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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 20
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XIX.

Ein nächtlicher Krawall.

Decimus Saxon hatte Meister Timewells gastfreundliche Einladung, Dach und Kost mit ihm zu teilen, aus einem Grunde ausgeschlagen, den er mir später mitteilte. Der Bürgermeister war nämlich ein überzeugungstreuer Presbyterianer; deshalb fürchtete Saxon, wenn er zu vertraut mit ihm würde, es mit den Indepedenten und andern Extremen zu verderben. Von jetzt an, meine lieben Kinder, erwog und berechnete dieser schlaue Mann alle seine Worte und Werke und richtete sein ganzes Leben darauf ein, sich der Gunst der sektirerischen Schwärmer zu vergewissern, ja sie zu veranlassen, ihn als ihren Führer zu betrachten. Denn er war fest überzeugt, daß bei solchen Aufständen wie der, in welchen wir verwickelt waren, die extreme Partei stets die Oberhand gewinnt.

»Fanatismus,« sagte er einmal zu mir, »bedeutet brünstigen Eifer, und brünstiger Eifer bedeutet schwere Arbeit, und schwere Arbeit gibt Macht.«

Das war der Angelpunkt all seines Ränke- und Plänemachens.

Zunächst setzte er alles daran, um zu zeigen, was für ein ausgezeichneter Kriegsmann er war. Man muß es ihm lassen, daß er dabei weder Zeit noch Mühe sparte. Von Morgen früh bis an den Mittag, und vom Mittag bis Sonnenuntergang drillten und drillten wir, bis uns das Kommandorufen und das Waffengerassel beinahe das Trommelfell sprengte. Die guten Bürger mußten nachgerade zu der Ansicht kommen, Oberst Saxons Wiltshirer Regiment gehöre ebenso zum Marktplatz wie das Stadtkreuz oder der Pranger. In der sehr kurzen Zeit war so viel einzuüben, daß viele es als hoffnungslos aufgegeben haben würden. Da war nicht nur das Exercitium des ganzen Regiments, sondern jeder von uns hatte seine Kompagnie nach dem speciellen Reglement auszubilden, das ihre eigentümliche Waffe erforderte. Daneben mußten wir uns noch die Namen unsrer Leute einprägen und nach besten Kräften für ihre Bedürfnisse sorgen. Das Bewußtsein, daß unsre Arbeit nicht vergeblich sei, erleichterte und versüßte sie indes. Mit jedem neuen Antreten hielten sich unsre Bauerntölpel strammer und handhabten ihre Waffen geschickter. Vom Hahnenschrei bis zum Abendrot hallten die Straßen wieder von dem Ruf:

»Gewehr auf! Gewehr ab! Gewehr in Anschlag! Drückt los!« und was der übrigen Befehle des alten Exercitiums mehr waren.

Je vollkommner unsre soldatische Ausbildung wurde, um so zahlreicher wurden wir auch, denn unsre schneidige Haltung lockte die Elite aller neuen Ankömmlinge in unser Regiment. Meine Kompagnie wuchs dergestalt, daß sie geteilt werden mußte, und die andern vergrößerten sich im gleichen Verhältnis. Die Musketiere des Barons waren hundert Mann stark und bereits wohl vertraut mit ihren Schußwaffen. Im ganzen waren wir von dreihundert auf vierhundertfünfzig gekommen, und unsre Ausbildung machte so glänzende Fortschritte, daß man uns weit und breit ob der vorzüglichen Disziplin und Dressur unsrer Leute rühmte.

Spät abends ritt ich langsam nach Meister Timewells Hause zurück, als Ruben hinter mir her klapperte und mich überredete, mit ihm umzukehren, um eine Sehenswürdigkeit in Augenschein zu nehmen. Obgleich gar nicht in der Stimmung für derlei Alfanzereien, wandte ich ihm zu liebe meinen Covenant und ritt die ganze Hauptstraße hinab bis zur Vorstadt Shuttern. Hier hielt mein Freund vor einem kahlen scheunenartigen Gebäude und flüsterte mir zu, ich solle durchs Fenster hinein blicken.

