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Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil - Kapitel 6
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Zweiter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
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V.

Don Melchior.

Wir wollen hier unsern Bericht einschalten, da der des Ranchero vieler Einzelheiten entbehren würde, indem ihm nur die Thatsachen bekannt waren, die man ihm selbst überbracht hatte, und kehren demnach zu dem Augenblick zurück, wo Olivier – denn der Leser hat ihn ohne Zweifel in Don Jaime wieder erkannt, – sich von Donna Dolores und dem Grafen ungefähr zwei Meilen von der Hacienda-del-Arenal getrennt hatte.

Donna Dolores und ihre Begleiter erreichten die Hacienda erst einige Minuten vor Sonnenuntergang.

Beunruhigt durch dieses lange Ausbleiben, empfing sie Don Andrès mit der lebhaftesten Freude.

Er hatte sie schon von Weitem bemerkt, und da er Leo Carral bei ihnen sah, war er beruhigt.

»Bleibt nicht wieder so lange außen, Herr Graf,« sagte er zu Ludovic, in väterlichem Tone, »ich begreife vollkommen, welches Vergnügen es für Euch sein muß, einen Ritt in Gesellschaft der kleinen Närrin Dolores zu machen, aber Ihr könnt Euch verirren; um so mehr als die Wege in dieser Zeit durch Landstreicher unsicher sind, die allen Theilen dieser unglücklichen Republik angehören und sich eben so wenig Scrupel machen, auf einen vornehmen Mann zu schießen, wie um einen Coyoten niederzuschlagen.«

»Ich halte Eure Befürchtungen für übertrieben, Herr, wir haben eine entzückende Promenade gemacht, ohne daß etwas Verdächtiges dieselbe gestört hätte.«

Also plaudernd begaben sie sich in den Speisesaal, wo das Mittagessen servirt war.

Die Mahlzeit war wie gewöhnlich schweigsam, nur zwischen dem jungen Mädchen und dem Grafen schien das Eis gebrochen, denn sie plauderten, was nie vorher geschehen war.

Don Melchior war finster und abgemessen wie immer; wahrscheinlich erstaunt indessen über das gute Einvernehmen, welches zwischen seiner Schwester und dem französischen Edelmann zu herrschen schien, wandte er mehrmals den Kopf nach ihnen, und warf einen seltsamen Blick auf sie, den jedoch die jungen Leute nicht beachteten, sondern in ihrer halblauten Unterhaltung fortfuhren.

Don Andrès war entzückt; in seiner Freude sprach er laut, scherzte mit Jedem, aß und trank für Vier.

Als man sich vom Tische erhob, hielt Ludovic den Greis in dem Augenblick, wo dieser sich verabschieden wollte, zurück.

»Verzeihung,« sagte er, »ich möchte um eine kurze Unterredung bitten.«

»Ich stehe Euch zu Diensten,« antwortete Don Andrès.

»Ich weiß nicht, wie ich es Euch erklären soll, Mein Herr, ich fürchte ohne Ueberlegung gehandelt und einen Verstoß gegen die Schicklichkeit begangen zu haben.«

»Ihr, Herr Graf,« erwiderte Don Andrès lächelnd, »Ihr gestattet mir, daran zu zweifeln.«

»Ich danke Euch für die gute Meinung, die Ihr von mir habt; indessen muß ich Euch Rechenschaft von Dem ablegen, was ich gethan habe.«

»So bitte, erklärt Euch.«

»Die Sache ist in wenigen Worten folgende: da ich glaubte, mich direct nach Mexiko zu begeben – denn es ist Euch bekannt, daß ich Eure Anwesenheit hier nicht vermuthete ...«

»In der That,« unterbrach ihn der Greis, »fahrt fort, ich bitte.«

»So hatte ich an einen meiner vertrauten Freunde, Attaché bei der französischen Gesandtschaft geschrieben, um ihm meine Ankunft anzuzeigen und ihn ferner zu bitten, mir eine Wohnung zu besorgen. Dieser Freund nun, es ist der Baron Charles de-Meriadec und gehört einem sehr guten Adel Frankreichs an, nahm meine Bitte günstig auf und ließ es sich angelegen sein, meinen Wunsch zu erfüllen. Mittlerweile vernahm ich, daß Ihr diese Hacienda bewohntet, Ihr waret so freundlich, mir Gastfreundschaft anzubieten; ich schrieb daher sogleich an den Baron, die ganze Sache aufzugeben, da ich wahrscheinlich auf längere Zeit bei Euch bleiben würde.«

