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Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil - Kapitel 4
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Zweiter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III.

Die Bons der Convention.

Es war Tagesanbruch.

Röthliche Reflexlichter streiften die schneeigen Gipfel des Popocatepel, die letzten Sterne erloschen am Firmament, ein weißlicher Schein beleuchtete die Spitzen der Gebäude. Mexiko schlief noch; in seinen stillen Straßen vernahm man nur in langen Zwischenräumen den eiligen Schritt einiger Indianer, die aus der Umgegend kamen, um ihre Früchte und ihre Gemüse zu verkaufen. Nur einige Branntweinläden wurden furchtsam geöffnet, und schickten sich an, den Morgenbesuchern die Dosis starken Liqueurs einzugießen, eine Arbeit, womit sie jeden neuen Tag begannen.

Von dem Sagrario schlug es halb fünf Uhr.

In diesem Augenblick kam ein Reiter aus der Straße Tacuba, ritt im raschen Trabe über die Plaça-Mayor, und hielt vor der Thür des von zwei Schildwachen besetzten Palastes des Präsidenten still.

»Wer da?« rief eine der Schildwachen.

»Freund,« antwortete der Reiter.

»Passirt.«

»Nein,« versetzte der Reiter, »ich habe hier zu thun.«

»Ihr wollt in den Palast eintreten?«

»Ja!«

»Es ist noch zu früh, kommt in zwei Stunden wieder.«

»In zwei Stunden wird es zu spät sein, ich muß sogleich hinein.«

»Bah!« meinte scherzend die Schildwache und sich zu ihrem Gefährten wendend, sagte sie: »Was meinst Du dazu, Pedrito?«

»Ha!« lachte der Andere, »ich denke, der Herr ist fremd hier, er irrt sich und bildet sich ein, an der Thür eines Wirthshauses zu sein.«

»Genug der Grobheiten, Kerl,« sagte in strengem Tone der Reiter; »ich habe schon zu viel Zeit verloren; benachrichtigt den wachthabenden Officier, eilt Euch.«

Der von dem Unbekannten angewandte Ton schien auf die Soldaten einen starken Eindruck zu machen. Nachdem sie sich leise mit einander berathen hatten, der Fremde nach Allem in seinem Rechte war und das, was er verlangte, durch ihre Ordre festgesetzt war, so entschlossen sie sich endlich, seinen Wunsch zu erfüllen, und klopften mit ihrem Flintenkolben an die Thür.

Nach einigen Minuten wurde die Thür geöffnet und ein Unterofficier erschien, der leicht als solcher an dem Rebstocke, den er in der linken Hand hielt, dem Abzeichen seines Grades, zu erkennen war.

Nachdem er sich bei den Schildwachen über den Grund ihres Rufes unterrichtet hatte, grüßte er höflich den Fremden, bat ihn, einen Augenblick zu warten, und kehrte in den Palast zurück, indem er die Thür hinter sich offen ließ; aber fast augenblicklich erschien er wieder, einem Capitain in Paradeanzug vorausgehend.

Der Reiter begrüßte den Capitain und wiederholte die Bitte, welche er vorher an die Schildwachen gerichtet hatte.

»Ich bin in Verzweiflung, es Euch verweigern zu müssen, Sennor,« antwortete der Capitain, »aber die Ordre verbietet uns, vor acht Uhr Morgens, wen es auch sei, in den Palast einzulassen; wollt Ihr daher die Güte haben, wenn die Sache, die Euch herführt, dringend ist, zu der angegebenen Zeit wiederzukommen, so wird Eurem Eintritt nichts im Wege stehen.« Und er verneigte sich, wie um sich zu verabschieden.

»Verzeiht, Capitain,« erwiderte der Reiter, »noch ein Wort, wenn's beliebt.«

»Sprecht, Sennor.«

»Es ist nicht nöthig, daß ein Andrer als Ihr es vernehmt.«

»Ganz wie es Euch gefällt, Sennor,« versetzte der Capitain, indem er dicht an den Unbekannten herantrat, »nun sprecht, ich höre Euch.«

Der Reiter neigte sich zur Seite und flüsterte einige leise Worte, die der Officier mit dem Zeichen des tiefsten Erstaunens vernahm.

