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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XII.

Weitere Erlebnisse auf der Heide.

Nachdem wir am nächsten Morgen die Reste unsres Abendbrotes zum Frühstück verzehrt und die Pferde besorgt hatten, schickten wir uns zum Aufbruch an. Ehe wir indes aufsaßen, kam unser guter Wirt eiligst mit einer vollständigen Waffenrüstung heraus.

»Komm mal her,« rief er Ruben zu. »Es schickt sich nicht, mein Sohn, daß du so unbeschirmt in den Kampf ziehst, während deine Genossen stahlumschient sind. Ich habe hier noch meinen alten Brustharnisch und Helm. Beides wird dir, meine ich, passen. Dafür, daß du fleischiger bist als ich, bin ich breiter und kräftiger gebaut. Siehst du, hab' ich's nicht gesagt? Er könnte nicht besser passen, und wenn ihn dir Silas Thomson, der Hofwaffenschmied, angemessen hätte. Nun die Eisenhaube! Sitzt gleichfalls tadellos. So! nun bist du ein Kavalier, der seinesgleichen sucht, und auf den Monmouth oder jeder andre Feldherr stolz sein kann.«

Sowohl Helm wie Panzer waren von feinstem Mailänder Stahl, reich mit Gold und Silber eingelegt und über und über mit kostbaren und eigentümlichen Schnörkeln verziert. Die Rüstung machte einen so ernsten, kriegerischen Eindruck, daß das rosige, jugendliche Gesicht unsres Freundes, das aus dem düstren Rahmen herausschaute, einen fast komischen Kontrast dazu bildete.

»Nicht doch,« rief der alte Kavalier, als er unser Lächeln gewahrte, »es ist nur in der Ordnung, daß das kostbarste Kleinod der Welt, ein getreues Herz, auch von einem würdigen Schrein umschlossen werde.«

»Ich bin Euch wahrhaftig aufrichtig dankbar, gnädiger Herr,« sagte Ruben, »und kann kaum Worte finden, meinen Dank auszusprechen. Heiliger Gott, am liebsten ritte ich gradeswegs nach Havant zurück, damit sie zuhause doch auch sehen, was ich für ein stattlicher Reisiger geworden bin!«

»Er ist hieb- und schußfest,« erläuterte Sir Jakob; »eine Pistolenkugel prallt matt daran ab. Auch für Euch,« fuhr er zu mir gewendet fort, »habe ich hier eine kleine Gabe zur Erinnerung an die hier verlebten Stunden. Ich habe wohl bemerkt, wie verlangend Ihr meine Bücher ansahet. Hier habt ihr Plutarchs Biographieen berühmter Männer des Altertums, ins Englische übersetzt von dem gelehrten Herrn Latimer. Nehmet das Büchlein mit, lest es aufmerksam und folgt dem Beispiel der gewaltigen Männer, deren Thaten darin aufgezeichnet sind. Außerdem stecke ich hier in Eure Satteltasche ein kleines, aber gewichtiges Päckchen, das Ihr gleich nach Eurer Ankunft in Monmouths Lager ihm übergeben sollt. Für Euch, Herr Saxon,« sagte er zu diesem sich wendend, »ist dies Klümpchen gediegenen Goldes. Ihr könnt Euch daraus eine Busennadel oder sonst ein Schmuckstück machen lassen und es mit ruhigem Gewissen tragen, denn Ihr bekamt es geschenkt und habt es nicht Eurem Gastfreunde entwendet, während er schlief.«

Saxon und ich tauschten erstaunte Blicke bei den letzten Worten, die seine Kenntnis von unserm nächtlichen Gespräch verrieten. Doch ließ Sir Jakob sich weiter keine Empfindlichkeit anmerken, sondern fuhr ruhig in seiner Rede fort. Er beschrieb uns den Weg, den wir einzuschlagen und die Vorsichtsmaßregeln, die wir zu treffen hätten.