»Indem Ihr meine Gastfreundschaft annahmt, Herr Graf, habt Ihr mir einen Beweis Eurer Freundschaft und Eures Vertrauens gegeben, für welchen ich Euch äußerst dankbar bin.«

»Ich glaubte Alles zwischen mir und meinem Freunde geordnet, als ich heute Morgen von ihm ein Billet erhalte, in welchem er mir anzeigt, daß er einen Urlaub erhalten habe und denselben bei mir zuzubringen gedenkt.«

»Ah! Caramba!« rief erfreut Don Andrès, »die Idee ist entzückend und ich werde Eurem Freunde dafür danken.«

»Ihr findet also nicht, Herr, daß es etwas dreist gehandelt ist?«

»Was nennt Ihr dreist, Herr Graf?« unterbrach ihn lebhaft Don Andrès; »seid Ihr nicht beinahe mein Schwiegersohn?«

»Aber, ich bin es noch nicht, mein Herr.«

»Gott sei Dank, das wird nicht mehr lange dauern; also Ihr seid hier zu Haus und habt vollkommene Freiheit, Eure Freunde zu empfangen.«

»Selbst wenn ihre Anzahl tausend erreichte,« sagte Don Melchior, welcher der ganzen Unterredung beiwohnte, mit erzwungenem Lachen.

Der Graf that, als schenke er der freundlichen Gesinnung des jungen Mannes Glauben, und antwortete ihm mit einer Verbeugung:

»Ich danke Euch, mein Herr, daß Ihr hierin mit Eurem Vater einverstanden seid, es ist mir ein Beweis Eurer Güte, welche Ihr mir jedes Mal bezeigt, sobald die Gelegenheit sich dazu bietet.«

Don Melchior verstand den unter diesen Worten verborgenen Sarcasmus, er verbeugte sich kalt und entfernte sich murrend.

»Und wann wird der Baron de-Meriadec kommen?« begann Don Andrès von Neuem.

»Mein Gott, Ihr seht mich in Verlegenheit, aber ich muß Euch Alles gestehen, und so glaube ich, daß er morgen früh hier sein wird.«

»Desto besser, ist er ein junger Mann?

»Beinahe von meinem Alter; ich muß jedoch bevorworten, daß er sehr schlecht spanisch spricht und es kaum versteht.«

»Er wird hier Personen finden, mit denen er französisch sprechen kann. Ihr habt Recht gehabt, mich davon zu benachrichtigen, ohne dies würden wir beinahe überrascht worden sein, ich will sogleich Befehl geben, noch diesen Abend ein Zimmer für ihn einzurichten.«

»Verzeiht, mein Herr, aber ich würde in Verzweiflung sein, wenn ich Euch die geringsten Umstände verursachte.«

»Oh! seid außer Sorge, an Platz fehlt es uns, Gott sei Dank, nicht und es wird leicht sein, ihn bequem unterzubringen.«

»Das ist es nicht, Herr, was ich sagen will, Eure ausgedehnte Gastfreundschaft kenne ich ja; allein, ich glaube, es würde besser sein, den Baron bei mir zu placiren, meine Diener würden ihn bedienen, mein Zimmer ist groß.«

»Aber das würde Euch schrecklich geniren.«

»Keineswegs; im Gegentheil, ich habe mehr Zimmer, als ich deren bedarf, er kann recht gut eins davon nehmen; auf diese Weise können wir nach Belieben plaudern; wir haben uns seit zwei Jahren nicht gesehen, uns daher manche Mittheilung zu machen.«

»Ihr fordert es, Herr Graf?«

»Ich bin in Eurem Hause, Herr, habe also nichts zu verlangen; es ist nur eine Gunst, um die ich bitte, nichts Anderes.«

»Da es so ist, Herr Graf, soll Euer Wunsch erfüllt werden; wenn Ihr erlaubt, soll noch diesen Abend Alles in Stand gesetzt werden.«

Ludovic verabschiedete sich darauf von Don Andrès und zog sich in seine Zimmer zurück; aber fast unmittelbar hinter ihm traten mehre Diener mit Meubeln herein, die seinen Salon in wenigen Augenblicken in ein comfortabel eingerichtetes Schlafzimmer umgestalteten.

Sobald der Graf sich mit seinem Kammerdiener allein sah, theilte er, ihm mit, da er bei der Zusammenkunft zugegen gewesen war, was derselbe zu wissen nöthig hatte, um seine Rolle zu spielen, ohne einen Schnitzer zu begehen.

