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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 18
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XVII.

Die Versammlung auf dem Marktplatz.

Monmouth hatte die schöne Stadt Taunton noch nicht erreicht, dennoch war sie bereits der eigentliche Mittelpunkt der Rebellion. Der blühende Ort trieb einen sehr schwunghaften Woll- und Tuchhandel, der siebentausend Bürger beschäftigte, und stand an Rang und Einfluß nur noch Bristol, Norwich, Bath, Exeter, York, Worcester und Nottingham nach. Taunton war nicht nur wegen seiner wohlhabenden und tapfern Einwohner berühmt, sondern auch um der herrlichen, reichbebauten Landschaft willen, die es umgab und einen tüchtigen Bauernschlag erzeugte. Seit Menschengedenken war die Stadt der Hauptsitz der Partei der Freiheit gewesen. Lange Jahre schon hielt sie es in der Politik mit dem Republikanismus, in der Religion mit dem Puritanismus. Kein Ort im Königreich hatte standhafter zum Parlament gehalten. Zweimal belagerte Goring die Stadt, aber die Bürger wehrten sich unter Robert Blakes Führung so verzweifelt, daß die Royalisten sich beidemale beschämt zurückziehen mußten. Bei der letzten Belagerung hatte die Besatzung nur noch Hunde- und Pferdefleisch, aber weder sie noch der heldenmütige Kommandant dachten an Übergabe. Übrigens war es derselbe Blake, unter dem der alte Seemann Salomo Sprent gegen die Holländer gekämpft hatte.

Der Staatsrat hatte sich aber die Rolle, welche die gute Somersetshirer Stadt in den Bürgerkriegen gespielt hatte, wohl gemerkt; gleich nach der Restauration erfolgte eine Kabinettsordre, welche die Mauern der jungfräulichen Feste zu schleifen befahl. So zeugten denn zu der Zeit, von der ich rede, nur wüste Schutt- und Trümmerhaufen von den festen Werken, die von der vorigen Generation so standhaft verteidigt worden waren. Noch mancherlei andres erinnerte an jene stürmischen Zeitläufte. Die Häuser des Weichbildes trugen alle mehr oder minder Spuren eingeschlagener Bomben und Granaten an sich. Die ganze Stadt schaute grimmig und kriegerisch drein, gleich wie ein Veteran unter den Ortschaften, der nach langem Felddienst immer noch nicht abgeneigt ist, wieder einmal den Donner der Kanonen und das Knattern der Gewehre zu vernehmen.

Karls Staatsrat mochte immerhin die Bollwerke, die seine Soldaten nicht hatten erstürmen können, der Erde gleich machen, aber kein königliches Edikt konnte den mutigen Geist und die Überzeugungstreue der Bürger ausrotten. Viele von ihnen waren inmitten des Waffenlärms der Bürgerkriege geboren und erzogen worden. Von klein auf hatten sie begierig den Erzählungen von Kämpfen und Schlachten gelauscht, hatten vernommen, wie beim Sturm auf die große Bresche Lunsfords »Kinderfresser« vom starken Arm ihrer Väter in den Festungsgraben hinabgeschmettert wurden. So wuchs und gedieh in Taunton ein grimmer kriegerischer Sinn, wie er sonst in einer englischen Provinzialstadt nicht vorkommt. Eine auserlesene Schar nonkonformistischer Geistlicher, unter denen Josef Alleine der hervorragendste war, schürte die Flamme durch unermüdliche Ermahnungen. Kein besserer Sammelpunkt hätte für die Revolte gewählt werden können, denn keine andre Stadt hielt den gefährdeten Glauben und die gefährdete Freiheit so hoch und teuer.

Ein ansehnliches Bürgercorps war bereits zur Rebellenarmee gestoßen, aber eine beträchtliche Zahl war noch zur Deckung der Stadt zurückgeblieben. Sie erhielten Verstärkung durch Bauernbanden, gleich der, die sich uns angeschlossen, welche aus den umliegenden Dörfern herbeiströmten und nun ihre Zeit zwischen den Predigten ihrer Lieblingspastoren und dem nötigen Soldatendrill teilten. Morgens, mittags und abends, auf Hof, Straße und Marktplatz wurde marschiert und exerziert.

