stahl mich an Deck.

Oben sah ich denn, daß wir nicht nur in eine vollständige Windstille, sondern noch dazu in eine Nebelbank geraten waren, welche in dichten, den Atem versetzenden Wolken sich rings zusammengeballt hatte, so daß sogar das Wasser unter uns spurlos verschwunden schien. Man hätte sich einbilden können, in einem Luftschiff zu sitzen und hoch im Äther durch eine weißflaumige Wolkenschicht zu gleiten. Ab und zu verfing sich ein schwacher Luftzug im Focksegel und blähte es einen Augenblick auf, aber nur, um es sogleich wieder schlaff und kraftlos gegen den Mast zurückflappen zu lassen. Auch einem kecken Sonnenstrahl gelang es jezuweilen, die zähe Wolkenwand zu durchdringen und auf ihre graue Tropfenmasse ein flüchtiges Regenbogenbild zu zaubern, aber die Nebelflöre schlossen sich wieder zusammen und verscheuchten den glänzenden Eindringling. Covenant stierte fragend mit großen, erstaunten Augen nach rechts und links. Die Matrosen lehnten nebeneinander am Bollwerk, schmauchten ihre Pfeifchen und spähten hinaus in die undurchdringliche Dunstmasse.

»Guten Abend, Hauptmann,« sagte Dicon und rückte seine Pelzmütze, »wir haben 'ne feine Fahrt gehabt, so lange die Brise vorhielt. Als der Maat runterging, meinte er, wir wären nur noch ein paar Meilen von Bristol.«

»So? nun dann könnt Ihr mich nur gleich an Land setzen, guter Freund,« entgegnete ich, »denn von da aus hab' ich's nicht mehr weit.«

»Geht nicht! Wir müssen abwarten, bis der Nebel steigt,« sagte der lange Hans. »Hier so 'rum gibt's nur eine einzige Stelle, seht mal, wo wir ungefragt und ungeschoren unsre Ladungen ausschiffen können. Sobald sich's aufklart, steuern wir darauf los. Aber ehe wir nicht peilen können, hätte die Sache ihr Bedenken wegen der Sandbänke leewärts.«

»Tom Baldock, paß gut auf!« rief Dicon dem Mann am Steuer zu, »wir sind hier im Fahrwasser aller nach Bristol segelnden Schiffe, und wenn's auch nur ein ganz klein bißchen weht, so könnte doch vielleicht ein sehr hochspieriges Fahrzeug eine Brise auffangen, wo wir darunter durch fahren.«

»Pst!« machte plötzlich der lange Hans und hob warnend die Hand. »Pst!«

Wir spitzten nach Kräften die Ohren, vernahmen aber nichts, als das leise Plätschern der unsichtbaren Wellen, die an unsre Seiten schlugen.

»Weckt den Maat!« flüsterte der Matrose. »Dicht neben uns muß ein Schiff sein. Ich hörte ein Tau an Deck klappern.«

Im Handumdrehen war Silas Bolitho oben, und nun strengten wir Augen und Ohren an, um die dichte Nebelbank zu durchspähen oder einen Laut aufzufangen. Schon wollten wir es für ausgemacht erklären, daß ein blinder Lärm uns ins Bockshorn gejagt, und der Maat wollte eben ziemlich verdrießlich in seine Koje zurückgehen, als dicht neben uns eine klare, laute Glocke siebenmal anschlug. Unmittelbar darauf folgte ein gellender Pfiff und viel lautes Durcheinanderrufen und Stampfen.

»Es ist ein königliches Schiff,« brummte der Bootsmann. »Sieben Glas, die Wache wird abgelöst.«

»Es klang, wie an unserm Quarterdeck,« flüsterte einer.

»Bewahre, mir scheint, es kam von backbords,« versicherte ein andrer.

Der Maat hob die Hand, und alles lauschte, ob nicht ein neues Geräusch uns die Lage unsres gefährlichen Nachbars verraten möchte. Der Wind war ein wenig steifer geworden, und wir glitten mit vier bis fünf Knoten die Stunde über die Wellen. Plötzlich brüllte eine heisere Stimme dicht neben uns:

»Achtung! Rechtsum! Die Leebrassen umgelegt! Rührt euch! Zieht die Taue fest! Rührt euch, ihr faulen Schufte, oder mein Stock soll euch auf der Jacke tanzen, daß euch Hören und Sehen vergeht!«

»Na, natürlich, es ist ein Kriegsschiff, und dahinaus liegt es,« sagte der lange Hans und wies über das Hinterdeck hinaus. »Kauffahrer haben 'ne höflichere Zunge am Leibe! Bloß diese niederträchtigen, schweinsäugigen Deckoffiziere mit ihren blauen Rücken und blanken Tressen dürfen sich unterstehn, von Stockprügeln zu reden! Da! Hab' ich's nicht gesagt?«

Indem er sprach, ging plötzlich wie der Vorhang im Theater die weiße Nebelwand in die Höhe und enthüllte ein stattliches Kriegsschiff, das uns so nahe lag, daß wir bequem hätten einen Zwieback hinüber werfen können. Der langgeschweifte dunkle Rumpf hob und senkte sich in anmutigem, langsamem Rhythmus, und die zierlichen Spieren und schneeweißen Segel strebten hoch empor bis in die flatternden Nebelstreifen, die sie noch wie zarte Schleier umwoben. Neun blanke Messingkanonen guckten uns aus ihren Geschützpforten heraus an. Über die Hängematten hinweg, die wie gekrempelte Wollsträhne längs des Bollwerks hingen, konnten wir die Köpfe der Matrosen unterscheiden, die auf uns hernieder schauten, und mit den Fingern auf uns zeigten. Auf der hohen Kommandobrücke stand ein älterer Offizier mit aufgekremptem Hut und fein frisierter weißer Perrücke, der sogleich sein Teleskop aufnahm und uns durch dasselbe musterte.

