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Mexicanische Nächte ? Vierter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Vierter Theil - Kapitel 4
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Vierter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
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III.

Der Palo-Guemado.

Der Abenteurer hatte den Palast verlassen; die Plaza-Mayor war leer, die Volksaufregung hatte sich eben so schnell wieder gelegt, wie sie entstanden war. Vermöge der Bitten einiger einflußreicher Personen waren die Soldaten in ihre Quartiere zurückgekehrt; als die Leperos und andere eben so schätzbare Bürger, welche die Majorität des erregten Volkes bildeten, einsahen, daß sie nichts thun konnten und die Opfer, nach denen ihnen gelüstete, ihnen entschlüpften, hatten sie sich endlich nach einigem Geschrei und spöttischem Gelächter zerstreut, um in die mehr oder weniger in üblem Rufe stehenden zu jeder Zeit offenen Wirthshäuser einzukehren, wo sie sicher sein konnten, ein Asyl zu finden.

Nur Lopez war fest auf seinem Posten geblieben.

Der Abenteurer hatte ihm befohlen, ihn an der Pforte des Palastes zu erwarten, und so folgte er diesem Befehl. Nur als die Nacht immer dunkler geworden und eine tiefe Finsterniß der glänzenden Illumination gefolgt war, nahm er seine Waffen zur Hand und lauschte mit Augen und Ohren, um nicht, trotz der Nähe des Palastes, von irgend einem Nachtstreifer überfallen und geplündert zu werden, welcher die gute Gelegenheit eines unverhofften Gewinnes nicht würde haben vorübergehen lassen, sobald der Peone nicht auf seiner Hut war.

Als Lopez bemerkte, daß die Palastthür sich öffnete, leuchtete es ihm ein, daß nur sein Herr zu so später Stunde daher kommen konnte, und in dieser Ueberzeugung näherte er sich ihm.

»Giebt es etwas Neues?« fragte der Abenteurer, indem er den Fuß in den Steigbügel setzte.

»Nicht viel,« antwortete jener.

»Bist Du dessen sicher?«

»Beinahe; indessen wenn ich darüber nachdenke, so glaube ich bemerkt zu haben, daß eine mir bekannte Person den Palast verließ.«

»Ah! ist es schon lange her?«

»Ei, nein, eine Viertelstunde, höchstens zwanzig Minuten, aber ich fürchte, mich getäuscht zu haben, weil der Mann eine so verschiedene Kleidung trug als die, unter der ich ihn kannte und weil ich keine Zeit hatte, ihn zu betrachten.«

»Nun, wen hast Du zu erkennen geglaubt?«

»Sie werden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß es Don Antonio Cacerbar, mein alter Verwundeter war.«

»Im Gegentheil, denn ich habe ihn selbst im Palast gesehen.«

»Ah! zum Teufel, dann bedauere ich seine Unterhaltung nicht gehört zu haben.«

»Wie, seine Unterhaltung? Wo? Mit wem? Sprich schnell, so erkläre Dich doch endlich.«

»Ich beginne schon, mein Gebieter. Als er aus dem Palast kam, waren noch einige Gruppen auf dem Platze; aus einer derselben trat ein Mann hervor und näherte sich Don Antonio.«

»Und hast Du diesen Mann erkannt?«

»Das nicht, da er einen breitrandigen Vigognehut trug, der tief in die Augen gedrückt war, während ein weiter Mantel bis zur Nase sein Gesicht verbarg und dann war es auch zu dunkel in jenem Augenblick.«

»Zur Sache! zur Sache!« rief der Abenteurer ungeduldig.

