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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 16
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
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secondcorrectorGerd Bouillon
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XV.

Unser Zusammenstoß mit den Königsdragonern.

Vor uns, in einiger Entfernung, mündete eine Seitenstraße in diejenige, auf welcher wir und unsre buntgemischte Schar dahinzogen. Diese Straße schlängelte sich den Hang eines reich bewaldeten Hügels hinab, und dann noch eine Viertelmeile über ebenes Land, ehe sie sich mit der andern vereinigte. Gerade oben, am Rande des hohen Landrückens stand ein dichtes Gehölz, zwischen dessen Stämmen es hin und wieder hervorschimmerte, wie von funkelndem Stahl. Unzweifelhaft bedeutete das die Anwesenheit von Bewaffneten. Weiterhin, wo der Weg plötzlich einen Bogen machte und am Hügelrande entlang lief, konnte man mehrere Reiter erkennen, deren Gestalten sich deutlich vom Abendhimmel abhoben. So friedlich lag aber die weite Landschaft vor uns, weich umflossen vom goldnen Licht der sinkenden Sonne, mit hie und da aus den Bäumen hervorlugenden Dorfkirchtürmen und Herrenhäusern, daß man sich kaum vorzustellen vermochte, die Donnerwolke des Krieges lagere über diesem holden Thale und könne jeden Augenblick den zündenden Blitz versenden.

Die Landleute hatten aber sofort die Gefahr begriffen, der sie ausgesetzt waren. Ein Angstgeheul erscholl aus den Reihen der von Westen kommenden Flüchtlinge. Sie rannten blindlings die Straße hinunter oder peitschten ihre Lasttiere weiter, um womöglich in sichere Entfernung zu gelangen, ehe der drohende Angriff stattfand. Das wilde Durcheinanderschreien und Rufen, das Klatschen der Peitschen, das Knarren der Räder und das Krachen zusammenbrechender Lastkarren machte einen wahrhaft betäubenden Lärm, der nur von den kurzen, scharfen Mahn- und Kommandoworten unsres Anführers hell übertönt wurde. Als jedoch plötzlich vom Walde her lautes Trompetengeschmetter erscholl, und der Vortrab einer Reiterabteilung den Hang hinabgeritten kam, wurde die Panik allgemein, und es schien fast unmöglich, einige Ordnung in das wilde Gerase der erschreckten Flüchtlinge zu bringen.

»Halt den Karren da auf, Clarke,« schrie Saxon heftig und wies mit seinem Schwert auf einen alten, mit Möbeln und Betten hochbepackten Lastwagen, der von zwei knochendürren jungen Pferden gezogen dahinrumpelte. Zugleich sah ich, wie er selbst zwischen die Menge hineinsprengte und die Zügel eines ähnlichen Gespannes ergriff. Ich trieb Covenant an, war bald neben dem mir angewiesenen Fuhrwerk und zwang die wütenden Gäule zum Stehen.

»Hierher damit!« rief Saxon, der mit einer Kaltblütigkeit zu Werke ging, wie nur eine lange kriegerische Lehrzeit sie geben kann. »So, Freunde, jetzt schneidet die Sielen durch!« Ein Dutzend Messer waren sogleich damit beschäftigt, und die stampfenden, bäumenden Tiere jagten davon, froh der Last ledig zu sein. Saxon sprang nun vom Pferde und ging mit gutem Beispiel voran, indem er eigenhändig den Wagen quer über die Straße zog, während mehrere Bauern unter der Leitung Ruben Lockarbys und Josua Pettigrues mit ein paar andern Fuhrwerken weiter unten den Weg blockierten. Diese letztere Vorsichtsmaßregel sollte uns gegen einen Angriff der Königsdragoner, falls diese durch die Wiesen ritten und uns in den Rücken fielen, Schutz gewähren. So rasch war der Plan gefaßt und ausgeführt, daß wir uns wenige Minuten nach dem ersten Alarm hinter einer, die Front und den Rücken deckenden, hochgetürmten Barrikade befanden mit einer Besatzung von hundertundfünfzig Mann innerhalb dieser improvisierten Festung.

»Wie viel Feuergewehre sind vorhanden?« fragte Saxon schnell.

