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Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Zweiter Theil - Kapitel 3
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Zweiter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Etwas Politik.

Man befand sich in den letzten Monaten des Jahres 18... Die politischen Ereignisse begannen sich mit solcher Raschheit auf einander zu drängen, daß selbst die weniger aufgeklärten Geister einsahen, daß sie einer Katastrophe entgegen eilten.

Im Süden hatten die Truppen des Generals Gutierrez einen großen Sieg über die durch den General Don Diego Alvarez befehligte constitutionelle Armee davon getragen. (Derselbe Alvarez, welcher zu einer andern Zeitepoche den Kriegsrath zu Guaymas präsidirt hatte, welcher unsern unglücklichen Landsmann und Freund, den Grafen Gaston de Raousset-Boulbon zum Tode verurtheilte.)

Das Blutbad der Pinto-Indianer war entsetzlich gewesen; zwölfhundert bedeckten das Schlachtfeld eine zahlreiche Menge von Geschützen und Waffen fiel in die Hände des Siegers.

Aber zu derselben Zeit begann im Innern eine Reihenfolge entgegengesetzter Ereignisse; das erste derselben war die Flucht des Präsidenten Zulaoga, welcher, nachdem er freiwillig zu Gunsten Miramon's sein Amt niedergelegt hatte, dies eines Tages ohne Grund und ohne auf den Rath irgend Jemands zu hören, in einem Augenblick, wo man es am Wenigsten erwartete, widerrief.

Darauf machte der General Miramon den Präsidenten des höchsten Gerichtshofs das loyale Anerbieten, die ausübende Gewalt zu übernehmen und die Notablen zu berufen, um ein neues Haupt der Republik zu wählen.

Mittlerweile trat eine andere Katastrophe ein, die der Situation neue Gefahren brachte.

Miramon, der durch seine fortwährenden Triumphe vielleicht ein zu unvorsichtiges Vertrauen erlangt hatte, stellte sich, angetrieben durch den Wunsch auf die eine oder die andere Weise die Sache zu Ende zu bringen, in der Schlacht zu Silao einer vierfach größern Macht als die seinige gegenüber. Er erlitt eine vollständige Niederlage, verlor seine Geschütze und war selbst in Gefahr, umzukommen. Nur durch ein Wunder von Tapferkeit, indem er mit eigener Hand mehre Derjenigen, die ihn umringt hatten, tödtete, gelang es ihm, aus dem Handgemenge zu entkommen und sich nach Queretaro zu flüchten, welches er fast allein erreichte.

Von hier aus war der General Miramon, ohne sich von seinem Mißgeschick niederdrücken zu lassen, nach Mexiko zurückgekehrt, dessen Einwohner auf diese Weise gleichzeitig seine Niederlage, seine Ankunft und seine Absicht, sich einer neuen Wahl zu unterwerfen, erfuhren.

Das Resultat täuschte die geheime Erwartung des Generals nicht, er wurde fast einstimmig zum Präsidenten durch die Kammer Die Kammer der Notablen besteht aus 23 Mitgliedern; 23 waren anwesend, die Majorität zu Gunsten Miramon's bestand in 19 gegen eine Stimme und drei leere Stimmzettel. der Notablen erwählt. Der General, ein Mann, der wohl begriff, wie sehr die Zeit drängte, leistete den Eid und trat unmittelbar darauf seine Functionen an.

Obwohl materiell der Unstern von Silas von keiner Bedeutung war, so war doch die hervorgebrachte Wirkung vom moralischen Gesichtspuncte aus, eine unermeßliche.

Miramon sah das ein; er beschäftigte sich angelegentlich damit, die Finanzen zu ordnen, um sich Hülfsquellen zu schaffen, die für die dringenden Bedürfnisse der Lage ausreichend waren, und neue Truppen zu errichten, um alle Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben, die ihm die Klugheit gebot.

Leider war der Präsident gezwungen, mehre wichtige Puncte aufzugeben, um seine Macht um Mexiko zusammen zu ziehen; diese verschiedenen Bewegungen, welche die Bevölkerung falsch verstand, beunruhigten sie und ließ sie neues Unglück befürchten.

Unter diesen Umständen, da der Präsident ohne Zweifel der öffentlichen Meinung Genugthuung geben und die Hauptstadt beruhigen wollte, willigte er, vielleicht nur scheinbar, in eine Unterredung mit seinem Mitbewerber Juarez, dessen Regierung ihren Sitz in Vera-Cruz hatte, um zu einem Entschluß zu kommen und wenn nicht Frieden, so doch wenigstens einen Waffenstillstand zu erlangen, der einstweilen dem Blutvergießen Einhalt thun sollte.