»Diese beiden Männer hatten mit einander eine leise Unterredung.«

»Und Du hast nichts verstanden?«

»Mein Gott nein, kaum einige Worte, ganz ohne Zusammenhang.«

»Wiederhole sie mir immerhin.«

»Gern: »Also er war da,« sagte der Eine, die Antwort des Andern hörte ich nicht. »Bah! er wird es nicht wagen,« versetzte der Erste wieder; darauf sprachen sie so leise, daß ich nichts verstehen konnte. Dann sagte der Erste wieder: »Wir müssen hingehen.« »Es ist sehr spät,« meinte der Andere und darauf hörte ich nur noch die beiden Worte: Palo-Guemado, worauf sich Beide nach einigen leisen Worten trennten. Der Erste verschwand bald unter den Portalen; Don Antonio dagegen wendete sich links, als wollte er sich nach Paseo-de-Bucarelli begeben, aber er wird in irgend ein Haus getreten sein, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß er auf den Gedanken gekommen sein sollte, zu solcher Stunde an jenem Orte allein einen Spaziergang zu machen.«

»Das werden wir bald erfahren,« versetzte der Abenteurer, indem er sich auf sein Pferd schwang, »gieb mir meine Waffen und folge mir, die Pferde sind doch nicht ermüdet?«

»Nein, im Gegentheil, sie sind ganz frisch,« sagte Lopez, indem er dem Abenteurer eine Doppelflinte, ein paar Revolver und eine Machete reichte; »ich habe auf Ihren Befehl die ermüdeten Pferde in den Corral. geführt und Mono und Zopilote gesattelt und hier her gebracht.«

»Daran hast Du wohl gethan; vorwärts denn!«

Sie ritten über den Platz und schlugen nach einigen Umwegen, um die etwaigen Spione, die sie in der Finsternis belauschen konnten, irre zu leiten, die Richtung nach Bucarelli ein.

Sobald die Nacht hereingebrochen, ist es in Mexiko wenn man keine besondere Erlaubniß hat, die sehr schwer zu erlangen ist, verboten, zu Pferde die Straßen zu passiren. Dennoch schien der Abenteurer sich wenig darum zu kümmern; übrigens war auch seine Kühnheit vollkommen gerechtfertigt durch die scheinbare Gleichgültigkeit der Nachtwachen, denen sie begegneten und die sie nach Belieben reiten ließen, ohne den geringsten Einspruch zu erheben.

Als die beiden Reiter sich weit genug von dem Palast entfernt glaubten, um keine Verfolgung mehr fürchten zu müssen, zog jeder von ihnen eine schwarze Halbmaske aus seiner Tasche und bedeckte damit sein Gesicht; nachdem sie diese Vorsichtsmaßregel gegen die Neugierigen die sie trotz der Finsterniß erkennen konnten, getroffen, setzten sie ihren Ritt fort.

Bald hatten sie den Eingang von Paseo-de-Bucarelli erreicht; der Abenteurer hielt sein Pferd an und nachdem er mit scharfem Blick die Finsterniß zu durchdringen versuchte, ließ er einen langgellenden Pfiff ertönen.

Sogleich trat ein Mann aus der Vertiefung einer Thür hervor, welche ihn vollkommen verborgen hatte, und schritt bis zur Mitte der Straße vor; dort angekommen, blieb er stehen und wartete schweigend.

»Ist Jemand hier seit Dreiviertelstunden vorübergekommen?« fragte der Abenteurer.

»Ja und nein,« antwortete lakonisch der Unbekannte. »Erkläre Dich.«

»Es kam ein Mann, der dort vor jenem Hause, welches sich zu Eurer Rechten befindet, Halt machte und zweimal hinter einander in die Hände klatschte; nach einer Weile wurde die Thür geöffnet, ein Peone führte ein Pferd am Zügel und hielt einen roth gefütterten Mantel unter dem Arm.«

»Wie hast Du das bemerken können, da es doch finster ist?«

»Der Peone trug eine Laterne; der Mann, von dem ich spreche, machte ihm seine Unvorsichtigkeit zum Vorwurf, zertrat die Laterne mit seinem Absatz und hüllte sich darauf in den Mantel.«