»Zehn oder zwölf Pistolen höchstens,« antwortete der ältliche Puritaner, den die andern als Hope-aboveHoffnung-droben. Williams anredeten. »John Rodwey, der Fuhrmann, hat seine Blunderbüchse. Dann sind auch noch zwei fromme Männer aus Hungerford da – Wildhüter – die haben ihre Gewehre mitgebracht.«

»Hier sind sie, Herr,« rief ein andrer und zeigte auf zwei stämmige Kerle, die soeben die Ladung in ihre langläufigen Büchsen stießen, »Sie heißen Wat und Nat Millmann!«

»Zwei, die ihr Ziel treffen können, sind mehr wert, als ein ganzes Bataillon, das vorbeischießt,« bemerkte unser Führer. »Kriecht unter die Wagen, Freunde, und stützt den Gewehrlauf auf die Radspeichen. Drückt nicht eher ab, als bis die Belialskinder drei Pikenlängen von euch entfernt sind.«

»Mein Bruder und ich,« sagte einer der beiden, »wir treffen das fliehende Reh auf zweihundert Schritt. Unser Leben steht in des Herrn Hand, aber zwei dieser geworbnen Schlächter werden wir wenigstens vor uns herschicken.«

»Und zwar ebenso gern, wie wir jemals die Wildkatze und das Wiesel weggeschossen haben!« rief der andre, indem er unter den Lastwagen schlüpfte. »Jetzt hüten wir den Wildpark des Herrn, Bruder Nat, und wahrlich die da drüben gehören zu dem schlimmsten Raubzeug, das ihn heimsucht!«

»Alle, die Pistolen haben, stellen sich längs des Wagens auf,« kommandierte Saxon und band seine Stute an die Hecke, was wir alle ihm nachthaten, »Clarke, Ihr besetzt die rechte Seite mit Sir Gervas; Lockarby und Pastor Pettigrue die linke. Ihr andern nehmt Steine und stellt euch dahinter auf. Sollten sie unsre Barrikade durchbrechen, so haut mit den Sensen nach den Pferden. Liegen die Kerls erst unten, so sind sie euch nicht gewachsen.«

Ein dumpfes, grollendes Gemurmel, das ihre feste Entschlossenheit bezeugte, lief durch die Reihen der Bauern, untermischt mit frommen Ausrufen und abgerissenen Gebets- und Liederworten. Jeder hatte jetzt unter seinem Kittel irgend eine ländliche Waffe hervorgeholt. Zehn oder zwölf hatten alte Stutzbüchsen oder Petronels, die nach ihrem antiken Aussehen und verrostetem Zustande zu schließen ihrem Besitzer gefährlicher zu werden drohten, als dem Feinde. Andre hatten Sicheln, Sensen, Flegel, Halbpiken oder Hammer, und die übrigen führten lange Messer und Eichenknüttel.

So einfach diese Waffen waren, die Geschichte hat bewiesen, daß sie in Händen von religiösen Fanatikern keineswegs zu verachten sind. Man brauchte nur die strengen entschlossenen Gesichter unsrer Mannschaft, die Glut frohlockender Erwartung, die aus ihren Augen leuchtete, anzusehen, um zu wissen, daß sie nicht die Männer waren, die vor der Überzahl oder überlegener Bewaffnung zurückbeben würden.

»Bei allen Göttern!« flüsterte mir Sir Gervas zu, »das ist prachtvoll! Eine Stunde hier wiegt ein ganzes Jahr im MallName einer ehemals fashionablen Allee in London, wo mit Kolben und Kugeln das Mailspiel gespielt wurde. auf. Der alte puritanische Bulle ist richtig gestellt. Wir wollen doch sehen, was die Bullenbeißer thun werden, um ihn mürbe zu hetzen! Wollen wir wetten? Ich setze fünf Goldstücke auf unsre Bauerntölpel.«

»Nein doch, auf so etwas wettet man nicht,« sagte ich kurz; denn sein leichtsinniges Geschwätz war mir in einem so feierlichen Augenblick höchst zuwider.

»Na, denn fünf gegen vier auf die Soldaten!« beharrte er. »Es ist ein zu gleiches Spiel, um nicht einen Einsatz für die eine oder die andre Partei zu wagen.«

»Unser Leben ist der Einsatz,« sagte ich.

»Meiner Treu, das hatte ich ganz vergessen!« erwiderte er und kaute an seinem Zahnstocher. ›Sein, oder nicht sein?‹ sagt Will von Stratford. Die Stelle war immer Kynastons Bravourstück. Aha, da klingelt es – der Vorhang geht auf!«

Während wir noch unsre Dispositionen trafen, war die Schwadron – denn augenscheinlich war es nur eine – den Seitenweg heruntergetrabt und hatte auf der Hauptstraße Stellung genommen. Sie zählten etwa neunzig Mann, soweit ich urteilen konnte, und waren an ihren dreieckigen Hüten, Stahlrüstungen, roten Ärmeln und weißen Bandelieren als Dragoner der regulären Armee zu erkennen. Die Hauptschar hielt eine Viertelmeile von uns, während drei Offiziere vor die Front ritten und eine kurze Beratung pflogen, die damit endete, daß der eine von ihnen seinem Roß die Sporen gab und auf uns zu galoppierte. Ein Hornist folgte ihm mit einem weißen Tuch und gelegentlichem Trompetenstoß.