»Ahoi da!« rief er mit Stentorstimme und beugte sich über das Geländer. »Wie heißt der Lugger?«

»Die Lucy,« rief der Maat zurück, »fährt von Portlock Quai nach Bristol mit Talg und Häuten! – Fertig zum Umlegen, Jungens!« fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu. »Der Nebel fällt schon wieder.«

»Ihr habt da eine Haut, in der das Pferd noch drin steckt,« rief der Offizier. »Dreht bei! Das muß untersucht werden.«

»Gleich, Ew. Gnaden, gleich!« entgegnete Silas, – drückte mit aller Kraft aufs Steuer, die Querstenge flog herum, und die ›Maria‹ schoß davon in den Nebel hinein, wie ein aufgescheuchter Seevogel. Rückblickend gewahrten wir nur einen undeutlichen Schattenfleck an der Stelle, wo das große Fahrzeug lag, hörten indes noch die lauten Kommandorufe und das eilige Hin- und Herlaufen der Matrosen.

»Achtung, Kinder, jetzt kommt eine Bö!« rief der Maat. »Er will's uns eintränken!«

Er sprach noch, da stammte es ein halb Dutzend mal feurig durch den Nebel, und ebensoviel Kugeln pfiffen durch unser Takelwerk. Die eine brach die Spitze der Fockrahe mitten durch, daß sie herabbaumelte, eine andre streifte das Bugspriet und schleuderte eine Handvoll weißer Splitter in die Luft.

»Heiße Arbeit, was Hauptmann?« schmunzelte der alte Silas und rieb sich die Hände. »Alle Wetter, sie treffen im Finstern besser als im Hellen! Nach der ›Maria‹ haben sie schon mehr Blei verschossen, als sie fassen könnte, wenn sie's als Ladung kriegte. Und doch ist ihr bis heut nie auch nur die Ölfarbe abgekratzt worden. Da geht's wieder los!«

Von dem Kriegsschiff her krachte eine neue Salve, sie hatten uns inzwischen ganz aus den Augen verloren und feuerten aufs Geratewohl.

»So, nun haben sie zum letztenmal gebellt,« meinte Dicon.

»Keine Angst! Die knallen noch den ganzen Tag darauf los,« brummte ein andrer Schmuggler. »Ei, Mensch, es ist ja 'ne gute Übung für die Mannschaft, und die Munition bezahlt der König, da kostet's ja keinem 'nen Deut!«

»Unser Glück, daß der Wind stärker wurde,« sagte der lange Hans. »Gleich nach der ersten Salve hörte ich die Penterbalken knarren. Sie ließen die Boote runter, so wahr ich Hans heiße und kein Holländer bin!«

»Könntest dir gratulieren, wenn du einer wärst, du sieben Fuß langer Stockfisch,« schrie mein Feind der Böttcher, dessen Schönheit durch das große Heftpflaster überm Auge nicht gerade gewonnen hatte, »da hättest du was Besser's gelernt, als ein Tau aufwinden und Decksplanken zu scheuern wie 'ne alte Vrouw!«

»Nächstens pack' ich dich in eins von deinen eignen Fässern, du Speckwanst du,« gab der Matrose zurück. »Wie oft sollen wir dich noch verhauen, bis all die Frechheit aus deinem Fell 'rausgeklopft ist?«

»Der Nebel steigt etwas nach der Küste hin,« bemerkte Silas. »Mir deucht, ich sehe das Vorgebirge von St. Augustin hindurch.«

»Jawohl, Maat, natürlich, da ist es,« bestätigte ein andrer und deutete nach einem dunklen Felsenvorsprung, welcher mehr und mehr aus den grauweißlichen Nebelwolken heraustrat.

»So steuert nach der Dreifadenkluft,« befahl der Bootsmann. »Wenn wir um die Spitze herum sind, Hauptmann Clarke, können wir Euch und Euer Pferd ausschiffen. Ein Ritt von wenigen Stunden bringt Euch dann ans Ziel.«

Ich nahm den alten Seemann beiseite, dankte ihm für das Wohlwollen, das er mir bewiesen, und sprach dann für den Zollwächter. Ich beschwor ihn, seinen Einfluß für die Rettung des Mannes einzusetzen.

»Das hängt vom Kapitän Venables ab,« meinte er darauf finster. »Wenn wir ihn laufen lassen – was wird aus unsrer Höhle?«

»Gibt's kein Mittel, sich seines Schweigens zu vergewissern?« fragte ich.

»Je nun, wir könnten ihn nach den Plantagen verschleppen,« überlegte der Maat. »Wir müßten ihn mit nach Texel nehmen, und Kapitän Donders, oder sonst jemand ihn über das Westmeer weiter befördern.«

»Thut das,« bat ich, »ich werde dafür sorgen, daß König Monmouth erfährt, wie hilfreich Ihr Euch seinem Abgesandten bewiesen habt.«

»Na – wir sind gleich da,« bemerkte er. »Kommt nach unten und ladet Euren Kielraum voll, denn es geht nichts über einen guten und reichlichen Ballast, wenn man absegeln will.«

Bereitwillig folgte ich dem Matrosen und seinem Rate und labte mich an einem einfachen, aber reichlichen Mahle. Unterdes war der Lugger in eine schmale Bucht eingelaufen mit schräg abfallendem kiesigem Uferrand. Die Gegend ringsum war unwirtlich und sumpfig und schien spärlich bewohnt zu sein. Mit vielem Zureden, Nötigen und Schieben wurde Covenant dazu vermocht, ins Wasser zu springen, worauf er munter ans Land schwamm, während ich im Boote der Schmuggler folgte. Dann riefen sie mir noch ein paar derbe gutgemeinte Abschiedsworte zu, und ich sah dem zurückrudernden Boote nach, bis es das Schiff erreichte, und das schöne kleine Fahrzeug wieder hinausglitt auf die hohe See, wo es in den Nebelwolken verschwand, die noch über den Wassern schwebten.