Als wir nach dem Frühstück ausritten, hallte die ganze Stadt wieder von Kommandorufen und Waffengeklirr. Unsre Freunde von gestern rückten auch gerade auf den Markt, schwenkten lustig ihre Hüte, als sie uns erblickten, ließen uns hochleben und ruhten nicht eher, als bis wir wieder an ihrer Spitze ritten. Der Pastor trat neben Saxon und faßte seinen Steigbügel.

»Die Leute haben gelobt, nur Ihr sollt sie führen und kein andrer,« sagte er.

»Ich könnte mir keine bravere Mannschaft wünschen,« erwiderte Saxon. »Sie soll in zwei Gliedern vorm Rathause aufmarschieren. Holla! Achtung im hintern Gliede!« kommandierte er und warf sein Pferd herum. »Schwenkt ab in Position! Linker Flügel stillgestanden, laßt die andern um euch herum marschieren! Recht so, fest und gerade wie ein Andrea Ferrara! Ich bitte dich, mein Bester, halte deine Pike nicht wie eine Krauthacke! Du kannst auch so das Unkraut im Weinberg des Herrn ausreuten. Und Ihr da, mein Wertester, laßt Euch sagen, daß Musketen geschultert und nicht unterm Arm getragen werden, wie ein Spazierstöckchen. Hat schon je ein unseliger Soldat in einer so bunten Rotte Ordnung schaffen müssen? Sogar mein verehrter Freund, der Flamänder, kann mir hierbei nicht helfen, auch gibt Petrinus in seiner Schrift »de re militari« nicht die leiseste Weisung über die Methode, einen Sensenmann zu drillen!«

»Sense über, fällt die Sense, präsentiert die Sense – mäht!« flüsterte Ruben dem Sir Gervas zu, und die beiden fingen an zu lachen, ohne sich durch Saxons bitterböses Stirnrunzeln einschüchtern zu lassen.

»Wir wollen die Truppe in drei Kompagnien zu je achtzig Mann formieren,« sagte letzterer. »Oder halt – wieviel Schützen haben wir im ganzen? Fünfundfünfzig Schützen vor! Ihr bildet den ersten Zug oder Kompagnie. Sir Gervas Jerome, Ihr habt die Miliz Eurer Grafschaft geführt und versteht daher ohne Zweifel etwas vom Exerzitium. Als Kommandeur dieses Truppenteils übergebe ich Euch diese Kompagnie. Sie bildet das erste Treffen im Gefecht, was Euch sicher nicht unlieb sein wird.«

»Bei Gott – dann sollen sie sich das Haar pudern!« erklärte Sir Gervas mit Entschiedenheit.

»Ihr habt vollständig freie Hand mit den Leuten,« antwortete Saxon, »Erste Kompagnie, sechs Schritt vor – so! Jetzt Pikenträger vor! Siebenundachtzig! Eine stattliche Zahl! Lockarby, ich übergebe sie Euch, vergeßt nie, daß die Erfahrungen des dreißigjährigen Krieges dargethan haben, wie auch die beste Reiterei gegen kaltblütige Landsknechte nicht mehr ausrichten kann, als die Meeresbrandung gegen eine Klippe.«

»Meiner Treu! Wenn sie nicht besser fechten, als ihr Hauptmann reitet, steht die Sache faul!« flüsterte Ruben. »Doch ich will hoffen, daß sie standhafter im Feuer sind, als ich im Sattel!«

»Die dritte Kompagnie Sensenmänner vertraue ich Euch an, Hauptmann Micha Clarke,« fuhr Saxon fort. »Der hochwürdige Herr Josua Pettigrue wird unser Feldprediger. Wird nicht sein Wort und Zeugnis uns Manna geben in der Wüste und lebendiges Wasser an dürren Orten? – Eure Unteroffiziere habt ihr, wie ich sehe, selbst gewählt. Eure Hauptleute sollen nach Belieben noch neue ernennen aus der Zahl derer, die am kühnsten schlagen und nichts schonen. Nun habe ich euch noch eins zu sagen. Merket alle wohl auf, damit niemand sich späterhin beklage, ihm wäre das Kriegsrecht nicht bekannt gewesen. Sobald das Signal Feierabend verkündet und Helm und Lanze ruhen, bin ich euer Bruder, der gleich wie ihr in demselben Weinberg arbeitet, aus demselben Brünnlein Wasser des Lebens schöpft. Ja, wahrlich, ich will mit euch vor den Gnadenstuhl treten, mit euch predigen, oder zuhören oder auslegen und alles thun, was einem Mitpilger auf der Wallfahrt durch dieses Jammerthal zukommt. Aber das merkt euch, meine Freunde! Sobald wir gewaffnet sind, um das gute Werk hinauszuführen auf dem Marsch, im Lager oder auf der Parade, muß eure Haltung stramm, soldatisch und korrekt sein, immer attent und alert, von strengstem Gehorsam. Insubordination und Schlaffheit dulde ich nicht. Sollte einer von der Sorte unter euch sein, so wird meine Hand schwer auf ihm liegen, ja nötigenfalls ihn ausstoßen aus unsrer Mitte. Ich sage euch, ein solcher wird kein Erbarmen finden.«