»Da kommt ein Parlamentär,« rief Saxon, der hoch oben auf dem Wagen stand. »Wohlan, meine Brüder, wir haben weder Kesselpauke noch klingendes Erz, aber wir haben das Instrument, womit die Vorsehung selbst uns begabt hat. Laßt uns den Rotröcken zeigen, daß wir es zu gebrauchen verstehen:

»Wer fürchtet noch des Zorn'gen Stahl,
Wer scheut des Stolzen Wut,
Soll weichen ich der Überzahl
Wenn ich in seiner Hut?«

Über hundert Stimmen fielen mit heiserem Gebrüll im Chore ein:

»Wir singen laut mit hohem Ton:
Hie Schwert des Herrn und Gideon!«

In diesem Augenblick wurde mir klar, warum die Spartaner den lahmen Sänger Tyrtäus ihren erfolgreichsten Feldherrn nannten. Der Klang ihrer eignen Stimmen hob die Zuversicht der Landleute; die kriegerischen Worte des alten Liedes erweckten unerschütterlichen Mut in ihrer Brust. So hoch schwoll ihre Kampfesfreudigkeit, daß sie mitten im Gesange abbrachen, einen lauten kriegerischen Schlachtruf ausstießen und ihre Waffen hoch über ihre Häupter schwangen, bereit, wie ich wirklich glaube, die schützende Barrikade zu verlassen und geradeswegs auf die Reiter loszugehen.

Während dieses Gelärms und Getöses ritt der junge Dragoneroffizier, ein hübscher, brünetter, kaum dem Knabenalter entwachsener Bursche, furchtlos bis dicht an die Wagenburg, zügelte seinen prächtigen Rotschimmel und hob, Stillschweigen gebietend, mit befehlender Gebärde die Hand empor:

»Wer ist der Anführer dieses Konventikels?« fragte er.

»Richtet Euren Auftrag an mich aus, mein Herr,« sagte Saxon von der Höhe seines Lastwagens herab, »aber merkt Euch eins, Eure weiße Fahne schützt Euch nur so lange, wie Ihr Eure Reden innerhalb der Grenzen haltet, welche die kriegerische Höflichkeit gegen den Gegner vorschreibt. Und nun sagt, was Ihr zu sagen habt.«

»Höflichkeit und Ehre;« sagte der Offizier höhnisch, »verschwendet man nicht an Rebellen, die gegen ihren rechtmäßigen Herrscher in Waffen stehn. Wenn Ihr der Anführer dieser Bande seid, so thue ich Euch hiermit kund, daß, falls sie nicht binnen fünf Minuten nach dieser Uhr« – er zog einen eleganten goldnen Chronometer heraus – »auseinander gegangen sind, wir herunter reiten und sie in Stücke hauen werden.«

»Der Herr verläßt die Seinen nicht,« antwortete Saxon, und ein grimmes Beifallsgemurmel erscholl aus der Menge. »Ist das alles, was Ihr zu sagen habt?«

»Alles. Und übergenug, wie du bald merken wirst, du Schuft von einem Presbyterianer!« rief der Dragonerkornett. »Ihr verführten Thoren, hört mich an!« fuhr er fort, indem er sich in den Steigbügeln erhob und die Bauern innerhalb der Wagenburg anredete. »Was denkt ihr mit euern Taschenmessern und Käsekratzern auszurichten? Ihr könnt aber eure Haut retten, wenn ihr eure Anführer ausliefert, das, was ihr eure Waffen nennt, niederlegt, und euch der Gnade des Königs anvertraut.«

»Ihr überschreitet die Grenzen Eurer Privilegien,« sagte Saxon, zog eine Pistole aus dem Gürtel und spannte den Hahn. »Noch ein Wort, um die Leute zu verführen, und ich schieße.«

»Hofft nicht, Monmouth erreichen zu können,« rief der junge Offizier, ohne sich an die Drohung zu kehren, und noch einmal die Bauern anredend, »die ganze königliche Armee ist im Begriff, ihn einzuschließen, und –«

»Nehmt Euch in Acht!« rief unser Anführer mit tief dröhnender rauher Stimme.

»Sein Kopf wird binnen vier Wochen über das Schaffot rollen,« schloß der Kornett.

