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Micha Clarke

Arthur Conan Doyle: Micha Clarke - Kapitel 10
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pfad/doyle/michacla/michacla.xml
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleMicha Clarke
publisherVelhagen & Klasing
year1895/1896
translatorRobert Koenig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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IX.

Ein Waffengang im Blauen Eber.

Mehrere Stunden hatte ich bereits geschlafen, als mich ein furchtbarer Krach plötzlich aufschreckte. Waffengeklirr und gellendes Geschrei tönten vom Erdgeschoß herauf. Mit beiden Füßen zugleich aus meinem Bette gesprungen, fand ich das Lager meines Gefährten leer und die Zimmerthür offen. Da der Lärm unten fortdauerte, und ich Saxons Stimme durchzuhören glaubte, raffte ich mein Schwert auf und eilte herunter, ohne mir die Zeit zu nehmen, Brust- und Armschienen oder die Sturmhaube anzulegen.

Im Hausflur drängten sich kichernde Mägde und gaffende Knechte herum, die gleich mir von dem Getobe herbeigelockt waren. Mit Mühe bahnte ich mir einen Weg durch sie hindurch bis in das Gemach, in dem wir heute morgen gefrühstückt hatten, und das jetzt der Schauplatz des wildesten Tumultes war. Der runde Tisch in der Mitte des Zimmers war umgestürzt, und auf dem Fußboden rollten drei zerschlagene Weinflaschen, Äpfel, Birnen, Nüsse und die Scherben der Fruchtschalen, worauf sie gelegen, herum. Mehrere Pack Karten und ein Würfelbecher leisteten den Speiseresten Gesellschaft. Dicht an der Thür stand Decimus Saxon, den gezückten Degen in der Hand. Ein zweiter lag unter seinem Fuß. Ihm gegenüber ein junger Offizier in blauer Uniform, glutrot vor Zorn und Scham, dessen Blicke wild im Zimmer umherfuhren, als suchten sie nach einer Waffe an Stelle derjenigen, die ihm entrissen war. Er hätte einem Bildhauer als Modell zur Darstellung der ohnmächtigen Wut dienen können. Zwei andre Offiziere in der gleichen blauen Uniform standen neben ihrem Kameraden, und da ich bemerkte, daß sie die Hand am Schwertgriff hatten, stellte ich mich kampffertig neben Saxon.

»Was würde der maître d'armes dazu sagen – der maître d'escrimes?« rief dieser. »Mich dünkt, er sollte seine Stelle verlieren, weil er Euch keine bessere Parade beigebracht hat. Er sollte sich schämen! Lehrt er so die Offiziere von Sr. Majestät Garde ihre Waffen führen?«

»Dieser Hohn ist nicht unverdient, mein Herr,« sagte der älteste der drei, ein stämmiger Mann mit sonngebräunten plumpen Gesichtszügen, »dennoch wäre er vielleicht besser unterblieben. Ich gebe zu, daß unser Freund hier Euch überhastig angriff, und daß ein so junger Soldat einem Kavalier von Eurer Erfahrung hätte achtungsvoller begegnen sollen.«

Der andre Offizier, ein schöner, vornehm aussehender Mann, sprach sich in ähnlichem Sinne aus.

»Genügt diese Entschuldigung,« sagte er, »so schließe ich mich ihr an. Sollte indes weitere Satisfaktion gefordert werden, so bin ich gern bereit, selbst für meinen Kameraden einzutreten.«

»Nicht doch, nicht doch, da nehmt Euern Spicker,« entgegnete Saxon in gutmütigem Ton, und stieß den Degen mit dem Fuß nach seinem jugendlichen Gegner hin. »Aber merkt Euch das, beim Stoß müßt Ihr die Spitze lieber aufwärts als abwärts richten, sonst bleibt Euer Handgelenk ohne Deckung, und Euer Gegner kann kaum anders als Euch entwaffnen. Dieselbe Regel gilt auch für Quart, Terz und Batute.«

Der junge Offizier steckte seinen Degen ein, war aber von Scham über seine schmähliche Niederlage und die verächtliche Art und Weise, mit der sein Gegner ihn abgefertigt hatte, dergestalt überwältigt, daß er sich umwandte und eilig das Zimmer verließ. Decimus Saxon und die beiden Offiziere machten sich inzwischen daran, den Tisch wieder auf die Beine und das Zimmer einigermaßen in Ordnung zu bringen, wobei ich ihnen nach Kräften half.

