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Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil - Kapitel 9
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Zweiter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
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VIII.

Der hinterlistige Streich

Einige Minuten nach der Entfernung des Guerillero's, setzte die traurige Caravane schweigend ihren Weg fort.

Indessen hatten die letzten Worte Cuellar's ihren Eindruck nicht verfehlt. Der Graf und der Vaquero fühlten sich wider Willen beunruhigt, und ohne ihre düstern Ahnungen mitzutheilen, ritten sie nur mit außerordentlicher Vorsicht vorwärts, und zitterten bei dem geringsten Geräusch, welches sich in den Gebüschen vernehmen ließ.

Es war etwas über fünf Uhr. Man hatte den Moment erreicht, wo Tag und Nacht fast mit gleicher Kraft zu kämpfen scheinen, sich in einander verschmelzen und jenes Licht erzeugen, dessen dunstartige Färbung den Gegenständen etwas Unbestimmtes, Nebelartiges geben, welches ihnen etwas Phantastisches verleiht. Ein grauer Dunst stieg von der Erde zum Himmel auf und erzeugte einen durchsichtigen Nebel, den die immer stärker werdenden Strahlen der Sonne stellenweiß zerrissen, einen Theil der Landschaft mit ihrem Licht überflutheten, während der andere im Schatten blieb; mit einem Wort, es war nicht mehr Nacht und doch auch nicht vollständig Tag.

In der Ferne erblickte man die zahlreichen Thürme der Gebäude Puebla's, die sich noch in unbestimmten Formen an dem tiefblauen Himmel abhoben; die von dem reichlichen Nachtthau übergossenen Bäume erschienen frischer, auf jedem ihrer Blätter zitterte ein Crystalltropfen und ihre durch den Morgenwind bewegten Zweige rauschten mit geheimnißvollem Flüstern. Schon begannen die Vögel unter den Blättern ihren fröhlichen Gesang anzustimmen und hier und da erhoben die wilden Ochsen ihre Köpfe über die hohen Gräser und ließen ihr dumpfes Brüllen hören.

Die Flüchtlinge folgten einem krummen Pfad, der zu beiden Seiten durch künstliche Erderhöhungen, die zum Anbau von Agaven dienten, ziemlich eingeengt war, den Horizont ringsum außerordentlich beschränkte und verhinderte die Umgegend so, wie die Sicherheit der Caravane erheischte.

Der Graf näherte sich Dominique, und flüsterte ihm mit leiser Stimme zu:

»Mein Freund, ich weiß nicht warum, aber ich bin außerordentlich beunruhigt; der Abschied dieses Banditen hat mich sehr besorgt gemacht, er scheint uns ein nahes, furchtbares und unvermeidliches Unglück zu verkünden, indessen sind wir nur noch in geringer Entfernung von der Stadt, und die Ruhe, welche um uns herrscht, sollte uns beruhigen.«

»Eben diese Ruhe ist es,« erwiderte in demselben leisen Tone der junge Mann, »die mich mit unbeschreiblicher Angst erfüllt; auch ich habe die Ahnung eines Unglücks, wir sind hier in ein Wespennest gerathen, denn der Ort kann nicht besser zu einem Hinterhalt gewählt sein.«

»Was ist da zu thun?« flüsterte der Graf.

»Ich weiß es nicht, der Fall ist schwierig, indessen habe ich die Ueberzeugung, daß wir unsere Vorsicht verdoppeln müssen. Weise Don Andrès und seiner Tochter einen Platz im Vortrab an, und benachrichtige die Peonen sich bei dem geringsten Lärm zur Vertheidigung bereit zu halten, inzwischen werde ich auf Entdeckungen ausgehen, und wenn der Feind uns verfolgt, werde ich ihm auf die Spur kommen, aber wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

So sprechend, war der Vaquero abgestiegen, und nachdem er einem Peonen die Zügel seines Pferdes zugeworfen hatte, erkletterte er, seine Flinte unter dem linken Arm, den Abhang zur Rechten, und war fast gleich darauf in den den Pfad begrenzenden Gebüschen verschwunden.

