Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111102
projectidaa397b1e
Schließen

Navigation:

XXIII.

Der Überfall.

Beim Tagesanbruch weckte mich der Diener des Bürgermeisters und meldete, der wohledle Herr Wade erwarte mich unten. Als ich reisefertig hinunterkam, fand ich ihn im Wohnzimmer damit beschäftigt, das Sendschreiben, das ich überbringen sollte, einzusiegeln. Er war ein kleiner schmächtiger Herr von fahler Gesichtsfarbe, strammer Haltung und kurz angebundener Rede. Überhaupt hatte er mehr vom Soldaten als vom Advokaten an sich.

»So!« sagte er und drückte sein Petschaft noch einmal fest auf die Verknotung der Schnur. »Draußen wartet auch schon Euer Pferd. Macht lieber einen Umweg über Nieder-Stowey und längs des Bristol-Kanals. Wir haben Kundschaft erhalten, daß alle Straßen bis hinter Wells von feindlicher Kavallerie besetzt sind. Hier habt Ihr Euer Packet.«

Ich verbeugte mich und steckte es sorgsam in meine Brusttasche.

»Es enthält das königliche Schreiben an den Herzog, wie es gestern im Kriegsrat beschlossen wurde. Der Herzog wird seine Antwort schriftlich oder mündlich erteilen nach seinem Belieben. Nehmt sie wohl in acht. Das Paket enthält ferner eine Kopie der Aussagen des Geistlichen im Haag, sowie der andern Zeugen, welche der Trauung Karls von England mit Lucy Walters, der Mutter Sr. Majestät, beiwohnten. Eure Mission ist hochwichtig, das Gelingen unsrer ganzen Unternehmung hängt möglicherweise davon ab. Seht zu, daß Ihr die Dokumente eigenhändig an Beaufort übergebt, und durch keinerlei Zwischenträger, damit Ihr erforderlichen Falls vor Gericht bezeugen könnt, daß er sie empfangen hat.«

Ich versprach, es wo möglich so zu machen.

»Auch möchte ich Euch raten,« fuhr er fort, »Schwert und Pistolen allerdings zu etwaiger Verteidigung mitzunehmen, aber Sturmhaube und Panzer zurückzulassen. Ihr müßt den Charakter eines friedlichen Boten wahren und ein zu kriegerisches Aussehen lieber vermeiden.«

»Das hatte ich mir auch schon vorgenommen,« sagte ich.

»Sonst ist nichts mehr zu erinnern, Hauptmann,« schloß der Rechtsgelehrte und reichte mir die Hand, »Glück auf den Ritt! Haltet den Mund zu und die Ohren offen. Habt ein aufmerksames Auge auf alles was Euch begegnet. Merkt Euch die Gesichter der Leute, welche mißvergnügt und welche zufrieden scheinen. Kann sein, daß der Herzog gerade in Bristol ist, reitet aber trotzdem lieber nach seinem Schlosse Badminton. Losung und Feldgeschrei von heut ist Tewksbury.«

Ich dankte Herrn Wade für seine Ratschläge; dann verabschiedete ich mich und bestieg meinen Covenant, der scharrte und in die Zügel biß, voll Entzücken und Ungeduld, einmal wieder ordentlich ausgreifen zu können.

Die meisten Städter schliefen noch, wenn auch hie und da ein nachtmützenumrahmtes Gesicht aus einem Kammerfenster lugte und mich erstaunt anglotzte. Vorsichtshalber ließ ich mein Pferd langsamen Schritt gehn, bis wir in sicherer Entfernung vom Hause waren. Ich hatte nämlich Ruben nichts von der bevorstehenden Reise gesagt, weil ich der festen Überzeugung war, daß weder die Bande der Disziplin noch die neuerdings hinzugekommenen Fesseln der Liebe stark genug gewesen waren, um ihn am Mitkommen zu hindern, falls er von meiner Absicht Wind bekam. Trotz aller Vorsicht klapperten Covenants eisenbeschlagene Hufe ganz gewaltig auf den Pflastersteinen, als ich mich aber umsah, waren die Vorhänge an meines Freundes Fenster noch fest zugezogen, und nichts rührte sich im Hause. So ließ ich den Zügel locker und ritt im schlanken Trabe durch die schweigenden, buntbeflaggten und mit welken Blumen bestreuten Straßen. Am Nordthor lag eine halbe Kompanie auf Wache, die mich auf das Losungswort passieren ließ. Einmal jenseits der alten Mauern hatte ich die Stadt bald weit im Rücken und vor mir ohne weiteres Hindernis die Landstraße nach Norden.

Es war ein wonniger Morgen. Die Sonne kam gerade über den Bergen hervor und tauchte Erde und Himmel in rotgoldiges Licht. Die Obstgärten längs des Weges beherbergten ganze Schwärme von Vögeln. Das sang und zwitscherte fröhlich durcheinander und erfüllte die Luft mit schmetterndem Sang und Klang. Die ganze Welt atmete Frische und Freude. Die schöngeäugten rotbraunen Rinder von Somerset schauten mich über die Hecke hinüber schmachtend an, und ihr Schatten dehnte sich in ungeheueren Maßen über die Felder. Ackergäule in der Koppel legten die Köpfe auf die Holzlatten des Thorwegs und wieherten ihrem glattgestriegelten Bruder einen Morgengruß zu. Eine große Herde schneeweiß-wolliger Schafe kam den Hügel herab uns entgegen, spielte und hüpfte im Sonnenschein. Überall harmlose Daseinsfreude, von der Lerche, die hoch im Blauen ihr Lied schmetterte, bis herab auf die kleine Feldmaus, welche durch das schwellende Kornfeld huschte, und dem Schwälblein, das vor mir die Flucht ergriff. Überall Thätigkeit, überall Unschuld! Was sollen wir sagen, meine teuren Kinder, wenn wir bei den Tieren des Feldes soviel Güte und Fleiß und Dankbarkeit finden? Wo bleibt da unsre Überlegenheit, von der wir soviel Wesens machen?

Von einer Erhöhung schaute ich zurück auf die schlummernde Stadt mit ihrem Gürtel von Zelten und Frachtwagen, der davon zeugte, wie ihre so plötzlich und so überwältigend vermehrte Bevölkerung über die Grenzen der alten Umwallung herauswachsen mußte. Die königliche Standarte wehte noch von St. Maria Magdalena, und dicht dabei trug der schöne Schwesterturm von St. Jakob die blaue Fahne Monmouths.