Am andern Tage gegen 9 Uhr Morgens wurde der Graf benachrichtigt, daß ein europäisch gekleideter Reiter, gefolgt von einem Arriero, der zwei mit Reisesäcken und Koffer beladene Maulesel führte, sich der Hacienda näherte.

Ludovic zweifelte nicht, daß es Dominique sei, er erhob sich und eilte an die Pforte der Hacienda, wo bereits Don Andrès harrte, um dem Fremden die Honneurs als Besitzer des Hauses zu machen.

Der Graf war innerlich nicht wenig beunruhigt darüber, wie der Vaquero diese so einfache und enge europäische Kleidung tragen würde, die es schon aus letzterem Grunde schwierig war, mit Ungezwungenheit zu tragen; aber er verbannte fast gleich darauf bei dem Anblick dieses stolzen und schönen jungen Mannes, der so anmuthig daher ritt und dessen ganzer Gestalt unstreitig der Stempel außergewöhnlicher Distinction aufgedrückt war, alle Sorge, Einen Augenblick zweifelte er, daß dieser elegante Cavalier derselbe Mann sei, den er am Abend vorher gesehen, und dessen freie, leicht triviale Manieren ihn für die Rolle hatte fürchten lassen, die er zu spielen unternahm, aber er überzeugte sich bald, daß es wirklich Dominique war, den er vor sich hatte.

Die beiden jungen Leute umarmten einander mit den lebhaftesten Freundschaftsbezeigungen, worauf der Graf seinen Freund Don Andrès vorstellte.

Entzückt über die gute Tournüre und das vornehme Aeußere des jungen Mannes, empfing ihn der Haciendero auf das Herzlichste, darauf entfernten sich der Graf und der Baron, gefolgt von dem Arriero, der kein Anderer als Loïck, der Ranchero, war.

Sobald die Maulesel abgeladen, die Koffer und Reisetaschen in das Zimmer gebracht waren, belohnte der Baron – denn wir müssen ihm einstweilen diesen Titel beilegen – den Arriero mit einem guten Trinkgeld, wofür dieser sich in Danksagungen erging und sich darauf eiligst mit seinen Mauleseln entfernte, da er sich nicht allzulange in der Hacienda aufhalten wollte, aus Furcht einem bekannten Gesichte zu begegnen.

Sobald die beiden jungen Leute allein waren, mußte Raimbaut im Vorzimmer Wache halten, damit sie nicht überrascht wurden, worauf sie in dem Schlafzimmer des Grafen eine lange, ernste Unterredung begannen, während welcher Ludovic den Baron mit den Personen ver Hacienda bekannt machte, mit denen er für einige Zeit zu leben berufen war. Vor Allem machte er ihn auf Don Melchior aufmerksam, dem zu mißtrauen er ihn aufforderte, und er empfahl ihm, nicht zu vergessen, daß er nur wenig Worte spanisch sprach und was wesentlich war, es gar nicht verstand.

»Ich habe lange Zeit unter den Rothhäuten gelebt,« antwortete der junge Mann, »und habe aus den von ihnen empfangenen Lehren Nutzen gezogen; Ihr werdet selbst von der Vollkommenheit überrascht sein, mit welcher ich meine Rolle spielen werde.«

»Ich gestehe, daß ich es schon bin; Ihr habt meine Erwartungen vollkommen übertroffen; ich war weit entfernt, ein solches Resultat zu erwarten.«

»Ihr schmeichelt mir; ich werde mich bemühen, Euren Beifall immer mehr zu verdienen.«

»Allein mir fällt ein, mein lieber Charles,« begann lächelnd der Gras, »wir sind alte Freunde und Schulkameraden.«

»Ei, gewiß, wir haben uns schon als Kinder gekannt;« erwiderte der Andere eben so.

»Scheint es Euch nicht, daß wir uns dutzen sollten?«

»Allerdings, das ist nothwendig, die Vollkommenheit unserer Rolle fordert es.«

»Nun, wohlan, so nennen wir uns Du.«

»Ich dächte auch, zwei Kameraden wie wir.«

Darauf drückten sich die beiden jungen Leute herzlich die Hand und lachten wie Schüler in den Ferien.

Ein Theil des Tages verfloß ohne andern Zwischenfall als die Vorstellung des Barons Charles de-Meriadec durch seinen Freund den Grafen de-la-Saulay bei Donna Dolores und ihrem Bruder, Don Melchior de-la-Cruz, welcher doppelten Vorstellung sich der vermeintliche Baron als ein vollendeter Schauspieler unterwarf.