Der einzige lange Raum des Schuppens, in welchem bisher Wolle aufgestapelt gewesen war, strahlte im Licht vieler Lampen und Kerzen. Eine große Menge Männer, die teils zu meiner, teils zu Rubens Kompagnie gehörten, standen und saßen an den Wänden entlang; einige rauchten, andre beteten, viele putzten ihre Waffen. Durch die ganze Länge des Raumes war in der Mitte eine Reihe Bänke hintereinander aufgestellt. Darauf saßen rittlings alle hundert Musketiere des Baronets, und jeder flocht das Haar seines Vordermanns in einen strammen Zopf. Ein Junge trug einen Topf Pomade hin und her und mit dieser nebst etwas Peitschenschnur ging die Arbeit munter von statten. Sir Gervas selbst, ein großes Mehlsieb auf den Knien, hockte auf einem Wollenballen, von dem aus er die ganze Reihe überblicken konnte. Sobald nun ein Zopf fertig war, beäugelte er ihn durch sein Lorgnon und puderte ihn, wenn er Gnade vor seinen Augen fand, mit seinem Siebe so sorgfältig und andächtig, als handle es sich dabei um eine kirchliche Ceremonie. Ein Chef der Küche kann beim Anrichten einer Pastete seine Gewürze nicht mit größerer Behutsamkeit und Bedachtsamkeit verteilen, als unser Freund beim Weißbestäuben der Köpfe seiner Kompagnie entwickelte. Als er einmal von seiner ernsten Arbeit aufschaute, fiel sein Blick auf unsre lachenden Gesichter, die ihm durch das Fenster zusahen; seine Arbeit war aber zu wichtig, um unterbrochen zu werden, und wir ritten schließlich von dannen, ohne ihn gesprochen zu haben.

Mittlerweile war die Stadt sehr öde und still geworden, denn die Leute gingen hierzulande früh zu Bett, wenn nicht gerade eine außergewöhnliche Begebenheit sie auf den Beinen hielt. Langsam ritten wir selbander durch die schweigenden Straßen, die Hufe unsrer Pferde klangen laut und hell auf den Pflastersteinen, und wir unterhielten uns von den nichtigen Dingen, die das Interesse der Jugend erregen. Der Mond schien hell auf uns hernieder, versilberte die breiten Straßen und malte die Türme und Türmchen der Kirchen in zierlichem Schattenrisse ab. Auf Meister Timewells Hofe sprang ich aus dem Sattel, aber Ruben stand so sehr im Banne der Sommernacht, daß er noch bis zum Stadtthor weiter reiten wollte.

Ich nestelte noch an meinen Gürtelschnallen, um den Harnisch ablegen zu können, als plötzlich von der Straße her Gelärm und Getöse und das Klirren von Schwertern laut wurde. Dazwischen vernahm ich meines Freundes Stimme, der mich zu Hilfe rief. Mit gezogenem Schwerte eilte ich hinaus. In geringer Entfernung war ein freier Platz, vom Mondlicht tageshell beleuchtet. Dort erblickte ich in der Mitte die stämmige Gestalt meines Gesellen. Er sprang so behende umher, wie ich es ihm nie zugetraut hätte, und parierte die Stöße und Hiebe von drei bis vier Männern, die hart auf ihn eindrangen. Am Boden lag eine dunkle Gestalt, und hinter den Kämpfenden bäumte sich Rubens Stute und schlug nach hinten und vorn aus, als fühle sie ihres Herrn Gefahr mit.

Als ich nun laut rufend und mit drohend geschwungenem Degen anstürmte, flohen die Angreifer in eine Seitengasse. Nur einer, ein hochgewachsener, kraftvoller Fechter stürzte sich auf Ruben, stieß wütend auf ihn ein und verwünschte ihn zugleich als einen Störenfried und Spielverderber. Zu meinem Entsetzen sah ich, wie die Klinge des Schurken durch meines Freundes Parade fuhr, der mit beiden Armen durch die Luft focht und rücklings niederstürzte, worauf der andre noch einmal zustieß und dann mit langen Sätzen eins der schmalen gewundenen Gäßchen erreichte, welche von der Oststraße zum Flußufer führen.

»Ums Himmels willen, wo bist du verwundet?« rief ich und warf mich neben dem regungslosen Körper nieder. »Wo fehlt es dir, Ruben?«

»Am Pust vornehmlich,« sagte er und keuchte wie ein Schmiedeblasebalg. »Auch der Hinterkopf thut mir weh. Gib mir, bitte, mal deine Hand.«

»Und bist du wahr und wahrhaftig unversehrt?« rief ich sehr erleichterten Herzens und half ihm wieder auf die Beine. »Ich dachte, der Schuft hätte dich durchbohrt!«

»Er hätte ebensoleicht einen Hummer mit einer Haarnadel durchbohren können,« meinte Ruben. »Gepriesen sei der treffliche Sir Jakob Clancing, weiland von Snellaby Hall, jetzt von der Salisburyheide! Sie haben mit ihren Rapieren bloß meine hiebfeste Rüstung zerschrammt. Was ist aber aus der Jungfrau geworden?«

»Aus der Jungfrau?« wiederholte ich erstaunt.