Indem ich hinüberschaute, machte lebhafter Trommelwirbel und klarer Hornruf der Morgenstille ein Ende, scheuchte die Truppen aus dem Schlafe und rief sie an ihre Arbeit. Über die Stadt weg hatte ich eine herrliche Aussicht auf die welligen Höhenzüge von Somersetshire. Das Hügelland mit Städten und Dörfern, Burgzinnen und Kirchtürmen, bewaldeten Schluchten und Getreidefeldern erstreckte sich weithin, bis wo am Horizont das Meer aufblitzte – es war die lieblichste Augenweide, die man sich denken kann. Ich lenkte endlich mein Pferd herum und ritt meines Weges weiter. Aber in meinem Herzen dachte ich, daß es sich wohl lohne, für ein solches Land zu kämpfen, und daß es für einen Mann ein Geringes sein müsse, sein Leben daran zu setzen, um der Heimat Freiheit und Frieden zu erwerben. Jenseits des Berges in einem kleinen Flecken stieß ich auf einen unsrer berittenen Außenposten. Der wachthabende Anführer gab mir eine Strecke lang das Geleit und brachte mich auf den Weg nach Nieder-Stowey. Meinen an den weißen, kalkhaltigen Boden von Hampshire gewöhnten Augen kam die rote Erde hierorts gar seltsam vor. Selbst die Kühe sind hier meistens rot. Die Bauernhäuser jener Gegend werden nicht aus Ziegeln oder Holz gebaut, sondern aus einem ganz besondern Mörtel, der »Cob« genannt wird, und der sehr fest und glatt ist, solange als kein Wasser daran kommt. Sie schützen deshalb ihre Hausmauern durch breite, weit überhängende Strohdächer vor dem Regen. Auch nicht eine Turmspitze, soweit das Auge reicht, was denjenigen fremdartig berührt, der aus irgend einer andern Gegend Englands her ist. Jede Kirche hat einen stumpfen Turm, dessen vier Ecken mit kleinen Ziertürmchen versehen sind. Diese plumpen Türme sind meist sehr groß und besitzen schöne Glocken.

Mein Weg führte mich am Fuße der schönen Quantock-Berge entlang. Dicht bewaldete Thalmulden unterbrechen hie und da die heidebewachsenen runden Hügel, auf denen auch Farren- und Heidelbeerkräuter wuchern. Auf jeder Seite des Saumpfades senkten sich steile, gewundene Schluchten tief hinab, deren Abhänge goldige Ginsterbüsche bedeckten, und aus dem tiefroten Boden aufloderten, wie Flammen aus glühender Asche. Braune klare Wildbäche sprudelten diese Thäler hinab, und nicht selten quer über die Straße hinweg, so daß Covenant beim Durchwaten bis an die Fesseln hineintrat und erschrocken scheute, wenn ihm die flinken Forellen zwischen den Vorderfüßen hindurchschossen.

Den ganzen langen Tag ritt ich durch dieses schöne Land. Da ich die belebten Straßen sorgfältig mied, begegnete ich nur wenigen Leuten. Ein Paar Schäfer und Bauern, ein langbeiniger Geistlicher, ein Hausierer mit seinem Maultier und ein Reiter mit einem großen Sack, den ich für einen Haar-Aufkäufer hielt, das ist alles, auf das ich mich besinnen kann. Ein Krug Bier und ein Stück Brot in einer Dorfschenke waren meine Wegzehrung. Unweit Combwich verlor Covenant ein Hufeisen, und ich zwei kostbare Stunden auf der Suche nach einem Hufschmied, der den Schaden wieder gut machte.

Der Abend brach schon herein, als ich endlich die Ufer des Bristol-Kanals erreichte, und zwar bei einem Orte namens Shurton Bars, wo der trübe Parret ins Meer fließt. An dieser Stelle ist der Kanal so breit, daß man drüben die Walliser Gebirgszüge kaum noch erkennen kann. Der Strand ist flach, schwarz und schlammig. Große Schwärme von Seevögeln bilden weiße Flecken darauf. Weiter nach Osten zu erhebt sich eine wild zerklüftete Bergkette mit steil abfallenden Felswänden. Diese Klippen ragen weit ins Meer und bilden zahlreiche kleine Häfen und Buchten, die bei Tage trocken liegen, bei halber Flut aber schon ein tüchtiges Boot flott machen können.

Mein Weg lief auf der Höhe dieses rauhen, steinigen Kammes entlang, den eine spärliche Bevölkerung von rohen Fischern und Hirten bewohnt. Sie traten, wohl vom Hufschlag meines Pferdes gelockt, vor ihre Hüttenthür und riefen mir jeweilig einen derben ländlichen Witz zu.

Je mehr es dunkelte, desto unwirtlicher und einsamer wurde die Gegend. Weitab am Berghange blinkte zuweilen in einem entlegenen Häuschen ein Lichtschein auf, sonst weit und breit kein Zeichen einer menschlichen Wohnstätte.

Der steinige Saumpfad lief noch immer längs der See, und wie hoch er auch darüber war, so sprühte doch der Gischt der Brandung bis zu ihm empor. Der salzige Schaum prickelte auf meinen Lippen, und in meinen Ohren dröhnte der dumpfe Wogenprall der steigenden Sturmflut, und dazwischen klang das wehmütige Zirpen der Gewittervögel, die wie weiße klagende Schatten aus einer andern Welt vorüberhuschten. Der Wind blies in kurzabgebrochenen, ungestümen Stößen aus Westen, und weit draußen auf den finstern Wogen erkannte man an dem lichtweißen Streifen, der jetzt stieg, dann fiel, jetzt hoch aufbäumte, dann in der Tiefe verschwand, wie wild die See draußen tobte.

Als ich so in der Dämmerung durch diese wundersam wilde Landschaft dahinritt, schweiften meine Gedanken unwillkürlich zurück in die trauliche Vergangenheit. Ich dachte an meinen Vater, meine Mutter, den alten Zimmermann und Salomo Sprent. Dann grübelte ich über Decimus Saxons Charakter nach, in dessen vielgestaltigem Wesen es so viel zu bewundern und zu verabscheuen gab. Mochte ich ihn leiden oder nicht? Darüber konnte ich nicht zur Klarheit kommen. Von ihm ging ich zu meinem getreuen Ruben über, zu seiner Liebesgeschichte mit der hübschen Puritanerin und langte endlich bei Sir Gervas und dem Schiffbruch seines Wohlstandes an. Davon wanderten meine Gedanken zur Armee und ihrem Zustande, zu den Aussichten für den Aufstand, was mir endlich meine gegenwärtige Sendung ins Gedächtnis rief zusamt den Fährlichkeiten und Schwierigkeiten, die mir dabei drohten.

Indem ich dies alles hin und her überlegte, fing ich an allmählich auf Covenants Rücken einzunicken. Von den Strapazen der Reise überwältigt, vom eintönigen Brausen der Wellen wie von einem Wiegenliede eingelullt, fielen mir die Augen zu.

Mir träumte eben, daß Ruben Lockarby König von England geworden und Jungfer Ruth Timewell ihm die Krone aufs Haupt setzte, während Decimus Saxon ihn mit einem Fläschchen von Daffys Elixir erschießen wollte – als ich plötzlich gewaltsam vom Pferde geschleudert wurde und halb bewußtlos auf dem felsigen Pfade liegen blieb.