Donna Dolores beantwortete das Compliment, welches der junge Mann ihr machen zu müssen glaubte mit einem freundlichen und ermuthigenden Lächeln.

Don Melchior dagegen begnügte sich mit einer Verbeugung, ohne ihm zu antworten, indem er ihm einen scheelen Blick zuwarf.

»Hm!« sagte der Baron, als er sich wieder mit dem Grafen allein sah, »dieser Don Melchior macht auf mich in der That den Eindruck einer häßlichen Raupe.«

»Ich theile vollkommen diese Meinung,« antwortete gerade heraus der Graf.

Gegen drei Uhr Nachmittags ließ Donna Dolores die beiden jungen Leute fragen, ob sie ihr die Ehre erweisen wollten, ihr einige Augenblicke Gesellschaft zu leisten; sie nahmen es mit Freuden an und beeilten sich, ihrem Wunsche nachzukommen.

Im Hofe trafen sie Don Melchior; der junge Mann sprach nicht mit ihnen, aber er verfolgte sie mit den Augen, bis sie in dem Zimmer seiner Schwester verschwunden waren.

So verfloß ein Monat, ohne daß das einförmige Leben der Bewohner der Hacienda gestört worden wäre.

Der Graf und sein Freund machten öfters in Gesellschaft des Haushofmeisters Ausflüge, sei es zur Jagd oder einfache Spaziergänge; zuweilen, aber nur selten, begleitete sie Donna Dolores.

Jetzt, wenn sie sich mit dem Grafen allein sah, schien sie dieses Zusammensein weniger zu fürchten; manchmal schien sie sogar ein gewisses Vergnügen daran zu finden; sie nahm seine Aufmerksamkeiten günstig auf, lächelte über seine Einfälle und bewies ihm bei jeder Gelegenheit vollständiges Vertrauen.

Aber für den sogenannten Baron zeigte sie einen merklichen Vorzug, sei es daß sie ihm, weil sie wußte, wer er wirklich wir, keine Wichtigkeit beilegte, sei es aus reiner Laune weiblicher Coquetterie, sie gefiel sich darin, mit dieser Natur, deren unbezähmbare Energie sie nicht kannte, zu spielen und die Macht ihrer Reize auf diesen unbefangenen jungen Mann zu erproben.

Dominique bemerkte nicht oder that wenigstens als bemerkte er das listige Verfahren des jungen Mädchens nicht; von ausgesuchter Höflichkeit und einer unbegrenzten Zuvorkommenheit gegen sie, blieb er stets in den strengen Grenzen, die er sich selbst auferlegt hatte, indem er bei einem Manne, für welchen er eine aufrichtige Freundschaft empfand und der, wie er wußte, im Begriff stand, Donna Dolores zu heirathen, keine Eifersucht erregen wollte.

Was Don Melchior anbetrifft, so war sein Character immer mißmuthiger geworden, seine Abwesenheiten wurden länger und häufiger, und nur bei seltenen Gelegenheiten, wenn der Zufall ihn mit den beiden jungen Leuten in Berührung brachte, erwiderte er schweigend ihren Gruß, ohne sie weiter eines Wortes zu würdigen; in der That, der Widerwille, den er Anfangs gegen sie zu empfinden schien, war mit der Zeit in Haß übergegangen.

Inzwischen nahmen die politischen Ereignisse mit wachsender Schnelligkeit ihren Fortgang, die Truppen Juarez' hatten das Land besetzt; schon drang der Vortrab seiner Partei bis in die Umgegend der Hacienda, man sprach von spanischen Besitzthümern, die mit Sturm genommen, geplündert und in Brand gesteckt seien, und deren Herren man, nachdem sie durch die Guerilleros beraubt worden, feig ermordet hatte.

In Arenal war die Unruhe groß: Don Andrès de-la-Cruz, den seine Eigenschaft als Spanier nur wenig über die Zukunft beruhigen konnte, traf die ausgedehntesten Vorkehrungen, um nicht durch den Feind überrascht zu werden. Schon öfters hatte man es ernstlich in Ueberlegung gezogen, die Hacienda zu verlassen und sich nach Puebla zu begeben, aber immer hatte es Don Melchior hartnäckig verweigert.

