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Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 23
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXII.

Nachrichten aus Havant

Nachdem ich angeordnet, daß Covenant mit Tagesanbruch gesattelt und gezäumt werden sollte, ging ich auf mein Zimmer und schickte mich zu einem langen Schlaf an, als Sir Gervas, der mit mir zusammen wohnte, hereintänzelte und ein Bündel Papiere über dem Kopf schwenkte.

»Ihr dürft dreimal raten, Clarke!« rief er. »Was hättet Ihr am liebsten?«

»Briefe aus Havant,« sagte ich schnell.

»Getroffen,« erwiderte er und warf sie mir in den Schoß. »Drei Stück, und nicht eine Damenhand darunter. Ich will gleich umfallen, wenn ich begreife, womit Ihr Euch Euer ganzes Leben lang beschäftigt habt:

Denn ohne Weib und Becherklang
Wird einem Zeit und Weile lang –

Ihr seid aber so in Eure Nachrichten vertieft, daß Ihr meine Verwandlung noch gar nicht bemerkt habt.«

»Ja wirklich! Wo in aller Welt habt Ihr das Zeug herbekommen?« fragte ich erstaunt, denn er trug einen zart pflaumfarbenen Anzug mit goldenen Knöpfen und Tressen; dazu seidene Strümpfe und zierliche Schuhe aus spanischem Leder mit großen Rosetten überm Spann.

»Das schmeckt mehr nach dem Hofe, als nach dem Feldlager,« schmunzelte Sir Gervas händereibend und besah sich vergnügt von oben bis unten. »Ich habe neuen Vorrat bekommen! Auch Ratasia und Orangenblütenwasser, ditto zwei neue Perücken – eine Stutz- und eine Gesellschaftsperücke, ditto ein Pfund ›Kaiserlichen‹ Schnupftabak – aus dem ›Schwarzen Mann‹ – ditto eine Dose von De Crepigny's Haarpuder, meinen Fuchsfellmuff nebst andern notwendigen Items. Aber ich störe Euch im Lesen.«

»Ich habe mich schon überzeugt, daß daheim alles gesund ist,« antwortete ich, nachdem ich meines Vaters Brief überflogen hatte. »Aber woher habt Ihr die Sachen bekommen?«

»Ein paar Berittene, die aus Petersfield kamen, brachten sie mit. Mein kleiner Koffer, den eine schöne Freundin in der Stadt für mich gepackt hatte, sollte nach Bristol gehen, wo ich mich, der allgemeinen Meinung nach, jetzt aufhalte. Ich würde auch dort sein, wenn mich mein guter Stern nicht unterwegs zu Euch und Euern Genossen geführt hätte. Der Koffer gelangte durch einen glücklichen Zufall in das Gasthaus von Bruton, und die gute Wirtin, deren Wohlwollen ich mir erworben hatte, fand Mittel und Wege, ihn mir nachzuschicken. Es gibt eine bewährte Regel, Clarke, die man auf der Pilgerfahrt durchs Erdenleben stets vor Augen haben muß – nämlich: man küsse stets die Wirtin! Leider habe ich nur wenige feste Grundsätze, an die ich mich binde, aber zwei gibt es doch, von denen ich aufrichtig behaupten kann, daß ich nie von ihnen abgewichen bin. Erstens führe ich stets einen Pfropfenzieher bei mir, und zweitens küsse ich stets die Wirtin.«

»Das glaube ich!« sagte ich lachend. »Wie ich Euch kenne, übernehme ich getrost die Bürgschaft für die treue Erfüllung dieser beiden Pflichten.«

