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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 17
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XVI.

Wie wir nach Taunton kamen.

Die dunkeln Abendschatten ruhten auf der Landschaft, und die Sonne war hinter den fernen Bergen von Quantock und Brendon zur Rüste gegangen, während unsre bäurische Infanterie-Kolonne durch Currey Rivell, Wrantage und Henlade unverdrossen weiter marschierte. Längs der ganzen Landstraße strömten aus den strohgedeckten Hütten, wie aus den roten Ziegelhäusern der Pächter, die Leute herbei, um uns mit Milch und Bier zu erquicken, unsern Jockels die Hand zu schütteln und sie mit Speise und Trank zu laben. In den Dörfern umgab uns geschäftig alt und jung und ließ einmütig König Monmouth und die protestantische Sache leben. Die Zuhausegebliebenen waren fast ausschließlich Greise und Kinder. Hatten hier und da Pflichten oder zauderndes Besinnen einen jungen, kräftigen Landmann zurückgehalten, so begeisterten ihn jetzt unser kriegerischer Aufzug und die Trophäen, die wir mit uns führten, dermaßen, daß er alle Skrupel fahren ließ, die nächste beste Waffe aufgriff und sich unsern Reihen anschloß.

Das Gefecht hatte zwar unsre Zahl vermindert, dafür aber den zusammengelaufenen Bauerntroß einer regulären Truppe ähnlicher gemacht. Saxons Kommando und seine ernsten knappen Lobsprüche oder Verweise hatten sogar mehr dafür gethan. Die Männer hielten so leidlich Schritt und marschierten frisch im geschlossenen Zuge. Der alte Soldat und ich ritten an der Spitze, Meister Pettigrue ging zwischen uns. Gleich dahinter führten wir zu Wagen unsre Gefallenen mit, um ihnen ein ehrliches Begräbnis zu sichern. Etwa vierzig Sensenmänner gingen mit geschulterten Waffen dem Gefährt voraus, das die Verwundeten barg. Hierauf folgte das Hauptcorps der Bauern. Die Nachhut bildeten endlich zehn bis zwölf Berittene auf den erbeuteten Dragonerpferden mit Kürassen, Schwertern und Karabinern, geführt von Lockarby und Sir Gervas.

Ich bemerkte, daß Saxon während des ganzen Marsches fast unaufhörlich den Kopf wandte und unruhigen Blickes umherspähte. Auf jeder Anhöhe machte er Halt, um sich zu vergewissern, daß die Verfolger uns nicht auf den Fersen wären. Erst als nach langen mühseligen Wegstunden tief unten im Thal die Lichter von Taunton herauffunkelten, that er einen tiefen Seufzer und erklärte sich dahin, daß seiner Überzeugung nach alle Gefahr vorüber wäre.

»Ich bin sonst nicht eben zur Ängstlichkeit geneigt,« meinte er, »aber mit so viel Verwundeten und Gefangenen auf dem Halse wäre Petrinus selbst bei einem Kavallerieangriff in Verlegenheit geraten. Jetzt kann ich meine Pfeife in Frieden rauchen, Meister Pettigrue, brauche nicht mehr die Ohren zu spitzen, sobald ein Rad knarrt, oder im Dorfe ein Bummler juchzt.«

»Und ob sie uns auch verfolgt hätten,« sagte der Pastor fest, »so lange die Rechte des HErrn uns schirmt, warum sollen wir uns fürchten?«

»Sehr richtig!« erwiderte Saxon ungeduldig, »aber er läßt manchmal zu, daß der Teufel obsieget. Erlag nicht auch das auserwählte Volk und wurde in die Gefangenschaft geführt? Was meint Ihr, Clarke?«

»Ein solch Scharmützel ist ganz genug für einen Tag,« war meine Antwort. »Wahrhaftig, hätten sie das Musketenfeuer noch lange fortgesetzt statt zu attackieren, so hätten wir uns entweder ergeben, oder uns totschießen lassen müssen, wo wir lagen!«

»Darum verbot ich auch unsern Brüdern, das Feuer zu erwidern,« sagte Saxon, »Dies Schweigen ließ sie glauben, wir besäßen höchstens ein paar Pistolen und verführte sie zum Angriff. Unsre Salve wirkte um so verheerender, je unerwarteter sie kam. Ich möchte darauf wetten, jeder einzelne Mann fühlte, er sei in eine Falle gegangen. Habt ihr gesehn, wie die Kerle a tempo Kehrt machten und das Hasenpanier ergriffen, als ob das nur so zu ihrem täglichen Drill gehörte?«

»Die Bauern hielten dem Angriff stand, wie die Mauern,« bemerkte ich.