Ich war von dem unerwarteten Sturz so betäubt und erschüttert, daß ich ein paar Minuten lang nicht wußte, wo ich mich befand und was mir eigentlich passiert war. Dabei hatte ich doch den unbestimmten Eindruck von Schattenbildern, die sich über mich neigten, und von heiserm, rohem Lachen, das mir in die Ohren klang.

Als ich endlich den Versuch machte, aufzustehen, entdeckte ich, daß eine Schlinge mir Arme und Beine fesselte. Mit Aufbietung aller meiner Kraft zog ich eine Hand heraus und versetzte einem der Männer, die mich festhielten, einen Faustschlag ins Gesicht. Sofort fiel die ganze Bande, – etwa ein Dutzend oder mehr über mich her. Einige knufften und traten mich, andre zogen einen zweiten Strick durch meine Ellenbogen und banden ihn so geschickt zusammen, daß ich mich nicht mehr rühren konnte. Da ich nun merkte, daß bei meinem geschwächten, benommenen Zustande doch alles Sträuben vergebens sein würde, lag ich finster und beobachtend stille und schenkte den Puffen und Schlägen, die noch immer auf mich herniederhagelten, keine Beachtung. Es war so dunkel, daß ich die Gesichter der Wegelagerer nicht unterscheiden und mir auch keine Vorstellung davon machen konnte, was sie für Leute sein mochten und auf welche Weise sie mich aus dem Sattel geworfen hatten. Pferdegeschnaube und Gestampfe ganz in meiner Nähe bewies mir, daß Covenant ein Gefangener war gleich seinem Herrn.

»Der Holländer Peter hat eine volle Ladung bekommen,« sagte eine grobe, rauhe Stimme. »Er liegt da wie ein Aal auf dem Trockenen.«

»Ach, der arme Peter!« spottete ein andrer, »er wird nie wieder sein Spielchen machen oder sein Gläschen echten Cognac durch die Gurgel jagen«.

»Das ist gelogen, guter Freund,« fiel der Verwundete mit schwacher, zitteriger Stimme ein. »Und ich will dir die Lüge auf den Kopf beweisen, wenn du einen Buddel in der Tasche hast.«

»Wenn der Peter auch wirklich tot und begraben wäre,« sagte der erste Sprecher, »das Wort Branntwein würde ihn wieder lebendig machen. Gib ihm einen Schluck aus deiner Flasche, Dicon.«

Ich hörte darauf ein mächtiges Glucksen und Schlürfen durch das Dunkel, dann einen lauten Atemzug des Trinkenden.

»Gott sei gelobt,« rief er mit kräftigerer Stimme. »Ich habe vorhin mehr Sterne zu sehn bekommen, als jemals geschaffen wurden. Wenn mein Kopf nicht solide Reifen hätte, er würde ihn mir eingeschlagen haben, wie ein verspaaktes Faß! Er hat ja 'ne Faust so hart wie ein Hufeisen.«

Der Mond ging gerade hinter einer Klippe auf, als der Mann das sagte, und ein Strom kalten, klaren Lichtes ergoß sich über die Scene. Nun entdeckte ich, daß ein starkes Seil acht Fuß über der Erde von einem Baumstamm zum andern quer über den Weg gespannt war. Das hätte ich im Abenddunkel gar nicht gewahren können, auch nicht, wenn ich wach geblieben wäre. Während Covenant darunter wegtrabte, war ich mit der Brust dagegen geprallt und mit großer Gewalt aus dem Sattel geschleudert worden. Durch den Fall oder durch die Püffe nachher mußte ich ein tüchtiges Loch in den Kopf bekommen haben, denn ich fühlte das warme Blut am Ohr entlang den Nacken herabrinnen. Ich versuchte indes nicht mehr mich zu rühren, sondern wartete stillschweigend, um zu erfahren, wer diese Männer sein mochten, in deren Hände ich geraten war.

Ich hegte nur die eine Furcht, sie würden mir meine Briefe wegnehmen und so mir die Ausführung meiner Mission unmöglich machen. Daß ich bei dieser meiner ersten Sendung so schimpflich ohne einen Schwertstreich überrumpelt worden und die Papiere, die man mir anvertraut, einbüßen sollte, war eine Schicksalstücke, und mich überlief's heiß und kalt bei dem bloßen Gedanken daran.

Die Bande bestand aus wilden, bärtigen Kerlen in Pelzmützen und Barchentjacken, Ledergürteln und kurzen, geraden Waidmessern. Ihre dunklen sonnverbrannten, verwitterten Gesichter und großen Wasserstiefel kennzeichneten sie als Fischer oder Schiffer, auch ihre seemännischen Ausdrücke ließen darauf schließen. Neben mir kniete auf jeder Seite einer und hielt meine Arme fest, ein dritter stand hinter mir und zielte mit einem geladenen Pistol nach meinem Kopf, während die übrigen sieben oder acht Mann dem aufhalfen, den ich niedergeschmettert hatte, und der aus einer tüchtigen Schmarre überm Auge blutete.

»Den Gaul führt zu Vater Mycroft 'rüber,« befahl ein untersetzter, schwarzbärtiger Mann, welcher der Anführer zu sein schien. »Das ist keine gemeine Dragoner-Schindmähre, sondern ein anständiger Vollbluthengst, der unter Brüdern seine sechzig Goldfüchse wert ist. Von deinem Anteil kannst du dir Salben und Pflaster auf deine Schmarre kaufen, Peter.«

»Ha, verfluchter Hundsfott!« schrie der Holländer und drohte mir mit der Faust. »Du willst den Peter schlagen, was? Du willst Petern Blut abzapfen, wie? Tausend Teufel, Kerl! Hätt' ich dich allein in den Bergen unter freiem Himmel, da wollten wir mal sehen, wer der Stärkere ist!«

»Takele dein Maulwerk ab, Peter,« brummte einer seiner Kameraden. »Der Bursch da ist freilich eine ausbündige Satansbrut, und an seinem Beruf kann auch nur die gemeinste, lumpigste Schnüffelseele Geschmack finden. Bei alledem sieht er mir danach aus, als könnte er dich rupfen wie eine Waldschnepfe, wenn er dich unter seine großen Hände kriegte. Du würdest dann genau so um Hilfe zetern, wie letzten Martini, als du Küper Dicks Frau für den Zollwächter gehalten hattest.«

»Der, und mich rupfen? Tod und Hölle!« brüllte der andre, den der Schlag und der Branntwein hintennach fuchswild gemacht hatten. »Das wollen wir doch mal sehn. Hier hast du eins, du Teufelsbalg, und da noch eins!«

Er lief auf mich zu und versetzte mir mit seinen großen Wasserstiefeln aus aller Kraft einen Fußtritt nach dem andern.