Wahrlich, seltsam und wunderbar sind die Wege der Vorsehung, meine Kinder, und ehe nicht ein Mensch im Herbst des Lebens steht, und die Früchte desselben sammelt, kann er nur selten beurteilen, welche Erlebnisse ihm Heil und welche ihm Unheil gebracht haben. Auf meiner ganzen langen Pilgerfahrt ist unter dem mancherlei scheinbaren Mißgeschick, das mir widerfuhr, auch nicht eins gewesen, das mir in der Folge nicht zum Segen gereicht hätte. Wenn ihr euch diese Wahrheit zu Herzen nehmt, so wird sie in euch eine Kraft werden, die allem Ungemach tapfer die Stirn bietet. Denn warum sich grämen und kränken, wenn man noch nicht weiß, ob nicht gerade dies Geschehnis eine Ursach zum Loben und Danken werden wird? Nun denkt einmal, wie es mir zum Exempel ergangen war: wie ich zuerst auf die felsige Straße geschleudert, geschlagen und getreten und am Ende durch ein Mißverständnis beinah ermordet wurde. Das Ende vom Liede aber war, daß ich gerade dadurch sicher ans Ziel meiner Reise gelangte, während ich, wenn ich dieselbe ungehindert zu Lande fortgesetzt hätte, unfehlbar in Weston aufgehoben worden wäre, da, wie ich später erfuhr, ein Reiterkommando jenen Distrikt unsicher machte, die Straßen sperrte und jeden aufgriff, der des Weges kam.

Sobald ich allein war, wusch ich mir Gesicht und Hände in einem Bache, welcher der See zueilte und bemühte mich, so gut als möglich, alle Spuren meiner nächtlichen Abenteuer zu beseitigen. Meine Wunde war nicht groß und wurde vom Haar bedeckt. Nachdem ich mich selbst einigermaßen respektabel gemacht, rieb ich mein Pferd, so gut es gehen wollte, ab und brachte Sattel und Zaumzeug in Ordnung. Dann führte ich es am Zügel auf einen nahen Sandhügel, um einen Überblick zu gewinnen und mir einen Begriff davon zu machen, wohin ich meinen Lauf zu richten hätte.

Der Nebel lag dick auf dem Kanal, aber das Land war sonnig und klar. Längs der Küste zogen sich unwirtbare Sümpfe hin, aber dahinter dehnte sich ein gutes Stück fruchtbaren, ebenen Landes aus, das in guter Kultur stand. Eine Kette hoher Berge, welche ich für die Mendips hielt, begrenzten den Horizont, und weiter nach Norden zu lag ein zweiter Gebirgszug in blauer, duftiger Ferne. Der blitzende Avon wand sich durch die üppigen Fluren, wie eine silberschuppige Schlange durch ein Blumenbeet. Dicht an seiner Mündung, und nur zwei Meilen von meinem Aussichtspunkte entfernt, ragten die Kirchturmspitzen und Türme des prächtigen Bristol, der Königin des Westens, welches damals, wie wohl auch heute noch, die zweite Stadt im Königreiche war. Der Wald von Masten, der sich wie ein Tannenhain über die Dächer der Häuser erhob, legte Zeugnis ab für den schwunghaften Handel der Stadt mit Irland und den Kolonien, dem sie ihre Blüte verdankte.

Da ich wußte, daß des Herzogs Landsitz mehrere Meilen jenseits der Stadt nach Glostershire zu lag, und ich fürchtete, angehalten und verhört zu werden, falls ich es wagte, die Thore zu passieren, so ritt ich quer durchs Land, um so die Gefahr zu umgehen. Der Seitenweg, den ich einschlug, führte mich auf einen Feldweg, der wiederum auf eine breite Landstraße mündete, die von Reisenden aller Art zu Fuß und zu Roß belebt war. In diesen unruhigen Zeiten mußte jeder Wandersmann Waffen führen, daher erregte mein Äußeres keinerlei Aufsehen, und ich trabte ungestört und ungefragt mit den andern Reitern entlang. Ihrer Haltung und Kleidung nach hielt ich sie meist für kleine bäuerliche Besitzer oder Pächter, die wahrscheinlich nach Bristol ritten, um Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz zu hören und ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen.

»Mit Verlaub,« sagte ein stämmiger Mann mit vollem, breitem Gesicht in einer Sammetmanchesterjoppe und ritt an meine linke Seite heran, »könnte der Herr mir wohl sagen, ob Se. Gnaden von Beaufort in Bristol oder in seinem Hause zu Badminton ist?«

Ich erwiderte, daß ich es nicht wisse, aber ihn selbst auch zu sprechen wünsche.

»Er war gestern in Bristol und ließ die Stadtsoldaten exerzieren,« sagte der Fremde, »denn Se. Gnaden sind so loyal und arbeiten so grausam sehr für Se. Majestät, daß sie bald hier, bald da sind und es ein wahrer Glücksfall ist, wenn man sie mal treffen thut. Aber da Ihr den Herrn Herzog doch sprechen wollt – wohin gedenkt Ihr Euch zu wenden?«

»Nach Badminton,« antwortete ich, »und da will ich auf ihn warten. Könnt Ihr mir den Weg weisen?«

»I was? Ihr wißt den Weg nach Badminton nicht?« rief er und stierte mich ganz verdutzt an. »Mein Seel, ich hab' gedacht, den müßt die ganze Welt wissen! Der Herr ist nicht aus Wales oder dem Grenzland, das ist klar!«

»Ich bin in Hampshire daheim,« erklärte ich. »Ich bin ziemlich weit geritten, um den Herzog zu sprechen.«

»Na, ja! Das hab' ich mir gleich gedacht!« rief er und lachte laut. »Wenn Ihr nicht mal den Weg nach Badminton kennt, da kennt Ihr gar nichts! Aber ich komme mit, Donnerwetter ja, und ich will Euch den Weg zeigen und es darauf ankommen lassen, ob der Herzog da ist oder nicht! Na, und darf man fragen, wie der Herr heißt?«

»Ich heiße Micha Clarke.«

»Na, und ich Pächter Braun – John Braun im Taufregister, aber die Leute nennen mich meist Pächter, so kennt mich jeder. Hier wollen wir rechts von der Landstraße abschwenken. Nun können wir die Gäule traben lassen und brauchen nicht andrer Leute Staub zu schlucken. Was wollt Ihr denn bei Beaufort?«

»Das sind Privatangelegenheiten, über die nicht gesprochen werden darf,« versetzte ich.