»Es geht nichts über ein bißchen echten Calvinismus, der macht eine Schlachtlinie unerschütterlich,« sagte Saxon. »Seht euch zum Exempel den Schweden an, wenn er daheim ist. Ihr könnt euch einen einfältigeren, weichherzigeren Burschen gar nicht denken. Seine einzige Soldatentugend besteht darin, daß er mehr Birkenmeth vertragen kann, als ihr bezahlen möchtet. Paukt ihm aber bloß ein paar schlichte, kräftige Bibelsprüche ein, steckt ihm eine Pike in die Faust und gebt ihm einen Gustavus Adolphus zu Anführer, so kann ihm keine Infanterie der Welt die Stange halten. Freilich habe ich anderseits auch junge Türken gesehn, die noch nie eine Waffe geführt, ebenso kräftig für den Koran dreinschlugen, wie die wackern Gesellen hinter uns für die Bibel, welche Master Pettigrue vor ihnen hochhielt.«

»Ich will doch nicht hoffen, bester Herr,« sagte der Geistliche streng, »daß Ihr einen Vergleich ziehen wollt zwischen unsrer heiligen Schrift und dem Geschreibsel des Betrügers Muhammed, oder gar eine Ähnlichkeit finden zwischen der vom Satan eingegebenen Wut ungläubiger Saracenen, und der Kraft in dem Herrn, die seine gläubigen Christen beseelt?«

»Gott bewahre,« entgegnete Saxon und grinste mich über den Kopf des Geistlichen hinweg an. »Ich erläuterte nur, wie täuschend der Böse die Wirkungen des heiligen Geistes nachäfft.«

»Zu wahr, Meister Saxon, nur zu wahr!« erwiderte der Pastor traurig. »Inmitten all des Streits und Haders ist es schwer, den schmalen Pfad inne zu halten. Ich staune nur, wie Ihr unter den mannigfachen Versuchungen und Ärgernissen, die auf dem Lebenswege eines Soldaten liegen, Euer Herz unbefleckt von der Welt und dem wahren Glauben zugewandt erhalten habt.«

»Es geschah nicht aus eigner Kraft,« sagte Saxon salbungsvoll.

»Eures Gleichen fehlt, weiß Gott, in Monmouths Heere,« rief Meister Josua aus. »Es sollen da einige wohl erfahrene Kriegsmänner aus Holland, Brandenburg und Schottland sein, die sich aber so wenig aus dem Panier machen, das wir auswerfen, daß sie zum größten Ärgernis der Bauern so gotteslästerlich fluchen und schwören, daß sie womöglich noch Gottes Strafgerichte über die Truppen bringen werden. Wieder andre halten fest am wahren Glauben und sind wahrhaft wiedergeboren, mangeln aber leider jedweder Kriegskunst und Erfahrung. Wohl kann unser hochgelobter Heiland auch durch schwache Werkzeuge etwas ausrichten; dennoch lehrt die Geschichte, wie ein Mann auf der Kanzel ein auserwähltes Rüstzeug, dagegen bei einem Kampfe, wie wir ihn heut erlebten, ganz unbrauchbar sein kann. Ich weiß Gottes Wort wohl zur wahren Befriedigung meiner Herde auszulegen, so daß sie ungern das letzte Körnlein Sand im StundenglaseEs war damals üblich, ein Stundenglas in einem eisernen Gestell – der ganzen Gemeinde sichtbar – auf der Kanzel zu haben. Dieses wurde umgedreht, sobald der Text verlesen war, und ein Geistlicher, der nicht predigte, bis der Sand ausgelaufen war, kam in den Ruf der Faulheit. Überschritt er aber diese Grenze, so deutete viel Gähnen und Stöhnen an, baß die Gemeinde nun so viel geistliche Speise zu sich genommen hatte, wie sie meinte verdauen zu können. verrinnen sieht; doch bin ich mir bewußt, daß dies Charisma mir wenig frommen würde, wo es gilt, Barrikaden zu konstruieren und fleischliche Waffen zu führen. So geschieht es, daß im Lager der Gläubigen die geschicktesten Befehlshaber dem Volke ein Greuel sind, während die, denen es willig Folge leistet, nichts vom Waffenhandwerk verstehn. Nun hat der heutige Tag uns Eure Geistesgegenwart, Tapferkeit und kriegerische Erfahrung bewiesen, dazu Euer enthaltsames, nüchternes Leben, Euer Trachten nach Heiligung, und Euren Kampf gegen Apollyon. Ich wiederhole daher, Ihr werdet als ein zweiter Josua unter ihnen erstehen, als ein Simson, berufen, die Doppelsäulen des Prälaten- und Papsttums niederzureißen, auf daß sie die entartete Regierung dieses Landes in ihrem Fall zerschmettern und unter ihren Trümmern begraben.«