Leider vernichtete eine neue Verwicklung jede Hoffnung auf ein solches Uebereinkommen.

Der General Marquez war nach Guadalajara zu Hülfe geschickt worden, welches, nachdem wie man vermuthete, fort fuhr, den verbündeten Truppen Widerstand zu leisten, als plötzlich, ohne daß sich dieses Resultat voraus sehen ließ, in Folge der Einnahme eines englischen Kaufleuten gehörenden Platafahrers durch die Verbündeten, zwischen den beiden kriegführenden Theilen ein Waffenstillstand geschlossen wurde, und der General Castillo, Commandant von Guadalajara, verlassen von der Mehrzahl der Truppen, sich genöthigt sah, die Stadt aufzugeben und auf die Südsee zu flüchten. Die von diesem Hinderniß befreiten Verbündeten vereinigten sich gegen Marquez, schlugen ihn und zerstreuten sein einziges Corps, welches in's Feld gerückt war.

Die Lage wurde immer kritischer, die Verbündeten, die in ihrem Siegeslaufe weder auf Hindernisse, noch Widerstand stießen, überschwemmten das Land nach allen Seiten, jede Hoffnung zu unterhandeln, war verloren. Man mußte kämpfen, ob man wollte oder nicht.

Der Fall Miramon's wurde so zu sagen mehr als eine Zeitfrage; der General fühlte dies wahrscheinlich vollkommen in seinem Innern, aber er ließ sich nichts merken und verdoppelte im Gegentheil seinen Eifer, um die fortwährenden neuen Schwierigkeiten seiner Lage abzulenken.

Nachdem er an alle Klassen der Gesellschaft einen Aufruf hatte ergehen lassen, entschloß sich der Präsident endlich, sich an die Geistlichkeit zu wenden, welche er stets unterstützt und beschicht hatte; diese folgte seiner Aufforderung, erhob auf ihre Güter in dringender Noth eine Abgabe und beschloß, ihre Kleinodien in Gold und Silber zur Einschmelzung nach der Münze zu schicken und sie der ausübenden Gewalt zur Verfügung zu stellen. Leider waren jedoch alle Anstrengungen vergeblich, die Ausgaben erhöhten sich in dem Maße, wie die Gefahr anwuchs, und bald sah sich Miramon, nachdem er vergeblich alle Auswege eingeschlagen, welche ihm seine kritische Lage eingab, vor einem leeren Schatze mit der schmerzlichen Gewißheit, daß es vergeblich sei, daran zu denken, ihn von Neuem zu füllen.

Wir haben bereits Gelegenheit gehabt zu erklären, daß, da jeder Staat der mexikanischen Conföderation zur Revolutionszeit im Besitz der öffentlichen Gelder bleibt, die in Mexiko herrschende Regierung sich fast fortwährend in einer vollständigen Armuth befindet, da sie nur über die Fonds des Staates Mexiko verfügen kann; während dagegen ihre Mitbewerber, die das Land nach allen Richtungen hin bekämpften, nicht allein die Platafahrer anhielten und sich davon den oft sehr bedeutenden Werth ohne Gewissensbisse aneigneten, sondern sogar die Kassen aller derjenigen Staaten, in welche sie eindrangen, plünderten und sich auf diese Weise im Stande sahen, den Krieg ohne Nachtheil zu unterhalten.

Nachdem wir nun durch eine kurze Uebersicht die politische Lage, in welcher sich Mexiko befand, festgestellt haben, nehmen wir unsere Geschichte in den ersten Tagen des Monat November 186., das heißt, ungefähr sechs Wochen nach der Zeit, wo wir sie unterbrochen haben, wieder auf.

Der Abend senkte sich herab, schon breiteten sich lange Schatten über die Ebene, die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne, welche den Grund der Thäler nicht mehr erreichten, beleuchteten noch die schneeigen Gipfel der Berge des Anahuac und färbten sie mit rothen Tinten, die Abendbrise bebte durch das Laub der Bäume; auf wilden Pferden reitende Vaqueros trieben große Herden, die den Tag über in Freiheit umherirrten, aber des Abends in den Corral zurückkehrten, durch die Ebene vor sich her, man vernahm in der Ferne das Schellengeläute der Maulesel einiger verspäteter Arrieros, die sich beeilten, die prächtige Landstraße zu erreichen, welche mit ungeheuren Aloen aus der Zeit Moctecuzoma's besetzt war, und nach Mexiko führte.