Allein geblieben, brachte der Graf sofort die Rathschläge seines Freundes in Ausführung; dem zufolge bildete er aus den entschlossensten und am Besten bewaffneten Peonen eine Nachhut, denen er die Ordre ertheilte, aufmerksam die Zugänge des Weges zu überwachen, obgleich er ihnen, aus Furcht, sie zu erschrecken, die ernsten Ereignisse, denen er entgegen sah, verbarg.

Gleichsam als hätte der Haushofmeister die Besorgnisse des Grafen errathen und seine Vermuthung eines kommenden Angriffs getheilt, wußte er Don Andrès und seine Tochter in die Mitte seiner ergebenen Diener zu bringen und indem er die Pferde zu rascherem Trabe anspornte, hatte er zwischen sich und der Hauptcaravane einen Raum von hundert Schritt gelassen.

Von den schrecklichen Aufregungen der Nacht erschöpft, schenkte Donna Dolores den durch ihre Freunde getroffenen Vorsichtsmaßregeln nur geringe Aufmerksamkeit und folgte mechanisch dem neuen Impuls, der ihr gegeben worden war, ohne aller Wahrscheinlichkeit nach der neuen Gefahr, die ihr drohte, bewußt zu werden, und nur an die Ueberwachung ihres Vaters denkend, dessen Zustand immer beunruhigender wurde.

In der That hatte Don Andrès seit der Abreise aus der Hacienda, ungeachtet der Bitten seiner Tochter, kein Wort gesprochen. Seine Stirn war bleich, sein Blick starr, sein Kopf auf die Brust geneigt, ein fortwährendes nervöses Zittern bewegte seinen Körper. In die tiefste Verzweiflung versunken, ließ er sein Pferd gehen, wohin es wollte, so sehr hatte der Schmerz alle Energie und jede Willenskraft in ihm gebrochen.

Der seinem Herrn und seiner jungen Gebieterin treu ergebene Leo Carral hatte den Don Andrès zur Escorte dienenden Leuten anempfohlen, ihn nicht aus den Augen zu lassen, da er wohl voraus sah, daß der Greis in dem wahrscheinlichen Fall eines Angriffs unfähig sein würde, den geringsten Widerstand zu leisten. Ferner hatte er den Dienern die Ordre ertheilt, Don Andrès im Augenblick des Kampfes aus dem Gewühl zu bringen, ihn so viel als möglich vor der Gefahr zu schützen, und war dann, auf einen Wink des Grafen, zu diesem zurückgekehrt.

»Ihr habt, wie ich sehe, eben so wie ich, das Vorgefühl einer Gefahr,« sagte der Graf.

Der Haushofmeister schüttelte den Kopf.

»Don Melchior wird die Sache nicht eher aufgeben,« antwortete er, »als bis sie für ihn definitiv gewonnen oder verloren ist.«

»Haltet Ihr ihn denn eines so abscheulichen, hinterlistigen Streiches fähig?«

»Dieser Mann ist zu Allem fähig!«

»Aber dann ist er ein Ungeheuer.«

»Nein,« erwiderte der Haushofmeister sanft, »er ist ein gemischtes Blut, ein Neider und ein Stolzer, der recht gut weiß, daß das Vermögen allein ihm das scheinbare Ansehen erhalten kann, nach dem ihm gelüstet; alle Mittel werden ihm gut sein, um dies zu erreichen.«

»Selbst ein Vatermord?«

»Selbst ein Vatermord!«

»Eure Worte sind furchtbar.«

»Was wollt Ihr, Sennor? es ist so.«

»Wollte Gott, wir wären erst in Puebla; einmal in der Stadt, werden wir nichts mehr zu befürchten haben.«

»Ja, aber wir sind noch nicht dort; Ihr kennt das Sprichwort eben so gut wie ich, Herr.«