Decimus Saxon erwiderte diese feurige Lobrede nur mit einem tiefen Stöhnen, was bei den Fanatikern ein Symbol heißesten innern Kampfes und äußerster Gemütsbewegung war. Sein Antlitz trug dabei den Stempel so strenger Heiligkeit, sein Wesen hatte etwas so Weihevolles, Feierliches, sein Augenverdrehen und Händeringen etwas so Natürliches, daß ich staunend diese vollendete, tiefe Heuchelei bewunderte, die sein wahres, raubgieriges Selbst in einen so dichten Mantel hüllte. Ich konnte mir den Spaß nicht versagen, ihn daran zu erinnern, daß doch einer wenigstens zugegen sei, der seine vorgebliche Frömmigkeit richtig taxierte.

»Erzähltet Ihr schon dem hochwürdigen Herrn,« neckte ich, »von Eurer Gefangenschaft bei den Muselmännern und von Eurem edeln Eintreten für den christlichen Glauben in Stambul?«

»Nein!« rief unser Gefährte. »Die Geschichte muß ich hören. Es ist wahrlich eine wunderbare Fügung, daß die unreinen, blutdürstigen Jünger Muhammeds einen so treuen, standhaften Zeugen wie dich, mein Bruder, je wieder losgelassen haben!«

»Es steht mir nicht an, davon zu berichten,« antwortete Saxon schnell gefaßt, warf mir aber dabei einen höchst giftigen Seitenblick zu. »Es ist die Sache meiner Unglücksgefährten, alle die Leiden zu beschreiben, die um meines Glaubens willen über mich kamen. Doch hege ich die feste Überzeugung, hochwürdiger Herr, daß Ihr an meiner Stelle genau ebenso gehandelt haben würdet. – Wie still dort unten Taunton liegt! Nur noch wenige Lichter brennen, obschon zehn noch nicht vorüber ist. Monmouths Truppen sind offenbar noch nicht da, man müßte sonst Lagerfeuer im Thale sehn. Warm genug wäre es schon, um unter freiem Himmel zu kampieren. Die Mannschaften brauchen aber doch Feuer, um abzukochen.«

»Die Armee kann gar nicht so weit sein,« sagte der Pastor. »Man erzählt sich, Waffenmangel und fehlende Disziplin erschwerten den Vormarsch. Bedenkt, am elften landete Monmouth in Lyme, und morgen ist erst der fünfzehnte! Was gab es nicht alles zu thun in den paar Tagen!«

»Vier ganze Tage,« brummte der alte Soldat. »Es war aber wohl nichts andres zu erwarten, da er, wie ich höre, keine tüchtigen Offiziere hat. Bei meinem Degen, Tilly oder Wallenstein hätten keine vier Tage gebraucht, um von Lyme nach Taunton zu kommen, und wenn ihnen die gesamte Kavallerie Jakob Stuarts den Weg versperrt hätte! Große Unternehmungen dürfen nicht so zaudernd betrieben werden. Der Schlag muß stark und schnell fallen. Erzählt mir doch einmal alles, was Ihr von der Sache wißt, ehrwürdiger Herr, wir haben unterwegs nur unsichere Gerüchte und Vermutungen aufgelesen. Gab's nicht bei Bridport so 'ne Art von Gefecht?«