»Du meine Güte! Sind wohl Staatsgeheimnisse!« meinte er und that einen langen Pfiff. »Na, wer seine Zunge zügelt, schützt seinen Kopf! Ich bin auch ein sehr vorsichtiger Mann, und das sind jetzt Zeiten, da möchte ich meine Gedanken nicht mal flüstern – ja nicht mal meiner alten Braunen hier ins Ohr – aus Angst, sie konnte mir eines schönen Tages gegenüber stehn auf der Zeugenbank.«

»Es scheint hier fleißig gearbeitet zu werden,« bemerkte ich, denn wir hatten jetzt eine freie Aussicht auf die Wälle von Bristol, wo große Arbeiterzüge emsig mit Hacke und Schaufel schafften, um die Schanzen zu verstärken.

»Ei freilich, freilich. Damit alles fertig ist, ehe die Rebellen hier entlang kommen. Cromwell und seine TawniesTawnies – Braunröcke, so genannt von den Bauernröcken, die sie auch als Soldaten trugen. haben damals die Nuß nicht knacken können, und Monmouth wird's wahrscheinlich nicht besser gehn.«

»Die Stadt scheint auch eine starke Garnison zu haben,« fuhr ich fort, da ich mich an Saxons Ratschläge in Salisbury erinnerte. »Sehe ich nicht da drüben auf freiem Felde zwei oder gar drei Regimenter?«

»Es stehen viertausend Mann Fußvolk und tausend Pferde in der Stadt,« antwortete der Pächter. »Aber das Fußvolk besteht bloß aus Stadtsoldaten, und auf die ist seit Axminster kein Verlaß. Es heißt hier bei uns, die Rebellen wären schon zwanzigtausend Mann stark und geben und nehmen keinen Pardon! Na, wenn's denn schon mal Bürgerkrieg geben soll, so will ich wünschen, daß es heiß dabei hergeht und er schnell zu Ende ist – und sich nicht wieder so an die zwölf Jahre hinzieht, wie der vorige! Soll uns die Gurgel abgeschnitten werden, dann doch lieber mit 'nem scharfen Messer als 'ner stumpfen Heckenscheere!«

»Was meint Ihr zu einem Schoppen Apfelwein?« schlug ich vor, denn wir kamen gerade an einem epheuumrankten Wirtshaus vorbei, auf dessen Schild in großen Buchstaben stand: »Zum Wappen von Beaufort.«

»Daß ich mit dabei bin und von Herzen gern,« antwortete mein Reisekamerad. »Heda, ihr da! Zwei Maßkrüge alten Doppelporter! Der spült am besten den Staub runter. Die eigentliche Schenke zum Beaufort-Wappen ist drüben in Badminton, denn an der Speisekammerthür des Schlosses kann man sich fordern, was man vernünftigerweise nur verzehren mag, ohne die Hand in die Tasche zu stecken.«

»Ihr redet von dem Hause, als ob Ihr sehr bekannt dort wäret.«

»Bekannt? Na und ob!« gab der robuste Pächter zurück und wischte sich den Mund, indem wir wieder unsre Reise aufnahmen. »Ei, mir kommt's vor, als wär's erst gestern, daß ich mit meinen Brüdern im alten Boteler Schloß Versteckens spielte. Das stand damals da, wo jetzt das neue Haus von Badminton oder Acton Turville, wie es manche nennen, steht. Der Herzog hat es erst vor ein paar Jahren erbaut – auch sein Herzogtitel ist wenig älter, 's gibt manchen, der so bei sich denkt, er hätte lieber bei dem alten Namen bleiben sollen, den seine Vorfahren trugen.«

»Was ist der Herzog wohl für eine Art Mann?« fragte ich.

»Aufbrausend und jähzornig, wie alle seines Geschlechts. Hat er sich aber nachher die Sache überlegt und sich etwas abgekühlt, dann ist er im ganzen eigentlich gerecht. Euer Pferd ist heut morgen im Wasser gewesen, Freund.«

»Ja,« sagte ich kurz, »es hat gebadet«.

»Ich will Sr. Gnaden wegen eines Pferdes sprechen,« plauderte mein Genosse weiter. »Seine Beamten haben meine vierjährige Schecke requiriert für des Königs Dienst, und ohne die geringste höfliche Entschuldigung, ohne mich auch nur zu fragen! Da will ich ihnen denn doch ein Licht darüber aufstecken, daß es noch was Höheres gibt, als Herzog und König. Wir haben unser englisches Recht und Gesetz, und das schützt einem jeden sein Hab und Gut. Ich bin ganz bereit, alles mögliche für König Jakob zu thun, aber meine vierjährige Schecke – das ist denn doch zu viel verlangt!«

»Ich fürchte, die Bedürfnisse des Staates werden Eurem Einspruch vorgehen,« sagte ich.

»Den Kuckuck auch, da muß ja ein Mann zum Whig werden,« schrie er. »Sogar die Rundköpfe haben immer ehrlich bar bezahlt – freilich wollten sie dann auch ehrlich bedient sein! Mein Vater hat immer gesagt, das Geschäft sei nie flotter gegangen als anno 46, als sie hier in unsrer Gegend waren! Der alte Noll hatte immer 'n Strick parat für Pferdediebe, gleichviel, ob sie für den König oder das Parlament stimmten. Aber sieh da, irre ich nicht, so kommt da Sr. Gnaden Karosse!«

Eine große, schwerfällige gelbe Kutsche von sechs isabellfarbenen starken Gäulen gezogen, kam uns in schlankem Trabe entgegen. Zwei Vorreiter sprengten voran, zwei andre Lakaien, alle in hellblauen und silbernen Livreen, ritten daneben.

»Sr. Gnaden sind nicht drin, sonst folgte noch eine Eskorte,« meinte der Pächter, während wir seitwärts am Wege hielten, um den Wagen vorbei zu lassen. Indem der Zug vorüberfegte, rief er den Leuten die Frage zu, ob der Herzog in Badminton wäre, worauf der stattliche Kutscher mit seiner ansehnlichen Perücke bejahend nickte.

