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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 15
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XIV.

Der steifbeinige Pfarrer und seine Herde.

Unsre Straße führte durch Castle Carey und Somerton, zwei kleine Städte, die inmitten des schönsten Weidelandes liegen, das von waldigen Höhen begrenzt und von zahlreichen Bächen durchströmt wird. Die reichen, üppigen Thäler, durch welche die Straße sich windet, werden gegen Stürme durch langgedehnte, wellige Hügel geschützt. Hin und wieder lugten zwischen hohen Bäumen die epheuüberwucherten Türme eines alten Schlosses oder die spitzen Giebel eines weitläufigen Landhauses, die Herrensitze angesehener Adelsfamilien hervor. Mehr als einmal, wenn die Gebäude unfern der Straße lagen, konnten wir die noch nicht ausgebesserten Löcher und Risse in den Mauern erkennen, die aus den stürmischen Zeiten der Bürgerkriege stammten. Ich glaube, Fairfax war hier vorbeigezogen und hatte reichliche Spuren seines Besuchs hinterlassen. Wenn mein Vater mit uns geritten wäre, würde er gewiß von diesen Denkmälern puritanischen Zornes viel zu erzählen gewußt haben.

Die Straße war sehr belebt. Es kreuzten sich auf ihr zwei starke Strömungen von reisenden Bauern – die eine von Ost nach West, die andre von West nach Ost. Die letztere bestand hauptsächlich aus hochbetagten Leuten und Kindern, die vor der drohenden Kriegsfackel nach weniger gefährdeten Grafschaften flüchteten, bis die Unruhen vorüber sein würden. Viele dieser Armen schoben Karren vor sich her, in denen ein paar Betten und etwas elendes Geschirr ihr ganzes irdisches Besitztum darstellten. Andere, wohlhabendere hatten kleine zweirädrige Fuhrwerke mit wilden zottigen Füllen bespannt, wie sie auf den Heiden von Somerset gezüchtet werden. Bei dem Übermut der nur halb gezähmten jungen Tiere und der schon schwachen Hand der Fuhrleute waren Unfälle nichts Seltenes; wir kamen an mehreren Verunglückten vorbei, die mitsamt ihrer ganzen Habe im Graben lagen, oder die in sorgenvoller Beratung eine zerbrochene Deichsel oder eine zersprungene Achse umstanden.

Die Landleute, die westwärts zogen, waren dagegen Männer in den besten Jahren mit wenig oder gar keinem Gepäck. An ihren braunen Gesichtern, plumpen Stiefeln und Kitteln erkannte man die meisten als Knechte und Tagelöhner, doch hin und wieder trafen wir auf solche Männer, deren Stulpenstiefel und manchesterne Hosen den kleinen Pachter oder den Yeoman (Freisassen) verrieten. Diese marschierten truppweise und waren meist mit starken eichnen Knotenstöcken bewaffnet, die ihnen scheinbar zur Stütze auf der Reise dienten, die aber in der Hand kräftiger Männer zu furchtbaren Waffen werden konnten.

Von Zeit zu Zeit stimmte auch wohl einer dieser Wanderer einen Psalm an; alle, die nahe genug waren, fielen ein, und die Melodie pflanzte sich weiter und weiter die Straße entlang. Wenn wir vorüberritten, zogen manche die Stirn finster zusammen, andre flüsterten mit einander und schüttelten die Köpfe in offenbarem Mißtrauen gegen uns und unsre Absichten. Hin und wieder erblickten wir unter den Leuten den hohen, breitrandigen Hut und schwarzen Genfer Talar, die Abzeichen der puritanischen Geistlichkeit.