»Aber du sollst nicht leben, um das zu sehen!« sagte Saxon, beugte sich vor und zielte genau nach des Dragoners Kopf. Beim Blitz und Knall der Pistole warf der Trompeter sein Pferd herum und jagte Hals über Kopf zurück. Der Rotschimmel wandte auch, sein Herr saß fest im Sattel.

»Wahrlich, du hast den Midianiter verfehlt!« rief Hoffnung-droben Williams.

»Er ist tot,« entgegnete Saxon und lud seine Pistole von neuem. »Es ist so Kriegsrecht, Clarke,« fügte er hinzu und sah sich nach mir um. »Er hatte es verletzt und mußte dafür büßen.«

Während er sprach, sah ich, wie der junge Offizier langsam im Sattel vornüber sank, dann plötzlich das Gleichgewicht verlor und schwer auf die Straße herabstürzte. Durch die Wucht seines Falles überschlug er sich zweimal und blieb zuletzt still und regungslos liegen, etwa auf halbem Wege zu seinen Freunden, ein staubbedecktes Häuflein Erde.

Bei diesem Anblick brachen die Soldaten in ein lautes Wutgeheul aus, das die puritanischen Landleute mit trotzigem Hohngeschrei erwiderten.

»Werft euch nieder!« rief Saxon, »sie werden gleich eine Salve abgeben.«

Das Knattern der Musketen und ein Kugelregen, der über den steinigen Boden pfiff und rechts und links Zweige von den Hecken riß, gab dem Befehl des Führers Nachdruck. Manche Bauern verkrochen sich hinter die Federbetten und Tische, die von den Karren gerissen worden waren. Einige lagen in den Wagen selbst, und einige suchten hinter oder unter ihnen Schutz. Wieder andre lagen reihenweise in den Gräben oder auch flach auf der Straße, während einige wenige ihr Vertrauen auf das Wirken der Vorsehung dadurch bezeugten, daß sie aufrecht stehend sich dem Kugelregen aussetzten, ohne zu zucken. Unter den letzteren waren Saxon und Sir Gervas, der erste, um seinen ungeübten Truppen ein Beispiel zu geben, der letztere aus reiner Trägheit und Gleichgültigkeit.

Ruben und ich saßen im Graben, und ich kann euch versichern, lieben Kinder, daß wir eine unwiderstehliche Neigung fühlten, uns zu ducken, als wir die Kugeln um uns herum pfeifen hörten. Nachdem wir jedoch ein paar Minuten still und starr gesessen hatten, verschwand diese Empfindung vollständig und ist bis heute nicht wiedergekehrt. Ihr seht, die Gewohnheit stumpft ab gegen Kugeln, wie gegen manche andern Dinge. Wenn man auch nicht gerade dahin gelangt, eine Vorliebe für sie zu gewinnen, wie der König von Schweden, oder Lord Cutts, so ist's doch nicht so gar schwer, sie zu verachten.

Der Tod des Parlamentärs blieb nicht lange ungerächt. Ein kleiner alter Sichelträger, der neben Sir Gerdas stand, schrie auf, machte einen Luftsprung, fiel mit dem Ruf: ›Ehre sei Gott in der Höhe!‹ flach aufs Gesicht und war tot. Eine Kugel hatte ihn gerade über dem rechten Auge getroffen. Fast im selben Augenblick wurde ein Bauer im Wagen durch die Brust geschossen. Ein Blutstrom drang aus seinem Munde und floß über das Rad hinunter. Herr Josua Pettigrue hob ihn mit seinen langen Armen auf und schob ihm ein paar Kissen unter den Kopf. So lag er denn schwer atmend da und stammelte abgerissene Gebetsworte. Der Geistliche erwies sich während des Kampfes als ein ganzer Mann, denn mitten in dem Feuerhagel schritt er furchtlos auf und nieder, das blanke Schwert in der Linken – denn er war links – und die Bibel hoch in der Rechten.

»Für diese hier geht ihr in den Tod, lieben Brüder,« rief er unablässig und hob den braunen Lederband in die Höhe; »seid ihr nicht bereit, den Tod darum zu leiden?«

Und jedesmal, wenn er die Frage that, erklang eine gedämpfte, leidenschaftliche Zustimmung aus den Gräben, von der Straße, und von den Wagen.