»Wir haben wirklich Glück,« sagte Pächter Braun. »Er ist jetzt so schwer zu kriegen, wie 'ne Wachtel im Weizenfeld. Spätestens in einer Stunde sind wir da. Ich muß Euch danken, daß ich nicht den vergeblichen Weg nach Bristol gemacht hab'. Was war doch gleich Euer Anliegen?«

Ich war noch einmal genötigt, ihm zu erklären, es handle sich um eine Sache, die sich nicht mit einem Fremden besprechen lasse. Das schien ihn stark zu verschnupfen, und er ritt lange Zeit, ohne den Mund aufzuthun.

Baumgruppen begrenzten jetzt unsern Weg auf beiden Seiten, und wir atmeten froh den würzigen Tannenduft. Aus weiter Ferne trug uns die heiße, schwüle Sommerluft harmonisches Glockengeläut entgegen, und wir freuten uns der grünen schützenden Zweige, denn die Sonne stand fast in Mittagshöhe und brannte vom wolkenlosen Himmel herab, so daß von Feldern und Wiesen glühender Dunst emporstieg.

»Das sind die Glocken von Chipping Sodbury,« sagte mein Gefährte endlich und wischte sich das glühende Gesicht ab. »Dort drüben am Berghange ist die Kirche von Sodbury, und hier rechts ist der Eingang zum Park von Badminton.«

Durch hohe eiserne Thorflügel und Pfeiler, auf denen je ein Leopard und ein Greif, die Wappentiere derer von Beaufort, befestigt waren, betraten wir die wunderschönen Anlagen. Weite grüne Grasflächen und geschorene Rasenplätze mit anmutig darauf verteilten Baumgruppen und große Teiche voll allerlei wilden Geflügels boten sich unsern Blicken dar. An jeder Biegung der schönen, gewundenen Allee, die wir entlang ritten, entzückte eine neue Schönheit das Auge. Pächter Braun machte mich auf alles aufmerksam, und schien so stolz auf die Besitzung zu sein, als ob sie ihm selbst gehöre. Hier war es eine künstliche Felspartie, wo tausend bunte Steine zwischen Farn und Schlingpflanzen hindurchfunkelten, dort ein lustig murmelnder Bach, dessen Lauf man so gelenkt hatte, daß er schäumend ein steiles Felsgestein hinabstürzte. Oder es war auch die Bildsäule irgend einer Nymphe oder eines Waldgottes oder eine kunstvolle, mit Rosen und Geißblatt umrankte Laube. Nie wieder habe ich einen so geschmackvoll angelegten Park gesehen. Der Gartenkünstler, der ihn schuf, hatte sich – wie das bei jedem guten Kunstwerk geschehen muß – so eng an die Natur angeschlossen, daß seine einzige Abweichung darin bestand, solchen Schönheitsüberfluß in verhältnismäßig engem Rahmen zu vereinigen. Bald nachher, schon in wenigen Jahren, wurde unser gesunder englischer Geschmack durch die pedantische Gärtnerei der Holländer mit ihren geradlinigen flachen Teichen und ihren verschnittenen Bäumen verdorben, die alle in einer Reihe aufgestellt wurden, wie Grenadiere in Pflanzengestalt. Wahrlich, der Prinz von Oranien und Sir William Temple haben zum großen Teil diese Geschmacksverirrung zu verantworten, meine ich, und es freut mich jetzt zu hören, daß wieder ein Umschwung eingetreten sein soll, und wir aufgehört haben, die Natur zu hofmeistern.

In einiger Entfernung vom Hause auf einer großen ebenen Rasenfläche exerzierte eine Reiterabteilung, die, wie mir mein Begleiter mitteilte, ausschließlich aus dem persönlichen Dienstpersonal des Herzogs zusammengesetzt war. Dann ritten wir durch einen Hain seltener Bäume und gelangten endlich auf einen weiten Kiesplatz vor dem Hause. Das Gebäude war sehr geräumig, im neuen italienischen Stile gebaut, und mehr auf die Bequemlichkeit der Bewohner, als auf die Verteidigung berechnet. An einem Flügel war aber noch, wie Pächter Braun mir zeigte, ein Teil des alten festen Turms und des Zinnenbaues des alten feudalen Schlosses der Boteler erhalten, und paßte zu seinen modernen Nachbarn wie ein Reifrock der Königin Elisabeth zu einer modernen Hofrobe aus Paris. Zum Hauptportal führte eine Säulenhalle und eine breite marmorne Freitreppe. Diener und Stallknechte empfingen uns auf den Stufen und hielten die Pferde, als wir abstiegen. Ein greiser Haushofmeister oder Major domo fragte nach unserm Begehr, und nachdem er unsern Wunsch vernommen, den Herzog selbst sprechen zu dürfen, gab er uns den Bescheid: Se. Gnaden würde am Nachmittag gegen vier Uhr den Fremden Audienz erteilen. Mittlerweile, fuhr er fort, würde das Mittagsessen für die Gäste soeben in der Halle aufgetragen, und es sei des Herrn Wunsch, daß niemand, der nach Badminton käme, es hungrig verlassen solle.

Mein Begleiter und ich folgten nur zu gern der Einladung des Haushofmeisters, und nachdem wir uns und unsern Anzug im Badezimmer gesäubert hatten, führte uns ein Bedienter in ein großmächtiges Zimmer, in dem die übrige Gesellschaft bereits versammelt war.