Ein Teil der Rotte lachte, doch der Sprecher von vorhin verabfolgte dem Holländer einen Puff, so daß er ein Ende weit fort flog.

»Das verbitt ich mir,« sagte er streng. »Auf englischem Grund und Boden soll ehrlich Spiel gelten, und nicht Eure verfluchten Holländer-Schuftigkeiten; das merkt Euch. So lang ich dabei bin, werd' ich's nicht ruhig mitansehn, daß ein Engländer von so einem schmerbäuchigen, hasenfüßigen, schnapsstinkenden Sohn einer Amsterdamer Lustvrouw getreten wird. Hängt ihn meinetwegen auf, wenn der Schiffer will. Das ist offen und ehrlich, aber Donnerwetter! wem's Fell juckt, der soll den Mann hier noch mal anfassen!«

»Na, na, Dicon, immer ruhig Blut,« sagte der Hauptmann begütigend. »Das wissen wir ja alle, daß Peter kein Held ist. Deshalb ist er aber doch der beste Küper längs der ganzen Küste, nicht wahr, Peter? Bei Dauben, Reifen und Stößel sucht er seinesgleichen. Wenn er irgendwo ein Brett sieht, hat er schon 'ne Tonne draus gemacht, ehe ein andrer sich die Sache noch überlegt hat.«

»Wirklich! darauf besinnt Ihr Euch noch, Kapitän Murgatroyd?« sagte der Holländer verdrießlich. »Aber Ihr laßt mich ruhig stoßen, schlagen, wegschubsen und schimpfen, ohne mir beizustehen! Aber so wahr ich lebe, – sobald die Maria das nächste Mal in den Texel einläuft – will ich wieder mein altes Gewerbe aufnehmen. Ja, das will ich, und mein Fuß soll sie nicht wieder betreten.«

»'s wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird,« erwiderte lachend der Kapitän. »So lang noch die Maria ihre fünftausend guten Goldstücke jährlich einbringt und jedem Kutter an der ganzen Küste die Fersen zeigen kann, da hat's keine Gefahr, daß der gierige Peter seinen Anteil an ihr aufgibt. Bedenk doch, Mensch, wenn es so weiter geht, hast du in ein bis zwei Jahren ein eignes Lusthaus mit einem gewalzten Rasenplatz und Bäumen, die zu Pfauen verschnitten sind, und Blumen in Teppichbeeten; vor der Thür ist der Kanal und drinnen eine dralle große Hausfrau. Ganz wie beim Bürgermeister. Manch einer hat schon durch Brüsseler Spitzen und französischen Cognac ein Vermögen gemacht.«

»Jawohl, und mancher hat sich wegen Spitzen und Cognac ein Loch in den Kopf geholt,« brummte mein Feind. »Donnerwetter, es gibt noch andre Dinge bei dem Spaß, als Lusthäuser und Blumenbeete. Es gibt blinde Klippen und Nordweststürme, Vorgebirge und Küstenwächter.«

»Freilich. Und das ist der Punkt, in dem ein schneidiger Seemann dem Heringsschiffer und Küstenfahrer über ist, der sich an seinem mühseligen Handwerk von einem Weihnachten bis zum andern herumquält, in derselben Lebensgefahr ist wie wir, aber ohne den kleinen netten Nebenverdienst. Doch genug davon! Richtet den Gefangenen auf, damit wir ihn fortbringen können.«

Ich wurde aufgerichtet und, halb getragen, halb gezerrt, von der Bande weiter geschleppt. Mein Pferd war bereits in der entgegengesetzten Richtung fortgeführt worden. Unser Weg führte von der gebahnten Straße ab, eine zerklüftete, wilde Felsschlucht hinunter dem Meere zu. Es schien kein gangbarer Pfad zu sein, und ich stolperte, so gut oder schlecht es ging, in meinem gefesselten Zustande, noch betäubt von meinen Verletzungen, über Stock und Stein und Gestrüpp. Indessen trocknete das Blut über meinen Wunden, der frische Seewind, der meine heiße Stirn kühlte, erfrischte meine Lebensgeister, und ich begann meine derzeitige Lage klar ins Auge zu fassen.

Die Unterhaltung meiner Begleiter ergab, daß sie samt und sonders Schmuggler waren. Folglich konnten sie weder eine besondere Vorliebe für die Regierung, noch für König Jakob haben. Ihre Sympathien waren höchstwahrscheinlich ganz auf Monmouths Seite. Hatte ich doch erst am gestrigen Tage ein ganzes Infanterieregiment in seinem Heere gesehen, welches ausschließlich aus solchem Küstenvolk bestand. Allein wer konnte wissen, ob nicht doch ihre Habgier größer war, als ihre Loyalität, und sie mich in der Hoffnung auf einen Judaslohn den königlichen Gerichten ausliefern wollten? Nach reiflicher Überlegung beschloß ich nichts von meinem Auftrage zu sagen und meine Briefschaften so lange wie möglich verborgen zu halten.

Ich zerbrach mir aber doch immer wieder den Kopf darüber, was die Leute eigentlich veranlaßt hatte, mir aufzulauern. Die Landstraße, auf der ich geritten, war zwar nicht sehr belebt, immerhin mußte sie doch von einer ganz stattlichen Zahl Reisender passiert werden, welche aus dem Westen über Weston nach Bristol wollten. Die Bande konnte sie doch nicht beständig überwachen. Warum mochten sie gerade in dieser besondern Nacht eine Falle darauf gestellt haben? Die Schmuggler waren zwar eine gesetz- und zügellose Bande, aber sie ließen sich im allgemeinen doch nicht zu Wegelagerei und gemeinem Diebstahl herab. So lange man ihnen nicht in die Quere kam, griffen sie kaum je friedliche Reisende an. Warum also hatten sie es auf mich abgesehen, der ich ihnen doch nichts zu leide gethan hatte? War es möglich, daß ich verraten war? Ich wälzte noch alle diese Fragen in mir herum, als wir plötzlich zum Stillstand kamen und der Kapitän einen gellenden Pfiff auf einer Pfeife that, die er um den Hals trug.

Unser Halteplatz war die dunkelste und wildeste Stelle der ganzen wilden Schlucht. Auf beiden Seiten wölbten sich himmelhohe Felswände über unsern Häuptern zusammen, Farrenkräuter und Gestrüpp nickten über ihren Rand und verhinderten so fast ganz den nächtlichen Himmel, an dem nur wenig Sternlein blinkten, durch den schmalen Spalt oben hereinzuschauen. Gewaltige schwarze Felsstücke ragten in schattenhaften Umrissen aus dem Dunkel ringsum, und ein scheinbar undurchdringliches Dickicht von allerlei Gestrüpp versperrte vollständig den Weg. Auf einen zweiten Pfiff schimmerte ein Lichtschein durch das Buschwerk, und die ganze Masse drehte sich auf eine Seite, als ob sie in Angeln hinge. Dahinter führte ein dunkler gewundener Gang in den Berg hinein. Wir mußten gebückt gehen, denn die Felsendecke war ziemlich niedrig. Rings um uns her aber dröhnte jetzt mächtiger Wogenprall, der Pulsschlag des Meeres.

