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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 11
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
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secondcorrectorGerd Bouillon
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X.

Das gefährliche Abenteuer auf der Heide.

Die Stadt lag kaum eine halbe Stunde hinter uns, da hörten wir bereits Trommelwirbel und Hornsignale, welche, melodisch durch die Dunkelheit zu uns herüber schallend, die Ankunft des Regimentes, das unsre Freunde im Gasthaus erwarteten, ankündigten.

»Gut, daß mir ihnen aus dem Weg gegangen sind,« meinte Saxon, »denn wer weiß, ob der junge Springinsfeld nicht doch am Ende Lunte gerochen und uns einen schlimmen Streich gespielt hätte! Habt Ihr vielleicht mein seidnes Tuch irgendwo gesehn?«

»Ich nicht!«

»Na, da muß es mir während unsrer kleinen Rauferei aus dem Wams gefallen sein. Ich misse es ungern, denn ich besitze deren nicht viele. Achthundert Mann meinte der Major, und dreitausend sollten noch folgen. Wenn ich diesen Herrn Ogilvie mal wieder treffe nach Beendigung dieses kleinen Geschäfts, dann werde ich ihm eine Lektion darüber halten wie viel nötiger es ist, an militärische Vorsichtsmaßregeln zu denken, als an die Gesetze der Chemie. Der Anstand erfordert zwar, daß man Fremden höflich begegnet und ihnen alle erdenkliche Auskunft erteilt, aber die Weisheit verlangt, daß sie unrichtig sei.«

»Wie es die seine vielleicht war,« warf ich ein.

»Gott bewahre, nein! Die Worte glitten ihm zu glatt vom Munde. Sachte Chloë, sachte! Der Hafer sticht sie – möcht' am liebsten tüchtig ausgreifen, aber es ist so verwünscht dunkel, daß man kaum die Hand vor Augen sieht.«

Wir waren die breite Landstraße entlang getrabt, die weißlich durch die Düsternis schimmerte, gespenstige Bäume huschten an uns vorüber, deren Umrisse sich kaum vom wolkig dunklen Himmel abhoben. So gelangten wir an den östlichen Rand der großen Heide, die sich vierzig Meilen weit in der Breite, zwanzig in der Länge über fast ganz Wiltshire bis über die Grenze von Somersetshire erstreckt. Die große Landstraße nach Westen streift diese Einöde nur, wir aber hatten beschlossen, einen selten benutzten Nebenweg einzuschlagen, der uns auch, obgleich weniger bequem, unserm Ziele zuführte. Wir hofften, seiner Unbedeutsamkeit wegen würde ihn die königliche Reiterei nicht besetzt haben.

Eben hatten wir den Punkt erreicht, an dem dieser Seitenweg sich von der Hauptstraße abzweigt, als wir Pferdegetrappel hinter uns hörten.

»Jemand, der sich nicht scheut, zu galoppieren,« bemerkte ich.

»Haltet hier im Schatten!« flüsterte Saxon hastig. »Lockert das Schwert in der Scheide. Wer so schnell bei Nacht reitet, reitet in wichtiger Sache.«

Den Weg entlang spähend, unterschieden wir jetzt im Dunkeln einen Schattenfleck, der sich bald zu Roß und Reiter gestaltete. Der Reiter kam bis dicht an uns heran, ehe er uns bemerkte. Dann aber parierte er sein Pferd mit ganz merkwürdigem Ungeschick und wandte es nach uns herum.

»Ist hier Micha Clarke?« fragte eine Stimme, die mir wunderbar bekannt vorkam.

»Ich bin Micha Clarke,« antwortete ich.

»Und ich Ruben Lockarby,« rief unser Verfolger mit komischem Pathos. »Micha, alter Junge, umarmen möcht' ich dich auf der Stelle, wenn ich nicht unfehlbar dabei bügellos werden und dich am Ende noch mit mir aus dem Sattel reißen würde! Das plötzliche Anhalten hätte mich soeben um ein Haar auf den Sand gesetzt. Mein Ritt von Havant bis hierher war ein fortwährendes Runterrutschen und Raufklettern. Na, ich glaube, seit Menschengedenken ist noch kein Pferd so geschickt unter seinem Reiter weggelaufen wie dies!«

»Großer Gott, Ruben!« rief ich staunend, »was führt dich hierher? So weit von Hause fort!«

»Ganz dasselbe, was dich herführt, Micha, und auch den Don Decimo Saxon weiland aus dem Solent, der da hinter dir im Dunkeln hält. Wie geht es, o Erlaucht?«

»Also Ihr seid es, junger Waldhahn!« brummte Saxon, augenscheinlich nicht besonders erbaut.