»Sie zielen wie die Bürstenbinder beim Vogelschießen,« sagte Saxon und setzte sich auf den Bretterrand des Karrens. »Wie alle ungeübten Soldaten zielen sie zu hoch. Als ich einst Adjutant war, pflegte ich immer herumzugehn und die Gewehrläufe so lange herunterzudrücken, bis mein Auge mir sagte, daß sie die gerade Linie hielten. Die Schufte bilden sich ein, sie haben das Ihrige gethan, wenn sie nur losknallen, ob sie nun den Kiebitz in der Luft treffen, oder uns.«

»Fünf von den Gläubigen sind bereits gefallen,« sagte Hoffnung-droben Williams. »Wollen wir nicht einen Ausfall machen und wider die Kinder des Antichrists streiten? Sollen wir hier liegen und wie ebensoviele hölzerne Adler bei der Kirchweih den Dragonern zur Zielscheibe dienen?«

»Da drüben am Hügel liegt eine massiv gebaute Scheune,« bemerkte ich. »Wenn wir, die wir Pferde haben, und ein paar andre den Feind beschäftigten, könnten am Ende die Leute sie erreichen und so vor dem Feinde geschützt sein.«

»Laßt wenigstens meinen Bruder und mich ein paar Schüsse erwidern,« rief einer der Jäger unterm Rade.

Auf alle Bitten und Vorschläge antwortete unser Führer indes nur mit einem Kopfschütteln, und fuhr fort, mit seinen langen Beinen über den Wagenrand zu baumeln, die Augen unverrückt auf die Reiter geheftet, von denen einige abgestiegen waren und den Karabiner auf die Kruppen ihrer Rosse stützten.

»So kann das nicht weiter gehen, bester Herr,« sagte jetzt auch der Pastor mit leiser eindringlicher Stimme, »schon wieder sind zwei Männer getroffen.«

»Und wenn noch fünfzig getroffen werden, wir müssen warten, bis sie attackieren,« antwortete Saxon. »Was wollt ihr denn machen? Wenn ihr diese Schutzwehr verlaßt, werdet ihr total versprengt und vernichtet. Wenn ihr erst so viel vom Kriegswesen werdet gesehn haben, wie ich, da werdet ihr wissen, daß man das Unvermeidliche mit Ruhe tragen muß. Ich erinnere mich einer ähnlichen Affaire wie diese. Die Nachhut oder Arrieregarde der kaiserlichen Truppen wurde von Kroaten, die im Solde des Großtürken standen, verfolgt. Ich verlor meine halbe Compagnie, ehe es mit den erkauften Renegaten zum Handgemenge kam. – Ha, meine braven Jungens, jetzt sitzen sie auf! Jetzt haben wir nicht mehr lang' zu warten!«

Die Dragoner schwangen sich in der That eben in die Sättel und formierten sich quer über die Straße, offenbar in der Absicht, uns anzugreifen. Zugleich aber lösten sich etwa dreißig Mann von dem Gros und trabten rechts ab in das Feld. Saxon brummte einen kräftigen Fluch in den Bart, als er das bemerkte.

»Sie verstehn doch etwas vom Kriegshandwerk,« sagte er. »Sie wollen uns in Front und Flanke zugleich angreifen. Herr Josua, Eure Sensenmänner müssen eine Linie vor der dichten Hecke rechts bilden. Stehet fest, meine Brüder, und erschreckt nicht vor ihren Rossen. Ihr da, ihr Männer mit den Sicheln, legt euch in den Graben und schneidet den Bestien in die Beine. Dahinter stellt sich eine Reihe Männer mit Wurfsteinen auf. Ein schwerer Stein thut auf kurze Entfernung dieselben Dienste wie eine Kugel. Wenn ihr eure Weiber und Kinder widersehn wollt, so haltet die Hecke gegen die Reiter. Nur zum Frontangriff. Jeder Mann, der eine Feuerwaffe führt, kommt in den Wagen. Zwei von den eurigen, Clarke, und Lockarby, zwei von euren Leuten. Ich kann auch einen abgeben. Das macht fünf. Hier sind noch zehn von der Sorte und drei Musketen. Im ganzen zwanzig Schuß. Habt Ihr keine Pistolen, Sir Gervas?«

»Nein, aber ich kann mir ein Paar holen,« sagte unser Gefährte, sprang auf sein Pferd, zwängte sich durch den Graben an der Barrikade vorbei und sprengte die Straße entlang gerade auf die Dragoner zu.

Das geschah alles so plötzlich und unerwartet, daß sekundenlang eine Totenstille eintrat. Dann aber brach ein Geheul des Hasses und der Verwünschungen aus den Reihen der Bauern.

»Erschießt ihn! Schießt ihn nieder, den falschen Amalekiter!« schrieen sie. »Er will sich zu seinesgleichen thun! Er hat uns in die Hände unsrer Feinde geliefert! Judas! Judas!«

Die Reiter hingegen, die sich eben zum Angriff formiert hatten, und nur abwarteten, bis die Flankenabteilung ihre Stellung eingenommen haben würde, hielten regungslos stille, da sie nicht wußten, was sie von dem glänzend gekleideten Kavalier denken sollten, der ihnen mit verhängten Zügeln entgegen jagte.

