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Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil - Kapitel 5
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Zweiter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
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IV.

Das Haus der Vorstadt

An der Pforte des Palastes fand Don Adolfo sein Pferd wieder, welches noch immer ein Soldat am Zügel hielt; er schwang sich sogleich in den Sattel und nachdem er dem Manne ein Trinkgeld gegeben hatte, ritt er wieder über die Plaça-Mayor und lenkte in die Straße Tacuba.

Es war ungefähr 9 Uhr Morgens; die Straßen waren mit Fußgängern, Reitern, Wagen und Karren, die sich nach allen Richtungen kreuzten, übersäet. Die Stadt lebte in jener fieberhaften Aufregung, wie man sie in Momenten großer Krisen in den Hauptstädten findet, wo alle Gesichter unruhig, alle Blicke argwöhnisch sind, wo die Unterhaltungen nur mit leiser Stimme geflogen werden, und man stets bereit ist, einen Feind in dem uns begegnenden friedlichen Fremden zu vermuthen.

Indem Don Adolfo durch die Straßen ritt, versäumte er nicht, Alles zu beobachten, was um ihn vorging; diese schlecht verhehlte Unruhe, diese wachsende Angst der Bevölkerung entging ihm nicht. Aufrichtig dem General Miramon ergeben, dessen schöner Character, große Ideen und überhaupt sein wahrhaftes Verlangen nach dem Wohle seine Vaterlandes ihn angezogen hatten, empfand er einen tiefen Kummer bei dem Anblick der allgemeinen Niedergeschlagenheit der Massen und der Ungunst des Volkes für den einzigen Mann, welcher in diesem Augenblick, wenn es treu zu ihm gehalten hätte, vor der Regierung Juarez', das heißt vor der durch den Terrorismus des Säbels geschaffenen Anarchie, es gerettet haben würde. Er setzte seinen Weg fort, ohne, wie es schien, sich mit Dem zu beschäftigen, was um ihn vorging, noch was in den verschiedenen vor den Thüren, auf den Schwellen der Läden und an den Straßenecken versammelten Gruppen verhandelt wurde, in welchen die Wegnahme der englischen Conventionsbons durch den General Marquez auf ausdrücklichen Befehl des Präsidenten der Republik in Aller Munde war und auf tausend verschiedene Weisen beurtheilt wurde.

Als Don Adolfo indessen die Vorstädte erreichte, fand er daselbst die Bevölkerung ruhiger; die Neuigkeit war dort noch wenig verbreitet, und Diejenigen, denen sie bekannt war, schienen sich wenig darum zu bekümmern, oder vielleicht fanden sie diesen Act willkürlicher Autorität ganz einfach.

Don Adolfo fand das ganz natürlich; die Bewohner der Vorstädte größtentheils arm und der niedrigsten Klasse der Bevölkerung angehörend, blieben gleichgültig bei einer Handlung, die sie nicht berühren konnte, von welcher allein die reichen Kaufleute der Stadt verletzt wurden.

Endlich gelangte er in die Nähe von la Guarita oder das Belenthor, und hielt vor einem einsamen Hause still, welches, ohne ärmlich zu sein, ein bescheidenes Aeußere hatte und dessen Thür sorgfältig verschlossen war.

Bei dem Geräusche, welches die Hufschläge des Pferdes verursachten, wurde ein Fenster halb geöffnet und ein Freudenschrei drang aus dem Innern des Hauses; einen Augenblick später wurde die Thür weit geöffnet, um ihn einzulassen.

Don Adolpho ritt hinein, erreichte einen Patio, wo er abstieg und den Zügel seines Pferdes an einen in der Mauer befindlichen Ring befestigte.