»Ich, in höchsteigner Person,« sagte Ruben. »Und nun, wohledle cavalieros, rechts um geschwenkt und weitergetrabt, wir haben keine Zeit zu verlieren. Morgen müssen wir alle in Taunton sein.«

»Aber, liebster Ruben,« sagte ich, »du willst doch nicht wirklich mit uns zu Monmouth stoßen! Was würde dein Vater dazu sagen? Es handelt sich hier nicht um eine Vergnügungsreise, sondern um eine, die zum furchtbar ernsten Ende führen mag. Bestenfalls geht der Weg zum Siege durch viel Blutvergießen und Gefahr. Schlimmstenfalls winkt uns am Ziel unsrer Bahn das Schaffot.«

Aber Ruben rief: »Vorwärts, Gesellen, vorwärts!« und gab seinem Roß die Sporen. »Das ist alles wohl bedacht und abgemacht! Ich stelle meine werte Person, nebst einem geborgten Schwerte und einem gestohlenen Pferde seiner allerprotestantischsten Hoheit, dem Herzog Jakob von Monmouth zur Verfügung!«

»Aber wie ist denn das alles so gekommen?« fragte ich im Weiterreiten. »Dein Anblick macht mir das Herz warm, aber du hast dich doch dein Lebtage nicht um Religion und Politik gekümmert. Woher nun mit einem Mal dieser plötzliche Entschluß?«

»Ehrlich gestanden,« erwiderte er, »ich halte es weder mit König noch Herzog, geb' auch nicht einen Pfifferling drum, wer von beiden auf dem Thron sitzt. Kann mir nicht denken, daß einer von ihnen der Waizengarbe Kundschaft zubringen, oder Ruben Lockarby zum Minister machen würde. Ich halt' es mit Micha Clarke; dessen Mann bin ich vom Scheitel bis zur Sohle; und wenn der in den Krieg zieht, soll mich doch gleich der Kuckuck holen, wo ich von ihm weich' und wanke!«

Zur Bekräftigung dieser Beteuerung erhob er erregt die Hand, verlor dabei das Gleichgewicht und schoß in ein dichtes Gestrüpp am Wegesrand, aus dem seine Beine in der Dunkelheit hilflos in die Luft strampelten.

»Das war nun das zehnte Mal,« sagte er, als er wieder herausgekrochen und in den Sattel geklettert war, »Mein Vater hat mir immer eingeschärft, ja nicht zu fest im Sattel zu sitzen. Man muß sich sanft heben und senken, meinte der Alte. Weiß Gott, gesenkt hab' ich mich mehr als gehoben, aber es war alles andre eher als sanft!«

»Donnerwetter!« rief Saxon, »im Namen aller Kalenderheiligen, wie wollt Ihr Euren Sitz vorm Feinde behaupten, wenn Ihr ihn schon auf einer friedlichen Landstraße verliert?«

»Ich muß es eben darauf ankommen lassen, Erlauchtester,« gab er zurück, während er seine arg mitgenommene Kleidung ordnete. »Vielleicht bringen meine plötzlichen und unerwarteten Bewegungen den Feind außer Fassung.«

»Hm, hm, darin liegt vielleicht mehr Wahres, als Ihr selbst wißt,« meinte Saxon und ritt so dicht an Lockarbys Linke, daß ihm zwischen uns beiden kein Raum zum Hinunterfallen blieb. »Ich fechte lieber mit jemand, der etwas, wenn auch nur wenig, von der Waffenführung versteht, wie z. B. der junge Fant im Wirtshause, als mit Micha oder Euch, Ruben, die Ihr keine Ahnung davon habt. Man kann immer wissen, was jener zunächst thun wird, während sich Euresgleichen eine eigne Methode ausdenkt, die Euch für das Mal in Vorteil setzt. So galt z. B, der Oberhauptmann Müller im kaiserlichen Heere für einen Meister im Rapierfechten; er konnte jede Wette eingehen, einen Knopf von seines Gegners Weste abzutrennen, ohne in das Tuch einzuschneiden. Und dennoch fiel er im Duell mit dem Fahrführer Zollner, einem Kornett bei den Panduren, der so viel vom Fechten verstand, wie Ihr vom Reiten. Denn wohlgemerkt, das Rapier ist zum Stechen bestimmt, nicht zum Hauen, so daß kein verständiger Mensch, der es führt, daran denkt, sich gegen einen Seitenhieb zu decken. Aber Zollner, der sehr lange Arme hatte, zog seinem Gegner eins damit übers Gesicht, als ob es ein Rohrstock wäre, und spießte ihn dann einfach auf, ehe er Zeit hatte, sich von dem Schlag zu erholen. Hätte der Handel noch einmal ausgetragen werden können, so würde der Oberhauptmann zweifelsohne früher pariert haben, aber so konnten alle Erklärungen und Entschuldigungen an der Thatsache nichts ändern. Der Mann war tot.«