»Jetzt endlich sind wir in Monmouths Lande,« sagte Saxon zu mir, denn Ruben Lockarby und Sir Gervas Jerome waren vorausgeritten. »Dies ist das Rohmaterial, das wir zu richtigen Soldaten zuzustutzen haben werden.«

»Und kein übles Material,« erwiderte ich und betrachtete die stämmigen Gestalten und die kühnen, beherzten Angesichter der Männer. »Ihr glaubt also, daß diese alle Monmouths Lager zuziehen?«

»Freilich, ohne Frage! Seht Ihr dort links den langbeinigen Pfaffen? – den mit dem Schlapphut? Merkst du, wie steif er sein linkes Bein bewegt?«

»Nun ja; er ist wahrscheinlich reisemüde!«

»Hoho!« lachte mein Gefährte. »Solche Steifheit kenne ich noch von früher her! Der Mann hat sein gerades Schwert unter der Hose verborgen. Ein richtiger Parlamentsdegen, will ich wetten. Sobald er sich sicher fühlt, wird er ihn schon hervorholen; aber ehe er nicht außer Gefahr ist, mit königlicher Reiterei zusammenzutreffen, scheut er sich noch, ihn um den Leib zu schnallen. Er gehört allem Anschein nach zu dem alten Schlage der Weltverbesserer, welche für –

'ne gründlich gottselige Reformation
Durch Feuer und Schwert und Devastation –

schwärmen. Der alte Samuel zeichnet sie mit einem Federstrich! Da weiter vorn ist einer, der eine Sense im Kittel verborgen trägt! Kannst du den Umriß erkennen? Dafür will ich stehen, daß auch nicht einer unter den Kerls da ist, der nicht irgendwo eine Pikenspitze oder Sichelklinge an sich versteckt trüge. Ich fange an, wieder Kriegsluft zu wittern, und mich daran zu verjüngen! Hör mal Junge, ich bin doch heil froh, daß ich nicht in dem Gasthof hängen geblieben bin.«

»Ihr waret doch 'ne Weile schwankend,« sagte ich.

»Na ja – ja! Das Frauchen war ganz niedlich und das Quartier behaglich. Das will ich gar nicht leugnen. Aber die Ehe – ja seht Ihr, das ist eine Festung, in die man verflucht leicht hineinkommt – aber ist man einmal drin – da kann einen der alte Tilly selbst nicht mit Ehren wieder herausholen. Was Ähnliches hab' ich an der Donau erlebt. Beim ersten Angriff verließen die Mameluken die Bresche, nur um die Kaiserlichen in die engen Straßen zu locken, – und nur wenige kamen wieder hinaus. Alte Vögel gehen aber nicht auf solchen Leim. Mir gelang es mit einem der Klatschgevattern unten anzubandeln; den fragte ich ein bißchen aus, nach der Frau Wirtin und dem Wirtshaus. Da erfuhr ich denn, daß sie manchmal so etwas von Hausdrache gewesen, und daß man munkelt, ihr Mann wäre nicht, wie der Bader gesagt, an der Wassersucht, sondern an ihrer bösen Zunge zu Grunde gegangen. Zudem hat sich jetzt ein zweites Wirtshaus im Flecken aufgethan, das vortrefflich eingerichtet sein soll und ihr wahrscheinlich viel Abbruch thun wird. Auch hattet Ihr recht, es ist ein langweiliger, schläfriger Ort. Alle diese wohlerwogenen Gründe bestimmten mich, die Belagerung der Wittib aufzugeben und mich zurückzuziehen, so lang ich's noch mit Anstand und allen kriegerischen Ehren konnte.«

»Es ist auch am besten so,« sagte ich. »Wie hättet Ihr Euch ruhig zu einem bequemen Zechbruderleben hinsetzen können! Aber was haltet Ihr von unserm neuen Kameraden?«

»Meiner Treu!« entgegnete Saxon, »wir würden in Kürze ein Reiterregiment zusammen haben, wenn wir jeden ruinierten Junker, dem's an Beschäftigung fehlt, aufnehmen wollten. Indessen glaube ich doch, wie ich ja schon im Wirtshaus sagte, daß dieser Sir Gervas mehr Herz im Leibe hat, als man zuerst denkt. So ein junger adliger Springinsfeld ist immer zum Einhauen bereit; ob er aber abgehärtet genug ist, oder Ausdauer genug besitzt für einen Feldzug, wie der uns bevorstehende, muß sich erst zeigen. Auch wird ihm sein Äußeres bei den Heiligen schaden; und obgleich Monmouth selbst kein sonderlicher Tugendheld ist, werden doch die Heiligen in seinem Rat die Hauptstimme haben. Nu sieh ihn dir einmal an, wie er seinen prächtigen apfelgrauen Hengst herumwirft, um sich nach uns umzusehen. Schau, wie sein Reiterhut keck und schief über das eine Auge hinabgedrückt ist! Wie ihm die Reitpeitsche aus dem Knopfloch bummelt, dazu die Hand auf der Hüfte und im Munde so viel Flüche wie Schleifen an seinem Wams! Vor allem aber die Miene, mit der er auf die Bauern neben ihm heruntersieht! Der wird sich noch abschleifen müssen, wenn er mit den Fanatikern in einer Reihe fechten will. Aber horch! ich müßte mich sehr irren, wenn die beiden sich nicht schon in die Patsche geritten hätten!«