»Ihr müßt hier den Spuren dieser Schaftrift folgen, bis ihr zu einem breitern Pfade kommt,« sagte er. »Derselbe führt euch nach Westen. Er wird wenig benützt, so daß ihr wahrscheinlich von euren Feinden ganz unbehelligt bleiben werdet. Ihr berührt unterwegs die Dörfer Fovant und Hindon, weiterhin Mere und seid dann dicht bei Bruton an der Grenze von Somersetshire.«

Nachdem wir mit herzlichem Dank von unserm ehrwürdigen Gastfreunde Abschied genommen, stiegen wir zu Pferde und überließen ihn wieder dem einsamen Dasein, in dem wir ihn gefunden hatten. Die Lage seines Häuschens war so klug gewählt, daß, als wir uns umwandten, um ihm noch einen letzten Gruß zuzuwinken, dasselbe wie vom Erdboden verschwunden war: ja wir konnten nicht einmal mehr feststellen, nach welcher Richtung des wellenförmigen Bodens hin die Hütte lag, in der wir die willkommene Rast gefunden hatten. Allüberall dehnte sich vor unsern Blicken die grau-braune Heide in ihrer eintönigen Färbung ununterbrochen bis zu dem fern verschwimmenden Horizonte aus. Kein Lebenszeichen in der weiten Einöde, als vielleicht hie und da ein Kaninchen, das bei unserm Anblick erschrocken in seinen Bau huschte, oder ein paar magere, halbverhungerte Schafe, die ihr Dasein kümmerlich fristeten, indem sie das grobe harte Gras abrupften, das der unfruchtbare Boden hergab.

Der Steig war so schmal, daß wir im Gänsemarsch reiten mußten; schließlich gaben wir's auf und galoppierten selbdreie über das Moor. Wir schwiegen alle. Ruben war mit seiner neuen Rüstung beschäftigt, wie seine häufigen Blicke darauf bewiesen. Saxon brütete mit halbgeschlossenen Augen über seinen eignen Angelegenheiten. In mir aber stieg heiß und heißer ein Groll auf gegen den alten Abenteurer und seine entehrenden Plünderungsgelüste; dazu schämte ich mich, daß unser gütiger Wirt auf irgend eine Weise davon Kenntnis erhalten hatte. Was konnte wohl Gutes aus der Gemeinschaft mit einem Manne herauskommen, der ohne Ehre und ohne Dankbarkeit war! Meine Empörung steigerte sich derart, daß ich schließlich, als wir an einem Wege ankamen, der sich von dem unsern abzweigte, ihn kurz und bündig aufforderte, uns zu verlassen, da er zur Genüge bewiesen, daß er kein passender Kamerad für ehrliche Männer sei.

»Tod und Teufel!« schrie Saxon, die Hand am Degengriff. »Seid Ihr verrückt geworden? Das war ein Wort, das sich kein cavaliero von Ehre gefallen läßt!«

»Es ist nichtsdestoweniger wahr,« beharrte ich.

Seine blanke Klinge fuhr aus der Scheide, und sein Gaul bekam die Sporen, so daß er zwei gewaltige Sätze vorwärts machte. Er warf ihn herum, sein wildes, hageres Antlitz zuckte in leidenschaftlicher Wut, und er rief:

»Wir haben hier einen excellenten ebenen Platz, um den Handel auszutragen, 'raus mit der Klinge und bekräftigt Eure Worte.«

»Kein Haarbreit rühr' ich mich, um Euch anzugreifen,« erwiderte ich. »Warum sollte ich auch, da ich Euch nicht zürne? Reitet Ihr trotzdem gegen mich an, so will ich Euch sicherlich aus dem Bügel schleudern trotz all Eurer Fechterkunststückchen.«

Mit diesen Worten zog ich mein großes Schwert und war auf meiner Hut, denn ich konnte mir wohl denken, daß der Ausfall des alten Kriegsmannes schnell und heftig sein würde.