»Wenn Ungeschick den Fechter gefährlich macht,« lachte Ruben, »dann bin ich noch viel verderblicher, als jener unaussprechliche Biedermann, den Ihr eben nanntet. Doch um in meinem Bericht fortzufahren, – den ich vorhin unterbrach, um eben ein wenig abzusteigen, – ich erfuhr eure Abreise ganz früh morgens, und von Zacharias Palmer alles Nähere über eure Pläne. Ich beschloß deshalb sofort, gleichfalls in die Welt zu gehen, borgte mir ein Schwert von Salomo Sprent, und da mein Vater gerade in Gosport war, entlehnte ich den besten Gaul aus seinem Stalle. Ich habe nämlich eine zu hohe Achtung vor dem Alten, als daß ich sein eigen Fleisch und Blut schlecht beritten in den Krieg ziehen lassen sollte. Von früh an bin ich unterwegs, wurde zwar zweimal als verdächtig angehalten und verhört, aber glücklicherweise immer wieder losgelassen. Ich wußte, daß ich euch dicht auf den Fersen war, denn sie durchsuchten euretwegen den Gasthof in Salisbury.«

Decimus pfiff leise vor sich hin. »Nach uns haben sie gesucht?« fragte er dann.

»Ja, sie hatten so eine Ahnung davon gekriegt, als wäret ihr nicht, was ihr zu sein vorgabt; als ich vorüberritt, wurde gerade die Schenke ringsum umstellt, aber niemand dort konnte angeben, welchen Weg ihr eingeschlagen hättet.«

»Sagte ich's nicht?« rief Saxon, »die junge Natter hat das Regiment gegen uns aufgehetzt. Wir müssen eilen, denn womöglich senden sie uns noch eine Patrouille nach.«

»Wir haben ja jetzt die große Landstraße verlassen,« wandte ich ein, »selbst wenn sie uns nachsetzen, werden sie kaum diesen Seitenpfad einschlagen.«

»Dennoch halt' ich's für geraten, schleunigst Fersengeld zu geben,« beharrte Saxon und spornte sein Tier zum Galopp. Lockarby und ich folgten seinem Beispiel, und wir jagten alle drei rasch auf dem unebenen moorigen Pfade dahin.

Hin und wieder passierten wir ein zerstreutes Tannengehölz, in dem der Wildkater fauchte und der Uhu kreischte, dann wieder ging's durch Moor und Marsch, wo nur der dröhnende Ruf der Rohrdommel und das Aufflattern einer Wildente das tiefe Schweigen ringsum unterbrach. Der Weg war stellenweise von Brombeerranken überwuchert, hatte so tiefe Geleise und große, gefährliche Löcher, daß unsre Pferde mehrmals in die Knie stürzten. An einer Stelle kreuzte ein Flüßchen unsern Weg. Die hölzerne Brücke, die hinüber führte, war morsch und eingesunken, niemand hatte den Versuch gemacht, sie auszubessern. So mußten unsre Pferde denn das Wasser durchwaten, das ihnen bis zum Sattelgurt ging. Anfangs hatten hin und wieder auftauchende Lichter uns die Nähe menschlicher Wohnstätten verraten; je weiter wir vordrangen, desto seltener wurden sie aber, bis schließlich das letzte verglomm und wir uns inmitten des öden Bruchlandes befanden, das sich in unbegrenzter Einsamkeit mit dem dunstumwobenen Horizonte verschmolz. Der Mond brach jetzt durch die Wolken und beleuchtete, mit seinem verschleierten Glanze durch weiße geheimnisvolle Nebelstreifen schimmernd, die wilde Gegend, so daß wir die Spur unsres Weges, den weder Zaun noch Hecke kenntlich machte, und der kaum von dem Heideland zu unterscheiden war, sicherer verfolgen konnten.

In der Überzeugung, daß nun wohl jede Besorgnis vor einer Verfolgung vorüber sei, begannen wir langsamer zu reiten, und Ruben unterhielt uns gerade mit einer lustigen Schilderung des Aufsehens, das unser Verschwinden in Havant gemacht hatte, als plötzlich ein fernes, dumpfes Getrappel durch die stille Nachtluft an mein Ohr schlug. Gleichzeitig sprang Saxon vom Pferde und legte den Kopf auf den Boden.

»Tod und Teufel,« rief er, sich wieder in den Sattel schwingend. »Sie sind hinter uns drein, so wahr ich lebe! Dem Ton nach wohl ein Dutzend Reiter. Wir müssen sie loswerden oder, ade Monmouth!«

»Vorwärts also,« entgegnete ich, und den Rossen die Sporen in die Weichen drückend, jagten wir durch die Nacht dahin, wie das wilde Heer. Covenant und Chloë waren frisch und ausgeruht und fielen bald in einen langen, elastischen Galopp. Das Pferd unsres Freundes aber hatte eine lange Tagereise hinter sich, und sein hastiges keuchendes Schnaufen verkündete, daß es nicht mehr lange werde aushalten können. Durch den Hufschlag unsrer eignen Pferde hindurch vernahm ich aber noch immer von Zeit zu Zeit das verhängnisvolle dumpfe Getrappel hinter uns.