»Seid Ihr jetzt befriedigt, Capitain?«

»Vollkommen, Sennor;« und sich zu dem Unterofficier wendend, der einige Schritte von ihm entfernt stand, sagte er: »Oeffnet die Thür.«

»Es ist nicht nöthig,« bemerkte der Reiter, »wenn Ihr es erlaubt, so werde ich hier absteigen, ein Soldat wird mein Pferd halten.«

»Ganz nach Eurem Belieben, Sennor.«

Der Reiter stieg ab und warf den Zügel dem Unterofficier zu, der ihn so lange hielt, bis ein Soldat seine Stelle einnehmen würde.

»Jetzt, Capitain,« sprach der Fremde, »würdet Ihr mich zu höchstem Danke verpflichten, wenn Ihr mich selbst zu der Person führen wolltet, die mich erwartet, ich bin zu Eurem Befehl.«

»Und ich zu dem Eurigen, Sennor,« antwortete der Capitain, »und da Ihr es wünschet, werde ich die Ehre haben, Euch zu führen.«

Sie traten darauf in den Palast, den Unterofficier und die Schildwachen im höchsten Erstaunen zurücklassend.

Von dem Capitain geführt, schritt der Unbekannte durch mehre Zimmer, die ungeachtet der frühen Morgenstunde schon angefüllt waren, nicht mit Besuchern, sondern mit Officieren jeden Ranges, Senatoren und Kirchenräthen, welche die Nacht im Palast zugebracht zu haben schienen.

Eine große Bewegung herrschte in den Gruppen, in denen sich Militairs, Mitglieder der Geistlichkeit und Repräsentanten des Handels vereinigt fanden; man sprach, obwohl mit leiser Stimme, doch mit einer gewissen Lebhaftigkeit, der allgemeine Ausdruck der Physiognomien war düster und sorgenvoll.

Endlich erreichten die beiden Männer die Thür eines durch zwei Schildwachen bewachten Cabinets; ein Thürsteher, mit einer silbernen Kette um den Hals, ging vor demselben auf und ab; als er die beiden Männer erblickte, näherte er sich ihnen rasch.

»Ihr seid am Ziel, Sennor,« sagte der Capitain.

»Es bleibt mir nur übrig, von Euch Abschied zu nehmen und Euch meinen Dank für Eure Freundlichkeit auszudrücken;« erwiderte der Fremde.

Sie verneigten sich gegenseitig und der Capitain kehrte auf seinen Posten zurück.

»Seine Excellenz kann in diesem Augenblick nicht empfangen. Es hat in dieser Nacht eine außerordentliche Sitzung stattgefunden, seine Excellenz haben den Befehl gegeben, ihn ungestört zu lassen,« sagte der Huissier, indem er den Unbekannten trocken begrüßte.

»Seine Excellenz wird mir zu Gunsten eine Ausnahme machen,« erwiderte sanft der Reiter.

»Ich zweifle daran, Sennor; der Befehl ist allgemein; ich würde nicht wagen, denselben zu überschreiten.«

Der Unbekannte schien einen Augenblick zu überlegen.

Der Huissier wartete, ohne Zweifel erstaunt, daß der Fremde dazubleiben beharrte.

Endlich erhob dieser den Kopf.

»Ich begreife vollkommen, Sennor,« sagte er, »was die empfangene Ordre für Euch heilig ist, ich habe darum nicht die Absicht, Euch zu überreden, derselben keine Folge zu leisten; da indessen der Gegenstand, der mich herführt, von der größten Wichtigkeit ist, so laßt mich Euch um einen Dienst bitten.«

»Um Euch zu dienen, Sennor, werde ich Alles thun, was mit den Pflichten meines Amtes vereinbar ist.«

»Ich danke Euch, Sennor; übrigens versichere ich Euch, und Ihr werdet bald davon den Beweis haben, daß Seine Excellenz Euch durchaus keinen Vorwurf machen würde, wenn Ihr mir den Zutritt gestattetet.«