Durch diesen Eingang, der mit großer Mühe durch das Felsgestein gehauen sein mußte, gelangten wir in eine hohe, geräumige Höhle. Darin brannte ein helles Feuer in einer Ecke, und an den Wänden steckten mehrere Fackeln. Bei dem rauchigen gelben Licht bemerkte ich an der mindestens fünfzig Fuß hohen Wölbung lange Stalaktiten, die im Feuerschein glitzerten und funkelten. Auf dem Boden lag feiner Sand, so dick und weich wie der schönste Wiltoner Teppich, und da er schräg abfallend sich senkte, schloß ich, daß die Höhle nach dem Meere zu eine Öffnung habe. Das hier deutlich vernehmbare Klatschen und Plätschern der Wellen und ein kühler, salzhaltiger Luftzug bestätigten meine Vermutung. Das Wasser war aber nicht sichtbar, denn eine scharfe Ecke der gegenüberliegenden Felswand versperrte die Aussicht.

In diesem natürlichen Kellerraum, welcher sechzig Schritt Länge und dreißig Schritt Breite messen mochte, lagerten hochgeschichtet mächtige Tonnen, Fässer und Kisten. Auf dem Sande waren eine Menge Musketen, Waidmesser, Knotenstöcke umhergestreut. Das aufgetürmte Holzfeuer loderte lustig empor, warf lange Schatten auf die Wände und zauberte Tausende von Diamanten an den Krystallen der Decke hervor. Der Rauch fand durch eine Felsspalte freien Abzug. Rings um das Feuer saßen oder lagerten auf Kästen oder am Boden sieben oder acht andre Banditen, welche bei unserm Eintritt aufsprangen und uns aufgeregt entgegeneilten.

»Habt ihr ihn gekriegt?« riefen sie durcheinander.

»Ist er wirklich gekommen?«

»Hat er noch Spießgesellen bei sich?«

»Wir bringen ihn, aber ihn allein,« antwortete der Hauptmann. »Unser Tau streifte ihn vom Pferde 'runter so akkurat und säuberlich, wie das Netz des Klippenfischers eine Möwe erwischt. Was habt ihr denn geschafft, während wir fort waren, Silas?«

»Alles ist fertig verpackt,« sagte der Angeredete, ein stämmiger, wetterharter Matrose in mittleren Jahren. »Diese viereckigen, in Sackleinewand genähten Kisten enthalten Spitzen und Seiden. Die eine habe ich mit ›Garn‹ und die andre mit ›Jute‹ gezeichnet, 's werden so für tausend Pfund Kanten sein und für hundert Pfund von dem blanken Zeug. Gerade eine Maultierladung. Der Branntwein, Schnaps, Schiedamer und Danziger Goldwasser, alle sind ordentlich und jedes besonders verpackt. Der Tabak steht in den flachen Schachteln da drüben beim Schwarzen Sprung. Die Herschlepperei war verdammt mühselig, aber da steht's nun fix und fertig aufgestapelt, und der Kutter tanzt auf dem Wasser wie eine leere Milchschüssel. Er hat kaum Ballast genug, um es mit einer Fünfknotenbrise aufzunehmen.«

»Die ›Fairy Queen‹ nicht in Sicht?« fragte der Schmugglerkapitän.

»Nein. Der lange Hans ist unten am Wasser auf Ausguck nach ihren Signallichtern. Wenn sie Kap Combe-Martin passiert hat, muß sie bei diesem Winde bald hier sein. Um Sonnenuntergang stand ein Segel zu Ost-Nord-Ost auf etwa zehn Meilen in See. Kann sein, es war ein Schuner aus Bristol, vielleicht auch ein Königliches Eilboot.«

»Ein Königliches Schleichboot,« meinte Kapitän Murgatroyd verächtlich. »Wir können den Spürhund nicht eher hängen, als bis Venables mit der ›Fairy-Queen‹ hier ist, denn schließlich war's einer von seinen Maats, der abgemurkst worden ist. Er kann seine schmutzige Wäsche allein waschen.«

»Tausend Blitzen,« schrie der schuftige Holländer, »würde es nicht ein freundschaftlicher Gruß für Kapitän Venables sein, wenn wir den Kerl in den schwarzen Sprung hinab schubsten, noch ehe er ankäme? Ein andermal kann er uns vielleicht einen ähnlichen Gefallen thun.«

»Schwerenot, Mensch, hast du zu befehlen oder ich?« sagte der Anführer ärgerlich. »Bringt den Gefangenen ans Feuer. Hörst du, du Hund von einem Landhai, du bist so gewiß ein Mann des Todes, als ob du bereits im Sarge lägest mit Totenkerzen und Kränzen, das merke dir. Schau hierher« – er ergriff eine Fackel und beleuchtete damit einen breiten klaffenden Spalt im Boden am andern Ende der Höhle – »ich will dir eine Vorstellung von der Tiefe des schwarzen Sprunges geben!« Damit hob er eine leere Tonne und warf sie in den gähnenden Schlund.

Wohl zehn Atemzüge lang warteten wir schweigend und lauschend, dann verkündete ein dumpfes undeutliches Krachen, daß sie endlich den Grund erreicht hatte.

»Ehe er den letzten Atemzug thut, ist er bereits halbwegs zur Hölle,« meinte einer.

»Nun, es ist immer noch ein leichterer Tod, als der am Devizer Galgen,« rief ein andrer.

»Natürlich, der Galgen soll ihm nicht geschenkt werden!« brüllte ein dritter. »Hier wird er ja nur begraben!«

»Er hat noch nicht einmal den Mund aufgethan, seit wir ihn griffen,« sagte der Mann, der Dicon genannt worden war. »Ob er wohl sprechen kann? He, mein Wertester, probier 'mal, ob deine Zunge noch im stande ist, uns deinen Namen zu sagen? Freilich, dir wäre besser gewesen, stumm geboren zu sein. So hättst du unserm Kameraden nicht das Leben abschwören können!«

»Ich habe nur auf eine höfliche Frage gewartet,« sagte ich. »Ich heiße Micha Clarke. Und nun sagt mir gefälligst, wer ihr seid, und mit welchem Rechte ihr friedliche Reisende auf der öffentlichen Heerstraße überfallet?«

»Unser Recht ist hier,« erwiderte Murgatroyd und berührte seinen Schwertgriff. »Wer wir sind, kann Euch doch nicht unbekannt sein. Ihr aber heißt nicht Clarke, sondern Westhouse oder Waterhouse, und Ihr seid einer von den verfluchten Accise-Erhebern, der unsern armen Kameraden, den Küper Dick, ausgeschnüffelt und ihm dann in Ilchester durch Zeugeneid das Leben abgeschworen hat.«

»Ich schwöre, daß Ihr Euch irrt,« erwiderte ich. »Ich bin im ganzen Leben noch niemals in dieser Gegend gewesen.«

»Redensarten! Das kann jeder sagen!« rief ein andrer Schmuggler.