»Welches Sprichwort?«

»Vom Becher bis zum Munde ist noch ein weiter Raum zum Unglück.«

»Ich hoffe, daß Ihr Euch diesmal irrt.«

»Ich wünsche es, aber Ihr hattet mich zu Euch gerufen, Herr.«

»In der That, ich hatte Euch eine Ordre zu geben.«

»Ich höre.«

»Im Fall, daß wir angegriffen würden, verlange ich, daß Ihr uns unsern eigenen Kräften überlaßt und Euch mit Don Andrès und seiner Tochter spornstreichs nach Puebla rettet, während wir den Kampf fortsetzen. Vielleicht werdet Ihr so viel Zeit haben, sie hinter den Mauern der Stadt in Sicherheit zu bringen.«

»Ich werde Euch gehorchen, Herr Graf, man soll nur über meinen Leichnam zu meinem Gebieter gelangen. Habt Ihr mir noch weitere Befehle zu geben?«

»Nein, kehrt auf Euren Posten zurück und vertrauen wir auf Gott!«

Der Haushofmeister grüßte und hatte bald im Galopp die kleine Truppe wieder erreicht, in deren Mitte Don Andrès und seine Tochter ritten.

Fast in demselben Augenblick erschien Dominique am Rande des Weges, schwang sich auf sein Pferd und nahm wieder seinen Platz zur Rechten des Grafen ein.

»Nun?« fragte dieser, »hast Du etwas entdeckt?«

»Ja und nein?« antwortete er mit leiser Stimme.

Sein Gesicht war finster, seine Augenbrauen zusammengezogen; der Graf betrachtete ihn eine Weile prüfend und fühlte seine Unruhe sich verdoppeln.

»Erkläre Dich,« sagte er endlich.

»Wozu, Du würdest mich nicht verstehen.«

»Vielleicht! Sprich nur immer.«

»So höre: zur Rechten und Linken und hinter uns ist die Ebene vollständig öde; diese Gewißheit habe ich erlangt. Die Gefahr, wenn sie wirklich existirt, ist also nicht von dieser Seite zu fürchten; wenn uns eine Falle gestellt ist, der Feind sich in einen Hinterhalt gelegt hat, so befindet er sich vor uns, zwischen hier und der Stadt.

»Was läßt Dich das vermuthen?«

»Für mich ganz untrügliche Anzeichen, welche meine lange Gewohnheit des Lebens in der Wildniß mich sofort erkennen läßt. In den Regionen, in denen wir uns befinden, vernachlässigen die Menschen gewöhnlich alle jene in den Prairien gebräuchlichen Vorsichtsmaßregeln, von denen das Vergessen einer einzigen den unmittelbaren Tod des unvorsichtigen Jägers oder Kriegers, der auf diese Weise seine Gegenwart seinen Feinden verriethe, nach sich ziehen würde. Hier sind die Spuren leicht zu erkennen und noch leichter zu verfolgen, denn sie sind selbst für das ungeübteste Auge vollkommen sichtbar. Vernimm Folgendes: Von Arenal aus sind wir von einer zahlreichen Reitertruppe, ich will nicht sagen verfolgt, – dieser Ausdruck würde unter diesen Umständen nicht richtig sein, – aber zur Rechten, in Schußweite höchstens, begleitet worden. Diese Truppe, welche sie auch sei, hat eine halbe Meile von hier eine Wendung gemacht, und zwar etwas nach Links, als wollte sie sich uns nähern; dann hat sie ihre Schnelligkeit verdoppelt, ist uns vorausgeeilt und hat sich vor uns auf diesem Wege aufgestellt, so daß wir ihr in diesem Augenblick folgen.«

»Und was folgerst Du daraus.«

»Ich schließe daraus, daß die Lage ernst, selbst kritisch ist, welche Vorsichtsmaßregeln wir auch treffen, so fürchte ich doch, daß wir es mit einer zu starken Partei zu thun haben werden. Bemerkst Du, wie der Pfad allmählich sich verengt, wie die Abhänge des Weges steiler werden, wir befinden uns jetzt in einer Schlucht, in einer Viertelstunde, höchstens in zwanzig Minuten erreichen wir den Ort, wo der Hohlweg in die Ebene mündet; dort, erwarten uns sicherlich Diejenigen, welche uns auflauern.«