»Warum thust Du das, Don Jaime?« sagte die sanfte, melodische Stimme einer Dame, die in den Patio gekommen war; »hast Du denn die Absicht, uns so schnell wieder zu verlassen?«

»Vielleicht, liebe Schwester,« antwortete Don Adolfo oder Don Jaime, »werde ich nur sehr kurze Zeit bei Dir verweilen können, ungeachtet meines lebhaften Wunsches, Dir mehre Stunden zu widmen.«

»Gut, gut, mein Bruder, bei diesem Zweifel laß José Dein Pferd in den Corral führen, wo es besser aufgehoben sein wird, als in dem Patio.«

»Mache es, wie Du willst, liebe Schwester.«

»Hört Ihr, José,« sagte die Dame zu einem alten Diener, »führt Moreno in den Corral, reibt ihn sorgfältig ab und gebt ihm die doppelte Portion Alfalfa; komm, mein Bruder,« fügte sie hinzu, indem sie ihren Arm unter den Don Jaime's schob.

Dieser machte keine Einwendung, und Beide gingen in das Haus.

Das Zimmer, in welches sie eintraten, war ein bescheiden, aber mit Geschmack und jener Sauberkeit, die emsige Sorgfalt verrieth, meublirter Speisesaal, worin ein für drei Personen gedeckter Tisch stand.

»Du frühstückst mit uns, mein Bruder, nicht wahr?''

»Mit Vergnügen; aber vor Allem, liebe Schwester, laß Dich küssen und sage mir, wie sich meine Nichte befindet?«

»Deine Nichte wird sogleich hier sein; was ihren Vetter anbetrifft, so ist er abwesend, weißt Du es nicht?«

»Ich glaubte, er wäre zurück.«

»Noch nicht, aber wir sind seinetwegen sehr unruhig, eben so wie Du, er führt ein sehr geheimnißvolles Leben; er reist ab, ohne zu sagen, wohin er geht, bleibt oft lange Zeit fort, dann kommt er zurück, ohne zu erklären, woher er kommt.«

»Geduld, Maria, Geduld; weißt Du nicht,« antwortete er mit einer leisen Trauer im Tone seiner Stimme, »daß wir für Dich, für Deine Tochter arbeiten? Eines Tages, hoffe ich, wird sich Alles aufklären.«

»Gott gebe es, Don Jaime, aber wir sind so allein und sehr unruhig in diesem kleinen Hause; das Land ist in einem Zustande beklagenswerthen Aufruhrs, die Wege sind durch Räuber unsicher gemacht, wir zittern in jedem Augenblick, daß Du oder Don Estevan in die Hände Cuellar's, Carvajal's oder del Rayo's fallen könntet, dieser Banditen ohne Glauben noch Gesetz, von denen man uns täglich die schrecklichsten Dinge berichtet.«

»Beruhige Dich, meine Schwester, Cuellar, Carvajal und selbst ... el Rayo,« antwortete er lächelnd, »sind nicht so schrecklich, als man sie Euch darstellt; übrigens bitte ich Dich nur um noch ein wenig Geduld; bevor ein Monat vergeht, ich wiederhole es Dir, wird jedes Geheimniß aufhören, die Gerechtigkeit wieder hergestellt sein.«

»Gerechtigkeit!« seufzte Donna Maria, »wird mir diese Gerechtigkeit mein verlornes Glück, meinen Sohn wiedergeben?

»Meine Schwester,« erwiderte er mit einer gewissen Feierlichkeit, »warum an der Allmacht Gottes zweifeln? Hoffe, sage, ich Dir«

»Ach, Don Jaime, begreifst Du die Tragweite dieses Wortes? Weißt Du, was es einer Mutter bedeutet, zu sagen: Hoffe?«

»Maria, muß ich Dir wiederholen, daß Du und Deine Tochter die einzigen Bande sind, die mich an das Leben knüpfen, daß ich Euch dasselbe vollkommen gewidmet habe, um Euch eines Tags gerächt und dem hohen Range, von dem Ihr niemals hättet herabsteigen sollen, allen Familienfreuden und allen Regungen des Ehrgeizes zurückgegeben zu sehen! Glaubst Du denn, daß Du mich so ruhig und entschlossen sehen würdest, wenn ich nicht die Gewißheit hätte, das Ziel, welches ich seit so langen Jahren mit solcher Beharrlichkeit und so großer Hartnäckigkeit verfolge, zu erreichen? Kennst Du mich denn nicht mehr? Hast Du kein Vertrauen mehr zu mir?«

»Ja, ja, mein Bruder, ich vertraue Dir,« rief sie, indem sie sich in seine Arme warf, »und sieh, deshalb zittere ich unaufhörlich, selbst wenn Du sagst, daß ich hoffen soll, weil ich weiß, daß Dich nichts zurückhalten würde, daß Du jedes Hinderniß überwinden, jeder Gefahr trotzen würdest, fürchte ich, daß Du in diesem unsinnigen, nur für mich allein unterhaltenen Kampf, unterliegen könntest."