Ein Reisender von stolzem Ansehen, ans einem starken Pferde reitend, und sorgfältig in die Falten eines bis an die Augen emporgezogenen Mantels gehüllt, folgte in langsamem Schritt den launigen Windungen eines schmalen Pfades, welcher das Land quer durchschneidend, ungefähr zwei Meilen von der Stadt auf die Straße mündete, die von Mexiko nach Puebla führt. Ein Weg, der in diesem Augenblick vollständig öde war, nicht allein wegen des Hereinbrechens der Nacht, sondern vielmehr weil der anarchische Zustand des Landes zahlreiche Räuberbanden hatte entstehen lassen, welche die Umstände benutzend, auf ihre Weise Krieg führten und ohne Unterschied der politischen Meinung sowohl die Constitutionellen, wie die Liberalen ausplünderten und, durch die Ungestraftheit kühn gemacht, sich oft nicht mit den Landstraßen begnügten, sondern selbst bis in die Städte drangen, um dort ihre Räubereien auszuüben.

Der Reisende, von dem wir sprachen, schien sich indessen sehr wenig um die Gefahren zu kümmern, denen er sich aussetzte, denn er setzte sorglos und in gleichmäßigem ruhigen Schritt seinen gewagten Ritt fort.

So ritt er seit ungefähr Dreiviertelstunden, und hatte sich in Folge seines mäßigen Schrittes nicht mehr als eine Meile von der Stadt entfernt, als er, den Kopf aufrichtend, bemerkte, daß er eine Stelle erreicht hatte, wo der Weg sich nach zwei Richtungen theilte; er hielt zögernd still, dann schlug er nach augenblicklicher Ueberlegung den Weg zur Rechten ein.

Nachdem er wohl zehn Minuten dieser Richtung gefolgt war, schien der Reiter sich zurecht zu finden; er setzte seinem Pferde leicht die Sporen ein, worauf dasselbe in ziemlich scharfem Trabe dahin eilte.

Bald erreichte er einen Haufen schwärzlicher, wild durcheinander liegender Ruinen, neben denen sich eine Baumgruppe befand, deren breite Zweige den Platz in ziemlich weitem Umkreis beschatteten. Dort angekommen, machte der Reiter Halt; dann nachdem er mit prüfendem Blick nm sich geschaut hatte, – wahrscheinlich um sich zu versichern, daß er allein war, – stieg er vom Pferde, setzte sich bequem, an einen Baumstamm sich lehnend, auf einen Rasenhügel, und ließ den Mantel niederfallen, der zum Theil sein Gesicht bedeckt hatte und es kamen die bleichen und abgezehrten Züge des Verwundeten zum Vorschein, den wir den Vaquero Dominique haben nach den Rancho führen sehen.

Don Antonio de Caserbar, so hieß er, schien nur der Schatten seines Selbst zu sein; ein trauriges Gespenst schien sein ganzes Leben sich in seine Augen concentrirt zu haben, welche in dem bösen Feuer leuchteten, wie die der Faune. Aber man fühlte, daß in diesem anscheinend so kraftlosen Körper, eine glühende Seele, eine energische Willenskraft eingeschlossen war, und daß dieser Mann, welcher aus einem erbitterten Kampf gegen den Tod als Sieger hervorgegangen, mit unerschütterlicher Halsstarrigkeit die Ausführung früherer, finsterer Entschlüsse verfolgte. Kaum geheilt von seiner schrecklichen Wunde, noch sehr schwach und nur mit großer Schwierigkeit die Beschwerden eines langen Rittes zu Pferde ertragend, hatte er dennoch seinen Leiden Schweigen geboten, um bis zur einbrechenden Nacht an diesen beinahe drei Meilen von Mexiko gelegenen Ort zu einer Zusammenkunft zu kommen, welche er selbst verlangt hatte. Die Beweggründe zu einer solchen Handlungsweise mußten überhaupt in seinem Zustand von Schwäche für ihn von außerordentlicher Wichtigkeit sein.

Einige Minuten verflossen, während denen Don Antonio, mit über der Brust gekreuzten Armen und geschlossenen Augen sich sammelte und aller Wahrscheinlichkeit nach, sich zu der Zusammenkunft vorbereitete, welche er mit der Person haben sollte, die er aufzusuchen so weit hergekommen war.