»Ja freilich. Ich zog vom Leder, um sie zu befreien. Die Strolche hatten sie angefallen. Sieh da, sie steht auf. Ich kam dazu, als sie das Mädchen eben hinwarfen.«

»Wie steht es um Euch, liebe Jungfer?« fragte ich; denn die hingestreckte Gestalt hatte sich erhoben, und zeigte die Formen eines jugendlich anmutigen weiblichen Wesens, dessen Antlitz aber durch die Kapuze des Mantels verhüllt war. »Hoffentlich ist Euch kein Leid geschehen?«

»Gar keins,« antwortete sie mit leiser, weicher Stimme, »aber daß dem so ist, verdanke ich der hilfsbereiten Tapferkeit Eures Freundes und der alles lenkenden Macht dessen, der den Rat der Gottlosen zunichte macht. Jeder Ehrenmann würde ja zweifellos einer bedrängten Dame seinen Schutz angedeihen lassen, dennoch gereicht es Euch vielleicht zur besondern Genugthuung, daß die, der Ihr beispranget, Euch keine Fremde ist.«

Bei diesen Worten schlug sie den Mantel zurück und wandte uns ihr hell vom Monde beschienenes Antlitz zu.

»Weiß Gott; es ist Jungfer Timewell!« rief ich überrascht.

»Kommt schnell nach Hause,« sagte sie rasch und bestimmt. »Die Nachbarn sind aufgescheucht, und binnen kurzem haben wir sie in hellen Haufen hier unten. Ich aber möchte dem Geschwätz aus dem Wege gehn.«

Wirklich erklang es schon ringsum von Fenstern, die geöffnet wurden, und laute Stimmen fragten, was denn los sei? Am andern Ende der Straße aber blinkten hin- und herschwankende Lichter auf, die von den Laternen in den Händen der Nachtwächter herrührten, die eilends auf uns zukamen. Wir schlüpften indes in den Schatten der Häuser und erreichten glücklich das Haus des Bürgermeisters ohne Zwischenfall und Hindernis.

»Ich hoffe, lieber Herr, Ihr habt wirtlich keinen Schaden gelitten,« sagte das junge Mädchen zu Ruben.

Dieser hatte keinen Laut von sich gegeben, seit sie ihr Gesicht enthüllte, und sah aus wie ein Mann, den ein lieblicher Traum umfängt, und der da fürchtet, sich zu rühren, um nicht daraus zu erwachen.

»Nein, nein, ich bin nicht im geringsten verletzt,« beeilte er sich jetzt zu erwidern, »aber könntet Ihr uns nicht vielleicht sagen, wer die schuftigen Strolche waren, und wo man sie finden könnte?«

»Behüte,« sagte sie und hob mahnend den Finger, »Ihr dürft diese Sache nicht weiter verfolgen. Was diese Männer anbetrifft, so kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, wer sie waren. Ich hatte heut abend die alte Muhme Clatworthy besucht, die das Wechselfieber hat, und auf dem Rückweg fielen sie mich an. Vielleicht sind's Leute, die meines Großvaters politische und religiöse Gesinnungen nicht teilen, und die durch mich ihn treffen wollten. Da ihr beide euch meiner so gütig angenommen habt, werdet ihr mir eine Bitte nicht abschlagen, die ich an euch richten möchte.«

Wir legten die Hand an den Schwertgriff und beteuerten feurig, daß wir gar nicht dazu im stande wären.

Sie lächelte über diese Gebärde und meinte: »Spart eure Schwerter für den heiligen Krieg des Herrn. Ich ersuche euch um nichts weiter, als daß ihr meinem Großvater nichts von diesem Abenteuer erzählt. Er ist jähzornig und wird trotz seiner Jahre bei ganz geringfügigen Dingen sehr heftig. Ich möchte nicht, daß seine Aufmerksamkeit von der großen Sache des Vaterlandes durch eine so unbedeutende persönliche Angelegenheit abgelenkt würde. Habe ich euer Versprechen?«

»Das meine habt Ihr,« sagte ich mit einer Verneigung.

»Auch das meine,« sagte Ruben.

»Habt Dank, lieben Freunde – o weh, ich habe meinen Handschuh auf der Straße verloren! Aber es thut nichts. Gott sei Dank, daß wir alle unversehrt geblieben! Noch einmal herzlichen Dank! Gute Nacht, und träumet süß!« Sie eilte die Stufen hinan und verschwand im Hause.