»Welche Kleidung trug dieser Mann?«

»Die Reiteruniform eines höheren Offiziers.«

»Nun, und dann?«

»Er übergab seinen Federhut dem Peonen, worauf dieser in das Haus trat und gleich darauf mit einem Vigognehut mit Goldgolilla besetzt, Pistolen und einer Flinte zurückkehrte, und dem Offizier silberne Sporen anschnallte, worauf dieser sein Pferd wieder bestieg und davonritt.«

»In welcher Richtung?«

»Nach der Plaza-Mayor zu.«

»Und der Peone?«

»Dieser ging wieder in das Haus zurück.«

»Bist Du sicher, von Beiden nicht bemerkt worden zu sein.«

»Dessen bin ich gewiß.«

»Gut; so leb' wohl und wache!«

»Lebt wohl!« und er trat wieder in die ihn verbergende Finsterniß.

Der Abenteurer und sein Peone wandten um. Bald befanden sie sich wieder auf der Plaza-Mayor, aber sie ritten über dieselbe hin, ohne Halt zu machen.

Don Jaime schien zu wissen, welche Richtung er einschlagen mußte, denn er ritt ohne unschlüssig zu sein durch die Straßen; bald gelangte er an das Thor San-Antonio, welches er ohne Aufenthalt passirte, einige Gemüsehändler kamen schon nach der Stadt.

Etwa sechshundert Schritt von dem Thore entfernt, bildet die Straße einen Kreuzweg, in dessen Mitte sich ein steinernes Kreuz erhebt, und von wo aus sechs ziemlich breite, aber schlecht unterhaltene Wege sternförmig auslaufen. Hier machte der Abenteurer abermals Halt und ließ wiederum einen scharfen Pfiff ertönen.

In demselben Augenblick richtete sich ein Mann, der am Fuße des Kreuzes ausgestreckt am Boden lag, in die Höhe und stand gerade vor ihm.

»Es ist ein Mann auf einem Schecken hier vorübergeritten, der einen Hut mit Goldgolilla trug,« sagte der Abenteurer zu ihm.

»Ja, dieser Mann ist vorübergekommen,« antwortete der Unbekannte.

»Ist es schon lange her?«

»Eine Stunde.«

»War er allein?«

»Er war ohne Begleitung.«

»Welche Richtung hat er genommen?«

»Diese hier,« erwiderte der Unbekannte, indem er auf den zweiten Weg zur Linken wies.

»Es ist gut.«

»Soll ich folgen?«

»Wo ist Dein Pferd?«

»In einem Corral am Thor.«

»Das ist zu weit, ich habe keine Zeit zu verlieren, leb' wohl und sei wachsam.«

»Ich werde wachen.«

Und er legte sich wieder am Fuße des Kreuzes nieder.

Die beiden Reiter setzten ihren Weg fort.

»Er ist in der That nach Palo-Quemado gegangen,« sagte der Abenteurer leise, »dort werden wir ihn finden.«

»Das ist wahrscheinlich,« meinte Lopez mit der größten Kaltblütigkeit; »es ist dumm, daß ich das nicht gleich errathen habe, es lag doch auf der Hand.«

Sie ritten wohl eine Stunde schweigend weiter; endlich bemerkten sie in kurzer Entfernung eine dunkle Masse, deren schwarze Silhouette sich aus der weniger dichten Finsterniß des Landes abhob.

»Dort ist Palo-Quemado,« sagte Don Jaime.

»Ja,« versetzte Lopez lakonisch.

Sie ritten einige Schritte weiter und machten dann Halt.

Plötzlich ließ sich wüthendes Hundegebell vernehmen.

»Teufel!« rief Don Jaime, »wir müssen weiter, das verdammte Thier würde uns verrathen.«

Sie setzten ihren Pferden die Sporen ein und sprengten davon.

Nach einigen Augenblicken schwieg der Hund, dessen Gebell sich in dumpfes Knurren verwandelt hatte, gänzlich.