»Ich habe auch Briefe bekommen« sagte er, setzte sich auf den Bettrand und untersuchte ein Bündel Papiere. ›Deine Araminta, der du das Herz gebrochen hast‹ . . . hm! das Mädel weiß noch nichts von meinem Ruin, die Kunde wird ihr Herz schleunigst wieder heilen. Was haben wir hier? Eine Wette auf meinen Vogel Julius gegen Lord Dorchesters Kampfhahn mit hundert Pfund Einsatz. Auf Ehre! dazu hab' ich nicht Zeit – ich wette hier auf den Königshahn Monmouth, und mein Einsatz ist Leib und Leben. Ein andrer fordert mich hier zur Hirschhatz im Eppingforst auf. Potz Blitz, wär' ich nicht längst über alle Berge, so wäre ich der Gehetzte und hätte eine Spürhundsmeute von Gerichtsvollziehern auf den Fersen! – Ein Mahnbrief von meinem Schneider! Dem Mann schadet die unbezahlte Rechnung nichts, er hat genug aus mir herausgeschlagen, um auf seine Kosten zu kommen. Der kleine Dicky Chichester bietet mir dreitausend Pfund an! Nein, nein, Dicky, das geht nicht! Ein Edelmann darf nicht bei seinen Freunden schmarotzen. Bin ihm aber deshalb nicht minder dankbar. – Was ist das? Von Mutter Butterworth! Seit drei Wochen kein Geld! Gerichtsvollzieher im Hause! Höll' und Teufel! das ist zu arg!«

»Was ist geschehn?« fragte ich, von meinen eignen Briefschaften aufblickend.

Des Baronets bleiches Gesicht hatte vor Wut ordentlich einen rosigen Anflug bekommen. Erregt, mit langen Schritten maß er das Schlafgemach und zerknitterte einen Brief in der Hand.

»Eine Schmach und Schande ist's, Clarke,« erwiderte er. »Hol's der Geier, ich opfere ihr meine Uhr. Sie ist von Tompion in den drei Kronen am St. Paulsplatz und hat einmal ihre hundert Pfund bar gekostet. Ich denke, sie wird genug herausschlagen können, um ein paar Monate davon zu leben. Mortimer soll mir vor die Klinge dafür! Ich werde ihm den Schurken mit der Schwertspitze auf die freche Stirn schreiben!«

»Bis heute habe ich Euch noch nie aufgebracht gesehn,« sagte ich.

»Nicht?« antwortete er schon wieder lachend. »Freilich viele, die mich jahrelang gekannt haben, könnten mir das Zeugnis geben, daß ich eine gute Portion Gleichmut besitze. Aber alles hat seine Grenzen. Was zu viel ist, ist zu viel. Sir Edward Mortimer ist ein Bruder meiner Mutter, aber so viel jünger, daß er nicht viel älter ist als ich. Von jeher war er ein wohlanständiger, manierlicher, zieraffiger Musterknabe, folglich hat er's auch zu was in der Welt gebracht und seinem Erbe Acker um Acker hinzugefügt in schriftgemäßer Weise. – In frühern Zeiten habe ich ihm oft genug unter die Arme gegriffen, meine Börse stand ihm stets offen – aber es dauerte nicht lang, da war er der reiche Mann! Alles was er gewann, hielt er zusammen, während meine Einnahmen zerrannen wie blauer Dunst – genau wie der Rauch Eurer Pfeife da zu Luft wird! Als mir die Erkenntnis aufdämmerte, daß ich ruiniert war, streckte mir Mortimer eine genügende Summe vor, um meine Überfahrt nach Virginien nebst einem Pferde und persönlicher Ausrüstung zu bestreiten. Er ging so bereitwillig auf meinen Wunsch ein, da nach Menschengedenken die Ländereien der Jeromes ihm einmal zufallen würden, wenn mir etwas zustößt. Daher war er gar nicht abgeneigt, mich möglichst schnell in die Region der Sumpffieber und der Skalpmesser zu spedieren. Nein, nicht doch, Clarke, schüttelt nicht mit dem Kopf, Ihr gute, unverdorbene Unschuld vom Lande, Ihr kennt nicht die Ränke der Welt!«

»Traut ihm das Beste zu, bis das Schlimmste bewiesen ist,« meinte ich.

Ich saß behaglich aufrecht im Bett und rauchte. Alle meine Briefe lagen ausgebreitet um mich her.