»Ich hatte heut abend zum erstenmal drei Königinnen in der Hand,« brummte der Glückssoldat. »Eben wollte ich sie ansagen, da springt mir der junge Kampfhahn an die Kehle. Durch seine Schuld haben wir auch drei Flaschen vorzüglichen Muskateller eingebüßt. Wenn er erst einmal so viel schlechten Wein getrunken haben wird, wie ich's in meinem langen Leben hab' thun müssen, wird er den guten nicht mehr so vergeuden.«

»Er ist ein hitziges junges Blut,« meinte der älteste Offizier, »und die Lektion, die Ihr ihm erteilt habt, dazu ein wenig Nachdenken in der Stille wird ihm sehr heilsam sein. Den Verlust des Muskatellers wollen wir bald wieder ausgleichen, und zwar um so vergnügter, als Euer junger Freund hier uns dabei helfen wird.«

»Ich wachte von dem Waffenlärm auf,« erwiderte ich, »und weiß auch jetzt noch kaum, was eigentlich vorgegangen ist.«

»Ei, es war weiter nichts, als eine bloße Wirtshauszänkerei, die dank der Besonnenheit und Gewandtheit Eures Freundes nicht ernsthaft geworden ist. Nehmt diesen Korbstuhl, ich bitt' Euch, und du, Jack, bestelle den Wein. Da unser Kamerad die andern Flaschen verschüttet hat, ist es unsre Sache, für Ersatz zu sorgen, und zwar für den besten, den der Keller beherbergt. Wir waren bei einer Partie Bassette; Herr Saxon beherrscht das Spiel mit der gleichen Meisterschaft, wie den Stoßdegen. Das Glück wandte sich gegen den jungen Horsford, was ihn wohl übellaunig und besonders empfindlich machte. Die Unterhaltung drehte sich um die Erlebnisse Eures Freundes in fremden Ländern. Im Verlaufe derselben äußerte er, daß seiner Ansicht nach auch nicht eines unsrer Regimenter so gute Disciplin hielte, wie die königlich französischen Haustruppen. Darüber brauste Horsford auf, und nach kurzem, hitzigen Wortwechsel wurde vom Leder gezogen. So fandet Ihr uns ja. Der junge Mensch hat noch kein Gefecht mitgemacht, und ist deshalb übereifrig, seine Tapferkeit zu zeigen.«

»Womit er zugleich eine Rücksichtslosigkeit gegen mich beging,« sagte der schlanke Offizier, »denn hätte wirklich etwas Beleidigendes in den Worten gelegen, so kam es mir als ältestem Hauptmann und Oberstwachtmeister zu, dafür Genugthuung zu verlangen, nicht aber einem neugebackenen Kornett, der noch kaum seine Mannschaft drillen kann.«

»Da hast du recht, Ogilvie,« meinte der andre, der sich wieder an den Tisch setzte und die vom Wein bespritzten Karten abwischte. »Hätte einer der Herren von Ludwigs Leibgarde den Vergleich gemacht, aus Rodomontade und Braggadoccio,Großsprecherei und Prahlerei. Der zweite Ausdruck nach dem Prahler »Braggadocchio« in Spensers berühmtem Gedicht »The fairie Queene« (Die Feenkönigin). so wäre es in solchem Falle schicklich gewesen, daß wir uns auf ein passado einließen. Macht ihn aber ein vielerfahrener Engländer, so wird er zur instruktiven Kritik, die uns heilsam und nicht ärgerlich sein sollte.«

»Freilich, Ambrose,« stimmte der andre bei. »Ohne eine derartige Kritik würde unsre Kriegsmacht versumpfen und müßte jede Hoffnung aufgeben, es je mit den Armeen des Festlandes aufnehmen zu können, die einander stets zu immer größerer Vervollkommnung anstacheln.«

Die verständigen Ansichten der Fremden sprachen mich so an, daß ich mich wirklich freute, ihre nähere Bekanntschaft bei einer Flasche edeln Weines zu machen. Meines Vaters Vorurteile hatten in mir den Glauben erweckt, daß jeder königliche Offizier halb Geck halb Eisenfresser sei. Die Erfahrung belehrte mich nun, daß diese Vorstellung, wie die meisten solcher vorgefaßten Meinungen, durchaus nicht der Wirklichkeit entsprach.