Die Zahl der Gäste belief sich auf etwa sechzig Personen des verschiedensten Charakters und Standes, Alt und Jung, Vornehm und Gering bunt durcheinander. Es fiel mir auf, daß manche in den Pausen zwischen den Gängen hochfahrende und forschende Blicke um sich warfen, als staunten sie über sich selbst, wie sie in so gemischte Gesellschaft geraten seien. Eins aber war allen gemein, nämlich der Eifer, mit dem sie den dampfenden Schüsseln und den Weinflaschen zusprachen. Von Unterhaltung war kaum die Rede, da selten einer seinen Nachbar kannte. Da waren Soldaten, die ihr Schwert und ihre Person dem Statthalter des Königs anbieten wollten, und Kaufleute aus Bristol mit Vorschlägen und Bedenken in betreff der Sicherstellung ihres Eigentums. Dazwischen saßen Stadträte, welche sich Instruktionen für eine etwaige Verteidigung ihrer Mauern zu erbitten kamen, hie und da auch ein Jude, den die Hoffnung hergelockt, hohe Zinsen und vornehme Schuldner aus den Wirren der Zeit herauszuschinden. Roßkämme, Sattler, Waffenschmiede, Feldscherer und Geistliche vervollständigten die Tafelrunde, der eine ganze Schar gepuderter und gallonierter Lakaien aufwartete, deren geräuschloses, gewandtes Kommen und Gehen langjährige Übung und Dressur verriet.

Das Zimmer bot einen auffallenden Kontrast gegen Sir Stephan Timewells Eßsaal; denn es war schön getäfelt und auf das reichste ausgestattet. Der Fußboden bestand aus einer Mosaik von schwarzem und weißem Marmor, die Wände aus poliertem Eichenholz. Daran hingen in langer Reihe die Porträts des Somersetschen Grafenhauses von Johann von Gaunt abwärts. Die Decke war anmutig bemalt mit Blumen und Nymphen, so daß einem der Hals steif wurde, ehe man sie recht bewundert hatte. Am Ende der Halle gähnte ein mächtiger Kamin aus weißem Marmor, darüber prangten die aus Eichenholz geschnitzten Lilien und Löwen des Wappens der Herren von Somerset und darüber ein aufgerolltes, langes vergoldetes Band, welches das Familienmotto zeigte: »Mutare vel timere sperno«.

Die schweren Tische, an denen wir saßen, waren beladen mit silbernen Schalen und Leuchtern und dazwischen echten schwersilbernen Bestecken aus dem berühmten Badmintoner Hausschatz. Mir schoß dabei der Gedanke durch den Kopf: könnte Saxon einen Blick darauf thun, so würde er nicht säumen, dringend zu raten, daß der Kriegsschauplatz in diese Gegend verlegt werden müsse.

Nach Tisch wurden wir alle in ein kleines Vorzimmer mit Sammetbänken geführt, wo wir warten sollten, bis der Herzog geruhen würde uns zu empfangen. In der Mitte des Zimmers standen mehrere Behälter mit Glasdeckel und Seidenfutter, worin kleine stählerne und eiserne Instrumente, Messingröhren und Ähnliches aufbewahrt war. Die blanken Dinge sahen sehr künstlich aus, ich konnte aber nicht daraus klug werden, was sie eigentlich vorstellen sollten. Ein Kammerherr machte mit Papier und Tinte die Runde und notierte die Namen und Anliegen der Anwesenden. Ich fragte ihn, ob mir nicht eine ganz private Audienz gestattet werden könne.

»Se. Gnaden empfängt niemals privatim,« war die Erwiderung. »Er ist stets von seinen vertrauten Räten und Offizieren umgeben.«

»Aber die Angelegenheit gehört nur vor sein Ohr allein,« versetzte ich dringend.

»Se. Hoheit hält dafür, daß es keine Sache gibt, die allein für sein Ohr bestimmt sein könne,« lautete der Bescheid. »Ihr müßt schon sehn, wie Ihr Eure Sache anbringt, wenn Ihr an die Reihe kommt. Übrigens verspreche ich Euch, daß er Eure Bitte erfahren soll, muß Euch aber nochmals voraussagen, daß sie nicht gewährt werden kann.«

Ich bedankte mich für seinen guten Willen und besah mit dem Pächter wieder die wunderlichen kleinen Werkzeuge in den Kästen.

»Was ist das?« fragte ich. »Mein Lebtag hab' ich dergleichen noch nicht gesehn.«

»Das sind die Arbeiten des verschrobenen Marquis von Worcester,« erklärte er mir. »Er war der Großvater des jetzigen Herzogs. Er dachte sich unaufhörlich solche Spielereien aus, aber weder sich selbst noch andern zu Nutz und Frommen. Dies Ding hier mit den Rädern heißt die Wassermaschine. Dabei hatte er nun den verrückten Glauben, wenn das Wasser in dem kleinen Kessel kochte, müßte es die Räder treiben, daß sie von selbst auf eisernen Stangen entlang liefen, und dazu viel schneller als ein Pferd! Na, mein Sir, da will ich doch auf meine alte braune Stute wetten gegen all solch Zeugs bis an den jüngsten Tag. Aber rasch jetzt auf unsern Platz! Der Herzog kommt!«

Kaum saßen wir, da flogen die Flügelthüren auf, ein untersetzter, robuster kleiner Herr in den Fünfzigern trat mit lebhaft geschäftiger Gebärde in das Zimmer und schritt eilig zwischen der Doppelreihe der sich verneigenden Bittsteller hindurch. Er hatte große, vorstehende blaue Augen, mit tiefhängenden Hautsäcken darunter, und eine gelbe, ungesunde Gesichtsfarbe. Ihm folgten zwölf vornehme Offiziere und Standespersonen mit wallenden Perücken und klirrenden Schwertern.

Kaum waren sie auf der andern Seite in des Herzogs Arbeitszimmer verschwunden, als der Kammerherr mit der Liste den ersten Namen rief und einer nach dem andern bei dem großen Herrn vorgelassen wurde.

»Mir schwant so was, als ob mit Sr. Gnaden heut nicht gut Kirschen essen ist,« meinte Pächter Braun. »Habt Ihr vorhin gesehn, wie er sich auf die Lippen biß?«

»Mir ist er nicht sonderlich ungeduldig vorgekommen,« entgegnete ich, »aber freilich dünkt mich, Hiob selbst würde in Versuchung fallen, wenn er an einem Nachmittag so schrecklich viel Leute sprechen müßte.«

»Um Gotteswillen, nu hört mal das!« flüsterte er und hob warnend den Finger. Aus dem Nebenzimmer klang des Herzogs Stimme wie das Donnerwetter. Ein schmächtiger kleiner Mann trat heraus und flog durchs Vorzimmer hinaus, als habe er vor Angst den Verstand verloren.