»Das Schlimmste ist bewiesen,« sagte Sir Gervas düster. »Ich hatte, wie gesagt, Mortimer zum öftern Beistand geleistet. Er hätte sich wohl daran erinnern können, auch ohne gemahnt zu werden, was ich weder für wohlanständig, noch meiner Würde gemäß hielt. Die Frau Butterworth, um die es sich hier handelt, ist meine alte Amme, und es war stets die Sache meiner Familie, für sie zu sorgen. Der Gedanke folterte mich beim Zusammenbruch meiner Verhältnisse, daß die alte Frau um die armselige wöchentliche Unterstützung kommen sollte, die sie vor Mangel schützte. Ich beschwor daher Mortimer um alter Zeiten und alter Freundschaft willen, er solle mir die einzige Bitte, die ich je an ihn gerichtet, gewähren und die Pension übernehmen. Ich gelobte, ihm alle Auslagen bei Heller und Pfennig wiederzuerstatten, wenn mal bessere Zeiten kämen. Die niedrige, gemeine Seele drückte mir die Hand und schwur, er wolle getreulich für die Alte sorgen. Was für ein nichtswürdiges Ding ist doch das Menschenherz, Clarke! Um solch einer geringfügigen Summe willen bricht ein reicher Mann sein Wort und gibt ein armes Weib dem Elende preis. Aber er soll mir Rechenschaft dafür geben. Der Bursche glaubt, ich schwimme auf dem Atlantischen Ocean! Wenn ich mit meinen braven Jungen in London einmarschiere, werde ich ein wenig Abwechselung in das gleichmäßig fließende Leben dieses Heiligen bringen. Unterdes werde ich mich an die Sonnenuhren halten und meine Uhr der Mutter Butterworth schicken. Wie steht's aber mit Euren Nachrichten? Eure Miene war abwechselnd, bald heiter, bald düster, wie ein Aprilmorgen.«

»Da ist zunächst ein Brief von meinem Vater mit einer kurzen Nachschrift von meiner Mutter,« erklärte ich. »Dieser hier ist von unserm Dorftischler, meinem lieben alten Freunde Zacharias Palmer. Der dritte kommt von Salomo Sprent, einem invaliden Matrosen, den ich sehr liebe und achte.«

»Da habt Ihr ja ein ganz kurioses Trio von Berichterstattern. Ich möchte Euren Vater kennen, Clarke. Nach allem, was Ihr von ihm erzählt, muß er ein Prachtexemplar eines alten englischen Eichbaums sein. Vorhin sprach ich von Eurem Mangel an Welt- und Menschenkenntnis, mag aber immerhin sein, daß auf Eurem Dorfe die Menschheit noch ohne Politur herumläuft und man daher mehr von den guten Seiten der Rasse gewahr wird. Aber poliert oder unpoliert, das Böse schimmert überall durch. Diese beiden, der Zimmermann und der Seemann zum Exempel, geben sich zweifellos, wie sie sind. Dagegen kann einer mit meinen Freunden aus der vornehmen Gesellschaft sein Leben lang verkehren, ohne je auf ihr wahres Ich zu stoßen. Höchst wahrscheinlich wäre man sehr enttäuscht, wenn einem die Jagd darauf gelänge. Donnerwetter, ich fange an zu philosophieren – das sichere Kennzeichen eines bankerotten Kavaliers! Fehlte nur noch, daß ich mir eine Tonne nach der Piazza in Covent Garden rollte, und der Diogenes von London ist fertig, wie er im Buche steht. Ich möchte nicht wieder reich werden, Micha! Wie geht doch gleich die Weise:

›Wir zahlen nicht Steu'r, denn wir haben kein Geld,
Wir brauchen nicht Schloß noch Riegel,
Wir fürchten nicht Diebstahl und Raub in der Welt,
Wir wohnen getrost unterm Himmelszelt,
Kein Gläubiger hält uns am Zügel,
Keine Drohung erschreckt, keine Hoffnung betrügt –
Der kann nicht mehr fallen, der unten liegt!‹

Die letzte Zeile wäre keine üble Inschrift für ein Armenhaus.«

»Ihr werdet's dahin bringen, daß Sir Stephan nächstens bei uns erscheint,« sagte ich warnend, denn er schmetterte aus voller Kehle.