»Das geht so nicht weiter, Ruben,« sagte ich besorgt, als das erschöpfte Tier stolperte und den Reiter bei einem Haar über seinen Kopf hinweggeschleudert hätte.

»Armes Vieh, es wäre beinahe gestürzt,« erwiderte er betrübt, »wir reiten jetzt querfeldein, und auf dem unebenen Boden kommt sie nicht fort.«

»Freilich wir haben den Heideweg verlassen,« rief Saxon, den Kopf nach uns zurückwendend, »aber Ihr müßt bedenken, daß auch die Blauröcke den ganzen Tag über marschiert sind, auch ihre Pferde werden abgetrieben sein. Wie in Himmels Namen mögen sie nur erfahren haben, welchen Weg wir einschlugen!«

Gleichsam als Antwort erklang jetzt durch die stille Nacht hinter uns ein einzelner, klarer glockenähnlicher Laut, der wuchs und schwoll, bis er die ganze Luft mit seinem Klange zu erfüllen schien.

»Ein Bluthund!« schrie Saxon.

Ein zweiter kürzerer, schärferer Laut, der in ein unverkennbares Geheul ausging, antwortete dem ersten.

»Noch einer,« sagte er. »Sie haben die Bestien losgekoppelt, die wir dort am Dom sahen! Das ließen wir uns auch nicht träumen, als wir sie vor ein paar Stunden durch das Eisengitter beguckten, daß sie sobald nachher auf unsrer Fährte sein würden! Sitzt fest im Sattel, drückt die Knie an, denn wer jetzt fällt, fällt zum letztenmal!

»Heiliger Gott!« rief Ruben. »Ich war gefaßt darauf, in der Schlacht zu sterben – aber Hundefutter werden! Das geht mir doch gegen die Haare!«

»Sie haben sie an der Leine,« stieß Saxon zwischen den Zähnen hervor, »sonst hätten sie die Pferde längst überholt und wären ihnen in der Dunkelheit entschwunden. Fänden wir nur irgendwo fließendes Wasser, so könnten wir sie vielleicht von unsrer Fährte abbringen.«

»Mein Pferd kann es aber nur noch wenige Minuten bei diesem Tempo aushalten,« rief Ruben. »Wenn es stürzt, so reitet ihr nur weiter. Die Kerls verfolgen eure Spur und nicht meine. Sie haben gegen die beiden Fremden im Wirtshaus Verdacht geschöpft, aber nicht gegen mich.«

»Nein, Ruben, wir stehen oder fallen zusammen,« sagte ich traurig, denn sein Pferd wurde mit jedem Schritt schwächer. »Bei Nacht und Nebel werden sie auf den Unterschied der Personen nicht groß achten.«

»Nur nicht den Mut verloren,« rief uns der alte Soldat zu, der uns bereits ein paar Pferdelängen voraus war. »Wir können sie so gut hören, weil der Wind nach uns zu steht, aber es fragt sich sehr, ob sie uns hören. Zudem scheint mir's, sie geben die Verfolgung auf.«

»Es ist wahr, der Hufschlag wird schwächer,« sagte ich erfreut.

»So schwach, daß ich ihn nicht mehr hören kann,« rief Ruben.

Wir hielten unsre keuchenden Rosse an und lauschten gespannt; aber an unsre Ohren drang kein andrer Laut als das leise Säuseln des Nachtwindes in den Ginsterbüschen und der melancholische Ruf des Ziegenmelkers. Hinter uns dehnte sich die unermeßliche wellenförmige Heide bald im Licht, bald im Schatten bis fern in den dämmernden Horizont hinein, totenstill und regungslos.

»Entweder wir sind ihnen vollständig entkommen, oder sie sind der Jagd überdrüssig geworden,« meinte ich. »Was fehlt aber nur den Pferden, daß sie so zittern und schnauben?«

»Meine arme Dido ist beinah kaput,« bemerkte Ruben und klopfte den dampfenden Hals des Tieres.

»Trotzdem dürfen wir nicht ruhen,« warnte Saxon. »Wer weiß, ob wir nicht doch noch in Gefahr sind. Vielleicht mögen eine Meile oder zwei weiter uns ganz in Sicherheit bringen. Aber es will mir nicht recht gefallen.«

»Nicht gefallen? Was denn?«

»Diese Pferde und ihre Furcht. Tiere hören und sehen manchmal mehr als wir, wie ich das an diversen Beispielen aus meinen eignen Erlebnissen an der Donau und in der Pfalz darthun könnte, wären Ort und Zeit gelegener. Vorwärts also, ehe wir uns ausruhen.«

Wacker entsprachen die müden Pferde der an sie gestellten Forderung, und trabten noch eine ganze Weile über den unebenen Boden, bis wir endlich glaubten, anhalten zu dürfen, und uns gratulierten, nun endlich unsre Verfolger los zu sein. Da plötzlich erscholl wieder das tiefe glockenähnliche Bellen, weit lauter und näher denn zuvor – ja so laut klang es, daß offenbar die Hunde uns dicht auf den Fersen sein mußten.