»Ich hatte die Ehre, Euch zu bemerken, Sennor ...«

»Laßt mich Euch erklären, was ich von Euch wünsche,« unterbrach ihn der Fremde rasch, »dann werdet Ihr mir sagen, ob Ihr mir den Dienst, den ich von Euch verlange, erweisen könnt oder nicht.«

»Allerdings, Sennor, sprecht.«

»Ich werde ein Wort auf ein Blatt Papier schreiben, dieses Papier werdet Ihr schweigend dem Präsidenten vorlegen; wenn Seine Excellenz Euch nichts sagt, werde ich mich entfernen, Ihr seht, daß dies durchaus nicht schwierig ist und Ihr in keiner Weise Eure Ordre überschreitet.«

»Das ist freilich wahr,« versetzte der Huissier mit feinem Lächeln, »aber ich drehe dieselbe um.«

»Seht Ihr darin irgend ein Schwierigkeit?«

»Es ist also durchaus nothwendig, daß Ihr seine Excellenz, den Präsidenten, diesen Morgen seht?« fragte der Huissier, ohne auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten.

»Sennor Don Livio,« antwortete der Fremde mit ernster Stimme, »denn obwohl Ihr mich nicht kennt, so weiß ich doch, wer Ihr seid, ich kenne Eure Ergebenheit für den General Miramon, wohlan, ich schwöre Euch auf meine Ehre und meinen christlichen Glauben, daß es von höchster Bedeutung für ihn ist, daß ich ihn ohne Aufschub sehe.«

»Das genügt, Sennor,« erwiderte ernst der Thürsteher, »wenn es von mir abhängt, so werdet Ihr in einem Augenblick bei ihm sein; hier auf diesem Tische befindet sich Papier, Tinte und Federn, schreibt.«

Der Fremde dankte; nahm eine Feder und schrieb auf ein weißes Blatt Papier in großen Buchstaben das einzige Wort:

Adolfo . · .

wonach er drei Punkte im Triangel setzte, dann übergab er das Blatt offen dem Huissier.

»Da nehmt!« sagte er.

Der Huissier blickte ihn erstaunt an.

»Wie?« rief er, »Ihr seid ...«

»Still!« machte der Fremde, indem er einen Finger auf seinen Mund legte.

»Oh! Ihr werdet eintreten,« erwiderte er, und die Portière? aufhebend, öffnete er die Thür und verschwand.

Aber fast augenblicklich wurde die Thür wieder geöffnet und eine volltönende Stimme, die nicht die des Huissiers war, rief zweimal hinter einander aus dem Innern des Cabinets:

»Tretet ein, tretet ein!«

Der Unbekannte trat ein.

»Kommt doch,« sagte der Präsident von Neuem, »kommt, theurer Don Adolfo; der Himmel sendet Euch,« und er schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

Don Adolfo drückte ehrerbietig die Hand des Präsidenten und setzte sich auf einen Fauteuil neben ihn.

Der Präsident Miramon, mit dem wir jetzt den Leser bekannt machen, dessen Name in Aller Munde war und der gerechter Weise für den ersten Kriegsmann Mexiko's galt, wie er dessen bester Verwalter gewesen war, ein ganz junger Mann, kaum sechsundzwanzig Jahre alt, und doch, wie große und edle Thaten hat er in den drei Jahren, die er am Ruder war, erfüllt!

Seine Gestalt war schlank und wohlgebaut, seine Manieren gefällig, sein Gang edel, seine feinen, distinguirten Züge voll Schlauheit, athmeten Kühnheit und Loyalität, seine breite Stirn war bereits unter der Anstrengung der Gedanken gefurcht, seine großen, schwarzen Augen hatten einen redlichen, klaren Blick, dessen Tiefe zuweilen Diejenigen beunruhigte, auf welche er sich richtete; sein etwas bleiches Gesicht und seine mit einem dunklen Kreis umgebenen Augen zeugten von langer Schlaflosigkeit.

»Ah!« sagte er freudig, indem er sich in einen Fauteuil warf, »da ist mein guter Genius zurück; er wird mir mein entflohenes Glück zurückbringen.«

Don Adolfo schüttelte traurig den Kopf.