»Und für die Ehre unseres Namens, meine Schwester, vergiß es nicht, um einem berühmten Wappen seinen verdunkelten Glanz wieder zu geben; aber brechen wir davon ab, da kommt meine Nichte; von der ganzen Unterredung erinnere Dich nur des einen Wortes, welches ich Dir wiederhole: Hoffe!«

»Oh! habe Dank, mein Bruder,« rief sie, indem sie ihn ein letztes Mal umarmte.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Thür und ein junges Mädchen trat ein.

»Ah! mein Onkel, mein guter Onkel,« rief sie, indem sie auf ihn zu eilte und ihm beide Wangen hin hielt, die er mehre Male küßte, »endlich seid Ihr da, willkommen, willkommen!«

»Was hast Du, Carmen, mein liebes Kind,« sagte er gerührt, »Deine Augen sind roth, Du siehst bleich aus, Du hast wieder geweint.«

»Es ist nichts, mein Onkel, als eine Thorheit nervöser und unruhiger Frauen, das ist Alles; Ihr bringt uns also Don Estevan nicht zurück?«

»Nein,« antwortete er leicht hin, »er wird erst in einigen Tagen zurückkommen; übrigens aber befindet er sich vollkommen wohl,« setzte er hinzu, indem er einen Blick des Einverständnisses mit Donna Maria austauschte.

»Ihr habt ihn gesehen?«

»Ei! vor kaum zwei Tagen, ich bin selbst die Ursache seines längeren Ausbleibens, ich habe ihn veranlaßt, daß er noch nicht zurückkommt, da ich seiner dort unten bedarf. Aber wollen wir nicht frühstücken? Ich komme fast vor Hunger um,« sagte er, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben.

»Freilich, ja, sogleich, wir erwarteten nur Carmen sprach Maria, »da sie da ist, wollen wir uns zu Tische setzen;« darauf schlug sie auf eine Glocke.

Derselbe alte Diener, welcher das Pferd Don Jaime's in den Corral geführt hatte, trat ein.

»Du kannst anrichten, Josè,« sagte Donna Carmen zu ihm.

Man nahm am Tische Platz und die Mahlzeit begann.

Wir wollen hier mit wenigen Worten das Portrait dieser beiden Damen, welche unsere Erzählung vorzuführen fordert, zeichnen.

Die Erstere, Donna Maria, Schwester Don Jaime's, war eine noch schöne Frau, obwohl ihre verwelkten und abgespannten Züge Spuren tiefen Schmerzes trugen. Ihre Haltung war edel, ihre Manieren anmuthig, ihr Lächeln sanft und traurig. Obwohl höchstens zwei und vierzig Jahr, war ihr Haar vollständig weiß, sie umrahmten ihr bleiches und schönes Gesicht und bildeten einen seltsamen Contrast mit ihren schwarzen Augenbrauen und ihren lebhaften, glänzenden Augen, die Kraft und Jugend athmeten.

Donna Maria trug lange Trauerkleider, die ihr einen Schein von Frömmigkeit und Heiligkeit verliehen.

Donna Carmen, ihre Tochter, war höchstens zwei und zwanzig Jahr alt; schön wie ihre Mutter, war das lebhafte Ebenbild derselben in ihrer Jugend. Alles an ihr war anmuthig und hübsch, ihre Stimme besaß Modulationen außerordentlicher Sanftheit, ihre Stirn zeugte von Reinheit und aus ihren großen, schwarzen, mit langen, sammetartigen Wimpern besetzten Augen leuchtete ein sanfter, feuchter Blick von seltsamem Zauber.