Die Reiter hielten abermals still und Don Jaime stieg ab.

»Verbirg die Pferde irgend wo in der Umgegend,« sagte er, »und erwarte mich.«

Lopez antwortete nicht, der würdige Mann war kein Schwätzer und liebte es nicht, seine Worte unnütz zu verschwenden.

Nachdem der Abenteurer seine Waffen sorgfältig untersucht hatte, für den Fall daß er gezwungen sein würde, von denselben Gebrauch zu machen, glitt er wie ein Indianer der Savannen in schlängelnden Windungen über den Boden hin. Langsam, fast unmerklich näherte er sich dem Rancho del-Palo-Quemado.

Als er nur noch in geringer Entfernung von dem Rancho war, sah er, was er vorher nicht bemerkt hatte, daß eine Anzahl von zehn bis zwölf Pferden, vor dem Rancho befestigt waren, und mehrere Männer auf dem Boden ausgestreckt lagen und schliefen.

Ein mit einer langen Lanze bewaffneter Mann stand als Schildwache vor der Thür, offenbar um über die allgemeine Sicherheit zu wachen.

Der Abenteurer blieb stehen, die Situation war schwierig; wer die in dem Rancho vereinigten Personen auch waren, sie hatten für den Fall, daß man sie überraschen sollte, keine Vorsichtsmaßregel vergessen.

Indessen je größer die Schwierigkeiten, um so mehr erkannte der Abenteurer die Wichtigkeit des Geheimnisses, welches er erforschen wollte, auch zögerte er nur kurze Zeit und bald war er entschlossen, koste es, was es wolle, die Mitglieder dieser verborgenen Versammlung und den Zweck ihrer Vereinigung zu erfahren.

Der Leser kennt den Abenteurer, den wir ihm bereits unter so vielen Namen vorgeführt haben, genugsam, um zu wissen, daß wenn einmal sein Entschluß, vorwärts zu gehen, gefaßt war, er nicht zögern würde, es zu thun.

So geschah es denn auch; allein, er verdoppelte seine Vorsicht und näherte sich nur Schritt für Schritt, indem er mit der Elasticität einer Schlange leise über den Boden hinglitt.

Anstatt gerade auf den Rancho zuzugehen, umging er denselben, um sich zu vergewissern, ob er außer der Schildwache vor dem Hause, von einem wachthabenden Posten auf der Rückseite des Gebäudes überrascht zu werden fürchten müsse.

Wie der Abenteurer vorausgesehen, war der Rancho nur von vorn bewacht.

Er richtete sich auf und durchforschte, so weit es ihm die Finsterniß erlaubte, die Umgebung.

Ein ziemlich großer, durch eine lebendige Hecke geschlossener Corral stieß an die Wohnung; dieser Corral schien leer zu sein.

Don Jaime suchte eine Oeffnung, um in das Innere desselben zu dringen; nachdem er eine Weile herumgetappt war, entdeckte er eine Spalte, die breit genug war, ihn hindurch zu lassen.

Er trat ein.

Jetzt war die Schwierigkeit, sich dem Hause zu nähern, geringer; indem er der Hecke folgte, gelangte er in wenigen Augenblicken bis an die Mauer.

Was ihn in Erstaunen setzte, war, daß der Hund, der vorher seine Annährung so rasch verkündet hatte, ihn nicht witterte.

Inzwischen war jedoch Folgendes geschehen: die Fremden, welche vollkommenes Vertrauen in ihre Schildwache setzten, hatten, beunruhigt durch das Bellen des Hundes, welches sie den Indianern verrathen konnte, die sich zu dieser Stunde nach der Stadt begeben, um ihre Waaren zu verkaufen, dem Ranchero befohlen, das Thier in das Haus zu nehmen, und ihn weit genug entfernt, anzuketten, damit, sobald ihn wieder die Lust zum Bellen anwandeln sollte, dasselbe draußen nicht gehört werden könnte.