Ruben und ich sattelten unsre Pferde ab und versorgten sie stillschweigend. Dann gingen wir hinein und stiegen die Treppe hinauf bis zu unsern Zimmern, ohne ein Wort zu sagen. Oben vor seiner Thür blieb Ruben stehen.

»Die Stimme des langen Kerls hab' ich schon 'mal gehört, Micha,« sagte er.

»Ich auch,« erwiderte ich, »Der Alte sollte ein Auge haben auf seine Lehrlinge. Ich hätte fast Lust, noch 'mal umzukehren und nach dem Handschuh der Kleinen zu suchen.«

Es blitzte wie ein schelmischer Sonnenstrahl durch die Wolken, die auf Rubens Antlitz lagerten. Er öffnete seine linke Faust und wies mir in der hohlen Hand den etwas zerknüllten rehledernen Handschuh.

»Den gebe ich nicht um alles Gold in den Truhen ihres Großvaters,« rief er mit plötzlich aufflammender Glut. Dann verschwand er, halb verschämt und doch halb belustigt über seine eigne Hitze, blitzschnell hinter der Thür und überließ mich meinen Gedanken.

Auf diese Weise erfuhr ich, daß mein guter Kamerad von den Pfeilen des kleinen Gottes getroffen war. Bei einem Jüngling in seinem Alter kann die Liebe in einer einzigen Nacht mächtig wachsen und groß werden, wie der Kürbis des Jonas, davon uns die heilige Schrift berichtet. Ich müßte meine Geschichte schlecht erzählt haben, wenn ihr bisher noch nicht gemerkt haben solltet, welch ein offener, gutherziger, erregbarer Bursche mein Freund war. Nur selten behielt sein Kopf die Herrschaft über sein Herz. Solch ein Mann wird so unweigerlich von einem holdseligen Mägdlein angezogen, wie das Eisen vom Magnet. Er liebt, wie die Drossel singt, wie das Kätzchen spielt. Bei einem langsamen und schwerfälligen Gesellen, wie ich einer war, in dessen Adern das Blut von jeher kühl und gemessen floß, ist das anders: der verliebt sich Schritt vor Schritt, etwa wie beim Hineinwaten in einen Strom der Grund sich allmählich senkt und die Flut um einen höher und höher schwillt – dagegen ein Mensch wie Ruben strampelt jetzt noch trocken am Ufer und ist im nächsten Augenblick bis über die Ohren im tiefsten Strom.

Weiß der Himmel, woher der Funke kam, der den Flachs in Brand steckte? Ich kann nur berichten, daß mein Freund von Stund' an entweder todesbetrübt war, oder sich vor Fröhlichkeit nicht zu lassen wußte. Seine gleichmäßige gute Laune hatte ihn gänzlich verlassen, und er ging so wehleidig herum, wie ein mauserndes Huhn.

Mir ist dieser Zustand immer wie ein sehr sonderbares Symptom von der ersten Liebe Wonnezeit, wie die Poeten es nennen, vorgekommen. Freilich wohnen Schmerz und Freude in dieser Welt so dicht beieinander, daß sie sozusagen jedes in seinem Holzverschlage angebunden sind, und ein kräftiger Hufschlag die Scheidewand ohne weiteres zertrümmern würde.

Nehmt zum Beispiel einen Menschen, der so voller Seufzen ist wie eine Granate voll Pulver; seine Stirn ist gesenkt, sein Antlitz trübe, sein Sinn zerstreut. Bedauert ihn aber jemand wegen dieses beklagenswerten Zustandes, in dem er sich befindet, so versichert er zehn gegen eins, er möchte ihn nicht um alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit eintauschen! Thränen sind ihm edles Gold, das Lachen aber gemeine Scheidemünze.

Doch genug, meine Lieben, was soll ich weiter auseinandersetzen, was ich selbst nicht begreifen kann! Kommt es, wie man sagt, niemals vor, daß die Daumenabdrücke irgend welcher zwei Menschen ganz gleich sind, wie darf man da erwarten, daß ihre innersten Gedanken und Gefühle übereinstimmen sollten? Ich kann auch ganz bestimmt versichern, als ich um eure Großmutter warb, habe ich mich nicht so zum Narren gemacht, und mich nicht benommen wie der Hauptleidtragende beim Begräbnis. Sie wird mir bezeugen, daß ich lächelnd vor sie hintrat, – wenn auch, das will ich nicht leugnen, mit etwas Herzklopfen – und ihre Hand ergriff und sagte: – aber tausend noch mal, wohin verirre ich mich denn? Was geht das alles die Stadt Taunton und den Aufstand von 1685 an?