»Steuererheber oder nicht, – baumeln mußt du doch, da du jetzt das Geheimnis unsrer Höhle kennst.«

»Euer Geheimnis ist sicher bei mir,« versetzte ich. »Wollt ihr mich trotzdem ermorden, so werde ich in den Tod gehn wie ein Soldat. Freilich wäre ich lieber auf dem Schlachtfelde gestorben, als im Bau eines solchen Wasserratten-Lumpenpacks umzukommen.«

»Auf Ehre!« sagte Murgatroyd, »das sind zu hohe Worte für einen Steuerspieker. Es wäre möglich, daß sich ein Falk in der Schlinge gefangen hat, die wir der Eule legten. Aber doch – wir hatten ja ganz sichere Nachricht, daß er dieses Wegs reiten würde – auch das Pferd stimmte zu der Beschreibung.«

»Ruft den langen Hans herauf,« schlug der Holländer vor. »Auf das Wort des Schelmen gebe ich auch nicht ein Priemchen Trinidado-Knaster. Der lange Hans war beim Küper Dick, als sie ihn fingen.«

»Ist richtig,« grunzte der Bootsmann Silas. »Er kriegte eins übern Arm mit des Spiekers Froschkike. Der wird ihn schon wiedererkennen!«

»So ruft ihn her,« entschied Murgatroyd, und bald darauf tauchte ein langer, starkknochiger Seemann an der Höhlenöffnung auf, der am Strande Wache gehalten hatte. Er trug ein rotes Tuch um die Stirn und einen blauen Kittel, dessen Ärmel er im Näherkommen langsam aufkrempelte.

»Wo ist der Spieker Westhouse?« rief er. »Er hat meinen Arm gezeichnet. Hängen will ich, wenn die Schramme schon verheilt ist. Diesmal sind wir auf der Sonnenseite, du Steuerschinder! Aber halloh! Jungens, wen habt ihr denn da in Eisen gelegt? Das ist ja doch unser Mann nicht!«

»Nicht unser Mann?« brüllte es zurück mit einer ganzen Salve von Flüchen.

»Ei der Tausend, aus dem hier könnt' ihr zwei so'ne Kerls machen wie den Spieker, und dann wäre noch genug übrig für 'nen Stadtschreiber. Ihr könnt ihn natürlich Sicherheitswegen hängen, aber unser Mann ist er nicht.«

»Ja, ja, hängt ihn auf!« rief der Holländer Peter. »Sapperment! Soll unsre Höhle zum Klatsch des ganzen Landes werden? Wo soll dann nachher unsre hübsche Maria anlegen mit ihrem Sammet, ihrer Seide und all ihren Tonnen und Kisten? Sollen wir um dieses Kerls willen unsre Höhle preisgeben? Zudem, hat er mir nicht den Kopf zerschlagen – den Kopf eures Küpers zerschlagen – als ob er mit meinem schwersten Hammer gehauen hätte? Verdient er dafür nicht den hanfnen Kragen?«

»Vielmehr 'ne Bowle Rumpunsch!« rief Dicon. »Nichts für ungut, Kapitän – aber ich wollte nur vermelden, daß wir nicht Räuber und Mörder sind, sondern ehrliche Matrosen, die keinem was zu leide thun, der ihnen nichts thut. Der Accisenbeamte Westhouse hat den Küper Dick umgebracht, deshalb ist es recht und billig, daß er das an Leib und Leben büßt. Dem jungen Soldaten hier aber ans Leben gehn, das thät' ich ebenso gern, als die flinke Maria in den Grund bohren oder den Jolly Roger (Seeräuberflagge) auf ihre Gaffel hissen.«

Welche Antwort auf diese Rede erfolgt wäre, blieb unentschieden, denn ein heller Pfiff ertönte vor der Höhle, und zwei Schmuggler schleppten einen Toten herein. Ich hielt ihn wenigstens anfangs dafür, weil er so schlaff zwischen ihnen hing; als sie ihn aber zu Boden warfen, regte er sich und rappelte sich in eine sitzende Stellung. Dabei stierte er um sich, als ob er noch halb von einer Ohnmacht umfangen wäre. Er war ein vierschrötiger Mann mit einem Bulldoggengesicht, über dessen eine Seite eine lange weiße Narbe lief, und der in einen eng anschließenden, mit blanken Knöpfen besetzten blauen Tuchrock gekleidet war.

»Das ist Zöllner Westhouse!« rief ein Chor von Stimmen.

»Ja, freilich bin ich Zöllner Westhouse,« sagte der Mann mit großer Fassung, dabei warf er den Kopf im Nacken hin und her, als ob er ihm schmerze. »Ich repräsentiere hier die Justiz des Königs und arretiere euch im Namen des Gesetzes. Ich erkläre all die aufgestapelten Waren um mich her für Kontrebande, die konfisciert und verfallen ist nach Nr. II des ersten Paragraphen über unrechtmäßigen Handel. Sollten in dieser Versammlung ehrliche Männer sein, so fordere ich sie auf, mir bei der Ausübung meiner Pflicht zu helfen.«

Er taumelte auf seine Füße, während er sprach, aber sein Geist war williger als sein Fleisch. Er sank wieder auf den Sand zurück unter dem wiehernden Gelächter der rohen Matrosen.

»Wir fanden ihn auf der Landstraße liegen, als wir von Papa Mykroft zurückkehrten,« meldete einer der beiden Ankömmlinge. Es waren die Männer, welche vorhin mein Pferd fortgeführt hatten. »Er muß gleich gekommen sein, nachdem ihr weg waret. Der Strick hatte ihn unters Kinn gepackt und wohl ein Dutzend Schritt weit geschleudert. Wir sahen die Steuerknöpfe an seinem Rock und nahmen ihn deshalb mit. Du meine Zeit! hat der gestrampelt und um sich gestoßen, trotzdem er dreiviertel weg war.«

»Habt ihr den Strick los gemacht?« fragte der Hauptmann.