»Bei allen Heiligen des Himmels!« rief Ruben dazwischen, »wer von euch zuerst zuschlägt, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf. Laßt Eure Scherze, Don Decimo, oder bei Gott, ich schieße Euch über den Haufen, und wenn Ihr meiner Mutter Sohn wäret. Steckt den Degen ein, denn der Hahn ist leicht abgedrückt, und der Finger juckt mir!«

»Verwünschter Spielverderber!« knurrte Saxon und steckte verdrießlich die Waffe ein. »Hört mal, Clarke,« fügte er nach kurzer Überlegung hinzu, »ist es nicht eigentlich eine rechte Kinderei, wenn zwei Kamarados, die vor sich ein ernstes Ziel haben, sich wegen solcher Lappalie veruneinigen? Ich, der ich fast Euer Vater sein könnte, hätte deshalb nicht gleich vom Leder ziehn sollen, denn die Jugend ist immer schnell fertig mit dem Wort und denkt nicht weit genug. Erklärt nur, Ihr hättet Euch übereilt und mehr gesagt, als Ihr im Grunde meintet.«

»Ich habe mich vielleicht zu schroff und grob ausgedrückt,« entgegnete ich, denn ich merkte, er verlangte nur ein kleines Pflaster auf die wunde Stelle. »Immerhin haben wir sehr verschiedene Grundsätze, und dieser Unterschied muß getilgt werden, oder Ihr könnt uns kein guter Kamerad sein.«

»Das genügt, Meister Moralitas,« lachte er. »Ich muß mir halt ein paar meiner alten Handwerksbräuche abgewöhnen! Zum Henker, Mensch, was würdet Ihr zu so manchem meiner Bekannten sagen, wenn ich Euch schon Anstoß errege? Doch laßt's gut sein! Hol's der Fuchs, es ist die höchste Zeit, daß wir vor den Feind kommen, denn unsern Schwertern wird die Scheide zu enge:

Der scharfe Toledaner Stahl
Im Frieden rostet' ein zumal
Und fraß sich selbst, weil er, o Grauen,
Niemand zum Stechen fand und Hauen.

Man kommt doch nie auf einen Gedanken, den der alte Samuel nicht schon vorher gedacht hat!«

»Wird denn diese öde Heide nie ein Ende nehmen?« rief Ruben. »Ihr trostloses Einerlei schadet dem Charakter, und die besten Freunde kriegen sich bei den Ohren! Wir konnten uns einbilden, wir wären in der lybischen Wüste, anstatt in Sr. höchst gottlosen Majestät Grafschaft Wiltshire!«

»Dort drüben hinter dem Hügel steigt Rauch auf,« sagte Saxon, nach Süden deutend.

»Mir däucht, ich sehe eine gerade Häuserreihe,« bemerkte ich und beschattete meine Augen mit der Hand. »Aber es muß noch sehr weit sein, und der Sonnenglanz blendet und nimmt die Aussicht.«

»Das muß der Flecken Hindon sein,« sagte Ruben, »Ist das eine Glut in dem Panzer! Ob es wohl eines Soldaten unwürdig wäre, wenn ich ihn mir abschnallte und meiner Dido um den Hals hängte? Ich werde sonst lebendig gar gekocht, wie ein Krebs in der Schale. Was meint Ihr, Erlauchtester, widerspräche solchem Gebahren einer jener neununddreißig Kriegsartikel, die Ihr auf Eurem Herzen traget?«

»Die Gewöhnung an das Gewicht Eures Panzers, junger Mann,« antwortete Saxon gravitätisch, »gehört zur kriegerischen Waffenübung, und wird nur durch Ertragen solcher Beschwerden gewonnen, wie Ihr sie eben durchmacht. Ihr habt noch viel zu lernen, wie z. B. auch nicht so ohne weiteres auf Eure Freunde mit Feuerwaffen zu zielen, wenn Ihr zu Pferde sitzt. Eine zuckende Bewegung Eures Rosses hätte soeben noch die Pistole zum Losgehn bringen und Monmouth eines alten bewährten Soldaten berauben können!«