Plötzlich verkündete Pferdegetrappel mit Säbelgeklirr vermischt, daß eine ziemlich zahlreiche Reitertruppe sich dem Orte näherte, wo Don Antonio saß.

Er richtete sich auf, blickte neugierig in die Richtung, woher das Geräusch kam, und erhob sich, wahrscheinlich um die Ankommenden zu empfangen.

Diese waren fünfzig an der Zahl. Sie machten ungefähr fünfzehn Schritt von den Ruinen Halt, blieben jedoch im Sattel.

Ein Einziger unter ihnen stieg ab, warf die Zügel einem Reiter zu und näherte sich mit raschen Schritten Don Antonio, der ihm ebenfalls entgegen gegangen war.

»Wer seid. Ihr?« fragte Don Antonio mit leiser Stimme, als er kaum noch einige Schritte von dem Fremden entfernt war.

»Der, den Ihr erwartet, Sennor Don Antonio,« antwortete der Andere, »der Colonel Don Felipe Neri Irzabal, Euch zu dienen.«

»Ja, Ihr seid es, ich erkenne Euch wieder, tretet näher.«

»Das trifft sich glücklich; nun, Sennor Don Antonio,« fragte der Colonel, indem er ihm die Hand reichte, »wie geht es mit Eurer Gesundheit?«

»Schlecht,« erwiderte Don Antonio, indem er, ohne die dargereichte Hand des Guerillero zu berühren, zurück wich.

Dieser bemerkte die Bewegung nicht, oder, wenn er sie bemerkte, so legte er keinen Werth darauf.

»Ihr kommt mit einem großen Gefolge,« fuhr Don Antonio fort.

»Caraï! Glaubt Ihr, theurer Herr, daß ich Lust habe, in die Hände der Recognoscirungsreiter Miramon's zu fallen? Teufel! meine Rechnung würde bald in Ordnung gebracht sein, wenn sie sich meiner bemächtigten. Aber ich glaube, daß wir trotz des Vergnügens, welches wir Beide darüber empfinden, uns beisammen zu sehen, doch unverzüglich zu unsern Geschäften schreiten sollten. Was meint Ihr?«

»Ich bin es vollkommen zufrieden.«

»Der General dankt Euch für die letzten Nachrichten, die Ihr ihm zukommen ließet, sie waren von der strengsten Genauigkeit; auch hat er geschworen, Euch nach Verdienst zu belohnen, sobald die Gelegenheit dazu bieten würde.«

Don Antonio machte eine Bewegung des Abscheus.

»Habt Ihr das Papier?« fragte er mit einem gewissen Eifer.

»Gewiß,« erwiderte der Colonel.

»So abgefaßt, wie ich es verlangt habe?«

»Seid außer Sorge, Sennor, es ist Alles darin, versetzte der Colonel mit grobem Lachen, »wo sollte man heutigen Tages Ehrlichkeit finden, wenn man ihr nicht bei Leuten unserer Art begegnete. Was Ihr festgesetzt habt, ist angenommen, das Ganze ist unterzeichnet von Ortega, Oberbefehlshaber der verbündeten Armee und contrasignirt von Juarez, Präsident der Republik; seid Ihr zufrieden?«

»Ich werde Euch antworten, Sennor, sobald ich das Papier gesehen haben werde.«

»Nichts leichter als das, hier ist es,« sagte der Guerillero, indem er es aus den weiten Falten seines Dolman zog und Don Antonio überreichte.

Dieser ergriff es mit einer freudigen Bewegung und erbrach das Siegel mit fieberhafter Hast.

»Ihr werdet Mühe haben, es jetzt zu lesen,« bemerkte der Colonel mit schlauer Miene.

»Glaubt Ihr?« versetzte Don Antonio ironisch.

»Ei! es ist schon ziemlich finster, scheint mir.«

»Was das anbelangt, so werde ich bald Licht haben.«

Und indem er an einem Stein ein Streichholz anrieb, zündete er einen jener kleinen, zusammengerollten Wachsstöcke, gewöhnlich Kellerratten genannt, an, den er aus seiner Tasche gezogen hatte.

Je weiter er las, eine um so lebhaftere Befriedigung leuchtete auf seinem Gesicht, endlich löschte er seinen Wachsstock aus, faltete das Papier zusammen, legte es sorgfältig in seine Brieftasche und wendete sich daraus zu dem Colonel.