Wir blieben indes nicht lange im Zweifel. Nicht sobald hatte nämlich Sir Gervas die Stelle erreicht, wo der Kornett gefallen war, als er vom Pferde sprang und dem Toten die Pistolen sowohl, wie den Gürtel mit Pulver- und Kugeltasche abnahm. Unter einem wahren Hagel von Geschossen, der rings um ihn her den weißen Staub aufwirbelte, stieg er dann gemächlich wieder zu Pferde, ritt bis nahe an die Dragoner heran und schoß beide Pistolen auf sie ab. Darauf warf er sein Roß herum, lüpfte höflich den Federhut und galoppierte zu uns zurück, ohne bei seinem kecken Abenteuer einen Schaden erlitten zu haben, obgleich eine Kugel seines Pferdes Hufhaar gestreift und eine zweite in seinen Rockschoß ein Loch gemacht hatte.

Die Bauern erhoben ein Jubelgeschrei, als er in die Wagenburg einritt, und von diesem Augenblick an mochte unser Freund sich ruhig so bunt ausstaffieren und benehmen wie er wollte, ohne in den Verdacht zu kommen, daß er ›Satans Livrey‹ trage, oder es an Eifer für die Sache der Heiligen fehlen lasse.

»Sie kommen!« rief Saxon. »Kein Mann drückt los, bis er mich schießen sieht. Wer's thut, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf und wär's mein letzter Schuß und die Dragoner mitten unter uns!«

Als unser Führer diese Drohung ausstieß und einen grimmen Blick in die Runde schweifen ließ, der den unerschütterlichen Vorsatz, sein Wort zu halten, ausdrückte, da klang gellendes Horngeschmetter aus dem drüben haltenden Haufen zu uns herüber, und wurde von unsrer Flanke her beantwortet. Auf dies Signal setzten beide Teile den Pferden die Sporen in die Weichen und sprengten in rasendem Galopp auf uns an. Die im Felde wurden ein paar Minuten durch den weichen, sumpfigen Boden unmittelbar vor ihnen aufgehalten und in Unordnung gebracht, aber nachdem sie sich hindurch gearbeitet hatten, formierten sie sich auf der andern Seite von neuem und ritten wacker auf die Hecke los.

Unsre Angreifer in der Front hatten den geraden Weg vor sich. Sie verlangsamten ihren Schritt keinen Augenblick. Mit dröhnendem Hufschlag, rasselnder Rüstung und lauten Flüchen auf den Lippen donnerten sie auf unsre Verschanzung zu.

O meine Kinder! wenn man im hohen Alter so etwas zu beschreiben versucht, um andern ein Bild von dem zu geben, was man erlebt hat, dann wird es einem erst klar, über einen wie kleinen Vorrat von Worten ein einfacher Mann für den täglichen Gebrauch verfügt. Zu so gesteigerten Ansprüchen will er eben nicht recht ausreichen. Obgleich ich in diesem Augenblick klar und deutlich die weiße Straße in Sommersetshire vor mir sehe, darauf den wild heranbrausenden Reitertrupp, die zornroten Gesichter der Männer, die weit offenen Nüstern der Pferde, und all das umwogt und umrahmt von dichten Staubwolken, so darf ich doch kaum hoffen, es euren jungen Augen ebenso deutlich zu machen, die noch nie eine solche Scene gesehen, und hoffentlich auch nie sehen werden. Auch wenn ich an die Töne denke – zuerst ein bloßes Klirren und Rasseln, das aber an Kraft und Fülle mit jedem Schritt immer zunahm, bis es endlich um uns her erscholl, wie ein donnerndes Dröhnen und Brausen, das den Eindruck einer unwiderstehlichen Gewalt machte – dann fühle ich, wie ohnmächtig meine schwachen Worte sind, um das alles euch anschaulich zu machen.

Unerfahrenen Soldaten, wie uns, kam es schier unmöglich vor, daß unsre wackelige Verschanzung und geringen Waffen auch nur für einen Augenblick dem Ansturm und der Wucht der Dragoner standhalten könne, Rechts und links vor mir sah ich in bleiche starre Gesichter mit weit offenen Augen, zwar fest, unerschrocken und trotzig, aber es war mehr ein Trotz der Verzweiflung als der Hoffnung. Ringsum ertönten Ausrufe und Gebete.