Ihre Tracht war einfach: sie bestand aus einem weißen Mousselinkleide, welches durch ein breites, blaues Band um die Taille gehalten wurde und einer gestickten Spitzenmantille.

So waren die beiden Damen.

Ungeachtet der Gleichgültigkeit, welche Don Jaime, der Abenteurer, zur Schau trug, war er sichtlich unruhig und besorgt. Zuweilen vergaß er, die Gabel zum Munde zu führen und lauschte auf das für ihn allein wahrnehmbare Geräusch. Dann wieder verfiel er in eine so tiefe Träumerei, daß seine Schwester und Nichte genöthigt waren, ihn durch eine leichte Berührung aus seiner Zerstreutheit zu wecken.

»Dich beunruhigt gewiß Etwas, mein Bruder,« konnte Donna Maria sich zu sagen nicht enthalten.

»Ja,« fügte das junge Mädchen hinzu,»diese Zerstreutheit ist nicht natürlich, mein Onkel, sie beunruhigt uns; was habt Ihr?«

»Ich, nichts, ich versichere Euch,« antwortete er.

»Ihr verbergt uns etwas, lieber Onkel.«

»Du irrst Dich, Carmen, ich verberge Euch nichts, was mich persönlich angeht wenigstens; aber in diesem Augenblick herrscht eine solche Aufregung in der Stadt, daß ich offen gestehe, ich fürchte ein Katastrophe.«

»Sollte sie so nahe sein.«

»Oh! ich denke es nicht; allein, vielleicht wird ein Aufruhr stattfinden, Versammlungen, was weiß ich? Ich rathe Euch ernstlich, heute nicht auszugehen, wenn es nicht durchaus nothwendig ist.«

»Oh! weder heute noch morgen, mein Bruder,« erwiederte lebhaft Donna Maria; »schon seit langer Zeit gehen wir nicht mehr aus, ausgenommen in die Messe.«

»Selbst in die Messe zu gehen, würde in nächster Zeit, glaube ich, unvorsichtig sein.«

»Die Gefahr ist also so groß?« fragte sie mit Unruhe.

»Ja und nein, meine Schwester; wir befinden uns in einem Augenblick der Krisis, wo eine Regierung auf dem Puncte steht zu fallen, um durch eine andere ersetzt zu werden! Ihr seht ein, daß die Regierung, welche fällt, heut ohnmächtig ist, die Bürger zu schützen; während dagegen zur Zeit die andere weder die Macht, noch ohne Zweifel den Willen hat, über die öffentliche Sicherheit zu wachen; nun ist es aber unter solchen Umständen das Weiseste, sich selbst zu schützen.«

»Du erschreckst mich wirklich, mein Bruder.«

»Mein Gott, lieber Onkel, was soll da aus uns werden?« rief Donna Carmen, vor Schreck die Hände faltend, »diese Mexikaner machen mir Furcht, es sind wirkliche Barbaren.«

»Beruhigt Euch, sie sind nicht so böse, wie Ihr glaubt; sie sind trotzig, schlecht erzogen und streitsüchtig, das ist Alles; aber ihr Herz ist im Grunde gut, ich kenne sie seit langer Zeit und bürge für ihre guten Gesinnungen.«

»Aber Ihr kennt den Haß, mein Onkel, den sie gegen uns Spanier haben.«

»Leider muß ich zugeben, daß sie uns das Böse, dessen sie unsere Väter anklagen, ihnen zugefügt zu haben, mit Wucher zurückgeben und uns herzlich verabscheuen; aber man weiß nicht, daß wir Spanier sind, man hält Euch für Eingeborene des Landes, und das ist für Euch von Nutzen. Was Don Estevan betrifft, so gilt er für einen Peruaner und von mir ist Jederman überzeugt, daß ich ein Franzose bin. Ihr seht also wohl ein, daß die Gefahr nicht so groß ist, wie Ihr vermuthet und daß, wenn Ihr keine Unvorsichtigkeit begeht, für jetzt nichts zu fürchten ist. Ueberdies werdet Ihr nicht ohne Beschützer bleiben, ich werde Euch nicht allein mit einem alten Diener in diesem Hause lassen, wenn eine Katastrophe so nahe ist; seid also guten Muthes.«