»Was soll Eure Bewegung bedeuten, mein Freund?« fragte der Präsident.

»Es will sagen, General, daß ich fürchte, es ist zu spät.«

»Zu spät? Wie dies, haltet Ihr mich nicht für fähig, an meinen Feinden eine eclatante Revanche zu nehmen?«

»Ich halte Euch aller großen und edlen Handlungen fähig, General;« antwortete er; »leider umgiebt Euch von allen Seiten Verrath, Eure Freunde verlassen Euch.«

»Das ist nur zu wahr,« entgegnete der General mit Bitterkeit; »die Geistlichkeit und der hohe Handel, zu deren Beschützer ich mich gemacht und die ich immer und überall vertheidigt habe, lassen mich egoistisch meine letzten Hülfsquellen zu ihrem Schutze gebrauchen, ohne mich einer Hülfe zu würdigen; sie werden mich bald bedauern, wenn, was nur zu wahrscheinlich ist, ich durch ihre Schuld unterliege.«

»Ja, das ist wahr, General, und in der Berathung, die diese Nacht stattgefunden hat, habt Ihr Euch ohne Zweifel auf eine entscheidende Weise von den Absichten dieser Männer, denen Ihr Alles geopfert habt, überzeugt.«

»Allerdings,« antwortete er, indem sein Gesicht sich verdüsterte und er bitter die Worte hervorstieß: »auf alle meine Bitten, auf alle meine Einwendungen haben sie nur ein und dieselbe Antwort gehabt: Wir können nicht; dies war das unter ihnen beschlossene Losungswort!«

»So muß Eure Lage, verzeiht mir diese Offenheit, General, außerordentlich kritisch sein.«

»Sagt unsicher und Ihr werdet der Wahrheit näher kommen, mein Freund; der Schatz ist vollständig leer, ohne daß es mir möglich ist, ihn von Neuem zu füllen; die Armee, welche seit zwei Monaten keinen Sold empfangen hat, murrt und droht, sich aufzulösen; meine Officiere gehen einer nach dem andern zu dem Feinde über; dieser kommt im Geschwindmarsch auf Mexiko los: das ist die wirkliche Lage; wie findet Ihr sie?«

»Traurig, schrecklich traurig, General, und, verzeiht diese Frage, was gedenkt Ihr zu thun, um der Gefahr zu entgehen?«

Anstatt ihm zu antworten, warf ihm der General verstohlen einen durchdringenden Blick zu.

»Aber bevor wir weiter gehen,« nahm Don Adolfo, von Neuem das Wort, »erlaubt mir, General, Euch von meinen Operationen Rechenschaft abzulegen.«

»Oh! Sie sind glücklich gewesen, ich bin davon überzeugt,« erwiderte lächelnd der General.

»Ich habe wenigstens die Hoffnung, daß Ihr sie so finden werdet, Excellenz; darf ich Euch meinen Rapport abstatten?«

»Thut das, mein Freund, ich bin begierig zu hören, was Ihr zur Vertheidigung unserer edlen Sache gethan habt.«

»Oh! erlaubt, General,« sagte lebhaft Don Adolfo, »ich bin nur ein Abenteurer, meine Ergebenheit gehört Euch persönlich.«

»Ich weiß es; nun laßt hören, was bringt Ihr für Nachrichten?«

»Erstens ist es mir gelungen dem General Degollado die Ueberreste des von ihm der Laguna-Seca gestohlenen Geldes abzunehmen.«

»Gut, das ist Kriegsgebrauch, mit diesem Gelde hat er mir Guadalajara genommen. Oh! Castillo! endlich! wie viel ist es ungefähr?«

»Zweihundertsechzigtausend Piaster.«

»Hm! eine ganz hübsche Summe.«

»Nicht wahr? Ich habe ferner jenen Räuber von Cuellar und seinen würdigen Gefährten Carvajal überrascht, endlich hat sich Ihr Freund Felipe Irzabal mit mir veruneinigt, ohne einige Parteigänger Juarez' zu rechnen, welche ihr böser Stern auf meinen Weg führte.«