Unsre Freunde hatten die Zügel angezogen, um auf uns zu warten. Kaum hielten sie aber, als die Bauern, die neben ihnen gezogen waren, ihre Schritte hemmten und einen Kreis um sie bildeten, aus dem ein unheilverkündendes Murren, verbunden mit drohenden Gebärden, ertönte. Andre, die sahen, daß dort irgend etwas los war, ritten herbei, um ihren Gefährten beizustehen.

Saxon und ich gaben unsern Pferden die Sporen und sprengten durch die Menge, die jeden Augenblick größer und drohender sich ansammelte, um unsern, rings vom Pöbel umschlossenen Freunden zu Hilfe zu kommen.

Ruben hatte seine Hand ans Schwert gelegt. Sir Gervas kaute ganz gemütlich an seinem Zahnstocher und blickte mit belustigter, verächtlicher Miene auf den zornigen Pöbelhaufen hinab.

»Ein paar Flaschen Parfüm würden ihnen nicht schaden,« bemerkte er; »ich wollte, ich hätte einen Verstäuber bei mir.«

»Seid auf der Hut, aber zieht nicht blank,« rief Saxon. »Was zum Henker fällt den Bauerntölpeln ein? Die führen nichts Gutes im Schilde. Heda, Freunde, was ist denn hier los?«

Anstatt den Tumult zu beschwichtigen, machte diese Frage ihn zehnmal ärger. Rings um uns her stand alles dicht gedrängt, wilde Gesichter, zornfunkelnde Augen schauten zu uns empor, hie und da blitzte eine halb aus ihrem Versteck hervorgezogene Waffe. Der Lärm, bisher nur ein bloßes heiseres Grollen, fing an, Form und Gestalt zu gewinnen.

»Nieder mit den Papisten!« ertönte es, »nieder mit den Prälatisten!«

»Haut die erastianischen Schlächter!«

»Haut die Reiter der Philister!«

»Macht sie nieder!«

Hie und da pfiff uns schon ein Stein am Ohr vorbei, und wir mußten der Selbsterhaltung wegen zum Schwert greifen, als die hohe Gestalt des Predigers, den wir vorhin schon bemerkt hatten, sich vermittelst seiner alle überragenden Größe und befehlenden Stimme einen Weg durch das Gewühl bahnte und ein allgemeines Stillschweigen erzwang.

»Redet,« wandte er sich an unsre Freunde, »kämpft ihr für Baal oder für den Herrn? Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns!«

»Welche ist Baals Seite, hochwürdiger Herr, und welche die des Herrn?« fragte Sir Gervas Jerome. »Mir deucht, wenn Ihr einfach Englisch anstatt Hebräisch reden wolltet, würden wir uns schneller verstehen.«

»Jetzt ist's nicht Zeit zu leichtfertigen Reden,« rief der Pastor, und eine zornige Röte überflog sein Gesicht. »Wenn Euch Eure Haut lieb ist, so sagt mir, ob Ihr für den blutigen Usurpator Jakob Stuart seid, oder für Seine protestantische Majestät König Monmouth?«

»Was! So hat er den Titel schon?« rief Saxon aus. »Wisset denn, wir sind vier unwürdige Gefäße, und auf dem Wege, der protestantischen Sache unsre Dienste anzutragen.«