In der Nacht zu Mittwoch dem 17, Juni erfuhren wir, der König, wie Monmouth in den westlichen Distrikten allgemein genannt wurde, wäre kaum noch zehn Meilen entfernt und würde am folgenden Morgen mit seiner gesamten Streitmacht in die getreue Stadt Taunton einziehen. Nun könnt ihr euch denken, welche Vorbereitungen getroffen wurden, um ihm ein Willkommen zu bereiten, welches der vornehmsten Stadt der Whigs und der Protestanten in ganz England Ehre machte. Eine bereits fertige Ehrenpforte aus Laubgewinden am Westthor trug die Inschrift: »Willkommen, König Monmouth!« und eine zweite wölbte sich am Markt von den Oberfenstern des Weißen Hirschen bis zum gegenüberliegenden Eckhause mit den Worten: »Heil dem Haupte der Protestanten!« in riesigen scharlachroten Buchstaben. Auf eine dritte am äußeren Schloßthor besinne ich mich auch noch, aber die Inschrift darauf ist mir entfallen.

Tuch- und Wollwarenindustrie blühten in der Stadt, wie ich schon früher erwähnt habe, und die Kaufherren schonten ihre Fabrikate nicht, sondern spendeten davon freigiebig zur Ausschmückung der Straßen. Prächtige Gobelinstoffe, seidig glänzender Sammet, kostbarer Brokat wehten aus den Fenstern oder hingen von den Balkonen hernieder. Die Oststraße, die Hauptstraße und die Forestraße waren vom Boden bis zum Keller mit den auserlesensten, teuersten Stoffen drapiert. Bunte Fahnen wehten von den Dächern, oder verbanden über die Straße hinweg Haus mit Haus in schönen Gewinden. Das königliche Banner von England wehte auf dem luftigen Turm von St. Marie Magdalena, während Monmouths blaue Standarte von dem Schwesterturm von St. Jakob flatterte.

Bis spät in die Nacht hinein wurde gehobelt und gehämmert, genagelt und immer noch mehr Verzierungen angebracht, bis die Sonne, als sie am Donnerstag den 18. Juni emporstieg, einen so reichen und vielfarbigen Laub- und Blumen- und Wimpelschmuck beschien, wie er nur je eine Stadt geziert hat. Taunton schien durch Feenhände aus einer Stadt in einen Blumengarten verwandelt zu sein.

Meister Stephan Timewell hatte sich zwar an diesen Empfangsvorbereitungen beteiligt, dabei aber wohl erwogen, daß die beste Augenweide, welche er Monmouth verschaffen konnte, doch das große Corps Bewaffneter sei, welche bereit waren, seinem Stern zu folgen. Sechzehnhundert Mann lagen in der Stadt, darunter nicht weniger als zweihundert meist wohl ausgerüstete und berittene Kavalleristen. Sie wurden so aufgestellt, daß der König beim Einzug an ihnen vorbeikommen mußte. Die Städter standen drei Glieder tief auf dem Marktplatz, vom Schloßthor bis zur Hauptstraße. Von da ab bis nach Shuttern bildeten Landleute aus Frome und Dorsetshire Spalier, und unser Regiment nahm Aufstellung am Westthor. Kein Heerführer konnte eine bessere Verstärkung seiner Truppen wünschen, als diese strammen Leute mit den spiegelblank polierten Waffen und den grünen Reisern an der Mütze. Als jedermann an seinem Platze war und die Bürger mit ihren Frauen ihren Festtagsputz angelegt, und mit strahlenden Gesichtern und großen Körben voll frischer Blumen bereit standen, sie dem Erwarteten auf den Weg zu streuen, war alles fertig zum Empfang des königlichen Gastes.

»Meine Ordre lautet,« – sagte Saxon und ritt dicht an uns heran, denn wir hielten neben unsern Kompagnien, »ich und meine Hauptleute schließen uns dem Gefolge des Königs an, wenn er vorüberkommt, und geben ihm bis nach dem Markt das Geleit. Die Mannschaft präsentiert das Gewehr und bleibt bis zu unsrer Rückkehr stehen.«

Wir zogen alle drei den Degen und salutierten.

»Wenn ihr mich jetzt begleiten wollt, ihr Herren, und hier rechts vom Thor Posto fassen,« sagte er, »so kann ich euch vielleicht einige Erläuterungen über die einziehenden Fremden geben. Dreißig Kriegsjahre unter fremden Sonnen mögen einen wohl zum Meister seiner Kunst machen, der das Recht hat, seine Gesellen zu unterweisen.«

Wir befolgten seinen Rat mit Freuden und ritten durch das Thor, welches jetzt nichts als eine breite Lücke zwischen den Schutthaufen war, die an Stelle der ehemaligen Mauern die Stadt umgaben.