In bürgerlicher Tracht und ohne ihre Schwerter und Reiterstiefel hätte man die beiden Offiziere für ganz besonders friedfertige Leute gehalten; sie führten vorwiegend wissenschaftliche Gespräche und diskutierten u. a. über Boyles Experimental-Chemie und das spezifische Gewicht der Luft mit tiefem Ernst und offenbarer Sachkenntnis. Daneben bewies ihre straffe Haltung und ihr männlicher Anstand, daß der Soldat durch ihre gelehrten Studien nichts eingebüßt hatte.

»Darf ich fragen, mein Herr,« redete der eine von ihnen Saxon an, »ob Ihr in Eurem bewegten Leben je einem der Weisen und Philosophen begegnet seid, denen Frankreich und Deutschland so großen Ruhm zu danken haben?«

Decimus machte ein verlegenes Gesicht, als befände er sich auf etwas unsicherem Boden.

»Freilich wohl – in Nürnberg war ein gewisser Gervinus oder Gervanus,« antwortete er. »Der konnte, wie es hieß, einen Klumpen Eisen so schnell in einen Goldklumpen verwandeln, wie ich diesen Tabak zu Asche werden lasse. Der alte Pappenheim sperrte ihn einmal mit einem Centner alten Eisens zusammen ein und drohte ihm mit den Daumenschrauben, wofern er ihn nicht in lauter Goldstücke verwandeln würde. Aber ich kann jede Bürgschaft übernehmen, daß auch nicht ein Goldfuchs dabei heraussprang, denn ich befehligte die Wache und habe selbst das Verließ aufs Gründlichste durchsucht. Leider! leider! Ich hatte auch eine kleine eiserne Kohlenpfanne mit auf den Haufen geworfen. Falls das Experiment gelang, konnte mir ein kleiner Anteil an dem Gewinn nicht schaden.«

»Alchemie, die Umwandlung der Metalle und dergleichen werden von der wahren Wissenschaft verworfen,« bemerkte der ältere Offizier. »Selbst der alte Sir Thomas Browne aus Norwich, der immer gern die Ansichten der Alten verteidigt, kann nichts zu Gunsten dieser Afterwissenschaft sagen. Von Trismegistus abwärts bis auf Albertus Magnus Aquinas, Raimund Lullius, Basilius Valentin, Paracelsus und all die übrigen hat auch nicht einer etwas andres als eine Wolke von großen Worten der Nachwelt hinterlassen.«

»Ganz wie der Schelm, den ich eben erwähnte,« sagte Saxon. »Da war auch noch ein andrer, Namens van Helmstadt, der war auch sehr gelehrt. Er stellte einem für eine kleine Erkenntlichkeit oder Honorarium das Horoskop. Ein so gescheiter Mann wie der, war mir noch gar nicht vorgekommen. Er sprach von Planeten und Konstellationen, als ob er sie in seinem Speicher auf Lager hätte. Er machte nicht mehr Wesens aus einem Kometen, wie aus einer verschimmelten Apfelsine, und konnte uns ganz genau erklären, was so ein Komet ist. Es ist ein ganz ordinärer Stern, der aber ein Loch bekommen hat, so daß das Inwendige oder die viscera heraushängen. Der war ein echter Philosoph.«

»Habt Ihr auch je seine Kunst auf die Probe gestellt?« fragte lächelnd der eine Offizier.

»Hab' mich wohl gehütet! Mein Lebtage hab ich mich nie mit der schwarzen Kunst oder ähnlicher Diablerie befaßt. Mein Kamerad Pierce Scotton, der damals als Oberst eine kaiserliche Reiterbrigade kommandierte, bezahlte ihm einen Rosenobel, um sein Schicksal zu erfahren. Wo mir recht ist, sagten ihm die Sterne, er wäre dem Wein und den Weibern übermäßig ergeben – er hatte nämlich ein lüsternes Auge und eine Karfunkelnase – und dann verhießen sie ihm den Feldherrnstab und ein hohes Alter. Das wäre auch sicher eingetroffen, wenn er nicht vier Wochen darauf bei Ober-Graustock mit dem Pferde gestürzt und von den Hufen seines eignen Regiments überritten worden wäre. Weder die Planeten noch der erfahrenste Regiments-Hufschmied konnten voraussehen, daß der Racker so unzuverlässig sein würde.«

Herzlich lachend über Saxons Weltanschauung brachen die Offiziere auf, denn es war spät geworden, und die Flasche war leer.