Indessen erregte die sonderbare Lebensweise, welche der junge Mann führte, seitdem sich der Graf in der Hacienda befand, seine Neigung sich abzuschließen, seine häufige, lange Abwesenheit, – und mehr als Alles, die Empfehlung Don Olivier's, dessen wahrscheinlich seit langer Zeit gewecktes Mißtrauen auf ihm allein bekannte Thatsachen beruhte und die Gegenwart Dominique's unter dem Namen eines Barons von Meriadec nöthig gemacht hatte, – den Verdacht des Grafen, den die geheime Antipathie, welche er vom ersten Tage an gegen Melchior empfand, fast zu einer Gewißheit machte.

Nach reiflicher Ueberlegung hatte sich der Graf entschlossen, Dominique und Leo Carral zu Vertrauten seiner Besorgnisse zu machen, als er eines Abends, in den Patio eintretend, Don Melchior zu Pferde begegnete, welcher sich aus der Hacienda entfernte.

Der Graf fragte sich, wie Don Melchior es wagen könne, bei einer so späten Stunde, (es war ungefähr neun Uhr Abends) in einer mondscheinlosen Nacht die Hacienda zu verlassen, auf die Gefahr hin, in einen Hinterhalt Don Juarez' Guerillas zu fallen, deren Vortruppen, wie er sehr gut wußte, schon seit einigen Tagen in der Umgegend herumstrichen.

Dieser neue Ausflug des jungen Mannes, den scheinbar nichts motivirte, zerstreute die letzten Zweifel des Grafen, und befestigte ihn in seinem Entschluß, sich sogleich mit seinen beiden Vertrauten zu berathen.

In diesem Augenblick schritt Leo Carral über den Patio. Ludovic rief ihn an.

Der Haushofmeister eilte herbei.

»Wohin geht Ihr denn?« fragte ihn der Graf.

»Ich weiß es Euch selbst nicht zu sagen, Herr Graf,« versetzte der Haushofmeister, »ich bin heut Abend, ohne zu wissen warum, unruhiger als gewöhnlich, und wollte einen Gang um die Hacienda machen.«

»Es ist vielleicht eine Ahnung,« sagte der Graf nachdenklich, »soll ich Euch begleiten?«

»Ich wollte ein Wenig in der Umgegend herumstreichen,« erwiderte No Leo Carral.«

»Gut, laßt mein Pferd und dasjenige Don Carlos' satteln, wir werden in einem Augenblick bei Euch sein.«

»Vor allen Dingen, Herr Graf, nehmt keine Diener mit, laßt uns unsere Sache allein abmachen, ich habe einen Plan; wir müssen jeden Verrath zu vermeiden suchen.«

»Ich bin ganz Eurer Meinung. In zehn Minuten werden wir hier sein.«

»Ihr werdet Eure Pferde an der Pforte des ersten Hofes finden. Ich brauche Euch, nicht anzuempfehlen, Euch gut zu bewaffnen.«

»Seid unbesorgt.«

Der Graf kehrte in sein Zimmer zurück. Dominique war bald benachrichtigt; Beide verließen gleich darauf ihre Wohnung und suchten den Haushofmeister auf, der, bereits im Sattel, sie vor der geöffneten Pforte der Hacienda erwartete.

»Hier sind wir,« sagte der Graf.

»Brechen wir auf,« erwiderte lakonisch Leo Carral.

Sie schwangen sich auf ihre Pferde und verließen schweigend die Hacienda.

Hinter ihnen wurde das Thor leise wieder geschlossen.

Sie stürmten die in die Ebene führende Rampe im Galopp hinab.

»He!« meinte der Graf nach einigen Augenblicken, »was bedeutet das, reiten wir auf Gespensterpferden, daß sie beim Gehen kein Geräusch hervorbringen?«

»Sprecht leiser, Herr Graf,« antwortete der Haushofmeister, »wir sind wahrscheinlich von Spionen umgeben? was Euch so sehr überrascht, ist nur eine einfache Vorsichtsmaßregel, die Hufe Eurer Pferde stecken in mit Sand gefüllten Säckchen von Bockleder.«

»Teufel!« erwiderte Ludovic, »es scheint, daß wir eine geheimnißvolle Expedition unternehmen.«

»Ja, Herr, eine geheime und vor allen Dingen sehr wichtige.«

»Was giebt es denn?«

»Ich mißtraue dem Don Melchior.«

»Aber bedenkt doch, mein Freund, daß Don Melchior der Sohn Don Andrès' ist, sein Erbe.«