»Das ist gelogen, guter Herr Pettigrue, das ist schändlich gelogen!« schrie ein stämmiger Kerl von dem äußern Umkreis der Menge her. »Wo hat man jemals einen guten Protestanten in solchem Hanswurstanzug gesehen, wie den Kerl da? Steht nicht: ›Amelekiter‹ auf sein Gewand geschrieben? Ist er nicht bekleidet mit der Kleidung des Bräutigams der Dirne Rom? Warum also sollen wir ihn nicht schlagen?«

»Besten Dank, mein Braver,« sagte Sir Gervas, dessen Anzug den Grimm dieses Paladins erregt hatte. »Wäre ich Euch näher, so würde ich mit Vergnügen das Kompliment zurückgeben.«

»Und welchen Beweis haben wir, daß Ihr nicht im Solde des Usurpators steht und auf dem Wege seid, die Gläubigen zu unterdrücken?« fragte der puritanische Geistliche.

»Ich sage Euch, Mensch,« erwiderte Saxon ungeduldig, »daß wir den ganzen Weg von Hampshire bis hierher gereist sind, um gegen Jakob Stuart zu fechten. Wir wollen ja mit Euch nach Monmouths Feldlager reiten. Was für weitere Beweise wollt Ihr denn?«

»Wer kann wissen, ob Ihr nicht bloß nach einer Gelegenheit spähet, unsrer Aufsicht ledig zu werden,« bemerkte der Geistliche, nachdem er mit einigen der Bauernanführer beratschlagt hatte. »Es ist deshalb unsre Meinung, daß Ihr zuerst Eure Schwerter, Pistolen und andre fleischliche Waffen an uns abgebt, ehe Ihr mit uns kommt.«

»Nein, mein guter Herr, das geht nicht an,« gab Saxon zurück. »Kein Kavalier kann es mit seiner Ehre vereinigen, seine Klinge und seine Freiheit solchergestalt hinzugeben. Clarke, haltet Euch dicht an meiner Linken und haut jeden nieder, der Euch zu nahe kommt.«

Ein zorniges Gemurmel lief durch die Menge, und zwanzig Stöcke und Sensen erhoben sich gegen uns. Der Geistliche aber trat wieder dazwischen und gebot seiner lärmenden Gefolgschaft Schweigen.

»Hörte ich recht?« fragte er mich. »Heißt Ihr Clarke?«

»Jawohl,« erwiderte ich.

»Euer Taufname?«

»Micha!«

»Ihr wohnt in . . .«

»Havant.«

Der Geistliche wandte sich zu einem neben ihm stehenden graubärtigen Manne mit wetterharten Zügen, der in einem Anzug von schwarzer Steifleinwand steckte und flüsterte eine kurze Zeit mit ihm.

»Wenn Ihr wirklich Micha Clarke von Havant seid,« sagte er endlich, »dann könnt Ihr uns auch den Namen eines alten, in den deutschen Kriegen vielerfahrenen Soldaten nennen, der Euch in das Lager der Gläubigen begleiten sollte.«

»Ei, dies hier ist er ja,« antwortete ich, »er heißt Decimus Saxon.«

»Ja, ja Meister Pettigrue,« rief da der Alte, »das ist derselbe Name, den Dicky Rumbold genannt hat! Er sagte, entweder der alte Rundkopf Clarke, oder sein Sohn würden mit ihm kommen. Wer sind aber diese?«

»Dies ist Ruben Lockarby, auch aus Havant, und dies Sir Gervas Jerome aus Surrey,« erwiderte ich. »Sie haben sich uns freiwillig angeschlossen, um dem Herzog von Monmouth zu dienen.«

»So freue ich mich denn herzlich, euch hier zu sehn,« sagte der reisige Prediger mit aufrichtiger Wärme. »Freunde, ich kann mich für diese Herren verbürgen. Sie stehen auf seiten des treuen Volkes und der alten guten Sache.«

Bei diesen Worten wandelte sich die Wut des Haufens sofort in die ausschweifendsten Freude- und Freundschaftsbezeugungen. Alles drängte sich um uns, klopfte zärtlich unsre Reitstiefel, zupfte an unsern Rockzipfeln, drückte uns die Hände und rief den Segen Gottes über unser Haupt, bis es endlich dem Pastor gelang uns vor ihren Liebesbeweisen zu retten, und sie zu überreden, die Reise fortzusetzen.