Saxon hielt inne und musterte seine Mannschaft mit unbeweglichem Gesichtsausdruck und halb verschleierten, unstät funkelnden Augen.

»Ist unter euch,« fuhr er fort, »ein Mann, der solch harte Zucht scheut, so trete er vor und hebe sich davon zu einem gelinderen Anführer. Ich aber sage euch, solange ich dies Corps kommandiere, wird Saxons Wiltshire Regiment unsrer heiligen und großen Sache Ehre machen.«

Der Oberst schwieg und hielt regungslos auf seinem Roß. Die ganze lange Linie bäurischer Angesichter schaute zu ihm auf. Einige ausdruckslos, andre bewundernd, noch andre mit sichtlicher Scheu vor den strengen finstern Zügen und furchtbaren Augen. Aber niemand rührte sich. So fuhr er denn fort:

»Der wohledle Herr Timewell, der Bürgermeister dieser schönen Stadt Taunton, welcher den Gerechten ein Fels des Heils und ein starker Turm gewesen ist in der langen Zeit der Not und Anfechtung, will eine Musterung vornehmen, sobald alle Truppen versammelt sind. Hauptleute – jeder tritt vor seine Kompagnie! Schließt euch, Musketiere! Drei Schritt zwischen jedem Gliede. Sensenmänner, stellt euch links auf! Die Unteroffiziere marschieren an den Flanken und in der Nachhut. So! Gar nicht übel für einen ersten Versuch! Freilich ein tüchtiger Profoß mit einem Prügel nach kaiserlich österreichischer Sitte würde immerhin noch ausreichende Beschäftigung finden!«

Während er uns so kurz und doch wirksam zu einem Regiment formierte, waren noch andre mehr oder minder regellose Bauerntrupps auf den Markt gerückt und hatten dort Stellung genommen. Uns zur Rechten standen Männer von Frome und Radstock aus dem Norden von Somerset. Sie waren ein bloßer wüster Menschenknäuel und trugen Dreschflegel, Hämmer und ähnliches Gewaffen. Grüne Zweige an den Hüten waren das einzige Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit. Uns zur Linken stand eine kleinere, aber besser gerüstete Schar. Sie hatten gleich uns im Vordertreffen eine Schützenlinie. Das Banner, das sie führten, kennzeichnete sie als Männer von Dorset.

Die guten Bürger von Taunton nebst Frauen und Töchtern hatten mittlerweile alle Balkone und Fenster um den Platz her besetzt, um sich den kriegerischen Aufzug anzusehen. Die ernsten, bärtigen, in feines Tuch gekleideten Männer, ihre stattlichen Eheliebsten in gebauschten sammetnen und seidenen Kleidern schauten von jedem günstigen Aussichtspunkt hernieder, und jezuweilen bestätigte ein liebliches Gesichtchen, das unter dem puritanischen Häubchen hervorguckte, den alten Ruhm der Stadt, eben so schöne Frauen wie tapfere Männer zu besitzen. Die Bürgersteige wimmelten von Leuten der unteren Stände – ehrsame graubärtige Wollenweber, ernste Hausfrauen, Landmädchen mit Tüchern über dem Kopf, und zahllose Kinder, die im höchsten Diskant unermüdlich König Monmouth und die protestantische Thronfolge leben ließen.