»O Herr, errette dein Volk!«
»Erbarme dich, o Herr, erbarme dich!«
»Sei mit uns heute, o Herr, an diesem Tage!«
»Nimm unsern Geist auf, o Vater der Barmherzigkeit!«

Saxon lag quer über dem Wagen. Seine Augen zuckten Lichtfunken wie Brillanten. Starr und steif hielt sein langer Arm die Reiterpistole vorgestreckt. Seinem Beispiel folgend zielten wir alle so fest als möglich auf die erste Reihe der Feinde. Unsre ganze Hoffnung bestand darin, diese eine Salve so tödlich zu machen, daß die Schlachtlinie unsrer Gegner erschüttert und sie unfähig gemacht wurden, den Angriff fortzusetzen.

Warum schoß der Mensch nur immer noch nicht?

Sie konnten kaum zehn Schritt von uns entfernt sein. Ich vermochte deutlich die Knäufe am Harnisch der Männer zu erkennen und ihre Patronen am Bandelier. Noch ein Sprung – da endlich blitzte des Anführers Pistol. Wir folgten mit einer dichten Salve, die von einem Hagel schwerer Steine durch die hinter uns stehenden Bauern unterstützt wurde. Ich hörte sie auf Kasket und Küraß prasseln, wie ein Hagelschauer an die Fensterscheiben.

Die Staubwolke, welche uns einer kurzen Augenblick lang die Reihe der ansprengenden Rosse verschleierte, verzog sich langsam und zeigte ein gänzlich verändertes Bild.

Etwa ein Dutzend Menschen und Pferde kollerten am Boden in einem blutenden, wildbewegten Knäul, während die Unverwundeten über die von unsern Kugeln und Steinen Getroffenen stürzten. Hauende, schnaubende Rosse, eisenbeschlagene Hufe, wankende Gestalten, die sich aufrichteten und wieder hinfielen. Männer mit wildfliegendem Haar, erschrocken und halb betäubt vom Sturz, ungewiß, wohin sie sich wenden sollten – das war der Vordergrund des Bildes. Dahinter erblickte man den Rest der Truppe, die wie toll zurückritt, getrieben von dem Wunsch, einen ungefährdeten Ort zu erreichen, an dem die aufgelöste Ordnung wiederhergestellt werden konnte.

Die entzückten Bauern erhoben ein gewaltiges frohlockendes Dankgeschrei, sprangen über den Verhau und erschlugen oder fingen die wenigen unverletzten Soldaten, die ihre Kameraden auf ihrer Flucht entweder nicht hatten begleiten können oder mögen. Die Sieger bemächtigten sich voll Eifer der Karabiner, Schwerter und Patrontaschen, denn da mancher von ihnen in der Miliz gedient hatte, wußten sie die gewonnenen Waffen wohl zu gebrauchen.

Allein der Sieg war damit noch keineswegs ein vollständiger. Die Abteilung, die bestimmt war, uns in der Flanke zu nehmen, ritt jetzt kühn auf die Hecke los, und eine ganze Anzahl hatte sich einen Weg hindurch gebahnt trotz der dicht fliegenden Steine und des verzweifelten Hauens und Stechens der Piken- und Sensenmänner. Nachdem sie einmal in die Stellung der Bauern eingedrungen waren, gaben ihre langen Schwerter und volle Rüstung den Dragonern das entschiedene Übergewicht, und obgleich die Sicheln mehrere Pferde zu Falle brachten, fuhren die Soldaten doch zu kämpfen fort und drängten ihre Gegner trotz ihres wildentschlossenen, aber durch schlechte Bewaffnung erschwerten Widerstandes zurück.

Ein Dragonersergeant, ein sehr entschlossener und enorm starker Mensch, augenscheinlich der Anführer der Abteilung, feuerte seine Leute durch Wort und Beispiel an. Ein Pikenstich brachte sein Pferd zu Fall, aber er sprang, während es stürzte, aus dem Sattel und rächte seinen Tod durch einen mächtig ausholenden Streich seines breiten Schwertes. Den Hut in der Linken schwingend sammelte er seine Mannschaften um sich und schlug jeden Puritaner nieder, der gegen ihn an wollte, bis endlich ein Beilhieb ihn auf die Knie warf und ein Schlag mit einem Dreschflegel sein Schwert dicht am Griff zerbrach. Als die Dragoner ihren Führer fallen sahen, wandten sie sich und flohen durch die Hecke, aber der brave Junge hörte trotz Blut und Wunden nicht auf, sich zu verteidigen, und würde unfehlbar den Gnadenstoß erhalten haben, wenn ich ihn nicht aufgehoben und in den Wagen geworfen hätte, wo er so vernünftig war, bis zum Ende des Scharmützels still liegen zu bleiben.