»Die verfluchten Rüden!« rief Saxon und gab seinem Pferde die Sporen, daß es mit einem weiten Satz vorwärts schoß. »Das hab' ich gefürchtet! Sie haben sie von der Leine gelassen. Vor den Teufeln ist kein Entkommen möglich. Aber wir können uns wenigstens die Stelle wählen, wo wir Stand halten wollen.«

»Weiter, weiter, Ruben,« schrie ich. »Jetzt haben wir's nur mit den Hunden zu thun. Ihre Herren haben sie losgelassen und sind nach Salisbury zurückgeritten.«

»Wollte Gott, sie brächen's Genick, ehe sie hinkommen,« rief er. »Hetzen Hunde auf uns, als wären wir Ratten auf'm Hahnenplan. Und dann heißt England ein christliches Land! Aber es geht nicht, Micha! Die arme Dido kann sich nicht mehr rühren.«

Noch während er sprach, erklang von neuem das kurze grimme Gebell der Schweißhunde. Von der Nachtluft getragen, schwoll es von einem leisen, heisern Knurren bis zum hohen gellenden Aufheulen. Es klang fast wie Siegesfrohlocken durch den wilden Laut, als wüßten sie, daß sie das flüchtige Wild nun beinah gestellt hätten.

»Nicht einen Schritt weiter,« fuhr Ruben fort, hielt, und zog sein Schwert. »Wenn ich kämpfen muß, dann kämpfe ich hier.«

»Einen besseren Platz hätten wir auch nicht finden können,« erwiderte ich.

Vor uns erhoben sich zwei hohe, zackige Steinblöcke steilrecht aus der Ebene, die einen Raum von zehn bis fünfzehn Fuß zwischen sich frei ließen. Durch dieses Felsenthor ritten wir hindurch, und ich rief Saxon laut zu, er möchte sich uns anschließen. Aber seine Stute, die uns ohnehin längst weit voraus war, hatte bei dem erneuten Alarm einen frischen Anlauf genommen, so daß er bereits mehrere hundert Schritt von uns entfernt war. Weiteres Rufen war vergeblich. Hätte er selbst unsre Stimmen noch vernommen – ehe er zurück sein konnte, mußten die Hunde uns erreicht haben.

»Laß ihn laufen,« sagte ich hastig. »Stelle dich mit deinem Pferde hinter jenem Felsen auf, ich will hinter diesem halten. So wird die Kraft des ersten Anpralls etwas gebrochen. Steig nicht ab, sondern hau von oben herunter und triff gut.«

Jeder im Schatten seines Felsblocks regungslos haltend, so erwarteten wir schweigend unsre furchtbaren Verfolger.

Wenn ich jetzt daran zurückdenke, meine lieben Kinder, so will mir jener Augenblick eine recht schwere Probe erscheinen für zwei solche Neulinge im Soldatenhandwerk, wie es Ruben und ich damals waren. Denn ich habe immer gefunden und es mir auch von andern bestätigen lassen, daß unter allen Gefahren, denen der Mensch die Stirn bieten muß, der Angriff wilder mordlustiger Tiere die Nerven am meisten erschüttert. Im Kampfe mit Menschen bleibt immer noch die Möglichkeit, daß eine vorübergehende Schwäche oder Mangel an Mut uns ihnen gegenüber einen Vorteil gewähren kann; bei reißenden Bestien gibt es aber keine derartige Hoffnung.

Wir wußten, daß die grimmigen Tiere, mit denen wir es zu thun hatten, nach unserm Blute lechzten, und so lange noch Odem in ihnen war, uns nach der Kehle springen würden. Außerdem ist der Einsatz in einem solchen Kampfe zu ungleich, denn unser Herz sagt uns, daß unser Leben wenigstens für unsre Lieben kostbar ist, aber was liegt an dem ihrigen? Das alles und noch vielmehr ging uns durch den Sinn, während wir mit gezücktem Degen regungslos verharrten und unsre zitternden Pferde nach Möglichkeit beruhigten. So erwarteten wir die Bluthunde.