»Mein Freund, das ist nur zu klar; leider haben wir kein Mittel, uns dem Schicksal, welches uns droht, zu entziehen, wir müssen vorwärts.«

»Ich weiß es wohl und das betrübt mich eben;« sagte der Vaquero mit einem erstickten Seufzer, indem er verstohlen einen Blick auf Donna Dolores warf; »wenn es sich nur um uns handelte, wäre die Frage bald beendet, wir sind Männer und wissen unser Leben zu vertheidigen, aber würde unser Tod diesen Greis und dieses arme unschuldige Kind retten?«

»Wenigstens wollen wir das Unmögliche versuchen, daß sie nicht in die Hände ihrer Verfolger fallen.«

»Sieh, wie wir uns der verdächtigen Stelle nähern; eilen wir, um bei jeder Eventualität bereit zu sein!«

Sie setzten ihre Pferde in Galopp.

Einige Minuten verflossen, endlich erreichten sie eine Stelle, wo der Pfad, bevor er in die Ebene auslief, eine schroffe Wendung machte.

»Aufgepaßt!« sagte der Graf mit leiser Stimme. Die Biegung war überschritten, aber plötzlich machte die ganze Cavalcade vor Ueberraschung und Bestürzung Halt.«

Der Eingang der Schlucht war durch eine starke Barrikade aus Zweigen, Bäumen und Steinen versperrt, hinter derselben standen zwanzig drohende Männer. Bei dem Scheine der aufgehenden Sonne bemerkte man noch andere Bewaffnete, die zur Rechten und Linken die Abhänge besetzt hatten.

Ein mitten auf dem Wege stolz haltender Reiter, befand sich einige Schritte vor der Barrikade.

Dieser Reiter war Don Melchior.

»Ah! ah!« sagte er mit ironischem Lachen, »jeder wenn die Reihe an ihn kommt, Caballeros, ich glaube, daß ich in diesem Augenblick Herr der Situation und in dem Fall bin, Bedingungen aufzuerlegen.«

Ohne außer Fassung zu gerathen, näherte sich ihm der Graf einige Schritte.

»Nehmt Euch in Acht in Dem, was Ihr thun wollt, Sennor,« antwortete er, »zwischen Eurem Befehlshaber und uns ist ein loyaler Vertrag geschlossen worden, jede Ueberschreitung desselben, würde ein Verrath sein und die Schande auf Euren Chef zurückfallen.«

»Gut,« versetzte Don Melchior, »wir Andern sind Parteigänger und führen Krieg auf unsre Weise, ohne uns darüber zu sorgen, was man von uns denken könnte, anstatt daher eine müssige Discussion zu führen, die doch kein günstiges Resultat für Euch haben würde, wäre es vernünftiger, Euch über die Bedingungen zu unterrichten, nach denen ich Euch freien Abzug bewilligen würde.«

»Bedingungen? Wir werden keine annehmen, Caballero, und wenn Ihr uns die Passage nicht gestattet, so können wir Euch zwingen, es zu thun, so ernst auch die Folgen eines Kampfes für Euch und für uns sein mögen.«

»Versucht es,« antwortete er mit spöttischem Lachen.

»Das werden wir thun.«

Don Melchior zuckte die Achseln und rief seinen Leuten zu:

»Feuer!«

Da krachten die Schüsse, und die Kugeln trafen von allen Seiten auf die kleine Truppe.

»Vorwärts! vorwärts!« rief der Graf.

Die Peonen stürzten mit Wuthgeschrei gegen die Barrikade.

Ein furchtbarer Kampf hatte begonnen, furchtbar, weil die Peonen wußten, daß sie keine Gnade von ihren wilden Gegnern zu erwarten hatten; sie kämpften daher, Wunder von Tapferkeit vollbringend, nicht um zu siegen, – denn sie hielten es für unmöglich – sondern um nicht ungerächt zu fallen.

Don Andrès hatte sich aus den Armen seiner Tochter gerissen, die ihn vergeblich zurück zu halten suchte, und nur mit seiner Machete bewaffnet, sich entschlossen in das dichteste Gewühl geworfen.