»Ohne Sorge! Er und seine ganze Knappschaft hielten, als ich durch den Hausflur ging, ein großes Fechtturnier. Es lohnte wirklich der Mühe, dem alten Knaben zuzusehn, wie er aufstampft, sein Schwert überm Kopf schwingt und es mit einem lauten ›He!‹ niedersausen läßt. Jungfer Ruth sitzt mit Freund Lockarby im Tapetenzimmer. Sie spinnt und läßt sich von ihm aus einem der kurzweiligen Folianten vorlesen, deren Lektüre sie mir gleichfalls freundlichst empfahl. Mir scheint, sie geht auf seine Bekehrung aus. Das Ende vom Liede wird wohl sein, daß er sie bekehrt oder verwandelt aus einem Fräulein in eine Frau! – Also Ihr wollt zum Herzog von Beaufort reiten. Ich wollt', ich könnte mit, aber Saxon will nichts davon wissen; überdies ist meine erste Pflicht die Sorge für meine Musketiere. Gott bring Euch gesund wieder zurück! Wo habe ich mein Jasminpulver und die Schachtel mit den Schönpflästerchen? – Lest mir doch Eure Briefe vor, wenn etwas Interessantes drin steht. Ich habe eben mit unserm tapfern Oberst in der Schenke ein paar Flaschen ausgestochen, und er erzählte mir dabei so viel von Eurer Heimat Havant, daß ich gern weiter davon hörte.«

»Dieser Brief hier ist ziemlich ernst,« meinte ich.

»Thut nichts. Bin gerade in der Stimmung für etwas Ernstes. Schießt los, sollte auch die ganze platonische Philosophie drin enthalten sein.«

»Er ist von dem ehrwürdigen Zimmermann, der mir seit Jahren ein treuer Freund und Ratgeber ist. Der Mann ist fromm ohne Fanatismus, ein Philosoph, ohne sich sklavisch irgend einer bestimmten Schule unterzuordnen, gut, ohne schwach zu sein.«

»Ein Ausbund aller Tugenden!« rief Sir Gervas und bürstete sorgfältig seine Augenbrauen.

»So hört, was er sagt,« fuhr ich fort und las ihm denselben Brief vor, den ich hier für Euch, meine Kinder, abschreibe:

»Da ich von Deinem Vater erfuhr, mein lieber Junge, es wäre Aussicht vorhanden, Dir einen Brief durch Gelegenheit zu übermitteln, schreibe ich jetzt und sende das Schriftstück dem würdigen John Packingham aus Chichester, der nach Westen reist. Ich hoffe, Du hast ungefährdet Monmouths Heer erreicht und ein ehrenvolles Kommando darin erhalten. Du wirst unter Deinen Kameraden einerseits extreme Fanatiker, hinwiederum aber auch Spötter und Ungläubige finden. Laß Dir raten, mein lieber junger Freund, und meide sowohl die einen wie die andern. Denn der Zelot verteidigt nicht nur die eigne Religionsfreiheit – woran er recht thut, – sondern will auch andrer Leute Gewissen Gewalt anthun, womit er in denselben Irrtum verfällt, den er sonst bekämpft. Der bloße, gedankenlose Spötter anderseits steht noch unter dem Ochsen auf der Weide, da ihm die Selbstachtung und demütige Ergebenheit des Tieres mangeln . . .«

»Auf Ehre,« warf der Baron dazwischen, »der alte Biedermann hat eine scharfe Zunge am Leibe!«

»Die Religion muß daher den weitesten Spielraum haben, denn die ewige Wahrheit muß weiter sein, als der Mensch es fassen kann. Der Tisch vor Dir beweist das Dasein eines Zimmermanns, und das Weltall vor Dir beweist das Dasein eines Weltenschöpfers, gleichviel unter welchem Namen Du ihn Dir vorstellst. Bis dahin haben wir festen Grund unter den Füßen, brauchen keine Inspiration, kein Dogma oder sonst eine Stütze. Weil nun ein Weltenschöpfer vorhanden sein muß, so laß uns sein Wesen aus seinen Werken ergründen. Wir können nicht die Pracht des gestirnten Himmels, seine Unermeßlichkeit und Schönheit betrachten, oder die göttliche Kunst bewundern, die jeder Kreatur und jedem Gewächs Speise zu ihrer Zeit verordnet, ohne zu erkennen, daß er voller Weisheit, Verständigkeit und Macht ist. Merke wohl, wir sind noch immer auf sicherm Boden, haben niemand und nichts zu Hilfe gerufen, brauchen nur unsre gesunde Vernunft.