»Wir machten ein Ende los und ließen ihn hängen.«

»Schön! Wir müssen ihn für Kapitän Venables aufheben. Nun aber zu unserm andern Gefangenen: wir müssen ihn durchsuchen und seine Papiere nachsehn, denn heutzutage segeln so viele Schiffe unter falscher Flagge, daß man vorsichtig sein muß. Hört mal, Herr Soldat! Was führt Euch her, und welchem Könige dient Ihr? denn ich habe so etwas von einer Meuterei verlauten gehört, und daß zwei Reeder auf das alte britische Schiff Anspruch erheben.«

»Ich diene unter König Monmouth,« antwortete ich ohne Zögern, da ich einsah, daß sie bei der beabsichtigten Untersuchung doch meine Papiere finden mußten.

»Unter König Monmouth!« rief der Schmuggler. »Ei ei, Freundchen, das klingt falsch. Der gute König braucht, heißt es, seine Freunde dort unten zu nötig, um einen starken, kräftigen Soldaten an der Küste rumbummeln zu lassen, als ob er ein schiffsbrüchiger Cornwalliser in einem Südweststurm wär'!«

»Ich überbringe eigenhändige Depeschen des Königs an Heinrich, Herzog von Beaufort, auf sein Schloß Badminton. Ihr werdet sie in meiner innern Brusttasche finden, aber ich bitte Euch, erbrecht die Siegel nicht, damit ich nicht in den Ruf komme, ein unzuverlässiger Bote zu sein.«

»Herr,« rief der Steuerbeamte und hob sich ein wenig auf dem Ellenbogen, »ich arretiere Euch hiermit als Hochverräter, als Aufreizer zum Hochverrat, als Vagabunden und als rechtlosen Mann im Sinne des vierten Paragraphen des Krongesetzes. Als Gerichtsperson fordere ich Euch auf, meiner Verhaftung Folge zu leisten.«

»Stopf ihm das Maul mit deiner Schärpe, Jim,« befahl Murgatroyd. »Venables wird nachher wohl noch ein andres Mittel finden, dem Quatsch ein Ende zu machen. Ja«, fuhr er fort und besah den Umschlag der Papiere, »der Brief ist, wie Ihr sagt, von: ›Jakob II. von England, bisher bekannt unter dem Namen Herzog von Monmouth, an Heinrich, Herzog von Beaufort, den Präsidenten von Wales, durch Hauptmann Micha Clarke von Saxons Wiltshire Infanterie-Regiment.‹ Mach die Riemen los, Dicon. Nun seid Ihr wieder ein freier Mann, Hauptmann Clarke, und es thut mir leid, daß wir Euch wider willen Schaden zugefügt haben. Wir sind alle Mann gute Lutheraner und wollen Euch von Herzen gern bei Eurer Sendung fördern und nicht hindern.«

»Könnten wir ihn nicht wirklich weiter befördern?« sagte der Bootsmann Silas. – »Mir kommt's auf eine nasse Jacke und Teerhände nicht an für die gute Sache, und ihr andern denkt gewiß ebenso. Wie wär's, wenn wir mit dieser günstigen Brise nach Bristol segelten und den Hauptmann morgen ans Land setzten? Dann wäre er sicher, daß kein Landhai auf der Landstraße ihn aufschnappte.«

»Ja, ja,« stimmte der lange Hans bei. »Des Königs Reiterei streift bis hinter Weston, aber wenn er die Maria besteigt, dreht er ihnen eine Nase!«

»Einverstanden,« bestimmte Murgatroyd. »Wir können zurück treideln. Venables wird reichlich einen Tag und mehr brauchen, um seine Ladung auszuschiffen. Wollen wir miteinander zurücksegeln, so bleibt uns Zeit genug. Ist Euch der Plan genehm, Hauptmann?«

»Ja, aber mein Pferd?« wandte ich ein.

»Das hindert nicht. Ich kann einen paßlichen Pferdestall herrichten mit den vorrätigen Raaen und Gittern. Der Wind hat sich gelegt. Der Lugger kann nach der Totmannsklippe gebracht und das Pferd hinaufgeführt werden. Lauf zum Papa Jim! Silas, du machst das Boot fertig. Hier ist etwas Wurst und Schiffszwieback – Schifferkost, Hauptmann Clarke – und ein Gläschen echten Jamaikarum zum Runterspülen. Hoffentlich verschmäht Euer Magen nicht so grobe Bewirtung.«

Ich setzte mich auf ein Fäßchen ans Feuer und streckte meine Glieder, die ganz steif geworden waren. Ein Matrose kühlte mir die Kopfwunde mit einem feuchten Tuche, ein zweiter stellte die Lebensmittel vor mich auf eine Kiste. Die übrige Bande hatte sich hinausbegeben um das Schiff segelfertig zu machen, mit Ausnahme von drei Mann, die bei dem unglücklichen Steuerbeamten Wache hielten. Er lag mit gekreuzten Armen, den Rücken gegen die Felswand gelehnt, und warf den Schmugglern, die er scharf beobachtete, von Zeit zu Zeit drohende Blicke zu. So mochte ein tapferer alter Jagdhund ein Rudel Wölfe anschauen, die ihn niedergerissen haben. Ich überlegte gerade, was wohl geschehen könnte, um ihm zu helfen, als Murgatroyd zurückkehrte, einen blechernen Becher in das offene Rumfaß tauchte und ihn auf das Gelingen meiner Sendung hinunterstürzte.

»Ich werde Euch Silas Bolitho mitgeben,« sagte er dann, »während ich hier bleibe, um Venables abzuwarten, der mein Consortschiff befehligt. Wenn ich im stande wäre, Euch irgendwie für die erlittne üble Behandlung zu entschädigen« . . .

»Das könnt Ihr, Kapitän,« unterbrach ich ihn eifrig, »Fast noch mehr um Euret- als um meinetwillen bitte ich Euch darum. Gebt nicht zu, daß der unglückliche Mann dort ermordet wird!«

Murgatroyd wurde dunkelrot vor Zorn.

»Ihr sprecht sehr frei heraus, Hauptmann Clarke,« sagte er. »Das ist kein Mord! Es ist nur Gerechtigkeit. Wen schädigen wir denn? Es gibt weit und breit kein einziges altes Weib, die uns nicht dankbar wäre. Woher soll sie denn ihr bißchen Thee oder ihren Branntwein beziehen, wenn nicht von uns? Wir fordern wenig und nötigen niemand unsre Ware auf. Wir sind friedliche Kaufleute. Dieser Kerl und seine Helfershelfer bellen aber ewig hinter uns drein wie eine Herde Seehunde an einer Stockfischbank. Wir sind gehetzt und gepeinigt worden; sie haben auf uns geschossen, so daß wir endlich dazu getrieben wurden, uns in solchen Schlupfwinkeln, wie dieser, zu verkriechen. Es ist jetzt gerade ein Monat, da trugen vier unsrer Leute ein Faß Rum über den Berg für den Pächter Black, der schon fünf Jahre lang unser Kunde ist. Plötzlich überfällt sie ein Reitertrupp, geführt von eben diesem Zollwächter, haut und hackt mit den Schwertern drauf los, verwundet den langen Hans und nimmt den Küper Dick gefangen. Dick wurde in Ilchester in den Kerker geworfen und beim nächsten Schwurgericht aufgehängt, wie ein Wiesel vorm Forsthaus. Heute Nacht erfuhren wir, daß besagter Zollwächter hier des Wegs kommen würde, ohne Ahnung, daß wir auf ihn paßten. Ist's da ein Wunder, daß wir ihm eine Schlinge legten, und daß wir, da er sich darin gefangen, dieselbe Justiz an ihm üben, die er an unserm Kameraden geübt hat?«