Der Ausfall der Peonen war so heftig gewesen, daß die Barrikade gleich anfangs überschritten wurde und die beiden Parteien, schon zu nahe um sich ihrer Pistolen und Flinten zu bedienen, mit der blanken Waffe auf einander eindrangen.

Die auf den Höhen befindlichen Parteigänger waren zur Unthätigkeit gezwungen, da sie bei der Vereinigung beider Truppen ihre Freunde zu verwunden fürchteten.

Don Melchior hatte durchaus nicht einen so kräftigen Widerstand erwartet; Dank der vortheilhaften Stellung, welche er gewählt, hatte er auf einen leichten Sieg und auf eine unmittelbare Unterwerfung gehofft. Dies Ereigniß durchkreuzte seine Berechnungen, die Folgen seiner Handlungsweise begannen ihm klar zu werden. Cuellar, welcher ohne Zweifel einen Verrath ohne Schwertstreich verziehen haben würde, würde es ihm doch niemals vergeben haben, ihm so dummer Weise seine tapfersten Soldaten tödten zu lassen.

Diese Gedanken verdoppelten Don Melchior's Wuth.

Die kleine decimirte Truppe zählte indessen nur noch wenige kampffähige Männer, die Anderen waren todt oder verwundet.

Don Andrès' Pferd war getödtet worden, dennoch fuhr der Greis, obgleich er aus zwei Wunden blutete, zu kämpfen fort.

Plötzlich stieß er einen verzweiflungsvollen Schrei aus; Don Melchior hatte sich mit dem Satze eines Tigers auf die Gruppe gestürzt, in deren Mitte sich Donna Dolores geflüchtet hatte. Alle Peonen, die ihm hindernd in den Weg traten, niederwerfend, hatte er das junge Mädchen ergriffen, dasselbe trotz seines Widerstandes über sein Pferd gelegt und ohne sich weiter um den durch seine Gefährten unterhaltenen Kampf zu bekümmern, mit ihr die Flucht ergriffen.

Als letztere sich so verlassen sahen, verzichteten sie darauf, einen Kampf fortzusetzen, der für sie von nun an keinen Zweck hatte, und wahrscheinlich in Folge eines vorher gegebenen Befehls zerstreuten sie sich nach allen Richtungen, indem sie es den Peonen überließen, ungehindert ihren Weg nach Puebla fortzusetzen.

Die Entführung Donna Dolores' war von Don Melchior so schnell ausgeführt worden, daß Keiner dieselbe im ersten Augenblick bemerkt hatte, und nur erst der verzweiflungsvolle Schrei Don Andrès' lenkte die Aufmerksamkeit darauf hin.

Ohne an die Gefahr zu denken, der sie sich aufsetzten, sprengten der Graf und der Haushofmeister Don Melchior nach.

Aber der junge Mann, der einen ausgezeichneten Renner ritt, hatte vor ihren ermüdeten Pferden einen beträchtlichen Vorsprung, der sich mit jedem Augenblick erweiterte.

Dominique blickte auf den am Boden liegenden Don Andrès und richtete ihn sanft in die Höhe.

»Gebt die Hoffnung nicht auf, Sennor,« sagte er zu ihm, »ich werde Eure Tochter retten.«

Der Greis faltete die Hände, blickte mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Dankbarkeit zu ihm auf und sank ohnmächtig zurück.

Der Vaquero bestieg sein Pferd wieder und demselben die Sporen in die Flanken drückend, sprengte er ebenfalls dem Räuber nach, während er Don Andrès den Händen seiner Diener überließ.

Dominique bedurfte nur eines Augenblicks, um die Gewißheit zu erlangen, daß Don Melchior, besser beritten wie er und seine Freunde, sich bald in zu großer Entfernung befinden würde, und daher eine weitere Verfolgung aufgegeben werden müßte.