»Kurz, die Totalsumme dieser verschiedenen Begegnungen, mein Freund...«

»Ist Neunhundert und einige tausend Piaster; die Guerilleros dieses redlichen Juarez sind vortrefflich zu scheeren, sie sind unbeschränkt in dem, was sie thun wollen, und benutzen das, um sich zu mästen, indem sie in trübem Wasser fischen. Noch einmal, ich bringe gegen zwölftausend Piaster mit, welche Euch noch vor einer Stunde auf Mauleseln zugeführt werden sollen und die Ihr vollkommene Freiheit habt, in Euren Schatz zu thun.«

»Aber das ist prächtig!«

»Man thut, was man kann, General.«

»Teufel, wenn alle meine Freunde mit so gutem Erfolg im Lande herumstrichen, würde ich bald reich und im Stande sein, den Krieg kräftig zu unterhalten; leider ist es nicht so. Diese Summe zu der hinzugefügt, die es mir gelungen ist, mir von anderer Seite zu verschaffen, bildet ein ganz hübsches Angeld.«

»Wie, von welcher andern Summe sprecht Ihr, General? Ihr habt also Geld gefunden?«

»Ja,« versetzte er zögernd; »einer meiner Freunde – Attaché bei der spanischen Gesandtschaft – hat mir ein Mittel angerathen.«

Don Adolfo sprang in die Höhe, als hätte ihn eine Schlange gebissen.

»Beruhigt Euch, mein Freund,« sagte lebhaft der General, »ich weiß, daß Ihr der Feind des Herzogs seid; indessen seit seiner Ankunft in Mexiko hat er mir große Dienste erwiesen, das könnt Ihr nicht leugnen.«

Der Abenteurer war bleich und düster, er antwortete nicht. Der General fuhr fort; wie alle redliche Seelen fühlte er das Bedürfniß, sich wegen einer schlechten Handlung zu rechtfertigen, obwohl die Noth allein sie ihn hatte begehen lassen.

»Nach der Niederlage von Silao, als mir Alles fehlschlug,« sagte er, »ist es dem Herzog gelungen, meine Regierung von Spanien anerkennen zu lassen; Ihr gebt zu, daß mir dies äußerst nützlich gewesen ist, nicht wahr?«

»Ja, ja, ich gebe es zu, General. Oh, mein Gott! es ist also wahr, was man mir gesagt hat.«

»Und was hat man Euch gesagt?«

»Daß Ihr, durch die hartnäckige Weigerung der Geistlichkeit und des hohen Handels, Euch Hülfe zu leisten, auf's Aeußerste gebracht, einen entsetzlichen Entschluß gefaßt habt.«

»Es ist die Wahrheit,« sagte der General und neigte das Haupt.

»Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät; ich bringe Euch Geld, Eure Lage hat sich geändert und wenn Ihr mir erlaubt, will ich gehen...«

»Hört,« sprach der General, ihn durch eine Bewegung zurückhaltend.

In dem Augenblicke wurde die Thür geöffnet.

»Habe ich nicht verboten, mich zu stören?« wandte sich der Präsident an den Huissier, der sich vor ihm verbeugte.

»Der General Marquez, Excellenz,« antwortete gleichgültig der Huissier.

Der Präsident schauderte, eine flüchtige Röthe bedeckte sein Gesicht.

»Laßt ihn eintreten,« befahl er kurz.

Der General Marquez erschien.

»Nun?« fragte der Präsident.

»Es ist geschehn,« erwiderte lakonisch der General, »das Geld ist in den Schatz geflossen.«

»Wie ist es bewerkstelligt worden?« fragte der Präsident mit einem unmerklichen Zittern in der Stimme.