»Ja, aber wie man hier sagt, war seine Mutter eine Indianerin, Namens Zapotèque, in welche sich mein Gebieter, ich weiß nicht warum, verliebte, denn sie war weder schön, noch gut, noch klug; kurz, aus dieser Liaison entsprang ein Kind, und dieses Kind ist Don Melchior. Die Mutter starb im Wochenbett, nachdem sie Don Andrès gebeten, das arme Geschöpf nicht zu verlassen, mein Herr versprach es, erkannte das Kind an und erzog es, als wäre es legitim gewesen, und einige Jahre später willigte seine Frau ein, das Kind zu sich zu nehmen. Er wurde also ganz wie ein wirklich legitimer Sohn erzogen, um so mehr als Donna Lucia de-la-Cruz starb und ihrem Gemahl nur eine Tochter hinterließ.«

»Ah! ah!« meinte der Graf, »jetzt beginnt mir die Wahrheit klar zu werden.«

»So ging Alles mehre Jahre hindurch ganz gut, von seinem Vater sehr gut behandelt, gelangte Don Melchior allmählich zu der Ueberzeugung, daß nach dem Tode Don Andrès' ihm das väterliche Vermögen zufallen würde; aber vor ungefähr einem Jahre erhielt mein Herr einen Brief, in Folge dessen er eine lange und ernste Unterredung mit seinem Sohne hatte.«

»Ja, ja, dieser Brief erinnerte ihn an die zwischen meiner und seiner Familie getroffenen Heirathspläne und an meine baldige Ankunft.«

»Wahrscheinlich, Herr; aber es verlautete nichts von dem, was zwischen Vater und Sohn vorgefallen war, nur bemerkte man, daß Don Melchior, der schon keinen heitern Character hat, von dieser Zeit finster und mürrisch wurde, die Einsamkeit suchte und nur dann mit seinem Vater sprach, wenn ihn die Umstände dazu zwangen; er, der sonst nur kurze und seltene Ausflüge gemacht hatte, begann einen unbändigen Geschmack an der Jagd zu finden, so daß er sich oft mehre Tage lang den Streifereien überließ. Eure plötzliche Ankunft in der Hacienda, wo er Euch niemals zu sehen erwartete, erhöhte in erschreckendem Maaße seine übele Laune, und ich bin überzeugt, daß er, in Verzweiflung darüber, die so lange Zeit begehrte Erbschaft unwiederbringlich verloren zu sehen, vor Nichts, selbst nicht vor einem Verbrechen zurückschrecken würde, um sich ihrer zu bemächtigen. Dies, Herr Graf, halte ich für meine Pflicht, Euch mitzutheilen; Gott weiß, daß, wenn ich gesprochen habe, es nur in guter Absicht geschah.«

»Jetzt ist mir Alles erklärlich, No Leo Carral, ich bin, wie Ihr überzeugt, daß Don Melchior auf einen schändlichen Verrath gegen den Mann sinnt, dem er Alles verdankt und der sein Vater ist.«

»Wohlan,« sagte Dominique, »wollt Ihr meine Meinung wissen? Wenn die Gelegenheit sich dazu bietet, würde es ein gutes Werk sein, ihm eine Kugel in sein boshaftes Gehirn zu jagen; die Welt wird auf diese Weise von einem schrecklichen Bösewicht befreit sein.«

»Amen!« sagte lachend der Graf.

In diesem Augenblick erreichten sie die Ebene.

»Hier, Herr Graf,« begann der Haushofmeister, »wo für uns die Schwierigkeiten unseres Unternehmens beginnen, müssen wir mit der größten Vorsicht handeln, und hauptsächlich vermeiden, unsere Gegenwart den unsichtbaren Spionen zu verrathen, mit denen wir ohne Zweifel umgeben sind.«

»Fürchtet nichts, wir werden stumm sein wie die Fische; geht unbesorgt voran, wir werden nach der Sitte der Indianer auf dem Kriegspfade, in Eure Fußtapfen treten.«

Der Haushofmeister setzte sich an die Spitze und sie begannen ziemlich rasch in den sich in einander schlingenden Wegen vorzudringen, die für jeden Andern, als Leo Carral ein verwirrendes Netz gebildet haben würden.

Wie wir weiter Oben gesagt haben, war es eine Nacht ohne Mondschein, der Himmel rabenschwarz. Eine tiefe, nur durch das zeitweilige kreischende Geschrei der Nachtvögel unterbrochene Stille lag über dem Lande.

Sie setzten wohl eine halbe Stunde schweigend ihren Weg fort, endlich machte der Haushofmeister Halt.