»So weit gekommen, wollen wir untersuchen, weshalb das Universum geschaffen und wir hinein versetzt worden. Die Natur um uns her antwortet: auf daß wir immer vollkommener werden, aufwärts streben, zunehmen und wachsen an wahrer Tugend, an Erkenntnis und aller Weisheit. Die Natur ist ein stiller Priester, der schweigend zu uns redet, der sowohl wochentags als am Sabbath predigt. Wir sehen die Eichel zur Eiche werden, das Ei zum Vögelchen, die Puppe zum Schmetterling. Wer sollte da zweifeln, daß auch die Menschenseele, das köstlichste aller Dinge, in einer Fortentwickelung begriffen ist? Und wie kann die Seele himmelwärts wachsen, außer durch sorgfältige Pflege der Tugend und Selbstbeherrschung? Gibt es einen andern Weg? Es gibt keinen. Wir erkennen daher mit Gewißheit, daß wir in diese Welt gesetzt sind, um zuzunehmen und zu wachsen an aller Erkenntnis und Tugend.

»Dies ist der Kern aller Religion; um ihn uns anzueignen, brauchen wir keinen Glauben. Er ist so wahr, und die Probe stimmt so genau, wie einer jener algebraischen Sätze, welche wir zusammen durchrechneten. Auf diesen allgemeinen Grund und Boden haben nun die Menschen die allerverschiedensten Gebäude aufgeführt. Der Dom der Christenheit, die Moschee des Islam, die Tempel der Orientalen, sie alle bergen als tiefstes Wesen ganz dasselbe. Der Unterschied liegt nur in der äußeren Form und manchen besonderen Nebendingen. Wir wollen an unserm teuerwerten christlichen Bekenntnis festhalten, dem erhabensten, oft bekannten und selten geübten Dogma der Barmherzigkeit, darum aber nicht unsre Mitmenschen verachten, denn wir sind alle Zweige desselben Baumes, und er wurzelt in der ewigen Wahrheit.

»Der Mensch wird aus dem Dunkel ans Licht geboren. Er wohnt darin eine Spanne Zeit und verschwindet wieder im Dunkel. Micha, mein Sohn, unsre Tage gehen schnell dahin, Deine so gut wie meine. Laß sie nicht ungenützt verrinnen. Sie sind gezählt und kurz bemessen. Wie sagt Petrarka? ›Dem Ankommenden scheint das Leben unendlich, dem Abreisenden ein kurzer Traum.‹ Jeder Tag und jede Stunde soll unsers Schöpfers Absicht an uns fördern helfen – alle Kräfte zum Guten, die in Dir schlummern, der Vollendung näher bringen. Was ist denn Schmerz, Arbeit, Kummer? Wolkenschatten, die an der Sonne vorüberziehen. Aber der Segen getreuer Pflichterfüllung ist nie vergeblich, sondern lebet in Ewigkeit. Ja, er wächst und nimmt zu im Laufe der Äonen. Halte nicht inne, um zu ruhen. Der Feierabend winkt, wenn der Werktag vorüber ist.

»Gott segne und behüte Dich! Neues wäre nicht sonderlich zu berichten. Die Garnison von Portsmouth ist abmarschiert nach dem Westen. Sir John Lawson, der Staatsanwalt, kam ins Dorf und bedrohte Deinen Vater und andre, konnte aber wenig ausrichten wegen mangelnder Beweise. Die Kirche und die Sekten liegen sich in den Haaren, wie gewöhnlich. Das steinerne Gesetz Moses ist wahrlich duldsamer als das milde Evangelium Christi. Gottbefohlen, mein lieber Sohn! Alle guten Wünsche Deines greisen Freundes geleiten Dich.

Zacharias Palmer.«

»Potz Fisch!« rief Sir Gervas, als ich den Brief zusammenlegte, »ich habe Stillingfleet und Tennison gehört, aber noch nie eine so gute Predigt vernommen. Das ist ja ein Bischof, der den Zimmermann spielt! Seine Hand sollte den Krummstab führen statt des Hobels. – Was schreibt denn aber unser nautischer Freund? Ist er wasserdichter Theologe, – ein Gottesgelehrter unter den Theerjacken?«

»Salomo Sprent ist wieder ein ganz andrer Mann, aber doch ganz gut auf seine Art. Ihr sollt ihn aus seinem Briefe kennen lernen:

»Meister Clarke, Herr, – als wir unsre letzte Fahrt zusammen machten, lief ich unter die Batterien, um ein Schiff loszuankern, während Ihr fix und fertig im Kanal lagt und auf Signale paßtet. Nachdem ich nun beilegte, um meine Prise auszubessern und übers Tau zu holen – sie war übrigens von der Mars bis zum Kiel sauber und schmuck – –«

»Was zum Teufel meint er eigentlich?« fragte Sir Gervas.