»Eure Darlegung würde unwiderleglich sein,« sagte mein Freund »wenn ich nicht – wie mir eben einfällt – ganz vergessen hätte, mein Pistol wieder zu laden, nachdem ich es gestern abend auf die große gelbe Bestie abgeschossen hatte!«

Decimus Saxon schüttelte wehmütig den Kopf.

»Ich fürchte fast, aus Euch wird Euer Lebtage kein tüchtiger Soldat,« seufzte er. »Ihr fallt aus dem Sattel, sobald Eure Mähre den Schritt wechselt und entwickelt einen Leichtsinn, der nicht zur Grandezza des wahren Soldado paßt, Ihr droht mit ungeladenen Pistolen und bittet schließlich noch um Erlaubnis, Eure Rüstung – eine Rüstung, auf die der Cid selbst hätte stolz sein können – Euerm Pferde um den Hals zu hängen! Doch habt Ihr Mut und Schneid', sonst wärt Ihr nicht hier!«

»Gracias, Signor!« rief Ruben mit einer Verbeugung, die ihn fast wieder auf den Sand gesetzt hätte, »diese letzte Bemerkung macht alles wieder gut, sonst wäre ich am Ende noch gezwungen gewesen, einen Gang mit Euch zu thun, um meinen militärischen Ruf zu bewähren!«

»Um auf besagten Vorfall von gestern abend zurückzukommen,« sagte Saxon, »mit der meiner Ansicht nach goldgefüllten Truhe, die ich geneigt war, als gute und erlaubte Beute an mich zu nehmen, so bin ich jetzt bereit zuzugeben, daß ich dabei vielleicht eine ungebührliche Hast und Überstürzung bewiesen habe, in Anbetracht der freundwilligen Aufnahme des Alten.«

»Verliert kein Wort mehr darüber, alles sei vergessen,« antwortete ich, »zügelt nur solcherlei Gelüste in Zukunft.«

»Sie kommen eigentlich nicht aus meinem Herzen,« erwiderte er, »sondern rühren von Will Spotterbridge her, der ein ganz ruchloser Mensch war.«

»Wie hängt denn der damit zusammen?« fragte ich neugierig.

»Ganz einfach folgendermaßen: Mein Vater heiratete die Tochter von besagtem Will Spotterbridge, und schwächte so eine alte gute Rasse durch eine ungesunde Kreuzung. Will war einer der Erzwüstlinge der Fleetstraße zu Jakobs I. Zeiten, zudem ein großes Tier in Alsatia,Berüchtigtes Stadtviertel Londons, das catilinarischen Existenzen ein Asyl gewährte. Bekannt aus Walter Scotts: »The fortunes of Nigel«. der Heimstätte der Raufbolde und Eisenfresser. Sein Blut fließt, dank seiner Tochter, in den Adern von uns zehn Geschwistern. Glücklicherweise bin ich der Jüngste; bis die Reihe an mich kam, hatte es schon viel von seiner Bösartigkeit eingebüßt, so daß es in mir nur wenig mehr als den echten Männerstolz und das löbliche Verlangen nach guten ökonomischen Verhältnissen erzeugt hat.«

»Inwiefern hat es denn auf die Rasse gewirkt?« fragte ich.