Wir ließen nun unsre Pferde Schritt gehen, und Saxon und ich ritten zu beiden Seiten des Predigers. Er war, wie Ruben bemerkte, ganz geeignet zum Verbindungsglied zwischen uns beiden, denn er war größer, obwohl weniger breit als ich, und breiter, obwohl nicht so groß wie der Abenteurer. Sein Gesicht war lang, hager und hohlwangig. Ein Paar dichte buschige Augenbrauen wölbten sich über tief eingesunkenen schwermütigen Augen, die gelegentlich aufleuchten konnten mit dem plötzlichen raschen Blitz feuriger Begeisterung.

»Ich heiße Josua Pettigrue, meine Herren,« sagte er. »Ich bin ein unwürdiger Arbeiter in des Herrn Weinberg und zeuge mit Wort und Werk für seinen heiligen Bund und Covenant. Dies hier ist meine treue Herde, die ich gen Westen führe, auf daß sie bereit sein mögen zur Ernte, wenn es dem Allmächtigen gefällt, sie in seine Scheuren zu sammeln.«

»Und warum habt Ihr sie nicht wenigstens einigermaßen geordnet und formiert?« frug Saxon. »Sie wandern vereinzelt und zerstreut die Straße entlang, wie eine Gänseherde auf der Weide, wenn Michaelis nahe ist. Habt Ihr denn gar keine Furcht? Steht nicht geschrieben, daß die Trübsal schnell hereinbrechen wird – plötzlich sollt Ihr vertilget werden, und wird keine Rettung da sein?«

»Wohl, Freund, aber steht nicht auch geschrieben: ›Verlasse dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlaß dich nicht auf deinen Verstand?‹ Merket wohl, wenn ich sie wollte in militärischer Ordnung marschieren lassen, so würde das die Aufmerksamkeit erregen und James Stuarts Reiterei, wo sie des Wegs käme, zum Angriff reizen. Ich will aber meine Herde gern wohlbehalten ins Lager bringen und mit Flinten bewaffnen, ehe ich sie einem so ungleichen Kampfe aussetze.«

»Wahrlich, ein weiser Entschluß,« sagte Saxon mit grimmem Lächeln, »denn wenn ein Reiterhaufe jetzt über die guten Leute herfiele, so würde der Hirte bald ohne Herde sein.«

»Nein, nimmermehr!« rief Pastor Pettigrue feurig. »Sagt lieber, daß Hirt und Herde mit einander den dornigen Pfad des Märtyrertums, der ins Neue Jerusalem führt, finden würden! Wisse, Freund, ich komme von Monmouth, um diese Männer seinen Fahnen zuzuführen. Von ihm, oder vielmehr von Meister Ferguson erhielt ich Instruktionen, nach Euch auszuschauen und nach andern Gläubigen, die vom Osten her erwartet werden. Welchen Weg habt Ihr genommen?«

»Über die Heide von Salisbury, und dann durch Bruton.«

»Und seid Ihr unterwegs keinem der Unsrigen begegnet?«

»Niemand,« antwortete Saxon. »Wir verließen aber die blauen Garden in Salisbury und sahen entweder sie oder irgend ein andres Reiterregiment diesseits der Heide beim Dorfe Mere.«

»Aha, die Adler sammeln sich schon,« rief Josua Pettigrue kopfschüttelnd. »Es sind Männer in weichen Kleidern, mit Kriegsrossen und Streitwagen und großem Pomp, wie die Assyrer in alter Zeit, aber der Odem des Engels des Herrn wird sie hinwegblasen in der Nacht, Ja, in seinem Zorn wird er sie gänzlich ausrotten und sie vernichten.«

»Amen! Amen!« riefen die Bauern, welche in Hörweite waren.