»Er spricht von einem Mädchen – Phoebe Dawson, der Schwester des Grobschmieds. In beinahe vierzig Jahren hat er kaum den Fuß an Land gesetzt und kann sich daher nur in diesem Marinejargon ausdrücken, bildet sich aber ein, er spräche ein so reines Englisch, wie nur einer in Hampshire.«

»Na, dann lest weiter,« lachte der Baronet.

»Nachdem ich ihr ferner die Kriegsartikel geziemend verlesen hatte, that ich ihr die Bedingungen, unter denen wir gemeinschaftlich durchs Leben segeln wollten, zu wissen:

»Erstens: Sie muß ohne Murren den Signalen gehorchen, sobald ich sie gebe.

»Zweitens: Sie muß nach meiner Gissung steuern.

»Drittens: Sie hat mir treulich beizustehn in gutem und schlechtem Wetter, in Schlacht und Schiffbruch.

»Viertens: Sie soll unter meinen Kanonen Deckung finden, wenn sie von Seeräubern, Pikkaruns, Privatieros oder Gardakostas angelaufen wird.

»Fünftens: Ich habe sie in gutem Stand zu halten, ab und zu aufs Trockendeck zu bringen und dafür zu sorgen, daß Anstrich, Flaggen und Wimpel reichlich erneuert werden, wie es einem flotten Lustbote wohl ansteht.

»Sechstens: Ich darf kein zweites Fahrzeug ins Schlepptau nehmen. Sollte eins vorhanden sein, so muß ich die Klüse kappen.

»Siebentens: Ich muß sie tagaus tagein frisch verproviantieren.

»Achtens: Bekommt sie ein Leck, oder wird sie von den Winden des Mißgeschicks so herumgeworfen, daß sie kentert, so muß ich zu ihr stehen, sie auspumpen und aufrichten lassen.

»Neuntens: Die protestantische Flagge muß während der ganzen Lebensreise auf unsrer Gaffel gehißt bleiben. Der Kurs muß nach dem großen Hafen gerichtet sein. Dort gibt's hoffentlich guten Ankergrund für zwei britische Barken, die in der Ewigkeit einlaufen.

»Es war beinahe acht Glas geworden, ehe die Artikel unterzeichnet und untersiegelt waren. Als ich nach Euch ausguckte, konnt' ich nicht mal mehr die Spitze Eures Marssegels gewahren. Bald darauf hörte ich denn, Ihr wäret unter die Soldaten gegangen im Kielwasser eines dürren, liederlichen, langspierigen Schiffes, das mir ganz wie ein Pirat vorkam, als ich es im Dorfe herumsegeln sah. Ich nehme es Euch krumm, daß Ihr nicht mal die Flagge gesenkt habt, ehe Ihr abzogt. Nun, vielleicht war die Flut gerade günstig, und Ihr durftet Euch nicht aufhalten. Wär' ich nicht abgetakelt, und wäre mir nicht eine Spiere weggeschossen, so hätte ich von Herzen gern mein Messer umgeschnallt und mitgemacht, um mir einmal wieder den Pulverdampf um die Nase wehen zu lassen. Ich glaube, ich thät's auch so, trotz Stelzfuß und allem, wäre da nicht mein neuer Maat. Der könnte das als einen Bruch der Artikel auffassen und abtreiben. Ich muß schon ihrem Oberdeckslicht folgen, bis wir Zweie eins geworden sind.

»Gehab Dich wohl, Maat! Kommt's zum Gefecht, so nimm Dir den Rat eines alten Seemanns zu Herzen: Haltet die Luvseite und entert! Sag das Deinem Admiral am Schlachttage. Flüstre es ihm ins Ohr. Sag ihm: Luvseits beilegen und entern! Sag ihm auch, er solle rasch losschlagen, feste zuschlagen und immerfort schlagen. Das war Christoph Mings Lieblingswort, und ein besserer Mann wie der ist nie vom Stapel gelaufen, obgleich er durch das Klüsenrohr herein kroch.