Der junge Mann, der bis dahin seinen Weg in gerader Linie durch das Land fortgesetzt hatte, machte plötzlich eine so rasche Wendung, als sei er auf ein unvorhergesehenes Hinderniß gestoßen, und einige Minuten seine Richtung ändernd, schien er sich Denen nähern zu wollen, welche ihn verfolgten. Diese versuchten ihm den Weg zu versperren; Dominique hielt sein Pferd an, sprang ab und ergriff seine Flinte.

Don Melchior mußte, nach der Richtung, der er in diesem Augenblick folgte, ungefähr in einer Entfernung von 10 Meter bei ihm vorüberkommen.

Der Vaquero bekreuzte sich, legte seine Waffe an und drückte los.

Das Pferd Don Melchior's, von einer Kugel in den Kopf getroffen, rollte auf den Boden und riß seinen Reiter mit herab.

In demselben Augenblick wurden in der Ferne einige dreißig Parteigänger sichtbar, die mit verhängten Zügeln nach dem Orte sprengten, wo der Ueberfall stattgefunden hatte.

Cuellar ritt an ihrer Spitze.

So sehr sich auch der Graf und der Haushofmeister beeilt hatten, den Ort, wo Don Melchior gefallen war, zu erreichen, so kam ihnen doch Cuellar zuvor.

Don Melchior erhob sich, von seinem Fall gequetscht, und neigte sich zu seiner Schwester nieder, um sie aufzurichten. Donna Dolores war ohnmächtig geworden.

» Vive Dios! Sennor,« sagte Cuellar in unzufriedenem Tone, »Ihr seid ein roher Gefährte; Ihr übt Verrath und Hinterlist mit seltenem Talent, aber der Teufel hol' mich früher, als er es thun wird, wenn wir noch länger zu einander halten.«

»Sennor,« versetzte Don Melchior, »Ihr scherzt zur unrechten Zeit; diese junge Dame, meine Schwester, ist ohnmächtig.«

Wessen Fehler ist es, wenn nicht der Eurige,« rief Cuellar wild, »wenn Ihr, nur um sie zu rauben, mir zwanzig der entschlossensten Männer meiner Cuadrilla tödten laßt? Aber dies soll nicht langer so fortgehen, das schwöre ich Euch.«

»Was meint Ihr?« fragte Don Melchior hochmüthig.

»Ich will sagen, daß Ihr mir das größte Vergnügen erzeigen würdet, künftig dahin zu gehen, wohin es Euch beliebt, vorausgesetzt, daß Ihr es Euch nicht einfallen laßt, mir Gesellschaft leisten zu wollen, und daß ich hoffe, von diesem Augenblicke an nichts mehr mit Euch zu thun zu haben. Dies ist klar gesprochen, nicht wahr?«

»Vollkommen, Sennor, auch werde ich Eure Geduld nicht länger mißbrauchen, liefert mir daher die nöthigen Pferde für mich und meine Schwester, und ich werde Euch sogleich verlassen.«

»Zum Henker, ob ich Euch Etwas liefere! Was diese junge Dame anbetrifft, so sehe ich hier mehre Reiter kommen, die, wie ich befürchte, Euch schwerlich gestatten werden, sie fort zu führen.«

Don Melchior erbleichte vor Wuth, aber er sah ein, daß jeder Widerstand von seiner Seite unmöglich war; er kreuzte die Arme über der Brust, richtete stolz den Kopf in die Hohe und wartete.

Der Graf, der Haushofmeister und Dominique sprengten in der That herbei.

Cuellar ritt ihnen einige Schritte entgegen; die jungen Leute waren ziemlich beunruhigt, sie wußten nicht, welche Absichten der Guerillero hatte und fürchteten, daß er sich gegen sie erklären könnte.

Aber Cuellar beeilte sich, sie aus ihrem Irrthum zu reißen.

»Ihr kommt zur rechten Zeit, Sennores;« sagte er freundlich zu ihnen; »ich hoffe, daß Ihr mir nicht die Beleidigung anthun werdet, zu vermuthen, ich hätte bei dem hinterlistigen Streiche, dessen Opfer Ihr geworden seid, meine Hand im Spiele gehabt.«

»Wir haben es nicht einen Augenblick geglaubt, Sennor,« antwortete höflich der Graf.