»Sennor,« sagte er, »Ihr werdet dem General Ortega meinen Dank abstatten, er hat gegen mich wie ein wirklicher Caballero gehandelt.«

Der Guerillero verneigte sich.

»Ich werde nicht verfehlen, Sennor,« antwortete er, »überdies wenn Ihr den uns bereits gegebenen Nachrichten noch einige hinzufügen wollt ...«

»Ich habe deren allerdings, und das sehr wichtige.« »Ah! ah!« meinte der Andere, sich freudig die Hände reibend, »lassen Sie hören, theurer Sennor.«

»Vernehmt denn; Miramon kann sich nicht mehr halten, das Geld fehlt ihm, ohne daß er in Zukunft weiß, wo er welches hernehmen soll; die Truppen, fast alles Rekruten, sind schlecht bewaffnet, noch schlechter gekleidet, und haben seit zwei Monaten keinen Sold erhalten, sie murren.«

»Sehr gut, armer Miramon, es geht also mit Dir auf die Neige.«

»Um so mehr als die Geistlichkeit, die ihn Anfangs zu unterstützen versprochen hatte, entschieden ihre Hülfe verweigert hat.«

»Aber,« bemerkte ironisch der Guerillero, »wie kommt es, daß Ihr so gut unterrichtet seid, theurer Herr?«

»Wißt Ihr nicht, daß ich Attaché bei der spanischen Gesandtschaft bin?«

»In der That, das ist wahr; ich dachte nicht daran; verzeiht. Was wißt Ihr noch mehr?«

»Die Reihen der Parteigänger des Präsidenten lichten sich immer mehr, seine ältesten Freunde verlassen ihn; auch hat er, um sich in der öffentlichen Meinung wieder etwas zu heben, beschlossen, einen Ausfall zu versuchen und die Division des Generals Beriozabal anzugreifen.«

Das zu wissen ist gut.«

»Ihr seid jetzt unterrichtet.«

»Habt Dank, wir werden wachen. Ist das Alles?«

»Noch nicht; auf den letzten Punkt angekommen, wie ich Euch gesagt habe, und um sich Geld zu verschaffen, durch welches Mittel es auch sei, hält sich Miramon für berechtigt zur Wegnahme der Karavane von Laguna-Seca, welche durch Eure Partei befrachtet ist.«

»Ich weiß,« unterbrach ihn der Colonel, indem er sich die Hände rieb, »ich war es, der diesen Handel leitete; leider,« setzte er mit einem Seufzer des Bedauerns hinzu, »ist solcher Fang selten.«

»Miramon ist ferner entschlossen,« fuhr Don Antonio fort, »die Gelder der Convention zu nehmen, die sich in diesem Augenblick unter britischer Gerichtsbarkeit befinden.«

»Das ist ein köstlicher Gedanke, diese Teufel von Ketzer werden wüthend sein; welches Genie hat ihm diese Idee eingegeben, die ihn unwiderruflich mit England entzweit; die Gringos scherzen in Geldangelegenheiten nicht.«

»Ich weiß es, auch habe ich Sorge getragen, daß ihm dieser Gedanke eingeflößt worden ist.«

»Sennor,« versetzte der Guerillero mit Würde, »Ihr habt Euch dadurch um das Vaterland verdient gemacht! Aber dieses Geld soll nicht sehr bedeutend sein.«

»Die Summe ist ziemlich beträchtlich.«

»Ah! ah! wie viel ungefähr?«

»Sechshundertsechszigtausend Piaster. 3,300,000 Franken.

Der Guerillero war wie geblendet.

»Caraï!« rief er überzeugt, »ich strecke die Waffen, er ist stärker als ich, das Geschäft von Laguna-Seca war nichts im Vergleich, aber mit dieser Summe wird er im Stande sein, den Krieg wieder zu beginnen!«

»Jetzt ist es zu spät, die Summe wird in einigen Tagen ausgegeben sein,« erwiderte Don Antonio mit boshaftem Lachen, »verlaßt Euch darin auf uns.«

»Gott gebe es!«

»Das sind alle Nachrichten, die ich im Stande bin, Euch zu geben; ich halte sie für wichtig genug.«

»Caraï!« rief der Guerillero, »sie könnten nicht wichtiger sein!«

»Ich hoffe, Euch in einigen Tagen noch ernstere geben zu können.«

»Wieder hier?«

»Hier, zur selben Stunde und vermittelst desselben Signals.«

»Zugegeben, ah! der General wird sehr befriedigt sein, dies Alles zu vernehmen.«

»Kommen wir nun zu unserm zweiten Geschäft, dies geht uns Beide nur allein an: was habt Ihr gethan, seitdem ich Euch nicht gesehen habe?«

»Nicht viel; die Mittel fehlen mir in diesem Augenblick, um mich den schwierigen Nachforschungen zu widmen, mit denen Ihr mich beauftragt habt.«

»Dennoch erwartet Euch eine schöne Belohnung.«

»Das sage ich nicht,« antwortete zerstreut der Guerillero.