»Wir haben noch allerhand zu thun,« sagte der als Ogilvie Angeredete. »Erst müssen wir uns nach unserm vorschnellen Jungen umsehn und ihm klar machen, daß es keine Schande ist, wenn ein so gewandter Fechten einem die Waffe aus der Hand schlägt. Außerdem müssen wir für unser Regiment Quartier machen, das noch heut nacht hier sein soll, um sich mit Churchills Corps zu vereinigen. Ihr geht auch westwärts, wie ich höre?«

»Wir gehören zum Gefolge des Herzogs von Beaufort,« entgegnete Saxon.

»So? Ich hatte gemeint, Ihr würdet zu Portmans gelbem Milizregiment gehören. Ich hoffe sehr, daß der Herzog seine Leute bis auf den letzten Mann aufbietet und den Feind hinhält, bis die königlichen Truppen kommen.«

»Wieviel Mann bringt Churchill wohl?« fragte Decimus in gleichgültigem Tone.

»Höchstens achthundert Berittene, aber Lord Feversham folgt ihm mit beinah viertausend Mann Fußvolk.«

»Wenn nicht früher, so sehen wir uns auf dem Schlachtfelde wieder,« sagte ich, als wir uns von unsern freundlichen Feinden sehr herzlich verabschiedeten.

»Das war ja eine feingedrechselte Doppelsinnigkeit, Meister Micha,« sagte Decimus Saxon, »schmeckt aber für einen solchen wahrheitsliebenden Musterknaben, wie Ihr, etwas stark nach Doppelzüngigkeit. Wenn wir sie wirtlich auf dem Schlachtfeld wiedersehn, so hoffe ich, daß es unsrerseits geschieht, umgeben von spanischen Reitern, Piken und Morgensternen und vor denselben noch eine richtige Streu von Fußangeln, denn Monmouths Reiterei hält den königlichen Garden keine fünf Minuten stand.«

»Wie kamt Ihr eigentlich dazu, die Bekanntschaft der Herren zu machen?« fragte ich.

»Ich schlief ein paar Stunden, habe aber im langen Felddienst gelernt, mit wenig Schlaf auszukommen. Da Ihr fest schliefet und unten die Würfel klapperten, schlich ich mich leise hinunter und machte mich an die Gesellschaft – wodurch ich mein Vermögen um fünfzehn Goldstücke verbessert habe. Ich hätte noch mehr verdient, hätte nicht der alberne Gelbschnabel vom Leder gezogen, und wären in der Unterhaltung nachher nicht so ungehörige Dinge aufs Tapet gekommen, wie die Gesetze der Chemie und andres dummes Zeug. Nun sag' mir einer, was gehen die blauen Gardereiter die Gesetze der Chemie an? Wessenberg von den Panduren gestattete an seinem Offizierstisch Redefreiheit, mehr vielleicht, als es sich mit der Würde eines Anführers verträgt. Hätten sich aber jemals die Offiziere unterstanden, einen solchen Gegenstand zu berühren, so wären sie auf frischer That vor ein Kriegsgericht gestellt worden, oder zum allermindesten kassiert.«

Ohne auf Saxons Ansichten, oder auf die Wessenbergs von den Panduren einzugehen, schlug ich vor, unser Abendbrot zu bestellen und das letzte Tageslicht zu einem Gang durch die Stadt zu benutzen.

Ihre Hauptsehenswürdigkeit ist natürlich der herrliche Dom, der in so vollkommenen Verhältnissen gebaut ist, daß einem seine gewaltige Größe erst klar wird, wenn man die langen dämmernden Bogenhallen durchwandelt. Selbst mein Begleiter, dem doch nicht so leicht etwas Eindruck machte, wurde schweigsam und andächtig unter diesen hohen Gewölben mit den bunten, zitternden Lichtstreifen, die durch die gemalten Spitzbogenfenster einfielen und sich in wunderlichen Schattenspielen zwischen den Pfeilern verloren. Es war ein gewaltiges Gebet aus Stein.