»Ich danke Euch für die gute Meinung, die Ihr von mir habt, Sennores; ohne Zweifel wünscht Ihr, daß diese junge Dame Euch zurückgegeben werde.«

»Und wenn ich es nicht zugebe, daß Ihr sie mitnehmt,« sagte Don Melchior stolz.

»Ich werde Euch eine Kugel durch den Kopf jagen, Sennor,« unterbrach ihn Cuellar kalt; »glaubt mir, versucht nicht, gegen mich zu kämpfen, benutzet im Gegentheil in diesem Augenblick meine gute Laune, Euch aus dem Staube zu machen; denn ich könnte leicht den letzten Beweis von Güte, den ich Euch gebe, vergessen, und Euch Euren Feinden überlassen.«

»Sei es,« sagte Don Melchior mit Bitterkeit, »ich ziehe mich zurück, weil ich dazu gezwungen bin,« und den Graf mit Verachtung messend, setzte er hinzu: »Wir werden uns wiedersehen, Sennor, und dann hoffe ich, wenn die Gewalt nicht vollständig auf meiner Seite ist, werden die Chancen wenigstens gleich sein.«

»Darin seid Ihr wieder in Irrthum, Sennor; ich setze zu viel Vertrauen auf Gott, um zu glauben, daß es nicht immer so sein würde.«

»Wir werden sehen!« antwortete Jener dumpf, indem er einige Schritte zurücktrat, als wollte er sich entfernen. »Und Euer Vater? Wünscht Ihr nicht zu wissen, welches Resultat Euer Hinterhalt in Bezug auf ihn gehabt hat?« nahm Dominique mit drohendem Tone das Wort.

»Ich habe keinen Vater,« erwiderte gehässig Don Melchior.

»Nein!« rief der Graf mit Abscheu, »denn Ihr habt ihn getödtet.«

Der junge Mann schauderte, eine Leichenblässe bedeckte sein Gesicht, ein bitteres Lächeln glitt über seine Lippen und einen giftigen Blick auf die Umstehenden werfend, rief er mit erstickter Stimme:

»Es sei, ich nehme diese neue Beleidigung an, macht Platz für den Vatermörder!«

Jeder wich entsetzt zurück und folgte mit erschrecktem Blick diesem Ungeheuer, welches sich scheinbar ruhig und friedlich durch die Ebene entfernte.

Cuellar selbst blickte ihm kopfschüttelnd nach.

»Dieser Mann ist ein Dämon,« murmelte er und machte das Zeichen des Kreuzes.

Eine Bewegung, die ehrfurchtsvoll von den Soldaten nachgeahmt wurde.

Darauf nahm Dominique Donna Dolores in seine Arme, legte sie auf das Pferd des Grafen und die jungen Leute kehrten, von Cuellar begleitet, zu Don Andrès zurück.

Die Peonen hatten die Wunden ihres Herrn, so gut es ging, verbunden.

Auf den Befehl des Grafen verfertigten sie nun eine Tragbahre aus Baumzweigen, bedeckten dieselbe mit ihren Zarapen und legten den Greis und seine Tochter darauf.

Don Andrès war noch immer bewußtlos.

Cuellar nahm hierauf Abschied von dem Grafen.

»Ich bedauere mehr, als ich zu sagen vermag, dieses unglückliche Ereigniß,« sagte er mit einer gewissen Traurigkeit; »obwohl dieser Mann ein Spanier ist und demzufolge ein Feind Mexiko's, erfüllt mich dennoch der Zustand, in welchen er versetzt worden ist, mit Mitleid.«

Die jungen Leute dankten dem rauhen Guerillero für diesen Beweis von Theilnahme und nachdem sie ihre Verwundeten aufgehoben, trennten sie sich von ihm, indem sie ihren Weg nach Puebla einschlugen, wo sie zwei Stunden später, von mehren Verwandten Don Andrès' begleitet, anlangten, die durch einen vorausgeschickten Peonen unterrichtet, ihnen entgegen gekommen waren.

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