»Je nun,« versetzte er, »die früheren Saxons waren ein geruhsames Geschlecht mit behaglichen Vollmondgesichtern. Sechs Tage lang lasen sie im Hauptbuch des Geschäfts und am siebenten die Bibel. Wenn mein Vater mal ein Glas Dünnbier über sein Deputat trank, oder im Ärger irgend einen ganz zarten Fluch ausstieß, wie etwa: ›Potz Mohrenelement!‹ oder: ›Hol's der Fuchs!‹ so bereute er hernach diese Übertretungen wie die sieben Todsünden. Ich frage Euch, war das der Mann, um nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur zehn lange, magere Kinder zu zeugen, von denen neun recht wohl Geschwisterkinder Lucifers oder Milchbrüder Beelzebubs hatten sein können?«

»Der arme Mann hatte Pech,« meinte Ruben.

»Was er! Das Pech war ganz auf unsrer Seite. Wenn er mit sehenden Augen die Tochter eines eingefleischten Teufels, wie Spotterbridge heiratete, bloß weil sie zufällig nach seinem Geschmack bepudert und beschönpflastert war, worüber hat er sich zu beklagen? Aber wir, die Kinder, deren guten ehrlichen Säften das Blut dieses Wirtshaushelden eingeimpft wurde, wir haben Grund, unsre Stimme dagegen zu erheben.«

»Na, dann hat gewiß einer meiner Vorfahren ein Weib mit ewig trockener Kehle genommen,« lachte Ruben, »denn sowohl mein Vater, wie ich, leiden sehr an diesem Übel!«

»Jedenfalls habt Ihr ein verdammt loses Maul geerbt,« brummte Saxon. »Meine Erzählung wird Euch gezeigt haben, wie unser ganzes Leben ein steter Konflikt zwischen unsrer natürlichen Saxonschen Tugend und den gottlosen Anwandlungen der Spotterbridgeschen Verderbnis werden mußte. Das Erlebnis der vorigen Nacht war nur so eine Probe von den Anfechtungen, denen ich unterworfen bin.«

»Wie hat denn aber dies Erbteil Eure Brüder und Schwestern beeinflußt?« fragte ich.

Der Weg war öde und weit und das Geplauder des alten Soldaten eine höchst willkommene Zerstreuung der langweiligen Reise.

»Sie sind alle unterlegen,« stöhnte Saxon. »Schade um sie, schade! Es war eine stattliche Schar. Hätten sie nur ihre Gaben besser angewendet! Prima, unsre Älteste, blieb sittsam, bis sie erwachsen war, Sekundus war ein strammer Seemann, und besaß schon als junger Mensch ein eignes Schiff. Es erregte aber Aufsehen und Nachfragen, als er einmal mit einem Schuner seine Reise angetreten hatte und mit einer Brigg zurückkam. Es mag immer sein, daß er sie, seiner Aussage gemäß, im nördlichen Eismeer treibend fand, und um ihretwillen das eigne Schiff aufgab, allein er wurde gehenkt, ehe er den Beweis der Wahrheit antreten konnte. Tertia ging mit einem Viehtreiber durch und blieb seitdem beim Rumtreiben. Quartus und Nonus bemühen sich seit Jahren um die Erlösung der Schwarzen aus ihrem mit Blindheit geschlagenen heidnischen Vaterlande. Sie befördern Schiffsladungen davon nach den Plantagen Amerikas, wo sie der Segnungen des Christentums teilhaftig werden können. Sie sind leider jähzornige, rohe Männer, die viel fluchen und keine Anhänglichkeit für ihren jüngern Bruder hegen. Quintus war ein vielversprechender Knabe, doch fand er eines Tages ein Faß Branntwein, das wohl von einem Wrack abgetrieben sein mochte, und starb bald darauf. Sextus hätte sein Glück machen können, denn er wurde Kanzelist bei Johnny Tranter, dem Rechtsanwalt. Er besaß von jeher viel Unternehmungsgeist, und zog eines schönen Tages mit dem ganzen Kram, Akten, Geld und allem nach den Niederlanden. Seinem Prinzipal verursachte das keine geringen Ungelegenheiten, und bis heut ist es ihm noch nicht geglückt, seines Schreibers oder seines Besitztums habhaft zu werden. Septimus starb klein. In Octavus kam Will Spotterbridge früh zum Durchbruch. Er wurde in einer Schlägerei beim Würfelspiel erschlagen. Seine Feinde beschuldigten ihn falscher Würfel, mit denen er immer sechs werfen mußte. Laßt Euch diese rührende Geschichte zur Warnung dienen! Solltet Ihr je so thöricht sein, Euch eine Frau aufzuhalsen, so versichert Euch wenigstens vorher, daß sie keine ererbten Laster hat, denn ein schönes Gesicht kann ein verdorbenes Herz nicht aufwiegen.«