»Weiß Gott!« meinte Sir Gervas und lenkte sein Pferd rückwärts, bis er neben mir hielt, »unsre altfränkischen Freunde brauchten gar nicht mit solch verwetterter Eile dem Himmel zuzustreben, da es doch hier mitten unter ihnen so viele Engel gibt. Donnerwetter, sind sie nicht wirklich bildhübsch? Nicht ein Schönpflästerchen oder ein Brillant ist zu sehen, und dennoch, was würden nicht unsre verblühten Modedamen vom Mall und der Piazza für ihre Unschuld und Frische geben!«

»Ums Himmels willen laßt die Verbeugungen und das Zulächeln bleiben!« rief ich hastig. »Derlei Aufmerksamkeiten mögen in London Sitte sein, aber sie dürften von einfachen Mädchen in Somerset mißverstanden und von ihrer handfesten Sippe schlagend beantwortet werden.«

Ich hatte kaum ausgesprochen, als die Thorflügel des Rathauses sich weit öffneten und die Väter der Stadt in Prozession auf den Marktplatz zogen. Den Vortritt nahmen zwei Trompeter in buntscheckigen Wämsern, welche eine Fanfare bliesen. Hinter diesen schritten die Aldermänner und Ratsherren, würdige, bejahrte Männer in langen schwarzseidenen mit kostbarem Rauchwerk verbrämten Amtsroben. Den Beschluß machte mit seinem Stadtschreiber, der den weißen Amtsstab trug, die stattliche Gestalt Stephan Timewells, des Bürgermeisters von Taunton.

Das Äußere des Bürgermeisters war wohl geeignet, unsre Aufmerksamkeit zu erregen, denn alle charakteristischen Eigentümlichkeiten der puritanischen Partei, der er angehörte, vereinigten sich in fast übertriebenem Maße in seiner Person. Er war hochgewachsen und hager, und seine asketischen Züge sprachen von Fasten und Nachtwachen. Die gebeugte Haltung verriet das vorgerückte Alter, aber die glänzenden stahlgrauen Augen und das lebendige Mienenspiel verkündeten den Triumph der religiösen Begeisterung über die körperliche Schwäche. Ein zerfaserter, etwas zugespitzter grauer Bart hing ihm weit über die Brust herab, und schneeweiße lange Haare flatterten unter dem sammetnen Käppchen hervor. Dies war so dicht anliegend und tief über den Kopf gezogen, daß die Ohren dadurch unnatürlich abstanden, eine Sitte, die den Puritanern die Spottnamen »spitzohrig« und »rundköpfig« von ihren Widersachern eingetragen hatte.

Sein gesucht einfacher dunkelfarbiger Anzug bestand aus der schwarzen Robe, dunklen Sammethosen und seidenen Strümpfen. Auf den Schuhen hatte er Sammetschleifen anstatt der silbernen Schnallen, wie man sie sonst damals trug. Um den Hals hing ihm die breite goldene Amtskette.

Vor ihm her stolzierte in leuchtend roter Weste der dickwanstige Stadtschreiber, die eine Hand in die Seite gestemmt, wahrend die andre, steif vorgestreckt, den Amtsstab trug. Er warf gnädige vornehme Blicke umher und verbeugte sich dankend von Zeit zu Zeit, als gälten die Zurufe der Menge ihm ganz allein. Dieser kleine Dicke hatte sich ein gewaltiges Schlachtschwert umgeschnallt, das über die Pflastersteine rasselte und ihm gelegentlich zwischen die Beine fuhr. Gravitätisch hüpfte er dann hinüber und wandelte mit gleicher Grandezza weiter. Als ihm endlich aber diese Störungen zu oft kamen, drückte er den Schwertgriff hinunter, so daß die Spitze seines Pallasches hoch in die Luft starrte, und stolzierte weiter wie ein welscher Hahn, der nur eine einzige gerade Schwanzfeder hat.

Nachdem der Bürgermeister die verschiedenen Truppenteile abgeschritten und sie mit einer Genauigkeit inspiziert hatte, welche bewies, daß das Alter seinen militärischen Blick noch nicht verdunkelt hatte, wandte er sich zu uns um, in der augenscheinlichen Absicht, uns anzureden. Sofort schoß der Stadtschreiber vor ihn hin, schwenkte die Arme und brüllte:

»Stille da, ihr guten Leute, stille! Der hochwürdige Herr Bürgermeister von Taunton will sprechen! Ruhe da für den wohledlen Herrn Stephan Timewell!« Bei diesem Geschrei, das er mit lebhaften Gestikulationen begleitete, geriet ihm das Schwert wieder zwischen die Beine, und er stürzte der Länge lang, Hals über Kopf in den Rinnstein.