»Werdet Ihr nicht bei uns bleiben, lieber Onkel?«

»Ich würde es mit Freuden thun, mein liebes Kind; leider aber, wage ich nicht es Euch zu versprechen, denn ich fürchte, es wird mir unmöglich sein.« »Aber, mein Onkel, was habt Ihr denn für wichtige Geschäfte?«

»Still, kleine Neugierige; gieb mir ein Wenig Feuer, um meine Cigarette anzuzünden, ich weiß nicht, wo ich meinen Zündschwamm gelassen habe.«

»Ja,« antwortete sie, indem sie ihm ein Streichholz reichte, »immer Eure alte Taktik, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen; hört, lieber Onkel, Ihr seid ein schrecklicher Mann.«

Don Jaime zündete seine Cigarette an, ohne etwas darauf zu erwidern.

»Apropos,« begann er einen Augenblick später, »habt Ihr Jemand von dem Rancho gesehen?«

»Ja, vor ungefähr vierzehn Tagen kam Loïck mit seiner Frau Therese und brachte uns Käse und zwei Schläuche mit Branntwein.«

»Hat er nichts von Arenal gesagt?«

»Nein, Alles war noch beim Alten.«

»Um so besser.«

»Er hat nur von einem Verwundeten gesprochen.«

»Ah! ah! Nun?«

»Mein Gott, ich erinnere mich nicht mehr genau, was er gesagt hat.«

»Wartet, lieber Onkel, ich weiß es; er sagte Folgendes: Sennorita, sobald Ihr Euren Onkel seht, seid so gütig, ihn zu benachrichtigen, daß der Verwundete, den er im Erdgeschoß untergebracht und Lopez zur Ueberwachung anvertraut hat, die Abwesenheit desselben zu seiner Flucht benutzt hat und daß es uns trotz aller unserer Nachforschungen nicht gelungen ist, ihn wieder aufzufinden.«

»Verwünscht!« rief Don Jaime wüthend aus, »warum hat dieser dumme Dominique ihn nicht wie ein wildes Thier umkommen lassen? Es ahnte mir, daß es so enden würde!«

Aber, als er die Ueberraschung bemerkte, die sich auf den Gesichtern der beiden Damen bei diesen seltsamen Worten zeigte, schwieg er und die vollkommenste Gleichgültigkeit annehmend, fuhr er fort:

»Ist das Alles?«

»Ja, mein Onkel, er hat mir aufgetragen, es nicht zu vergessen, Euch davon zu benachrichtigen.«

»Oh! die Sache ist nicht der Mühe werth, aber das ist gleichgültig, liebes Kind, ich danke Dir,« dann erhob er sich und setzte hinzu: »Jetzt bin ich genöthigt, Euch zu verlassen.«

»Schon!« riefen die beiden Damen, rasch von ihren Sitzen auffahrend.

»Es muß sein! Wofern nicht unvorhergesehene Ereignisse eintreten, muß ich mich diese Nacht zu einer von hier sehr entfernten Zusammenkunft begeben; ich werde jedoch Sorge tragen, wenn ich nicht, wie ich hoffe, sogleich zurückkehren kann, mich durch Don Estevan ersetzen zu lassen, damit Ihr nicht ohne Schutz bleibt.«

»Das wird nicht dasselbe sein.«

»Habt Dank; doch bevor wir uns trennen, müssen wir noch ein Wenig von Geschäften sprechen; das Geld, welches ich Dir bei meinem letzten Hiersein gegeben habe, muß beinahe verbraucht sein, nicht wahr?«

»Oh! wir geben nicht viel aus, mein Bruder, wir leben so ökonomisch, daß uns noch eine hübsche Summe bleibt.«

»Um so besser, liebe Schwester, es ist immer vorzuziehen, zu viel zu haben als zu wenig; da ich jedoch in diesem Augenblick ziemlich reich bin, so habe ich für Dich einige sechszig Unzen zurückgelegt, willst Du so gut sein, sie mir abzunehmen.«

Und in seinen Dolman greifend, zog er eine lange, rothseidene Börse hervor, durch deren Maschen man das Gold blinken sah.