»Es gab an dem genannten Orte allerdings einiges Blutvergießen. Die ersten beiden Tage vergingen – wenn ich recht berichtet bin – mit der Annahme Freiwilliger und dem Bemühen, ihnen Wasser zu verschaffen. Ich verstehe Euer Kopfschütteln – die kostbarste Zeit hätte damit nicht vertrödelt werden sollen! Endlich wurden fünfhundert Mann einigermaßen geordnet und marschierten an der Küste entlang, befehligt von Lord Grey von Wark und dem Rechtsanwalt Wade. Bei Bridport stießen sie auf rote Dorseter Milizen und ein Bataillon von Portmans Gelbröcken. Die Rede geht, keine Partei dürfe sich des Sieges rühmen. Grey und seine Reiter zogen erst wieder den Zügel an, als sie sicher in Lyme waren; indes die harten Mäuler ihrer Gäule sollen mehr dafür verantwortlich sein, als die Schlappheit der Soldaten. Wade und seine Leute schlugen sich tapfer, warfen auch die königlichen Truppen zurück. Im Lager erhob sich große Entrüstung über Grey. Monmouth kann es sich aber nicht leisten, den einzigen Edelmann, der seiner Fahne folgt, zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Ach was!« rief Saxon verdrießlich. »In Cromwells Armee waren die Edelleute wahrhaftig rar, und doch deucht mich, war sie dem Könige vollauf gewachsen, der so viel Lords bei sich hatte, wie der Dornstrauch Schlehen. Was angelt ihr nach den feinen parfümierten und frisierten Junkern, da ihr doch das Volk für euch habt? Der zierliche Galanteriedegen in den weißen, gepflegten Händchen ist um nichts besser, als eine Haarnadel ihrer Damen!«

»Wahrlich!« sagte ich, »wenn alle Gecken ihr Leben so sorglos in die Schanze schlagen, wie unser guter Freund Sir Gervas, so kann ich mir gar keine bessern Kameraden im Felde wünschen.«

»Ich stimme von Herzen bei,« rief Herr Pettigrue warm, »wenn er auch einen bunten Josephsrock tragt und seltsame Ausdrücke am Leibe hat. Niemand hätte kühner fechten, niemand den Feinden Israels mutiger Trotz bieten können, als er. Dieser Jüngling ist sicherlich nicht fern vom Reiche Gottes, und wird gewiß dereinst ein Sitz der Gnade und ein Gefäß des heiligen Geistes werden, ob er auch jetzt vom Netze weltlicher Eitelkeiten und fleischlicher Lüste umstrickt ist.«

»Das steht zu hoffen,« bekräftigte Saxon im Tone frömmster Inbrunst. »Was wisset Ihr noch mehr vom Aufstande zu erzählen, hochwürdiger Herr?« fügte er hinzu.

»Sehr wenig. Die Bauern strömten in so hellen Haufen herzu, daß viele wegen Warenmangels gar nicht angenommen werden konnten. Überall in Somersetshire haben die Konstabler Razzias auf Beile und Sensen gehalten. Da hämmern nun alle Grobschmiede Tag und Nacht, um Pikenspitzen zu verfertigen. Sechstausend bewaffnete Männer sollen im Lager sein, aber nicht der fünfte hat eine Muskete. Sie haben, wie ich höre, einen Vorstoß gegen Arminster zu gemacht, gegen den Herzog von Albemarle, der mit viertausend Mann Bürgerwehr von Exeter anrückt.«

»So kommen wir doch zu spät!« rief ich aus.

»Ihr werdet noch Schlachten genug und übergenug erleben, ehe Monmouth den Reiterhut mit der Krone und den Schnuren-Rockelohr mit dem Purpurmantel vertauscht,« meinte Saxon trocken. »Ist unser ehrwürdiger Bruder recht berichtet worden, und findet wirklich ein Zusammenstoß statt, so ist das immer noch erst der Prolog des Dramas. Erst wenn Feversham und Churchill mit den königlichen Garden auf der Bühne erscheinen, muß Monmouth den entscheidenden Sprung thun, der ihn entweder auf den Thron oder auf das Schafott bringt.«

Wir waren während dieser Unterhaltung langsam den schlängelnden Pfad hinabgeritten, der am Ostabhang von Taunton Deane thalwärts führt. Zu unsern Füßen schimmerten die Lichter der festen Stadt Taunton und das lange Silberband des Flusses Tone. Der Mond stand am wolkenlosen Himmel und verklärte mit seinem milden Glanze das schönste, fruchtbarste Thal. Stattliche Herrensitze, zinnengekrönte Burgtürme, aneinander geschmiegte Gruppen strohgedeckter Hütten, wogende Kornfelder, dunkle Haine, aus deren laubiger Tiefe hie und da ein lampenhelles Fenster traulich winkte – all das lag in weiter Runde vor uns wie die lautlosen, schemenhaften Landschaften, die man wohl im Traum durchwandert.