Ruben und ich konnten uns das Lachen über diese offenherzige Familienbeichte, welche unser Reisegesell ohne den mindesten Anflug von Scham oder Verlegenheit ablegte, nicht verbeißen.

»Eures Vaters Unvorsichtigkeit ist Euch teuer zu stehen gekommen!« bemerkte ich. »Aber was in aller Welt ist da links vom Wege?«

»Allem Anscheine nach ein Galgen,« meinte Saxon und spähte nach dem riesigen Gerüst hinüber, das auf einer kleinen Anhöhe stand. »Wir wollen heranreiten, es ist nur ein kleiner Umweg. In England bekommt man sie jetzt selten zu sehen. In der Pfalz gab es aber auf Ehre mehr Galgen als Meilensteine, als Turenne dort hauste. Bei all den Spionen und Verrätern, die der Krieg züchtet, den schuftigen Schwarzrittern und Landsknechten, den vagabondierenden Zigeunern und gelegentlich einem Bauern, den man vorsichtshalber aus dem Wege räumte, hatten Raben und Krähen gute Tage.«

An dem einsamen Galgen, auf den wir zusprengten, hing etwas, das aussah, wie eine alte Vogelscheuche. Man konnte sich's kaum vorstellen, daß es einst ein Mensch gewesen sein sollte. Die elenden sterblichen Reste waren mit einer eisernen Kette am Kreuzbalken befestigt, und der Sommerwind schaukelte sie in ihrer grausigen Verlassenheit hin und her. Wir hielten und schauten schweigend auf die düstere Schildwacht des Todes. Da begann plötzlich am Fuß des Galgens ein Bündel Lumpen – wie es uns anfangs erschien – sich zu bewegen, und wies uns das zusammengeschrumpfte Antlitz eines alten Weibes, so von Leidenschaft, Wut und Bosheit verzerrt, daß es uns noch gräßlicher erschien, als das unheimliche Etwas, das über ihrem Kopfe hin- und herschlenkerte.

»Gott im Himmel!« rief Saxon. »Da haben wir die Bescherung! Ein Galgen zieht die Hexen an, wie der Magnet die Nadeln! Die ganze Hexerei von weit und breit hockt drum 'rum, wie die Katzen um den Milchkübel. Nehmt euch vor ihr in Acht! Sie hat den bösen Blick!«

»Das arme alte Geschöpf!« sagte Ruben und ritt näher an sie heran. »Sie scheint mir eher einen bösen Magen zu haben! So was von Gerippe ist mir noch nicht vorgekommen! Ich wette, sie pfeift auf dem letzten Loch, weil sie keinen Bissen Brot hat.«

Das unheimliche Geschöpf winselte und krallte mit einem Paar fleischloser knochiger Klauen nach der Silbermünze, die ihr unser Freund zuwarf. Die wilden dunklen Augen, die raubvogelartige Nase, die starken Backenknochen, über welche die gelbe lederartige Haut sich straff spannte, verliehen ihr etwas Furchterregendes, wie etwa der Anblick des Aasgeiers oder des entsetzlichen Vampirs, von dem die Sage erzählt.