Wir brauchten nicht lange zu warten. Ein langes tiefes, grollendes Gebell, dann tiefes Schweigen, nur unterbrochen von dem schnellen, ängstlichen Schnauben der Pferde. Plötzlich und lautlos sprang nun ein großmächtiges gelbbraunes Tier, mit tief herabhängenden Lefzen in den mondhellen Streifen zwischen den Felsen. Die schwarze Schnauze am Boden, verschwand es drüben im Schatten. Keinen Augenblick halt machend, weder zur Rechten noch zur Linken abweichend, verfolgte es pfeilschnell seinen Lauf. Dicht dahinter kam eine zweite Bestie und hinter ihr eine dritte; alle beide von enormem Wuchs und noch größer und schrecklicher gemacht durch das matte flimmernde ungewisse Licht. Gleich dem ersten Hunde nahmen sie keine Notiz von uns, sondern setzten der Spur nach, die Decimus Saxon hinterlassen hatte. Den ersten und zweiten ließ ich vorbei, denn ich begriff kaum, daß sie uns so vollständig übersahen. Als der dritte aber in den Lichtkreis sprang, zog ich die Pistole aus dem rechten Halfter, stützte den langen Lauf auf meinen linken Arm und gab Feuer. Die Kugel erreichte ihr Ziel, denn das Tier stieß ein grimmiges Wut- und Schmerzgeheul aus, blieb aber treu seinem Spürsinn fest auf der Fährte, ohne zu wanken oder sich umzusehen. Lockarby schickte ihm noch eine Kugel nach, als es zwischen dem Strauchwerk verschwand, augenscheinlich aber ohne Erfolg.

So schnell und so lautlos waren die großen Hunde vorüber gehuscht, daß man sie für grausige Nachtgespenster, für die Geisterhunde des wilden Jägers hätte halten können, ohne das einmalige wilde Aufheulen, welches meinem Schusse folgte.

»Was für Bestien!« rief Ruben aus, »was aber nun, Micha?«

»Es ist ganz klar, sie sind nur auf Saxons Spur losgelassen,« sagte ich, »wir müssen ihnen nach, sie kriegen ihn sonst unter. Hörst du noch etwas von unsern Verfolgern?«

»Gar nichts!«

»So haben sie die Jagd aufgegeben und als letztes Mittel die Köter losgelassen. Die sind natürlich darauf dressiert, zur Stadt zurückzulaufen. Aber wir müssen uns sputen, wenn wir unserm Kameraden noch helfen wollen!«

»Noch ein bißchen nimm dich zusammen, mein Didochen,« schmeichelte Ruben seinem Tier, »kannst du noch ein Endchen weiter laufen? Nein, ich bring's nicht übers Herz, dir die Sporen zu geben. Ich weiß, du thust es, wenn du's kannst!«

Die treue Mähre wieherte, als verstände sie ihres Herrn Worte und streckte ihre müden Glieder zum Galopp. So entschlossen leistete sie der Aufforderung Folge, daß sie nur wenige Längen hinter meinem Covenant zurückblieb, obgleich ich ihn zur höchsten Eile antrieb.

»Diese Richtung hat er eingeschlagen,« sagte ich und spähte besorgt durch die Dunkelheit. »Er kann kaum sehr weit geritten sein, er sprach ja davon, irgendwo Stellung zu nehmen. Oder vielleicht vertraute er doch der Schnelligkeit seines Pferdes, als er merkte, daß wir ihm nicht mehr folgten.«

»Wie kann ein Pferd diesen Bestien entrinnen?« entgegnete Ruben. »Sie müssen ihn ja einholen, das wird er auch wissen. Holla, was ist das?«

Ein dunkler Körper lag im Mondschein vor uns. Es war der Kadaver eines Hundes, augenscheinlich dessen, den ich getroffen hatte.

»Einen wären wir also los!« rief ich vergnügt; »jetzt haben wir's nur noch mit zweien zu thun!«

Noch während ich sprach, fielen in geringer Entfernung nach links hin zwei Pistolenschüsse. Rasch wandten wir die Pferde und eilten, so schnell wir konnten, in der durch den Knall gewiesenen Richtung vorwärts.

Durch die dämmrige Mondnacht erscholl jetzt aber solch ein entsetzliches Geheul und Gekläff, daß uns das Herz in der Brust erstarrte. Das war nicht mehr der vereinzelte Laut, wie ihn die Hunde ausgestoßen hatten, als sie auf der Fährte waren, sondern ein unaufhörliches rauhes Gebelfer aus tiefster Kehle, so grimmig und so anhaltend, daß wir nicht zweifeln konnten – das Wild war gestellt!

»Gott erbarme sich – wenn sie ihn nur nicht schon unten haben!« sagte Ruben mit bebender Stimme.

Mir war derselbe Gedanke gekommen, denn ein ähnliches Gezeter hatte ich im kleinen erlebt, als eine Meute Otterhunde ihre Beute ergriffen hatten und sie zerfleischten.

Mir wurde es schwarz vor Augen. Rasch zog ich mein Schwert, fest entschlossen, unsern Kameraden wenigstens an den vierbeinigen Teufeln zu rächen, falls wir zu seiner Rettung zu spät kämen.

Durch ein Dickicht struppiger, dicht verwachsener Wacholderbüsche hindurchbrechend, kamen wir zu einem Auftritt, der so wenig unsrer Erwartung entsprach, daß wir in starrem Erstaunen anhielten.