»Wir sind an Ort und Stelle,« sagte er mit leiser Stimme, »steigt ab, hier sind wir in Sicherheit.«

»Glaubt Ihr?« sagte Dominique; »ich glaube während unsers Rittes das Geschrei von Nachtvögeln gehört zu haben, das zu gut nachgeahmt schien, als daß es natürlich sein könnte.«

»Ihr habt Recht,« versetzte Leo Carral; »es sind die feindlichen Schildwachen, welche sich benachrichtigen, wir sind gewittert worden, aber Dank der finsteren Nacht und meiner Kenntniß der Wege, haben wir, einstweilen wenigstens, Diejenigen ausgespürt, die sich zu unserer Verfolgung aufgemacht haben, uns aber in einer andern Richtung suchen werden, als wo wir sind.«

»So glaube ich auch gehört zu haben,« antwortete Dominique.

Der Graf horchte begierig auf diese Unterredung, aber vergeblich; denn was die beiden Männer sagten, war ihm vollkommen unverständlich. Zum ersten Mal in seinem Leben brachte ihn der Zufall in eine so seltsame Lage, und daher fehlte ihm die Erfahrung vollständig. Er war weit entfernt, zu vermuthen, daß er alle Vorposten eines feindlichen Lagers durchkreuzt hatte, in Schußweite bei den zur Rechten und Linken im Hinterhalt liegenden Schildwachen vorüber gekommen und durch ein Wunder vielleicht zwanzig Mal dem Tode entgangen war.

»Sennores,« sagte Leo Carral darauf, »befreit die Hufe Eurer Pferde von den Säckchen, die sie nicht mehr bedürfen, während ich eine Fackel anzünden werde.«

Die jungen Leute gehorchten, sie erkannten schweigend den Haushofmeister als Leiter der Expedition an.

»Nun, ist es gethan?« fragte nach einer Weile der Haushofmeister.

»Ja,« antwortete der Graf, »aber wir sehen nicht das Geringste, zündet Ihr denn nicht Eure Fackel an?«

»Sie ist angezündet, aber es wäre zu unvorsichtig, das Licht hier zu zeigen; folgt mir und leitet Eure Pferde am Zügel.«

Er ging wieder voran, um sie zu führen, und so drangen sie von Neuem, diesmal aber zu Fuß vor.

Bald leuchtete ein heller Schein vor ihnen, welcher die Gegenstände, die sie umgaben, erkennen ließ.

Sie befanden sich in einer natürlichen Grotte, dieselbe führte in die Tiefe in einen ziemlich gekrümmten Gang, so daß der Schein der Fackel von außen nicht bemerkt werden konnte.

»Zum Teufel, wo sind wir hier?« fragte der Graf überrascht.

»Ihr seht es, Herr Graf, in einer Grotte.«

»Sehr wohl, aber Ihr hattet einen Grund, uns hierher zu führen.«

»Gewiß, hatte ich einen, Herr, und dieser Grund ist folgender: diese Grotte steht durch einen ziemlich langen, unterirdischen Gang mit der Hacienda in Verbindung; dieser Gang hat mehre Auswege auf das Feld und zwei, die in die Hacienda münden. Von den beiden Ausgängen, die in die Hacienda führen, ist der eine nur mir bekannt und den andern habe ich heut versperrt; da ich jedoch befürchtete, daß Don Melchior auf seinen Ausflügen diese Grotte entdeckt haben könnte, so wollte ich sie heut Nacht besuchen, um sie innerlich fest zu vermauern, damit wir nicht Überrascht werden.«

»Sehr vernünftig No, Leo Carral; an Steinen ist kein Mangel, also wollen wir uns an's Werk machen, wenn Ihr es wünscht.«

»Einen Augenblick noch, Herr Graf, überzeugen wir uns erst, daß Niemand vor uns hereingekommen ist.«

»Hm! das scheint mir ziemlich schwierig.«

»Glaubt Ihr,« antwortete er in leicht ironischem Tone.

Er nahm die Fackel, welche er in einem Winkel im Boden festgemacht hatte und neigte sich zur Erde nieder; aber gleich darauf richtete er sich wieder auf, indem er einen Schrei des Zorns und der Wuth ausstieß.

»Was habt Ihr?« riefen die beiden jungen Leute angstvoll aus.«

»Seht,« sagte er, indem er auf den Boden wies.

Der Graf blickte hin.

»Wir sind überlistet worden,« sprach er nach einer Weile, »es ist zu spät.«

»Aber, in des Himmel Namen, erklärt Euch! Ich verstehe Euch nicht,« rief der Graf.