»Was soll ihr das Geld in dieser Wildnis?« wandte ich ein. »Sie kann doch ein Stück Silber nicht essen.«

Aber das Weib knotete hastig die Münze in einen Zipfel ihrer Lumpen, offenbar besorgt, ich möchte sie ihr wieder entreißen wollen.

»Ich will mir Brot kaufen!« krächzte sie.

»Aber wo gibt es denn welches zu kaufen, gute Frau?« fragte ich.

»In Fovant gibt's welches, und in Hindon auch,« antwortete sie. »Tags über bin ich hier, und nachts wandre ich.«

»Das will ich meinen, und zwar hoch zu Besen,« spottete Saxon. »Aber sagt doch, Alte, wer mag es sein, der da über Euch baumelt?«

»Es ist der Mörder meines Jüngstgeborenen!« schrie das alte Weib. Dabei warf sie einen tückischen Blick über sich und drohte der Mumie mit einer Faust, die nicht mehr Fleisch hatte, als die da oben. »Er hat mir meinen Herzensjungen erschlagen! Hier draußen auf wilder Heide überfiel er ihn und raubte ihm das junge Leben, als keine Freundeshand nah war, um den Schlag abzuwehren! Dieser Boden hat meines Sohnes Blut getrunken. Und da wuchs denn aus der damit befeuchteten Erde dieser stattliche Galgenbaum und trägt nun seine feine reife Frucht. Und ich, die alte Mutter, will darunter sitzen in Regen und Sonnenschein, so lang noch zwei Knochen an dem Kerl zusammenhalten, der mir mein Herzblatt erschlug!«

Sie kauerte wieder unter ihren Lumpen zusammen, stützte das Kinn in die Hände und stierte mit fanatischem Haß auf die scheußlichen Leichenreste.

»Komm fort, Ruben,« rief ich meinem Freunde zu, denn der Anblick konnte einem alle Menschenliebe verekeln. »Das ist ein Wärwolf und kein Weib!«

»Puh, man bekommt davon einen übelen Geschmack im Munde,« bekräftigte Saxon. »Wer ist für einen frischen Galopp über das Hügelland? Fort mit Leid und Leichen!«

Sir John bestieg sein rotbraunes Roß
Zu Monmouth wollt er reiten.
                    Ja ja!
Er trug ein tüchtiges Leberwams,
Ein Breitschwert an der Seiten,
                    Aha!
König Jakobs Stolz, den brechen wir
Wie dürres Holz beizeiten
                    Ja, ja!

»Und nun vorwärts los, Jungens, mit verhängtem Zügel über Stock und Stein.«

Wir gaben unsern Rossen die Sporen und entflohen der unreinen Stätte, so schnell die braven Tiere nur laufen konnten. Die Luft schien uns frischer und die Heide duftiger, nachdem wir das grausige Paar weit hinter uns gelassen hatten. Wie lieblich wäre die Welt, meine Kinder, ohne die Grausamkeit und Sünde der Menschen!

Als wir endlich langsamer ritten, waren wir bereits zwei bis drei Meilen von dem Galgen entfernt. Uns gerade gegenüber an einem Hügelabhang lag ein hübsches Dörfchen, dessen rotes Kirchendach aus lauschigen grünen Wipfeln hervorsah. Ein rechter Augentrost nach der dürren Heide und gar lieblich anzusehen waren die weitschattenden Zweige und blühenden Gärten rings um die Ortschaft her. Zudem hatten wir den ganzen Tag über außer der alten Hexe und ein paar Torfstechern in weiter Ferne kein lebendes Wesen gesehen. Vor allem aber saßen uns die Leibriemen bedenklich lose, denn das genossene Frühstück schien bereits in nebelgrauer Ferne hinter uns zu liegen.