»Sie haben ihr Horn erhöht, Meister Pettigrue,« sagte der grauhaarige Puritaner. »Sie haben ihr Licht auf einen hohen Leuchter gesetzt – auf den Leuchter eines verkehrten Formendienstes und der Abgötterei. Soll er nicht herabgerissen werden von den Händen des gerechten Volkes?«

»Siehe da, ihr Licht brannte trübe und ward ein Greuel vor den Nasen unsrer Väter,« schrie ein vierschrötiger Mann mit rotem Gesicht, dessen Anzug verkündete, daß er zur Klasse der Freisassen gehörte, »da nahm der alte Noll seine Lichtputzschere und beschnitt es. Dieser Docht kann nur vom Schwerte der Gläubigen geputzt werden!«

Ein grimmiges Lachen des ganzen Haufens belohnte den frommen Witz.

»Ja, ja, Bruder Sandcroft,« rief der Pastor, »deine Rede ist allezeit lieblich und mit Salz gewürzet. Aber der Weg ist weit und mühsam. Wollen wir uns nicht durch einen Lobgesang erquicken? Wo ist Bruder Thistlethwaite, dessen Stimme hell klingt, wie das Cymbal und süß wie Tabor und Dulcimer?«

»Siehe da, mein frommer Meister Pettigrue,« unterbrach ihn Saxon, »ich selbst habe wohl so mannigmal mich getraut, meine Stimme aufzuheben und ein Lied zu singen vor dem Herrn.«

Ohne weitere Vorrede begann er sogleich mit Stentorstimme folgenden Hymnus, dessen Kehrreim von dem Pastor und der Gemeinde jedesmal wiederholt wurde.

Ein starker Helm ist unser Gott
Er schützt vor Schwert und Speer,
Ein Panzerhemde ist der Herr
Rings um das gläub'ge Heer!
       So singt denn laut in hohem Ton:
       Hie Schwert des Herrn und Gideon!

Ein fester Schild ist unser Gott
An meinem linken Arm.
Er ist ein Harnisch wohlerprobt
Und schirmt vor jedem Harm.
       So ruft denn laut in hohem Ton:
       Hie Schwert des Herrn und Gideon!

Wer fürchtet noch des Zorn'gen Stahl,
Wer scheut des Stolzen Wut?
Soll weichen ich der Überzahl,
Da ich in seiner Hut?
       Nein! rufet laut in hohem Ton:
       Hie Schwert des Herrn und Gideon!

Mein Glaube ist 'ne feste Burg
Geschützt vom hohen Wall,
Nicht Mine, Bresche, Sturmeslauf
Bringt jemals sie zu Fall,
       So ruft denn laut im Siegeston:
       Hie Schwert des Herrn und Gideon!

Saxon schwieg, aber der ehrwürdige Josua Pettigrue schwang seine langen Arme hin und her und wiederholte den Kehrreim, in den die wandernde Kolonne der marschierenden Bauern wieder und wieder einstimmte.

»Es ist ein gottseliges Lied,« sagte Freund Saxon. Er hatte, wie ich mit Widerwillen, Ruben und Sir Gervas mit unverhohlenem Erstaunen bemerkten, wieder den schnüffelnden näselnden Ton angenommen, den er meinem Vater gegenüber angeschlagen hatte. »Auf so manchem Schlachtfelde hat es schon den Sieg erringen helfen!«

»Wahrlich,« erwiderte der Geistliche, »wenn Eure Kameraden auch von solch köstlichem Balsam triefen, wie Ihr, so werdet ihr drei für die Gläubigen einer ganzen Brigade Pikeniere gleich kommen!«

Diese Empfindung fand Widerhall, und Beifallsgemurmel lief durch die Reihen der Puritaner.

»Da Ihr, Herr Saxon,« fuhr der Prediger fort, »so viel Erfahrung in den Künsten des Krieges gesammelt habt, will ich mit Freuden den Befehl über diese kleine Schar der Gläubigen in Eure Hand legen, bis zu der Zeit, da wir das Heer erreicht haben werden.«

»Und freilich war's hohe Zeit, daß Ihr einen erfahrenen Soldaten zum Führer bekamt,« antwortete Decimus Saxon ruhig. »Meine Augen müßten mich arg tauschen, wenn ich nicht drüben auf der Höhe jenes Abhanges Schwert und Küraß blitzen sähe. Mich deucht, unsre frommen Gesänge haben uns den Feind auf den Hals gelockt.«

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