»Es ist noch nichts von ihnen zu sehen,« bemerkte ich, als wir auf einer solchen Anhöhe Halt machten. »Sie können doch nur auf dem Wege kommen, der sich hier vor uns durch das Thor schlängelt.«

»Es gibt zweierlei Arten schlechter Generale,« erklärte Saxon, »der eine kommt zu früh, der andre kommt zu spät. Sr. Majestät Ratgeber werden niemals zur ersten Kategorie gehören, was für Versehen sie auch sonst machen mögen. Nehmen wir den alten Feldmarschall Grünberg: ich habe im böhmischen Feldzug sechsundzwanzig Monate unter ihm gefochten. Der flog, hast du nicht gesehen, kopfüber, kopfunter durch das Land mit Kavallerie, Infanterie und Artillerie, als ob der Satan hinter ihm drein wäre. Er hielt den Feind beständig in Atem. Und wenn er fünfzig Dummheiten machte – der Gegner hatte nie Zeit, daraus Vorteil zu ziehen. Ich denke eben an den Streifzug durch Schlesien. Nach einem zweitägigen Eilmarsch über das Gebirge erklärte ihm sein Generalstabschef, die Artillerie könne unmöglich weiter mit. ›Hinten lassen!‹ sagte er. Die Kanonen blieben also zurück, und am nächsten Abend war die ganze Infanterie marode. ›Sie können keine tausend Schritt mehr marschieren,‹ demonstrierte der Oberhauptmann. ›Hinten lassen!‹ sagte er. Die Kavallerie jagte weiter – ich stand bei seinem Pandurenregiment und fühle meine Knochen noch! Nach ein paar Scharmützeln, bei den kolossalen Strapazen und manchen Verlusten waren unsre Pferde kaput und lahm geritten. ›Die Gäule sind zu Schanden!‹ meldete der Oberhauptmann. ›Hinten lassen!‹ brüllte er. Und er wäre zweifellos mit seinem Stabe nach Prag voran gestürmt, wenn man ihn nicht daran gehindert hätte. General ›Hintenlassen‹ nannten wir ihn seitdem.«

»Ein schneidiger Kommandeur,« rief Sir Gervas, »unter dem hätt' ich dienen mögen!«

»Jawohl! und er hatte so'ne Art, seine Rekruten zu dressieren, der unsre frommen Freunde hier im Westen keinen Geschmack abgewinnen würden,« fuhr Saxon fort. »Nach der Belagerung von Salzburg, als wir die Burg oder den festen Platz dieses Namens erstürmt hatten, da stießen ein paar tausend Mann Fußvolk zu uns, welche soeben für den kaiserlichen Dienst in Dalmatien angeworben waren. Als sie unter lustigem Fanfarengeschmetter und Tücherschwenken anrückten, ließ der alte Feldmarschall Hintenlassen sämtliche Geschütze auf den Wällen lösen. Die Salve streckte etwa sechzig Mann nieder und erregte eine wahre Panik unter den übrigen. ›Die Schelme müssen sich doch früher oder später an das Feuer gewöhnen,‹ meinte er, ›da fängt man ihre Erziehung je eher je lieber an.‹«

»Das war ein rauher Schulmeister,« bemerkte ich, »den Teil des Exercitiums hätte er aber lieber dem Feinde überlassen sollen.«

»Trotzdem liebten ihn seine Soldaten,« sagte Saxon. »Er war nicht der Mann, der bei der Erstürmung einer Stadt um Weibergequietsch eine Untersuchung anstellte, oder der jedem Pfeffersack, dessen Geldkasten ein bißchen leichter geworden war, sein Ohr geliehen hätte. Doch was nun die andern, die langsamen Feldherrn betrifft, so kam meines Wissens keiner dem Brigadier Baumgarten gleich, der ebenfalls in kaiserlichen Diensten stand. Er brach aus seinen Winterquartieren auf und faßte vor einer festen Stadt Posto. Gemächlich ließ er hier eine Schanze auswerfen, dort einen Minengang graben, bis seinen Soldaten übel wurde und ihnen die ganze Belagerung zum Halse herauskam vor Langerweile. Er spielte mit der Festung, wie die Katze mit der Maus. Wenn sie dann aber dicht am Kapitulieren war, konnte es geschehen, daß er die Belagerung aufhob und unverrichteter Sache in die Winterquartiere zurückmarschierte. Ich habe zwei Kampagnen unter ihm mitgemacht ohne Ruhm, ohne Einäscherung, Plünderung oder Accidenzien, mit einem lumpigen Stipendium von drei Gulden den Tag, das alle sechs Monate in beschnittener Münze postnumerando ausgezahlt wurde. Seht aber mal die Leute dort auf dem Turm! Sie schwenken schon die Tücher, als sähen sie was kommen!«

»Ich kann nichts sehen,« erwiderte ich und spähte, die Hand über den Augen, das baumreiche Thal entlang, das langsam mit grünen Anschwellungen zu den begrasten Matten der Blackdown-Berge emporstieg.