»Haltet Ihr doch selber Ruhe, Meister Tetheridge,« sagte das Stadtoberhaupt strenge. »Könnte man Euch Schwert und Zunge stutzen, es würde Euch und uns zum Heile gereichen. Kann ich nicht füglich ein paar Worte zu diesen guten Leuten reden, ohne von Eurem mißtönenden Gekeife unterbrochen zu werden?«

Der beschämte Prahlhans raffte sich schwerfällig auf und schlich sich hinter die Gruppe der Stadträte, während der Bürgermeister langsam die Stufen zum Marktkreuz emporstieg. Von diesem Standpunkte aus redete er uns an, anfangs mit hoher dünner Stimme, die aber an Kraft und Fülle wuchs, bis sie schließlich in den entlegensten Ecken des Platzes hörbar war.

»Freunde in der Gemeinschaft des Glaubens,« sagte er, »ich danke dem Herrn, der mich in so hohem Alter diesen Tag schauen ließ, um mein Herz an dieser Gott wohlgefälligen Versammlung zu erlaben. Denn wir in Taunton haben die heilige Flamme des Covenant unter uns stetig geschürt. Zuweilen wurde sie wohl durch Achselträger und Laodicäer verdunkelt, aber sie hat fortgeglüht im Herzen unsres Volkes. Rings um uns her herrschte aber ägyptische Finsternis, unter deren Schutze Papismus und Prälatismus, Arminiamismus, Erastianismus und Simonie ungestört wüteten und schwelgten. Aber was sehe ich heute? Sehe ich die gläubigen Bekenner ängstlich in ihren Schlupfwinkeln auf den Hufschlag horchen, der ihre Bedränger verkündet? Sehe ich ein liebedienerisches Geschlecht, das sich die Wahrheit aus dem Sinn schlägt und die Lüge auf den Lippen hat? Nein! Ich sehe hier vor mir gottesfürchtige Männer, nicht nur aus dieser Stadt, sondern von weit und breit, aus Dorset, Wiltshire, ja, wie man sagt, sogar bis von Hampshire her, die alle freudig bereit und willens sind, mit Gott Thaten zu thun für den Herrn und sein Reich. Und da ich nun diese getreuen Männer betrachte und daran denke, daß meine Mitbürger alle einmütig entschlossen sind, den letzten Heller freudig für ihren Unterhalt dran zu geben, und da ich weiß, wie die verfolgten Stillen im Lande allüberall für uns betende Hände erheben, so sagt mir der Geist, daß wir die Götzenbilder Dagons zertreten und in Alt-England einen Tempel des Höchsten errichten werden, und wird nicht hineingehen irgend ein Gemeines, und das da Greuel thut und Lügen, weder Papsttum noch Prälatentum, sondern die geschrieben sind in dem lebendigen Buche des Lammes.«

Ein tiefes gedämpftes Beifallsgemurmel, dazu das Klirren der Waffen, die auf das widerhallende Pflaster gestoßen wurden, erscholl aus den dichten Reihen der Insurgenten. Saxon wandte das grimme Antlitz ein wenig, hob ungeduldig die Hand, und sofort erstarb das Gesumme unter unsrer Mannschaft, während unsre minder disziplinierten Kameraden rechts und links fortfuhren, ihre grünen Zweige zu schwenken und mit den Waffen zu klirren. Die Männer von Taunton uns gegenüber standen finster und lautlos da, aber die trotzigen Gesichter und gerunzelten Stirnen zeigten unverkennbar, daß ihres Landsmannes Beredsamkeit die in ihnen schlummernde fanatische Begeisterung zur hellen Flamme entfacht hatte.