Don Antonio blickte ihn durchdringend an.

»Zweifelt Ihr etwa an meinem Wort?« fragte er hochmüthig.

»Ich habe es mir zum Princip gemacht, niemals an Etwas zu zweifeln, Sennor,« erwiderte der Colonel.

»Die Summe ist bedeutend.«

»Das ist es gerade, was mich erschreckt.«

»Was meint Ihr, Don Felipe? erklärt Euch.«

»Meiner Treu,« rief dieser, plötzlich einen Entschluß fassend, »ich glaube allerdings, daß dies das Beste ist, was ich thun kann; hört mich also an.«

»Ich höre, sprecht.«

»Ueberdies, erzürnt Euch nicht darüber, bester Herr, Geschäfte sind Geschäfte, zum Teufel, und müssen als solche behandelt werden.«

»Das ist auch meine Meinung, fahrt fort.«

»Nun also, Ihr habt mir fünfzigtausend Piaster versprochen für...«

»Ich weiß wofür, weiter.«

»Ich bin gern bereit dazu; nun aber bilden fünfzigtausend Piaster eine beträchtliche Summe; ich habe für mich keine andere Garantie als Euer Wort.«

»Ist dies nicht genug?«

»Nicht ganz; ich weiß wohl, welchen Werth das Wort zwischen Edelleuten hat; aber, wenn es sich um Geschäfte handelt, so ist das etwas Anderes; ich glaube, daß Ihr reich seid, sehr reich sogar, da Ihr es sagt, und nur fünfzigtausend Piaster anbietet; aber wer beweist mir, daß, wenn der Augenblick gekommen, Euch Eurer Schuld gegen mich zu entledigen, Ihr auch ungeachtet Eures lebhaften Wunsches dazu im Stande sein werdet?«

Ein dumpfer Zorn bemächtigte sich Don Antonio's bei dieser deutlichen Frage des Guerillero, zwanzigmal war er auf dem Puncte, loszubrechen, aber ' glücklicherweise hielt er an sich und es gelang ihm, seine Kaltblütigkeit zu bewahren.

»Nun also, was wünscht Ihr?« fragte er ihn mir erstickter Stimme.

»Jetzt nichts, Sennor; laßt uns unsere Revolution beendigen. Sobald wir in Mexiko eingezogen sind, was, wie ich um Euret- und meinetwillen hoffe, nicht mehr lange dauern wird, werdet Ihr mich zu einem mir bekannten Banquier führen; er wird für die Summe bürgen, das ist Alles, was ich verlange. Seid Ihr damit einverstanden?«

»Ich muß es wohl; aber von hier bis dahin?«

Haben wir uns mit dringenderen Sachen zu beschäftigen, einige Tage mehr oder weniger sind von keiner Bedeutung, und nun erlaubt mir, da wir uns nichts mehr zu sagen haben, von Euch Abschied zu nehmen, theurer Herr.«

»Es steht Euch frei, Euch zu entfernen, Sennor,« versetzte Don Annibal trocken.

»Ich küsse Euch die Hand, theurer Herr; auf baldiges Wiedersehen.«

»Lebt wohl.«

Don Felipe grüßte artig den Spanier, drehte sich auf dem Absatz herum und kehrte zu seiner Truppe zurück, schwang sich in den Sattel und ritt, gefolgt von seinen Parteigängern, spornstreichs von dannen.

Don Antonio kehrte nachdenklich in langsamem Schritt nach Mexiko zurück, welches er zwei Stunden später erreichte.

»Oh!« murmelte er, indem er vor dem Hause Calle de Tacuba, welches er bewohnte, Halt machte, »trotz Himmel und Hölle wird es mir gelingen!«

Was bedeuteten diese bösen Worte, die den Zweck seines langen Nachdenkens verriethen?

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