So still und feierlich war die Natur, daß wir, an einem Knie des Fußweges angelangt, unwillkürlich unsre Rosse zügelten. Auch die fußwunden Bauern machten Halt, und die Verwundeten richteten sich mühsam in den Karren auf, um ihre Augen an diesem gelobten Lande zu weiden.

Da erhob sich inmitten dieses Schweigens eine starke Stimme, die den Brunnquell alles Lebens anrief um Bewahrung und Erhaltung. Josua Pettigrue hatte sich auf die Knie geworfen und trat vor den Herrn mit Gebet und Danksagung. Er bat um weitere Führung, pries den Herrn für die Errettung seiner Herde aus der Hand ihrer Feinde und aus allem Ungemach der bisherigen Reise.

Ach, meine Kinder, hätte ich doch den Zauberspiegel, von dem die Märlein erzählen, um euch dies Bild zu zeigen! Die geharnischten dunklen Gestalten der Reiter, die ernst andächtige Haltung der Bauern, wie sie teils kniend das Angesicht beugten, teils auf ihre Waffen gestützt, den Blick gen Himmel erhoben. Dazu die halb eingeschüchterten, halb hohnlächelnden Mienen der gefangenen Dragoner, die weißen schmerzverzerrten Gesichter, die über die Karrenseiten hinauslehnten. Ein Chor von Seufzern, Ächzen und Ausrufen begleitete die sonore, feierliche Stimme des Pastors. Darüber das leuchtend gestirnte Himmelszelt; unter uns, soweit das Auge reichte, das im weißen Mondlicht ruhende wunderschöne Thal: ach! stünde mir nur der Pinsel eines Verrio oder Laguerre zu Gebote statt meiner armselig stammelnden Rede!

Meister Pettigrue hatte gerade sein Dankgebet beendigt und erhob sich, als melodisches Glockengeläut aus der schlummernden Stadt vor uns erklang. Ein paar Minuten schwoll es auf und ab in reinen klaren Kadenzen, dann fiel plötzlich ein tieferer, rauherer Ton mit ein, und dann noch einer und wieder einer, bis ein wahrer Glockensturm durch die stille Nachtluft brauste. Zu gleicher Zeit drang Schießen und Hurrageschrei erst gedämpft und dann immer lauter zu uns empor. Lichter blitzten an den Fenstern auf, Trommeln wirbelten, der ganze Ort wurde plötzlich lebendig. Dieser unerwartete Freudenausbruch, der so unmittelbar auf ihres Pastors Gebet folgte, erschien den Landleuten wie ein glückliches Omen. Mit ungestümem Freudengeschrei eilten sie bergab in die Stadt.

Auf den Straßendämmen und Bürgersteigen drängte sich die Bürgerschaft. Männer, Weiber und Kinder, die vielfach Fackeln und Laternen trugen, strebten alle der nämlichen Richtung zu. Dem Strome folgend, erreichten wir bald den Marktplatz. Ein Schwarm Lehrbuben und Gesellen türmte Reisigbündel zu Feuerzeichen auf, wieder andre stachen ein paar mächtige Tonnen Doppelbier an. Die Veranlassung zu diesem Freudenrausche war, wie wir bald erfuhren, die Kunde, daß heute früh bei Axminster Albemarles Devonshirer Miliz zum Teil desertiert und zum Teil geschlagen worden war. Als sich nun noch die Nachricht von unserm siegreichen Scharmützel verbreitete, gerieten die guten Leute vollends aus dem Häuschen. Sie stürzten sich mitten zwischen unsre Reihen, überhäuften uns mit Segenswünschen, die in ihrem surrenden westlichen Dialekt gar seltsam klangen, und umarmten abwechselnd uns und unsre Pferde.

Für die Erquickung unsrer erschöpften Mannschaft war schnell gesorgt. In einem langen, leeren Wollschuppen wurden dicke Strohbunde zur Streu aufgeschüttet, kalte Fleischspeisen und Weißbrot in Menge, zusamt einem Faß Ale herbeigeschafft. Wir Anführer ritten durch die erregte, handschüttelnde Volksmasse die Oststraße hinab bis zum »Weißen Hirsch«, verzehrten hastig einen Imbiß und streckten dann unsre steifen Glieder auf das Lager. Bis in unsre tiefsten Träume aber drang noch der Jubel der Bürger, die, nachdem sie zunächst Lord Sunderland und Gregory Alford, den Bürgermeister von Lyme, in effigie verbrannt hatten, sich bis zum grauenden Morgen mit dem Absingen von Volksliedern und puritanischen Psalmen vergnügten.

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