Eine kreisrunde Lichtung, hell vom silbernen Mondlicht beleuchtet, lag vor uns. In ihrer Mitte ragte ein gigantischer Steinblock, eine der hohen dunklen Säulen, die man allerorten über die Heide verstreut findet, besonders häufig in der Gegend von Stonehenge. Diese nun mochte wohl an fünfzehn Fuß hoch sein und ursprünglich aufrecht gestanden haben, doch Wind und Wetter, oder auch eine Senkung des Untergrundes hatten sie allmählich aus der Richtung gebracht, bis sie sich so schräg im Winkel neigte, daß ein behender Mann sie leicht erklimmen konnte.

Auf der Spitze dieser alten Steinsäule nun saß mit untergeschlagenen Beinen, unbeweglich wie ein altheidnisches Götzenbild Decimus Saxon und rauchte gelassen die lange Pfeife, welche stets sein Trost in schwierigen Lebenslagen war. Unter ihm, an der Basis des Monolithen, wie es die Gelehrten nennen, sprangen und bellten die beiden gewaltigen Bluthunde. Sie bäumten sich und kletterten einer über des andern Rücken in ihrem tollen und vergeblichen Bestreben, die regungslose Gestalt, die oben über ihnen hockte, zu erreichen, und machten ihrer ohnmächtigen Wut und Enttäuschung in dem gräßlichen Geheule Luft, das so fürchterliche Schreckbilder in uns hervorgerufen hatte.

Es blieb uns jedoch nur wenig Zeit, uns das sonderbare Schauspiel anzusehen. Kaum hatten uns die Hunde erblickt, als sie auch ihre fruchtlosen Anstrengungen, Saxon zu erreichen, aufgaben und mit einem zähnefletschenden Knurren grimmer Genugthuung Ruben und mich anfielen. Eine große Bestie mit flammenden Augen, aus deren offnem Rachen die weißen Fänge im Mondschein blinkten, sprang meinem Gaul an die Kehle; aber ich blieb ihr nichts schuldig. Mit einem einzigen, sausenden Hiebe spaltete ich ihr die Schnauze vom Kopf, so daß das Untier zuckend und sich krümmend in einer Blutlache verendete.

Ruben hatte mittlerweile sein Roß dem Angreifer entgegentreiben wollen, allein das arme, todmüde Tier scheute beim Anblick des grimmen Hundes und fuhr so plötzlich zurück, daß sein Reiter kopfüber hinunterschoß, gradeswegs dem Ungetüm in den Rachen. Es hatte dem armen Ruben jetzt übel ergehen können, wäre er auf sich allein angewiesen geblieben. Im besten Falle hätte er sich das grause Gebiß nur ein paar Augenblicke vom Halse halten können. Aber ich sah seine mißliche Lage, zog mein zweites Pistol, sprang vom Pferde und schoß die volle Ladung der Bestie, die mit meinem Freunde kämpfte, in die Weiche. Mit einem letzten gellenden Wut- und Schmerzenslaut schnappte sie noch einmal um sich und sank langsam auf die Seite nieder, Ruben kroch erschrocken und voller Beulen und Schrammen, sonst aber unversehrt von seinem gefährlichen Abenteuer, unter ihr hervor.

»Dafür bin ich in deiner Schuld, Micha,« sagte er herzlich, »wer weiß, ob ich's dir nicht noch mal vergelten kann!«

»Und ich bin in euer beider Schuld,« rief Saxon, der mittlerweile von seinem Zufluchtsort herabgeklettert war. »Ich bezahle meine Schulden im Guten wie im Bösen. Ich hätte ohne euch dort oben sitzen können, bis ich schwarz wurde, ohne Aussicht, je wieder lebendig herunterzukommen. Sancta Maria! Das war ein Meisterstreich, Clarke! Der Kopf des Viehzeugs flog in zwei Stücken auseinander, wie ein fauler Kürbis. Kein Wunder, daß sie sich mir an die Fersen hefteten, ließ ich doch meinen zweiten Sattelgurt und mein Halstuch liegen, so witterten sie Chloës Spur sowohl wie die meine.«

»Wo ist denn aber Chloë geblieben?« fragte ich, indem ich mein Schwert abwischte

»Chloë mußte eben selbst zusehen, wo sie blieb. Ich merkte, daß die Bestien mir immer näher kamen, und versuchte ihnen eins aufzubrennen, knallte auch beide Baller ab. Auf einem Pferde aber, das wie die Windsbraut einhersaust, ist es fast unmöglich, daß die Kugel ihr Ziel trifft. Die Sache wurde böse, denn ich hatte keine Zeit wieder zu laden, und das Rapier ist – obschon die Perle aller Waffen im duello – doch kaum für eine Gelegenheit, wie diese, geeignet. Indessen das Glück war mir hold. Gerade als ich wirklich in der Klemme war, muß mir dieser gelegene Stein in den Wurf kommen, den meiner Ansicht nach die frommen Priester der Vorzeit einzig in der Voraussicht aufstellten, daß er einst würdigen cavalieros eine Zuflucht vor solchen gemeinen niederträchtigen Feinden böte. Ich durfte keine Zeit beim Hinaufklettern versäumen, ich mußte buchstäblich dem Vordersten meinen Absatz aus dem Rachen reißen, und er hätte mich unfehlbar daran zurückgezerrt, wäre ihm mein scharfer Sporn nicht ein zu harter Bissen für seine Kauwerkzeuge gewesen. Aber ich denke, eine meiner Kugeln müßte doch getroffen haben!«

Er setzte seinen Zündschwamm in Brand und beleuchtete damit den toten Hund, der mich angegriffen hatte, sodann den andern.