»Siehst Du nicht, mein Freund,« erwiderte Dominique, »wie der Sand aufgewühlt ist? Bemerkst Du die Fußstapfen, die nach allen Richtungen gehen?«

»Nun?«

»Nun, mein armer Freund, diese Einbrüche sind von Männern hervorgebracht, welche Don Melchior wahrscheinlich hierher geführt hat, und welche diesen Weg genommen haben, um sich in die Hacienda einzuführen, wo sie vielleicht schon sind.«

»Nein,« versetzte der Haushofmeister, »die Spuren sind ganz frisch; sie können nur wenige Minuten vor uns hierein getreten. Der Vorsprung, den sie vor uns voraus haben ist nichts, denn am Ende des Ganges angekommen, müssen sie erst die von mir errichtete Mauer zerstören, und sie ist fest, wir brauchen also den Muth noch nicht zu verlieren, vielleicht wird es Gott fügen, daß wir die Hacienda noch zur Zeit erreichen. Kommt, folgt mir, lasset Eure Pferde dort; Dank dem Himmel, der mir eingegeben hat, den zweiten Ausgang nicht zu versperren.«

Indem er hierauf die Fackel schwang, um die Flamme wieder zu beleben, stürzte der Haushofmeister, von den beiden jungen Leuten gefolgt, in einen Seitengang. Das Souterain stieg sanft bergan; der Weg, dem sie gefolgt waren, um in die Grotte zu gelangen, wand sich um den Hügel, auf welchem die Hacienda erbaut war, sie hätten auf diesem zahlreiche Umwege machen und mit der größten Behutsamkeit, also höchst langsam, vordringen müssen, aus Furcht überrascht zu werden, was ihnen einen bedeutenden Zeitverlust gekostet haben würde. Jetzt war es nicht so, sie liefen in gerader Linie vor sich hin, und legten so in weniger als einer Viertelstunde denselben Weg zurück, der zu Pferde durch das Feld beinahe eine Stunde erfordert hatte. Sie hatten den Garten erreicht.

Die Hacienda umgab die tiefste Stille.

»Weckt Eure Diener, während ich die Lärmglocke läuten werde,« sagte der Haushofmeister; »vielleicht werden wir die Hacienda retten!«

Er eilte zu der Glocke, deren kräftige Schwingungen bald alle Bewohner der Hacienda aus dem Schlafe geschreckt hatte. Halb bekleidet stürzten sie herbei, da sie nicht begriffen, was vorging.

»Zu den Waffen! zu den Waffen!« riefen ihnen der Graf und seine beiden Gefährten entgegen.

Mit wenigen Worten wurde Don Andrès von Allem unterrichtet, und während er seine Tochter in seinem Zimmer unter die Obhut treu ergebener Diener stellte, traf er so gut, wie es die Umstände erlaubten, seine Vorkehrungen zur Vertheidigung. Der Haushofmeister begab sich, von den beiden jungen Leuten und ihren Dienern gefolgt, in den Garten. Ludovic und Donna Dolores hatten nur wenige Worte ausgetauscht.

»Ich gehe zu meinem Vater,« hatte sie gesagt.

»Dort werde ich Euch wiederfinden.«

»Ich erwarte Euch, kein Anderer als Ihr wird sich mir nähern?«

»Das schwöre ich Euch.«

»Habt Dank.«

So hatten sie sich getrennt.

In dem Garten angekommen, hörten die fünf Männer deutlich die rasch aufeinander folgenden Schläge der Belagerer gegen die Mauer.

Sie legten sich in Schußweite von dem Ausgang hinter einem Dickicht von Büschen und Blumen in einen Hinterhalt.

»Aber diese Leute sind wohl Räuber,« rief der Graf, »daß sie auf diese Weise friedliche Leute zu berauben kommen?«

»Ei! freilich sind es Räuber,« antwortete Dominique lachend, »bald werdet Ihr sie bei der Arbeit sehen und nicht mehr daran zweifeln.«

»Dann, Achtung!« sagte der Graf, »und empfangen wir sie, wie sie es verdienen.«

Indessen verdoppelten sich die Schläge in dem unterirdischen Gange; bald löste sich ein Stein, dann ein zweiter, ein dritter, und eine ziemlich große Bresche öffnete sich in der Mauer.

Die Guerilleros stürzten mit einem Freudengeheul, welches sich aber sogleich in Wuthgeschrei verwandelte, vor.

Fünf gleichzeitig abgefeuerte Schüsse erschütterten gleich einem furchtbaren Donnerrollen die Luft.

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