»Ist ein Waffenschmied aus Bristol,« tuschelte uns einer unsrer Nachbarn zu. »Höchstwahrscheinlich konnte sich der Herzog nicht mit ihm über die Kontraktbedingungen einigen.«

»Ach was!« verbesserte sein Nebenmann, »er hat für Sir Marmaduke Hysons Mannschaften die Säbel geliefert, und es heißt, die Klingen biegen sich, als ob sie von Blei wären. Einmal gebraucht, lassen sie sich nicht wieder in die Scheide stecken.«

»Der Lange, der da eben hineingeht, ist ein Erfinder. Er kann ein gefährliches griechisches Feuer herstellen, wie die Christen es gegen die Türken in der Levante verwenden. Er will sein Geheimnis verkaufen, um Bristol damit zu verteidigen.«

Der Herzog indes schien für das griechische Feuer keine Verwendung zu haben, denn der Erfinder kam umgehend wieder zum Vorschein und sah so puterrot aus, als habe man seine Erfindung an ihm selbst erprobt.

Der nächste auf der Liste war mein gutmütiger Freund, der Pächter. Die zornigen Laute, die ihn empfingen, verhießen der vierjährigen Stute nichts Gutes, dann schien aber Stille nach dem Sturm einzutreten, und nach einer Weile kehrte der Pächter auf seinen Platz zurück und rieb sich vergnügt die großen roten Hände.

»Gott sei Dank!« raunte er mir zu. »Zuerst war er ja fuchswild, aber danach beruhigte er sich. Zuletzt versprach er mir, ich solle den Schecken wiederkriegen, wenn ich die Löhnung für einen Dragoner bezahlen wolle, so lange wie der Krieg dauert.«

Ich hatte die ganze Zeit über bei mir selbst hin und her überlegt, wie ich nur meine Sache vorbringen sollte bei diesem Schwarm von Supplikanten und angesichts der großen Zahl der Räte des Herzogs. Wäre auch nur eine Spur von Möglichkeit vorhanden gewesen, sonstwie eine Audienz zu erlangen, ich würde sie gern ergriffen haben, aber meine Bemühungen darum waren gescheitert. Versäumte ich diese Gelegenheit, so bekam ich ihn vielleicht nie wieder zu Gesicht. Er konnte ja die Sache gar nicht reiflich erwägen, wie sie doch erwogen werden mußte, wenn sie alle um ihn herum waren! Das war rein unmöglich. Selbst wenn seine Sympathien sich Monmouth zuneigten, durfte er sich doch kein Zeichen irgend welchen Wankelmuts entschlüpfen lassen in Gegenwart so vieler Späheraugen. Fast hätte ich beschlossen, einen Scheingrund für meine Reise vorzugeben und es dem Schicksal zu überlassen, mir eine günstigere Gelegenheit für die Aushändigung meiner Briefschaften zu verschaffen. Wenn aber nun die Gelegenheit nicht kam! – da die Zeit so drängte? Es hieß, morgen früh würde der Herzog nach Bristol zurückkehren. Alles in allem wollte es mir doch geratener scheinen, wohl oder übel den Augenblick zu benutzen. Es stand außerdem zu hoffen, daß der Herzog genug Geistesgegenwart und Gewandtheit haben würde, beim ersten Blick auf meine Depeschen mir eine Privataudienz zu gewähren.

Ich war gerade zu diesem Entschluß gekommen, als mein Name aufgerufen wurde. Ich stand auf und ging ins Sprechzimmer. Es war klein, aber hoch, mit blauer Seide ausgeschlagen und mit einem breiten vergoldeten Karnies, der die Decke trug. Ein viereckiger Tisch in der Mitte war mit Papieren und Aktenstößen beladen, und dahinter saß Se. Gnaden, sehr stattlich und imposant von den reichen Locken seiner Allongeperücke umflossen. Er hatte dasselbe unbeschreibliche Etwas an sich, das mir an Sir Gervas und Monmouth aufgefallen war und das ihn im Verein mit seinen energischen, kräftigen Gesichtszügen und dem durchdringenden Blick zum vornehmen Herrn und Befehlshaber stempelte. Sein Geheimschreiber saß neben ihm und notierte seine Befehle und Bescheide, die andern standen teils im Halbkreise hinter ihm, oder lehnten mit ihren Schnupftabaksdosen, denen sie ab und zu eine Prise entnahmen, in den Fensternischen.

»Notiere Smithsons Lieferung,« sagte der Herzog eben, als ich eintrat, »bis Dienstag müssen fertig sein: hundert Eisentöpfe und ebensoviel Brust- und Rückenschienen, sechsmal zwanzig Radschloßflinten für die Musketiere und zweihundert extra Spaten für die Arbeiter. Vermerk: die Ordre ist null und nichtig, wenn nicht der Ablieferungstermin innegehalten wird.«

»Ist vermerkt, Ew. Gnaden.«

»Hauptmann Micha Clarke,« las der Herzog aus der Liste vor ihm. »Was wünscht Ihr, Hauptmann?«

»Etwas, das ich Ew. Gnaden lieber unter vier Augen sagen möchte.«

»Aha, Ihr seid der, der um eine Privataudienz gebeten hat! Nun seht, Herr Hauptmann, wir sind so gut wie allein. Dies sind meine Geheimräte. Was ich höre, können sie auch hören. Potztausend! Mann, laßt alle Weitläufigkeit und Verlegenheit fahren; nur immer heraus mit der Sprache!«

Mein Gesuch hatte die Aufmerksamkeit der Anwesenden erregt. Sie sammelten sich um den Tisch. Nichts konnte dem Erfolg meiner Mission ungünstiger sein. Aber was war zu machen? Ich mußte meine Depeschen abliefern.