»Der hier ist ja so durchlöchert wie ein Sieb,« rief er aus, »Womit ladet Ihr gewöhnlich Eure Pistolen, guter Meister Clarke?«

»Mit zwei Stück Blei.«

»Na, und die zwei Stück Blei haben hier zum wenigsten zwanzig Löcher gemacht! Und Donner und Doria, da steckt ja ein Flaschenhals im Fell des Köters!«

»Jetzt geht mir ein Licht auf!« rief ich. »Jetzt besinne ich mich! Meine gute Mutter hatte mir ein Fläschchen Daffys Elixir in den Pistolenlauf gesteckt!«

»Und du hast es in den Bluthund hinein geschossen!« rief Ruben und brach in ein wieherndes Gelächter aus. »Haha, hoho! Wenn wir die Geschichte in der Waizengarbe erzählen, da wird wohl mehr als eine Kehle vor Lachen trocken werden! Rettet mir das Leben dadurch, daß er einen Hund mit 'ner Flasche von Daffys Elixir erschießt!«

»Und mit einer Kugel daneben, Ruben, obgleich natürlich die Klatschgevattern diese Kleinigkeit später weglassen werden. Ein wahres Glück, daß die Pistole nicht platzte. Was gedenkt Ihr jetzt zu thun, Meister Saxon?«

»Zunächst womöglich meinen Gaul wieder einzufangen. Chloë wird zwar im Finstern auf dieser unermeßlichen Heide genau so leicht zu finden sein, wie die Hosen eines Bergschotten, oder ein ungesalzener Vers im Hudibras.«

»Ruben Lockarbys Stute kann auch nicht mehr weiter,« stimmte ich bei. »Aber täuschen mich meine Augen, oder flimmert dort drüben ein Licht?«

»Ein Irrlicht,« sagte Saxon.

»Das igniz fatuus sucht voll Tücke
Wie Mensch und Tier es schlau berücke.

Ich gebe aber zu, es brennt so ruhig und klar, als ob es von einem häuslichen Gerät, Lampe, Kerze, Nachtlicht oder Laterne herrührte.«

»Wo Licht ist, da ist Leben!« rief Ruben. »Laßt uns ihm nachgehen, ob wir dort vielleicht ein Obdach finden mögen.«

»Von unsern Freunden, den Dragonern, kann's nicht herrühren,« überlegte Saxon. »Die Pest über sie! Wie haben sie nur rausbekommen, wer wir sind? Ob am Ende der Bengel von Fahnführer sie uns auf den Hals gehetzt hat unter dem Vorwande einer Beleidigung des Regiments? Gerät der mir je wieder vor die Klinge, so soll er nicht noch mal so leichten Kaufs davon kommen! Nehmt die Pferde am Zügel, wir wollen das Licht dort untersuchen, da uns doch nichts andres übrig bleibt.«

Mühsam wanden wir uns durch die weglose Heide immer dem Punkte nach, der in der Ferne funkelte, und tausend Vermutungen über das Woher desselben wurden beim Weiterschreiten unter uns laut. Leuchtete er wirklich aus einer menschlichen Wohnung, was für eine Persönlichkeit mußte das sein, die nicht zufrieden damit, mitten in dieser öden Wildnis zu wohnen, sich auch noch eine Stelle ausgesucht hatte, die so ganz abseits von den einsamen Holzwegen lag, die sie durchquerten? Die große Landstraße lag meilenweit hinter uns, niemand, den nicht, wie uns, die Not trieb, verirrte sich wohl je in diese trostlose Einöde. Der weltfremdeste Eremit konnte sich keinen Wohnplatz wünschen, der ihn vollständiger von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen hätte.

Im Näherkommen sahen wir, daß das Licht wirklich aus einem kleinen Häuschen kam, das so geschickt in eine Schlucht gebaut war, daß es gerade nur von der Seite entdeckt werden konnte, von der wir kamen. Vor der ärmlichen Behausung war das Gestrüpp ausgerodet und auf dem kleinen Rasenfleck graste gemütlich unser verlornes Pferd. Derselbe Lichtschein, der uns herführte, hatte es wahrscheinlich auch angelockt und ihm süße Bilder von Hafer und Wasser vorgegaukelt. Mit einem erleichterten Seufzer ergriff Saxon wieder Besitz von seinem verlorenen Eigentum und ging mit Chloë am Zügel auf die Thür der einsamen Hütte zu.

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