»In meiner Hand,« fuhr der Bürgermeister fort und zog eine Papierrolle aus dem Busen, »befindet sich die Proklamation, welche unser königlicher Führer vorausgeschickt hat. In seiner großen Güte und Selbstverleugnung hatte er in seinem ersten Manifest, gegeben zu Lyme, erklärt, er überließe die Wahl eines Monarchen den Mitgliedern des Unterhauses. Als er aber erfuhr, welch schändlichen, gemeinen Mißbrauch seine Feinde mit dieser seiner Selbstverleugnung trieben, indem sie nämlich aussprengten, er habe so wenig Vertrauen zu seiner eignen Sache, daß er nicht wage, öffentlich den Titel anzunehmen, der ihm gebührte, beschloß er, dieser Arglist ein Ende zu machen. Deshalb so höret: ich rufe hiermit Jakob, Herzog von Monmouth zum einzig rechtmäßigen Könige von England aus, jetzt und für alle Zeit. Zugleich erkläre ich Jakob Stuart, den Papisten und Brudermörder, für einen schändlichen Usurpator, auf dessen Kopf tot oder lebendig ein Preis von fünftausend Guineen steht. Ich erkläre ferner die Versammlung, die jetzt in Westminster tagt und sich das Unterhaus von England nennt, für illegal, und ihre Gesetze für null und nichtig. Gott segne König Monmouth und den protestantischen Glauben!«

Die Trompeter bliesen Tusch, und das Volk brach in Hochrufe aus, aber der Bürgermeister hob Ruhe heischend seine mageren weißen Hände empor.

»Heute früh empfing ich eine Botschaft vom Könige,« fuhr er fort. »Er entbietet allen seinen treuen protestantischen Unterthanen seinen Gruß. Nach seinem Siege hat er in Axminster Rast gehalten, jetzt aber wird er sich wieder aufmachen und in spätestens zwei Tagen bei euch sein.«

»Es wird euch betrüben, wenn ihr hört, daß der fromme Aldermann Rider im dichtesten Schlachtgetümmel gefallen ist. Er starb wie ein Mann und ein Christ und hinterläßt all seine irdischen Güter nebst den Tuchfabriken und allem Hausgerät der Kriegskasse. Unter den Gefallenen sind noch zehn andre aus Taunton. Zwei tapfere junge Brüder sind niedergehauen worden, Oliver und Ephraim Hollis, deren arme Mutter – «

»Klagt nicht um mich, guter Herr Timewell,« rief eine Frauenstimme aus dem Volke, »ich habe noch drei andre gleich wackere Söhne, die ich auch für die Sache des Herrn darbringen will.«

»Ihr seid ein würdiges Weib, Frau Hollis,« antwortete Stephan Timewell, »und Eure Kinder werden Euch unverloren bleiben. Der nächste Name auf meiner Liste ist Jesse Trefail, dann kommt Joseph Millar, Aminadab Holt – –«

Ein ältlicher Musketier in dem ersten Gliede des Tauntoner Fußvolks zog den Hut tief in die Stirn und rief mit fester lauter Stimme:

»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«

»Er war Euer einziger Sohn, Meister Holt,« sagte der Bürgermeister, »aber der Herr gab seinen eingebornen Sohn zum Opfer, auf daß ihr und ich das ewige Leben hätten. Die andern sind: Path-of-light (Lichtpfad) Regan, Jakob Fletscher, Salvation (Erlösung) Smith und Robert Johnstone.«

Der alte Puritaner rollte ernst seine Papiere zusammen, verharrte einige Augenblicke mit gefalteten Händen im stillen Gebet, stieg dann vom Marktkreuz herunter und schritt von dannen. Die Aldermänner und Ratsherren folgten ihm.

Die Menge zerstreute sich nun auch, aber stille und gehalten mit feierlich ernsten Gesichtern und niedergeschlagenen Augen. Eine Anzahl Landleute waren indes neugieriger oder weniger fromm als die Städter. Sie sammelten sich um unser Regiment, um sich die Männer anzusehen, welche die Dragoner besiegt hatten.

»Seht bloß den mit dem Geiergesicht,« rief einer und deutete auf Saxon. »Der war's! Der hat gestern den Offizier der Philister erschlagen und die Auserwählten zum Siege geführt!«

»Nein, seht den an,« rief eine alte Bauerfrau, »den mit dem weißen Gesicht und Kleidern, wie ein Prinz! Das ist einer von die Vornehmen, was extra den ganzen Weg von London gekommen ist, um Zeugnis abzulegen von dem protestantischen Glauben! Das ist ein frommer Herr, ein heiliger Edelmann, wenn der wäre in der gottlosen Babel geblieben, da hätten sie ihm auch geköpft, wie dem guten Lord Russel, oder ihm auch in Ketten gelegt, wie dem würdigen Meester Baxter.«