Ich kann mit gutem Gewissen und ohne mich selbst rühmen zu wollen, beteuern, daß mir nicht um meine eigne Sicherheit bangte. Nur die Erfüllung meiner Pflicht stand mir vor Augen. Bei dieser Gelegenheit will ich ein für allemal erklären, lieben Kinder, daß ich in dieser ganzen Erzählung meine Erlebnisse berichte, als schriebe ich von einem Fremden. Der kräftige, behende einundzwanzigjährige Bursch war auch wirklich ein andres Wesen, als der greise Alte hinterm Ofen, der nichts mehr leisten kann, als der Jugend Geschichten zu erzählen. Flache Gewässer spritzen am höchsten, – ein Prahlhans war mir immer verächtlich. Hoffentlich werdet ihr nimmer denken, euer Großvater gehe mit Selbstlob um, oder hielte sich für besser als seinesgleichen. Ich berichte nur die Thatsachen, soweit ich mich ihrer entsinne, möglichst klar und wahr.

Mein kurzes Zögern hatte schon dem Herzog die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Ich zog deshalb das Paket aus meiner Brusttasche und überreichte es ihm mit einer tiefen Verbeugung. Als er die Aufschrift las, fuhr er überrascht und erregt zusammen, und machte eine Bewegung, als wolle er das Papier zu sich stecken. Doch er überwand den Impuls und saß wohl mehrere Minuten in Gedanken verloren still, den Brief in der Hand. Plötzlich warf er den Kopf zurück, als ob er nun zum Entschluß gekommen sei, brach die Siegel, durchflog den Inhalt und warf dann höhnisch lachend die Schriftstücke auf den Tisch.

»Was denkt ihr wohl, meine Herren,« rief er, sich verächtlich umschauend; »was denkt ihr wohl, was diese geheime Botschaft enthält? Einen Brief von dem Hochverräter Monmouth! Er fordert mich denn auf, meinem angestammten Souverän die Treue zu brechen und mein Schwert gegen ihn zu ziehn! Dafür versichert er mich seiner gnädigen Gunst und seines Schutzes. Thu ich's nicht, so droht er mir mit Sequestration, Verbannung und Schande. Er scheint sich einzubilden, Beauforts Treue wäre feil wie Krämerware oder durch Drohungen auszutreiben! Der Nachkomme Johanns von Gaunt soll dem Sprößling einer herumziehenden Komödiantin huldigen!«

Mehrere der Herren sprangen auf, und der Mitteilung des Herzogs folgte ein wirres Durcheinander von zornigen und überraschten Ausrufen. Er selbst blieb mit gerunzelten Brauen sitzen, klopfte mit dem Fuß auf den Boden und blätterte in den Papieren.

»Was kann ihn so wahnwitzig kühn gemacht haben?« rief er endlich. »Wie kann er sich unterstehn, an einen Mann von meinem Range eine solche Botschaft zu schicken! Meint er, er könne das dem Präsidenten von Wales zu bieten wagen, weil er den Rücken von ein paar schuftigen Milizen gesehn hat, oder weil ein paar hundert Stoppelhopser vom Pflugsterz weg zu seinen Fahnen eilten? Ihr seid aber meine Zeugen, wie ich seine Frechheit aufgenommen habe!«

»Wir können Ew. Gnaden gegen jede etwaige Verleumdung in Schutz nehmen,« sagte ein älterer Offizier, während ein allgemeines Beifallsgemurmel der Anwesenden diese Bemerkung begrüßte.

»Und du,« rief Beaufort mit erhobener Stimme und funkelnden Augen zu mir gewandt, »wer bist du, daß du dich erdreistest, eine solche Botschaft nach Badminton zu tragen? Du hast deinen Verstand wohl zu Hause gelassen, als du dich zu diesem Botengang anschicktest?«

»Ich stehe hier wie überall in Gottes Hand,« erwiderte ich mit einem Anflug von meines Vaters zuversichtlichem Gottvertrauen. »Ich habe gethan, was ich zu thun versprach, das Weitere ist nicht meine Sache.«

»Du sollst merken, daß es deine Sache ist,« rief er überlaut, sprang von seinem Sessel auf und schritt heftig im Zimmer hin und her, »eine Sache, die dich so nahe angeht, daß dich hinfort keine Sache von der Welt mehr etwas angehn soll! – Ruft die Hellebardiere aus der großen Halle! Nun, Bursche, was hast du zu deiner Entschuldigung zu sagen?«

»Da ist nichts zu sagen,« entgegnete ich.

»Aber zu geschehn hat etwas,« donnerte er mir wütend zu. »Ergreift den Mann und legt ihm Handschellen an!«

Vier Hellebardiere traten vor und legten Hand an mich. Widerstand wäre Tollheit gewesen, was sollte ich auch die Leute beschädigen, die ihrer Pflicht gehorchten? Ich hatte das Wagnis übernommen, und wenn es mich das Leben kostete, so hatte ich das ja vorher erwogen. Mir fiel dabei das alte Sprüchlein ein, das Meister Chillingfoot in Petersfield uns so oft vorgehalten hatte:

Justum et tenacem propositi virum
non civium ardor prava iubentium,
non vultus instantis tyranni
mente quatit solida . . .
Aus Horazens Ode: »Ad Caesarem Augustum«. Geibel verdeutscht sie in freier aber sinngetreuer Weise:

»Wer treu sich selbst im Dienste der Pflicht beharrt,
Dem wird Gesetzbruch heischende Pöbelwut,
Dem wird des Zwingherrn finsterer Drohblick
Nie den gelassenen Mut erschüttern . . .«

Da hatte ich ja nun den »vultus instantis tyranni« in Person dieses korpulenten, gelbsüchtigen Mannes in Perücke und spitzenverziertem Rocke leibhaftig vor mir. Ich hatte dem Dichter auch soweit gehorcht: mein Mut war festgeblieben. Die Welt, dieser rollende Staubklumpen, besaß für mich keine so großen Reize, daß es mir ein Schmerz gewesen wäre, sie verlassen zu müssen. Wenigstens vor meiner Verheiratung – dann ändern Begriffe und Ansichten über den Wert des Lebens sich sehr, auch über manches andre – wie auch ihr mal merken werdet.

Ich stand fest und aufrecht und blickte dem zornigen Edelmann unverwandt ins Auge, während seine Häscher meine Hände in Eisen legten.

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