»Aber, das ist zu viel, Bruder; was sollen wir mit einer so großen Summe thun?« .

»Was Du willst, liebe Schwester, das kümmert mich nicht, nimm es immerhin.«

»Nun, weil Du es wünschest, so sei es.«

Apropos, Du wirst vielleicht außer der angegebenen Summe noch einige vierzig Unzen vorfinden; mögen zu Deiner und Carmen's Toilette dienen, ich will, daß sie sich stets, sobald es ihr gefällt, elegant kleiden kann.«

»Mein guter Onkel!« rief da junge Mädchen aus, »ich bin gewiß, Ihr entzieht es Euch unsertwegen.«

»Das geht Dich nichts an, Sennorita, es ist einmal meine Laune, daß ich Dich schön sehen will; Deine Pflicht als ergebene Nichte ist, mir zu gehorchen, ohne Dir Bemerkungen zu erlauben. Und nun umarmt mich Beide und laßt mich aufbrechen, ich habe schon zu lange verweilt.«

Die beiden Damen folgten ihm in den Patio und halfen Moreno satteln, welchen Donna Carmen mit Zucker speiste und liebkoste, wofür das edle Thier sehr erkenntlich schien.

In dem Augenblick als Don Jaime dem alten Diener befahl, das Thor zu öffnen, ließ sich draußen der eilige Galopp eines Pferdes vernehmen; gleich darauf wurden mehre Schläge an die Thür gethan.

»Oh! oh!« meinte Don Jaime, »wer sucht uns denn hier auf?« und er schritt entschlossen auf die Thür zu.

»Mein Onkel, mein Bruder!« riefen die beiden Damen zugleich, indem sie ihn zurück zu halten suchten.

»Laßt mich nur machen,« sagte er, indem er sie durch einen Wink veranlaßte zu schweigen, »wir müssen wissen, wer es ist. Wer da?« schrie er.

»Freund,« antwortete man.

»Das ist Loïck's Stimme,« sagte der Abenteurer, und er öffnete die Thür.«

Der Ranchero trat ein.

»Gott sei gelobt!« rief er, als er Don Jaime erkannte, »der Himmel läßt mich Euch hier finden.«

»Was giebt es denn?« fragte der Abenteurer rasch.

»Ein großes Unglück,« antwortete er, »die Hacienda-del-Arenal ist von der Bande Cuellar's genommen worden.«

»Verwünscht!« rief der Abenteurer bleich vor Zorn.

»Wann ist es geschehen?«

»Vor drei Tagen.«

Der Abenteurer zog ihn rasch in das Innere des Hauses.

»Hast Du Hunger? – oder Durst?« fragte er.

»Seit drei Tagen habe ich weder etwas gegessen, noch getrunken, so sehr trieb mich die Eile hier her zu kommen.«

»So ruhe Dich aus und iß, dann wirst Du mir das Vorgefallene mittheilen.

Die beiden Damen stellten eiligst Brot, Fleisch Branntwein vor den Ranchero. Während Loïck seine Mahlzeit hielt, der er so dringend bedurfte, schritt Don Jaime erregt im Saale auf und nieder. Auf seinen Wink hatten sich die Damen diskret zurückgezogen und ihn mit dem Ranchero allein gelassen.

»Bist Du fertig?« fragte er ihn, als er bemerkte, er nicht mehr aß.

»Ja,« versetzte dieser.

»Fühlst Du Dich im Stande, mir jetzt die stattgehabten Ereignisse mitzutheilen?«

»Ich stehe Ihnen zu Befehl, Sennor.«

»So laß hören.«

Nachdem der Ranchero ein letztes Glas Pulque geleert halte, begann er seine Erzählung.

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