»Traun,« rief ein dritter, »der große Mann uff'n grisen Hengst, das's de Kerl for mich! 'n Gesicht wie Milch und Blut und Arm un Bein, wie Goliath von Gath. Der nimmt Euch mein' alten Gevatter Jones mit einer Hand, hängt 'n sich über'n Sattelbug un haste nich gesehn, weg mit em, wie min Köter Towser 'ne Ratte – darauf wett' ich – – – da kommt ja auch der gute Meester Tetheridge, de Stadtschriwer, na un wat Wichtigs muß es sind, denn das is 'n Mann, de sport nich Zeit nich Müh for uns' große Sach'!«

»Gebt Raum, lieben Leute, gebt Raum!« rief der kleine Stadtschreiber wichtig und geschäftig, »hindert nicht die hohen Beamten des städtischen Rates an der Ausübung ihrer Funktionen! Ihr müßt euch auch nicht so dicht an die Flanke der Kriegsleute drängen, weil ihr dadurch die Entfaltung und Entwicklung der Linie hindert, welche jetzt von so vielen hohen Befehlshabern befürwortet wird. Bitte, wer kommandiert diese Kohorte, oder vielmehr Legion, da ihr, wie ich sehe, Hilfstruppen zu Pferde dabei habt?«

»Es ist ein Regiment, Bursche,« antwortete Saxon barsch. »Oberst Saxons Infanterie-Regiment Wiltshire, und ich habe die Ehre, es zu befehligen.«

»Ich bitte Sr. Gnaden den Herrn Oberst um Verzeihung,« rief der Stadtschreiber ängstlich und schob sich rückwärts aus der unmittelbaren Nähe des finster blickenden Soldaten. »Ich habe schon von dem Herrn Oberst gehört und von seinen Thaten im dreißigjährigen Kriege. Ich habe in meiner Jugend aber auch die Pike gefühlt und ein paar Schädel gespalten, auch wohl ein paar Herzen gebrochen damals, als ich noch Lederkoller und Bandelier trug.«

»Richtet Euren Auftrag aus,« sagte unser Oberst kurz.

»Er kommt von Seiner Wohledlen, dem Herrn Bürgermeister und ist gerichtet an Euch und Eure Hauptleute – ohne Zweifel also an die hohen Kavaliere, die ich rechts und links neben mir sehe. Stattliche Bursche, meiner Treu! aber Oberst, Ihr und ich, wir beide wissen, daß ein wenig Geschicklichkeit im Fechten den Kleinsten dem Größten gleich stellt. Ich möchte behaupten, daß Ihr und ich, die wir alte Soldaten sind, es zusammen wohl mit diesen drei Kavalieren aufnehmen könnten.«

»Kerl, sage was du zu sagen hast,« fuhr ihn Saxon an, langte mit seinem langen, nervigen Arm hinüber und schüttelte ihn, daß sein langes Schwert in der Scheide rasselte.

»Ei, ei, Herr Oberst, ei, ei!« rief Meister Tetheridge. Das plötzliche Erblassen seines Gesichts ließ sein Wams noch tiefer rot erscheinen. »Solltet Ihr es wagen, Hand an den Vertreter des Bürgermeisters zu legen? Ich trage meinen Bilbo an der Seite, wie jedermann sehen kann. Ich bin dazu etwas cholerisch und jähzornig und warne Euch deshalb, nichts zu thun, was ich als eine persönliche Beleidigung auffassen könnte. Was nun meinen Auftrag anbetrifft, so lautet er dahin, Sr. Wohledlen, der Herr Bürgermeister wünscht, sich mit Euch und Euren Hauptleuten im Rathause zu besprechen.«

»Wir werden sogleich erscheinen,« erwiderte Saxon, drehte sich nach dem Regiment um, erklärte den Leuten einige einfache Griffe und Evolutionen, wodurch er zugleich die Offiziere wie die Mannschaften unterwies. Sir Gervas verstand das Exercitium zwar schon, aber Lockarby und ich brachten nur den guten Willen zu unsrer Aufgabe mit. Als endlich der Befehl zum Abtreten gegeben wurde, marschierten unsre Kompagnien nach ihrer Kaserne, dem großen Wollspeicher. Wir übergaben unsre Gäule den Stallknechten des ›Weißen Hirschen‹ und schickten uns an, dem Bürgermeister unsre Aufwartung zu machen.

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