Diese übermäßige Vorsicht von Seiten der zeitweiligen Gäste des Rancho, erlaubte dem Abenteurer, nicht allein, ohne entdeckt zu werden, sondern selbst ohne Verdacht zu erregen, sich zu nähern.

Obwohl er diesen besonderen Umstand nicht kannte, schöpfte Don Jaime doch Nutzen daraus, und dankte in seinem Innern der Vorsehung, ihn von einem so unbequemen Wächter befreit zu haben.

Als er aufmerksam die Mauer prüfte, auf welche er zuschritt, gelangte er vor eine Thür, welche durch eine unbegreifliche Nachlässigkeit unverschlossen war und dem leisesten Drucke nachgab.

Diese Thür führte auf einen in diesem Augenblick sehr dunklen Corridor, aber ein geringer Lichtschein, der durch die schlecht zusammengefügten Bretter einer Thür fielen, deutete Don Jaime den Ort an, wo, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Fremden versammelt waren.

Der Abenteurer schlich leise näher, legte sein Auge an das Schlüsselloch und blickte hinein.

Drei in dichte Mäntel gehüllte Männer saßen vor einem mit Flaschen und Bechern besetzten Tische, in einem dem Anschein nach ziemlich großen Saal, welcher nur durch ein qualmendes, am Ende des Tisches stehendes Talglicht erleuchtet wurd.

Die Unterhaltung unter den drei Gästen war belebt. Sie tranken, rauchten und plauderten wie Männer, die sich sicher glauben, nicht gehört zu werden und demnach auch nichts zu fürchten haben.

Diese drei Männer erkannte der Abenteurer sogleich. Es war Don Felipe Neri Irzabal, der Guerillero-Oberst, Don Melchior de-la-Cruz und Don Antonio de-Cacerbar.

»Endlich!« murmelte der Abenteurer mit bebender Freude, »werde ich Alles wissen.«

Und er lauschte aufmerksamer.

Don Felipe sprach, er schien in einem Zustande vollkommener Trunkenheit zu sein; dennoch war seine Sprache, obwohl trübe, noch nicht ausschweifend, allein wie alle halb trunkenen Leute begann er sich in seinen Reden zu verwirren und schien mit eigensinniger Halsstarrigkeit bei einer Bedingung zu beharren, welche er den beiden Andern gestellt hatte, zu der jedoch diese ihre Einwilligung nicht geben mochten.

»Nein,« wiederholte er unaufhörlich, »es ist unnütz, darauf zu bestehen, Sennores, ich werde Euch den Brief, den Ihr verlangt, nicht übergeben, ich bin ein ehrlicher Mann, ich habe nur dies eine Wort, voto a brios!« und bei jedem Wort schlug er mit der Faust auf den Tisch.

»Aber,« erwiderte Don Melchior, »wenn Ihr darauf besteht, den Brief zu behalten, den Ihr Befehl habt, uns zu übergeben, so wird es uns unmöglich sein, die Mission auszuführen, mit der wir betraut worden sind.«

»Welchen Glauben werden uns Diejenigen schenken,« setzte Don Antonio hinzu, »mit denen wir uns verständigen sollen, wenn wir durch nichts beweisen können, daß wir ermächtigt sind, so zu handeln?«

»Das geht mich nichts an, Jeder handelt für sich in dieser Welt, ich bin ein ehrlicher Mann, ich muß über meine Interessen wachen, wie Ihr über die Eurigen.«

»Aber was Ihr da sagt ist absurd,« rief Don Antonio ungeduldig aus; »wir riskiren unsern Kopf bei dieser Sache.«

»Möglich, lieber Herr, Jeder thut, was er will. Ich bin ein ehrlicher Mann, ich gehe den geraden Weg, Ihr erhaltet den Brief nicht, wofern Ihr mir nicht das Verlangte gebt. Warum habt Ihr nach Eurem Vergleich mit dem General ihn nicht von der heutigen Affaire unterrichtet?«