»Das muß Mere sein, wir sollten es ja vor Bruton passieren,« meinte ich, »wir müssen jetzt dicht bei der Grenze von Somersetshire sein.«

»Ich hoffe, wir sitzen jetzt bald bei einer Schüssel Beefsteaks,« stöhnte Ruben. »Ich bin beinah verhungert. Ein so angenehmes Dorf muß auch ein leidliches Wirtshaus haben, obgleich mir noch keines vorgekommen ist, das sich mit der alten Weizengarbe messen könnte.«

»Verkneift euch fürs erste Wirtshaus und Mittagessen,« sagte Saxon. »Seht euch mal um und sagt mir, was ihr da nach Norden hin seht?«

Am äußersten Horizont glitzerte eine lange Reihe leuchtender Punkte, die wie eine Edelsteinschnur funkelten und sprühten. Sie bewegten sich schnell, aber stets in der gleichen Entfernung von einander.

»Was ist das?« riefen wir beide wie aus einem Munde.

»Kavallerie ist auf dem Marsch,« erklärte Saxon. »Möglicherweise unsre Freunde aus Salisbury, die eine lange Tagreise gemacht haben. Doch bin ich geneigt, dies für eine andre königliche Reiterschar zu halten. Sie sind sehr weit weg. Was wir sehen, ist der Widerschein der Sonnenstrahlen, die sich in ihren Helmen spiegeln. Allein ich müßte mich sehr irren, wenn sie nicht diesem selben Dorf zureiten. Wir wollen es daher klüglich umgehen, damit die Bauernlümmel sie nicht etwa auf unsre Spur hetzen. Wir müssen auf einem Umwege nach Bruton; dort finden wir vielleicht Zeit zu einem Imbiß.«

»O weh! o weh! unser schönes Mittagbrot!« jammerte Ruben kläglich. »Meine Gestalt ist verfallen. Ich klappere in der hohlen Rüstung wie eine trockene Erbse in der Hülse. Ein Trost bleibt aber, Jungens: wir erdulden das alles um das protestantische Bekenntnis!«

»Noch ein gestreckter Galopp nach Bruton, dann können wir ohne Bedenken der Ruhe pflegen,« tröstete Saxon. »Das wär' ein böses Mahl, bei dem uns zum Dessert ein Dragoner aufgetischt würde. Unsre Pferde sind noch frisch. In etwas über einer Stunde sind wir da!«

In weitem Bogen ging's nun um Mere herum, wo einst Karl II. nach der Schlacht von Worcester Unterschlupf gefunden hatte. Die Landstraße drüben wimmelte von Bauern, die Somersetshire verließen, Ackerwagen, die Ladungen voll Nahrungsmitteln nach Westen führten, um ein paar Groschen herauszuschlagen, gleichviel ob von dem Heer des Königs oder den Rebellen.

Wir erkundigten uns hin und wieder nach dem Lauf der Dinge, konnten aber, obgleich wir dem Herd des Aufstandes jetzt nicht mehr fern waren, nichts Gewisses darüber erfahren. Nur stimmten alle überein, daß die Erhebung um sich griffe.

Die sanfte Hügellandschaft, durch die wir jetzt ritten, war schön wie ein bewässerter Garten. Die steinerne Brücke über den Brue führte uns endlich in das Landstädtchen, dem wir zustrebten. Es lag in einem Hain von Obstgärten, an die sich Wiesen und Weiden schlossen. Auf einer Höhe vor der Stadt hielten wir Umschau, konnten jedoch nirgends eine Spur von Truppen gewahren.

Von einer alten Frau des Ortes erfuhren wir, daß zwar eine Schar der Wiltshirer Miliz gestern durchmarschiert sei, heute aber keine Soldaten in der Nähe wären. Beruhigt ritten wir in die Stadt ein und erfragten bald den ersten Gasthof. Mir schwebt noch eine altertümliche Kirche auf einem Hügel vor, auch ein Steinkreuz auf dem Markte; doch die deutlichste und angenehmste Erinnerung an Bruton ist die hübsche dralle Wirtin, die uns im Umsehen die dampfenden Schüsseln vorsetzte.

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