»Oben auf den Dächern machen sie Zeichen und winken,« sagte Ruben. »Mich deucht, ich sehe auch im Walde da drüben Waffen blitzen.«

»Richtig!« rief Saxon und reckte seine gepanzerte Hand aus, »dort sind sie, am westlichen Ufer des Tone, dicht an der hölzernen Brücke! Folgt meinem Finger, Clarke, gebt acht, ob Ihr sie nicht auch wahrnehmt.«

»Ja wirklich,« sagte ich, »ich kann einen hellen Schein unterscheiden, der vorkommt und verschwindet. Ja, und links, wo der Weg um den Hügel sich windet, – seht nur die ungeheure Menschenmenge! Ha! die Spitze der Kolonne kommt jetzt hinter den Bäumen hervor!«

Auch nicht ein Wölkchen stand am Himmel, aber die große Hitze hüllte das Thal in einen blendenden Dunst, der dicht über den Windungen des Flusses lagerte und in federartigen Ausläufern sich über den Wäldern kräuselte, die ihn umsäumten. Diese trüben Dunstschleier durchbrachen von Zeit zu Zeit glühende Funken glänzenden Lichtes, wenn die Sonnenstrahlen sich in Helm oder Harnisch brachen. Hin und wieder trug uns der leichte Sommerwind abgerissene Takte kriegerischer Musik zu, das gellende Schmettern der Trompeten und den dumpfen Wirbel der Trommeln. Vor unsern Augen entwickelte sich die Vorhut der Armee aus der Deckung der Bäume hervor und verdunkelte das weiße Band der staubigen Landstraße. Die lange Linie wuchs langsam, aber zusehends, und wand sich aus dem Walde heraus, wie eine schwarze Schlange mit schillernden Schuppen, bis endlich das ganze Rebellenheer – Reiter, Fußvolk und Geschütze – in dem Thale unter uns sichtbar wurde.

Die blitzenden Waffen, die zahlreichen flatternden Banner, die Federbüsche der Anführer, die langen Reihen der marschierenden Soldaten bildeten ein Gemälde, das die Herzen der Städter bis ins Innerste bewegte. Von den Dachfirsten und den trümmerhaften Überresten der eingerissenen Stadtmauern schauten sie nach den Glaubenshelden aus. Wenn schon der bloße Anblick eines vorbeimarschierenden Regiments eure Herzen schneller schlagen läßt, so könnt ihr euch vorstellen, wie's einem zu Mute ist, wenn die Soldaten, die an einem vorüberziehen, für die eignen teuersten und wertesten Interessen die Waffen tragen und soeben siegreich ein blutiges Treffen bestanden haben. War auch sonst jedermanns Hand wider uns, diese wenigstens waren für uns, und unsre Herzen schlugen ihnen entgegen als Freunden und Brüdern. Von allen Banden, die hienieden die Menschen vereinen, ist das Band der gemeinsamen Gefahr das stärkste.

Meinen unerfahrenen Augen erschien alles und jedes höchst imposant und kriegerisch. Als ich den langen Zug sah, kam mir unsre Sache wie schon gewonnen vor. Saxon indes schnob und prustete unwirsch vor sich hin, bis er endlich seinen Unwillen nicht länger zu unterdrücken vermochte und seinem brennenden Mißvergnügen Luft machte.