»Wir haben Euch den Beweis gegeben, daß das unmöglich war, weil der Ausfall heimlich beschlossen wurde.«

»Sehr gut, heimlich beschlossen! Ihr mögt Euch mit Seiner Excellenz abfinden, ich wasche meine Hände in Unschuld.«

»Schweigt mit Euren Albernheiten,« sagte Don Antonio trocken, »wollt Ihr mir oder diesem Caballero den Brief übergeben, welcher Euch durch den Präsidenten für uns anvertraut wurde?«

»Nein,« antwortete Don Felipe gerade heraus, »wofern Ihr mir nicht einen Wechsel über zehntausend Piaster ausstellt. Das ist wirklich ein Spottgeld, ich bin ein ehrlicher Mann.«

»Hm!« murmelte der Abenteurer für sich, »eine eigenhändige Schrift des Sennor Benito Juarez, das ist köstlich, in der That, ich würde nicht darum feilschen, wenn man sie mir anböte.«

»Aber,« rief Don Melchior, »Ihr begeht einen unwürdigen Diebstahl.«

»Nun und was weiter?« meinte Don Felipe cynisch im Tone bitterer Ironie, »ich stehle, Ihr verrathet, das ist dasselbe.«

Bei dieser Beleidigung, die ihnen dreist in's Gesicht geschleudert wurde, sprangen beide Männer auf.

»Laßt uns gehen,« sagte Don Melchior, »dieser Mann ist ein unvernünftiges Vieh, das nichts verstehen will.«

»Das Einfachste ist, den General aufzusuchen,« setzte Don Antonio hinzu, »er wird uns Gerechtigkeit widerfahren lassen und uns an diesem elenden Trunkenbolde rächen.«

»Geht, geht, meine lieben Herren,« höhnte der Guerillero; »geht und glückliche Reise! ich behalte den Brief, vielleicht werde ich einen anderen Käufer finden; ich bin ein ehrlicher Mann!«

Bei dieser Drohung tauschten die beiden Männer einen Blick aus, und legten die Hand an ihre Waffen, aber nach kurzer, blitzschneller Zögerung zuckten sie verächtlich die Achseln und verließen den Saal.

Einige Augenblicke darauf vernahm man draußen den schnellen Galopp mehrer sich entfernenden Pferde.

»Sie sind fort,« murmelte der Guerillero, indem er sich einen Becher mit Mezcal bis zum Rande füllte und ihn auf einen Zug leerte; »meiner Treu, sie machen sich aus dem Staube, als trüge der Teufel sie davon! Sie sind wüthend! Bah! es ist mir einerlei, habe ich doch den Brief.«

So zu sich selbst sprechend, setzte der Guerillero den Becher wieder auf den Tisch; plötzlich schauderte er: ein in die Falten eines dichten Mantels bis an die Augen verhüllter Mann stand aufrecht vor ihm.

Dieser Mann hielt in jeder Hand einen sechsläufigen Revolver, deren Läufe auf die Brust des Guerillero gerichtet waren.

Dieser machte eine Bewegung des Entsetzens bei dem Anblick dieser unerwarteten Erscheinung.

»Ha!« schrie er, mit vor Aufregung und Schrecken zitternder Stimme; »wer seid Ihr, Dämon, und was wollt Ihr von mir? Ah! ich bin wohl in ein Wespennest gerathen!«

Der Schreck hatte ihn nüchtern gemacht; er versuchte aufzustehen, um zu fliehen.

»Ein Wort, eine Bewegung,« rief ihm der Unbekannte mit dumpfer, drohender Stimme zu, »und ich schieße Euch nieder.«

Der Guerillero sank schwerfällig wieder auf den Schemel nieder, der ihm als Sitz diente.

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