Auf dem Rückwege zu unserm Wirtshause kamen wir am Stadtgefängnis vorbei. Auf dem von einem Eisengitter eingehegten Platze davor lungerten drei große schwarznasige Bluthunde mit wilden, blutunterlaufenen Augen und lang heraushängender roter Zunge herum. Man hielt sie, wie ein Vorübergehender uns mitteilte, um flüchtige Verbrecher auf der Salisburyer Heide einzufangen, die aller Schelme und Diebe Zuflucht gewesen, bis man auf dieses Mittel verfallen war, sie in ihren Schlupfwinkeln aufzustöbern.

Es war fast schon finster, als wir wieder im Gasthof anlangten, und die Dunkelheit völlig hereingebrochen, bis wir unser Nachtessen verspeist, die Rechnung bezahlt und uns reisefertig gemacht hatten.

Während wir uns zum Aufbruch rüsteten, fiel mir der Zettel ein, den mir meine Mutter beim Abschiede in die Hand gesteckt hatte. Ich holte ihn aus meiner Sacktasche hervor und las ihn beim Schein des Binsenlichts auf unserm Zimmer. Das Papier zeigte noch die Spuren der Thränen, welche die treue Seele darüber vergossen hatte, und lautete, wie folgt:

»Vorschriften von Frau Mary Clarke, gegeben ihrem Sohne Micha am 12. Juni im Jahre des Herrn 1685.

Aus Anlaß seines Auszuges, gleich David vor alters, gegen den Goliath des Papsttums, der den aufrichtigen und frommen Respekt vor dem Ritual, das in der rechten Kirche Englands vorhanden sein sollte, und den das Gesetz vorschreibt, getrübt und verdächtigt hat.

Möge er folgende Punkte beherzigen, nämlich:

  1. Wechsle deine Strümpfe, so oft sich Gelegenheit dazu bietet. Zwei Paar hast du in deinem Ranzen und kannst mehr kaufen, denn man bekommt im Westen gute Wollsachen.
  2. Eine Hasenpfote um den Hals getragen ist gut gegen Leibschmerzen.
  3. Sprich jeden Abend und Morgen ein Vaterunser. Lies auch in der heiligen Schrift, besonders das Buch Hiob, den Psalter und das Evangelium Matthäi.
  4. Daffys Elixir wirkt sehr blutreinigend und vertreibt Sodbrennen, Blähungen, Schnupfen und Verschleimung. Jedesmal fünf Tropfen zu nehmen. Im Laufe deiner linken Pistole steckt ein kleines Fläschchen mit dem Elixir. Ich habe es in Watte gewickelt, damit es nicht zerbricht.
  5. Zehn Goldstücke sind in den Saum deiner Unterjacke eingenäht. Verbrauche sie nicht, sondern hebe sie für den Notfall auf.
  6. Kämpfe tapfer für den Herrn. Aber Micha, ich flehe dich an, dränge dich nicht zu sehr in der Schlacht vor, lasse doch auch die andern an die Reihe kommen. Verleugne niemals den protestantischen Glauben und halte seine Fahne hoch, aber stürze dich nicht immer gleich mitten ins ärgste Kampfgewühl.

Und ach, Micha, mein sonniger Herzensjunge, komm gesund zu deiner Mutter zurück, sonst wird mir's das Herz brechen.

Und die Schreiberin dieses betet allezeit für dich.«

Die unaufhaltsam ausbrechende Zärtlichkeit der letzten Zeilen trieb auch mir das Wasser in die Augen, dennoch mußte ich über das Schriftstück lächeln. Meine Mutter hatte nicht viel Zeit auf Stilübungen verwenden können, und hatte augenscheinlich geglaubt, es sei notwendig, ihre Vorschriften in eine Art legaler Form zu kleiden, damit sie bindend würden.

Mir blieb indessen wenig Muße, über ihre Ratschläge nachzudenken. Kaum hatte ich sie gelesen, als auch schon Saxons Stimme und das Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Hof mir kund thaten, daß alles zum Aufbruch gerüstet sei.

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