»Nein, seht euch 'mal bloß die Vorhut an, wie die den Abhang herabkommt!« rief er. »Wo ist denn irgendwo die Vorhut oder ›Vorreiter‹ wie es die Deutschen nennen? Wo ist der freie Raum, der stets zwischen der Vorhut und der eigentlichen Schlachtordnung bleiben soll? Beim Schwerte Scanderbegs! sie erinnern mich mehr an eine Horde Wallfahrer, wie ich sie zum Schrein des heiligen Sebaldus in Nürnberg pilgern sah mit ihren Bannern und Wimpeln, als an eine Armee! Der dort in der Mitte, umgeben von einer Kavalkade von Kavalieren reitet, ist zweifellos unser neuer Monarch. Ein Jammer, daß er auch nicht einen einzigen Mann um sich hat, der es vermöchte, diese wüste Bauernschar in Marschordnung zu bringen. Die vier Geschütze, die sich wie lahme Schafe mühsam hinter der Herde drein schleppen, sind wirklich sehenswert! Per bacco! Wär' ich doch ein junger königlicher Offizier mit einer Schwadron leichter Kavallerie auf jenem Bergrücken! Hei, wie wollt ich jenen Kreuzweg drüben 'runter sausen und wie der Falk auf eine Brut Kiebitze stoßen! Dann mit Hurra die Schnecken von Kanonieren niedergestochen, eine Pistolensalve zur Deckung abgefeuert, die Pferde rechtsum kehrt, und auf und davon mitsamt den Kanonen der Rebellen! Wie wäre das, Sir Gervas?«

»Ein netter Sport, Herr Oberst,« sagte der Baronet, und ein leichtes Rot stieg in sein blasses Gesicht. »Ich möchte wetten, Ihr habt Eure Panduren in Atem erhalten.«

»Das versteht sich! Da hieß es entweder – oder! Die Kerls mußten arbeiten oder baumeln! Kommt es mir nur so vor, oder sind unsre heranrückenden Freunde doch nicht so zahlreich, wie das Gerücht meinte? Ich schätze sie auf tausend Pferde und etwa fünftausendzweihundert Mann Fußvolk. Ich galt bei solchen Gelegenheiten für einen geschickten Taxator. Mit den fünfzehnhundert in der Stadt bringt uns das auf nahezu achttausend Mann. Gerade keine imponierende Macht, wenn es gilt, ein Königreich zu erobern und um eine Krone zu streiten!«

»Wenn schon allein der Westen achttausend aufgebracht hat, was können dann erst die übrigen Landschaften Englands zusammen genommen liefern?« fragte ich. »Sollten wir die Sache nicht lieber auf diese Weise betrachten?«

»Monmouth ist vorwiegend im Westen populär,« entgegnete Saxon, »und das hat ihn auch bewogen, seine Fahne in diesen Gegenden aufzupflanzen.«

»Sagt lieber, seine Fahnen,« warf Ruben ein, »es sieht ja aus, als hätten sie längs der ganzen Linie ihre Wäsche zum Trocknen aufgehängt!«

»Das ist wahr! Sie haben mehr Fahnen, als ich je bei einer so kleinen Truppe gesehen habe,« antwortete Saxon und hob sich in den Steigbügeln. »Ein paar sind blau, alle übrigen, soweit ich unterscheiden kann, – denn die Sonne blendet – sind weiß mit irgend einem Motto oder Spruche.«

Während unsrer Unterhaltung war der Reitertrupp, welcher den Vortrab der protestantischen Armee bildete, bis auf wenige tausend Schritt an die Stadt herangekommen. Ein lautes Hornsignal gebot plötzlich Halt. In jedem Regiment und jeder Schwadron wurde das Signal wiederholt, so daß der Ruf schnell die ganze lange Linie passierte, bis er in der Ferne verklang. Als so die lange Männerreihe sich auf dem weißen gewundenen Wege mit einer gewissen leise zitternden Bewegung formierte, die durch den schwankenden Heereskörper entlang lief, fiel mir wieder die Ähnlichkeit mit einer Riesenschlange auf.

»Man könnte an eine boa constrictor denken,« bemerkte ich, »die ihre Ringe um die Stadt zusammenzieht.«

»Sag lieber Klapperschlange,« lachte Ruben und zeigte nach den Kanonen im Hintertreffen. »Der ganze Lärm steckt im Schwanze.«

»Jetzt streckt sie den Kopf vor, wenn ich nicht sehr irre,« ergänzte Saxon. »Wir thäten besser, neben dem Thore zu halten.«

Während er sprach, hatte sich aus dem Haupttreffen eine Gruppe prächtig gekleideter Kavaliere losgelöst und sprengte auf die Stadt zu. Ihr Anführer war ein hochgewachsener, schlanker, eleganter junger Mann, der mit der vollendeten Anmut eines gewandten Reiters zu Pferde saß und sich vor seiner ganzen Umgebung durch vornehme Haltung und reiche Tracht hervorthat. Als er auf das Thor zu galoppierte, erhob sich ein förmlicher Willkommssturm aus der versammelten Volksmenge. Die hinten Stehenden nahmen den Ruf auf und pflanzten ihn fort, denn obwohl sie nichts von den Vorgängen draußen sehen konnten – die Hochrufe verkündeten ihnen die Ankunft des Königs.

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