»Er ist ja aber nur ein Werkzeug!« entschuldigte ich. »Er hat das Gesetz nicht gemacht. Es ist aber seine Pflicht, über seine Ausführung zu wachen. Ihr müßt das Gesetz anklagen, nicht ihn.«

»Da habt Ihr recht,« sagte der Schmuggler düster. »Mit Richter Moorcroft haben wir die Hauptrechnung zu begleichen. Vielleicht kommt er bei einer Gerichtsreise auch mal hier vorbei. Gott geb's! Aber der Zollwächter muß doch hängen. Er kennt jetzt unsre Höhle; es wäre Wahnsinn, ihn laufen zu lassen.«

Ich sah ein, daß alles weitere Reden vergeblich sein würde, und begnügte mich damit, mein Messer wie von ungefähr im Bereich des Gefangenen fallen zu lassen, in der Hoffnung, es möchte ihm nützlich werden können. Seine Wächter lachten und schwatzten zusammen und gaben wenig acht auf ihn. Der Mann selbst paßte aber scharf auf, denn ich sah, wie er die Hand darauf legte und sie dann darum schloß.

Ich mochte wohl eine Stunde rauchend auf und ab gegangen sein, als Silas, der Bootsmann, erschien und mir mitteilte, daß das Schiff segelfertig und das Pferd an Bord sei. Beim Abschied von Murgatroyd wagte ich noch einmal ein gutes Wort für den Gefangenen einzulegen, das aber mit Stirnrunzeln und Kopfschütteln aufgenommen wurde. Das Boot lag auf dem Sande noch innerhalb der Felsenkluft, dicht am Wasserrand. Ich stieg ein, wieder im Besitz meines treuen Schwertes und meiner Pistolen, die man mir zurückgegeben; die Mannschaft stieß den Kahn ab und sprang hinein, als der Kiel ins tiefe Wasser glitt.

Beim schwachen Schein der Fackel, die Murgatroyd emporhielt, gewahrte ich, wie die Höhle eine gewaltige Wölbung über dem schwarzen Gewässer bildete, die sich allmählich immer tiefer und abschüssiger hinabsenkte. Je näher wir, langsam rudernd, dem Ausgange kamen, desto niedriger wurde sie, bis schließlich nur noch ein Raum von wenigen Fuß zwischen dem Felsendach und dem Wasser blieb und wir uns bücken mußten, damit unsre Köpfe nicht an dem scharfen Gestein über uns zerschellten. Da legten sich die Matrosen plötzlich kräftig in die Riemen, und mit zwei starken Schlägen schoß das Boot unter dem Geklüft hervor an die freie Luft. Über uns flimmerten die Sterne hinter trübem Gewölk, und auch der Mond warf nur ein mattes, verschleiertes Licht durch die flatternden Nebeldünste.

Gerade vor uns sahen wir ein schwarzes, undeutliches Etwas, das beim Näherkommen die Umrisse eines großen Luggers annahm, der sich bei jedem Atemzuge des Meeres hob und senkte. Hoch über uns ragten die schlanken, feinen Spieren und das zierliche Spinngewebe des Tauwerks, als wir an seinem Spiegel dahinglitten, und das Knarren der Rollen und das Klappern der Stricke verkündete, er sei fix und fertig, um sofort die Reise antreten zu können. Das Schiff wiegte sich auf den Wellen leicht und anmutig wie ein riesiger Wasservogel, der einen schneeweißen Fittich nach dem andern entfaltet, ehe er sich zum Fluge erhebt. Die Matrosen trieben das Boot dicht heran und hielten es fest, während ich über Bord an Deck kletterte.

Das Schiff war sehr geräumig, mit breitem Deck, anmutig geschwungenem Bug und so hohen Masten, wie sie mir im Solent bei ähnlichen Fahrzeugen noch nicht vorgekommen waren. Das Vorderteil war mit einem Deck versehen, aber das Achterdeck lag sehr tief, und an der Brüstung ringsum waren Seile befestigt, um die Ballen und Tonnen zu verschnüren, die in dem Kielraum nicht mehr Platz hatten. Mitten auf diesem Hinterdeck hatten die Matrosen einen ganz handfesten kleinen Stall errichtet, darin stand mein gutes Roß und ein Eimer voll Hafer vor ihm. Mein alter Freund rieb seine Nase an meinem Gesicht, als ich ihn begrüßte, und wieherte vor Freuden, seinen Herrn wiederzusehen. Wir tauschten noch Liebkosungen, als der ergraute, struppige Kopf Silas Bolithos, des Bootsmannes, aus der Kajütenluke herausguckte.

»Wir sind jetzt glücklich unterwegs, Hauptmann Clarke,« meinte er. »Der Wind hat sich, wie Ihr seht, bis auf ein leises Lüftchen gelegt, da dauert's wohl noch 'ne gute Weile, bis wir in den Hafen einlaufen. Seid Ihr nicht schläfrig?«

»Ich bin ein bißchen müde,« gab ich zu, »der Kopf dröhnt mir noch von dem Puff, den er abkriegte, als mich Euer Seil aus dem Sattel hob und auf den Sand setzte.«

»Nach ein paar Stunden Schlaf werdet Ihr wieder so munter sein wie'n junger Sturmvogel,« tröstete der Schmuggler. »Ihr braucht Euch um Euren Gaul nicht zu sorgen, der ist gut aufgehoben. Ich werde einen Mann anstellen, der noch extra nach ihm sieht. Freilich wahr bleibt wahr, die Kerls verstehn von Leesegeln und Hallyards mehr, als von Rossen und deren Wartung. Es kann ihm aber wirklich nichts passieren, drum kommt nur getrost herunter und legt Euch aufs Ohr.«

Ich kletterte die steile Stiege hinab, welche in die niedrige Kajüte des Luggers führte. An jeder Wand war in einer Nische eine Lagerstatt hergerichtet.

»Das da ist Euer Bett,« sagte Silas und deutete auf eine der Kojen. »Wenn irgend was los ist, sollt Ihr geweckt werden.«

Ich wartete keine zweite Einladung ab, sondern warf mich angekleidet auf das Lager und sank augenblicklich in einen tiefen traumlosen Schlaf, welchen weder die leise Bewegung des Fahrzeugs, noch die schweren Tritte über meinem Kopfe zu stören vermochten.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.