»Ich hatte von Eurer Excellenz die Ordre bekommen, mich mit einer ansehnlichen Macht zu der Gesandschaft Ihrer britischen Majestät zu begeben und von dem englischen Repräsentanten die sofortige Uebergabe der Fonds zu verlangen, die zur Bezahlung der unrechtmäßigen Besitzer von Anweisungen auf die englische Schuld bestimmt waren, indem ich dem Repräsentanten bemerklich machen sollte, daß Ew. Excellenz diese Summe in diesem Augenblick schlechterdings bedürfe, um die Stadt in Vertheidigungszustand zu setzen. Noch mehr, ich verpfändete ihm das Wort Eurer Excellenz für den Ersatz der Summe, die nur als ein Darlehn auf einige Tage betrachtet werden sollte, indem ich ihm außerdem anbot, mit Eurer Excellenz Verabredung zu treffen über die Art der Zahlung, die ihm die angenehmste sein würde. Auf alle meine Vorstellungen begnügte sich der englische Gesandte, mir zu antworten, daß dieses Geld ihm nicht gehöre, daß er nur der verantwortliche Verwahrer desselben sei und es ihm unmöglich wäre, sich daran zu vergreifen. Da ich einsah, daß nach einem länger als eine Stunde währenden Gespräch alle meine Vorstellungen bei einem so unerschütterlichen Entschlusse vergebens waren, entschloß ich mich endlich, den letzten Theil des erhaltenen Befehls auszuführen: ich ließ durch meine Soldaten die Amtssiegel und Koffer der Gesandtschaft erbrechen, und nahm alles Geld, was sich darin befand, indem ich Sorge trug, daß dasselbe zweimal vor Zeugen gezählt wurde, damit die Summe, die ich mir aneignete, constatirt wurde, um sie später vollständig wieder zurück zu erstatten. Ich habe also eine Million vierhunderttausend Piaster 6,000,000 Franks. genommen, die auf meinen Befehl sofort in den Palast gebracht worden sind.«

Nach diesem kurz gefaßten Bericht verbeugte sich der General Marquez wie ein Mann, der überzeugt ist, vollkommen seine Pflicht gethan zu haben, und der ein Lob dafür erwartet.

»Und der englische Gesandte,« fragte der Präsident, »was that er darauf?«

»Nachdem er protestirt, hat er die Flagge gestrichen und, von dem ganzen Gesandtschaftspersonal gefolgt, die Stadt verlassen, indem er erklärte, daß er jede Verbindung mit der Regierung Eurer Excellenz abbreche und sich vor der unbilligen Handlung der Beraubung, dessen Opfer er sei – nach Jalapa zurückziehe, um neue Instructionen der britischen Regierung abzuwarten.«

»Ich danke Euch, General; ich werde die Ehre haben in einigen Augenblicken noch ausführlicher mit Euch darüber zu sprechen.«

Der General verneigte sich und ging.

»Ihr seht, mein Freund,« sagte der Präsident, »jetzt ist es zu spät, das Geld zurückzugeben.«

»Ja, leider ist das Uebel nicht rückgängig zu machen.«

»Was rathet Ihr mir?«

»General, Ihr steht am Rande eines Abgrundes; Euer Bruch mit England ist das größte Unglück, welches Ihr unter den jetzigen Umständen haben konntet; Ihr müßt siegen oder untergehen!«

»Ich werde siegen!« rief der General feurig aus.

»Gott gebe es!« antwortete der Abenteurer, »denn der Sieg allein kann Euch freisprechen.«

Er erhob sich.

»Ihr verlaßt mich schon?« fragte ihn der Präsident.

»Es muß sein, Excellenz; soll ich Euch nicht das Geld hierherbringen lassen, welches ich wenigstens Euren Feinden abgenommen habe?«

Miramon senkte traurig den Kopf.

»Verzeiht, General, ich habe Unrecht, ich hätte nicht also sprechen sollen; weiß ich nicht von mir selbst, daß das Unglück eine schlechte Rathgeberin ist?«

»Habt Ihr nichts von mir zu fordern?«

»Ja, ein Blanquet.«

Der General gab es ihm sogleich.

»Da nehmt,« sagte er; »werde ich Euch vor Eurer Abreise von Mexiko wiedersehen?«

»Ja, General; doch noch ein Wort.«

»Sprecht.«

»Mißtraut diesem spanischen Herzog; dieser Mann verräth Euch!«

Darauf nahm er Abschied von dem Präsidenten und entfernte sich.

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