Dein gehorsamer Diener
Salomo Sprent.«

Während des Lesens hatte Sir Gervas mit dem Lachen gekämpft, jetzt brach er in ein helles Gelächter aus.

»Ob zu Land, ob zu Wasser, er hält dafür, daß alle Schlachten zu Schiff ausgefochten werden«, sagte der Baronet. »Schade, daß Ihr den weisen Rat nicht schon vor Monmouths Kriegsrat gehabt habt. Wenn er Euch aber je wieder um Eure Meinung fragt, so muß sie lauten: ›Die Luvseite halten und entern!‹«

»Jetzt muß ich aber schlafen,« sagte ich und legte meine Pfeife weg. »Mit Tagesgrauen soll ich aufbrechen.«

»Nein, bitte, wartet noch ein Weilchen! Krönt Eure Güte, und teilt mir etwas von Euerm verehrten Vater, dem Rundkopf, mit.«

»Er schreibt nur wenige Zeilen«, erwiderte ich, »wie er denn überhaupt nie viel Worte macht. Wenn sie Euch aber interessieren, sollt Ihr sie hören:

›Ich schicke Dir Nachfolgendes durch einen gottseligen Mann, geliebter Sohn, und hoffe zuversichtlich, Du führst Dich, wie es Dir geziemt. Wenn Gefahr und Trübsal Dich umgeben, so verlasse Dich nicht auf Deinen Verstand und Deine eigne Kraft, sondern hole Dir Hilfe von oben. Hast Du ein Kommando, so lehre Deine Mannschaft Psalmen, auf daß sie dieselben bei der Attacke anstimmen nach guter alter Sitte. Im Gefecht ist ein Stich dem Hieb vorzuziehn. Der Stoß pariert den Schlag am besten. Deine Mutter und alle andern grüßen. Sir John Lawson kam über uns, wie ein reißender Wolf, konnte mir aber nichts beweisen. John Marchbank aus Bedhampton ist ins Gefängnis geworfen. Wahrlich, der Antichrist regiert dieses Land, aber das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Kämpfe mutig für Recht und Gewissen.

Dein Dich liebender Vater
Joseph Clarke.‹

Postscriptum (von meiner Mutter): ›Ich hoffe, Du hast nicht vergessen, was ich Dir wegen Deiner Strümpfe sagte, auch nicht die breiten weißen Kragen, die Du in der Tasche finden wirst. Nicht viel mehr als eine Woche ist vergangen, seit Du von uns gingst, aber es scheint mir schon ein Jahr her zu sein. Wenn Du erkältet oder naß bist, so nimm zehn Tropfen von Daffys Elixir in einem Gläschen Branntwein. Wenn Dir die Füße wund werden, so schmiere Deine Stiefel inwendig mit Talg aus. Empfiehl mich Herrn Saxon und auch Herrn Lockarby, falls letzterer bei Dir ist. Sein Vater war wütend über sein Ausrücken. Er hat jetzt gerade ein großes Bräu im Gang und niemand bei der Hand, der ihm den Maischbottich versieht. Ruth hat einen Kuchen gebacken, aber der Ofen hat ihr einen Streich gespielt – er ist inwendig ganz klietschig. Tausend Küsse, mein Herzblatt, von Deiner Dich zärtlich liebenden Mutter M. C.‹«

»Ein sehr würdiges, verständiges Paar,« erklärte Sir Gervas, welcher mittlerweile seine Toilette beendet und sein Lager aufgesucht hatte. »Ich begreife jetzt, wie Ihr zustande gekommen seid, Clarke, sehe die Fäden, aus denen Ihr gewoben seid. Euer Vater sorgt für Euer geistliches Wohl, Eure Mutter kümmert sich um das leibliche. Aber Hand aufs Herz, nach den Predigten des alten Zimmermanns steht Euch zumeist der Sinn. Mensch, Ihr seid der reine Freidenker! Sir Stephan Timewell würde Euch verdonnern und Josua Pettigrue Euch ausstoßen aus der Gemeine. Doch blast nur jetzt das Licht aus, denn beim ersten Hahnenschrei müssen wir beide aufstehn!«

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