Von denen, welche die Hecke durchbrachen, entkamen nicht mehr als vier, und draußen lagen noch verschiedene Tote und Verwundete, die den Sensen erlegen, oder durch die Steine aus dem Sattel geschleudert worden waren. Im Ganzen waren neun Dragoner erschlagen und vierzehn verwundet, dazu kamen noch sieben unverletzte Gefangene, die wir gemacht, zehn noch brauchbare Pferde, etwa zwanzig oder mehr Karabiner und ein hübscher Vorrat an Pulver und Kugeln.

Die Schwadron gab noch eine einzige, ungleichmäßige und verzettelte Salve ab, galoppierte dann den Kreuzweg hinan und verschwand zwischen den Bäumen, hinter welchen sie vorhin aufgetaucht war.

Dieser Triumph war indes nicht ohne schwere Verluste auf unsrer Seite errungen worden. Durch das Kleingewehrfeuer im Anfang waren drei Mann getötet und sechs verwundet worden, einer davon sehr schwer. Fünf waren bei dem Flankenangriff der Reiter niedergehauen, und von diesen konnte nur einer hoffen geheilt zu werden. Dazu hatte ein Mann durch das Platzen einer alten verrosteten Flinte das Leben eingebüßt, und einem andern hatte der Hufschlag eines Pferdes den Arm zerschmettert. Unser Gesamtverlust belief sich also auf acht Tote und ebensoviel Verwundete. Freilich durften wir diese Zahl für eine sehr geringe ansehn, wenn wir die Erbitterung des Kampfes und die Überlegenheit des Feindes in militärischer Schulung wie Ausrüstung in Betracht zogen.

Die Bauern waren so stolz auf ihren Sieg, daß die, welche Pferde erbeutet hatten, ungestüm forderten, die Dragoner verfolgen zu dürfen, um so mehr, als Sir Gervas und Ruben darauf brannten, sie zu führen. Allein Decimus Saxon schlug es ihnen rundweg ab. Ebensowenig Erfolg hatte bei ihm Pettigrues Vorschlag, in seiner Eigenschaft als Pastor unverzüglich den Wagen zu besteigen und die Gelegenheit zu einer salbungsvollen und erbaulichen Ansprache zu benutzen.

»Es ist wahr, mein verehrter Herr Pastor,« sagte Decimus zu ihm, »daß wir dem Herrn der Heerscharen Lob und Preis schuldig sind und viel süße und heilige Zwiesprache mit ihm halten sollten zum Dank für diesen Segen, den er ausgegossen hat über Israel, aber noch ist die Zeit nicht gekommen, es gemeinsam zu thun. Alles hat seine Stunde – die Arbeit hat ihre Stunde und das Gebet hat seine Stunde. Hör mal, guter Freund« – wandte er sich zu einem der Gefangenen – »zu welchem Regiment gehörst du?«

»Ich brauche Eure Fragen nicht zu beantworten,« entgegnete der Mann mürrisch.

»So? na dann wollen wir doch mal sehn, ob eine Schnur um deinen Skalp, mit dem Trommelschläger ein paarmal 'rumgedreht, dich den Gebrauch deiner Zunge finden lassen wird,« sagte Saxon. Dabei brachte er sein Gesicht dem Gefangenen so nahe und stierte ihm mit so wütendem Ausdruck in die Augen, daß der Mann erschrocken zurückwich.

»Es ist eine Schwadron vom zweiten Dragonerregiment,« gestand er.

»Wo steht das Regiment selbst?«

»Wir verließen es am Kreuzweg zwischen Ilchester und Langport.«

»Hört ihr?« sagte unser Führer, »Wenn wir nicht eilen, summt uns der ganze Schwarm bald um die Ohren. Legt die Toten und Verwundeten in die Karren, wir können ein paar Dragonerpferde worspannen. Wir sind nicht eher in Sicherheit, als hinter den Wällen von Taunton.«

Sogar Herr Josua erkannte, daß die Dringlichkeit der Sachlage keine Zeit für eine Andachtsübung übrig ließ. Die Verwundeten wurden auf den Lastwagen gehoben und auf Betten gelegt, während die Toten auf dem Karren Platz fanden, der unsern Rücken gedeckt hatte. Die Bauern, denen diese Gefährte gehörten, weit entfernt, sich gegen diese Besitzergreifung ihres Eigentums zu wehren, erwiesen sich vielmehr in jeder Weise hilfreich, zogen die Gurten fest und strängten die Pferde an.

Eine Stunde, nachdem das Gefecht vorüber war, befanden wir uns von neuem auf dem Marsche und blickten nur von Zeit zu Zeit durch die Abenddämmerung nach den dunklen Flecken auf der weißen Straße zurück, wo die Leichen der gefallenen Dragoner den Schauplatz unsres Sieges bezeichneten.

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